Gluckentest (nicht) bestanden

Okay, liebe Nachttänzer_innen, ich habe nicht grundsätzlich ein Problem damit, dass ihr in Aarau auf die Strasse geht, um für mehr Freiräume zu demonstrieren. Ich kann zwar nicht beurteilen, ob es zu viele Einschränkungen gibt, wo ich doch kaum einmal nach acht Uhr abends unterwegs bin, aber von mir aus dürft ihr getrost demonstrieren.

Es wäre mir einfach lieb gewesen, ihr hättet mich vorher gefragt, ob mir der Termin auch passt, denn mit eurem heutigen Aufmarsch habt ihr mir meinen Gluckentest versaut. Wie stolz war ich doch auf mich gewesen, dass ich Karlsson einfach so ohne grosse Bedenken zu seiner ersten Party habe ziehen lassen. Okay, es war ein kirchlicher Anlass unter Aufsicht von Erwachsenen, sein Cousin war dabei und ich kenne auch fast alle anderen, die dort waren. Aber all dies tut wenig zur Sache, wenn der Anlass bis elf Uhr abends dauert und „Meiner“ und ich zum ersten Mal am Samstagabend aufbleiben müssen. Da muss sich die Glucke einfach bemerkbar machen. Ich meine, man kann den kleinen Jungen doch nicht ganz ohne Sentimentalitäten ziehen lassen, nicht wahr? Dennoch habe ich das Ganze für meine Verhältnisse ziemlich cool genommen.

Ja, und dann kommt ihr also daher, liebe Nachttänzer_innen und sorgt dafür, dass mir die Polizei die Zufahrt zur Kirche versperrt. Kein Durchkommen, egal, wie viele Umwege ich nehme und am Ende bleibt mir nichts anderes übrig, als das Auto illegal zu parkieren, um Karlsson und seinen Cousin zu Fuss abzuholen. Abends um elf zu Fuss an der Aarauer Bahnhofstrasse, wisst ihr überhaupt, wie welche Dinge eine überbesorgte Mama da zu sehen bekommt? Besoffene Jugendliche, halbnackte, knutschende Teenager, aggressive Jungs und alle nur wenige Minuten älter als mein Sohn. Für euch mag das alles vollkommen normal sein, für mich sind es zugleich die schlimmsten Vergangenheitserinnerungen und die trübsten Zukunftsaussichten. Da komme ich doch glatt in Versuchung, meinen Kindern sämtliche Freiräume zu verbieten…

So ist das nicht gemeint

Okay, lasst mich das kurz klarstellen: Wenn ich demnächst meinen Job an den Nagel hänge, ist das kein Zurück-an-den-Herd-Statement. Es ist auch keine Kapitulation im Sinne von „In der Schweiz kannst du dir als Mutter die Berufstätigkeit abschminken“. Es ist erst recht kein reumütiger Rückzug ins traute Heim, weil ich meine wahre Bestimmung erkannt hätte. Es ist einzig und alleine die nüchterne Erkenntnis, dass meine Kräfte nicht ausreichen für Grossfamilie, anspruchsvollen Job, diverse Schreib- und Korrekturaufträge, Ehrenamt und Haushalt. Klar, ich hätte noch etwas länger auf die Zähne beissen können, aber wem hätte ich damit einen Gefallen getan?

Nun scheinen aber verschiedene Leute sich in ihren Ansichten bestätigt zu fühlen, weil ich habe einsehen müssen, dass ich mein Fuder überladen habe. Sie verwechseln meine Motive mit ihren Überzeugungen und auf einmal sehe ich mich genötigt, klipp und klar zu sagen, dass ich die Dinge nicht so sehe wie sie und dass ich keineswegs gedenke, den Rest meiner Tage als zurückgezogenes Hausmütterchen zu verbringen.

Natürlich werde ich mich nicht sogleich ins nächste Abenteuer stürzen, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass ich mich früher oder später wieder zu neuen Aufgaben herausfordern lassen werde. Wenn mich denn „Meiner“ gewähren lässt. Neulich soll er nämlich jemandem erzählt haben, er wolle eine Frau, die zu Hause sei und den Haushalt mache. Ich habe den starken Verdacht, dass die Person nicht gehört hat, was „Meiner“ wirklich gesagt hat, sondern nur das, was sie zum Thema von ihm hätte hören wollen.

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Wiedermal ein paar Fragen

1. Ist ein Anflug von Schadenfreude erlaubt, wenn die Verurteiler der Nation auf einmal erkennen müssen, dass Begriffe wie Burnout, Mobbing und Krankschreibung keine Erfindung der Gebrüder Grimm sind?

2. Soll ich mich mit meiner Mutter freuen, wenn es ihr vergönnt ist, auf dem Haupt ihrer jüngsten Tochter die grauen Haare spriessen zu sehen? Oder soll ich mich heulend ins Badezimmer verkriechen und mir die Haare färben?

3. Auch nach einem Tag beobachten und Abtasten des Bauches bleibt die Frage: Leidet der FeuerwehrRitterRömerPirat an Verstopfung, hat er eine Blinddarmentzündung oder möchte er mir etwas Wichtiges mitteilen?

4. Schaffen es meine Tomaten noch, oder muss ich mich allmählich nach Rezepten für Marmelade aus grünen Tomaten umsehen?

5. Darf man einem Menschen schonend beibringen, dass man über gewisse Themen nicht mehr mit ihm reden möchte, oder ist es besser, jedes Mal das Thema zu wechseln, wenn er wieder davon anfängt?

6. Wie bringe ich „Meinen“ dazu, zu diesem Räucherofen ja zu sagen, den ich neulich so günstig auf Ricardo gesehen habe?

7. Haben wir unseren Jüngsten zu sehr verwöhnt, oder ist es nur eine Phase?

8. Hat man einen Knacks, wenn man vor der zweiten Klassenzusammenkunft schlecht träumt? Dass man sich vor der ersten fürchtet, ist ja eigentlich klar, aber sollte man die zweite nicht ganz gelassen angehen können?

9. Wird es in Italien noch gleich sein wie letztes Jahr, oder ist jetzt, wo man so viel über den Niedergang liest, alles noch chaotischer geworden?

10. Mal angenommen, ein sehr lieber Mensch schenkt dir acht Gutscheine für nahezu-gratis Schifffahrten, die er von einer sehr verrufenen Grossbank erhalten hat. Nimmst du die Gutscheine dankend an, oder sagst du: „Ist ja wirklich lieb gemeint von dir, aber von denen lasse ich mich nicht um den Finger wickeln.“?

11. Darf man um diese Zeit noch mit dem Stabmixer hantieren oder muss ich die Gabel nehmen?

Offen

Jetzt, wo es offiziell ist, dass ich ab Ende November wieder hauptsächlich Hausfrau sein werde, kommen allmählich Zweifel auf, ob das gut kommen wird. Nein, ich bezweifle nicht, dass es der richtige Entscheid war, meinen Teilzeitjob zu künden. Wenn Familie, Job und Ehrenamt insgesamt mehr von dir abverlangen, als deine Gesundheit verkraften mag, dann ist es an der Zeit, zu ändern, was sich ändern lässt. So viel ist mir inzwischen klar geworden.

Alles andere aber ist momentan ein einziges, grosses Fragezeichen. Wird mir die Decke auf den Kopf fallen, wenn ich wieder mehr zu Hause bin, oder werde ich die neu gewonnenen Freiheiten geniessen können? Finde ich den Weg zurück ins Schreiben? Wird mir das endgültige Loslassen gelingen, oder falle ich zuerst einmal in ein Loch? Suche ich mir einen neuen Job, oder wird mich eine neue Aufgabe finden, wie es in meinem Leben schon so oft der Fall war? Werde ich mich Hals über Kopf in ein neues Abenteuer stürzen, oder bleibe ich meinem Vorsatz treu, zuerst einmal zur Ruhe zu kommen und zu sehen, was daraus entsteht? Ist das Hausfrauendasein noch immer so unerträglich für mich, oder komme ich jetzt, wo die Kinder grösser sind, besser damit klar? Soll ich am Ende gar etwas ganz Neues wagen? Eine Weiterbildung, zum Beispiel?

Oh ja, ich wünschte, zumindest auf eine dieser Fragen bereits eine Antwort zu haben. Gleichzeitig aber bin ich auch froh, dass noch so vieles offen ist – offen für Neues, was auch immer es sein wird.

Helena

Natürlich war mir Helenas Name nicht aufgefallen, als ich die neue Klassenliste durchsah, die der Zoowärter mit nach Hause brachte. Ich habe es mir schon längst angewöhnt, mir die Namen der Klassenkameradinnen meiner Söhne zu merken. Von den Mädchen höre ich nur, wenn es zu Zoff kommt. Also dann, wenn eine erboste Mutter mir weismachen will, ihre engelsgleiche Tochter sei nichts Böses ahnend die Strasse entlang gegangen, als mein barbarischer Sohn sich vollkommen grundlos aus dem Gebüsch auf sie gestürzt und ihr den Arm umgedreht habe. Solche Geschichten kommen zum Glück nur äusserst selten vor und darum begegne ich den Klassenkameradinnen höchstens noch hin und wieder beim Aufräumen der Kinderzimmer, wenn ich in einem verborgenen Winkel den Namen einer Angebeteten an die Wand gekritzelt vorfinde. Mehr gibt’s leider nicht, obschon ich zur Abwechslung ganz gerne mal Mädchenbesuch im Haus hätte.

Bei Helena nun ist alles anders. Aufgefallen ist mir das zum ersten Mal am Elternabend. „Ach weisst du, unserer spielt so gerne mit Helena“, sagte eine Mutter zur anderen. „Ja, die Helena. Unserer ist auch ganz begeistert von ihr. Ich höre den ganzen Tag nur noch von ihr“, sagte die andere Mutter seufzend. „Ich glaube, alle Jungs stehen auf Helena“, meinte die Erste.

Alle Jungs stehen auf Helena? Warum bloss hat mir der Zoowärter noch nie von ihr erzählt? Ob etwas nicht stimmt mit ihm? Mag sie ihn am Ende nicht, meinen süssen kleinen Sohn? Gesagt habe ich natürlich nichts, denn welche Jungen-Mutter will sich schon als Helena-Ignorantin outen, wo offensichtlich alle Jungen keine andere mehr im Kopf haben? Nach dem Elternabend vergass ich Helena für einige Tage wieder. Der Zoowärter ist offensichtlich nicht wie alle Jungs.

Jetzt aber ist das Helena-Fieber auch bei ihm ausgebrochen. Vom frühen Morgen bis zum späten Abend erzählt der Zoowärter vom Mädchen seiner Träume. Helena kann so toll mit Jungs spielen, sie weiss sogar, wie man Ritter spielt. Zoowärters schönster Dino heisst jetzt Helena, das Lieblingsstofftier wohl auch. Helena war schon bei Roberto zu Besuch und bei Cyrill und gestern hätte sie mit dem Zoowärter bei Armando gespielt, wenn sie nicht irgend einen unsinnigen anderen Termin – Kinderarzt oder so – gehabt hätte. Das wäre soooooo cool gewesen, denn wenn Helena mitspielt, wird auch das langweiligste Spiel zum Abenteuer.

Weil sie gestern nicht dabei sein konnte, muss Helena am Montag zu uns kommen. Sie weiss zwar noch nichts von ihrem Glück, aber immerhin ist des Prinzchens Skepsis bezüglich Damenbesuch bereits überwunden. Seitdem er weiss, dass Helena Spielzeugtraktor fährt, fiebert er dem hohen Besuch fast ebenso sehr entgegen wie der Zoowärter. Falls Helena in ihrem randvollen Terminkalender ein freies Zeitfenster für den Zoowärter hat, darf auch ich mich endlich mal wieder über Mädchenbesuch freuen. Ob sie sich erweichen lässt, eine halbe Stunde mit Luise und mir über Mädchenkram zu quatschen?

Ach ja, natürlich heisst Helena nicht wirklich Helena, Roberto nicht Roberto, Cyrill nicht Cyrill und Armando nicht Armando. Und der Zoowärter nicht Zoowärter, aber das habt ihr ja wohl bereits geahnt.

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Zeitungslektüre

Es war ein ziemlich langer Arbeitstag. Bevor wir die Kinder ins Bett bringen, gönne ich mir deshalb fünfzehn Minuten Zeitungslektüre:

„Dr. Blocher und die…“
„Mama, ich will ein Skateboard!“ „Ja, FeuerwehrRitterRömerPitat, coole Idee.“
„Dr. Blocher und die Gips…“
„Mama, erzählst du mir mein Bibliotheksbuch?“ „Gleich, Zoowärter, gleich. Lass mich kurz die Zeitung fertig lesen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blo…“
„Mama, sag Karlsson, er soll meine Schablonen wieder hergeben!“ „Karlsson, gib Luises Schablonen zurück. Jetzt sofort!“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich…“
„Ich habe eine Zehnernote, zwei Zweifränkler, einen Fünfliber und heute habe ich noch fünfzig Rappen gefunden. Wie viel habe ich dann, Mama? Reicht das für ein Skateboard?“ „Moment, FeuerwehrRitterRömerPirat, ich möchte nur schnell diese Kolumne fertig lesen, dann helfe ich dir beim Ausrechnen.“
„Dr. Blocher und die Gipser – So redet Dr. Christoph Blocher auf seinem Teleblocher: ‚Ich mache die NZZ auf und sehe ein wunderschönes Bild…“
„Das sind dann siebzehn Franken fünfzig, stimmt’s, Mama?“ „Kann sein, Karlsson. Ich hab‘ dem FeuerwehrRitterRömerPiraten ja gesagt, dass ich es nachher ausrechne…“
„und sehe ein wunderschönes Bild von Philipp Müller, dem Präsidenten der FDP, das eigentlich…“
„Mama!“
„…das eigentlich…“
„Mama!!!!!“
„… das eigentlich gar nicht zu ihm…“
„Mama, ich will einen Kakao!“ „Ja, Prinzchen, lass mich doch bitte noch schnell den Satz zu Ende lesen, dann komme ich.“
„… gar nicht zu ihm passt: Er ist sehr geschmackvoll angez…“
„Mama, Karlsson hat mir die Schablonen noch immer nicht zurückgegeben! Sag‘ ihm, dass er sie zurückgeben soll, sonst macht er sie noch kaputt, dieser…“ „Luise! So redet man nicht! Karlsson, gib endlich diese Schablonen zurück!“
„…ogen – hellbraunes Jackett, dunkelbraune Krawatte und ein Hemd. Geschniegelt wie aus einem…“
„Ich will jetzt einen Kakao haben!“ „Ja, Prinzchen, nur noch dieser eine Satz…“
„…Geschniegelt wie aus einem Werbeprospekt – dieser Präsident der Freis…“
„Mama, könnten wir vielleicht heute noch das Skateboard kaufen gehen?“ „Nein, Mama, zuerst musst du mir die Geschichte erzählen!“ „Zuerst mein Kakao!“ „Nein, meine Schablonen!“ „Die gebe ich aber erst her, wenn du anständig fragst…“

Tut mir Leid, die Herren Blocher und Müller. Sie müssen warten, bis es ruhiger wird. Hier tobt gerade das reale Leben.

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Basiskurs

Ich bin verzweifelt auf der Suche nach einem Weiterbildungsangebot und weil ich bis anhin nicht fündig geworden bin, hier meine Vorstellung, wie der Kurs aussehen sollte:

Teenie-Mama, Basiskurs
Zielgruppe: Einsteigerinnen im Bereich Teenagerkunde
Kursziel: In neun einfachen Schritten von der blutigen Anfängerin zur halbwegs kompetenten Teenie-Mama

Schritt 1
Was ist noch kindlich und was ist bereits pubertär? Mithilfe eines umfassenden Tests erörtern wir, ob Ihr Kind das kritische Alter bereits erreicht hat.

Schritt 2
Einführung in die Teenagerkunde: Wir lernen die unverzichtbaren Gadgets kennen und haben die Gelegenheit, diese auszuprobieren. Wir lernen den Unterschied zwischen „cool“ und „Vergiss es, Mama!“ kennen. Ausserdem befassen wir mit unseren eigenen falschen Vorstellungen, dass wir die Teenager verstehen könnten, weil wir selber mal welche waren.

Schritt 3
Intensivtraining in Reaktionsvermögen. Lernen Sie, den Stimmungsumschwung vorauszuahnen, damit Sie nicht jedes Mal wie ein begossener Pudel dastehen, wenn ihr Teenager sich vom sanften Lämmchen zur wütenden Furie und wieder zurück wandelt.

Schritt 4
Heute dreht sich alles um die Musik. Wir führen Sie ein in die hochstehende Welt der brandaktuellen Teenie-Hits, zeigen Ihnen, wie man Peinlichkeiten vermeidet, wenn man als Anstands-Wauwau zum Justin Bieber Konzert mitgehen muss und lassen Sie das unbeschreibliche Gefühl erleben, Gespräche nur noch mit Musikstöpseln im Ohr anhören zu müssen.

Schritt 5
Wir schauen die Filme, die sich die Teenager anschauen, wenn sie bei Freunden übernachten, spielen die Games, die sie mit ihren Freunden spielen und unterhalten uns in der Sprache, die Ihre Kinder sprechen, wenn Sie nicht dabei sind. Auf Wunsch können Sie sich am Ende des Abends von unseren erfahrenen Psychologen betreuen lassen.

Schritt 6
Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihren Teenager auf Unangenehmes aufmerksam machen können, ohne sein fragiles seelische Gleichgewicht zu erschüttern.

Schritt 7
Wir zeigen Ihnen, wie Sie ohne Gefahr für Ihr fragiles seelisches Gleichgewicht die ungeschminkten Wahrheiten ertragen können, die Ihnen Ihr Teenager ganz offen ins Gesicht sagt.

Schritt 8
Heute sind Sie dran! Lernen Sie, nicht mehr so schrecklich peinlich zu sein. Wir helfen Ihnen dabei, ein Ja zu Ihrem Alter zu finden und entwerfen mit Ihnen einen Beschäftigungsplan für die einsamen Abende, wenn Ihr Nachwuchs ohne Sie weggeht.

Schritt 9
Wir erlernen eine todsichere Methode, wie Sie Ihr Kind davor bewahren können, auf die schiefe Bahn zu geraten, ohne später das Gefühl zu entwickeln, etwas verpasst zu haben. Unsere Erfolgsquote liegt bei 100%, alle Kinder, die in den letzten hundert Jahren nach unserer Methode durch die Teenagerjahre begleitet worden sind, sind heute erfolgreiche, glückliche Menschen, die ihr Leben mit Bravour meistern.

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Ich bleibe draussen – oder so

Wie ist das eigentlich mit den Katzen? Darf man die auch mit in ein Geschäft nehmen? Bei den Hunden ist das ja eindeutig geregelt. Wenn es erlaubt ist, steht nichts, wenn es verboten ist, hat es ein Verbotsschild und einen Haken, an dem der Hund angeleint werden kann.

Ob für Katzen das gleiche gilt? Ich hätte es zu gerne gewusst, heute Morgen, als das Prinzchen und ich am Bankschalter standen und plötzlich von draussen her ein klägliches Miauen hörten. So kläglich miaut nur einer, das war mir sofort klar und deswegen war ich keineswegs erstaunt, als ich Kater Leone vor der automatischen Türe stehen sah. Einen äusserst verzweifelten Kater Leone, denn wenn er mich sieht und doch nicht zu mir gelangen kann, dann dreht der Arme fast durch.

Seitdem er mich an seinem ersten Tag bei uns zu seiner Mama erkoren hat, jammert er wie ein kleines Kind, wenn ich mich zu weit von ihm entferne. Nun gut, er darf natürlich gehen, wie ihm beliebt, er ist ja ein Kater. Ich aber soll gefälligst bleiben, wo ich bin, jederzeit verfügbar für traute Zweisamkeit auf Mamas Kopfkissen. Wenn ich nicht bin, wo ich seiner Meinung nach sein sollte – haben Katzen überhaupt eine Meinung? -, dann sucht er mich eben. Im Garten, im Büro, an der Bushaltestelle, bei Nachbars oder eben in der örtlichen Filiale einer sehr verrufenen Schweizer Bank.

Gewöhnlich lasse ich mich von ihm finden, aber heute liess ihn dann draussen warten, obschon es mir fast das Herz zerriss, als er so kläglich nach mir rief. Weil ich aber nicht den Verdacht erwecken wollte, Kater Leone sei mein Komplize bei einem auf unschuldig getrimmten Banküberfall – „Kaltblütige Mama im rosa Kleidchen mit herzigem Kleinkind und anhänglichem Kater übertölpelt unbescholtene Bankangestellte“ -, unterdrückte ich meinen Katzenmutter-Instinkt. Ich glaube, Kater Leone war ziemlich eingeschnappt. Erst ein heftiges Gewitter am sehr späten Abend konnte ihn dazu bewegen, heim zu Mama zu kommen.

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Endlich redet mal einer

Vor acht Jahren:
Mama: „Karlsson, wie war es denn in der Spielgruppe?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „War es schön?“
Karlsson: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Karlsson: „Alles.“
Mama: „Was denn alles?“
Karlsson: „Weiss nicht.“

Vor vier Jahren:
Mama: „FeuerwehrRitterRömerPirat, wie war es denn in der Spielgruppe?“
FeuerwehrRitterRömerPirat: „Schön.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Habt ihr eine Geschichte gehört?“
FRRP: „Ja“
Mama: „Welche denn?“
FRRP: „Weiss nicht.“
Mama: „Was habt ihr sonst noch gemacht?“
FRRP: „Weiss nicht.“

Vor zwei Jahren:
Mama: „Zoowärter, wie war es denn in der Spielgruppe?
Zoowärter: „Weiss nicht.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Zoowärter: „Ja.“
Mama: „Was habt ihr denn gemacht?“
Zoowärter: „Alles.“
Mama: „Was hat dir denn am besten gefallen.“
Zoowärter: „Weiss nicht. Alles.“

Heute:
Mama: „Prinzchen, wie war es denn in der Spielgruppe.“
Prinzchen: „Toll. Wir haben gesungen, eine Geschichte gehört, Znüni gegessen, Wasser getrunken und gespielt.“
Mama: „Hat es dir gefallen?“
Prinzchen: „Ja, aber wir haben kein Feuer gemacht. Machen wir nächstes Mal ein Feuer?“
Mama: „Ich weiss es nicht.“

Okay, ich weiss, ein Kind fehlt. Aber ihr glaubt doch nicht etwa, ich könnte mich nach all den Jahren noch an die vielen Details aus Luises Spielgruppenberichten erinnern?

Keine Zeit

Für das Prinzchen ist Essen reine Zeitverschwendung. „Wozu Essen, wo man sich den Bauch ebenso gut mit Flüssigem füllen kann?“, scheint er sich zu sagen. „Solange Mama genügend Milch einkauft, kann ich auf diese ganze Esserei verzichten.“ Und so lässt er sich jeweils fünf – oder zehnmal bitten, bevor er zu Tisch kommt, wo er lustlos imTeller herumstochert und bei der erstbesten Gelegenheit wieder nach draussen flüchtet.

Heute Nachmittag verbrachte er Stunden auf seiner Baustelle. Um die Sonntagsruhe scherte er sich einen Dreck und für Nahrungsaufnahme hatte er keine Zeit. Als wir abends alle am Tisch sassen und er noch immer nicht auftauchte, rief ich aus dem Fenster. „Prinzchen, wir essen!“ Er schaute nicht mal auf von seiner Arbeit, brummte „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass es mir nicht schmeckt“ und baute weiter an seiner Hütte. Es half nichts, dass ich beteuerte, Brot, Joghurt und Würstchen hätte er schon immer gemocht, er verzichtete dennoch auf sein Abendessen. Und kippte vor dem Schlafengehen einen Liter Milch in sich hinein.

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