Ostervorbereitungen

Ein Monat vor Ostern: Mama Venditti denkt, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen und stellt sich vor, wie hübsch es sein könnte, wenn im Garten ein Osterbäumchen dekoriert wäre. Auch die Fenster könnte man ein wenig aufhübschen und vielleicht sonst noch ein paar Winkel im Haus. Weil es aber noch sehr lange dauert bis Ostern, kauft sie einfach mal einen Bund Tulpen für die Frühlingsstimmung im Haus. 

Drei Wochen vor Ostern: Mama Venditti denkt sich immer noch, sie könnte dieses Jahr mal für etwas mehr österliche Stimmung sorgen, hat dann aber keinen Platz mehr im Einkaufswagen und ausserdem keine Lust, noch länger im Laden zu bleiben. Also verschiebt sie die Angelegenheit auf später. Sie kauft statt dessen wieder einen Bund Tulpen. 

Zwei Wochen vor Ostern: Mama Venditti schaut sich den Osterkram in den Läden näher an, findet alles zu kitschig, zu billig, zu langweilig und beschliesst, dass sie ihr Geld für Besseres ausgeben kann. Zum Beispiel für einen Bund Tulpen.  

Eine Woche vor Ostern: Mama Venditti erinnert sich daran, dass sie in den vergangenen Jahren immer etwas spät dran war mit dem Kauf von Osterhasen und dass darum nicht mehr alles zu haben war, was sie eigentlich hätte haben wollen. Also beschliesst sie, dieses Jahr etwas früher dran zu sein als üblich. Heute aber hat sie grad gar keine Lust, also schiebt sie die Sache auf. Und die Sache mit der Osterdekoration hakt sie für dieses Jahr gänzlich ab. Dafür aber kauft sie einen Bund Tulpen. 

Fünf Tage vor Ostern: Mama Venditti begreift, dass sie sich jetzt wirklich beeilen muss mit dem ganzen Osterkram. Also kauft sie Osterhasen – nach Möglichkeit für jedes Kind ein Exemplar, das zu seiner Persönlichkeit passt -, Zuckereier und anderen Kram. Tulpen kauft sie keine, denn diejenigen, die sie vor zwei Tagen gekauft hat, sind noch nicht verblüht. 

Drei Tage vor Ostern: Mama Venditti merkt, dass sich die Kinder nicht nur auf Osterhasen, sondern auch auf ein kleines Geschenk freuen, also macht sie sich fieberhaft auf sie Suche nach etwas Kleinem, das trotzdem brauchbar und zur Persönlichkeit des Kindes passend ist. Sie kauft wieder keine Tulpen, denn diejenigen, die sie vor vier Tagen gekauft hat, haben es noch nicht geschafft, zu verblühen. 

Zwei Tage vor Ostern: Mama Venditti öffnet den Schrank, in dem die Hasen versteckt sind, eines der Viecher fällt heraus, zerbricht auf dem Fussboden und Mama Venditti hat zwei Probleme: 1. Sie muss noch einmal einkaufen gehen, um den Hasen zu ersetzen. 2. Sie muss sich bereits jetzt den Kopf darüber zerbrechen, wie man einen zerbrochenen Hasen verwertet. Gewöhnlich stellt sich diese Frage erst zwei Wochen nach Ostern. Ausserdem fällt ihr ein, dass es vielleicht trotzdem ganz nett wäre, ein paar Eier zu färben. Da sie weder Zwiebelschalen noch Eierfarbenreste noch Strümpfe aus früheren Jahren finden kann, färbt sie mit Schwarztee und erntet darob von ihrem Mann und ihrem ältesten Sohn viel Spott, weil die finden, die ehemals weissen Eier sähen jetzt einfach aus, als wären sie als braune Eier zur Welt gekommen. 

Ein Tag vor Ostern: Papa Venditti hat den zerbrochenen Osterhasen ersetzt, Mama Venditti findet plötzlich, ein Brunch zu Ostern wäre doch eigentlich ganz nett, sie müsse nur noch ein wenig backen und Karlsson findet, es müssten dringend ein paar Blumen her, es sehe ja gar nicht österlich aus im Haus. Ausserdem findet er, es müssten unbedingt ein paar Eier gefärbt werden. Es sei doch einfach schön, wenn die Familie zusammenkomme, um gemeinsam eine nette Ostertradition zu pflegen. 

Abend vor Ostern: Familie Venditti – mit Ausnahme von Luise, die über Ostern nicht da ist und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, der etwas Wichtiges am Handy verpassen könnte – färbt gemeinsam Ostereier. Was nach einer fröhlichen Familienaktivität klingt, sieht in Wirklichkeit so aus: Sieben von zwanzig Eiern haben einen grossen Sprung in der Schale, vier von den nicht gesprungenen Eiern erleiden beim Färben einen Sturz und haben jetzt ganz viele Sprünge in der Schale, die noch ganzen Eier sind über und über mit Farbe beschmiert, die halbe Küche ist mit Farbe beschmiert und mit Ausnahme des Prinzchens fragen sich alle, was an dieser blöden Eierfärberei überhaupt Spass machen soll. 

Etwas später am Abend vor Ostern: Die Küche ist wieder sauber, die jüngeren Kinder sind im Bett. Die Osterdekoration besteht aus zwanzig absolut nicht Instagram-tauglichen Ostereiern sowie einem Blumenstrauss ohne Tulpen, denn Tulpen bekam man hier in den vergangen Wochen wahrlich genug zu sehen. 

Ebenfalls am Abend vor Ostern: Weil Mama Venditti es mal wieder total vergeigt hat mit der Osterdekoration, hat sich der Garten dazu entschlossen, die Sache selber an die Hand zu nehmen, indem er rechtzeitig zu Ostern Narzissen, Hyazinthen, Veilchen und die eine oder andere Tulpe zum Erblühen gebracht hat. Wer braucht denn schon einen mit Osterkram behängten Baum, wenn in der Erde eine Unzahl von Blumenzwiebeln steckt? 

chäfer

Es ist alles ganz anders

Der Zoowärter denkt ja, der Osterhase wohne bei uns gegenüber in einem geräumigen Hasenstall und neulich hat er mir erklärt, wie dieser Hase seiner Arbeit nachgeht: Er hoppelt, wenn bei der Ampel das grüne Männchen erscheint, über die Strasse und verteilt die Eier in unserem Garten. Dann hoppelt er wieder zurück, aber erst dann, wenn die Ampel nicht mehr das rote Männchen zeigt. Okay, ich habe zwar keine Ahnung, wo an unserer verkehrsberuhigten Strasse eine Ampel stehen soll, aber auch sonst macht sich der Zoowärter ein falsches Bild vom Osterhasen. In der Realität ist nämlich alles ganz anders, nämlich so:

Am frühen Ostermorgen schlüpft die Osterhäsin – der Osterhase ist nämlich weiblich – in ihre Stöckelschuhe, weil sie gerade nichts anderes finden kann, sie es aber eilig hat, weil sie bereits die Kinder rumoren hört. Zu den Stöckelschuhen trägt sie ausgeleierte Pyjamahosen, ein rotes T-Shirt und einen Poncho. So leise sie kann, stöckelt sie die Treppe hinunter, gefolgt von ihrem mürrischen Gehilfen, der ihr die schwere Schachtel trägt und unablässig darüber schimpft, dass die Osterhäsin mal wieder zu viel eingekauft habe und dass man das alles hätte bleiben lassen können weil es den Osterhasen ja ohnehin nicht gebe. Die Osterhäsin verteidigt sich und sagt, sie habe ja nicht wissen können, dass die Schwiegerosterhäsin auch noch für jedes Kind einen Schokohasen einkaufen würde und ausserdem habe sie ausschliesslich Sonderangebote erstanden. Dann verschwindet die Osterhäsin im sehr kühlen Garten, der Gehilfe zieht sich grummelnd in die Wohnung zurück und räumt die Küche auf.

Derweilen versteckt die Osterhäsin so gut sie kann – sie ist eine ziemliche Niete, wenn es darum geht, Dinge zu verstecken – sämtliche Hasen, Schokoeier und Spielsachen. Richtige Eier hat sie in diesem Jahr nicht, denn beim Eierfärben waren die Eier nicht ganz gar geworden, weshalb sie der grummelnde Gehilfe noch einmal kochen musste und jetzt sind die Eier nicht mehr bunt, sondern fast weiss. Und wer versteckt denn schon weisse Eier im Garten? Irgendwann hat die Osterhäsin alles versteckt und nur wenige Minuten später bringen die Kinder die Beute, inzwischen mit ein paar Schnecken dekoriert, wieder in die Küche. Sie freuen sich, dass der Osterhase so grosszügig war in diesem Jahr und der grummelnde Gehilfe ist plötzlich ganz fröhlich, weil er es ganz entzückend findet, wie sich die Kinder über ihre Geschenke freuen. Nur zwei sind nicht so ganz glücklich: Der Zoowärter und die Osterhäsin. Der Zoowärter, weil er enttäuscht ist, dass er den Osterhasen nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Und die Osterhäsin, weil sie Kopfweh hat aber das kommt eben davon, wenn man am frühen Morgen im Garten herumstöckelt, anstatt im warmen Bett zu liegen. Nächstes Jahr kann der grummelnde Gehilfe den Job machen.

Karfreitag

Vermutlich würde man erwarten, dass eine christliche Familie, wie „Meiner“ und ich sie zu leben versuchen, Karfreitag, den höchsten aller christlichen Feiertage, besonders heiligt. Aber allzu heilig ging es bei uns heute nicht zu und her. Der Tag fing damit an, dass ich um zehn Uhr morgens völlig verkatert – habe wiedermal zu lange gequatscht und zu viel Lesestoff konsumiert letzte Nacht – aus dem Bett gekrochen kam und die Kinder anschnauzte. Es blieb uns genau eine Stunde Zeit, um sieben Personen ausgehfertig zu machen, weil wir um elf Uhr eingeladen waren. Dies führte natürlich zu viel Stress, mehr Herumbrüllen und einigen geknallten Türen. Nein, wirklich nicht sehr heilig, aber immerhin hatte ich danach ein anschauliches Beispiel zur Hand, um den Kindern zu erklären, warum das Geschehen von Karfreitag so wichtig ist für mich. Doch bei diesem einen Wort zum Karfreitag blieb es, denn nachher waren die Kinder vollauf beschäftig mit Ostereierfärben, Pecan-Pie in sich hineinzustopfen und Barbapapa zu schauen, während „Meiner“ und ich die Zeit mit unseren Freunden genossen. Okay, in einem Anfall von religiösem Eifer schmiss das Prinzchen die Buddha-Statue unserer Freunde auf den Fussboden, aber das ist ja eigentlich nicht die Art von Christentum, die wir unseren Kindern zu vermitteln versuchen. Als ich dann, kaum zu Hause, dazu gezwungen war, den Staubsauger in Betrieb zu nehmen, weil das Prinzchen sämtliche Schwarztees auf den Teppich verschüttet hatte, da war mir endgültig klar, dass es heute wohl nichts wird aus Meditation und Besinnlichkeit.

Früher hätte ich mich furchtbar schuldig gefühlt, einen Karfreitag so zu begehen. Ich brauchte die Feiertage, um mir vor Augen zu führen, was meinen Glauben so wichtig für mich macht. Das ganze Jahr über hetzte ich durchs Leben und versuchte mehr schlecht als recht, Regeln einzuhalten, die ich für  besonders christlich hielt. Und an Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten wurde ich still, liess mich berühren von den Geschehnissen und danach hetzte ich wieder weiter. In den letzten Jahren aber hat sich mein Glaube verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr auf die äusseren Formen zu schauen, nicht mehr einen Katalog von Regeln einzuhalten und stattdessen zu versuchen, das, was ich glaube, in meinen Alltag einzubauen. Und plötzlich kommt es vor, dass ich an einem ganz banalen Dienstag das Gefühl habe, Gott ganz nahe zu sein. Dass ich mich irgendwann, mitten im Jahr berühren lasse von den Geschehnissen an Karfreitag und Ostern. Und dass ich einen Karfreitag erlebe, der zwar schön ist, aber sich nicht im Geringsten unterscheidet von einem ganz normalen wunderbar turbulenten Tag mit meiner Familie.

Komm, putt putt putt

Wenn das bloss keine herbe Enttäuschung wird für den Zoowärter! Heute hat er von der Spielgruppe ein Osterei mit nach Hause gebracht. Schön blau – seine Lieblingsfarbe – und mit einem Häschensticker beklebt. Ein richtiges Kleinkinder- Osterei eben, das er mir voller Stolz gezeigt hat. „Mama, wenn man das Ei aufmacht, dann kommt ein Küken raus“, erklärte er mir und strahlte wie ein Maikäfer. Anfangs sagte ich nicht viel, doch als er mir wieder und wieder versicherte, dass da ganz bestimmt ein Küken rauskommen würde und sich vor lauter Vorfreude kaum mehr halten konnte,  wurde mir klar, dass ich ihm reinen Wein einschenken musste. Wenn meine zartbesaitete Seele eines nicht ertragen kann, dann der enttäuschte Blick eines kleines Kindes. Das geht mir jeweils so sehr zu Herzen, dass ich selber beinahe heulen muss. Und deshalb machte ich den Zoowärter vorsichtig darauf aufmerksam, dass da kein Küken rauskommen werde. Was er mir natürlich nicht glaubte. Worauf ich die Sache noch einmal mit anderen Worten erklärte und wieder auf Unglauben stiess. Schliesslich versuchte Karlsson sein Glück und erzählte seinem kleinen Bruder, dass da nur Eiweiss und Eigelb drin sei. Worauf der Zoowärter entgegnete: „Nein, kein Eigelb, sondern Eigrün. Und ein Küken.“

Tja, was soll man da machen? Der Kleine ist und bleibt unbelehrbar in Sachen Osterei und ich fürchte, ich muss damit leben, dass er eine herbe Enttäuschung erlebt. Es sei denn, es gelänge mir, ein paar Küken aufzutreiben. Und ein Hühnerhaus. Und ein Auslaufgitter. Wie? Das kostet eine ganze Stange Geld? Aber das macht doch nichts. Hauptsache, der Zoowärter wird nicht enttäuscht…