Karfreitag

Vermutlich würde man erwarten, dass eine christliche Familie, wie „Meiner“ und ich sie zu leben versuchen, Karfreitag, den höchsten aller christlichen Feiertage, besonders heiligt. Aber allzu heilig ging es bei uns heute nicht zu und her. Der Tag fing damit an, dass ich um zehn Uhr morgens völlig verkatert – habe wiedermal zu lange gequatscht und zu viel Lesestoff konsumiert letzte Nacht – aus dem Bett gekrochen kam und die Kinder anschnauzte. Es blieb uns genau eine Stunde Zeit, um sieben Personen ausgehfertig zu machen, weil wir um elf Uhr eingeladen waren. Dies führte natürlich zu viel Stress, mehr Herumbrüllen und einigen geknallten Türen. Nein, wirklich nicht sehr heilig, aber immerhin hatte ich danach ein anschauliches Beispiel zur Hand, um den Kindern zu erklären, warum das Geschehen von Karfreitag so wichtig ist für mich. Doch bei diesem einen Wort zum Karfreitag blieb es, denn nachher waren die Kinder vollauf beschäftig mit Ostereierfärben, Pecan-Pie in sich hineinzustopfen und Barbapapa zu schauen, während „Meiner“ und ich die Zeit mit unseren Freunden genossen. Okay, in einem Anfall von religiösem Eifer schmiss das Prinzchen die Buddha-Statue unserer Freunde auf den Fussboden, aber das ist ja eigentlich nicht die Art von Christentum, die wir unseren Kindern zu vermitteln versuchen. Als ich dann, kaum zu Hause, dazu gezwungen war, den Staubsauger in Betrieb zu nehmen, weil das Prinzchen sämtliche Schwarztees auf den Teppich verschüttet hatte, da war mir endgültig klar, dass es heute wohl nichts wird aus Meditation und Besinnlichkeit.

Früher hätte ich mich furchtbar schuldig gefühlt, einen Karfreitag so zu begehen. Ich brauchte die Feiertage, um mir vor Augen zu führen, was meinen Glauben so wichtig für mich macht. Das ganze Jahr über hetzte ich durchs Leben und versuchte mehr schlecht als recht, Regeln einzuhalten, die ich für  besonders christlich hielt. Und an Weihnachten, Karfreitag, Ostern und Pfingsten wurde ich still, liess mich berühren von den Geschehnissen und danach hetzte ich wieder weiter. In den letzten Jahren aber hat sich mein Glaube verändert. Ich habe gelernt, nicht mehr so sehr auf die äusseren Formen zu schauen, nicht mehr einen Katalog von Regeln einzuhalten und stattdessen zu versuchen, das, was ich glaube, in meinen Alltag einzubauen. Und plötzlich kommt es vor, dass ich an einem ganz banalen Dienstag das Gefühl habe, Gott ganz nahe zu sein. Dass ich mich irgendwann, mitten im Jahr berühren lasse von den Geschehnissen an Karfreitag und Ostern. Und dass ich einen Karfreitag erlebe, der zwar schön ist, aber sich nicht im Geringsten unterscheidet von einem ganz normalen wunderbar turbulenten Tag mit meiner Familie.

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