Hallo, hier spricht der Vorzimmerdrachen

Liebe Mütter, die ihr gerne ausserhalb der Schulzeiten den Herrn Lehrer privat sprechen möchtet, hier spricht der Vorzimmerdrachen, der euch jeweils daran hindert, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihm vorzudringen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mein Schweigen brechen soll, denn obschon ich ein Drachen bin, fürchte ich mich ein wenig vor den Damen, denen ich gerne etwas mitteilen möchte. Diese Damen sind immerhin Mütter, meistens solche, die davon ausgehen, dass ihrem Kind Unrecht geschehen ist und man weiss ja, wie gefährlich Mütter sind, die glauben, ihr Kind beschützen zu müssen. Aber nach mehr als dreizehn Jahren des Schweigens muss es jetzt einfach mal raus. Also, hier kommt sie, meine Liste der zu vermeidenden Fehler, die Sie unbedingt beachten sollten, wenn Sie sich die Chancen aufrecht erhalten wollen, den Herrn Lehrer an den Draht zu kriegen:

1. Wenn der Herr Lehrer Ihnen am Anfang des Schuljahres bekannt gibt, wann er telefonisch erreichbar ist, dann gilt das für alle Eltern. Auch für Sie, Madame, die Sie glauben, Sie müssten ihm unbedingt während des Mittagessens mitteilen, dass Ihr Kind morgen einen Arzttermin hat und deswegen eventuell, falls im Wartezimmer viele Leute warten und falls gerade deutlich mehr Verkehr herrscht auf der Strasse, etwas verspätet zum Unterricht kommen wird. Das, meine lieben Mütter, ist kein Grund, den Lehrer, der übrigens auch eine Familie hat, beim Essen zu stören und darum dürfen Sie sich nicht darüber wundern, wenn der Drachen faucht. Ja, ich weiss, der Herr Lehrer hat gesagt, dass man ihn notfalls auch ausserhalb der Telefonzeiten erreichen kann, aber das mit dem Arzttermin, meine Damen, ist kein Notfall.

2. Es gibt gewisse Zeiten, zu denen man unter gar keinen Umständen zum Telefon greift, um den Lehrer anzurufen: frühmorgens um halb sechs kommt nicht in Frage, schon gar nicht, wenn der Herr Lehrer vor Kurzem Vater geworden ist. Auch abends um halb zehn ist nicht besonders nett und bitte haben Sie Verständnis, dass auch Anrufe am Heiligen Abend, am Pfingstmontag oder an einem ganz gewöhnlichen Sonntagnachmittag nicht erwünscht sind. Gewöhnlich werden einem solche Grundregeln des Anstands bereits in der Kinderstube beigebracht, aber wo dies nicht der Fall ist, muss eben der böse Vorzimmerdrachen ran.

3. Okay, Sie haben jetzt verstanden, dass man zu gewissen Zeiten keine Anrufe von Ihnen wünscht. Aber verstehen Sie auch, dass es Ihrem Kind gegenüber ziemlich unfair ist, wenn Sie deshalb zu ihm sagen: „Der Herr Lehrer wünscht jetzt keine Anrufe von mir, also könntest du das bitte für mich tun? Zu dir wird der Drachen bestimmt nett sein, du bist ja noch ein Kind.“? Ja, der Drachen bemüht sich tatsächlich darum, zu Kindern nett zu sein, aber Sie wissen doch, dass Drachen äußerst unberechenbare und launische Geschöpfe sind. Oder haben Sie etwa noch nie ein Märchen gelesen?

4. Sie möchten den Herrn Lehrer sprechen, aber der Vorzimmerdrachen teilt ihnen mit, dass dieser nicht zu sprechen ist, weil er gerade mit einem seiner eigenen Kinder unterwegs zur Notfallsation ist. Welche Reaktion ist Ihrer Meinung nach die Richtige?
a) „Oh, das tut mir aber Leid. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich hoffe doch sehr, dass es Ihrem Kind bald wieder besser geht,“
b) „Wann wird er denn wieder zurück sein? Wissen Sie, ich habe da ein dringendes Anliegen. Sie haben doch bestimmt auch mitgekriegt, dass er meiner Tochter in der Prüfung diesen einen Punkt nicht gegeben hat und jetzt ist sie nicht Klassenbeste. Also sagen Sie ihm bitte, er solle mich sofort zurückrufen, wenn er wieder da ist.“

5. Es macht sich nicht besonders gut, wenn Sie den Herrn Lehrer bei mir schlecht machen wollen. Vergessen Sie nicht, er und ich stecken unter der gleichen Decke. Wenn Sie lästern wollen über ihn, rufen Sie von mir aus Ihre beste Freundin an, denn bei mir besteht die Gefahr, dass ich das Gesagte weiterleite und Sie möchten doch nicht, dass der Herr Lehrer weiss, wie Sie wirklich über ihn denken.

6. In den folgenden Situationen kann Ihnen der Herr Lehrer leider auch nicht weiterhelfen, also lassen Sie das mit dem Telefonieren:
– Ihr Kind braucht ganz dringend medizinische Hilfe. Rufen Sie bitte gleich den Arzt an, mit einem Anruf bei uns verlieren Sie nur wertvolle Zeit.
– Sie haben sich verkracht mit der Mutter eines anderen Schülers. Traurig, ich weiss, aber was, bitte sehr, geht das den Lehrer an?
– Ihr Kind weigert sich, beim Mittagessen das Fleisch zu essen. Äußerst mühsam, ich weiss, aber vermutlich kämpft der Herr Lehrer bei den eigenen Kindern gerade mit dem gleichen Problem und hat beim besten Willen keine Zeit, Sie in dieser Sache zu beraten.
– Sie haben die Nase voll von all den unsinnigen Schulreformen und könnten nur noch heulen, wenn Sie an die Schule denken. Glauben Sie mir, sowohl der Lehrer als auch der Drachen haben volles Verständnis für Ihren Frust, nur sind diese der Situation ebenso ausgeliefert wie Sie. Die ganze Misere haben irgendwelche Schreibtischtäter irgendwo in einem fernen Büro zu verantworten, also rufen Sie bitte dort an, falls es Ihnen gelingt, die Nummer ausfindig zu machen. Ja, und dann dürfen Sie uns nicht anrufen, dann müssen Sie. Um uns die Nummer des Kerls weiterzugeben, damit auch wir ihm gehörig unsere Meinung sagen können.

Dann eben Pizza

Da nimmst du für einmal richtig weit Anlauf, um über deinen Schatten zu springen, brüskierst dabei ziemlich viele Leute und wo landest du am Ende? Mit „Deinem“, einer Pizza und einer Cola light auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten. Und das kam so:

Irgendwann, vermutlich vor etwa einem halben Jahr, legten wir das Datum für die Generalversammlung des einzigen Vereins, in dem ich nicht nur Mitglied, sondern auch Vorstandsmitglied bin, auf den heutigen Abend fest. Wohl etwa zur gleichen Zeit legten nette Menschen aus der Kirche, in der ich Mitglied bin, das Datum für den einzigen Paar-Abend, bei dem ich jeweils unbedingt dabei sein will, ebenfalls auf den heutigen Abend fest. Dieser Abend sieht jeweils so aus: Nette Leute, gutes Essen, ein herausforderndes Referat zu einem sehr alltagsnahen Beziehungsthema und ein Schuss Romantik. Würde man aus dem hohlen Bach heraus entscheiden, wäre eigentlich klar, wo man den Abend verbringen möchte, aber für einen pflichtbewussten Menschen wie ich einer bin, zählt gewöhnlich nicht das Wollen, sondern das Müssen und darum war ich ziemlich sicher, dass wir den Paar-Abend sausen lassen würden.

Nun ist es aber so, dass „Meiner“ und ich in den vergangenen drei oder vier Wochen eine sehr anstrengende und aufreibende Phase durchgestanden haben, während der wir uns fast täglich in die Haare geraten sind.  Nicht gerade unsere Vorstellung von einer glücklichen Ehe und da sich der Streit meist am Alltagsstress entzündete, schien uns das Thema „Bis dass das Leben euch scheidet“ geradezu perfekt zu passen. Und so dämmerte sogar mir, dass für einmal nicht das Müssen, sondern das Wollen Pflicht war. Also sprang ich schliesslich mit sehr grossem schlechten Gewissen über meinen Schatten und gab den anderen Vorstandsmitgliedern bekannt, dass ich für einmal dem Privatleben den Vorrang geben würde, auch wenn ich den Termin für die GV zuerst in die Agenda eingetragen hatte. 

Wie es der Zufall wollte, schlafen Karlsson und Luise heute auswärts, so dass nur noch drei Kinder während unserer Abwesenheit überwacht werden mussten. Kein Problem, dachten wir, die sind freitags ja immer so müde, dass wir die einfach ins Bett stecken können und meine Mutter, die eine Etage tiefer wohnt, muss nur hin und wieder die Ohren spitzen, um zu wissen, ob alles in Ordnung ist. Ha, von wegen kein Problem! Der Paar-Abend hatte schon längst angefangen und wir sangen noch immer Schlafliedchen, wechselten Windeln und mahnten zur Ruhe.  „Na gut, dann kommen wir eben eine halbe Stunde zu spät“, meinte „Meiner“ und so lag ich eben noch ein wenig länger neben dem Prinzchen und redete ihm gut zu. Irgendwann wurde uns klar, dass aus dem Paar-Abend nichts werden würde. „Dann gehe ich halt zur GV“, sagte ich trotzig, aber ein Blick auf die Uhr zeigte mir, dass mein Erscheinen auch dort nur noch peinlich gewesen wäre, weil der Vorstand wohl bereits beim letzten Traktandum angelangt war.

Da sassen wir also, „Meiner“ und ich; er ziemlich frustriert, weil aus dem Paar-Abend nichts geworden war, ich ebenso enttäuscht und dazu noch mit sehr schlechtem Gewissen, dass ich meiner Pflicht nicht nachgekommen war und beide sehr hungrig. Und so kam es eben, dass wir den kleinen Rest des Abends, der uns noch blieb, nachdem unsere drei Jüngsten endlich ruhig geworden waren, Pizza essend auf irgend einer Treppe irgendwo in Olten verbrachten.

Immerhin war die Pizza köstlich…

 

Der weise Venditti

Es gibt viele Wege, den Stress zum Schuljahresanfang zu meistern, oder es zumindest zu versuchen. Luise, zum Beispiel, fährt im Schnitt etwa 150 mal am Tag aus der Haut, währenddem Karlsson zwar in seiner Haut drin bleibt, diese aber derzeit so dünn ist, dass der leiseste Anflug von Kritik – „Karlsson, würdest du bitte deine Sandalen ins Regal stellen?“ – zu Streit führt. Der FeuerwehrRitterRömerPirat reagiert sich derweilen mit Wohnzimmerfussball ab und das Prinzchen liegt immer mal wieder mit fieberheissem Kopf auf seinem Bären, den er übrigens nur noch „mein Baby“ nennt und auf den ich mich beim Singen nicht mehr abstützen darf, weil das arme Baby sonst Schmerzen hat. Aber kommen wir zurück zum Thema. „Meiner“ und ich greifen in diesen Tagen auf unsere altbewährte Stressbewältigungs-Strategie: Wir streiten uns wegen jeder Kleinigkeit – „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass ich den Mozzarella für den Auflauf gekauft habe, warum brauchst du ihn dann für die Pizza, die ich diese Woche gar nicht eingeplant habe?“ – und werfen einander gegenseitig vor „Wenn du nicht immer so lange arbeiten würdest, dann wäre es viel ruhiger…“  Wahrlich keine sehr reife Art, mit dem ganzen Stress fertig zu werden.

Da ist der Zoowärter bedeutend weiser als seine Eltern. Und dabei auch um einiges pflegeleichter als seine Geschwister. Während nämlich die anderen sechs Vendittis im roten Bereich drehen, kommt er mittags nach Hause, isst eine kleine Portion Vorgekochtes und eine grosse Portion Eis und danach zieht er sich in einen Winkel zurück, wo er den Rest des Tages verschläft. Egal wie laut und hektisch es im Hause zu und hergeht, der Zoowärter lässt sich durch nichts davon abhalten, den ganzen Stress aus sich herauszuschlafen. So war er bereits als Baby und so ist er heute noch. Ein wahrlich durch und durch weiser Mensch, unser Zoowärter. Ich wünschte, unser anderen Kinder wären mehr wie er, denn wären sie mehr wie er, dann könnten „Meiner“ und ich auch mehr sein wie er und dann würden wir all nur noch schnarchen, anstatt aus der Haut zu fahren, dünnhäutig zu sein, Wohnzimmerfussball zu spielen, zu fiebern oder zu streiten.

(Frei)zeitmanagement

Meine erste Reaktion war ziemlich ablehnend, als „Meiner“ neulich vorschlug, dass wir jeweils am Sonntag die wichtigsten Aufgaben und Termine der Woche planen. Das Wichtigste, damit meinte er nicht alleine die unzähligen Elterngespräche, die er jeweils ausserhalb der Schulzeit führt oder die zahlreichen Termine, die ich ausserhalb der regulären Arbeitszeiten einplane, nein, er wollte auch Zeiten festlegen, wann wir mit den Kindern Wäsche falten und versorgen, wann wir uns mit unserem Kontostand und den zu bezahlenden Rechnungen befassen und – für mich am schwierigsten zu akzeptieren – wann jeder von uns ein paar Stunden ganz für sich alleine hat. „Warum um Himmels Willen willst du denn jetzt auch noch unseren Alltag durchplanen? Sind wir denn nicht bereits genug eingespannt mit Stundenplänen, ausserschulischen Aktivitäten der Kinder, Arztbesuchen und all dem elenden Kram?“, protestierte ich. Aber klar seien wir das, entgegnete „Meiner“ und genau darum wolle er unseren Alltag besser strukturieren denn „wenn wir immer und überall spontan sind, dann reagieren wir am Ende nur noch auf das, was an uns herangetragen wird und dann sind wir gefangen in unserer Spontaneität.“

Ich weiss nicht, ob mich der Inhalt seiner Aussage überzeugt hat, oder ob ich einfach nur baff war, dass der Mann, der allem theoretischen Geschwätz abgeneigt ist, mir auf einmal einen Sachverhalt so sec und unumstösslich darlegte, dass mir keine Gegenargumente einfielen. Gewöhnlich bin ich diejenige, die ihn mit knapp gehaltenen, aus meiner Sicht absolut logischen Argumenten derart nerve, dass er sich beeilt, mir Recht zu geben, bevor ich ihn mit einer einschläfernden Predigt über die Richtigkeit meiner Überlegungen langweile. Diesmal waren die Rollen vertauscht und mir blieb nichts anderes übrig, als bei dem Spiel mitzumachen, obschon mir nicht so ganz wohl war dabei. Wie bereits angetönt, hatte ich meine grössten Bedenken bei der Freizeit, die wir ab sofort fest einplanen sollten.

Warum ausgerechnet bei der Freizeit? Müsste denn eine fünffache Mama, die obendrein noch Teilzeit arbeitet, beim Gedanken an fest eingeplante Freizeit nicht glänzende Augen kriegen? Nun, das war einmal so, vor langer Zeit, als ich mir noch Illusionen machte. „Morgen Nachmittag nehme ich mir zwei Stunden frei und dann lege ich mich mit einem dicken Schmöker in die Badewanne, komme was wolle“, nahm ich mir jeweils vor. Natürlich kam tatsächlich, was wollte. Die Kinder kotzten, eine in Tränen aufgelöste Freundin brauchte Beistand, „Meiner“ wurde bei der Arbeit aufgehalten und verspätete sich, ich musste eine Stellvertretung übernehmen – damals unterrichtete ich noch -, ein Vertreter schneite herein und liess sich nicht abwimmeln oder vielleicht packte mich auch nur das schlechte Gewissen, weil ich mit einem Ohr mitbekam, wie „Meiner“ versuchte, allen Kindern gleichzeitig gerecht zu werden. Es blieb beim Träumen von Badewanne und Schmöker und die Realität des Alltags behielt mich weiterhin fest im Griff. Die ersten drei oder viermal, als mir so etwas passierte, war ich bitter enttäuscht, später dann nahm ich die resignierte Haltung ein, dass es eben kein Recht auf Freizeit und Erholung gibt, auch wenn in der Erklärung der Menschenrechte genau dies festgeschrieben ist. Mag ja sein, dass einem die Freizeit hin und wieder ganz unvermittelt in den Schoss fällt, aber planen lässt sie sich nicht, sagte ich mir. 

Ob das inzwischen anders ist? Ich bezweifle es, auch wenn ich heute Abend, als wir uns nun zum ersten Mal hinsetzten, um die wichtigsten Fixpunkte der kommenden Woche festzulegen, nichts dagegen unternahm, als „Meiner“ für den Mittwochnachmittag ein paar Stunden Zeit für mich ganz alleine einplante. Nun ja, ein wenig muckte ich natürlich schon auf, als er vorschlug, dass ich erst nach dem Abendessen wieder erscheinen sollte. „Das kann ich den armen Kindern doch nicht zumuten“, wehrte ich ab und so werde ich nun am Mittwoch um 19 Uhr wieder bei Mann und Kindern erwartet. „Meiner“ wollte sogar noch weiter gehen in der Planung und fragte, was ich denn vorhätte, ob ich lieber zu Hause bleiben und schreiben oder in den Wald gehen wolle, aber diese Frage beantwortete ich nicht. Wo bliebe denn die Spontaneität, wenn wir auch noch die geplante Freizeit verplanten? Obschon, wenn ich höre, wie das Prinzchen im Nebenzimmer vor sich hin fiebert und wenn Luise sehe, die gerade über Schwindel und Übelkeit klagend auf dem Fussboden liegt, dann scheint mir, dass meine „Freizeit“ von Mittwochnachmittag bereits bis auf die letzte Minute verplant ist.

Wundersame Verwandlungen

Meine Befürchtungen, dass meine Schlaflieder mit dem Prinzchen-Auszug nicht mehr gefragt wären, haben sich nicht bewahrheitet. Im Gegenteil, heute hat mich das Prinzchen ausdrücklich zum Singen in die obere Etage eingeladen und weil dort auch der Zoowärter einzuschlafen versuchte, wünschten bald einmal zwei kleine Jungs eine Serenade, wodurch ich in den Genuss von zwei wundersamen Veränderungen kam, anstatt nur einer, wie an gewöhnlichen Abenden. An den Anblick, wie aus einem sehr lebhaften Prinzchen, der tagsüber eher einem Gummiball als einem Kind gleicht, ein sanft schlafender kleiner Engel wird, habe ich mich schon gewöhnt. Wie aber innert wenigen Minuten aus dem tagsüber so kämpferischen Zoowärter ein verträumtes kleines Kind mit butterweichem Herzen wird, habe ich schon lange nicht mehr erlebt. Einfach unglaublich, was ein paar Schlaflieder und einige Umarmungen bewirken können.

Und noch eine Verwandlung erlebte ich: Während des Singens spürte ich, wie aus einer ungeduldigen, grummligen Rabenmutter, die ihre miese Laune nur unter grösster Anstrengung halbwegs in den Griff bekommen konnte, eine ziemlich ausgeglichene, entspannte Mama Venditti wurde, die ihren beiden Kleinsten aus vollem Herzen sagen konnte, wie sehr sie sie liebt, bevor ihnen die Augen zufielen. Auch solche Verwandlungen kommen vor und von allen drei ist dies die wundersamste, zumindest an Tagen wie heute, an denen ich schon aus der Haut fahre, wenn eine harmlose Stubenfliege durch die Küche summt oder wenn ein noch harmloserer „Meiner“ mich darum bittet, ihm mal schnell den Stil-Bund der „NZZ am Sonntag“ zu reichen.

Geschichtsklitterung

„Meiner“ und ich sind jetzt in dem Alter, wo man zurückschaut und findet, man hätte so ziemlich alles anders machen sollen, als man es gemacht hat. Nun ja, nicht ganz alles. Das mit „Meinem“ und mir und das mit den fünf Kindern das würden wir noch heute so machen und das ist ja wohl das Entscheidende. Aber das ganze Drumherum sehen wir heute ziemlich anders als damals. „Wenn ich noch einmal heiraten würde, dann würde ich einfach eine riesengrosse, unkomplizierte Fete mit vielen netten Leuten veranstalten und mich um all die Wünsche deiner Mutter und deiner Tante einen Dreck scheren“, sage ich dann zum Beispiel zu „Meinem“ und er findet, dass ich vollkommen Recht hätte. „Das würde ich genau so machen“, meint er „und anstatt viel Geld für das Fest auszugeben, würde ich heute ein paar Monate lang mit dir in der Weltgeschichte herumreisen.“ „Und zur Hochzeit würden wir uns nicht irgend welche Haushaltgegenstände wünschen, sondern Geld für die Reisere“, träume ich weiter. „Ja, und dann würden wir uns eine günstige Wohnung mieten, eine Ausbildung machen, die uns gefällt und dann, wenn wir Kinder hätten, beide Teilzeit arbeiten“, spinnt „Meiner“ den Faden weiter und plötzlich finden wir uns wieder in einem Traumleben, in dem zwar noch immer wir zwei und später auch unsere Kinder die Hauptrolle spielen, das aber so ganz anders aussieht, als es in Wirklichkeit war.  

Da sitzen wir zwei, übermüdet und abgekämpft und voller Ideen, wie man die Vergangenheit hätte gestalten sollen, damit die Gegenwart nicht ganz so anstrengend wäre, wie wir sie zuweilen empfinden. Ja, wir haben uns immer eine Grossfamilie gewünscht, aber hätten wir das Ganze nicht unkonventioneller, unkomplizierter, mehr auf unsere Persönlichkeiten zugeschnitten aufgleisen können? Wir malen uns aus, wie schön es gewesen wäre, wenn wir doch damals schon gewusst hätten, was wir heute, nach all den Ernüchterungen, die uns auf unserem Weg begegnet sind, wissen. Wir stellen in Gedanken unser ganzes damaliges Handeln auf den Kopf und vergessen dabei beinahe, dass in dem Kontext, in dem wir uns damals bewegten, Vieles von dem, was wir getan haben, ganz richtig und passend war.  

Manchmal seufzen wir tief und sagen uns, dass wir ganz furchtbar viel verpasst haben, weil wir damals, als wir noch keine Verantwortung für Kinder zu tragen hatten, das Leben so furchtbar ernst nahmen, dass wir gar nicht daran dachten, das Ganze etwas lockerer, spontaner und mit weniger Verpflichtungen anzugehen. Wenn wir schliesslich fertig geseufzt haben, dann sagen wir uns, dass es nur einen Ausweg aus unserem Dilemma gibt: Unser Leben als Familie geniessen und gleichzeitig dafür sorgen, dass im Familientrubel die Liebe nicht untergeht. Damit wir später dann, wenn die Kinder mal ausgeflogen sind, noch richtig viel Spass daran haben, miteinander das nachzuholen, was wir heute glauben, verpasst zu haben.

Vielleicht können wir ja noch einmal heiraten. Mit einer  riesengrossen, unkomplizierten Fete und vielen netten Leuten…

Danke, ich liebe euch auch

So sehr ich meine Familie vergöttere, an Tagen wie heute könnte ich sie alle auf den Mond schiessen. Nicht für immer natürlich. Nein, nur gerade so lange, bis sie spüren, wie öde ihr Leben ohne mich wäre. Da komme ich heute Mittag gut gelaunt von der Arbeit nach Hause und wen treffe ich an? Einen jammernden Zoowärter, der eben erst voller Stolz sein Kindergartentäschchen ausgepackt hat und sich schon wieder lautstark darüber beklagt, er würde nie etwas geschenkt bekommen. Eine genervte Luise, die keine Lust hat, Tomaten-Orangen-Suppe zu essen und die eingeschnappt ist, dass ich nicht sogleich mit ihr zum Einkaufszentrum fahre, um einen Schlafsack für die Schulreise nächste Woche zu kaufen. Das Kind schiebt doch allen Ernstes mir die Schuld am Regen in die Schuhe. Dieser böse Regen, der „Meinen“ dazu zwingt, mit dem Auto zur Arbeit zu fahren, weshalb Luise nicht ins Einkaufszentrum kutschiert werden kann.

Mit einer mies gelaunten Luise und einem klagenden Zoowärter könnte man ja zur Not noch klarkommen. Dazu kommt aber noch ein lautstarkes Prinzen- Gezeter  – worum es ging, habe ich vergessen, ich weiss nur noch, dass auch diesmal ich die Schuldige war – ein kranker FeuerwehrRitterRömerPirat, der zwar allen Grund hatte zum Jammern, dessen Gejammer aber vom Gemotze der anderen übertönt wird, so dass er schreien und toben muss, bis ich ihn endlich höre. Irgendwie bringe ich es auch noch fertig, Karlsson wütend zu machen, „Meiner“, der momentan nicht gerade fit ist, sagt kaum ein Wort und die Laune des Au Pairs ist auch eher auf der düsteren Seite.

Da sitze ich also, einsam und gut gelaunt und frage mich, ob denn in dem ganten Haufen von Menschen nicht wenigstens einer ist, der mit mir lachen mag. So ähnlich wie an jenen Festen, an denen alle anderen betrunken sind, du selber aber stocknüchtern. Einfach umgekehrt natürlich. Dieses ganze mies gelaunte Gehabe meiner Familie treibt mich dazu, sie auf den Mond schicken zu wollen, was aber bekanntlich nicht geht. Also kommt nur noch die zweitbeste Lösung in Frage: Mitschmollen. Denn alleine gut gelaunt sein macht einfach keinen Spass.

Von Brausetabletten und anderen Banalitäten

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa, starrt ins Leere und man könnte meinen, sie würde mal wieder nichts tun. Was natürlich keineswegs stimmt, denn wenn es so aussieht, als würde Mama Venditti nichts tun, dann schreibt es in ihrem Kopf. Nur noch ein paar Momente, dann wird sie sich an den Computer setzen und in die Tasten hauen, was sie sich eben gerade ausgedacht hat. Manchmal aber – in letzter Zeit ziemlich oft – kommt es vor, dass sich der Innere Kritiker zu ihr gesellt, kaum sitzt sie auf dem Sofa und starrt ins Leere. Und dann geraten die zwei sich ins Gehege, die Mama Venditti und der Innere Kritiker:

IK: Was willst du denn heute wieder schreiben?

MV: Nun, ich überlege mir gerade, ob ich vielleicht darüber schreiben soll, dass „Meiner“ und ich uns manchmal wie Brausetabletten verhalten, die….

IK, unterbricht: Wie Brausetabletten? Wie kommst du auf so eine absurde Idee?

MV: Das ist keine absurde Idee. Ich will nur erklären, dass „Meiner“ und ich jeweils keine Grenzen mehr setzen, wenn wir eine Möglichkeit sehen, uns für eine gute Sache einzusetzen. Wir lösen uns dann beinahe auf in der Sache. Genau wie Brausetabletten eben.

IK: Und das soll einer verstehen?

MV: Aber klar. Ich will doch nur darauf hinaus, dass es zwar gut und recht ist, sich für etwas einzusetzen, dass es aber für eine Familie ziemlich belastend werden kann, wenn die Eltern unfähig sind, ihren Idealismus in die Schranken zu weisen.

IK: Das interessiert doch keinen. Das sind eure ganz persönlichen Probleme und auch wenn du dir noch so sehr einredest, bei anderen wäre das ganz ähnlich und du könntest vielleicht dem einen oder anderen Leser einen Gedankenanstoss geben, am Ende werden doch alle den Kopf schütteln ob deines absurden Vergleichs. Brausetabletten, pffff….

MV, schmollt eine Weile, meint dann aber: Vielleicht hast du ja Recht. Das will wohl wirklich niemand lesen. Aber erinnerst du dich noch an meinem Text mit dem Spielplatz? Ich könnte ja darüber schreiben, dass „Meiner“ und ich es noch immer nicht geschafft haben, die Wippe zu verlassen, dass wir immer noch damit beschäftigt sind, einander gegenseitig wieder aufzupäppeln, wenn einer von uns mal wieder unsanft gelandet ist.

IK: Schon wieder „Deiner“ und du. Glaubst du denn wirklich, eure Partnerschaft sei so interessant, dass man darüber lesen möchte?

MV: Nun, vielleicht erkennt sich ja der eine oder andere wieder in dem, was ich hier schreibe.

IK: Ach ja, natürlich. Die Leute werden sich in deinem Geschreibsel wiedererkennen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es noch andere gibt, die gleich ticken wie ihr zwei?

MV: Okay, dann schreibe ich eben nicht über „Meinen“ und mich, wenn du denkst, dass das die Leute so sehr langweilt. Dann nehme ich halt die Sache mit dem Vertrag, den die Kinder nicht eingehalten haben. Du weisst, dieser Fackel mit dem Versprechen, dass sie in Zukunft jeden Tag ohne Gemecker eine Viertelstunde aufräumen werden. Gestern Abend haben Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat doch tatsächlich ihre Unterschriften auf dem Dokument wieder durchgestrichen, damit sie sich nicht an den Vertrag halten müssen.

IK: Darüber kannst du natürlich schon schreiben, wenn du unbedingt deine Unfähigkeit als Mutter vor aller Welt breitschlagen möchtest. Ich finde es ja eher beschämend, dass du es nicht fertig bringst, deinen Kindern ein wenig Sinn für Ordnung beizubringen. Aber wenn es dir nichts ausmacht, Tag für Tag über die gleichen Banalitäten zu schreiben und dich dabei zum Affen zu machen, nur zu! Ich will dir nicht im Wege stehen.

MV, leicht verunsichert: Meinst du wirklich, dass ich mich zum Affen mache?

IK: Aber klar doch. Wenn du mich fragst, dann hast du alles, was in deinem Leben überhaupt erwähnenswert ist, schon längst in irgend einem mittelmässigen Text verwurstet. Demnächst wirst du wohl damit anfangen, über den Inhalt der Prinzchen-Windel zu berichten.

MV: Dann soll ich vielleicht heute gar nichts schreiben? Und morgen auch nicht? Und übermorgen auch nicht?

IK: Das wäre wohl das Beste, aber so, wie ich dich kenne, wirst du schon bald wieder an deinem Bürotisch sitzen und Banalitäten ausbrüten.

MV, zu sich selber: Vielleicht sollte ich das mit dem Schreiben vielleicht wirklich lassen. Zumindest heute. Morgen kann ich ja darüber schreiben, wie sehr mir dieser Innere Kritiker zuweilen zusetzt….

IK, zu sich selber: Natürlich, jetzt soll ich wieder dran Schuld sein, wenn sie nicht schreibt. Als ob nicht sie diejenige wäre, die mit solch hirnverbrannten Ideen kommt, dass man sie einfach kritisieren muss. Brausetabletten! Hat man schon einmal so etwas Bescheuertes gehört?

Das wäre doch was für uns

Die Ratte hat die alte Diskussion wieder angefacht: Sollen wir uns doch vielleicht ein Haustier anschaffen, jetzt, wo die Familie nicht mehr weiter wachsen wird? Man kann die Frage ja nicht ewig vor sich herschieben, vor allem, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat heute schon droht, er werde sich dann eines Tages einfach ohne Erlaubnis eine Ratte anschaffen. Da muss man doch vorbeugend eingreifen, indem man das Bedürfnis nach einem Haustier stillt, bevor es ungesunde Züge annimmt. Und so zermarterte ich mir einige Tage lang das Gehirn, was wohl zu tun sei. Gestern dann, als ich zum zehnten Mal in diesem Frühjahr meine Zuckermelonen-Setzlinge, die Nachbars Katze jeweils über Nacht ausgräbt, wieder in die Erde pflanzte, dämmerte mir, was uns fehlt: Eine Katze, die sich voller Selbstbewusstsein unseren Garten zum Revier erklärt und alle anderen Katzen von meinen Setzlingen fern hält. Eine stubenreine Katze natürlich, eine, die sich zu fein ist, um ihr Geschäft im Garten zu verrichten, denn sonst wird das Leben für meine Setzlinge nicht sicherer. 

Das mit der Katze, so überlegte ich, hätte ja den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Ratte bei uns nicht mehr so wohl fühlen würde. Habe ich doch neulich gelesen, dass schon der Geruch von gebrauchtem Katzensand genügt, um eine Ratte zu vertreiben. Und so fiel der Entschluss: Vendittis brauchen eine Katze. Natürlich konnte ich die Sache nicht lange für mich behalten und deswegen war schon bald einmal klar, dass Vendittis nicht nur eine Katze haben werden, sondern mindestens zwei. Denn die kleinen Vendittis können sich nicht entscheiden, ob es eine Katze oder ein Kater sein soll. Erstaunlicherweise schien nicht mal „Meiner“ der Sache abgeneigt zu sein, zumindest brachte er nicht allzu viele Einwände, und so brüteten Luise und ich schon bald einmal über der neuesten Ausgabe der „Tierwelt“, um herauszufinden, ob da vielleicht jemand bereit wäre, uns zwei Kätzchen abzugeben. 

Es ist ja wohl kaum verwunderlich, dass es da ein paar ganz interessante Inserate gab. Immerhin haben wir Mai und da wollen bekanntlich alle ihre überzähligen Kätzchen loswerden. Luise hätte schon fast zum Telefon gegriffen, um sich zwei Tierchen zu sichern, doch da meldete sich „Meiner“ dann doch noch zu Worte. Wir hätten viel zu viel Chaos im Haus, es würde sich ja doch keiner um die Tiere kümmern, Katzen zu halten sei ein teurer Spass, den wir uns nicht leisten könnten, die ganze altbekannte Spielverderber-Leier. 

Nun gut, dann müssen wir ihn eben noch ein wenig bearbeiten, ihm noch ein paar kitschige Kätzchenbilder unter die Nase halten, ihm ein paar Statistiken aufbereiten, die belegen, dass Katzenhalter eine weitaus höhere Lebenserwartung haben als Nicht-Katzenhalter. Und wo wir schon dabei sind, ihn zu bearbeiten, können wir ihm ja gleich noch in den Ohren liegen, dass wir jetzt endlich diese umweltunfreundliche Kapselkaffeemaschine – nein, nicht die von George Clooney, so tief sind wir dann doch nicht gesunken – loswerden müssen. Die ist mir nämlich auch schon lange ein Dorn im Auge, aber „Meiner“ findet, ein funktionierendes Gerät loszuwerden sei weder umwelt- noch budgetfreundlich.

Mal sehen, wie wir ihn rumkriegen können. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns gerne zwei überzählige Kätzchen andrehen will, aber nur, wenn wir ihm im Gegenzug einen anständigen Kaffee anbieten…

Zukunftspläne

Die männlichen Vendittis sind ausgeflogen, Luise und Mama geniessen die Zeit zu zweit. Irgendwann kommt man auf Luises Berufswunsch zu reden. Sie will später mal auf der Wöchnerinnenstation arbeiten. Ich erzähle ihr von einer Bekannten, die früher auch dort gearbeitet hat.

„Warum arbeitet sie denn nicht mehr dort?“, will Luise wissen. „Weil sie Kinder hat und auf der Wöchnerinnenstation muss man ja auch nachts arbeiten. Das ist nicht ganz so einfach, wenn man Mutter ist. Darum arbeitet sie jetzt etwas anderes“, erkläre ich. Luise überlegt einen Moment lang, dann meint sie: „Also wenn ich einmal Kinder habe, arbeite ich weiter. Ich bin doch nicht altmodisch.“ „Und was machst du mit den Kindern, wenn du nachts arbeiten musst?“, frage ich. „Dann passt mein Mann auf die Kinder auf“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Gute Idee. Der Papa soll ruhig mit anpacken. Aber was machst du tagsüber? Dann wirst du schlafen müssen und vielleicht ist dein Mann ja dann bei der Arbeit“, gebe ich zu Bedenken. „Dann zwinge ich meinen Mann eben einfach dazu, seinen Beruf aufzugeben und zu Hause zu bleiben“, sagt meine Tochter selbstbewusst und damit ist das Problem soweit für sie gelöst, dass sie sich konkreter Gedanken darüber machen kann, welcher von all den Jungs aus ihrem Bekanntenkreis in Frage kommen könnte als der Mann am Herd, der sich von seiner Frau verbieten lässt, berufstätig zu sein.

Bevor sich nun die Antifeministen auf mich stürzen, muss ich betonen, dass Luise diese Meinung nicht von mir hat. Ich bin und bleibe ja der Überzeugung, dass es der Welt am besten ginge, wenn Frau und Mann miteinander statt gegeneinander arbeiten würden.  Eine Haltung, die den Antifeministen zwar nicht besser gefallen wird als diejenige von Luise, aber welche nur halbwegs vernünftige Frau möchte denn denen gefallen?