Hallo, hier spricht der Vorzimmerdrachen

Liebe Mütter, die ihr gerne ausserhalb der Schulzeiten den Herrn Lehrer privat sprechen möchtet, hier spricht der Vorzimmerdrachen, der euch jeweils daran hindert, zu jeder Tages- und Nachtzeit zu ihm vorzudringen. Ich habe mir lange überlegt, ob ich mein Schweigen brechen soll, denn obschon ich ein Drachen bin, fürchte ich mich ein wenig vor den Damen, denen ich gerne etwas mitteilen möchte. Diese Damen sind immerhin Mütter, meistens solche, die davon ausgehen, dass ihrem Kind Unrecht geschehen ist und man weiss ja, wie gefährlich Mütter sind, die glauben, ihr Kind beschützen zu müssen. Aber nach mehr als dreizehn Jahren des Schweigens muss es jetzt einfach mal raus. Also, hier kommt sie, meine Liste der zu vermeidenden Fehler, die Sie unbedingt beachten sollten, wenn Sie sich die Chancen aufrecht erhalten wollen, den Herrn Lehrer an den Draht zu kriegen:

1. Wenn der Herr Lehrer Ihnen am Anfang des Schuljahres bekannt gibt, wann er telefonisch erreichbar ist, dann gilt das für alle Eltern. Auch für Sie, Madame, die Sie glauben, Sie müssten ihm unbedingt während des Mittagessens mitteilen, dass Ihr Kind morgen einen Arzttermin hat und deswegen eventuell, falls im Wartezimmer viele Leute warten und falls gerade deutlich mehr Verkehr herrscht auf der Strasse, etwas verspätet zum Unterricht kommen wird. Das, meine lieben Mütter, ist kein Grund, den Lehrer, der übrigens auch eine Familie hat, beim Essen zu stören und darum dürfen Sie sich nicht darüber wundern, wenn der Drachen faucht. Ja, ich weiss, der Herr Lehrer hat gesagt, dass man ihn notfalls auch ausserhalb der Telefonzeiten erreichen kann, aber das mit dem Arzttermin, meine Damen, ist kein Notfall.

2. Es gibt gewisse Zeiten, zu denen man unter gar keinen Umständen zum Telefon greift, um den Lehrer anzurufen: frühmorgens um halb sechs kommt nicht in Frage, schon gar nicht, wenn der Herr Lehrer vor Kurzem Vater geworden ist. Auch abends um halb zehn ist nicht besonders nett und bitte haben Sie Verständnis, dass auch Anrufe am Heiligen Abend, am Pfingstmontag oder an einem ganz gewöhnlichen Sonntagnachmittag nicht erwünscht sind. Gewöhnlich werden einem solche Grundregeln des Anstands bereits in der Kinderstube beigebracht, aber wo dies nicht der Fall ist, muss eben der böse Vorzimmerdrachen ran.

3. Okay, Sie haben jetzt verstanden, dass man zu gewissen Zeiten keine Anrufe von Ihnen wünscht. Aber verstehen Sie auch, dass es Ihrem Kind gegenüber ziemlich unfair ist, wenn Sie deshalb zu ihm sagen: „Der Herr Lehrer wünscht jetzt keine Anrufe von mir, also könntest du das bitte für mich tun? Zu dir wird der Drachen bestimmt nett sein, du bist ja noch ein Kind.“? Ja, der Drachen bemüht sich tatsächlich darum, zu Kindern nett zu sein, aber Sie wissen doch, dass Drachen äußerst unberechenbare und launische Geschöpfe sind. Oder haben Sie etwa noch nie ein Märchen gelesen?

4. Sie möchten den Herrn Lehrer sprechen, aber der Vorzimmerdrachen teilt ihnen mit, dass dieser nicht zu sprechen ist, weil er gerade mit einem seiner eigenen Kinder unterwegs zur Notfallsation ist. Welche Reaktion ist Ihrer Meinung nach die Richtige?
a) „Oh, das tut mir aber Leid. Bitte entschuldigen Sie die Störung. Ich hoffe doch sehr, dass es Ihrem Kind bald wieder besser geht,“
b) „Wann wird er denn wieder zurück sein? Wissen Sie, ich habe da ein dringendes Anliegen. Sie haben doch bestimmt auch mitgekriegt, dass er meiner Tochter in der Prüfung diesen einen Punkt nicht gegeben hat und jetzt ist sie nicht Klassenbeste. Also sagen Sie ihm bitte, er solle mich sofort zurückrufen, wenn er wieder da ist.“

5. Es macht sich nicht besonders gut, wenn Sie den Herrn Lehrer bei mir schlecht machen wollen. Vergessen Sie nicht, er und ich stecken unter der gleichen Decke. Wenn Sie lästern wollen über ihn, rufen Sie von mir aus Ihre beste Freundin an, denn bei mir besteht die Gefahr, dass ich das Gesagte weiterleite und Sie möchten doch nicht, dass der Herr Lehrer weiss, wie Sie wirklich über ihn denken.

6. In den folgenden Situationen kann Ihnen der Herr Lehrer leider auch nicht weiterhelfen, also lassen Sie das mit dem Telefonieren:
– Ihr Kind braucht ganz dringend medizinische Hilfe. Rufen Sie bitte gleich den Arzt an, mit einem Anruf bei uns verlieren Sie nur wertvolle Zeit.
– Sie haben sich verkracht mit der Mutter eines anderen Schülers. Traurig, ich weiss, aber was, bitte sehr, geht das den Lehrer an?
– Ihr Kind weigert sich, beim Mittagessen das Fleisch zu essen. Äußerst mühsam, ich weiss, aber vermutlich kämpft der Herr Lehrer bei den eigenen Kindern gerade mit dem gleichen Problem und hat beim besten Willen keine Zeit, Sie in dieser Sache zu beraten.
– Sie haben die Nase voll von all den unsinnigen Schulreformen und könnten nur noch heulen, wenn Sie an die Schule denken. Glauben Sie mir, sowohl der Lehrer als auch der Drachen haben volles Verständnis für Ihren Frust, nur sind diese der Situation ebenso ausgeliefert wie Sie. Die ganze Misere haben irgendwelche Schreibtischtäter irgendwo in einem fernen Büro zu verantworten, also rufen Sie bitte dort an, falls es Ihnen gelingt, die Nummer ausfindig zu machen. Ja, und dann dürfen Sie uns nicht anrufen, dann müssen Sie. Um uns die Nummer des Kerls weiterzugeben, damit auch wir ihm gehörig unsere Meinung sagen können.

8 Gedanken zu “Hallo, hier spricht der Vorzimmerdrachen

  1. Das ist dann natürlich das andere Extrem. Wenn die einen etwas weniger, die anderen etwas mehr Interesse zeigen würden, dann hätte man wohl die“ idealen Eltern“.

  2. 🙂

    Ja Eltern sind super. Und bei manchen Geschichten möchte man den alten Choral:

    „Herr wirf Hirn vom Himmel“ anstimmen.

    Ich frage mich auch häufig ob diese Menschen überhaupt mal kurz nachdenken, oder ob ihnen einfach gar nicht in den Sinn kommt, dass Lehrer auch ein Privatleben haben.

    Ich habe eher das gegenteilige Problem, da ich an einer Schule mit älteren Kindern aus „sozial schwachen Familien“ arbeite. Denn die haben in der Regel Eltern die niemals auch nur auf die Idee kämen mit mir zu sprechen und zwar selbst dann, wenn es mehr als sinnvoll und erwünscht wäre. Liegt aber vielleicht auch an meinen Fächern. Mit dem Geschichtslehrer will man halt nicht so gern reden 😉

  3. Oh ja, das sind sie. Und diejenigen, die es sind, werden bei diesem Post ganz bestimmt empört sein, dass ich es wage, sie zu kritisieren.

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