Denen hab‘ ich’s aber gegeben…

Gäbe es kein Internet, hätte ich wohl einfach in der einen oder anderen Frauenrunde meinem Ärger Luft gemacht, manchmal hätte ich „Meinem“ die Ohren voll gejammert und irgendwann hätte ich die Sache wieder vergessen. Zumindest bis zum nächsten Kleider-Frust. Aber es gibt das Internet und darum ist es auch keine Sache mehr, die Modelabels zu kontaktieren, die diese wunderschönen Kleider für Frauen ohne Kurven schneidern. Und weil es keine Sache ist, habe ich den zwei Labels geschrieben, deren Kleider ich wirklich unglaublich gerne tragen würde. Gut, ich hätte natürlich auch eine Crash-Diät, eine Brustverkleinerung und Fett absaugen ins Auge fassen können, aber es schien mir einfacher, den Leuten mal gehörig die Meinung zu sagen.

Was ich ihnen geschrieben habe? Na ja, was frau eben so schreibt, wenn sie sich darüber ärgert, dass ein Kleid, welches eigentlich für erwachsenen Frauen gedacht wäre, der elfjährigen Tochter passen würde. Zuerst habe ich natürlich geschmeichelt und geschrieben, ich hätte noch nie so schöne Kleider gesehen, was ja auch stimmt. Dann habe ich erzählt, wie frustriert ich gewesen sei, als mir keines der Kleider passen wollte. Schliesslich wurde ich zynisch und fragte, ob ich denn wie eine Elfjährige aussehen müsste, um das tragen zu können, was bei ihnen als Übergrösse angeschrieben ist. Zum Schluss bat ich, sie möchten doch in Zukunft bitte Kleider für richtige Frauen schneidern.

Was ich mir von der Sache erhoffe? Nichts. Aber immerhin kann ich mir einreden, ich hätte mich für uns normalen Frauen gewehrt. 

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Wenn die Kleider immer schlanker werden…

Wieder steht eine Hochzeit bevor und wieder habe ich meinen Vorsatz, mich rechtzeitig um das richtige Kleid zu kümmern, nicht eingehalten. Diesmal kein Problem, dachte ich, als ich mir die Auswahl anschaute. Kleider nach meinem Geschmack gibt es nämlich für einmal in Hülle und Fülle. Romantisch, verspielt, bunt, fantasievoll. Endlich würde ich zu einem Fest etwas anziehen können, was mir richtig gefällt. Ich träumte schon davon, wie ich an dieser Hochzeit aufkreuzen würde, herausgeputzt und dennoch ganz ich selber. Doch dann kam das Paket und damit die bittere Erkenntnis: Festliche Kleider nach meinem Geschmack werden nicht für Frauen wie mich geschneidert.

Vor einigen Jahren – so scheint mir – durfte Frau noch Busen und einige Kilos zu viel auf den Rippen haben, wenn sie sich nicht gerade in Kleidchen zwängen wollte, die eigentlich in der Kinderabteilung hängen müssten. Was dem Geschmack von Frauen über 35 entsprach, war auch angepasst auf den Körper einer Frau über 35. Klar, auch früher gab es schon Geschäfte, in denen ein Kleidungsstück, das mit Grösse 38 angeschrieben war, in Wirklichkeit knapp der Grösse 32 entsprach, doch solche Geschäfte habe ich zu meiden gelernt.

Ich mag mich nämlich nicht frustrieren lassen wegen eines vollkommen kranken Schönheitsideals, das in meinen Augen so gar nicht schön ist. Ich mag mich auch nicht kasteien, bis man meinem Körper die paar Schwangerschaften und einige ziemlich anstrengende Jahre nicht mehr ansieht (obschon ich nichts dagegen hätte, ein paar Kilos loszuwerden, aber alles mit Mass, wenn ich bitten darf). Wenn man nun aber für Kleider, die ganz offensichtlich nicht für „OMG! Ich hab‘ heute schon 200 Kalorien zu mir genommen“-Frauen geschneidert sind, weder Busen noch Hintern haben darf, schmerzt mich das. Vor allem, wenn die Dinger nicht mal dann passen, wenn ich sie zur Sicherheit eine Grösse grösser bestellt habe, als ich sie üblicherweise trage.

Morgen schicke ich meine Traumkleider schweren Herzens zurück ans Versandgeschäft. Wieder werde ich an einer Hochzeit in irgend etwas aufkreuzen, das mir nicht wirklich gefällt, aber immerhin halbwegs anständig aussieht. Um meinen Frust etwas zu dämpfen und wenigstens etwas richtig Schönes  tragen zu können, habe ich mir heute ein Paar getupfte Schuhe mit schwindelerregend hohem Absatz gekauft. Das Geld dafür habe ich mir übrigens mit einem Interview zum Thema Bettnässen verdient. Frauen wie ich entsprechen zwar nicht dem gängigen Schönheitsideal, dafür haben wir gelernt, auch noch dem unangenehmsten Thema etwas Schönes abzugewinnen. 

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Sans complexe

Vor einiger Zeit habe ich mir die perfekte Unterwäsche gekauft, perfekter Sitz, schön, bequem und im Preis so stark reduziert, dass mir für einmal das Geld für Kleidung, die kaum einer je zu sehen bekommt, nicht zu schade war. Bis heute Morgen war ich äusserst zufrieden mit meinem Kauf. Dann aber las ich, was auf dem Elast geschrieben steht und schon fing es in meinem Kopf zu rotieren an: „Sans complexe“ steht da nämlich ganz dezent Ton in Ton eingewebt.

Ich soll also bitte sehr keine Komplexe haben, wenn ich diese Unterwäsche trage. Oh ja, ich weiss, man will mich mit dieser Aufforderung dazu ermutigen, meinen Körper so zu akzeptieren wie er ist. Aber natürlich löst das in mir genau das Gegenteil aus. „Ach so, die finden, dass Frauen wie ich von Komplexen geplagt sein könnten. Na, dann wird wohl was dran sein. Lass mich mal sehen, was müsste denn alles anders sein an mir, damit man mir nicht gut zureden müsste…“ Und schon befinde ich mich mitten im schönsten Gejammer über alles, was nicht so ist, wie es dem gängigen Schönheitsideal entspricht. Also auf dem besten Weg, mir einen netten kleinen Komplex zuzulegen.

Das läuft bei mir immer so. „Kann ich so aus dem Haus gehen?“, frage ich „Meinen“ jeweils, wenn ich einen wichtigen Termin vor mir habe. „Aber natürlich kannst du das“, gibt er meist zur Antwort. „Es passt alles perfekt zusammen, du siehst richtig gut aus. Willst du dir nicht noch eine Blume ins Haar stecken oder eine Halskette tragen?“ Ich weiss nicht, was andere Frauen in einem solchen Moment hören, ich weiss nur, was ich höre, nämlich: „Nun ja, wie eine Vogelscheuche siehst du nicht gerade aus, aber offen gestanden würde ich mich schämen, so aus dem Haus zu gehen. Vielleicht kannst du ja mit ein paar netten Accessoires die schlimmsten Mängel kaschieren, aber ich denke, in einem Kartoffelsack würdest du besser aussehen als in dem Fetzen, für den du dich entschieden hast.“ Und schon reisse ich mir verzweifelt die Kleider vom Leib und stimme ein Wehklagen über meinen leeren Kleiderschrank und meinen vollen Vorratsschrank, der mich immer wieder zum Naschen verleitet, an. Schlimmer kann die Sache nur noch werden, wenn „Meiner“ dann bemerkt, ich hätte immerhin fünf Kinder geboren und da sei es doch ganz normal, dass der Körper sich verändert. Dreimal raten, was ich bei dieser Bemerkung zwischen die Zeilen hinein interpretiere…

So funktioniere ich und deswegen wäre ich äusserst dankbar gewesen, wenn der Designer meiner Unterwäsche dieses blöde „Sans complexe“ weggelassen hätte.

Dialog vor dem Spiegel

Luise: „Mama, warum trägst du deine Haare eigentlich nie zusammengebunden. Das würde so hübsch aussehen. Schau mal, wie hübsch du aussehen würdest. Luise windet Mamas Haar zu einem wilden Knoten. Warum machst du das nie?“

Mama, seufzend: „Weil man mein hässliches Mondgesicht besser sieht, wenn mir die Haare nicht ins Gesicht hängen.“

Luise: „Aber Mama,du hast doch kein Mondgesicht. Schau doch mal, wie hübsch…“

Mama: „Ach Quatsch, schau doch mal wie hässlich…“

Luise: „Weisst du Mama, uns sagst du jeweils, wir sollten nicht schlecht über uns selber reden, aber hör‘ dich doch mal an, wie du über dich redest.“

Okay, meine Tochter, ich habe verstanden. Ich werde nicht mehr schlecht über mich selber reden. Nur noch denken…

Generalstreik im Kleiderschrank

Es ist mal wieder soweit: Meine Kleider haben alle gemeinsam den Entschluss gefasst, mich im Stich zu lassen. Zuerst die Jeans, die mehr Loch als Hose war, dann die Bluse, die mir seit mehr als zehn Jahren die Treue gehalten hatte und schliesslich auch noch die pinkfarbene Hose, die mich seit der letzten Schwangerschaft stets getröstet hatte, wenn ich mich mal wieder so richtig hässlich fühlte. Gut, ich geb’s ja zu, ich war nicht immer nur nett zu meinen Kleidern. Ich habe sie immer mal wieder achtlos auf dem Fussboden liegen gelassen, wenn ich abends zu faul war, sie fein säuberlich zusammenzufalten. Hin und wieder habe ich sie auch mit Farben kombiniert, die so ganz und gar nicht passen wollten. Und das eine oder andere Mal habe ich auch gemotzt, ich würde mal wieder unmöglich aussehen in diesen Fetzen. Ja, wahrlich nicht sonderlich nett, aber das gibt meinen Kleidern doch noch lange nicht das Recht, in Generalstreik zu treten und mich ausgerechnet jetzt, wo ich wieder jeden Tag das Haus verlasse, im Stich zu lassen. Ein bisschen mehr Loyalität hätte ich ja schon erwartet, nach allem Zu- und Abnehmen, das wir in den vergangenen Jahren der Familiengründung gemeinsam durchgestanden haben, meine Kleider und ich.

Nun mag man sich ja fragen, was denn so schlimm sei daran, wenn man sich von alten Kleidern trennen muss. Immerhin hat man dann einen guten Grund, sich neue zu kaufen und das, so könnte man meinen, sollte mir als Frau die Freudentränen in die Augen treiben. Das Problem ist nur, dass ich zu der Sorte Frauen gehöre, die lieber zum Zahnarzt gehen als in einen Kleiderladen. Versteht mich nicht falsch, ich mag schöne Kleider, aber die sollen bitte von selbst den Weg in meinen Schrank finden und dann ewig bleiben. Oder zumindest so lange, bis ich ich ihren Anblick wirklich nicht mehr ertragen kann. Gut, inzwischen kommen die Kleider ja tatsächlich von selbst zu mir, habe ich mich doch voll und ganz dem Versandhandel verschrieben. Das Paket wird geliefert, ich probiere das Zeug dann, wenn keiner zuschaut, einen Bruchteil behalte ich, den Rest schicke ich wieder zurück. Alles perfekt also, nicht wahr?

Nicht ganz, denn leider dauert es eine Weile, bis so ein Paket ankommt und da ich mir neue Kleider immer erst dann besorge, wenn die alten wirklich kaputt sind, darf ich behaupten, dass ich zurzeit eine der wenigen Frauen in unseren Breitengraden bin, die tatsächlich nichts Anzuziehen hat, zumindest nichts, das noch alle Knöpfe dran hat. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn kleine Mängel lassen sich leicht kaschieren oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar beheben. Schlimm aber ist, dass ich meinen kleiderlosen Zustand vor „Meinem“ so lange werde geheim halten müssen, bis das Paket ankommt. Denn ich weiss genau, was geschehen wird, wenn er von meinem leeren Kleiderschrank erfährt: Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit ich einen Tag freinehmen kann, um mir Kleider zu kaufen. Gut, so ein freier Tag wäre gar nicht so schlecht, nur weiss ich, dass „Meiner“ am Ende dieses Tages auch neue Kleider sehen will, was bedeuten würde, dass ich mir meine Freizeit nicht in Buchhandlungen und Museen um die Ohren schlagen könnte. Und Freizeit, die ich mit Kleiderkauf vergeuden muss, kann mir gestohlen bleiben.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nämlich dann, wenn ich mich standhaft weigere, ein Kleidergeschäft zu betreten und „Meiner“ am Ende wieder selber auf Einkaufstour für mich geht. Nicht, dass er mir hässliche Kleider bringen würde. Im Gegenteil, der Mann hat Geschmack. Aber möchtet ihr vielleicht von „Eurem“ zu hören bekommen: „Schau mal, was ich dir vom Einkauf mitgebracht habe. Ist sie nicht hübsch, die Bluse? Und günstig war sie obendrein. Wenn du willst, kann ich sie dir morgen noch in Lila besorgen…“?

Haarig

Warum lasse ich mich auch stets von „Meinem“ und dem Au-Pair derart beschwatzen? Eigentlich hatte ich ja im Stillen beschlossen, dass ich meinen grauen Haaransatz ignorieren würde, auch wenn Luise ihn ganz schrecklich findet und ich zudem  heute an der Lesung und morgen bei meiner ersten Moderation in der Kirche eigentlich ganz gerne einigermassen passabel ausgesehen hätte. Mit diesem Entscheid konnten sowohl mein Zeit- als auch das Familienbudget sehr gut leben, aber „Meiner“ und das Au-Pair wollten nichts davon wissen und klopften mich so lange weich, bis ich heute Morgen ratlos vor dem Regal mit den Haartönungen stand und mir überlegte, ob ich mir das wirklich antun sollte. Es ist Ewigkeiten her, seitdem ich mir meine Haare zum letzen Mal getönt habe und ich bin mir sicher, dass es irgend einen Grund dafür gab, dass ich damit aufgehört habe. Ich vermute, es hat etwas mit meiner Taufe im zarten Alter von siebzehn Jahren zu tun. Als ich damals aus dem Wasser stieg, rann mir die mahagonifarbene Haartönung, die ich nachmittags nicht gut ausgewaschen hatte, über das Gesicht und weiter über den sündhaft teuren Pullover, den ich mir von meiner Schwester geborgt hatte.

Das Angebot im Laden war nicht gerade überzeugend und so machte ich mich wieder aus dem Staube mit dem festen Entschluss, dass ich mir die Haare heute nur tönen würde, wenn ich irgendwo diese Tönung auf Hennabasis, die ich neulich gesehen habe, auftreiben könnte. Konnte ich aber bei uns im Dorf nicht und weil „Meiner“ sich inzwischen so sehr auf das Projekt „passabler Haaransatz auf dem Kopf meiner Frau“ versteift hatte, kehrten wir am Ende mit einer furchterregend aussehenden Packung leuchtend roter Haarfarbe nach Hause. „Meiner“ hat ja versucht, mir etwas Dezenteres aufzuschwatzen, aber ich will nicht riskieren, dass mir meine kleinen Zuhörer wieder vorhalten, auf dem Einladungszettel hätte ich aber eine andere Haarfarbe gehabt.

Und jetzt sitze ich also da, eine Stunde bevor der Bus mich zum Veranstaltungsort bringen soll, auf dem Kopf eine karottenfarbene Schmiere, noch keine Idee, was ich denn überhaupt anziehen werde, mit noch nichts im Magen und mit einer riesigen Angst vor dem Resultat, das mich erwartet, wenn ich die Schmiere vom Kopf abgewaschen habe. Und wieder einmal habe ich eine lebensverändernde Erkenntnis mitzuteilen: Coiffeurbesuche sind schlimm. Sich die Haare selber tönen ist schlimmer. Und darum werde ich beim nächsten Mal, wenn „Meiner“ und das Au-Pair mich bearbeiten, hart bleiben. Und jetzt gehe ich mal schauen, ob ich das Haus überhaupt noch verlassen darf, oder ob ich die Lesung in letzter Minute absagen muss.

Jetzt reicht’s!

Und zwar endgültig. Jetzt müssen sie weg, die Kilos, die ich seit der Prinzchen-Geburt noch nicht losgeworden bin. Und die grauen Haare ebenfalls. Und die schwarzen Augenringe erst recht. Und das alles so schnell wie nur immer möglich.

„Weshalb diese Eile plötzlich?“, mag man sich fragen. „Bis jetzt hat dich das alles ja auch nicht gestört.“ Die Antwort liegt irgendwo auf der Zugstrecke zwischen Basel und Aarau, ich vermute es war irgendwo bei Sissach. Da kam sie, diese nette Kondukteuse und wollte unsere Billette sehen. Artig zeigte ich, was sie sehen wollte: Das Billett für „Meinen“ und mich, mein Halbtax-Abo, die Junior-Karten für Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten. Die Kondukteuse musterte unsere Familie, schaute etwas verwirrt auf die Ansammlung von Fahrkarten und wollte dann wissen: „Und dieser junge Herr dort? Wo haben Sie sein Billett?“ Zuerst wollte ich nicht so recht verstehen, wen sie mit „dieser junge Herr dort“ meinte. Ob sie wohl wissen wollte, wo der Besitzer der dritten Junior-Karte sei? Wohl kaum, oder? Oder meinte sie gar, der Zoowärter oder das Prinzchen müssten auch schon eine Fahrkarte lösen? Endlich dämmerte mir, wen sie mit der schmeichelhaften Umschreibung meinte: „Meinen“!

Ist das nicht eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Da zeugen „Meiner“ und ich fünf Kinder zusammen, schlagen uns gemeinsam zehn Jahre lang die Nächte mit Füttern, Trösten und Wickeln um die Ohren, kämpfen uns gemeinsam durchs Haushaltschaos, zerbrechen uns gemeinsam den Kopf, wie wir wohl im nächsten Monat finanziell durchkommen und toben gemeinsam mit unseren Knöpfen durchs Leben. Aber während „Meiner“ nach zehn Jahren wie ein „junger Herr“ aussieht, sehe ich aus wie seine Mutter. Am liebsten hätte ich gebrüllt: „Der ‚junge Herr da‘ ist mein ‚Meiner‘ und er ist ganz genau gleich abgekämpft wie ich, auch wenn ihm das kein Mensch ansieht! Er tut bloss so, als sei er jung, relaxed und cool, aber Sie müssten ihn mal sehen, wenn er abends um halb zehn auf dem Sofa einpennt vor lauter Erschöpfung. Dann sieht er nicht mehr ganz so frisch aus.“ Aber was hätte das denn noch gebracht? Die Kondukteuse war schon längst verschwunden und vermutlich schüttelte sie im Herausgehen den Kopf über die modernen Mütter, die sich zuerst einen Haufen Kinder zulegen, um danach mit einem jungen Lover im Schlepptau durchs Land zu ziehen. Oder dachte sie vielleicht, „Meiner“ sei mein Ältester, den ich irgendwann, kurz nach dem Eintritt in die erste Klasse bekommen hätte?

Es ist doch einfach zum Heulen. Demnächst wird man hinter unserem Rücken tuscheln: „Er sieht ja noch richtig gut aus, aber sie…. Wie hat die es bloss geschafft, sich einen solchen Mann zu angeln?“ Da gibt’s nur eins: So schnell als möglich wieder so jung aussehen, wie ich in Wirklichkeit bin.

Oder aber ich sorge dafür, dass „Meiner“ genauso alt aussieht wie ich. Was gar nicht so einfach sein dürfte, denn schwanger werden kann er ja nicht und meine Verschleisspuren sind wohl vor allem auf die Schwangerschaften zurückzuführen. Na dann, ich denke mal, in Zukunft wird er die Nachtschicht ganz alleine übernehmen müssen….

Wiedersehen mit meinem Tussischuh

Meine allertreusten Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an meine Tussischuhe, die ich mir im Frühjahr in einem Anflug von Identitätskrise geleistet hatte. Und vielleicht entsinnt sich der eine oder die andere gar noch der Umstände, unter denen mir diese Schuhe wieder abhanden gekommen waren. Für alle anderen sei es hier kurz erwähnt: Als mich meine Familie mal wieder in den Wahnsinn trieb, kickte ich die Schuhe in hohem Bogen von meinen Füssen. Der eine davon fand sich in Nachbars Garten wieder, der andere blieb verschollen.

Bis heute Morgen, als in Nachbars Garten die Gärtner aufmarschierten und mit lautem Getöse alles kurz und klein schlugen, was die Idylle stört. Und dabei kam auch mein rechter Tussischuh wieder zum Vorschein. Ich erkannte ihn sofort wieder, als ich mit dem Prinzchen unter dem Arm und dem Zoowärter an der Hand vorbeihastete. Und doch tat ich so, als gehe mich das alles nichts an. Die Gärtner schauten mich schon scheel an, weil ich mitten im Winter an ihnen vorbeistöckelte, da wollte ich mich nicht auch noch damit blamieren, dass ich meinen verschollenen Schuh zurückforderte. Da ich den linken Tussischuh bereits weggeschmissen habe, brauchte ich mich ja nicht weiter darum zu kümmern. Sollten doch die Gärtner das Ding entsorgen.

Damit aber gab sich Luise nicht zufrieden. Todesmutig kletterte sie, als die Gärtner Mittagspause hielten, über Nachbars Gartenzaun und rettete meinen Schuh. Und so bekommen meine geschätzten Lesereinnen und Leser das abscheuliche Ding doch noch zu Gesicht, bevor ich diese leidige Angelegenheit endgültig hinter mir lasse:

Das ist ganz schön hart

Neun Jahre lang habe ich geglaubt, ich würde ein anstrengendes Leben führen. Wenig Schlaf, viel Arbeit, quengelnde Kinder, Wäscheberge, Wocheneinkäufe, die man mit dem Sattelschlepper nach Hause fahren muss, endloses Putzen und was sonst noch alles dazu gehört. Seit heute Abend aber weiss ich, dass andere Frauen viel mehr zu tragen haben.

Weil ich zu faul war, meinen Hintern vom Sofa zu schwingen, als „Meiner“ mal wieder „Glanz und Gloria“ geschaut hat, weiss ich jetzt endlich, dass die Miss Schweiz-Finalistinnen ein viel härteres Los gezogen haben als wir Hausfrauen alle miteinander. Die armen Frauen müssen nämlich den ganzen Tag in High Heels herumstöckeln und das ist wirklich anstrengend und „total hart“, wie die Finalistinnen einhellig bestätigen. So hart, dass einige dieser Frauen vor laufender Kamera in Tränen ausbrechen, auch wenn sie sich geschworen haben, dies erst im Hotelzimmer zu tun. Sie halten es einfach nicht mehr aus, die Armen. Das Leben ist so unfair!

Seitdem ich das gesehen habe, schäme ich mich natürlich zutiefst, dass ich jemals gejammert habe über meinen Knochenjob. Aber damals habe ich eben noch nicht gewusst, wie hart es andere Frauen trifft. Und das Gemeinste am Ganzen ist: Währenddem ich mich aus vollkommen freien Stücken für das anstrengende Leben mit fünf Kindern habe entscheiden dürfen, sind die armen Miss Schweiz-Finalistinnen allesamt erbarmungswürdige Opfer. Denn welche junge Frau meldet sich schon freiwillig zu einer solchen Wahl an? Die werden ja immer alle zwangsangemeldet von überambitionierten Müttern, missgünstigen Freundinnen und Verlobten, die sich aus dem Staub machen, kaum hat man das Krönchen und all die Lasten, die es mit sich bringt.

Ich glaube, ich werde heute Abend eine Kerze anzünden für all die armen Finalistinnen. Vielleicht werde ich auch noch ein bisschen weinen. Und sollte mir morgen die Arbeit mal wieder zu schwer werden, denke ich einfach an die armen Missen auf ihren High Heels und schon wird es mir wieder besser gehen. Und zum Büssen für all mein bisheriges Jammern über meine Arbeit werde ich in Zukunft meinen Job in High Heels verrichten. Damit ich wenigstens eine leise Ahnung davon bekomme, was andere Frauen durchstehen müssen.

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Schönheitskonkurrenz

Meistens ist es mir ja völlig egal, wie ich aussehe. Solange ich jeden Morgen Zeit für eine Dusche finde, die Kleider zumindest auf den ersten Blick sauber sind und mir die Haare nicht gerade in alle Himmelsrichtungen vom Kopf abstehen, ist für mich alles in bester Ordnung. Ich weiss, dass ich nicht perfekt bin und das ist mir auch ganz recht so. Wer zu gut aussieht, muss sich zu viel Zeit nehmen, um sein Aussehen zu pflegen. Und diese Zeit kann ich besser gebrauchen. Zum Beispiel zum Bloggen. Oder zum Lesen. Oder zum Schwatzen.

Kurz, an fünfundneunzig von hundert Tagen fühle ich mich trotz meiner offensichtlichen Mängel absolut wohl in meiner Haut. Und dann plötzlich, eines Morgens stehe ich auf und sehe, dass ich nicht bloss ein Doppelkinn habe, sondern ein Drei- Vier- oder Fünffachkinn. Ich sehe Tränensäcke, graue Haare und elf überzählige Kilos, die ich immer noch von der letzten Schwangerschaft mit mir herumschleppe. Und natürlich habe ich auch ganz plötzlich nichts mehr zum Anziehen, weil die eine Hose meine Beine zu kurz macht, der andere Rock meinen Hintern zu dick und das T-Shirt meine Haut käsig erscheinen lässt.

An vier von diesen fünf Tagen löse ich das Problem, indem ich mir ein paar Bücher kaufe und meinen Anblick vergesse, bis ich mich wieder mit anderen Augen anschauen kann. Aber dann gibt es diesen einen Tag, an dem alles nichts hilft. Dann bin ich nämlich gezwungen, mich mit all meinen Mängeln aus dem Haus zu schleppen, weil es sich aus irgend einem Grund nicht vermeiden lässt. Und natürlich treffe ich ausgerechnet dann auf eine der wenigen Personen in meinem Bekanntenkreis, die etwas (oder vielleicht auch sehr viel) auf gutes Aussehen und eine gepflegte Erscheinung geben.

Wieso kann ich solche Leute nicht an den Tagen treffen, an denen mir wohl ist in meiner Haut? Und warum muss ich solche Leute immer dann treffen, wenn mindestens eine meiner Schwestern dabei ist? Meine Schwestern, muss man wissen, sind Frauen, die fünf Minuten nach einer Geburt schon wieder aussehen, als wären sie nie schwanger gewesen. Frauen, die Nacht für Nacht neben dem Babybett durchwachen können, ohne auch nur einen Anflug von Augenringen zu bekommen. Die Schwangerschaftsstreifen, die Augenringe, das stumpfe Haar und was sonst noch zur Mutterschaft gehört, bleiben an mir hängen.

An normalen Tagen stört mich das kein bisschen. Das sind ja meine Schwestern und ich bin stolz auf jede einzelne von ihnen. Doch wenn ich mich dann so richtig hässlich fühle und neben einer von ihnen stehe, wir beide mit einem hübschen Baby auf dem Arm, und es kommt jemand daher, um uns beide von Kopf bis Fuss zu mustern, dann wird mir doch etwas mulmig. Ich weiss ja, was jetzt dann gleich kommen wird: „Toll siehst du aus! Man könnte nicht glauben, dass du erst vor ein paar Monaten geboren hast.“ Das gilt natürlich meiner Schwester. „Und du siehst überhaupt nicht müde aus. Dabei hast du doch fünf Kinder.“ Wem das gilt, brauche ich wohl nicht zu sagen…