Abgekühlt

Ich muss zugeben, dass unsere Beziehung zur Volksschule auch schon bessere Tage gesehen hat. Anfangs waren wir ja geradezu begeistert voneinander, wir wollten nur das Beste für die Kinder und die Gelegenheiten, bei denen wir uns begegneten, waren die reinste Freude. Viele nette Worte, gegenseitiges Bekräftigen, dass wir am gleichen Strick ziehen und geduldiges Nachsehen von kleinen Ausrutschern.

In letzter Zeit aber zeichnet sich ab, dass wir uns auseinanderleben. Das liegt wohl vor allem daran, dass „Meiner“ und ich inzwischen alte Hasen sind, wenn es um Sachen Einschulung und Prüfungen geht. Und das hat dazu geführt, dass wir gewisse Dinge einfach nicht mehr so eng sehen. Karlsson hat seine Hausaufgaben zwar gewissenhaft erledigt, hat aber dummerweise die letzte Rechnung übersehen? So what? Dann löst er sie eben heute Nachmittag. Luise hat am ersten Tag nach den Ferien das Turnzeug noch nicht dabei? Ist doch nicht so schlimm, sie hat ja erst am Mittwoch Turnen und somit noch zwei Tage Zeit, es zu bringen. Wir sind eindeutig gelassener geworden, was die Schule anbelangt, auch wenn es uns natürlich nach wie vor wichtig ist, dass unsere Kinder sich anständig benehmen und etwas lernen.

Die Schule aber hat sich in die entgegengesetzte Richtung entwickelt. Drückte man vor einigen Jahren bei einem braven Schüler noch eher mal ein Auge zu, so muss heute für jedes zu Hause vergessene Blatt eine Unterschrift der Eltern her. Fehlt auf dem Blatt der Name des Kindes, zerreist die Lehrerin das Blatt vor den Augen des Kindes. Auch dann, wenn das Kind ein Erstklässler ist, der seine Aufgaben fehlerfrei gelöst hat. Wenn der Name fehlt, ist alles nichts Wert.

Kein Wunder, dass ich heute nicht mehr allzu fröhlich gestimmt war, als mal wieder Schulbesuchstag auf dem Programm stand. Meine Erwartungen wurden leider nicht enttäuscht: Ziemlich farbloser Unterricht, viel Zurechtweisung, kein Lob – mal abgesehen von der Kindergärtnerin, die vom Zoowärter schwärmte – und kaum einmal ein Lächeln.

Oh ja, ich weiss, die Lehrer haben es heute nicht einfach. Ich erlebe das ja hautnah bei „Meinem“ und ich muss gestehen, dass ich selber nicht die Nerven dazu hätte, eine Klasse zu führen. Genau darum bin ich ja auch nicht Lehrerin geworden. Aber ist es denn zu viel erwartet, wenn man sich von einer Person, die diesen Beruf ergriffen hat, einen sanften Hauch von Begeisterung für die Arbeit mit den kleinen Menschen wünscht? Muss man gleich im Kasernenhofton losdonnern, bloss weil ein Kind die Aufgabe nicht beim ersten Mal begriffen hat? Versteht mich nicht falsch, auch ich beherrsche den Kasernenhofton bestens und machnmal mag er sogar angebracht sein, auch im Klassenzimmer. Nur kommen bei mir dazwischen auch mal Sätze wie „Das hast du toll gemacht“ oder „Wisst ihr was, Kinder? Ihr seid einfach grossartig“. Das dürfte doch auch mal gesagt sein, nicht wahr?

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Okay, aber doch nicht so

Es war mir von Anfang an klar, dass die Kinder eines Tages bemerken würden, dass es zweierlei Menschen gibt. Kein Problem, wirklich. Mir macht es nichts aus, wenn meine Söhne im kleinen Kindergarten zum ersten Mal bis über beide Ohren verliebt sind und dass Luise bei den Jungs gut ankommt, stört mich nicht. Im Gegenteil, ich finde es geradezu rührend, wie sie ihre ersten Gehversuche in Sachen Verliebtsein machen. Liebesbriefe, unschuldige Küsschen auf die Wangen, den Namen der Liebsten an die Zimmerwand schreiben – alles vollkommen in Ordnung für mich.

Rasend macht mich hingegen, wie früh das Ganze sexuell aufgeladen wird. Drittklässler, die Spiele spielen, die wir mit fünfzehn gespielt hatten. Mädchen, die noch vor dem zehnten Geburtstag ihr erstes „Date“ haben und sich dazu aufreizend anziehen. Anzügliche Bemerkungen von grösseren Mitschülern bevor die Mädchen überhaupt richtig aufgeklärt sind. Primarschülerinnen, die in der Schulstunde den neuesten Tanz vorführen und zwar mit solch eindeutigen Posen, dass mir schon von Luises Erzählung beinahe übel wird. Zum Heulen finde ich das.

Okay, es war uns von Anfang an klar, dass unsere Kinder in keine heile Welt hineingeboren worden sind. Wir ahnten, dass das Thema schon in der Primarschule aufkommen würde, darum haben wir mit der Aufklärung begonnen, sobald die Knöpfe ihre ersten Fragen stellten. Wir versuchen ihnen zu vermitteln, dass es hier um etwas sehr Kostbares und Zerbrechliches geht, etwas, was weder lächerlich noch schmutzig ist. Darum stimmt es mich traurig, dass wir jetzt schon Gegensteuer geben müssen gegen eine Vorstellung von Sexualität, die geprägt ist von Anzüglichkeiten, billiger Anmache und einem himmeltraurigen Frauenbild.

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Auch nicht besser als alle anderen

Schrecklich: So ganz allmählich werde ich mir selbst zum Albtraum. Da haben „Meiner“ und ich uns jahrelang über die Mütter aufgeregt, die dem Herrn Lehrer bei jeder Gelegenheit ein Brieflein schreiben, wenn sie ihr Kind falsch behandelt sehen und wer schreibt heute alle paar Tage ein nettes, aber leicht weinerliches Brieflein weil der arme Karlsson mit irgend etwas nicht zurechtkommt oder die bedauernswerte Luise einfach nicht schaffen konnte, was man von ihr erwartet hat? Wer unterschreibt das Zeugnis erst, nachdem der Herr Lehrer des Langen und Breiten erklärt hat, weshalb er ab- und nicht aufgerundet hat? Wer beklagt sich bei jeder Gelegenheit lauthals über das kinderfeindliche Schulsystem? Na wer wohl?

Okay, zu meiner Verteidigung muss ich vielleicht sagen, dass mir auch von Lehrerseite bestätigt wird, dass von den Kindern heute zu viel erwartet wird. Aber wenn ich ganz ehrlich bin mit mir selber, dann muss ich mir eingestehen, dass ich wohl auch reklamieren würde, wenn das Schulsystem nicht darauf angelegt wäre, die Kinder zu normieren, bis man sie nicht mehr voneinander unterscheiden kann. Nicht so oft vielleicht, aber ich würde es dennoch tun. Denn am Ende bin ich nicht anders als jede Mutter auch: Meine Kinder sind in meinen Augen grossartiger als in den Augen anderer. Oh ja, ich bemühe mich aufrichtig darum, auch ihre Schwächen zu sehen und sie nicht bei jeder Gelegenheit in Schutz zu nehmen, aber dass mir dies nur bedingt gelingt, muss ich immer dann feststellen, wenn ich wieder zum Stift greife, um ein nettes Brieflein zu schreiben. 

Jetzt, wo ich mir dieses Geständnis von der Seele gerungen habe, muss ich aber doch festhalten, dass es eine absolute Schweinerei war, dass Karlsson nicht… und dass ich es einfach nicht mitansehen konnte, wie man den unschuldigen FeuerwehrRitterRömerPiraten… und dass es doch einfach nicht geht, wenn man den armen kleinen Zoowärter… wo er sich doch so viel Mühe gegeben hat und dass Luise nicht… kann ich beim besten Willen nicht begreifen. Da muss Mama sich doch einfach zur Wehr setzen, nicht wahr?

 

Der Kaiser zur Schützenwurst

Also, den Zoowärter, den möchten sie ja im Kindergarten gerne heilpädagogisch fördern. Weil er nicht jede Anweisung sofort  befolgt und weil er sich manchmal davor fürchtet, über den Balken der Langbank zu balancieren. Zuerst war ich leicht verunsichert, als man uns das mitteilte. Vielleicht hatte ich in meiner mütterlichen Liebe übersehen, dass das Kind in seiner Entwicklung nicht so weit ist, wie es sein sollte?

Meine Sorgen legten sich schnell wieder, denn der Zoowärter ist nicht auffälliger als jedes andere Kind, das nicht nach irgend einer EU-Norm gezeugt und dressiert  worden ist. Spätestens heute verflogen meine letzten Zweifel. Da sang der Junge das Lied von den Grenadieren – ja, ich weiss, ein schreckliches Lied, aber er liebt es – von der ersten bis zur letzten Silbe auswendig und fehlerfrei. „Meiner“ und ich schauten uns nur mit hochgezogenen Augenbrauen an und meinten: „Ganz eindeutig: Förderstufe zwei.“

Dabei ist der Junge deutlich weiter, als ich es in seinem Alter war. Ich sang nämlich immer nur „Der Kaiser der Kaiser zur Schützenwurst“. Und mich wollten sie nicht mal heilpädagogisch fördern, obschon ich doch ganz offensichtlich nicht fähig war, Historisches von Kulinarischem zu unterscheiden. Was waren wir doch für arme, vernachlässigte Kinder…

 

Kindersorgen – Mamasorgen

Luise fiebert vor sich hin und sorgt sich. Ob sie die Hausaufgaben noch vor den Ferien schafft. Wo ihr Zahlenbuch hingekomen ist. Ob sie bei der nächsten Prüfung eine sechs schafft (Ja, ihr lieben Deutschen, bei uns wollen die Kinder Sechsen schreiben, weil eine Eins eine Katastrophe wäre). Und schliesslich sorgt sie sich, ob sie am Freitag wieder gesund ist, damit sie den Film in der Schule nicht verpasst.

Armes kleines Mädchen, sorgt sich um die Schule,  wo sie doch nur gesund werden sollte. Ich mache das ja ganz anders, wenn ich krank bin. Ich ziehe mir seichte Schnulzen rein, lese den Spiegel, blogge ein paar  Kleinigkeiten und verschwende keinen Gedanken an meinen Alltag. Und dazwischen  döse ich ein, träume von der unerledigten Arbeit auf meinem Schreibtisch, von der gähnenden Leere auf dem Konto, von dem Schmutz auf dem Küchenfussboden, von verstopften Strassen, die mich daran hindern, rechtzeitig an mein Ziel zu kommen und davon, dass wir die Kindergeburtstagsparty des Zoowärters vergessen. Aber das zählt nicht als Sorgen. Ist ja alles nur ein Traum. Nicht wahr?

Standortbeurteilung

Früher nannten sie es Beurteilungsgespräch. Das Kind bekam in der Schule oder im Kindergarten einen Fragebogen mit Smiley-Gesichtern, auf dem es einzeichnen durfte, was es gut kann und was ihm Mühe bereitet. Die Lehrerin füllte den gleichen Bogen aus, dann wurden Eltern und Kind zu einem Gespräch eingeladen. Das Kind stand im Zentrum, man sprach über sein Wohlbefinden, über seine Stärken und seine Schwächen. Man liess das Kind reden, stärkte sein Selbstbewusstsein mit lobenden Worten und einigen Hinweisen, was es besser machen könnte. Das Beurteilungsgespräch war nicht perfekt, es gab immer wieder Eltern, die mit einem mulmigen Gefühl nach Hause gingen. Heute erinnert man sich dennoch sehnsüchtig an das Beurteilungsgespräch zurück.

Der Begriff „Beurteilungsgespräch“ wurde abgeschafft, man spricht jetzt von „Standortgespräch“. Das läuft so ab: Man zitiert die Eltern zum Gespräch – je nach Lehrperson bitte lieber ohne Kind – und präsentiert ihnen einen Zettel mit Kreuzen drauf. „Trifft in hohem Masse zu“ – gibt es nicht. „Trifft zu“ – wen interessiert das schon? Über das, was gut läuft, braucht man nicht zu reden. „Trifft teilweise zu“ – hier wird es allmählich interessant. „Wenn wir in diesem Bereich nichts unternehmen, besteht die Gefahr, dass es zu einem Defizit kommt“, heisst es dann. „Es ist natürlich nicht dramatisch, aber eine Fördermaßnahme wäre angezeigt“ oder „Ist Ihnen auch schon aufgefallen, dass Ihr Kind hier ein Problem hat?“ Die Spalte „Trifft nicht zu“ bleibt gewöhnlich leer, aber der Hinweis „Wir wollen doch nicht, dass das Kind hier landet“ macht sich immer mal wieder gut, wenn das Kind nicht den gewünschten Einsatz zeigt.

Der Hauptteil des Gesprächs dreht sich um „Trifft teilweise zu“, wenn man Glück hat, fällt irgendwann noch die Bemerkung, dass man eigentlich ganz zufrieden sei mit dem Kind und dann steht man plötzlich auf der Strasse und fragt sich, ob man in den falschen Film geraten ist. Da will man nicht mehr von „Beurteilung“ reden, tut aber genau das in einem Mass, dass man sich als Eltern fragen muss, was aus dem Wohlwollen geworden ist, auf das die Kinder so sehr angewiesen sind, um sich gesund entwickeln zu können.

Nehmt diesem Kind den Wecker weg!

Jeden Mittwoch muss Luise früh raus. Um zwanzig nach sieben fängt die Schule an, was „Meiner“ und ich regelmäßig vergessen. So ist es schon mehrmals vorgekommen, dass Luise nur gerade ein paar Minuten Zeit hatte, um sich für die Schule bereit zu machen. Damit sich dies ändert, hat die Grossmama Luise einen Wecker geschenkt.

Heute früh, es war wohl gegen halb sechs, kam das Ding zum ersten Mal zum Einsatz. Wenige Momente später stand das Kind in unserem Schlafzimmer. „Mama, Papa! Ihr müsst aufstehen, sonst komme ich zu spät zur Schule.“ Ein Blick auf die Uhr zeigte uns, dass unsere Tochter mal wieder übertreibt. „Geh zurück ins Bett. Es ist noch viel zu früh“, murmelte ich und versuchte, wieder einzuschlafen. Zehn Minuten später wieder Luise: „Wann steht ihr endlich auf? Ich komme ganz bestimmt zu spät.“ Nach weiteren fünf Minuten dann „Mama, kannst du mir einen Pferdeschwanz binden?“ „Nein, kann ich nicht, es ist noch nicht mal sechs Uhr und ich weigere mich, die Augen aufzumachen. Wenn du unbedingt wach sein willst, kannst du etwas lesen, aber sei bitte still, mir brummt der Schädel“, war meine ziemlich unfreundliche Antwort. „Aber Mama, ich komme doch zu spät zur Schule. Der Wecker hat schon längst geklingelt. Und Grossmama hat gesagt…“ „Ja, meine liebe Luise, ich weiss, dass dir Grossmama gesagt hat, du sollst den Wecker stellen, damit du nicht zu spät kommst, aber sie hat dir nicht gesagt, du solltest ihn mitten in der Nacht stellen.“ „Aber Mama, du weisst doch, dass ich einen Eintag bekomme, wenn ich nicht rechtzeitig bin…“

Ja, mein Kind, ich weiß es, aber du weisst auch, dass deine morgenmuffelige Mama das Bett erst dann verlässt, wenn es sich wirklich nicht mehr länger vermeiden lässt. Und was ist schlimmer, eine unausgeschlafene, übel gelaunte Mama, oder ein Eintrag im schulischen Sündenregister?

Kindergartenkrankheit

Früher oder später erkrankt wohl jedes Kind daran. Gewöhnlich im letzten Quartal des zweiten Kindergartenjahres, wenn das Kind sich reif für die Schule fühlt. Blass und zittrig sitzt das Kind dann am Frühstückstisch und klagt über Übelkeit, Bauch- und Kopfweh. „Mama, mir tut jeder Knochen weh. Du musst die Kindergärtnerin anrufen und ihr sagen, dass ich nicht komme“, klagt das Kind. „Bist du dir auch ganz sicher, dass du krank bist? Letzte Woche bist du durchs Haus geschwirrt wie eine wütende Wespe, kaum habe ich das Telefon aufgehängt.“ „Aber Mama, ich bin wirklich krank. Fühl mal meine Stirn. Ich glaube, ich habe Fieber.“ Mama fühlt und findet: „Ja, vielleicht hast du tatsächlich Fieber. Ich melde dich ab. Aber du versprichst mir, dass du den ganzen Tag im Bett bleibst, Tee trinkst und Bilderbücher anschaust.“ „Versprochen, Mama.Ruf jetzt endlich an.“ Mama ruft die Kindergärtnerin an – „Ich weiss auch nicht, was ihm fehlt. Ja, schon wieder krank. Vielleicht muss ich wirklich mal zum Arzt gehen mit ihm. Ja, ich mache mir auch allmählich Sorgen.“ – und noch ehe sie das Telefon aus der Hand gelegt hat, hüpft das Kind vom Sofa hoch und will spielen, die Grossmama besuchen, in die Ikea fahren, einen Spielkameraden einladen, basteln… „Mein liebes Kind, wenn man krank ist, kann man all dies nicht tun“, wehrt die Mama ab. „Aber Mama“, sagt das Kind und grinst. „Ich bin doch schon wieder gesund. Ich hatte doch einfach keine Lust, in dem Kindergarten zu gehen.“

Wie gesagt, die Kindergartenkrankheit ist nichts Neues für mich. Neu aber ist, dass sie beim Zoowärter bereits wenige Monate nach dem ersten Kindergartentag auftritt. Und zwar fast jede Woche. Was ziemlich anstrengend ist, denn ich mag nicht jeden Morgen diskutieren, mag ihn auch nicht immer und immer wieder bei der Grossmama parkieren, wenn ich zur Arbeit muss. Dumm ist nur, dass ich den Zoowärter so gut verstehen kann. Wenn ich nur montags etwas zum Zeigen hätte mitbringen dürfen, ich wäre auch nicht gerne in den Kindergarten gegangen.

 

Hach, wie besinnlich

In diesen Tagen reagiere ich mal wieder besonders empfindlich auf tiefe Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen. Zumindest, wenn sie von Kinderlosen kommen. Ja, ich weiss, die Vorweihnachtszeit ist für die meisten Menschen ziemlich hektisch, aber für uns Kinderreichen ist sie mehr als das. Sie ist das, was für den Buchhalter der Jahresabschluss, für das Warenhaus der Sommerausverkauf, für den Magenbrotverkäufer die Herbstmesse und die Verkäuferin am Schwimmbadkiosk der erste Hitzetag nach drei Wochen Regen ist. Und zwar alles miteinander. Hochsaison für gestresste Eltern, sozusagen.

Ich rede hier nicht in erster Linie von den unzähligen Geschenken, die es zu kaufen, zu verstecken und einzupacken gilt. Auch nicht von der Vorweihnachtsbäckerei, die den Kindern genau so lange Spass macht, bis es ans Aufräumen geht. Auch das Geschenkebasteln für Gotte, Götti, Grossmama, Grosspapa, Lehrerin und Lieblingstante ist hier nicht das Thema. Und für einmal will ich auch nicht klagen über die verschiedenen mehr oder weniger romantischen Veranstaltungen – im Wald bei Wind und Regen, vor der Kirche bei klirrender Kälte, in einem überheizten Wohnzimmer bei Kerzenschein -, zu denen wir Eltern in der Vorweihnachtszeit gerne eingeladen werden. Das sind ja eigentlich die schönen Seiten dieser besonderen Zeit und wenn auch nicht immer alles als besonders gelungen bezeichnet werden kann, so verleiht es doch diesen Tagen das ganz besondere Etwas, ohne das es nie so richtig Weihnachten werden könnte.

Nein, was uns in diesen Tagen so sehr zu schaffen macht, ist der Alltag, dem es schnurzegal ist, ob es noch ein halbes Jahr dauert bis Weihnachten oder nur noch zwei Wochen. So widrig die Widrigkeiten des Alltags während des Jahres auch sein mögen, sie sind nie so widrig wie dann, wenn man eigentlich allmählich besinnlich werden möchte. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat am sechsten August das Gipspulver für seine Fossilien, die er giessen will, im Treppenhaus  verschüttet und danach im ganzen Haus Spuren verteilt, dann ist es ein Ärgernis. Geschieht das Malheur aber am siebten Dezember, dann möchte man laut heulen. Denn eigentlich hätte man so gerne eine Kerze angezündet, einen Tee aufgesetzt und mit den Kindern über den Sinn von Weihnachten philosophiert. Bekommen die Kinder an einem gewöhnlichen Dienstag zu viele Hausaufgaben, quittiert man dies mit einem Seufzer. Müssen sie aber am Nikolaustag lange über den Büchern brüten, möchte man sich die Haare raufen und laut schreien. Stattdessen treibt man die Kinder zur Eile an. „Nun mach schon vorwärts, in einer halben Stunde kommt der Samichlaus!“ Hach, wie romantisch!  Versinkt das Haus an einem gewöhnlichen Sonntag im Chaos, findet man das zwar lästig, aber man kann so halbwegs damit leben. Wenn da aber eine, zwei, drei oder gar vier Adventskerzen ihr sanftes Licht verbreiten sollten, sieht das Ganze einfach nur noch schrecklich aus und man kann gar nicht mehr anders, als der Unordnung zu Leibe zu rücken, alleine schon, um die Brandgefahr zu verringern denn Kerzen und Chaos passen nicht nur optisch so gar nicht zusammen. 

Nun macht der Alltag natürlich auch bei Menschen, die keine Kinder haben, keinen weiten Bogen um die Vorweihnachtszeit. Auch wer keine Kinder hat, ringt oftmals verzweifelt um ein paar stille Momente. Aber sie müssen nicht zuerst all die Erdnussschalen, die sich nach dem Samichlausbesuch im ganzen Haus verteilen, vom Sofa klauben, bevor sie sich zu einem gemütlichen Tässchen Tee hinsetzen. Und darum ertrage ich auch die Seufzer und „ach, diese Vorweihnachtszeit ist einfach furchtbar stressig“-Bemerkungen so schlecht. Vor allem, wenn ich gerade auf einer Erdnussschale sitze. Oder Gips vom Fussboden aufwische.

 

Sündenregister

Alle paar Wochen muss mir Karlsson sein Sündenregister vorlegen und ich oder „Meiner“ haben die Pflicht, jeden einzelnen Eintrag zu unterschreiben. Am 15. 9. zum Beispiel hat der Junge vergessen, ein Blatt abzugeben, einige Wochen später hat er nicht daran gedacht, uns eine Prüfung zum Unterschreiben vorzulegen und am 28. 11. – man mag es kaum fassen – waren seine Hausaufgaben doch tatsächlich nicht bis zum letzten Punkt und Komma fertig gelöst. Ich meine mich daran zu erinnern, dem Lehrer damals ein Brieflein geschrieben zu haben mit einer Begründung für dieses Vergehen, aber vielleicht irre ich mich ja.

Schrecklich, was ich da über meinen Sohn erfahren muss, nicht wahr? Da wagt es mein Kind doch tatsächlich, so zu sein wie wir damals. Durchaus bestrebt, alles richtig zu machen, aber halt doch mit dem einen oder anderen kleinen Ausrutscher, weil man eben nicht immer an alles denken kann, wenn man Kind ist. Aber was schreibe ich da „wenn man Kind ist“? Man zeige mir den Erwachsenen, der nicht hin und wieder ein Formular einen oder zwei Tage zu spät abgibt oder der gar – oh Schreck – beim Wocheneinkauf nicht daran denkt, den Windelvorrat aufzustocken. 

Ja, ich weiss, Ordnung muss sein und ein Kind muss lernen, selbständig an seine Aufgaben zu denken. Und ich habe ja auch nicht grundsätzlich etwas dagegen einzuwenden, wenn auf Pünktlichkeit, Sorgfalt und Zuverlässigkeit Wert gelegt wird. Aber ist es wirklich nötig, einem pflichtbewussten Kind das Leben noch anstrengender zu machen, indem man ihm regelmässig ein Sündenregister vorlegt und ihm androht, dass es einen Eintrag im Zeugnis geben wird, wenn es sich noch mehrere solcher schwerer Vergehen erlaubt? Braucht es wirklich für jedes vergessene Blatt eine elterliche Unterschrift, so wie man zu unseren Zeiten für eingeschlagene Fensterscheiben und aufgestochene Velopneus einen gelben – oder wenn es ganz schlimm kam einen roten – Zettel zum Unterschreiben mit nach Hause bekam? Nicht, dass ich Erfahrungen gemacht hätte damit, meine Verfehlungen bewegten sich im gleichen Rahmen wie diejenigen von Karlsson, aber ich habe grosse Brüder und so sind mir die Strafmassnahmen von damals nicht ganz fremd.

Ja, es waren andere Zeiten damals, vielleicht etwas antiautoritärer als heute, was bestimmt nicht nur positive Auswirkungen auf meine Generation hatte. Und doch zweifle ich daran, dass es jetzt, wo das Pendel immer heftiger ins andere Extrem schwingt, viel besser herauskommt.