Warum überhaupt?

„Warum willst du überhaupt eine Diagnose?“, fragte neulich jemand, als wir darauf zu reden kamen, dass beim FeuerwehrRitterRömerPiraten einige Dinge anders sind als bei anderen Kindern. „Er ist halt einfach der FeuerwehrRitterRömerPirat mit all seinen liebenswerten und auch einigen schwierigen Seiten. Nehmt ihn doch einfach, wie er ist und verzichtet auf die Abklärungen“, meinte die Person und ich hätte ihr nur zu gerne beigepflichtet.

Eigentlich hat sie ja recht. Wozu soll so ein Etikett gut sein, das man dem Kind anheftet? Sind die Menschen denn nicht in der Lage, ein Kind einfach so zu nehmen, wie es nun mal ist? Mit ihm unterwegs zu sein und ihm zu helfen, die wunderbaren Dinge, die in ihm drin stecken, zu Tage zu befördern? Die Geduld aufzubringen, mit ihm manches, was bei anderen mit zunehmendem Alter ganz von selbst kommt, Schritt für Schritt zu erlernen?

 Nein, das sind sie ganz offensichtlich nicht, oder zumindest lässt das System ihnen nur sehr wenig Spielraum, diese Geduld aufzubringen. Ein Kind hat gefälligst so zu funktionieren, wie die Mehrheit der Kinder in einem bestimmten Alter funktioniert und wenn es das nicht tut, unterstellt man ihm schnell einmal Unwilligkeit. Alle seine Fähigkeiten und liebenswerten Eigenschaften spielen plötzlich keine Rolle mehr, es ist nur noch das Kind, das nicht liefert, was man glaubt, von ihm erwarten zu können.

Wie schwierig es ist, für ein solches Kind nur schon ein Minimum an Unterstützung zu bekommen, habe ich an anderer Stelle schon zur Genüge beschrieben. Erweist sich dann aber das Minimum, das man dem Kind irgendwann doch noch zugestanden hat, als zu wenig, läuft ohne präzise Diagnose überhaupt nichts mehr. Also hast du die Wahl: Entweder, du lässt die Experten an dein Kind heran, die herausfinden, wo der Grund für die Schwierigkeiten liegt, oder du lässt dein Kind untergehen. (Ja, ich weiss, einige würden jetzt für Homeschooling plädieren, aber aus Gründen, die nicht hierher gehören, geht das im Falle des FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht.)

Mit etwas Glück gerätst du nach langer Suche endlich an eine kompetente Fachperson, die das Kind nimmt, wie es ist, mit all seinen Schwächen und Stärken. Diese Fachperson darf dann, wenn Sie herausgefunden hat, wo der Hase im Pfeffer liegt, mit der Diagnose in der Hand für die nötige Unterstützung kämpfen. Sogar dann, wenn sich – wie Gott sei Dank in unserem Fall – die Schule nach ihren Erläuterungen willig zeigt, dem Kind zu geben, was es braucht, muss das noch lange nichts heissen. Das letzte Wort hat nämlich die Bildungspolitik und die hat ja trotz verankertem Recht auf Bildung in erster Linie die Finanzen im Blick. Die Diagnose ist also noch lange keine Garantie auf echte Unterstützung – vielleicht weicht sie ja einen halben Millimeter von dem ab, was noch durchgeht -, aber immerhin öffnet sie dir die Tür einen Spalt breit, damit wieder ein Schimmer Hoffnung auf das trübe Szenario von Versagensängsten, Überforderung und Schulfrust scheint. 

Und weil der FeuerwehrRitterRömerPirat diesen Hoffnungsschimmer ganz dringend braucht, sind wir ganz froh, nach vielen unnötigen Umwegen endlich eine Diagnose zu haben (die übrigens das bestätigt, was wir beobachtet haben und jetzt hat das Kind auch einen Namen bekommen).

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Definitionen

Wenn man Kinder hat, bekommen gewisse Wörter eine ganz neue Definition. Hier ein paar Beispiele:

Kind

Defintion Duden (Auszug):
1. Noch nicht geborenes, gerade oder vor noch nicht langer Zeit zur Welt gekommenes menschliches Lebewesen; Neugeborenes, Baby, Kleinkind
2. Mensch, der sich noch im Lebensabschnitt der Kindheit befindet (etwa bis zum Eintritt der Geschlechtsreife), noch kein Jugendlicher ist; noch nicht erwachsener Mensch

Definition Eltern:
1. Über alles geliebter, grenzenlos begabter, bildhübscher und nahezu vollkommener Mensch, ohne den man sich sein Leben nicht mehr vorstellen könnte 
2. Kleines Monster, das einen so spielend zur Weissglut treibt wie sonst niemand auf diesem Planeten

Liebe

Definition Duden (Auszug):
1. Starkes Gefühl des Hingezogenseins; starke, im Gefühl begründete Zuneigung zu einem (nahestehenden) Menschen
2. Auf starker körperlicher, geistiger, seelischer Anziehung beruhende Bindung an einen bestimmten Menschen, verbunden mit dem Wunsch nach Zusammensein, Hingabe o. Ä.
3. Sexueller Kontakt, Verkehr

Definition Eltern:
1. Kind
2. Kind
3. Kind
4. Kind
5. Kind
6. Kind
7. Kind
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102. Partner, so man sich denn mal sieht vor lauter Kind

Freizeit

Definition Duden:
Zeit, in der jemand nicht zu arbeiten braucht, keine besonderen Verpflichtungen hat; für Hobbys oder Erholung frei verfügbare Zeit

Definition Eltern:
1. Zeit, in der jemand so geschafft ist, dass er nicht mehr in der Lage ist, seinen Verpflichtungen (Wäscheberge, Steuererklärung, Geschirrspüler ausräumen, Hausaufgaben beaufsichtigen, etc.) nachzugehen, weshalb er oder sie auf dem Sofa kollabiert und sich irgend eine schwachsinnige Serie reinzieht, obschon eigentlich andere Dinge zu erledigen wären
2. Zeit, die einem der Partner schenkt, damit man mal wieder ausspannen kann, was aber nur gelingt, wenn man es schafft, nicht daran zu denken, was der Partner in dieser Zeit alles alleine stemmen muss
3. Tauschhandel mit dem Babysitter (wenig Zeit gegen viel Geld), mit dem Ziel, endlich mal wieder Zeit mit dem Partner zu verbringen

Wochenende

Definition Duden:
[Freitagabend,] Samstag und Sonntag (als arbeitsfreie Tage)

Definition Eltern:
1. Freitagabend: Der Abend, an dem alle anderen schon Wochenende haben, man selber aber die Kinder wahlweise zum Schulsport, zum Instrumentalunterricht oder zur Klassenfete karrt.
2. Samstag: Zimmer aufräumen, putzen, Schuhe kaufen, Reparatur- und Gartenarbeiten, Bibliotheksbesuch, Wände streichen, ausmisten und zwar alles unter Einbezug der Kinder, damit sie lernen, dass sich die Arbeit nicht von selbst erledigt, was nicht selten zu wüsten Streitereien führt
3. Sonntag: Tag der Erholung, der inneren Einkehr, der Familienausflüge und der Gäste, nicht selten ruiniert durch vergessene Hausaufgaben und unvermeidliche Sportanlässe

Ferien

Definition Duden:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende, turnusmässig wiederkehrende Arbeitspause einer Institution (z. B. der Schule, der Hochschule, des Gerichts oder des Parlaments)
2. Urlaub

Definition Eltern:
1. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Kinderbespassung dienende Verlagerung des Alltags, die einen riesigen Vorbereitungsaufwand erfordert und ein gigantisches Loch in die Familienkasse reisst
2. mehrere zusammenhängende Tage oder Wochen dauernde, der Erholung dienende Arbeitspause der Schule, welche die Eltern ratlos lässt, wie sie in dieser Zeit die Kinderbetreuung organisieren sollen
3. Verklärte Erinnerungen, sobald man es geschafft hat, den Stress auf der Hinreise, den Augenblick, als die Kreditkarte ihren Dienst versagte und den Familienkrach im Louvre zu vergessen

Schule

Definition Duden (Auszug):
1. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch planmässigen Unterricht Wissen und Bildung vermittelt werden
2. Schulgebäude
3. In der Schule erteilter Unterricht
4. Ausbildung, durch die jemandes Fähigkeiten auf einem bestimmten Gebiet zu voller Entfaltung kommen, gekommen sind; Schulung
5. Gesamtheit der Lehrer- und Schülerschaft einer Schule

Definition Eltern:
1. Schulgebäude, an dem man mit dem Kleinkind regelmässig vorbei spaziert und sagt: „Sieh mal, das ist die Schule. Hier wirst du ganz viel lernen, wenn du grösser bist.“
2. Lehranstalt, in der Kindern und Jugendlichen durch nicht immer stundenplanmässigen Unterricht das vermittelt wird, was die Schulreformer gerade für besonders wichtig halten
3. Der zweite Durchlauf, bei dem erwartet wird, dass man nicht nur abrufen, sondern auch weitergeben kann, was man im ersten Durchlauf hätte lernen sollen, auf dass der Nachwuchs klüger werde als man selber
4. Ausbildung, durch welche die Fähigkeiten eines Kindes auf einem bestimmten Gebiet im besten Falle gefördert werden, damit sie zur vollen Entfaltung kommen, im schlimmsten Falle nicht erkannt, nicht gefördert und vielleicht sogar negiert werden

Glück

Definition Duden:
1. etwas, was Ergebnis des Zusammentreffens besonders günstiger Umstände ist; besonders günstiger Zufall, günstige Fügung des Schicksals
2. das personifiziert gedachte Glück; Fortuna
3. a) angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man in den Besitz oder Genuss von etwas kommt, was man sich gewünscht hat; Zustand der inneren Befriedigung und Hochstimmung
3. b) einzelne glückliche Situation; glückliches Ereignis, Erlebnis

Definition Eltern:
1. Kinder gesund, Partner gesund, Dach über dem Kopf, alle mehr oder weniger zufrieden und keiner mäkelt am Essen rum
2. angenehme und freudige Gemütsverfassung, in der man sich befindet, wenn man sein friedlich schlafendes Kind betrachtet und es nicht fassen kann, dass einem ein solcher Segen geschenkt worden ist

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Drei Mütter

Heute mal wieder eine erzwungene Kaffeepause, während Luise sich einer längeren Untersuchung unterziehen muss. Nacheinander kommen drei Mütter ins Café.

Mutter 1 mit Baby, ca. 10 Monate alt

„Das kannst du schon richtig gut. Du hast ja so viel zu erzählen. Halt dich doch mal kurz hier fest, dann gehe ich bezahlen. Willst du dir das Mützchen nicht selber anziehen? Das kannst du bestimmt schon ohne meine Hilfe.“  – Liebevoll, zugewandt, aber so viel „Hilf mir, es selbst zu tun“, dass das arme kleine Menschlein schon ganz verdattert ist.

Mutter 2 mit Tochter, ca. 2.5 Jahre alt

Rein ins Café, Bestellung aufgeben, Zeitschrift schnappen, ab und zu ein Blick aufs Kind, ansonsten Stille am Tisch, nur gelegentlich unterbrochen von einem kurzen Geplauder zwischen Mutter und Tochter. Das Kind hat ausgetrunken, die Mama nicht, also bekommt es die Jacke angezogen, wird nach draussen geschickt, damit Mama in Ruhe fertig Kaffee trinken kann, natürlich immer mit Blickkontakt durchs grosse Fenster. – Nicht kaltherzig, eher so „Du sagst mir, wenn du mich brauchst, ja?“

Mutter 3 mit Sohn, ca. 3 Jahre alt

Erst wird Söhnchens Stühlchen mit einem dicken Kissen gepolstert, dann wird bestellt, dann gibt’s einen Schleckstengel und dann wird geplaudert: „Gell, Liam, du magst Kaffeekränzchen mit der Mama. Ist das nicht schön hier? Oh, jetzt hast du aber ein grosses Stück abgebissen! Sitzt du auch richtig bequem? Ja ja, Kaffeekränzchen nur für Mama und Liam, das gefällt dir. Wenn wir fertig sind, gehen wir noch ein wenig spazieren und dann nach Hause. Aber jetzt geniessen wir erst mal unseren Kaffee.“ – Liam, Liam und nochmals Liam, bis zum Abwinken.

Dennoch wird Liams Mama die einzige sein, die dereinst beim Elterngespräch in der Schule gut ankommt. 

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Interkultureller Dialogversuch, Teil V

Vorbemerkung: Wie immer, wenn ich einen Einblick in die nicht immer ganz erfolgreiche Kommunikation mit der italienischen Verwandtschaft gewähre, ist auch dieser Beitrag nicht wertend zu verstehen. Er soll einfach zeigen, wie man auch nach Jahren noch grandios aneinander vorbei reden kann.

Dialog Nr. 5

Schwiegermama und „Meiner“ unterhalten sich am Telefon über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in den vergangenen Monaten eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen musste. Das Gespräch verläuft ungefähr so:

„Meiner“: „Die Untersuchungen sind jetzt abgeschlossen. Die Ärztin hat herausgefunden, dass er…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“, wie so oft, nicht ausreden): „Der Junge liest einfach zu viel.“

„Meiner“: „Nein, das ist ganz bestimmt nicht das Problem. Im Gegenteil, dass er so viel liest ist…“

Schwiegermama (unterbricht schon wieder): „Er sollte unbedingt weniger lesen. Dann ginge es ihm besser.“

„Meiner“: „Dass er so viel liest, ist sehr positiv, das zeigen die Untersuchungsergebnisse ganz klar. Die Sache ist die…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“ natürlich noch immer nicht fertig erklären, denn sie weiss ja, wo das Problem liegt): „Die vielen Bücher verwirren ihn doch nur. Würdet ihr ihn nicht immer so viel lesen lassen, hätte es diese Untersuchungen gar nicht gebraucht. Die Geschichten bringen ihn doch nur durcheinander.“

Na ja, wenn sie meint. Dann versuche ich mal, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Buch zu entwinden, das er gerade liest. Vermutlich bin dann einfach ich diejenige, die ärztlichen Beistand braucht.

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Sinnvolle Ferienbeschäftigung

Heute wieder mal so ein unsinniger Termin: Trotz Schulferien früh aus dem Bett, den Zoowärter bei Grossmama, wo er übernachtet hat, abholen, schnell schnell alles bereit machen und ab zur Abklärung. Die Schrift sei ganz fürchterlich, haben Lehrerin und Heilpädagogin gemeint. So schlimm sei die nun auch wieder nicht, wenn man bedenke, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin sei, die in seinem Alter nicht schöner geschrieben hätte, finden „Meiner“ und ich. Ausserdem sei die Schnüerlischrift ja ohnehin ein Auslaufmodell. Aber man möchte ja als Eltern nicht unnötig starrsinnig sein und karrt das Kind eben zur Abklärung.

Siebzig Minuten lang wird gespielt, gefragt, geschrieben, abgezeichnet, gebaut, Zeit gemessen und was sonst noch so alles dazu gehört, dann der Befund: So schlimm ist das nun auch wieder nicht mit dieser Schrift, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin ist, die in seinem Alter auch nicht schöner geschrieben hat. Eine Therapie ist nicht nötig, Lehrerin und Heilpädagogin sollen sich ein wenig entspannen, die Schnüerlischrift ist ja ohnehin ein Auslaufmodell, also soll man den Zoowärter nicht unnötig damit belasten. Man soll die Therapieplätze für die Kinder freihalten, die sowas auch wirklich nötig haben. Wunderbare Einigkeit zwischen Mutter und Therapeutin, die beide schon oft erlebt haben, dass es am hilfreichsten ist, dem Kind einfach Zeit zu lassen. 

Nach neunzig Minuten wieder nach Hause. Ich mit einem leisen Groll, weil man dem Zoowärter mit der ewigen Kritik an seiner Schrift die Freude am Schreiben genommen hat, er mit einem leisen Groll, weil er kein Fall für die Therapeutin ist. Dabei hatte er sich doch so sehr auf die tollen Sachen gefreut, die er dort hätte machen dürfen. 

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Kram

Es gibt Mütter – und ich meine jetzt nicht nur mich selber, ich kenne auch viele andere, die so sind -, die weder Zeit noch Lust haben, ihren Kindern alles hinterherzutragen. Klar, wenn sie merken, dass ein Kind überfordert ist, helfen sie, aber im Grossen und Ganzen erwarten sie von ihrem Nachwuchs, dass sie wissen, wann sie was brauchen und auch dran denken, die Dinge mitzunehmen. An manchen Tagen klappt das perfekt, dann schlägt das Kind frühmorgens die Augen auf und sagt: „Ich muss heute noch meine Schwimmsachen mitnehmen. Ich hol sie mir gleich aus der Waschküche.“ An anderen Tagen klappt das weniger gut, dann muss Mama sagen: „Denk dran, du hast heute Schwimmen. Hol dir noch die Sachen aus der Waschküche, ehe du aus dem Haus gehst.“ An gewissen Tagen klappt das ganz und gar nicht, da denken weder Kind noch Mama an den Schwimmunterricht, was die Lehrerin verständlicherweise nervt. Und darum heisst es bei Kindern, die so aufwachsen, beim Standortgespräch in schöner Regelmässigkeit: „Du musst unbedingt den Kopf besser bei der Sache haben. Wenn das so weitergeht mit dir, wirst du Schwierigkeiten haben, einen anständigen Job zu bekommen.“ Den Mamas, die beim Gespräch dabei sitzen, ist das dann meist ziemlich peinlich, denn sie wissen genau, dass der Vorwurf eigentlich ihnen gilt.

Dann gibt es auch Mütter, die bringen ihrem Kind das Turnzeug in die Schule, wenn es zu Hause liegen geblieben ist, obschon auf dem Stundenplan Turnen steht. Bevor das Kind aus dem Haus geht, wird noch schnell geprüft, ob es auch wirklich alles eingepackt hat. Kommt das Kind nach Hause, räumt Mama den Schulsack aus, damit kein vergessenes Pausenbrot darin schimmlig werden kann. An manchen Tagen kommt sie auch um zehn Uhr auf den Pausenhof gerannt, weil das Znüni auf dem Küchentisch liegen geblieben ist. Das alles nicht nur im Kindergarten oder in der ersten Klasse, sondern auch noch am Ende der Primarschule, manchmal sogar noch in der Oberstufe. Kinder solcher Mütter bekommen beim Standortgespräch nie zu hören, sie müssten den Kopf besser bei der Sache haben, wenn das so weitergehe, würden sie später, wenn sie einen Job suchen, einen furchtbar schlechten Eindruck machen. Diese Mamas müssen nie mit schamrotem Gesicht dabei sitzen, denn sie tun alles dafür, dass ihr Kind gut dasteht.

Fragt sich einfach, wie das Kind dereinst dastehen wird, wenn es eigentlich schon längst kein Kind mehr wäre und noch immer nicht gelernt hat, dass es selber für seinen Kram verantwortlich ist.

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Nichts für Kinder

„Saukalt mit diesem Schnee“, sagen wir Erwachsenen gern, „und dann auch dieser Matsch, sobald es etwas wärmer wird. Schrecklich. Aber für die Kinder ist es halt schon toll.“ Und genau in diesem letzten Punkt irren wir gewaltig. Ein elender Stress ist er für unsere Kinder, dieser Schnee. Erst mal ist da die Panik, dass er schon wieder weg sein könnte, bevor man es geschafft hat, den Schlitten aus der Garage zu holen. Und dann jeden Tag dieses Affentheater auf dem Pausenhof. Eissplitter in den Schneebällen, Fieslinge, die trotz ausdrücklichem Verbot auf den Kopf zielen, hinterhältige Attacken in der schneeballfreien Zone. Dazu natürlich eiskalte Finger und die ewigen Schimpftiraden, weil man vergessen hat, die Schuhe zu säubern, bevor man zurück ins Haus gegangen ist. Nicht mal die Kinder, die sich aus den Kämpfen raushalten und stattdessen einen Schneemann bauen, können die Sache geniessen. Mal sind die Handschuhe durchnässt, dann wieder ist der Schnee zu pulverig und falls doch mal alles stimmt, hat Mama ganz bestimmt kein Rüebli mehr im Kühlschrank, das als Nase herhalten könnte.

Nein, Schnee ist definitiv nichts für Kinder. Dafür aber für erwachsene Romantiker, die vergessen haben, wie es wirklich ist dort draussen in der Kälte und darum aus der warmen Stube mit verklärtem Blick den Flocken beim Tanzen zuschauen. 

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Die Zaubermaus und der Filzstift

Da bunkert man sich einmal einen ganzen Tag lang in seinem Büro ein, hängt abends noch eine Sitzung an und am nächsten Morgen findet man im Kinderzimmer ein Prinzchen mit violetter Filzstift-Kriegsbemalung im Gesicht. Gewöhnlich habe ich ganz und gar nichts gegen Filzstift-Kriegsbemalungen, meistens nehme ich sie nicht mal mehr zur Kenntnis, weil sie halt einfach entstehen, wo Kind, Filzstift und Fantasie sich treffen. Mit der Zeit wäscht sich das ja schon wieder aus und wenn ich mir Karlsson ansehe, der früher gerne mit blauen Sams-Wunschpunkten am ganzen Körper experimentiert hat, kann ich getrost sagen, dass sich die Faszination für temporäre Körpermalereien irgendwann auch auswächst.  

Mitten im Gesicht eines kleinen Jungen, der demnächst auf einem Pausenhof aufkreuzen soll, auf dem man dem Mobbing keineswegs abgeneigt ist, erscheinen mir Filzstiftverzierungen aber doch etwas gewagt, also beschliesse ich, den Prinzen ein wenig sauber zu machen. Bloss wie? Stahlwolle geht ja kaum und Nagellackentferner – so ich denn welchen hätte – erscheint mir auch nicht unbedingt besonders hautfreundlich. Also konsultiere ich Dr. Google und lande in einem „Du meine Güte, was soll ich bloss tun?!“-Forum. Dort berichtet eine panische Mama, sie hätte ihre kleine Zaubermaus – vielleicht war es auch die Zuckerbohne oder die Zimtprinzessin, auf alle Fälle etwas Weibliches – über und über mit Filzstiftspuren verziert im Bett vorgefunden und möchte nun zu gerne wissen, wie sie das Kindchen wieder zart und rosig kriegt. 

Die Erste, die sich zu Wort meldet, kann leider nur sagen, wie man es nicht machen soll, denn die erinnert sich noch lebhaft daran, wie ihre Mutter ihr mal mit Wundbenzin, Seife und Nagelbürste  zu Leibe gerückt ist, als sie es mit den Filzern zu bunt getrieben hatte. Nach so einer schlimmen Geschichte kann man natürlich keine brauchbaren Tipps mehr erwarten, denn jetzt müssen sich die Mamas erst mal darüber auslassen, wie schrecklich herzlos man mit unserer Generation noch umgesprungen ist und  wie sie es nie übers Herz brächten, ihre Sahnetrüffelchen, Schnuffelbären und Herzkäferchern derart lieblos zu behandeln. Gut, die eine oder andere  merkt vielleicht nebenbei an, man könne es ja mal mit Babyöl oder Feuchttüchern ausprobieren, aber so richtig überzeugend kommen diese Ratschläge nicht rüber. 

Dies ist aber nicht weiter schlimm, denn die Mama, die eigentlich wissen wollte, wie sie ihr Töchterchen wieder rosig kriegt, hat jetzt ein anderes Anliegen. Es würde sie so furchtbar wundernehmen, wie denn diejenige, die sich mit Nagelbürste, Seife und Wundbenzin behandeln lassen musste, ihr Leben so gemeistert hat in den vergangenen vierzig Jahren. Eine astrologisch bewanderte Person habe nämlich schon kurz nach der Geburt vorausgesagt, die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – werde mal viele Flausen im Kopf haben, das würden die Sterne ganz deutlich sagen und es wolle ihr fast so vorkommen, als hätte die Wundbenzin-Nagelbürsten-Seifen-Schreiberin als Kind auch viele Flausen im Kopf gehabt und da möchte sie doch zu gerne wissen, wie sich das im Laufe der Zeit so weiter entwickelt, ob da vielleicht später mal was Kreatives draus werden könnte.

Ich habe dann nicht mehr weitergelesen, denn das Prinzchen war ja noch immer kriegsbemalt, die Zeit weit fortgeschritten und ein brauchbarer Tipp war weit und breit nicht in Sicht. Bevor ich zu einer Seite mit echten Hausmitteln wechselte, bekam ich aber noch mit, dass die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – unbedingt wieder sauber werden musste, weil die Mama der Modelagentur neue Bilder ihres Töchterchens liefern sollte und zwar so schnell als möglich, aber vielleicht sei die Aktion mit den Filzstiften ja auch eine unterbewusste Rebellion gegen das Modeln gewesen. Wer weiss? 

Ich hab dann das Prinzchen mit Olivenöl und Zucker halbwegs sauber gepeelt und mich dabei in Grund und Boden geschämt, weil andere Mütter alles tun, um ihrem Kind eine anständige Karriere zu ermöglichen, während ich den Filzstiftspuren nur dann zu Leibe rücke, wenn Gefahr besteht, dass mein Sohn ihretwegen auf dem Pausenhof eins auf den Deckel bekommt. 

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Rätsel

Die Ausgangslage: Zoowärter war es gestern Nachmittag speiübel, weshalb er zu Hause blieb. Nach Schulschluss bekamen zwei Mitschüler den Auftrag, ihm den Schulsack mit den Hausaufgaben zu bringen. Die Kinder kamen zu unserem Haus, sahen Zoowärters Grossmama im Garten und überreichten ihr den Schulsack, der dann still und unbemerkt bei uns im Treppenhaus darauf wartete, bis sich Zoowärter wieder wohl fühlte. Von alldem bekamen wir nichts mit, da die Kinder nicht daran dachten, meine Mutter darauf aufmerksam zu machen, dass da noch Hausaufgaben zu erledigen wären.

Heute Morgen war die Übelkeit wie weggeblasen, Zoowärter und Schulsack gingen zur Schule, kamen bald darauf aber wieder nach Hause zurück, denn die Hausaufgaben, von denen wir ja nichts wussten, waren nicht erledigt. Also griff ich zu Papier und Stift, um der Lehrerin den Sachverhalt zu erklären. Zoowärter und Schulsack gingen wieder zur Schule, ein paar Minuten später klingelte das Telefon. Natürlich hätten die Kinder die Hausaufgaben vorbei gebracht, sagte die Lehrerin, der Zoowärter hätte also sehr genau gewusst, was zu erledigen gewesen wäre. „Ich war aber den ganzen Tag im Haus und geklingelt hat keiner“, erklärte ich trotzig, worauf Zoowärters Schulkameraden, die offenbar beim Telefongespräch mithören durften, der Lehrerin die Sache mit meiner Mutter und dem Schulsack erzählten. Damit war Zoowärter aber noch nicht aus dem Schneider, warum, habe ich nicht ganz verstanden. 

Soweit der Sachverhalt. Da mich die Angelegenheit ziemlich verunsichert hat, möchte ich von euch, liebe Mitlesende wissen, wer eurer Meinung nach dafür verantwortlich ist, dass der Zoowärter seine Hausaufgaben nicht gemacht hat:

Schulmüde

Individualisierung

„In diesem Alter muss er das einfach können. Da können wir jetzt keine Rücksicht mehr nehmen.“

Spezielle Förderung

„Wir haben leider nicht die Kapazität, jedem die Hilfe zu geben, die er bräuchte.“

Die Stärken stärken.

„Er kann dies nicht, macht jenes nicht gut genug und da liegt er ganz klar unter dem Durchschnitt. Ja, in diesem Bereich ist er sehr gut, aber das zählt leider nicht.“

Kompetenzen stärken

„Er hat da ein paar Blätter, die noch immer nicht ausgefüllt sind. Das muss bis Freitag erledigt sein, sonst hat er am Ende des Schuljahres Lücken im Ordner und das gibt einen Notenabzug.“

Sozialkompetenz ist wichtig

„Wenn das auf dem Schulweg passiert ist, geht uns das nichts an.“

Schule und Elternhaus sind Partner

„Da müssen Sie schon selber schauen.“

Ich weiss echt nicht, wie weit meine Geduld noch reicht…

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