Und, hat sich was getan?

Kein Zweifel, über die Bedürfnisse von uns Familien wird deutlich mehr geredet, geschrieben und diskutiert als auch schon. Man macht Datenerhebungen, analysiert, verfasst Berichte, erstellt bunte Grafiken, um Missstände für alle verständlich zu erklären. Man trommelt Expertenrunden zusammen, jedes Medium, das etwas auf sich gibt, veröffentlicht hin und wieder einen grossen Sonderteil zum Thema Familie, in dem dann auch ein paar Mütter und Väter von den Herausforderungen erzählen dürfen. Und natürlich hat man unzählige Produkte und Angebote entwickelt, die uns Familien das Leben – und das Portemonnaie – erleichtern sollen. 

Auch im Alltag sind Familien präsenter als früher. Hatte ich zu Beginn meiner Mutterkarriere noch den Eindruck, man müsse den Leuten das Wort „Kinderfreundlichkeit“ buchstabieren, so ist es heute für fast jeden klar, dass das irgendwie wichtig ist. Wir Eltern dürfen auch mal ungeniert sagen, dass uns unsere Aufgabe zuweilen an die Grenze treibt und nur noch die wahrhaft griesgrämigen Zeitgenossen wagen es, uns daraus einen Strick zu drehen. Faltprospekte für Anlaufstellen, Beratungsangebote, Treffpunkte, Kurse etc. wirft man uns regelrecht hinterher. Und ja, inzwischen findet man an vielen Orten auch Familienparkplätze, verkehrsberuhigte Zonen, süssigkeitenfreie Supermarktkassen, kinderwagentaugliche Wanderwege, Fläschchenwärmer und Wickeltische, die sowohl für Mütter als auch für Väter zugänglich sind – früher waren die ja immer im Damen-WC untergebracht oder vielleicht im Behinderten-WC, wofür man eigens irgendwo einen Schlüssel auftreiben musste. 

Ist es also besser geworden für uns Familien? In einigen Punkten ganz bestimmt und doch frage ich mich zuweilen, ob das alles nur eine nett aufgebaute Fassade ist, um davon abzulenken, dass man die grossen Brocken weiterhin ignoriert: Das Geld, das auch bei anständig verdienenden Familien immer knapper wird. Die Kinderzulage, die den meisten Familien nichts weiter bringt, als dass sie bei den Steuern etwas höher eingestuft werden und deshalb mehr abliefern dürfen. Die berühmte (Nicht)Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Das allzu löchriger Auffangnetz, wenn eine Familie mal wirklich arg in Bedrängnis gerät. Das Schulsystem, das denen eine Chance bietet, die zu Hause Unterstützung bekommen. Und noch ein paar Dinge mehr…

Wenn ich, wie heute, diesen bitteren Realitäten mal wieder im eigenen Alltag in die Augen sehen muss, überkommt mich die grosse Wut über das ganze familienfreundliche Geschwätz, das derzeit so beliebt ist. „Hört doch endlich auf zu quatschen und bringt mal ein paar echte Verbesserungen“, möchte ich denen zurufen, die es in der Hand hätten, etwas zu ändern. Ich will  nämlich nicht, dass meine Kinder, wenn sie mal Eltern sind, noch an den gleichen Brocken meisseln müssen, die uns im Wege liegen. Die Hoffnung, dass diese Brocken weggeräumt werden, solange wir noch davon profitieren, habe ich schon fast begraben. 

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Sonntagsfragen

Bei wem muss man sich eigentlich beschweren, wenn am Sonntag keine Sonntagszeitungen im Briefkasten liegen?

Wären Sonntage immer so entspannt, wenn wir keine Sonntagszeitungen hätten, oder war es heute nur deshalb so friedlich, weil zwei von fünf Kindern ausser Hause waren?

Warum hat mir als Teenager oder junge Erwachsene niemand gesagt, ich solle ein paar Obstbäume pflanzen, damit ich richtig viel ernten kann, wenn ich Kinder habe. Bis unsere Obstbäume so richtig Ertrag bringen, werden längst alle ausgeflogen sein und ich sitze da mit Bergen von Äpfeln, Aprikosen und Kirschen, die niemand essen will. 

Warum gibt es nie, aber auch wirklich gar nie einen Abstimmungssonntag, an dem ich rundum zufrieden sein kann? Ich komme mir jedes Mal vor, als hätte ich Lotto gespielt und nur eine Richtige erwischt.

Musste „Meiner“ ausgerechnet heute, wo ich mal richtig viele Köttbullar aufs Mal gemacht habe, zu viel Salz ans Hackfleisch schmeissen? Gewöhnlich prügeln sich die Kinder um die letzten paar Fleischbällchen und heute lassen sie mich mit einer halb vollen Schüssel sitzen. Nicht mal die Katzen wollen das Zeug essen.

Warum werde ich auf dem Spaziergang gefragt, ob ich nicht etwas spät dran sei mit den Holunderblüten, wenn im Wald noch kaum ein Holunder blüht?

Müssen eigentlich alle Menschen von Zecken reden, wenn sie an einem sonnigen Sonntag eine Mama mit vier kleinen Jungs im Wald antreffen?

Und dann noch eine „Gastfrage“, von Prinzchens bestem Freund, gestellt, als wir heute durch den Wald spazierten und ein Flugzeug hörten: „Hä? Gibt es hier im Wald auch Flugzeuge?“

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Zwei Polizisten-Geschichten

Sonntagnachmittag, eine junge Schweizerin, knapp über zwanzig, gerät mit ihrem VW Polo, Schweizer Kennzeichen, in eine Polizeikontrolle. Sie hat weder Führerschein noch Fahrzeugausweis bei sich. Zwei mit ihr verwandte Kinder fahren mit, sitzen aber nicht wie eigentlich vorgeschrieben auf einer Sitzerhöhung. Sonst ist meines Wissens alles in Ordnung. Die Polizisten sind zwar nicht gerade erfreut, winken aber die junge Frau anstandslos durch. Noch einmal Glück gehabt.

Samstagnachmittag, ein junger Italiener, etwas über zwanzig, seit einigen Monaten in der Schweiz wohnhaft und fleissig am Deutsch lernen, gerät mit seinem Fiat Panda, Italienisches Kennzeichen, in eine Polizeikontrolle. Ach, was sage ich da? Es ist gar keine Polizeikontrolle, die Polizisten haben ihm regelrecht aufgelauert. Schon als er beim ersten Mal an ihnen vorbeigefahren war, hatten sie ihn mit scheelem Blick beobachtet, als er wieder zurückfährt, fahren sie hinter ihm her und halten ihn an. Was er hier zu suchen habe, wollen sie wissen. Er sei in zwei oder drei Brockenhäusern gewesen, gibt der junge Mann wahrheitsgetreu zur Antwort. Die Polizisten glauben ihm nicht, wollen Papiere sehen. Er zeigt sie, zumindest jene, die er hat. Einen Ausländerausweis hat er noch nicht bekommen, weil sein Arbeitsvertrag noch befristet ist. Ob er Drogen genommen oder Alkohol getrunken habe, fragt der eine Polizist, währenddem sich der andere das Auto anschaut. Der junge Mann verneint, auch diesmal wahrheitsgetreu. Man glaubt ihm noch immer nicht. Er sehe aber so aus, als hätte er etwas genommen, sagt derjenige, der für die Fragen zuständig ist. Der junge Mann besteht darauf, nichts genommen zu haben, bietet an, sich einem Alkohol- oder Drogentest zu unterziehen. Der Polizist geht nicht darauf ein und will stattdessen noch einmal wissen, was er in dem Quartier zu suchen gehabt habe. Erneut sagt der junge Mann, er sei in der Brocki gewesen. Das stimme nicht, er sei auf der Suche nach Drogen, behauptet der Polizist.

So geht es zehn oder fünfzehn Minuten weiter. Man fragt schon längst nicht mehr, ob der junge Mann etwas intus hat, sondern nur noch was und von wem er es bekommen hat. Man könne es seinen Augen ansehen, dass er auf Drogen sei, sagt der Polizist. Der junge Mann erklärt, er hätte bis spät nachts gearbeitet und sehe deswegen noch müde aus. Der Polizist wird spöttisch. „Gearbeitet?“ Ja, gearbeitet. Und heute Morgen ausgeschlafen, weil die Arbeit ziemlich anstrengend sei. Als Beweis, dass er nicht lügt, weist der junge Mann seinen Arbeitsvertrag, den er gerade dabei hat, vor. Leider bewirkt auch das nichts, doch inzwischen hat der zweite Polizist die Inspektion des Autos abgeschlossen und mischt sich ins Gespräch ein. Vielleicht seien die Pupillen des jungen Mannes einfach etwas klein wegen des Sonnenlichts, meint er. Zwar will sein Kollege auch diesen Einwand nicht gelten lassen, kann sich aber trotzdem endlich dazu durchringen, den jungen Mann laufen zu lassen. 

Und das Schlimmste an der Sache: Es gibt jetzt ganz bestimmt Menschen, die das hier lesen und sagen, dieser Vorfall sei zwar äusserst bedauerlich, aber man müsse das verstehen, die jungen Männer würden eben heutzutage…erst recht, wenn sie aus dem Ausland stammten… bla bla bla

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Vergleicht doch nicht Äpfel mit Birnen

Man redet wieder vermehrt von der Grossfamilie. Nicht erst seit Federers zweitem Zwillingspaar, aber jetzt natürlich erst recht. Die Grossfamilie – also alles, was mehr als zwei Kinder hat – ist nämlich wieder auf dem Vormarsch und was tun meine gewöhnlich hoch geschätzten Journalistenkollegen, wenn ein neuer Trend feststellbar ist? Sie greifen sich Promis heraus, die mehr als die durchschnittlichen 1,5 Kinder haben – aktuell also Familie Federer – und schreiben darüber, wie der Alltag dieser Grossfamilie aussieht, oder wie er aussehen könnte, denn meistens schirmen die Promis ihre Kinder ja so gut als möglich von der Presse ab.

Ergänzend lassen die Journalisten dann irgend eine 08:15-Familie  zu Wort kommen, die zufällig eine ähnliche Familienkonstellation hat wie der Promi, um dessen Grossfamilienleben sich gerade alles dreht. Momentan sind es die wenigen Mehrfachzwillingsmütter, die der Presse gegenüber bestätigen dürfen, dass es wirklich ziemlich anstrengend ist, mehrere Zwillingspaare grosszuziehen. Sie dürfen sagen, wie wichtig es ist, darauf zu achten, als Mutter und Vater nicht zu kurz zu kommen und sie dürfen schliessen mit der Bemerkung, das Leben mit den vielen Zwillingen sei zwar wunderbar, es treibe einen aber ganz schön an die Grenzen der eigenen Kräfte. Mehr sollen die 08:15-Eltern bitte nicht erzählen, denn es geht hier nicht um sie, sondern um die Reichen und Schönen, die sich gerade sehr erfolgreich fortgepflanzt haben.

Nichts gegen Federers und die anderen Promi-Grossfamilien und erst recht nichts gegen die Mütter und Väter, denen man in diesem Zusammenhang mal gnädig ein Ohr leiht, aber eine solche Berichterstattung treibt mir die Galle hoch. Warum?

Weil Federer & Co. sich nie die Frage werden stellen müssen, weshalb sie trotz fleissiger Arbeit und anständigen Lohnes auf keinen grünen Zweig kommen. Weil sie sich nie werden fragen müssen, wie sie ihren Kindern den Instrumentalunterricht ermöglichen sollen. Weil dringend benötigte Ferien für sie nie unerschwinglich sein werden. Weil es an genügend und vor allem kinderfreundlichem Wohnraum für sie nie mangeln wird. Weil es sie nicht zu stören braucht, dass der Familienrabatt oft maximal zwei Kinder erlaubt. Weil sie sich nicht die Zähne ausbeissen müssen an einer Volksschule, die für Grossfamilien besonders schwer zu ertragen ist, wenn beim dritten Kind im gleichen Schulhaus noch immer die gleichen ungelösten Probleme das Familienleben belasten. Weil es für sie nie zu teuer sein wird, sich Entlastung ins Haus zu holen, wenn Entlastung dringend nötig ist. Weil Menschen mit viel Geld die Zusatzaufgaben wie vermehrtes Putzen, Futter anschleppen, Wäscheberge etc., welche für uns Normalsterblichen einfach dazugehören, leichter auslagern können. Weil es für sie um ein Vielfaches einfacher ist, das Problem der Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu lösen. Weil man ihre Kinder im Zug nie  zusammenstauchen wird, bloss weil sie sich erfrechen ein ganzes Viererabteil in Anspruch nehmen.

Nein, ich will nicht über das Grossfamilienleben jammern, wir haben diese Lebensform bewusst und aus Überzeugung gewählt.  Zwar treibt es uns immer mal wieder an die Grenzen, etwas Schöneres könnte ich mir dennoch nicht wünschen. Ich bin nicht mal neidisch auf Federers & Co., denn ich bin mir sicher, dass sie in ihrem nach aussen hin glanzvollen Leben mit Problemen zu kämpfen haben, von denen ich ebenso wenig eine Ahnung habe, wie sie von meinen. Mich ärgert nur, dass gewisse Journalisten meinen, man könne das eine mit dem anderen vergleichen. Das kann man nicht, also hört bitte auf damit, meine lieben Journalistenkollegen.

Hört aber bitte nicht damit auf, über die Grossfamilien zu schreiben. Egal ob im Trend oder nicht, in Sachen Grossfamilien – ja, überhaupt in Sachen Familien – liesse sich in der Schweiz nämlich noch so Einiges verbessern. Fragt doch mal nach bei den 08:15-Grossfamilien, die ihr so gerne interviewt. Die wüssten euch bestimmt interessantere Fragen zu beantworten als diejenige, wie Mirka und Roger sich wohl derzeit fühlen mögen. 

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Weil auch hier nicht das Paradies ist…

Weshalb wir im Sommer überhaupt in die Ferien fahren würden, wollte il Cuginos grosser Bruder von mir wissen. Bei uns sei es so traumhaft schön, da könnte man doch eigentlich immer zu Hause bleiben. Die Frage überraschte mich nicht,  befanden wir uns doch gerade bei strahlendem Sonnenschein auf einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen und bunten Frühlingsblumen. Zwitschernde Vögel, Kirchenglocken und ein vor Freude kreischendes Prinzchen sorgten für die perfekte Geräuschkulisse. Ja, bei uns ist es tatsächlich schön, dachte ich. Und für Gäste aus Süditalien, die mit Erstaunen feststellen, dass hierzulande eine öffentliche Wiese gemäht und gepflegt wird, muss das alles noch viel schöner aussehen. 

Warum also verreisen? Weil unser Leben leider nicht so beschaulich ist, wie die Kulisse, vor der es sich abspielt. Sind wir zu Hause, dann sind wir auch verfügbar. Für Besprechungen, spontane Arbeitsaufträge, Therapiegespräche, Tierarztbesuche, kaputte Haushaltgeräte, Werbeanrufe, Kinder chauffieren… Bleiben wir hier, beinhalten auch Ferientage eine gehörige Portion Alltag, was nicht nur schlecht ist, denn auch der Alltag hat einige ganz nette Dinge zu bieten. Eine spontane Kaffeerunde mit dem Nachbarn, zum Beispiel, Nachbarskinder, die bis zum Eindunkeln mit unseren Kindern herumtoben, Setzlinge auspflanzen,… So richtig zur Ruhe kommen wir aber nie, wenn wir zu Hause sind, nicht mal dann, wenn wir uns einmal zum süssen Nichtstun durchgerungen haben. Dann klingelt nämlich bestimmt das Telefon…

Darum verreisen wir, wann immer es unser Budget zulässt. Und natürlich auch, weil es nicht nur hier traumhaft schön sein kann, sondern an ganz vielen anderen Orten auf diesem Planeten ebenso. 

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Ab auf den Mars?

Wir sind also mal wieder soweit in der Schweiz: Man ist entweder für die EU, oder dagegen. Das gleiche Bild in Schwarz-Weiss, wie vor Jahren schon. Entweder, man erkennt in der EU die Inkarnation des Bösen, oder aber man ist ein Landesverräter, der die Schweiz am liebsten an Brüssel verschachern möchte. 

Himmel, sind wir denn nicht fähig, die Sache ein wenig differenzierter anzuschauen? Wäre es denn eine Schande, zu gestehen, dass die EU zwar bei Weitem nicht perfekt ist, dass sie aber durchaus ein paar beachtliche Dinge zustande gebracht hat? Klar, die Bürokratie ist haarsträubend, die Versuche, alle über den gleichen Kamm zu scheren sind unsinnig und meiner Meinung nach dürften die Bürger durchaus etwas mehr Mitspracherecht bei der ganzen Sache haben. Aber hat das Staatengebilde nicht auch seine guten Seiten? Ist es denn zum Beispiel nichts Wert, dass wir heute ungehindert in Länder reisen können, die vor wenigen Jahren noch verschlossen waren? Würden wir uns in einem Europa sicherer fühlen, in dem die Mächtigen bei jeder kleinsten Spannung die Soldaten aufeinander hetzen?

Nein, sie ist beileibe nicht perfekt, diese EU und würden wir morgen darüber abstimmen, ob die Schweiz beitreten soll, würde ich den Stimmzettel wohl leer einlegen. Aber ich wünschte, wir würden endlich lernen, sowohl das Gute als auch das Schlechte zu sehen. Denn ob es uns nun passt oder nicht: Solange die Schweiz inmitten dieses Kontinents platziert ist, werden wir nicht umhin kommen, uns mit denen zu arrangieren, die rund um uns herum leben. Oder sollen wir etwa demnächst darüber abstimmen, ob die Schweiz auf den Mars umziehen will?

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Ob das wirklich nötig ist?

Heute stand ein Termin bei der Schulpsychologin auf dem Programm. Weshalb wir denn mit dem Kind zur Psychologin gehen müssten, wollte il Cugino wissen. Das Kind komme nicht so gut mit der Realität zurecht und ecke deswegen in der Schule öfters mal an, erklärte ich. Manchmal treibe es die Lehrerin regelrecht in den Wahnsinn, weil es sich weigere, mitzumachen. Il Cugino schaute mich fragend an, also erklärte ich weiter: Das Kind fühle sich oft unglücklich, weil das Leben nicht so spannend sei wie die Fantasie. Die Alltagsdinge, die eben auch ihre Wichtigkeit hätten, empfinde es als voll und ganz unbedeutend und manchmal habe es richtig schlimme Durchhänget deswegen. 

Wie alt das Kind denn sei, fragte il Cugino. Bald zehn, sagte ich. Dann müsse man sich doch keine Sorgen machen, meinte il Cugino. Wenn das Kind jetzt vierzehn oder fünfzehn wäre, dann würde er sich auch Gedanken machen, aber in diesem Alter sei es doch ganz normal, dass ein Kind sich in einer Fantasiewelt verliere. Das sähe ich eigentlich ganz ähnlich wie er, pflichtete ich ihm bei. Es sei nur dummerweise so, dass die schulischen Leistungen allmählich litten und dass die Lehrerin die Geduld verliere. Uns sei es einfach wichtig, dem Kind Unterstützung zu bieten, auf gar keinen Fall aber möchten wir, dass an ihm herumkorrigiert würde….

Je länger ich zu erklären versuchte, umso klarer wurde mir, dass ich es gar nicht erklären kann, denn was hierzulande bei einem Kind als auffällig gilt, bietet in Italien offenbar noch längst keinen Grund zur Besorgnis. Gut, in Italien werden die Kinder auch nicht im Alter von elf bis zwölf Jahren in verschiedene Leistungsstufen eingeteilt, aber irgendwie beneide ich il Cugino schon um seine gelassene Sicht der Dinge. 

 

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Am Tag danach

Sie sagen: „Das Volk hat ein Zeichen gesetzt.“ Als ob wir, die wir nur ganz knapp unterlegen waren, nicht auch zum Volk gehörten. 

Sie sagen: „Das Resultat ärgert mich, aber ich bin nicht zur Urne gegangen. Hätte ja doch keinen Unterschied gemacht.“ Ausgerechnet jetzt sagen sie das, wo die Differenz zwischen Ja- und Nein-Stimmen so klein ist wie selten einmal.

Sie sagen: „Das wird schon nicht so schlimm kommen.“ Vielleicht haben sie recht. Was aber, wenn sie sich irren? Haben sie dann die Grösse, dies zuzugeben, oder finden sie dann einfach einen Sündenbock, auf den sie alles abschieben?

Sie sagen: „Jetzt können wir anfangen, die Probleme zu lösen.“ Dass Probleme da sind, leugne ich nicht, aber ist dies der Weg, sie zu lösen? Oder wurde gestern der Grundstein für viele neue Probleme gelegt? Kann man überhaupt Lösungen finden, wenn sich so deutlich wie noch selten eine Spaltung zeigt?

Sie sagen: „Nun seht doch nicht immer alles so schwarz.“ Aber das ist gar nicht so einfach, wenn man weiss, mit wie viel Gift und Häme die politischen Diskussionen geführt werden. Und die Diskussionen werden weitergehen, denn wie das Ganze umgesetzt werden soll, scheint bis anhin noch keiner zu wissen. 

Sie sagen viel, sowohl jene, die dafür waren, als auch jene, die dagegen waren. Und natürlich auch die, die uns von aussen beobachten. Vor lauter Gerede weiss man gar nicht mehr, was man denken soll. Ich schätze, so richtig wissen wird man das erst wieder, wenn man in ein paar Jahren zurückschaut und sieht, was aus der Sache geworden ist.

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Schweiz?

Prinzchens bester Freund feierte seinen sechsten Geburtstag und wir Gäste kamen von überall her. Aus Griechenland, Marokko, aus der Slowakei, aus Holland, aus Italien, aus Peru, aus der Schweiz, aus Angola… Nun gut, natürlich musste keiner von weither anreisen, denn wir alle waren schon hier in der Gegend, wir alle leben hier. Es war ein tolles Fest. Viel Gelächter, Kindergekreische, viel zu viel gutes Essen, Gestikulieren,  Hochdeutsch mit Akzent, fliessendes Schweizerdeutsch, dazwischen Brocken in den verschiedenen Landessprachen, Getratsche und Tiefschürfendes. Wunderbar war es, man mochte gar nicht mehr nach Hause gehen.

Nach Hause, wo man gezwungen war, sich mit der ernüchternden Tatsache auseinanderzusetzen, dass die Mehrheit der Stimmbürger eine solch farbenfrohe, lebhafte Schweiz lieber nicht haben will. 

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Bern

Der Geldautomat ist nicht mehr dort, wo er früher war.
Die Buchhandlungen heissen jetzt alle gleich.
Die alten, heruntergekommenen Gebäude, die man von Zugfenster aus sehen konnte, sind am verschwinden. An ihrer Stelle entstehen moderne, kühle Bauten.
Der Bioladen ist nicht mehr.
Die Markthalle auch nicht mehr.
Der Bahnhof ist jetzt eher ein Shopping-Center.
Die Sandwiches, die ich mir jeweils vor der langen Heimfahrt von der Uni kaufte, schmecken heute anders, aber heute müsste ich mir vor der Heimfahrt auch kein Sandwich mehr kaufen, denn der Zug fährt jetzt fast immer im Tunnel und ist viel schneller am Ziel als früher.
Die schier endlosen Brücken sind jetzt mit Sicherheitszäunen versehen, damit sich keiner in den Tod stürzen kann. Darum ist mir jetzt noch mulmiger, wenn ich hoch über der Aare unterwegs bin. Die Zäune zwingen mich dazu, darüber nachzudenken, weshalb man sie angebracht hat und dann wird mir übel.

Bern ist noch immer wunderschön, noch immer fühle ich mich hier ein wenig zu Hause, obschon mir alles ein wenig kühler erscheint als früher, perfekter und distanzierter, als ich es von früher in Erinnerung habe. Meine zwei freien Tage, die ich ganz alleine mit meinen Gedanken hier verbringe, geniesse ich natürlich trotzdem.

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