Tut mir leid, wenn ich euch zu nahe trete

An die 51, 59 %, die gestern nicht gewählt haben: Ich bin sauer, das sage ich ganz offen. Ja, es ist nicht nett, so etwas zu sagen, aber ich finde es auch nicht nett, dass ihr nicht – oder nur passiv –  mitentschieden habt, wie in den kommenden vier Jahren in der Schweiz politisiert wird. Ihr hattet eure Gründe, des bin ich mir sicher, und einige dieser Gründe würde ich wohl auch nachvollziehen können, würdet ihr sie mir erläutern, doch das ändert nichts an meinem allgemeinen Ärger über euer Fernbleiben von der Urne. Warum wählt ihr denn nicht, wenn ihr schon wählen dürft? Okay, ich weiss, Politiker können ganz schön nerven und man weiss ja auch nie, ob die Frauen und Männer, die man nach Bern geschickt hat, unser Vertrauen wirklich verdienen, aber man könnte es immerhin mal versuchen. 

Jetzt aber haben wir das gleiche Elend wie seit Jahren schon. Mehr als die Hälfte der Stimmberechtigten hat nicht mitentschieden und doch werden die Sieger gebetsmühlenhaft wiederholen, ein Drittel der Bevölkerung stünde hinter ihnen. Ich kann das Gelaber nicht mehr hören und ihr habt dazu beigetragen, dass wir es uns weitere vier Jahre anhören müssen. Das – aus meiner Sicht katastrophale – Wahlergebnis von gestern wäre für mich weitaus leichter zu verdauen, wenn die Stimmbeteiligung 70 oder 80 Prozent betragen hätte. Dann müsste ich zähneknirschend akzeptieren, dass die Mehrheit der erwachsenen Schweizer das halt so will. Weil aber mehr als die Hälfte geschwiegen hat, wird mich nun vier Jahre lang die Frage quälen, ob auch ein anderer Wahlausgang möglich gewesen wäre, wenn nur mehr Menschen ihren Zettel ausgefüllt hätten. (Als besonders quälend werde ich diese Frage übrigens an dem Tag empfinden, an dem die Energiewende zu Grabe getragen wird.) 

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Laufgitterbeet

So, jetzt endlich zu den Mini-Hochbeeten, die wir in unserem Garten angelegt haben. „Meiner“ und ich sind uns darob ja ziemlich in die Haare geraten, ehe wir eine Lösung fanden. Hierzlande nimmt man für kleine Hochbeete meistens diese SBB-Rahmen, aber die finden wir erstens nicht besonders schön und zweitens haben die inzwischen auch ihren Preis, weil jeder sie haben will. Wie so oft fanden wir die günstigere und für unseren Geschmack auch schönere Alternative im Brockenhaus: Zwei ausrangierte Wisa-Gloria-Laufgitter, knapp 25 Franken das Stück. (Vermutlich hätte es auch billigere gehabt, aber das Zeug von Wisa-Gloria hält eine Ewigkeit, darum haben wir die genommen.) Es war nicht nur der Preis, der uns begeisterte, sondern auch die Gewissheit, dass wir mit dem Kauf mindestens zwei Kleinkinder vor trüben Stunden im Laufgitter verschonten. 

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Bloss, wie wird ein Laufgitter zum Hochbeet? Ganz einfach: Zuerst hat „Meiner“ die Sprossen mit wetterfestem Lack bepinselt. Rot, weil das zu unserem grossen Hochbeet und den Fensterläden unseres Hauses passt. Dann flochten wir alles, was der Garten zu dieser Jahreszeit im Überfluss hergibt – Hasel- und Weidenruten, überschüssige Ranken der Glyzinie und ein paar Maulbeerzweige – zwischen die Sprossen. Okay, ein Perfektionist hätte sich überteuerte Weidenruten gekauft, damit alles schön ordentlich aussieht, aber bei uns darf es gerne ein wenig wilder sein. Blätter und kleine Zweiglein, die beim Flechten nicht gebraucht wurden, landeten als unterste Schicht des Hochbeetes im Laufgitter. Dann kleideten wir die Wände von innen mit Plastikfolie aus, füllten eine Schicht Heu und ein paar Säcke Erde ein und fertig war das Beet. Vielleicht folgt im Frühling noch ein Anstrich mit Holzteer, um die Wetterfestigkeit zu verbessern, aber nur, wenn es mir gelingt, das Zeug aufzutreiben. Sonst müssen wir eben in ein paar Jahren zwei neue alte Laufgitter im Brockenhaus holen. Was auch nicht weiter schlimm wäre, dann wären wieder ein paar von den Dingern vom Markt verschwunden. Die machen sich im Garten nämlich einfach besser als im Kinderzimmer. 

Ach ja, falls man zu viele Äste geschnitten hat, muss man die nicht unbedingt entsorgen:

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Eine Handvoll Absurditäten

  • Mahnungen sind doof. Noch doofer ist es, wenn du am 10. Oktober gemahnt wirst, doch bitte deine Rechnung umgehend zu begleichen, die sei nämlich am 1. November fällig. Nein, das war kein Tippfehler, die wollen mir doch tatsächlich Dampf machen, weil ich 21 Tage vor dem Fälligkeitsdatum und vier Tage nach der Lieferung noch immer nicht bezahlt habe. Und dies trotz einer Zahlungsfrist von 30 Tagen. 
  • Die Schweiz und ihre Familien: „Grossfamilien mit mehr als zwei Kindern“, lese ich heute in der Tageszeitung und einmal mehr frage ich mich, ob demnächst alle, die mehr als null Kinder haben, zu den Grossfamilien gezählt werden. Wäre ja eigentlich logisch, wo man heute schon zur Familie wird, wenn man sich als Single einen Goldhamster zulegt. 
  • Eine Mama, die am Rande des Spielplatzes steht, gefühlte hundertmal lauthals „Eneeeeeeaaaaaa!“ schreit, und nicht begreift, dass Eneeeeeeaaaaa auch nach dem 101. Ruf nicht zu ihr kommen wird, weil Eneeeeeeaaaaa nicht zu ihr kommen will und dass sie sich deshalb besser einen anderen Weg ausdenken sollte, um Eneeeeeeaaaaa vom Spielplatz weg zu bekommen. 
  • Da steht plötzlich dieser Mann in deinem Garten, vielleicht siebzig oder fünfundsiebzig Jahre alt, und will von dir wissen, wie du es hingekriegt hast, dass dein Feigenbaum so viele Früchte trägt. Er verstehe ganz und gar nichts vom Gärtnern, sagt er, aber er würde halt auch furchtbar gerne so viele Feigen an seinem Baum haben. Aber eben, ein Gärtner sei er nicht, seine Mama hätte leider immer alles selber machen wollen, da habe er nichts lernen können. Du sagst, du hättest eigentlich auch nicht viel von der Sache verstanden, aber man könne sich in die Thematik einlesen. Tja, mit dem Lesen sei das so eine Sache. Das habe ihm nie zugesagt, schon damals in der Schule nicht, Fernsehen sei ihm lieber. Schlechter Lehrer halt… Er geht und du denkst: Mit der falschen Mama und dem falschen Lehrer hat man ein Leben lang eine Ausrede, um nichts Neues in Angriff nehmen zu müssen. 
  • Noch so eine Gartenbegegnung: Tag für Tag schuftest du in deinem Garten, bemühst dich darum, aus der ehemaligen Einöde eine wirklich schöne Sache entstehen zu lassen und eines Tages steht da diese Nachbarin, die zu dir sagt: „Wissen Sie, ich kenne diesen Gärtner, der würde aus Ihrem Grundstück einen wunderschönen Garten zaubern.“ Vielen Dank auch für das liebe Kompliment, meine Dame! 

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Konsumrausch

Samstag Nachmittag, ich fahre mit Luise in ein Kaff ennet der Grenze, um ein Päckchen abzuholen, das man mir nicht in die Schweiz hat liefern wollen. (Nicht ganz konsequent für eine, die ziemlich grün denkt, ich weiss.) Autos aus der Schweiz – darunter ziemlich dicke Karossen – verstopfen die Strassen. Einen Parkplatz ergattert man nur mit grösster Mühe, in den Läden hamstern die Massen, als stünde demnächst eine schlimme Hungersnot bevor. Die Wegzehrung, die wir uns vor der Rückfahrt kaufen, scheint mir keinen Cent weniger zu kosten, als ich zu Hause bei der Migros bezahlt hätte und ich frage mich, ob meine Landsleute, die sich die Einkaufswagen bis obenhin voll beladen, tatsächlich so viel sparen, wie sie immer sagen, oder ob sie am Ende gleich viel liegen lassen, weil sie im Kaufrausch Dinge kaufen, die sie gar nicht brauchen. Diesen Ort des Grauens wieder zu verlassen, ist gar nicht so einfach, denn vom Parkplatz bis zur Grenze geht es nur im Schritttempo.

Als wir endlich wieder drüben sind, weiss ich einmal mehr: So lange ich es mir irgendwie leisten kann, tue ich mir solche Einkaufstouren ganz bestimmt nicht freiwillig an. Mag sein, dass man in der Schweiz etwas mehr Geld an der Kasse liegen lässt, dafür hat man nach dem Einkauf noch ein paar Nerven übrig. 

41 minutes; prettyvenditti.jetzt

41 minutes; prettyvenditti.jetzt

Romantisch?

Die Wellnesstempel in der Schweiz haben aufgerüstet, mit langweiligem Thermalbaden, wie man es in meiner Kindheit noch tat, gibt sich kein Kunde mehr zufrieden. Speziell muss es sein, oder zumindest danach klingen. Die Sauna, die „Meiner“ und ich gelegentlich besuchen, wirbt zum Beispiel jeden Dienstag mit einem romantischen Abend mit Kerzenschein & Co. In der Realität sieht dieser romantische Abend dann so aus:

Da hat es erst mal ganze Rudel von alleinstehenden Männern, die sich zum Schwitzen und Quatschen treffen. Während des Aufgusses fühlt es sich deshalb an, als wäre man in eine Stammtischrunde geraten, bei der jeder dem anderen beweisen will, wie hart er ist. Wieherndes Gelächter und doofe Sprüche, als der Mitarbeiter, der für warme Luft sorgen soll, sein Hüfttuch verliert. Die wenigen Paare erkennt man an diesem Abend daran, dass sie sich verzweifelt an ihn klammert, damit er nicht plötzlich von der fröhlichen Männerrunde mitgerissen wird und sie alleine im Dampfbad – Sauna ist ihr zu heiss – schmoren lässt. Für das Romantikprogramm sorgt ein Alleinunterhalter, der abwechslungsweise auf der Querflöte, am Saxophon oder singend das komplette Schnulzen-Repertoire der vergangenen siebzig Jahre zum Besten gibt. Eine Geräuschkulisse also wie in einer Hotellobby in den Neunzigern, die „Meinen“ dazu veranlasst, so zu tun, als würde er mitsingen, was ich ihm aber verbiete, da er den Kerl nicht ermutigen soll, noch lauter zu heulen. Kerzen sucht man übrigens vergeblich, dafür hat es ein paar Feuerschalen mit lodernden Scheiten im Aussenbereich, um die sich die Raucher zu einer geselligen Runde versammeln. 

Eine wirklich eigenartige Vorstellung von Romantik haben die, aber mir ist das eigentlich egal. Ein Abend ganz alleine mit „Meinem“ ist romantisch genug für mich. 

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

oggi conto le lenticchie; prettyvenditti.jetzt

An die Menschen, die ähnlich denken wie ich…

Genau wie ich regt ihr euch auf über dieses unerträgliche Geschwätz von Toni, Christoph, Christoph, Roger und Konsorten. Ihr könnt es kaum ertragen, wenn sie so tun, als würden sie die Interessen von uns allen vertreten. Ihr schämt euch, wenn ihr im Ausland in den gleichen Topf geworfen werdet wie sie. Ihr wollt eine andere Schweiz als sie und darum setzt ihr fröhlich euer „Gefällt mir“, wenn irgendwo in den sozialen Medien ein kritischer Beitrag über sie veröffentlicht wird. Leisten sie sich Geschmacklosigkeiten, schreit ihr entrüstet auf. Satire, die sich gegen sie richtet, findet ihr zum Brüllen komisch.

Wenn ich mich so umsehe und umhöre, habe ich den Eindruck, es gebe viele von euch, ich sei bei Weitem nicht die einzige, die sich ärgert. Und doch stehen sie an so vielen Wahl- und Abstimmungstagen als grinsende Sieger da. Wieder haben sie die Mehrheit hinter sich. Nicht die Mehrheit der Bevölkerung, wie sie gerne behaupten, sondern die Mehrheit jener, die sich dazu bequemt haben, den Zettel auszufüllen und einzuwerfen. Okay, ich weiss, die anderen, die in Bern mitmischen, sind alles andere als perfekt und auch ich kenne keine Partei, die voll und ganz das vertritt, was ich für richtig halte. Aber man kann doch nicht vier Jahre lang lästern, bei jeder verlorenen Abstimmung bestürzt die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, sich für Volksentscheide schämen und dann den Wahlzettel ins Altpapier schmeissen.

Darum meine Bitte an euch, die ihr euch zwischen den Wahlen über Toni & Co. grün und blau ärgert: Füllt diesen elenden Wahlzettel aus – von mir aus auch mit Namen aus dem bürgerlichen Lager – und werft ihn ein. Nur mit Katzenjammer und Spott ist es nämlich nicht getan. 

peperoni freddi; prettyvenditti.jetzt

peperoni freddi; prettyvenditti.jetzt

Eine Frage zum Schuhwerk

Günstiges Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Dreckbilliges Schuhwerk, made in irgend einer schlimmen Schuhfabrik in Asien, viel Gefunkel, das die Kinder magisch anzieht. Du nimmst weit Anlauf, springst über deinen Schatten und kaufst. Zwei Wochen später sind die Schuhe im Eimer. War nicht anders zu erwarten. 

Weniger günstiges Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Preis des Schuhwerks – made in irgendwo, wo es nicht ganz so anrüchig ist –  liegt hart an der Schmerzgrenze, nicht so viel Gefunkel, dafür ein Anschein von Qualität, der Mama überzeugt und immerhin genug Coolness, dass sich die Kinder vom Kauf überzeugen lassen. Einen Monat später sind die Schuhe im Eimer. Man hätte es anders erwartet, lag aber ganz offensichtlich falsch.

Teures Schuhgeschäft in der Schweiz, Einkauf zu Beginn der Saison: Über den Preis reden wir lieber nicht, vielleicht made in Italy, vielleicht auch in Asien, tolles Design, Qualität überzeugt, Kinder lassen sich nur mit Mühe überreden. Einen Monat später sind die Schuhe im Eimer. Man ist sauer. Zu diesem horrenden Preis hätte man wirklich mehr erwarten dürfen. 

Günstiges Schuhgeschäft in Frankreich, Einkauf vor Beginn der Saison, da in Frankreich das Wetter wärmer ist und man entsprechend früher Sommerschuhe braucht: Sehr moderate Preise, Schuhwerk made in Portugal oder Spain, kindergerechte Passform, originelles Design ohne unnötigen Klimbim, innert Minuten einigen sich Mama und Kinder auf den perfekten Sommerschuh. Zwei Wochen später sind die Schuhe noch wie neu. Einen Monat später auch. Zwei Monate später ebenfalls. Drei Monate später zeigen sich erste Gebrauchsspuren. Vier Monate später sind die Gebrauchsspuren etwas deutlicher. Zum Ende der Saison löst sich die Sohle. Macht nichts, nächstes Jahr wären die Schuhe ohnehin zu klein gewesen.

Himmel, warum kriegt man das bei uns nicht hin?

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ÖV-Eindrücke

Nach einer längeren Pause war ich heute mal wieder ganz alleine mit dem Zug unterwegs und wie immer, wenn ich ohne Begleitung unter Menschen bin, habe ich ein paar Eindrücke gesammelt:

  • Wenn eine Vierzigjährige im Bus pausenlos in voller Lautstärke „Meins! Meins!“ und „Bananaaa!“ kräht und sich selber ganz furchtbar witzig findet, wünschte ich mir, ich hätte Zoowärters Plüsch-Minion zur Hand, um ihr damit das Maul zu stopfen. 
  • Eine Mutter, die zu ihren Kind sagt: „Nein, Stefanie, du trägst deinen Rucksack selber, so, wie wir das vorhin vereinbart haben. Du musst dich an unsere Abmachung halten“, dürfte eigentlich nicht so aussehen, als wäre sie ein Hippie.
  • Väter, die während der Stosszeiten mit ihren Kleinkindern durch den Bahnhof hetzen und laut werden, weil etwas schief gelaufen ist, werden ebenso schräg angesehen wie Mütter, die während der Stosszeiten mit ihren Kleinkindern durch den Bahnhof hetzen und laut werden, weil etwas schief gelaufen ist. Wenigstens in einer Sache werden Männer genau gleich behandelt wie Frauen. 
  • Was hilft es eigentlich, wenn die einem in sämtlichen Journalismuslehrgängen beibringen, es müsse heissen „Die SBB sind…“ und „Die SBB haben….“, wenn es bei der Begrüssung im Zug heisst: „Die SBB begrüsst Sie…“?
  • Wer nicht mehr zum Pendlervolk gehört, verlernt ein paar wichtige Dinge. Zum Beispiel, ein Sandwich zu essen, wenn man dicht an dicht in ein Viererabteil gepfercht ist.

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Der Herrgott und das Feuerwerk

Da gibt also heute in meiner Tageszeitung ein Leser oder eine Leserin den folgenden Gedanken weiter: Wir Schweizer sollten doch einfach mal dankbarer sein. Gerade noch rechtzeitig sei der Regen gekommen, so dass wir morgen unseren schönen Nationalfeiertag wie gewohnt feiern dürften. Der oder die Schreibende geht nicht näher darauf ein, wem wir dankbar sein sollen, aber ich nehme mal an, es war der Herrgott gemeint.

Eine unbedachte Äusserung von einem Menschen, der nicht besonders weit denkt, ich weiss. Und doch eine hierzulande weit verbreitete Sicht der Dinge: Umweltkatastrophen? Flüchtlingstragödien? Europäische Identitätskrise? Religiös verbrämter Terror? Aufkeimender Fremdenhass, hier und anderswo? Seuchen? Diktaturen? Krieg? – Was geht uns das alles an? Ist ja nicht unsere Welt, die da draussen. Und überhaupt: Wenn der Herrgott noch Zeit hat, seinen lieben Schweizern rechtzeitig Regen fürs Feuerwerk zu schicken, kann es so schlimm ja nicht sein.

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Mein lieber Regen…

Natürlich habe auch ich dich herbeigesehnt und ich will ja nicht grundsätzlich an deinem Erscheinen herummäkeln. Ich gehöre nämlich zu der altmodischen Sorte Mensch, die im Klimawandel durchaus auch bedrohliche Seiten sieht und sich darum nicht grenzenlos über eitel Sonnenschein freut. Aber dir ist ja hoffentlich schon klar, dass du mir einen Haufen pädagogischer Floskeln hättest ersparen können, wenn du noch ein paar Tage zugewartet hättest? Ich meine, jetzt, wo die Heidelbeeren ohnehin schon vertrocknet und die Wiesen braun sind, wäre es darauf auch nicht mehr angekommen. Ja, klar, dieser Anblick schmerzt, aber glaubst du wirklich, die Sache mit dem Feuerwerk sei weniger schmerzhaft? 

Hättest du, mein lieber Regen, dich nur noch ein ganz klein wenig zurückgehalten, dann hätte ich dieses eine Mal das alljährlich zum 1. August wiederkehrende Gebettel nach Feuerwerk mit einem müden Schulterzucken und einem „Sorry, Kinder, Waldbrandgefahr, Feuerwerksverbot“ abtun können. Darüber hätten sich nicht nur mein Portemonnaie und ich gefreut, auch die Natur und die zahlreichen gestressten Haustiere wären überaus glücklich gewesen. Und jetzt muss ich mir doch allen Ernstes überlegen, wie ich mich dieses Jahr wieder aus der Affäre ziehe, ohne als die ewige Spielverderberin dazustehen, die ihren Kindern nie, aber auch gar nie ein klein wenig umweltschädigenden Spass gönnen mag. Wetten, mein lieber Regen, ohne irgend so eine dämliche Mehrfachpackung, die nach viel mehr aussieht als sie tatsächlich zu bieten hat, werde ich wieder nicht davonkommen. 

Nein, komm mit jetzt bitte nicht mit dem Geschwätz von „So viele Tropfen habe ich ja gar nicht fallen lassen, die Waldbrandgefahr ist weiterhin hoch genug…Bla bla bla…“ Glaubst du wirklich, unsere Kinder liessen sich damit abspeisen? Die wissen doch genau, dass es von hier bis zum Wald weiter als 200 Meter sind, dass uns offiziell also keiner verbieten wird, Feuerwerk zu zünden. Wie, du meinst, ich solle die Sache mit den 200 Metern verheimlichen? Die Knöpfe halt eiskalt anlügen und behaupten, der Kanton habe die Ballerei verboten? Wie, bitte sehr, soll ich das anstellen, jetzt, wo sogar schon das Prinzchen Zeitung liest? Und dort werden sie morgen ganz bestimmt in den höchsten Tönen jubeln, der Nationalfeiertag sei – einem kleinen bisschen Regen sei Dank – gerettet. 

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