Interkultureller Dialogversuch, Teil V

Vorbemerkung: Wie immer, wenn ich einen Einblick in die nicht immer ganz erfolgreiche Kommunikation mit der italienischen Verwandtschaft gewähre, ist auch dieser Beitrag nicht wertend zu verstehen. Er soll einfach zeigen, wie man auch nach Jahren noch grandios aneinander vorbei reden kann.

Dialog Nr. 5

Schwiegermama und „Meiner“ unterhalten sich am Telefon über den FeuerwehrRitterRömerPiraten, der in den vergangenen Monaten eine Reihe von ärztlichen Untersuchungen über sich ergehen lassen musste. Das Gespräch verläuft ungefähr so:

„Meiner“: „Die Untersuchungen sind jetzt abgeschlossen. Die Ärztin hat herausgefunden, dass er…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“, wie so oft, nicht ausreden): „Der Junge liest einfach zu viel.“

„Meiner“: „Nein, das ist ganz bestimmt nicht das Problem. Im Gegenteil, dass er so viel liest ist…“

Schwiegermama (unterbricht schon wieder): „Er sollte unbedingt weniger lesen. Dann ginge es ihm besser.“

„Meiner“: „Dass er so viel liest, ist sehr positiv, das zeigen die Untersuchungsergebnisse ganz klar. Die Sache ist die…“

Schwiegermama (lässt „Meinen“ natürlich noch immer nicht fertig erklären, denn sie weiss ja, wo das Problem liegt): „Die vielen Bücher verwirren ihn doch nur. Würdet ihr ihn nicht immer so viel lesen lassen, hätte es diese Untersuchungen gar nicht gebraucht. Die Geschichten bringen ihn doch nur durcheinander.“

Na ja, wenn sie meint. Dann versuche ich mal, dem FeuerwehrRitterRömerPiraten das Buch zu entwinden, das er gerade liest. Vermutlich bin dann einfach ich diejenige, die ärztlichen Beistand braucht.

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Andere Zeiten

Nach der ersten erfolgreichen Suchaktion in meiner Vergangenheit liessen sie es sich natürlich nicht nehmen, noch ein wenig weiter zu wühlen. Einmal mehr wurden sie fündig: Alte Kindergartenzeichnungen, die noch heute Marineblau auf Beige belegen, wie langweilig dieses erste Jahr meiner Schullaufbahn war. Mein Graduation Cap vom Highschool-Abschluss, feuerrot und inzwischen ohne Quaste, aber immer noch für viel Gelächter gut. Ein Freundschaftsbuch, dessen Inhalt die Diskussion auslöste, ob ich wirklich schon damals Madonna nicht gemocht habe, oder ob ich das jetzt nur behaupte, weil es heutzutage – im Gegensatz zu 1987 – nicht mehr cool ist, Madonna cool zu finden.

Ja, und dann war da auch diese Kassette. Ein Oeuvre von 90 Minuten, das den Titel „Karlsson vor dem Einschlafen, Juli 03“ trägt. Da der im Titel erwähnte Karlsson äusserst nostalgisch veranlagt ist, verfügt unser Haushalt auch im Jahre 2016 noch über ein Kassettengerät, so dass wir uns das Band in voller Länge anhören konnten. Im Hintergrund hört man eine zornig schreiende Luise, knapp vier Monate alt, ansonsten ziemlich viel Rauschen, immer wieder unterbrochen von dem friedlichen Geplapper des noch nicht dreijährigen Karlsson, der seinem Eisbären David die Welt erklärt. Alles, was ihm damals wichtig war – sein grosser Cousin, der begeistert Fussball spielte, die volle Windel, diverse Körperteile, die inzwischen schlafende Luise, die Grossmama und natürlich die Tortenschaufel mit dem orangefarbenen Griff, die er stets mit sich herumschleppte – ist auf diesem Band festgehalten.

Während ich mit verklärtem Blick dem Geplauder aus vergangenen Tagen lauschte, machte sich der inzwischen halbwüchsige Protagonist meines Unterhaltungsprogramms seine Gedanken über das Medium, auf dem sein einst so zartes Stimmchen festgehalten worden war. „Hat man solche Bänder einfach im Laden kaufen können? Waren die teuer? Und was konnte man mit denen alles anstellen, ich meine, abgesehen davon, dass man damit den eigenen Sohn heimlich belauschte?“ 

Also begann ich zu erzählen. Von den Abenden während meiner Teenagerjahre, als ich immer zwischen sieben und acht Radio 24 einschaltete, eine leere Kassette im Gerät, für den Fall, dass ein Hörer eines meiner Lieblingslieder – natürlich nicht von Madonna – wünschen würde, oder vielleicht sogar einen Gruss für mich hätte, was natürlich nie vorkam. Wie schwierig es war, die Aufnahme abzuklemmen, ehe der Moderator wieder mit seinem Geschwätz anfing, wie sauer ich war, wenn nichts Anständiges gewünscht wurde. Ich erklärte, was ein Walkman ist, versuchte auch verständlich zu machen, wie das jeweils klang, wenn die Batterien allmählich den Geist aufgaben, aber ich glaube, da konnten sie mir nicht mehr folgen. Staunen mussten sie natürlich trotzdem und das Staunen wurde grösser, als ich erklärte, wie leicht es war, bei so einem Tonband den Kopierschutz zu umgehen.

Und zum ersten Mal seitdem ich Teenager im Haus habe, hörte ich einen leisen Neid heraus, als Karlsson meinte: „Wahnsinn! Ihr konntet Raubkopien machen, ohne dass euch einer auf die Schliche kommen konnte. Heute fliegt sowas ja sofort auf…“

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Sinnvolle Ferienbeschäftigung

Heute wieder mal so ein unsinniger Termin: Trotz Schulferien früh aus dem Bett, den Zoowärter bei Grossmama, wo er übernachtet hat, abholen, schnell schnell alles bereit machen und ab zur Abklärung. Die Schrift sei ganz fürchterlich, haben Lehrerin und Heilpädagogin gemeint. So schlimm sei die nun auch wieder nicht, wenn man bedenke, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin sei, die in seinem Alter nicht schöner geschrieben hätte, finden „Meiner“ und ich. Ausserdem sei die Schnüerlischrift ja ohnehin ein Auslaufmodell. Aber man möchte ja als Eltern nicht unnötig starrsinnig sein und karrt das Kind eben zur Abklärung.

Siebzig Minuten lang wird gespielt, gefragt, geschrieben, abgezeichnet, gebaut, Zeit gemessen und was sonst noch so alles dazu gehört, dann der Befund: So schlimm ist das nun auch wieder nicht mit dieser Schrift, vor allem, wenn man bedenkt, dass der Zoowärter erstens Linkshänder und zweitens Sohn einer Linkshänderin ist, die in seinem Alter auch nicht schöner geschrieben hat. Eine Therapie ist nicht nötig, Lehrerin und Heilpädagogin sollen sich ein wenig entspannen, die Schnüerlischrift ist ja ohnehin ein Auslaufmodell, also soll man den Zoowärter nicht unnötig damit belasten. Man soll die Therapieplätze für die Kinder freihalten, die sowas auch wirklich nötig haben. Wunderbare Einigkeit zwischen Mutter und Therapeutin, die beide schon oft erlebt haben, dass es am hilfreichsten ist, dem Kind einfach Zeit zu lassen. 

Nach neunzig Minuten wieder nach Hause. Ich mit einem leisen Groll, weil man dem Zoowärter mit der ewigen Kritik an seiner Schrift die Freude am Schreiben genommen hat, er mit einem leisen Groll, weil er kein Fall für die Therapeutin ist. Dabei hatte er sich doch so sehr auf die tollen Sachen gefreut, die er dort hätte machen dürfen. 

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Geldsorgen der anderen Art

20. Januar 2016: Zoowärters neunter Geburtstag, viele wunderbare Geschenke, einige davon heiss ersehnt, andere mit freudiger Überraschung in Empfang genommen, obendrein noch ziemlich viel Geburtstagsgeld.

21. Januar 2016: Das Geburtstagsgeld ist noch immer im Portemonnaie. Zoowärter macht sich allmählich Sorgen, ob die Banknoten wirklich so lange haltbar sind, oder oder ob er sie ausgeben muss, bevor sie schlecht werden.

22. Januar 2016: Noch immer kein Geburtstagsgeld ausgegeben, die Unruhe steigt.

23. Januar 2016: Zoowärter packt die Gelegenheit, zumindest einen Teil seines Geldes loszuwerden, als ich in die Stadt muss, um einige Dinge zu besorgen. Ich sage ihm, er solle lieber sparen, er habe doch jetzt so viele schöne Sachen bekommen. Natürlich hört er nicht auf mich und kauft. Dennoch bleibt ein ansehnlicher Betrag in seinem Portemonnaie zurück. 

24. Januar 2016: Ein neuer grosser Wunsch nimmt in Zoowärters Herzen Gestalt an. Er zählt sein verbliebenes Geld. Es sollte knapp reichen, um den Wunsch in Erfüllung gehen zu lassen.

25. Januar 2016: Zoowärter möchte jetzt wirklich endlich seinen Wunsch verwirklichen, sonst werden die Banknoten doch noch schimmlig. Ich finde aber, er solle sich die Sache noch ein wenig durch den Kopf gehen lassen. (Und ich habe nicht die geringste Lust, bei ricardo nach dem Zeug zu stöbern…)

26. Januar 2016: Zoowärter ist der Verzweiflung nahe. Wenn er nicht endlich seinen Wunsch erfüllen kann, wird er nie wieder lachen können.

27. Januar 2016: Ich erbarme mich meines Sohnes, werde schneller als erwartet fündig und ersteigere Zoowärters Herzenswunsch. Das Geburtstagsgeld ist somit bis auf den letzten Rappen verbraucht. Zoowärter ist zufrieden.

28. Januar 2016: Zoowärter ist noch immer zufrieden, es fällt ihm aber ein, dass sein Herzenswunsch noch Zubehör braucht. Ich soll also noch einmal bei ricardo vorbeischauen, was ich aber erst mal aufschiebe. Immerhin ist der Herzenswunsch noch nicht mal bei uns eingetroffen.

29. Januar 2016: Zoowärter ist am Boden zerstört. Wir haben gestöbert und erkannt, dass das Zubehör teurer ist als erwartet. Also heisst es warten und sparen. Ich weise meinen Sohn darauf hin, dass das Geld für das Zubehör gereicht hätte, wenn er am 23. auf mich gehört hätte und jetzt bricht es aus ihm heraus: Er halte das einfach nicht mehr aus, immer würden die Spielzeughersteller so viele coole Dinge auf den Markt bringen. Er wolle ja gar nicht immer gleich sein ganzes Geld ausgeben, aber wenn die immer wieder etwas Neues im Sortiment hätten, kaufe er sich am Ende sogar Sachen, die er eigentlich gar nicht so toll finde.
Ich bin sauer. Ein bisschen auf den Zoowärter, weil er trotz aller schönen Geschenke so ein Drama macht. Viel mehr aber auf die Spielzeugindustrie, die mit allen Regeln der Kunst kleine Kinder umgarnt, um ihnen vorzugaukeln, sie könnten nur glücklich sein, wenn sie mehr und noch mehr kaufen. 

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Illustre Kreise

Seit einiger Zeit führe ich ja dieses furchtbar aufregende Sozialleben. Alle paar Tage treffe ich mich mit diesen unglaublich gebildeten, kultivierten Menschen, um mit ihnen tiefschürfende Gespräche zu führen. Mit einigen komme ich regelmässig zusammen, andere sehe ich etwas seltener, gelegentlich lässt auch mal jemand seine Beziehungen spielen, um mich mit weiteren äusserst interessanten Menschen bekannt zu machen. So gewandt bewege ich mich inzwischen in diesen Kreisen, dass ich sehr oft, wenn furchtbar kluge Dinge gesagt werden, wissend nicken kann, obschon ich eigentlich nicht ganz so gebildet bin wie meine Gesprächspartner. Und das Schöne an der Sache ist ja, dass sich diese Leute alle auf mein Niveau runterlassen und sich angeregt mit mir über meinen Nachwuchs unterhalten. Wie geehrt darf ich mich doch fühlen, dass es ihnen nichts ausmacht, sich die profanen Sorgen und Nöte meiner Kinder anzuhören. Luise und den FeuerwehrRitterRömerPiraten finden sie ganz besonders interessant, aber manchmal reden wir auch über Karlsson, den Zoowärter und das Prinzchen. 

Würde ein mir fremder Mensch sich meinen Terminkalender anschauen, wäre er tief beeindruckt ob der vielen Kontakte die ich pflege. Und das, was im Terminkalender steht, ist nicht mal alles, manchmal ergibt sich auch ganz spontan ein zusätzliches Plauderstündchen. So nett ist das, dass ich hin und wieder Gefahr laufe, die Zeit zu vergessen und den ganzen Vormittag zu verquatschen. Wobei meine Gesprächspartner mich dann schon sanft vor die Türe weisen, wenn ich ihre kostbare Zeit zu lange in Anspruch nehme. 

Draussen im Wartezimmer sitzen ja noch andere, die sich mit meinen illustren Bekannten unterhalten möchten.

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Haushaltehre

Heute war ich mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten, dem Zoowärter und dem Prinzchen alleine und da habe ich gedacht, ich könnte sie ja mal in die Geheimnisse der korrekten Mithilfe im Haushalt einführen, da sie in dieser Hinsicht ein wenig, na ja, wie soll ich sagen…unkooperativ? bequem? denkfaul? sind. Also habe ich…

…ihnen erklärt, welche Funktion der Deckel einer Zahnpasta-Tube hat und warum ich darauf bestehe, dass der immer brav zurück auf die Tube kommt, wenn man sich Zahnpaste rausgedrückt hat.

…ihnen gezeigt, wie man „Kinetic Sand“ wieder wegräumt, nachdem man ihn sich genüsslich durch die Finger hat rieseln lassen.

…ihnen klare Anweisungen gegeben, wie ich den Tisch abgeräumt haben will, nämlich so: Teller sauber in der Küche aufstapeln, noch einmal zurück ins Esszimmer, um Pfannen und Getränke abzuräumen, Gläser leer trinken und ebenfalls in die Küche bringen.

…ihnen klargemacht, dass ich nach Feierabend keine herumliegenden Schuhe, Jacken, Legos und Schalen von Clementinen mehr dulde. 

…ihnen vorgeschrieben, die abgebrannten Zündhölzer, die sie zum Anzünden der Duftlampe verwenden haben, zu entsorgen. 

…ihnen die Unterschiede zwischen Staubsauger und Besen aufgezeigt. 

…ihnen gesagt, sie dürften ein Bad nehmen, wenn sie das Badezimmer danach wieder in Ordnung bringen. 

…ihnen auch sonst noch zwei oder drei Dinge zu vermitteln versucht und da ich irgendwo mal gelernt habe, man solle beim Unterrichten unterschiedliche Methoden wählen, habe ich mal sanft gesäuselt, mal unfreundlich geknurrt, mal laut gebrüllt, mal vorgezeigt, mal vormachen lassen, mal einen Dialog geführt, mal den Zeigefinger erhoben und mal einen auf Kumpel gemacht. Und was hat das alles gebracht? Nichts, ausser der Erkenntnis, dass Söhne im Alter von sieben bis elf Jahren offenbar nicht in der Lage sind, mütterliche Anweisungen zu verstehen, egal in welcher Form sie vorgetragen werden. 

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Fühlt euch bitte, als wäret ihr unsere Gäste

Zu Hause:

„FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter, Prinzchen, räumt bitte eure Zimmer auf.“ 

Zwanzig Minuten später: „Ich will, dass ihr jetzt eure Zimmer aufräumt.“

Eine halbe Stunde später: „Okay, ich sehe, dass ihr angefangen habt, aber fertig seid ihr noch lange nicht.“ 

Vierzig Minuten später: „Nein, ihr dürft jetzt nicht ans iPad. Eure Zimmer sind noch immer nicht fertig.

Eine Stunde später: „Okay. Eine halbe Stunde raus in den Schnee, austoben und dann weitermachen.“

Noch eine Stunde später: „Ja, ihr müsst weitermachen. Ja, ich weiss, dass ihr keine Lust habt dazu, aber das Zimmer muss jetzt einfach gemacht werden.“

Und so immer weiter, bis irgendwann, gefühlte hundert Tage später, alle drei Zimmer soweit aufgeräumt sind, dass man ohne Schneepflug durchkommt. 

Bei Freunden und Verwandten:

„Meiner“ & Ich: „FeuerwehrRitterRömerPirat, Zoowärter, Prinzchen, wir gehen in einer halben Stunde nach Hause. Räumt bitte die Spielsachen weg, mit denen ihr gespielt habt.“

Die drei im Chor: „Ist schon erledigt! Wir haben alles wieder weggeräumt.“

Und wenn einer hochgeht, um nachzusehen, ob sie wirklich getan haben, was man von ihnen erwartet, ist tatsächlich alles wieder dort, wo es hingehört. 

Ich glaube, ich sagen denen jetzt dann mal, sie sollen sich zu Hause bitte so fühlen, als wären sie unsere Gäste, vielleicht klappt’s ja dann.  

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Die Zaubermaus und der Filzstift

Da bunkert man sich einmal einen ganzen Tag lang in seinem Büro ein, hängt abends noch eine Sitzung an und am nächsten Morgen findet man im Kinderzimmer ein Prinzchen mit violetter Filzstift-Kriegsbemalung im Gesicht. Gewöhnlich habe ich ganz und gar nichts gegen Filzstift-Kriegsbemalungen, meistens nehme ich sie nicht mal mehr zur Kenntnis, weil sie halt einfach entstehen, wo Kind, Filzstift und Fantasie sich treffen. Mit der Zeit wäscht sich das ja schon wieder aus und wenn ich mir Karlsson ansehe, der früher gerne mit blauen Sams-Wunschpunkten am ganzen Körper experimentiert hat, kann ich getrost sagen, dass sich die Faszination für temporäre Körpermalereien irgendwann auch auswächst.  

Mitten im Gesicht eines kleinen Jungen, der demnächst auf einem Pausenhof aufkreuzen soll, auf dem man dem Mobbing keineswegs abgeneigt ist, erscheinen mir Filzstiftverzierungen aber doch etwas gewagt, also beschliesse ich, den Prinzen ein wenig sauber zu machen. Bloss wie? Stahlwolle geht ja kaum und Nagellackentferner – so ich denn welchen hätte – erscheint mir auch nicht unbedingt besonders hautfreundlich. Also konsultiere ich Dr. Google und lande in einem „Du meine Güte, was soll ich bloss tun?!“-Forum. Dort berichtet eine panische Mama, sie hätte ihre kleine Zaubermaus – vielleicht war es auch die Zuckerbohne oder die Zimtprinzessin, auf alle Fälle etwas Weibliches – über und über mit Filzstiftspuren verziert im Bett vorgefunden und möchte nun zu gerne wissen, wie sie das Kindchen wieder zart und rosig kriegt. 

Die Erste, die sich zu Wort meldet, kann leider nur sagen, wie man es nicht machen soll, denn die erinnert sich noch lebhaft daran, wie ihre Mutter ihr mal mit Wundbenzin, Seife und Nagelbürste  zu Leibe gerückt ist, als sie es mit den Filzern zu bunt getrieben hatte. Nach so einer schlimmen Geschichte kann man natürlich keine brauchbaren Tipps mehr erwarten, denn jetzt müssen sich die Mamas erst mal darüber auslassen, wie schrecklich herzlos man mit unserer Generation noch umgesprungen ist und  wie sie es nie übers Herz brächten, ihre Sahnetrüffelchen, Schnuffelbären und Herzkäferchern derart lieblos zu behandeln. Gut, die eine oder andere  merkt vielleicht nebenbei an, man könne es ja mal mit Babyöl oder Feuchttüchern ausprobieren, aber so richtig überzeugend kommen diese Ratschläge nicht rüber. 

Dies ist aber nicht weiter schlimm, denn die Mama, die eigentlich wissen wollte, wie sie ihr Töchterchen wieder rosig kriegt, hat jetzt ein anderes Anliegen. Es würde sie so furchtbar wundernehmen, wie denn diejenige, die sich mit Nagelbürste, Seife und Wundbenzin behandeln lassen musste, ihr Leben so gemeistert hat in den vergangenen vierzig Jahren. Eine astrologisch bewanderte Person habe nämlich schon kurz nach der Geburt vorausgesagt, die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – werde mal viele Flausen im Kopf haben, das würden die Sterne ganz deutlich sagen und es wolle ihr fast so vorkommen, als hätte die Wundbenzin-Nagelbürsten-Seifen-Schreiberin als Kind auch viele Flausen im Kopf gehabt und da möchte sie doch zu gerne wissen, wie sich das im Laufe der Zeit so weiter entwickelt, ob da vielleicht später mal was Kreatives draus werden könnte.

Ich habe dann nicht mehr weitergelesen, denn das Prinzchen war ja noch immer kriegsbemalt, die Zeit weit fortgeschritten und ein brauchbarer Tipp war weit und breit nicht in Sicht. Bevor ich zu einer Seite mit echten Hausmitteln wechselte, bekam ich aber noch mit, dass die Zaubermaus – oder Zuckerbohne oder Zimtprinzessin – unbedingt wieder sauber werden musste, weil die Mama der Modelagentur neue Bilder ihres Töchterchens liefern sollte und zwar so schnell als möglich, aber vielleicht sei die Aktion mit den Filzstiften ja auch eine unterbewusste Rebellion gegen das Modeln gewesen. Wer weiss? 

Ich hab dann das Prinzchen mit Olivenöl und Zucker halbwegs sauber gepeelt und mich dabei in Grund und Boden geschämt, weil andere Mütter alles tun, um ihrem Kind eine anständige Karriere zu ermöglichen, während ich den Filzstiftspuren nur dann zu Leibe rücke, wenn Gefahr besteht, dass mein Sohn ihretwegen auf dem Pausenhof eins auf den Deckel bekommt. 

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Rätsel

Die Ausgangslage: Zoowärter war es gestern Nachmittag speiübel, weshalb er zu Hause blieb. Nach Schulschluss bekamen zwei Mitschüler den Auftrag, ihm den Schulsack mit den Hausaufgaben zu bringen. Die Kinder kamen zu unserem Haus, sahen Zoowärters Grossmama im Garten und überreichten ihr den Schulsack, der dann still und unbemerkt bei uns im Treppenhaus darauf wartete, bis sich Zoowärter wieder wohl fühlte. Von alldem bekamen wir nichts mit, da die Kinder nicht daran dachten, meine Mutter darauf aufmerksam zu machen, dass da noch Hausaufgaben zu erledigen wären.

Heute Morgen war die Übelkeit wie weggeblasen, Zoowärter und Schulsack gingen zur Schule, kamen bald darauf aber wieder nach Hause zurück, denn die Hausaufgaben, von denen wir ja nichts wussten, waren nicht erledigt. Also griff ich zu Papier und Stift, um der Lehrerin den Sachverhalt zu erklären. Zoowärter und Schulsack gingen wieder zur Schule, ein paar Minuten später klingelte das Telefon. Natürlich hätten die Kinder die Hausaufgaben vorbei gebracht, sagte die Lehrerin, der Zoowärter hätte also sehr genau gewusst, was zu erledigen gewesen wäre. „Ich war aber den ganzen Tag im Haus und geklingelt hat keiner“, erklärte ich trotzig, worauf Zoowärters Schulkameraden, die offenbar beim Telefongespräch mithören durften, der Lehrerin die Sache mit meiner Mutter und dem Schulsack erzählten. Damit war Zoowärter aber noch nicht aus dem Schneider, warum, habe ich nicht ganz verstanden. 

Soweit der Sachverhalt. Da mich die Angelegenheit ziemlich verunsichert hat, möchte ich von euch, liebe Mitlesende wissen, wer eurer Meinung nach dafür verantwortlich ist, dass der Zoowärter seine Hausaufgaben nicht gemacht hat:

Zwist unter Brüdern

Aus dem Badezimmer, wo der FeuerwehrRitterRömerPirat in der Badewanne sitzt, ertönt ein fürchterliches Geheul, verursacht durch eine fiese Attacke des Zoowärters. Der müsste eigentlich damit beschäftigt sein, den Esstisch zu putzen, stattdessen aber schleicht er sich ins Badezimmer, um den viel zu nassen Lappen über dem Kopf seines badenden Bruders auszuwringen. Obschon der Lappen seine Schicht in der Küche erst vor ein paar Stunden angetreten hat und deswegen noch relativ sauber ist, können wir eine solche Gemeinheit natürlich nicht einfach durchgehen lassen, weshalb wir den Zoowärter zu Überstunden im Küchendienst verdonnern. 

„Meiner“ und ich finden, diese Sanktion sei ganz und gar gerechtfertigt, der Zoowärter aber weint darob bittere Tränen. Ob wir denn vergessen hätten, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat ihn gestern ganz übel getreten hätte? Ob man sich denn in diesem Hause nicht mal mehr angemessen rächen dürfe? Nein, rächen dürfe er sich nicht, das würde den Konflikt nur in eine weitere Runde gehen lassen, erklären „Meiner“ und ich, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat habe sich gestern tatsächlich total daneben benommen. 

Der Zoowärter ist damit halbwegs besänftigt, der FeuerwehrRitterRömerPirat aber findet, er hätte seinen Bruder gestern vollkommen zu Recht angegriffen, wo dieser ihm doch vorgestern Zahnpaste aufs Haar geschmiert habe. 

Diesen Einwand können wir natürlich nicht einfach so beiseite wischen, also sagen wir dem Zoowärter, das mit der Zahnpaste sei nicht nett gewesen und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten erklären wir die Sache mit der Rache, die wir ein paar Minuten zuvor seinem kleinen Bruder dargelegt haben. 

Für den FeuerwehrRitterRömerPiraten wäre die Sache damit erledigt, für den Zoowärter geht es jetzt aber erst richtig los. Die Zahnpasta-Attacke habe er doch nur durchgeführt, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat ihm immer die Legos klaue. „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“, will ich wissen. „Hast du das schon wieder vergessen?“, fragt unser Zweitjüngster entrüstet zurück. „All die Legos, die er mir weggenommen hat. Und danach hat er frech behauptet, sie würden ihm gehören. Und dann hat Papa auch noch gelacht, weil wir uns so heftig darum gestritten haben. Und dann…“ Weiter kommt der Zoowärter nicht mehr, denn jetzt wird der ob der himmelschreienden Ungerechtigkeit von einem heftigen Weinkrampf gepackt.

Ich bin ziemlich verwirrt, denn an den geschilderten Vorfall kann ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern, darum frage ich erneut: „Welche Legos hat er dir denn geklaut?“ Unter vielen Schluchzern presst der Zoowärter hervor, wo der Ursprung des Dauerkonfliktes, in den er mit seinem Bruder verwickelt ist, seiner Meinung nach liegt: „In Frankreich war es“, heult er. „Dort hat er mir meine Legos geklaut. Und seither hat er mir sie nie mehr zurückgegeben. Und darum ist er ganz selber Schuld, dass ich heute das mit dem Lappen gemacht habe. Und vorgestern das mit der Zahnpaste…“

In Frankreich? In Frankreich! Das ist jetzt mehr als ein halbes Jahr her…

Ich hatte ja geglaubt, nur in der Weltpolitik und bei „Asterix auf Korsika“ seien sie in der Lage, einen Konflikt so lange am Köcheln zu halten, aber offenbar sind unsere Söhne ebenso talentiert in dieser Hinsicht. 

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