Lektion Nr. 10’345

Wieder eine Lektion gelernt:

Sag nie zu deinem übermüdeten Sohn, der sich ein neues Holzschwert wünscht, dass er dann in Prag eines bekommen werde, zumindest nicht dann, wenn es noch ganze zehn Tage dauert, bevor die Familie dorthin reisen wird. Warum du das nicht sagen sollst? Weil dein Sohn sonst zu heulen anfängt, er wolle gleich morgen nach Prag fahren und es wird nichts nützen, wenn du ihm zu erklären versuchst, dass dann Karlsson und Luise nicht mitkommen könnten, weil sie noch bis Samstag im Ferienlager sind. Es wird ihm auch vollkommen egal sein, wenn du ihm sagst, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen Geburtstag ganz gerne in der Schweiz feiern möchte, denn was um Himmels Willen ist für einen Vierjährigen dieses rätselhafte Gebilde namens Schweiz? Es wird ihn auch nicht interessieren, dass der Weg nach Prag sehr weit ist und dass es sich deshalb nicht lohnt, am Morgen mal schnell hinzufahren und abends wieder zurück zu sein. 

Nein, wenn dein übermüdeter Sohn verkündet, er brauche ein neues Holzschwert, dann sag ihm von mir aus, er könne morgen mit dem Papa eins basteln. Oder sag ihm, er könne ja mal schauen, ob er noch eines seiner alten Schwerter findet, damit er es mit Gold-und Silberfarbe schön bemalen könne. Wenn du unbedingt willst, kannst du ihm auch versprechen, du würdest morgen Nachmittag mit ihm in den Spielzeugladen gehen, um ein neues zu kaufen. Eigentlich ist es mir vollkommen egal, was du deinem Sohn sagst, wenn er ein neues Schwert will, aber sei bitte nicht so dumm wie ich und sag ihm, er könne dann in Prag eins bekommen….

Amtsschimmel & Glucke

Glaubt mir, ich habe keinen Vorwand gesucht, um meine Kinder im Jungscharlager besuchen zu können. Im Gegenteil, ich hatte mir fest vorgenommen, unseren zwei Ältesten die Woche ohne Mama, Papa und kleine Brüder zu gönnen. Klar, es fiel mir schwer, aber ich habe mir sagen lassen, dass Kinder jeweils von schrecklichem Heimweh geplagt sind, wenn die Eltern mal kurz in der Mitte der Woche zu Besuch kommen, um zu sehen, ob alles in Ordnung ist. Hätte uns nicht der Schweizer Amtsschimmel dazu gezwungen, hätten wir das also bleiben lassen, ganz ehrlich. Aber der Amtsschimmel wollte für ein amtliches Dokument die Unterschriften von Karlsson und Luise und weil es Ende Woche nicht mehr gereicht hätte, musste die Unterschrift der beiden her und zwar sofort. Ist ja schon absurd: Unterschreiben dürfen die zwei noch gar nichts, aber für gewissen Dokumente geht es doch nicht ohne die typischen krakeligen Kinderunterschriften. Was blieb uns da anderes übrig, als heute mal kurz im Lager vorbeizuschauen, bewaffnet mit schwarzem Stift, den zu unterschreibenden Dokumenten, zwei Kilo Schokolade für die Leiter und ein paar Süssigkeiten für unsere beiden Grossen?

Wir blieben wirklich nur ganz kurz, aber es reichte doch, um der Glucke in mir zu beweisen, dass für die Kinder bestens gesorgt ist. Ihr könnt mir glauben, eine derart gut ausgerüstete Zeltstadt habe ich in meinem Leben noch nie gesehen. Okay, so viele habe ich noch nicht gesehen, aber immerhin habe ich auch ein paar Jahre Jungscharerfahrung und daher eine blasse Ahnung davon, wie Zeltstädte auch noch aussehen könnten. Eine mit Wasserturm, Solaranlage und Dusche gab es zu unseren Zeiten auf alle Fälle noch nicht. Das allein hat die Glucke schon mächtig beeindruckt. Als sie dann sah, dass Karlsson und Luise nicht nur wohlgenährt und verletzungsfrei, sondern auch sehr zufrieden sind, atmete sie hörbar auf. Und als man ihr auch noch erzählte, in der Nacht, in welcher ein heftiges Gewitter über das Land gezogen ist, hätten die Kinder auf dem nahe gelegenen Bauernhof übernachtet, da war sie derart erleichtert, dass sie sich ohne den geringsten Widerstand vom Zeltplatz führen liess.

Okay, auf dem Heimweg hat sie dann doch noch ein wenig gejammert, die Glucke. Sie beklagte sich darüber, dass Luise nicht das geringste Anzeichen von Heimweh gezeigt hat. Karlsson tat ihr immerhin den Gefallen, zu erzählen, er hätte bereits alle seine Heimweh-Bonbons aufgegessen, aber Luise sagte nur mal knapp hallo und verschwand dann wieder so schnell sie konnte. Ziemlich hart für die Glucke, das muss ich zugeben. Zumal sie ziemlich darunter zu leiden scheint, dass sie eine ganze Woche lang die einzige Henne unter vier Hähnen sein muss. 

Networking

Man meint ja, nur in der Politik und in der Karriere sei es wichtig, Netzwerke zu knüpfen, die einem das Fortkommen erleichtern. Dabei ist es im Familienleben ebenso wichtig, wenn nicht noch wichtiger. Denn wie um Himmels Willen will man denn je fortkommen – und dies im wahrsten Sinne des Wortes – wenn man nicht ein Netz an Freunden und Verwandten hat, die einem hin und wieder die Kinder abnehmen? Was schon wichtig ist bei einem oder zwei Kindern, wird geradezu überlebenswichtig, wenn man drei, vier oder mehr hat. Eins oder zwei kann man ja noch relativ einfach unterbringen, zumindest wenn man Eltern hat, die dem Hüten von Enkelkindern nicht ganz abgeneigt sind, aber ab dreien wird’s richtig schwierig. Nun würde ich natürlich nie behaupten, man solle seine Freunde danach aussuchen, ob sie grossherzig genug sind, einem hin und wieder die Kinder zu hüten. Ich habe eine ziemlich ausgeprägte Abneigung gegen Beziehungen, in denen es allein um den gegenseitigen Nutzen geht. Aber gegen Freundschaften, in denen man die verschiedensten Aspekte des Lebens teilt, darunter hin und wieder auch die Kinder, dagegen habe ich nichts einzuwenden.

Okay, das schlechte Gewissen regte sich natürlich schon, als uns unsere Freunde fragten, ob wir ihnen einen Tag und eine Nacht lang ihre Jüngste hüten würden, jetzt, wo ihre drei Grossen alle verreist seien. Im Gegenzug würden sie dann einen Tag und eine Nacht lang unsere drei Jüngsten hüten, damit auch wir mal wieder ausspannen könnten. Unausgeglichener geht’s wohl kaum, zumal ich weiss, wie hoch es hergehen kann, wenn drei kleine Venditti-Jungs so richtig in Fahrt geraten. Glaubt mir, ich tat alles, um mich gegen diesen für unsere Freunde so unfairen Deal zu wehren, aber alles, was ich herausschlagen konnte war, dass das Prinzchen zu Hause übernachtet. Wer aus der Phase der stets unterbrochenen Nächte herausgewachsen ist, soll sich nicht mit einem Prinzchen herumschlagen müssen, der durchaus in der Lage ist, sich mitten in der Nacht in den Kopf setzen kann, jetzt gleich zur Bushaltestelle gehen zu müssen. Ich hab‘ euch ja davon erzählt und ich vermute, ihr versteht meinen Entscheid, ihn nicht bei Eltern nächtigen zu lassen, die die Nachtruhe mehr als verdient haben. Zumal das Prinzchen noch nie eine Nacht von Mama und Papa getrennt war, mal abgesehen von der einen Nacht im Spital, als ich das arme Baby nicht mehr länger dem Geschnarche unserer Zimmernachbarin aussetzen wollte.

Trotz heftigstem Wehren konnte ich also nicht verhindern, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter gestern Nachmittag uns Eltern ganz alleine zurückliessen und erst heute Nachmittag wieder glücklich und äusserst unausgeschlafen zurückkamen. Und das Prinzchen kam gestern nur gerade mal zum Schlafen nach Hause und war heute Morgen gleich wieder weg, als ob er damit nicht noch mindestens dreizehn Jahre zu früh dran wäre. Was konnten „Meiner“ und ich da anderes tun, als die freie Zeit in vollen Zügen zu geniessen?

Die Frage des Tages

Die Frage des Tages: „Mama, warum lässt du uns denn ins Ferienlager reisen, wo du doch so furchtbar traurig bist, wenn wir weg gehen?“

Ich habe geantwortet, wie Mamas eben antworten auf so eine Frage. Irgend etwas von loslassen können und die Kinder so sehr lieben, dass man ihnen gern eine Freude gönnt, auch wenn der Abschied schwer fällt. Natürlich hätte ich viel lieber gesagt: „Ich lasse euch überhaupt gar nicht reisen, wir blasen die ganze Übung ab, denn mir wird jetzt schon mulmig und wer weiss, ob ihr dort auch genug zu essen kriegt und ob das Wetter gut genug bleibt zum Zelten und ob ihr auch kein Heimweh bekommt und ob ihr auch immer daran denkt, einen Sonnenhut zu tragen. Warum bleibt ihr nicht einfach zu Hause und wir machen uns nächste Woche ein schönes Programm mit Zimmer aufräumen, Besorgungen erledigen und Garten jäten?“

Ich habe dann nichts von alldem gesagt, weil … nun ja, weil zur Liebe eben wirklich auch Loslassen gehört.

 

Protokoll einer heissen Juli-Nacht

21 Uhr: Alle Kinder sind im Bett, es sieht ganz danach aus, als könnte heute noch ein Film drin liegen. Ein ganzer, ohne Unterbrüche.

21:10 Uhr: Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann nicht schlafen. Warum, weiss ich auch nicht, also darf er noch Wasser trinken.

21:55 Uhr: In den Kinderzimmern herrscht jetzt absolute Ruhe. Ob wir jetzt den Film schauem sollen?

22:05 Uhr: Karlsson kann nicht schlafen. Ich schlage ihm vor, etwas zu lesen, aber dazu ist er zu müde. Dann soll er eben eine CD oder eine Schallplatte hören, aber das will er auch nicht. Dann eben singen? Nein, will er auch nicht. Dann soll er sich doch einfach ins Bett legen und Schäfchen zählen. Hat bei mir zwar auch nie gewirkt, aber ich will jetzt endlich Feierabend haben. Karlsson zieht sich in sein Zimmer zurück.

22:06 Uhr: Ob wir jetzt den Film schauen sollen?

22:08 Uhr: Karlsson ist wieder da. Er hat drei Minuten lang Schäfchen gezählt und kann noch immer nicht schlafen. Ich sage lange Zeit nichts, höre in mich hinein, um herauszufinden, ob ich jetzt schon explodieren soll, oder ob ich das erst beim nächsten Mal, wenn Karlsson wieder runter kommt, tun soll. Schweren Herzens entschliesse ich mich gegen das sofortige Explodieren und sage – ganz nett und aufrichtig übrigens – Karlsson solle sich doch auf die Matratze in unserem Zimmer legen und dort schlafen. Karlsson findet das eine gute Idee, holt sich Decke, Kissen und Eisbär David und legt sich in unser Zimmer.

22:15 Uhr: Karlsson muss nur noch schnell aufs WC und einen Schluck Wasser trinken, dann herrscht tatsächlich Ruhe, aber zum Film schauen sind wir jetzt zu müde.

23:59 Uhr: Ich weiss zwar nicht so genau weshalb, aber irgendwie haben „Meiner“ und ich uns die Stunden bis Mitternacht um die Ohren geschlagen. Vielleicht ist es einfach nur unter unserer Würde, noch am gleichen Tag zu Bett zu gehen, an dem wir morgens aus dem Bett gekrochen sind.

00:15 Uhr: Alles schläft….

00:30 Uhr: Luise kommt ins Elternschlafzimmer geschlichen. Sie hat Angst. Ich rücke an den Bettrand, damit sie sich zwischen „Meinen“ und mich quetschen kann. 

01:13 Uhr: Luise steht auf, um sich aufs Sofa zu legen, weil es ihr zu heiss ist zwischen „Meinem“ und mir.

01:25 Uhr: Luise ist wieder zurück. Auf dem Sofa hat sie die Angst wieder gepackt. Dann schon lieber heiss als ängstlich. Aber so heiss wie vorher auch wieder nicht. Mal sehen, ob sie beim Prinzchen unterkommt. Aber das Prinzchen will Luise nicht in seinem Bett haben. Luise, die weiss. wie sie ihren jüngsten Bruder rumkriegen kann, versucht es zuerst mit Betteln und weil dies nichts bringt, redet sie ihm ins Gewissen: „Du bist ein ganz böses Prinzchen, wenn ich nicht zu dir ins Bett kommen darf.“ Ich habe ja nicht gewusst, dass man flüsternd überhaupt schimpfen kann, aber Luise kann es und zwar so wirkungsvoll, dass das Prinzchen schliesslich widerwillig zur Seite rückt und der grossen Schwester Platz macht.

01:40 Uhr: Alles schläft…

06:10 Uhr: Von allen ausser von Karlsson unbemerkt kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Elternschlafzimmer geschlichen. Später, als ich den Jungen nicht finden kann, wird Karlsson zu Protokoll geben, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat im Zimmer einen Schlafplatz suchte und sich, als er sah, dass nichts mehr frei war, aufs Sofa zurückgezogen hat. Dort fand ich ihn dann tatsächlich auch, später, als ich mich endlich von meinem Kissen losgerissen hatte.

06:45 Uhr: Tagwache. Luise schläft quer in Prinzchens Bett, die Beine an die Wand gelehnt, als sei sie bei der Gymnastik eingeschlafen. Das Prinzchen reibt sich verdutzt die Augen, weil plötzlich die halbe Familie im Zimmer ist. Karlsson drängt „Meinen“ und mich dazu, endlich aufzustehen und ich versuche vergeblich, ihm klar zu machen, dass ich ebenso grosse Mühe mit dem Wachwerden habe, wie er jeweils mit dem Einschlafen. 

07:30 Uhr: Die ganze Familie sitzt am Frühstückstisch. Die Ganze Familie? Nein! Ein unbeugsamer kleiner Zoowärter hat sich dem Gruppendruck widersetzt und die ganze Nacht in seinem eigenen Bett geschlafen. Und weil es sich dort weitaus besser schläft als eng aneinander gedrängt in einem stickigen Schlafzimmer, ist er der Einzige, der morgens nicht verzweifelt aus dem Bett geflüchtet ist, sondern sich noch eine weitere halbe Stunde Schlaf gönnt.

Loslassen, zweites Level

Letzten Sommer war Level eins dran: Karlsson verreiste in sein erstes Ferienlager und wer hier schon länger mitliest weiss, wie sehr ich mit der Glucke in mir gerungen habe, um ihn loslassen zu können. Rückblickend konnte ich sagen, dass alles viel weniger schlimm war als erwartet. Karlsson erlebte eine wunderbare Woche, wir waren stolz auf uns, dass wir auch ein paar Tage ohne ihn auskommen konnten und am Ende kam er fröhlich und wohlgenährt wieder nach Hause zurück.

Wer nun glaubt, dass ich dank dieser Erfahrung gelassener an Loslassen, Level zwei herangehe, der kennt mich schlecht. Nun ja, die Bedingungen sind diesmal auch erheblich härter als beim ersten Mal. War es letztes Jahr ein Kind, dass ganz ohne Eltern unterwegs war, so sind es dieses Jahr schon zwei, die am Samstag die Koffer packen. Luise geht diesmal auch mit. Das allein wäre ja schon schlimm genug für die Glucke in mir, aber es kommt noch dicker. Die zwei werden nämlich nicht in einem Lagerhaus nächtigen, nein, sie werden im Zelt schlafen. Man stelle sich das einmal vor: Die zwei armen Kinderchen ohne ihre Mama, die sie mit Zeckenspray, Gummibärchen und einer warmen Wolldecke versorgt. Ja, ich weiss, die Leiter werden bestens für alle Eventualitäten ausgerüstet sein und dann werde ich natürlich auch noch das eine oder andere in den Rucksack meiner Kinder schmuggeln, damit ihnen auch bestimmt an nichts mangelt.

Das alles beruhigt die Glucke nicht im Geringsten. Bis jetzt gelingt es mir noch relativ gut,  ihr Jammern und Klagen zu überhören, aber spätestens übermorgen, wenn ich die letzten Einkäufe für das Lager tätige, werde ich sie nicht mehr zurückhalten können. Sie wird den Einkaufswagen voll beladen mit Dingen, ohne die Karlsson und Luise die Woche nicht überstehen werden, sie wird die beiden dazu drängen, noch dieses und jenes einzupacken, sie wird hundertmal nachfragen, ob sie auch ganz bestimmt nichts vergessen haben. Und „Meiner“ wird daneben stehen und lauthals darüber lachen, dass ich mal wieder masslos übertreibe. Dabei bin das doch gar nicht ich, das ist nur die Glucke, die sich einfach nicht zurückhalten kann.

Auch so habe ich mir das nicht vorgestellt

Wenn wir Mütter sagen, so hätten wir uns das mit den Kindern nicht vorgestellt, dann meinen wir meist die Momente, in denen wir mit den Nerven am Ende sind. Wir meinen die Tage, an denen wir Mühe haben, dem Dasein als Mutter auch nur etwas Positives abzugewinnen. Von den anderen Momenten, in denen das Muttersein anders ist, als es in unseren Vorstellungen war, reden wir leider nur selten.

Hätte man mir vor zehn Jahren gesagt, dass ich dereinst an einem lauen Sommerabend meinem Ältesten dabei zusehen würde, wie er genussvoll eine Portion Riesencrevetten verspeist, bevor es in die Oper geht, dann hätte ich gesagt, dass das gar nicht sein kann, weil Kinder keine Crevetten mögen und weil sie Oper langweilig finden. Hätte man mir gesagt, dass der Junge mich mit Witzen über die „Kapitalisten“ auf den teuersten Plätzen zum Lachen bringen würde, hätte ich gesagt, dass Kinder in diesem Alter nur Witze wie „Was ist rot und grün? – Ein Frosch im Mixer!“ lustig finden. Hätte man mir gesagt, dass mir ein Abend mit meinem Sohn ebensoviel Spass machen würde wie ein Abend mit „Meinem“, dann hätte ich gesagt, dass sei ganz und gar unmöglich.

Als ich noch kinderlos war, habe ich mir das Muttersein nicht so anstrengend vorgestellt, wie es ist. Aber auch nicht so schön.

Traumanfall

So ein kleiner Trotzanfall wirft mich eigentlich nicht mehr aus der Bahn. Zu viele habe ich bereits miterlebt, als dass ich mir noch allzu viele Gedanken darüber machen würde. Klar, ich weiss dass das Problem in den Augen des Kindes weltbewegend ist, sonst würde es ja nicht so ein mörderisches Gebrüll anstimmen. Darum würde ich es auch nie und nimmer wagen, mich über den Grund des Gebrülls lustig zu machen. Aber aus meiner Warte gesehen ist keines dieser Probleme so gravierend, als dass ich mir die Mühe machen würde, mich darüber zu ärgern. Grund zum Ärgern gibt es im Familienalltag schon genug, da muss man nicht auch noch aus den Trotzanfällen, die nun mal einfach zum Kindsein dazugehören, ein Theater machen.

So, jetzt wo das klargestellt ist, kann ich ja gestehen, dass mich das Prinzchen heute mitten in der Nacht mit seinem Trotzanfall ganz schön ins Schwitzen gebracht hat. Ja, gut, auch ein Trotzanfall in der Nacht ist für mich nichts Neues. Aber ein Trotzanfall mitten in der Nacht wegen einer Ungerechtigkeit, die dem Kind im Traum widerfahren ist? Noch nie zuvor gehabt. Da sitzt der Kleine zornig in seinem Bett und brüllt: „Will auch mitkommen! Will auch mit dem Bus mitkommen!“ Ich nehme mal an, dass es eine Weile gedauert hat, bis der Protest unseres Jüngsten mich überhaupt aus dem Schlaf geschreckt hat, denn als ich endlich wach war, hatte er sich schon so sehr in die Sache hineingesteigert, dass er sich kaum mehr beruhigen lassen wollte. „Prinzchen, wir schlafen alle, draussen ist es dunkel und der Bus schläft auch“, murmelte ich schlaftrunken und meinte, damit sei die Sache abgehakt. War sie aber nicht, denn offenbar hatte das Prinzchen in seinem Traum so eindeutig mitgekriegt, dass alle ihren Spass haben würden und er alleine zu Hause bleiben müsse, dass eine eindeutig nicht ausgehfertige Mama, die keine Anstalten machte, sich demnächst aus dem Bett zu begeben und zur Bushaltestelle zu hetzen, ihn nicht zu beruhigen vermochte. „Will aber auch mitkommen! Will auch mit dem Bus fahren! Will nicht hier bleiben!“, brüllte er weiter. „Wir gehen aber nirgendwo hin. Wir wollen jetzt alle nur schlafen“, antwortete ich genervt.

Nun versuche mal einer, einem zornigen Zweijährigen beizubringen, dass das, was ihn so sehr in Rage bringt, sich nur in seinem Kopf abgespielt hat und dass es keinen Grund gibt, sich so sehr aufzuregen. Nun ja, ich weiss, auch beim ganz gewöhnlichen Trotzanfall spielt sich das Meiste im Kopf ab, aber die Sache, um die es geht, ist meist ziemlich handfest, wie zum Beispiel das Brötchen, das man nicht haben darf, oder der Waschlappen, den man nicht im Gesicht haben will, oder die grosse Schwester, die einen nervt.  Was aber, wenn der Auslöser dieses unbeschreibliche Phänomen genannt Traum ist, ein Phänomen, das auch grösseren Kindern und Erwachsenen ein Rätsel bleibt? Vielleicht hätte ich in wachem Zustand einen Weg gefunden, das Prinzchen zu beruhigen, im Halbschlaf aber war ich seiner Wut ratlos ausgeliefert.

Also schrie das Kind weiter nach Leibeskräften, versuchte, sich aus der Zewi-Decke zu befreien und drohte an, er werde zur Bushaltestelle gehen. So langsam wurde ich nervös. Der kleine Trotzkopf würde noch die ganze Familie wecken. „Meiner“ zumindest tappte schon schlaftrunken zum Bett seines Jüngsten. Und was tat der gute Mann? Setzte sich auf die Bettkante, fragte seinen Sohn „Prinzchen, hast du geträumt? Komm, wir schlafen weiter.“ Und dann war Ruhe. 

Wie macht der Mann das bloss?

Neue Welten

Mir wurde ja schon ein wenig mulmig, als „Meiner“ Karlsson zum zehnten Geburtstag das Versprechen abgab, dass er im Laufe des Jahres je einen ganzen Tag mit Papa und einen ganzen Tag mit Mama verbringen dürfe. Das Programm, so sagte „Meiner“, würde ganz vom Kind bestimmt. An sich eine tolle Sache, denn es gibt für Mehrfacheltern ja eigentlich nichts Schöneres, als einen ganzen Tag Zeit zu haben für ein einziges Kind. Zeit zum Reden, Spass haben, dem Kind die volle Aufmerksamkeit schenken. Doch man weiss ja auch, wohin es führen kann, wenn man den Kindern freie Hand lässt bei der Programmgestaltung: Plötzlich findet man sich inmitten von kreischenden Teenies am Justin Bieber-Konzert wieder. Oder hustend und keuchend an einem Moto-Cross-Rennen. Oder, schlimmer noch, auf einer Fresstour durch sämtliche Fastfood-Tempel des Landes. Man kann nie wissen, welche abartigen Vorlieben angehende Teenager entwickeln und deshalb finde ich ein solches Versprechen ziemlich risikoreich. Hätten meine Eltern mir damals ein solches Angebot gemacht, ich hätte sie bestimmt zu einem Michael Jackson-Konzert geschleppt, oder ich hätte sie dazu gezwungen, mit mir ins Kino zu gehen, um Dirty Dancing zu schauen. Nun gut, da war ich schon etwas älter als zehn, aber man weiss ja, dass die Pubertät und damit auch die Geschmacksverirrungen heutzutage früher einsetzen als zu unseren Zeiten. Klar, aus Liebe zum Kind ist man zu allem bereit, aber nicht zu allem gleich gern.

Aus diesem Grund sah ich dem Mama-Karlsson-Tag mit gemischten Gefühlen entgegen. Was würde unser Ältester von mir erwarten; auf welche Tortur musste ich mich gefasst machen? Nachdem „Meiner“ am Papa-Karlsson-Tag schon sämtliche bekannten Highlights – Kino, Antiquitätenhändler, gut essen und Thermalbad – abgehakt hatte, wusste ich erst recht nicht mehr, womit ich zu rechnen hatte. Mit einem Vergnügungspark vielleicht, oder mit einem Besuch im „Spassbad“, das nur für Menschen unter zwanzig lustig und Berufsjugendliche lustig ist? Oder am Ende vielleicht ein Essen in einem Nobelrestaurant, in dem ich mich nicht zu benehmen weiss? Immerhin ist Karlsson ein bekennender Feinschmecker. Nun, es kam nicht ganz so schlimm: Mein Sohn und ich fahren am Samstag nach Avenches in die Oper. Offen gestanden habe ich keine Ahnung, wie man sich in einer Oper aufführt, aber die Veranstaltung findet ja in der Arena statt, da werde ich nicht viel falsch machen können. Ob mir die Musik gefallen wird, weiss ich nicht und ob ich die Handlung verstehen werde erst recht nicht, aber immerhin beschert mir der Ausflug keine Albträume, mal abgesehen von der Fahrt nach Avenches, die bei meinem Orientierungssinn durchaus zur Katastrophe werden könnte. Im Gegenteil, ich sehe dem Abend mit eienr gespannten Vorfreude entgegen. Und sollte mir das Ganze nicht zusagen, so kann ich immerhin dankbar sein, dass unser Ältester mich verschont vor kreischenden Teenagern, irrsinnigen Rutschbahn-Fahrten und missgünstig dreinblickenden Kellnern, die nur darauf warten, bis mir ein Bissen unter den Tisch fällt.  

Als

Ein Kandidat für den Tischlerschuppen

Wie schafft es ein Kind, das noch keinen Meter hoch ist, auf das Dach einer Garage zu klettern? Nein, ich meine keine Spielzeug-Garage, ich meine eine echte, in der zwei ausgewachsene Autos Platz finden.

Wie schafft es dasselbe Kind, mal schnell eine Honigmelone in sich hineinzustopfen, während Mama kurz auf dem WC ist. Nein, ich meine nicht einen Schnitz einer Honigmelone, ich meine eine ganze. Nun gut, Karlsson hat auch ein kleines Stück abgekriegt, aber den Rest hat der Kleine alleine vertilgt.

Wie schafft es dieses kleine, zart gebaute Männlein, seine grossen Geschwister zum Weinen zu bringen? Nein, ich meine nicht dieses künstliche Weinen, das grosse Geschwister so gerne einsetzen, um dem Kleinen das Gefühl zu geben, er hätte die Grossen besiegt. Ich meine echte Tränen und echtes Gejammer à la „Mama, ich trau mich nicht. Ich will nicht, dass das Prinzchen mich schlägt.“

Wie schafft es dieses Kind, einfach so, aus lauter Freude an der Sache, mit dem Besen die Lampe im Elternschlafzimmer von der Decke zu holen und die Energiesparlampe zu ruinieren? Nichts da mit 10’000 Stunden Leuchtdauer, wenn ein Prinzchen in der Nähe ist. 

Und wie um Himmels Willen sollen wir es schaffen, diesem kleinen Menschen beizubringen, dass das alles so nicht geht? Wo er doch so hinreissend aussieht, wenn er uns stolz davon erzählt, was er wieder ausgefressen hat? Ob wir uns auf unsere alten Elterntage noch einen Tischlerschuppen zulegen müssen?