Schon wieder

Und wiedermal sind Vendittis zu Gast auf der Notfallstation. Diesmal ist es der FeuerwehrRitterRömerPirat. Ausnahmsweise mal kein Blinddarm, aber unters Messer wird er trotzdem müssen, sobald das Brötchen, das er am späten Nachmittag gegessen hat, verdaut ist. Als heute Abend der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise ein Haus bauen wollten aus den Kartons, in denen die Bürostühle – Pardon, die Pferde meine ich natürlich – angeliefert worden sind, erwischte Luise mit dem Messer nicht den Karton, sondern die Hand ihres Bruders und zwar so tief, dass die Sehne verletzt wurde. Also ab ins Spital mit ihm, diesmal aber nicht ich, sondern „Meiner“, denn ich bin eine Memme, wenn es um Blut geht. Ich blieb zu Hause und versuchte, Luise zu beruhigen, die vor lauter Schuldgefühlen fast noch mehr weinte als ihr verletzter Bruder.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat scheint die Sache ganz gelassen zu nehmen. Am Telefon plauderte er ganz fröhlich von seinem Ferrari, den ihm die Krankenschwester geschenkt hat und vor der Operation scheint er sich keineswegs zu fürchten. Nun, „Meiner“ und ich nehmen die Sache nicht ganz so gelassen und ich stelle mich ein auf eine weitere Nacht, in der ich mich frage, wie wir bloss so naiv sein konnten, unsere Kinder mit Messern hantieren zu lassen, auf eine weitere Nacht, in der ich es nicht erwarten kann, bis ich die erlösende Nachricht bekomme, dass mein geliebtes Kind aus der Narkose erwacht ist.

Wild West

Als ich die zwei Schachteln die Treppe hochschleppte, die der Paketpöstler heute kurz vor Mittag bei uns im Eingang deponiert hatte, war ich mir sicher, dass darin die Bürostühle waren, die ich vor einiger Zeit ersteigert hatte. Der Aufdruck auf den Kartons sprach dafür, dass es so war, wie ich vermutete: „Bürosstuhl – FY-250-2FA rot 4“. Auch als ich den Inhalt beider Schachteln vor mir im Flur auf dem Boden liegen sah, schöpfte ich noch keinen Verdacht, dass ich mich geirrt haben könnte. Und so machte ich mich gleich daran, die Dinger zusammenzuschrauben. Solche Arbeiten müssen bei uns sofort erledigt werden, bevor das Prinzchen auf dumme Gedanken kommt und die Schrauben in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Also schraubte ich, anstatt die Küche aufzuräumen und bald schon standen sie da, die zwei nagelneuen Bürostühle, die demnächst an meinem Arbeitsplatz stehen werden. Nach getaner Arbeit zog ich mich in die Küche zurück, um nun doch noch ein wenig Hausfrau zu spielen. Später dann würde ich die Bürostühle ins Familienzentrum bringen. Doch als ich aus der Küche kam, waren da keine Bürostühle mehr. Dafür aber zwei kräftige Pferde, das eine versehen mit Zügeln – die ich Kleingeist für Verpackungsschnüre gehalten hatte – das andere zwar ohne Zügel, dafür aber mit einem Reiter auf dem Rücken, der eine Verpackungsschnur –  äh, Pardon, einen Morgenstern natürlich – schwang. Der andere Reiter zielte mit einer Pistole auf mich und fast wäre ich erschossen worden, denn in meiner Beschränktheit hielt ich die Pistole für den Inbusschlüssel, den ich eben noch in den Händen gehalten hatte, um die Schrauben anzuziehen. Gerade rechtzeitig noch konnte ich mich in Deckung bringen, ehe der eine der Cowboys mich zur Strecke gebracht hätte.

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich, mir die zwei Cowboys zu Freunden zu machen. Ich meine, was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden frei und unbeschwert bewegen könnte, aus Angst, von einem Cowboy angegriffen zu werden? Und bis zur Abstimmung vom 13. Februar warten, wenn die Waffen hoffentlich aus den Haushaltungen verschwinden werden, war mir zu blöd. Also versuchte ich, die beiden wilden Kerle in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da: Sie liessen sich auf mich ein, erzählten mir von ihrem rauhen Leben im Wilden Westen, von ihren Pferden, die ganz brav seien und von ihren Waffen, die sie bräuchten, um sich gegen all das Böse zu verteidigen, das in der Wüste bekanntlich hinter jedem Kaktus lauert. Am Ende posierten sie gar für ein Erinnerungsbild.

Anfangs war ich ja fürchterlich stolz darauf, dass ich einfach so nach dem Mittagessen ein Bild von echten Cowboys auf echten Pferden schiessen konnte, aber je länger ich es mir überlege, umso mehr fürchte ich, dass ich mich vielleicht habe reinlegen lassen und dass das in Wirklichkeit gar keine Cowboys waren, sondern zwei kleine Jungs, die mal schnell ausprobieren wollten, ob man Bürostühle auch für Spannenderes gebrauchen könne, als darauf zu sitzen, in den Bildschirm zu starren und zu murmeln „Psst, seid mal still, ich muss jetzt arbeiten“.

Möbelsamstag

Man sagt uns ja hin und wieder, wir seien verrückt, aber so richtig wahrhaben wollen wir das nicht. Wir tun so, als sei alles ganz normal und vernünftig, was wir tun. Bis wir mal wieder in der Tinte sitzen und wir der Tatsache ins Auge schauen müssen, dass andere weitsichtiger sind als wir. Viel weitsichtiger. Die sind zum Beispiel so vernünftig, dass sie einen Babysitter engagieren, wenn sie ins Schwedische Möbelhaus fahren. Oder sie nehmen nicht nur ein Handy mit, sondern zwei, damit man einander anrufen kann, wenn man sich im Getümmel nicht mehr findet. Gut, dass wir heute Morgen mit der ganzen Meute in zwei Autos losgefahren sind, um ein Zoowärter-Bett, einen FeuerwehrRitterRömerPiraten-Schreibtisch, ein „Meiner“ und ich – Bett und noch ein paar andere Dinge zu besorgen, ist ja so unvernünftig nicht. Okay, man kann sich fragen, ob der Zoowärter unbedingt mitmusste, wo er doch beim letzen Mal einen Fieberkrampf bekam, als er im Möbelhaus Köttbullar ass. Und vielleicht hätte „Meiner“ ja wirklich zu Hause bleiben und aufräumen können, aber mit wem hätte ich mich denn darüber streiten können, ob wir nun einen neuen Schrank fürs Kinderzimmer oder eine neue Kommode fürs Elternschlafzimmer erstehen sollten?

Wie auch immer, wir fuhren los, der festen Überzeugung, dass heute nichts schief gehen konnte, weil wir a) genügend Geld im Portemonnaie hatten, b) eine ziemlich klare Vorstellung hatten, was wir wollten (mal abgesehen von der Meinungsverschiedenheit betreffs Schrank oder Kommode), c) die Kinder mit der Aussicht auf viele schöne neue Dinge motiviert wie selten waren und wir d) zu dritt waren, um fünf Kinder bei Laune zu halten. Anfangs sah die Sache wirklich erfolgsversprechend aus. Luise, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter liessen sich bereitwillig im Kinderparadies abgeben. Also zogen wir – drei Erwachsene, zwei Kinder und zwei Einkaufswägen – los. Hätte nicht das Prinzchen, der in diesen Tagen gewöhnlich pausenlos an meinem Rockzipfel hängt, auf einmal diesen unbändigen Entdeckerdrang verspürt, wären wir beinahe in Versuchung geraten, den Einkauf zu geniessen. Damit dies nicht geschehen konnte, versteckte sich unser Jüngster immer mal wieder, so dass wir nach einer Stunde doch schon ziemlich müde waren.

Und dann fing das übliche Chaos an. Wir begingen den groben Fehler, am Kinderparadies vorbeizuspazieren, Luise sah uns, sah, dass Karlsson ein neues Stofftier im Arm hielt und vorbei war die Ruhe. Luise wollte raus, wollte auch ein Stofftier, wollte mal das Känguru, mal den Frosch, mal den Hund. Ich wollte keine Kommode, „Meiner“ wollte keinen Schrank, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den er in der Kinderabteilung entdeckt hatte, nicht mehr aus der Hand geben, Karlsson wollte sein Stofftier in der Gegend herumwerfen und die Frau im Kinderparadies wollte, dass wir den Zoowärter und den FeuerwehrRitterRömerPiraten abholen, weil die Zeit um war. Und dann ging es weiter mit wollen: Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPirat wollten auch ein Stofftier, das Prinzchen wollte den Plastikhammer, den wir inzwischen für ihn in den Wagen gelegt hatten, ausprobieren, bevor er bezahlt war, „Meiner“ wollte keine weiteren Stofftiere kaufen und ich wollte essen gehen, damit wir am Tisch endlich die leidige Diskussion ob Schrank oder Kommode zu einem Ende bringen könnten. Im Restaurant wollten Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat eine grosse Portion Fleischbällchen und dann, als die Teller erst zur Hälfte leer waren, wollten sie nicht mehr weiter essen, der Zoowärter wollte mehr Fleischbällchen und weniger Pommes Frites, „Meiner“  und ich wollten reden und konnten nicht, weil die Kinder nicht wollten, dass wir miteinander reden, sondern mit ihnen. Was das Au Pair wollte, weiss ich nicht. Sie hielt sich vornehm zurück und half, das Chaos unter Kontrolle zu halten, aber ich nehme an, dass sie wollte, dass wir endlich mal Ruhe geben und uns wie normale Menschen gebärden, die still und artig am Tisch sitzen.

Bis dahin war alles noch in den für uns gewohnten Bahnen gelaufen, doch dann, als wir uns am Ende unseres Einkaufsabenteuers wähnten, ging es erst richtig los. Während das Au Pair, die Kinder und ich uns ans Bezahlen und Einpacken des Kleinkrams machten, machte sich „Meiner“ auf, die Dinge zu organisieren, die wir uns nach Hause liefern lassen wollten, weil unser Fünfplätzer sich weigerte, sie zu transportieren. Nachdem wir fertig eingepackt hatten, warteten wir auf „Meinen“, aber der kam nicht. Also gingen wir zum Parkplatz, um die Autos zu beladen. Aber „Meiner“ hatte den Schlüssel, ich das Auto. Also beluden wir das Auto des Au Pairs, verfrachteten – nachdem wir den Streit, wer mit wem fahren darf und wer auf dem Weg welche CD hören darf geschlichtet hatten – Karlsson und den FeuerwehrRitterRömerPiraten ins Au Pair-Auto und schickten die drei auf die Heimfahrt.

Die drei fuhren los und wir warteten weiter auf „Meinen“, der noch immer nicht auftauchte und den ich nicht anrufen konnte, weil sein Handy nicht mitgekommen war. Irgendwann tauchte „Meiner“ auf, drückte mir den Autoschlüssel in die Hand und entschwand wieder in der Menschenmenge, weil er „nur noch ganz schnell“ alles bezahlen musste. Nett wie ich bin, organisierte ich in der Zwischenzeit, was es zu organisieren gab: Auto beladen, Kinder anschnallen und dann schnell Richtung Ausgang fahren, um „Meinen“ ins Auto zu packen. Aber „Meiner“ war spurlos verschwunden. Also warteten wir wieder. Während die Kinder artig im Auto sassen und abwechslungsweise jammerten und beteten, dass der Papa doch endlich kommen möge, tigerte ich immer gereizter in der Tiefgarage herum, in der Hoffnung, irgendwo „Meinen“ auf der Suche nach uns herumirren zu sehen. Aber „Meiner“ irrte nicht in der Tiefgarage herum, sondern im Laden, wo man ihn von Pontius zu Pilatus schickte, bis er endlich, nach einer geschlagenen Stunde völlig entnervt wieder auftauchte. Fragt mich bitte nicht, weshalb er so lange gebraucht hat, um ein paar Möbel zu bezahlen. Er hat’s mir erklärt, aber verstanden habe ich es nicht.

Nun, irgendwie haben wir die Sache hinter uns gebracht und ich bin auch wirklich ganz stolz auf uns, dass es zwar zur einen oder andere Reiberei, nicht aber zum üblichen Krach, gekommen ist. Wobei, vielleicht habe ich gar keinen Grund zum stolz sein, denn vermutlich hatten wir bloss deshalb keinen Krach, weil wir nach all dem Stress einfach zu müde waren dazu.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?


 

Zukunftspläne

Die Kinder haben vergangene Nacht eine neue Cousine bekommen – das 21. Enkelkind meiner Eltern – und so reden wir beim Abendessen über Babys. Irgendwann wirft „Meiner“ die Frage in die Runde, wie viele Kinder unsere Kinder mal haben möchten. Luise zögert keine Sekunde: „Hundert Mädchen“, platzt sie heraus. Doch dann erinnere ich sie daran, dass ich als kleines Mädchen mal 99 Mädchen und einen Jungen haben wollte und dass sie ja sehen könne, was geschehe, wenn man solche Wünsche hätte. Schnell korrigiert sie sich und erklärt: „Ich werde sechs Kinder haben. Drei Mädchen und drei Jungen.“ Der FeuerwehrRitterRömerPirat weiss auch sehr genau, welche Sorte Kinder er will: „Eine Milliarde Jungs“. Der Zoowärter weiss zwar nicht, wie viele  er mal haben will, dafür aber, was sie sein sollen: Ritterjungen. Mal sehen, wo er die auftreiben wird.

Karlsson, der bis anhin stets verkündet hatte, er wolle gar nie Kinder haben, dafür aber ein paar zahme Eisbären, scheint so langsam zu erkennen, worauf es beim Kinderhaben ankommt: „Ich werde mal so viele Kinder haben, wie meine Frau ertragen kann“, verkündet er weise. „Kluges Kind“, sage ich und denke im Stillen, dass er, falls seine Zukünftige mir auch nur ein ganz kleines bisschen ähnlich ist, ein ziemlich kinderreicher Mann werden könnte. Hätte „Meiner“ nach Karlssons Grundsatz gehandelt, wäre das Prinzchen wohl kaum unser jüngstes Kind geblieben.

So kann man das auch sehen

Gestern Abend beklagte sich Luise darüber, ich würde zu viel arbeiten. Auch „Meiner“, meine Mutter und das Au Pair winken stets mit irgend welchen Zaunpfählen in der Gegend rum, um mich darauf aufmerksam zu machen, dass es so langsam aber sicher reicht. Und mein Körper, dieser Schwächling, muckt auch alle paar Wochen auf, mal mit Magen-Darm-Seuche, dann wieder mit Husten und Schnupfen. Bei so viel Gemecker kommt man nicht umhin, sich Gedanken zur eigenen Arbeitshaltung zu machen und schliesslich kam ich zum Schluss, dass es tatsächlich etwas viel geworden ist. Und so kam es, dass ich heute beim Frühstück mehr zu mir selber als zu den Kindern sagte: „Es stimmt ja schon, ich arbeite einfach zu viel.“ Karlsson und Luise nickten zustimmend, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat sah das etwas anders: „Nein Mama, das stimmt nicht“, widersprach er. „Du arbeitest nicht zu viel, du machst einfach zu kurze Pausen.“

So kann man das natürlich auch sehen. Und vielleicht könnte man ja sogar mehr leisten, wenn die Pausen etwas länger wären?

Reise(un)fertig

Seit Tagen schon hatten wir alle auf morgen hingefiebert. Die Kinder, weil sie es kaum erwarten können, bis sie endlich drei Tage mit (Paten)tante, Grossvater, Freunden,  Au Pair und was es sonst noch für liebe Menschen auf diesem Planeten gibt, verbringen dürfen, „Meiner“ und ich, weil wir nach bald zehn Jahren mal wieder einen Kurzausflug nach Prag machen dürfen. Prag, das ist die Stadt, die wir am meisten lieben. Die Stadt, die wir wenige Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs auf der Maturareise besuchten, die Stadt, die wir ein paar Jahre später auf unserem Interrail-Trip durch Osteuropa kaum mehr wieder erkannten, weil sie so touristisch geworden war, die Stadt, die unser erstes Reiseziel nach Karlssons Geburt war. Und morgen früh wollen wir uns ein viertes Mal auf den Weg machen, diesmal mit dem Ziel, dem Alltag mit all seinen Belastungen, die in letzter Zeit ein Übermass angenommen haben, für ein paar Tage zu entfliehen. Damit das Ganze nicht allzu sehr nach Freizeit aussieht, habe ich dem Kurztrip den Anstrich einer Vor-Ort-Recherche verpasst, denn es gibt da in der Nähe von Prag etwas, was in einer Geschichte, die vielleicht eines Tages werden soll, eine Rolle spielt.

Darauf also haben wir uns alle gefreut und Luise hat mich diese Woche immer und immer wieder gefragt: „Wann geht ihr denn endlich weg? Ich will euch jetzt los sein.“ Fas schon hätte ich mir ihre Bemerkungen zu Herzen genommen und einmal mehr an meinen mütterlichen Qualitäten gezweifelt. Aber weil ich meine Tochter nur zu gut kenne, habe ich der Sache dann doch nicht zu viel Bedeutung beigemessen. Und siehe da, heute Abend beim Gutenachtsagen kamen die Tränen. Erstaunlicherweise war der FeuerwehrRitterRömerPirat der Erste, der still und leise in seinen Riesenteddy schluchzte, aber bald stimmte auch Luise ein und Karlsson sass mit besorgtem Gesichtsausdruck still daneben. Der Zoowärter begriff zwar noch nicht so ganz, weshalb alle so traurig waren, aber wo die Stimmung schon so gedrückt war, konnte er ja auch gleich nach seinem winzigen Plastikkönig schreien, den er heute aus dem Dreikönigskuchen gefischt hatte. Einzig das Prinzchen blieb gelassen und mahnte die anderen, sie müssten doch nicht so traurig sein. Auch „Meiner“ und ich heulten nicht, aber nur, weil wir nicht wollten, dass der Abschied noch trauriger wird. Ich weiss ja nicht, wie es „Meinem“ dabei erging, aber ich für meinen Teil musste mich ganz gewaltig zusammennehmen, damit ich nicht zum Telefon griff, um die Reise abzusagen.

Ich habe es dann doch nicht getan. Weil ich weiss, dass die Kinder bestens aufgehoben sind. Weil ich weiss, dass „Meiner“ und ich mal wieder eine Auszeit brauchen. Weil ich weiss, dass Prag mich erneut in seinen Bann ziehen wird, auch wenn es bestimmt wieder ganz anders sein wird als beim letzen Mal.

Bob de Soumaa

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind gross geworden. Das merkt man nicht nur daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen ersten Zahn verloren hat, Luise keine Lust mehr auf Rosa und Hello Kitty mehr hat und Karlsson unverschämt grinst, wenn wir Eltern einen Witz machen, der nur für Erwachsene gedacht ist. Auch nicht nur daran, dass sie jeden zweiten Satz mit „Früher, als ich noch klein war…“ anfangen. Nein, man merkt es auch daran, dass all die Helden ihrer frühen Kindheit – Bob der Baumeister, Franklin, Pingu und wie sie alle heissen – plötzlich nur noch doof sind. Nannte ich den Mann mit dem gelben Helm vor zwei Jahren „Bob de Soumaa“ (Bob der Saumann) schrieen sie alle entsetzt auf, heute sagen sie weitaus Schlimmeres über ihn und seine Rita. Kaum zu glauben, wie da über die Helden des Kinderzimmers gelästert wird.

Was von mir aus gesehen völlig in Ordnung wäre, finde ich doch die meisten Figuren, welche die Kinder unterhalten sollten, reichlich platt und fantasielos. Das Problem ist aber, dass es da noch zwei kleinere Kinder gibt in unserer Familie. Für diese zwei kleineren Kinder ist niemand grösser als Pingu und Bob der Baumeister. Diese zwei kleineren Kinder mögen es nicht ausstehen, wenn man ihre Helden beleidigt. Und das gibt Zoff. Jedes Mal, wenn die Grossen lachen, heulen die Kleinen und wenn die Kleinen jubeln, spotten die Grossen. Zwar nicht über die Kleinen, aber diese fühlen sich dennoch persönlich angegriffen. Schaut nämlich der Zoowärter ein Pingu-Filmchen, ruft er mich immer wieder herbei und sagt: „Schau mal, Mama, was ich mache! Ich rutsche gerade mit Pinga über das Eis.“ Dann dämmert mir, dass der Zoowärter im Film nicht Pingu, sondern sich selber sieht und darum beleidigt derjenige, der über Pingu spottet, nicht einen Pinguin aus Knete, sondern einen kleinen Zoowärter, der sich selber sehr ernst nimmt und der deswegen rasend wird, wenn man lacht.

Als jüngstes von sieben Kindern kann ich den Zorn des Zoowärters nur zu gut verstehen, habe ich doch selbst unzählige Male erlebt, wie meine grossen Geschwister über etwas gelacht haben, was mir heilig war. Anfangs habe ich noch geheult, später dann habe ich so getan, als würde ich mitlachen und irgendwann habe ich es aufgegeben, ein Kleinkind zu sein. Heute aber, als Mutter, sehe ich nicht nur die Sicht des Kleinkindes. Ich sehe auch, dass es für die Grossen wichtig ist, sich abzugrenzen, sich zu lösen von dem, was nicht mehr in ihr Leben passt. Und darum ist das Problem nicht gelöst, wenn ich den Grossen verbiete, Witze zu machen. Das Problem ist aber auch nicht gelöst, wenn ich die Grossen einfach machen lasse, denn das würde unweigerlich dazu führen, dass der Zoowärter und das Prinzchen eines Tages nicht mehr den Mut aufbringen, klein zu sein.

Wie also bringen wir es fertig, jedem unserer Kinder die Freiheit zuzugestehen, so gross oder so klein zu sein, wie es ist? Eine Patentlösung habe ich nicht, aber ich ahne, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass ich den Kindern lehre, den anderen in seiner Art zu respektieren. Weiter muss ich wohl oder übel versuchen, nicht mitzumachen, wenn die Grossen ihre Witze reissen, so sehr es mich auch reizen würde. Und schliesslich werde ich Bob dem Baumeister, Pingu und Konsorten noch ein paar Jährchen länger den Heldenstatus zubilligen müssen. Was mir gar nicht so schwer fallen dürfte, schaue ich doch jetzt schon mit einer gewissen Wehmut dem Tag entgegen, an dem auch mein jüngstes Kind nicht mehr entsetzt aufschreien, sondern lauthals lachen wird, wenn ich von „Bob de Soumaa“ rede.

Wie werden sie mal über uns reden?

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa und sinnt darüber nach, wie ihre Kinder wohl dereinst, wenn sie erwachsen sind, über sie und „Ihren“ reden werden. Man mag sich fragen, weshalb Mama Venditti über solche Dinge Gedanken macht. Doch wenn man bedenkt, dass sie zu einer Generation gehört, die für alles, was im Leben schief läuft, die Schuld bei den eigenen Eltern sucht, dann ist es nicht mehr als normal, dass Mama Venditti sich diese Frage stellt. Lange ist sie nicht alleine mit ihren Gedanken, denn bald gesellen sich der Optimismus und der Pessimismus zu ihr, die beide ihren Senf zum Thema geben wollen.

„Also ich bin mir sicher, dass eure Kinder ganz zufrieden sein werden mit eurer Leistung“, sagt der Optimismus. „Die werden sich daran erinnern, wie ihr jeweils zusammen Kuchen gebacken und Lieder gesungen habt, welchen Spass ihr auf Ausflügen hattet und wie wunderschön es jeweils an Weihnachten war.“

„Ist doch vollkommener Quatsch“, mischt sich der Pessimismus ein, noch ehe Mama Venditti etwas zur Sache sagen kann. „Wenn die Kinder sich ans gemeinsame Backen erinnern werden, dann werden sie bloss daran denken, wie gereizt du jeweils nachher beim Aufräumen warst. Und von den Ausflügen werden sie nur in Erinnerung behalten, wie oft ihr im Zug geschimpft habt, weil die Kinder sich wie eine Horde wild gewordener Wikinger aufführten. Glaub mir, den Kindern bleibt nur das Schlechte in Erinnerung. Das weisst du doch von deiner eigenen Kindheit…“

„Aber ich erinnere mich doch auch an viel Schönes“, wehrt sich Mama Venditti. „Klar, es war nicht alles perfekt und es gab auch eine Zeit, da habe ich unter den Fehlern meiner Eltern gelitten. Aber inzwischen habe ich erkannt, dass meine Eltern eben auch nur Menschen sind, die ihre guten und schlechten Seiten, ihre guten und schlechten Tage haben…“

„Siehst du, genau so wird es bei dir und deinen Kindern auch sein: Sie werden dir ein paar Dinge übel nehmen, aber im Grossen und Ganzen werden sie dir dankbar sein für das, was du ihnen mitgegeben hast“, ermutigt der Optimismus.

„Pah! Von wegen! Hast du schon mal erlebt, dass Kinder ihren Eltern dankbar waren?“, spottet der Pessimismus.

Mama Venditti schaut etwas verwirrt vom einen zum anderen und weiss nicht so recht, was sie sagen soll. Also redet der Pessimismus weiter: „Und überhaupt. Wofür sollen dir deine Kinder je dankbar sein? Etwa dafür, dass du sie angebrüllt hast? Oder dafür, dass du dich so viele Stunden hinter dem Computer verschanzt hast, um dich deinem Geschreibsel zu widmen?“

„Halt, das geht jetzt aber zu weit!“, schaltet sich der Optimismus sich ein. „Es könnte ja auch sein, dass sich die Kinder voller Stolz daran erinnern, dass ihre Mutter ihnen ein Buch gewidmet hat. Ich glaube, die Kinder werden alles Negative vergessen und sich nur an all das Schöne erinnern, was sie mit dir und ‚Deinem‘ erlebt haben.“

Der Pessimismus schüttelt mitleidig den Kopf und meint: „Ach, was bist du doch naiv. Denk doch mal daran, was die Leute ihren Eltern alles vorhalten. Die einen beklagen sich, sie hätten nie Taschengeld gekriegt, die andern jammern, sie hätten immer zuviel davon gehabt. Die einen finden, ihre Eltern hätten keine Zeit für sie gehabt, die anderen beklagen sich über Überbehütung. Es ist doch einfach so: Was immer man als Eltern auch macht, in den Augen der Kinder ist es falsch und der Tag wird kommen, an dem sie dir die wüstesten Vorwürfe machen werden. So sie denn überhaupt noch mit dir reden werden…“

Der Optimismus unterbricht und schimpft: „Jetzt hör doch mal auf, solchen Mist zu erzählen. Von wegen, die werden nicht mehr reden mit dir! Schau doch nur, wie offen ihr heute miteinander reden könnt. Glaubst du wirklich, dass so etwas verloren gehen kann? Wo ihr doch sogar ganz offen über euer Versagen redet und euch bei euren Kindern entschuldigt, wenn ihr etwas falsch gemacht habt. Wie sollen die Kinder euch da nur etwas nachtragen können?“

„Und ob die euch etwas nachtragen können: Die werden keinen Respekt haben vor euch, weil ihr jedes Mal zu Kreuze kriecht, wenn ihr versagt habt. Und glaub mir, eure Entschuldigungen nützen einen alten Hut, denn es reicht nicht, wenn man versucht, sein Bestes zu geben. Man muss der Beste sein, um vor dem strengen Urteil der Kinder bestehen zu können“, sagt der Pessimismus.

In diesem Stil tobt die Diskussion weiter. So lange, bis Mama Venditti nicht mehr hinhören mag, sich die Finger in die Ohren stopft und vor sich hin murmelt: „Es wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben, als zu sehen, was die Zukunft bringt. Und immer schön gesprächsbereit bleiben, damit wir später, wenn die Vorwürfe kommen, noch miteinander reden können, um die Missverständnisse wieder aus dem Weg zu räumen. Denn was immer wir auch falsch machen, eigentlich meinen wir es ja nur gut, ‚Meiner‘ und ich…“

Abstinenzler

„Meiner“ und ich haben es nicht so mit dem Alkohol. Hin und wieder ein Frauenbier – so genannt, weil „Meiner“ jedes Mal belächelt wird, wenn er eins bestellt – alle paar Monate ein Schluck Likör in den Kaffee und ganz selten mal ein halbes Glas Wein, mehr nicht. Also wirklich nicht viel, oder? Nun, in den Augen unserer Kinder ist auch das zuviel. Die Predigten, die Karlsson mir jeweils hält, wenn ich ausnahmsweise mal Alkoholisches kaufe, bringen mich regelrecht ins Schwitzen. Dabei bin ich mir in Bezug auf Abstinenzpredigten einiges gewohnt, besuchten wir als Kinder doch Woche für Woche den „Hoffnungsbund“ des Blauen Kreuzes. Dort warnte uns ein alter, herzensguter Mann, der es sich zur Lebensaufgabe gemacht hatte, die Jugend vor dem Alkohol zu bewahren, vor der Gefahr aus der Flasche. Er predigte aber nicht nur, er liess uns auch mit Blasrohren auf Flaschen, die er aus Sperrholz ausgesägt hatte, schiessen. Wer es schaffte, die Schnapsflasche, die am kleinsten war, umzublasen, bekam einen Preis. Dazu lehrte er uns das Sprüchlein „Bier, Schnaps, Wein – Nein!“, woraus wir Kinder natürlich „Bier, Schnaps, Wein – Fein!“ machten.

Nun, diese Zeiten sind längst vorbei und wie man sieht, hat der Hoffnungsbund mich zwar nicht zur Abstinenzlerin, wohl aber zu einer sehr zurückhaltenden Alkoholkonsumentin gemacht. Dennoch fühlte ich mich heute wie eine notorische Säuferin, als mir Karlsson ins Gewissen redete, bloss weil sich unter den Bergen an Einkäufen auch vier Flaschen Bier befanden. Frauenbier, wohlverstanden. „Mama, bist du verrückt geworden, so viel Bier zu kaufen?“, entrüstete sich Karlsson. Ich erklärte, das sei nun wirklich nicht besonders viel für zwei Menschen, zumal wir ja nicht alles an einem Abend trinken würden. „Das ist trotzdem zuviel“, beharrte Karlsson. „Ich will doch nicht, dass Papa und du morgen besoffen seid. Und überhaupt: Glaubst du, ich will, dass die uns ins Heim bringen?“ Verständnislos schaute ich unseren Ältesten an. „Warum sollen die euch ins Heim bringen?“ „Weil die euch die Kinder wegnehmen, wenn ihr besoffen seid“, erklärte Karlsson und zwar laut vernehmlich mitten im Supermarkt.

So langsam wurde mir die Sache peinlich. Und deshalb versuchte ich Karlsson zu erklären, dass ich nichts davon halte, wenn man Alkohol verbietet. Ich erzählte ihm von Bekannten, die mit striktem Alkoholverbot aufgewachsen waren und die später, als sie alt genug waren, vom Saufen nicht genug bekommen konnten. Ich legte ihm dar, dass ein Unterschied darin besteht, ob jemand Abend für Abend sein Feierabendbier braucht, oder ob er sich alle paar Monate mal etwas Alkoholisches gönnt. Doch je länger ich erklärte, umso skeptischer wurde Karlsson und am Ende fühlte ich mich wie ein Alkoholiker, der krampfhaft versucht, sein Laster kleinzureden. Vor allem dann, als Karlsson auch noch anfing, meine Jugendsünden, die ich ihm in einem schwachen Moment einmal gestanden hatte, auszubreiten: „Also wenn ich du wäre, würde ich mich ja heute noch schämen. Zweimal schon bist du betrunken gewesen.“ „Ja, als ich fünfzehn war“, verteidigte ich mich, aber Karlsson liess mein Hinweis auf meinen jugendlichen Leichtsinn nicht durchgehen.

Ich durfte mir dann noch den ganzen Heimweg lang anhören, wie ungesund so ein Bier sei – „Stell dir mal vor, wie viel Zucker es in so einer Flasche hat!“ – und dass das alles ja bloss herausgeschmissenes Geld sei und jetzt, wo die Kinder im Bett sind und ich eigentlich Zeit hätte, mit „Meinem“ den Abend gemütlich ausklingen zu lassen, ist mir die Lust auf unseren kleinen Genuss vergangen. Ich meine, man stelle sich mal vor, was geschehen würde, wenn ich danach besoffen wäre. Die würden uns ja die Kinder wegnehmen…