Wenn Vendittis ans Meer fahren…

Also, bei Karlsson braucht das immer so ein bisschen Überzeugungsarbeit. „Du kannst ja ein Buch mitnehmen. Und es ist nicht so ein überlaufener Touristenstrand, eher so ein Naturding…“ Luise hingegen kommt immer gerne mit. Immer, ausser heute, denn heute ist sie nicht so im Strumpf. Aber, na ja, wenn’s unbedingt heute sein muss… „Meiner“ findet, vor der Abfahrt müsste zuerst noch etwas Ordnung gemacht werden, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Zeit verschafft, über das Ziel unseres Ausfluges nachzudenken. „Muss es denn unbedingt das Meer sein?“, fragt ausgerechnet er, der sich beim letzten Mal nur noch mit grosser Mühe aus dem Wasser hatte locken lassen. „Dort ist es mir irgendwie zu salzig. Und es hat Blutegel…“ „Hat es nicht. Blutegel leben im Süsswasser“, sage ich, also packt der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Schwimmbrett und will losfahren. So schnell geht das aber nicht, denn der Zoowärter findet seine Badehose nicht, Prinzchen muss überlegen, ob er seinen Malkasten mitnehmen soll und wenn ja, wie viel Papier er für die Stunden am Meer benötigt, Luise findet das richtige Bikini nicht, Karlsson sucht nach der Lektüre, die ich eigentlich schon für die Heimreise verstaut habe, „Meiner“ brabbelt noch immer irgend etwas von „zuerst aufräumen“, keiner packt Badetücher ein und ich finde – völlig irrational natürlich -, wo ohnehin noch keiner zur Abfahrt bereit sei, könnten wir ja noch kurz die Wäsche versorgen. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehen alle Taschen bereit, die Wohnung ist halbwegs aufgeräumt und hätte einer dran gedacht, Badetücher einzupacken, könnten wir jetzt losfahren, aber weil hier keiner denkt, muss „Meiner“ nochmal zurück, als wir alle schon im Auto sind oder zumindest neben dem Auto stehen. Endlich fahren wir dann doch los und fünf Minuten lang ist alles bestens. Dann aber fange ich Streit an mit der GPS-Tante, die irgend einen verwinkelten Weg rausgesucht hat, anstatt uns mit klaren Anweisungen zum Ziel zu lotsen. Sie und ich zanken uns den ganzen Weg über, denn inzwischen scheine ich mich hier deutlich besser auszukennen als sie. Schliesslich gelange wir doch ans Meer, wir parkieren, steigen aus, lassen uns im Sand nieder und jetzt ist alles gut.

Alles gut? Nicht mit uns. Ich muss dringend aufs WC, einer findet, der Sand sei zu nass, der andere motzt, an diesem Naturstrand habe es aber etwas gar wenig Natur, der Dritte beklagt sich über den kalten Wind. Und überhaupt: Etwas anständiges zum Essen haben wir auch nicht dabei. Damit ich mich nicht über das Gejammer aufregen muss, stecke ich die Nase in ein Buch, was von einigen Familienmitgliedern als Aufforderung verstanden wird, mit mir eine angeregte Unterhaltung anzufangen. Also lege ich das Buch wieder beiseite und lausche stattdessen einem erbitterten Streit um den einzigen Liegestuhl, den wir mitgebracht haben. Die wenigen, die den Mut aufgebracht haben, sich in die Wellen zu stürzen, sind wieder zurück und verlangen nach ihren Kleidern, Luise verschwindet im Auto, weil es ihr hier viel zu kalt ist, sie sich wirklich nicht wohl fühlt und wir alle immer nur nerven. Nach vierzig Minuten das erste „Müssen wir noch lange hier bleiben?“, nach neunzig Minuten brechen wir die Übung entnervt ab und fahren – diesmal ohne die unsäglichen Anweisungen der GPS-Tante – in die nächst gelegene Stadt, um uns mit Eis und Milk-Shake von unserem Strandausflug zu erholen.

Noch irgendwelche Fragen, warum wir demnächst keine Strandferien planen?

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Windig

Die Kinder rasen wie irre durch Haus und Garten, prügeln sich und geraten sich wegen jeder Kleinigkeit in die Haare.

„Meiner“ ärgert sich bei Kleinigkeiten grün und blau.

Karlsson und Luise klagen über Kopfschmerzen, sind reizbar und lustlos.

Mir fällt die ganze Familie auf die Nerven; so oft ich kann, ziehe ich mich ins Zimmer zurück und grummle vor mich hin. 

Alle sind reizbar, sogar der Hund der Nachbarn, der andauernd wie irr durch den Garten rennt und bellt.

Die grosse Familienkrise? Nein, nur der Mistral. 

  

Wortgefechte

Grossen Geschwistern ist es eigentlich egal, wie sie in Gegenwart ihrer kleinen Geschwister reden. Das theoretische Wissen, was angemessen wäre, wird verdrängt durch den unbändigen Drang, die elterliche Sprachregelung zu brechen.

Väter, so scheint es mir zumindest, mögen sich irgendwann, nach vielen Jahren der verbalen Zurückhaltung, auch nicht mehr an die gemeinsam vereinbarten Verbote halten. Gewisse Ausdrücke schleichen sich zurück in den Sprachgebrauch, obschon noch immer Ohren mithören, die solches nicht hören wollen. Oder zumindest nicht sollen.

Diese Mutter hier aber will partout nicht einsehen, weshalb ein achtsamer Umgang mit Sprache plötzlich nicht mehr zählt, bloss weil inzwischen zwei Teenager mitreden. Also sprach diese Mutter neulich: „Himmel, wie redet ihr eigentlich, ihr drei? Merkt ihr denn nicht, dass das Prinzchen mithört? Solche Wörter sind nichts für das Kind.“

Kleine Jungs nehmen solche Konflikte offenbar gelassen: „Ich kenne doch diese Wörter schon längst aus dem Kindergarten und ich weiss ganz genau, dass man so nicht redet, also reg dich nicht auf, Mama.“

dried colors; prettyvenditti.jetzt

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Discounter-Lehren

Aldi und Venditti, das passt so gar nicht zusammen, auch wenn unser Haushaltsbudget ganz bestimmt nichts gegen diese Liaison einzuwenden hätte. Aber es passt einfach nicht. Auf der einen Seite steht da eine Familie, die gerne nach Menüplan mit ausgewählten, manchmal auch exklusiven Zutaten kocht, auf der anderen Seite ein Laden, der die Kundschaft um den Finger wickeln will mit unglaublich günstigen Angeboten von Dingen, die nicht auf dem Einkaufszettel stehen. Hier eine Familie, die sich nur zu gerne verführen lässt von adrett in Szene gesetzten Lebensmitteln, da ein Laden, dem die Präsentation der Ware am Allerwertesten vorbeigeht. Hier die Überzeugung, dass irgendwo, vielleicht ganz tief verborgen, ein Haken sein muss, wenn alles so billig ist, da die Maxime, dass billig über allem steht. Hier ein feinschmeckerischer Teenager, der neulich im Internet von der Sache mit der toten Maus in den Brötchen gelesen hat, da ein Laden, der sich durch solche Skandälchen nicht erschüttern lässt.

Ich könnte das noch weiter ausführen, lasse es aber bleiben und bringe die Unverträglichkeit von Aldi und Venditti mit der folgenden Anekdote aus dem Familienarchiv auf den Punkt: Einmal, vor vielen Jahren, als „Meiner“ sich mit zwei oder drei Kindern einen heimlichen Ausflug zu Aldi gönnte, kotzte der damals noch sehr kleine FeuerwehrRitterRömerPirat auf den Fussboden. Als „Meiner“ die Verkäuferin um Hilfe bat, meinte die nur: „Nehmen Sie sich einfach eine Packung Haushaltpapier aus dem Regal und wischen Sie das Zeug auf.“

Jetzt, wo meine geneigte Leserschaft um unser angespanntes Verhältnis zum Discounter im Bilde ist, kann ich endlich davon erzählen, wie wir neulich einen „Bildungsausflug“ zur eben erst wiedereröffneten Aldi-Filiale hier in Saint-Rémy-de-Provence unternahmen. „Heute, unsere lieben Kinderlein, zeigen wir euch einen Discounter“, sprachen wir gestelzt und schickten die Fünf mit dem Auftrag in den Laden, für je zwei Euro etwas zu kaufen, was der ganzen Familie zugute käme. Zoowärter und Prinzchen hatten keinerlei Probleme, den Auftrag zu erfüllen. Schon nach wenigen Augenblicken lagen Brot und zwei Schachteln Corn Flakes im Wagen. Allerdings waren die beiden zutiefst erschüttert, dass es in dem Laden keine Spielsachen gab. Mit grossen Augen lauschten sie meiner Erklärung, hier gebe es sehr wohl Spielsachen, wenn man sich früh genug ins Getümmel stürze, aber wenn man, wie wir, erst gegen Abend komme, seien all die Sonderangebote schon weg. Darum die vielen leeren Körbe. Auch der FeuerwehrRitterRömerPirat erfüllte seinen Auftrag im Nu und blieb mit seinen sechs Coladosen sogar deutlich unter Budget. Luise tat sich schon schwerer – „Ich hatte geglaubt, die hätten hier endlos viel Kosmetik“ -, löste ihre Aufgabe jedoch mit einer Megapackung Ofenfrites bravourös. Karlsson aber tigerte endlos lange durch den Laden, beklagte sich über das knappe Angebot an Delikatem, sprach immer wieder von der toten Maus im Brot und konnte die Aufgabe erst abschliessen, als wir ihm erlaubten, für ein Glas Nutella-Abklatsch das Budget um 15 Cents zu überschreiten. 

Noch lange an diesem Abend diskutierten die sieben Vendittis über Pro und Kontra von Discountern, einzelne fanden, dort wollten sie unbedingt noch einmal hin, die grosse Mehrheit aber hielt daran fest, dass wir, solange wir es uns irgendwie leisten können, lieber anderswo einkaufen. Kein Zweifel, unser „Bildungsausflug“ war ein voller Erfolg, so sehr, dass heute früh der Zoowärter sprach: „Mama, also das Brot von Aldi kaufen wir nie wieder. Wenn man das in den Kühlschrank legt, ist es am nächsten Morgen ganz kalt und hart und überhaupt nicht mehr fein.“

Mein lieber Sohn, auch wenn ich den Billigladen keineswegs in Schutz nehmen will, diese Schuld kannst du Aldi nicht in die Schuhe schieben. (Himmel, Kind, man sollte wirklich meinen, wir hätten dir beigebracht, wo man Brot lagert und wo nicht!)

doucement; prettyvenditti.jetzt

agir doucement; prettyvenditti.jetzt

Lunch Break 

Eigentlich hätte es ja nur ein kurzes Mittagessen werden sollen, eine kleine Pause für Karlsson und mich, die wir den Samstag mit Arbeiten und Büffeln verbrachten, währenddem der Rest der Familie sich in Arles dem süssen Nichtstun hingab. Kurze Mittagessen aber gibt es in Frankreich nicht. Hast du dich mal am Tisch niedergelassen, verliert alles andere seine Wichtigkeit, einzig das Essen zählt noch, auch dann, wenn man sich die Vospeise teilt und beim Dessert kneift. So sassen wir dann, mein Ältester und ich, in lauter vernünftige Gespräche vertieft, die Küche des Südens geniessend. Fast fühlte es sich an, als wären wir zwei Erwachsene, die tun, was man in Frankreich eben so tut über Mittag. 

Gut, dass Karlsson wenig später, als die Geschwister zurück und alle im Pool waren, sich wieder aufführte, wie ein wahrer Teenager, sonst wäre ich glatt wehmütig geworden. 

  

Heimweh?

Und wie steht’s eigentlich mit dem Heimweh? Na ja, so hin und wieder läuft schon mal eins der Kinder mit etwas niedergeschlagenem Blick rum und will wissen, wie lange es denn noch gehe, bis man die Freunde wieder sehe. Hin und wieder der eigene Wunsch, in der Stadt ein bekanntes Gesicht zu sehen, ein paar Worte mit jemandem zu wechseln, vielleicht auch ein Tässchen Tee zu trinken. Nachts kommen die Katzen in die Träume geschlichen – nicht nur in die Träume der Kinder – und hat tagsüber mal ein Büsi das Pech, uns über den Weg zu laufen, sieht es sich von sieben irren Vendittis verfolgt, die ganz dringend mal wieder weiches Fell spüren und zartes Schnurren hören wollen. Gelegentlich auch Unterhaltungen darüber, was man zu Hause anders machen könnte oder was man als erstes tun wird, wenn wir wieder dort sind, wo wir eigentlich hingehören. Und doch manchmal auch eine gewisse innere Distanz zu dem, was wir Heimat nennen. Die Frage, ob man manche Dinge nicht einfach darum als besser empfindet, weil man es von Kind an so kennt. 

Heimweh? Nicht wirklich, aber allmählich so ein Bewusstsein, dass man hier nicht ewig bleiben wird, auch nicht ewig bleiben will.

prettyvenditti.jetzt

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Ganz schön (intensiv)

„Und, wie ist das jetzt so, wenn ihr so viel Zeit miteinander verbringt? Schön, nicht wahr?“, so lauten die Fragen von Freunden. Schön? Aber ja, natürlich. Wenn Teenager ganz offen mit Mama und Papa über die wichtigen Fragen des Lebens reden, weil hier keiner ist, vor dem sie cool sein müssen. Wenn bisher unbekannte Fähigkeiten als Licht kommen, die zu Hause, im Alltag, nicht gefragt sind. Wenn Geschwister einander Mut machen, gemeinsam etwas zu wagen. Wenn alte Spiele hervorgekramt und neue Ideen ausgeheckt werden. Wenn einer, der sonst heikel ist, plötzlich Neues kostet und merkt, dass er schmeckt. Wenn sie uns ohne jeglichen Vorwurf den Spiegel vorhalten, manchmal auch über unsere Macken lachen. Dann ist es tatsächlich schön. Wunderschön.

Und ganz schön intensiv. Denn wenn sie dich mal haben, so voll und ganz für sich, dann geniessen sie dich. Auch dann, wenn du mal einen Moment lang alleine sein möchtest. Auch dann, wenn es deiner Meinung nach längst Zeit für Feierabend wäre. Auch dann, wenn du mal ein wenig deinen eigenen Gedanken nachhängen möchtest.

Für einmal ist das ganz in Ordnung so, denn du weisst, dass diese kurzen Wochen eine einmalige Chance sind, ihnen nahe zu sein. Der Stundenplan und die Freunde werden rasch genug wieder die Macht an sich reissen, wenn das hier vorbei ist.  

Meine lieben Franzosen

Glaubt mir, inzwischen mag ich euch wirklich ganz gut. Ihr seid ausgesprochen höflich – wenn ihr uns nicht gerade auf der Strasse so dicht auffahrt, dass man es mit der Angst zu tun bekommt. Ihr plaudert liebend gerne mit uns darüber, ob das alles unsere Kinder sind und wie alt wir waren, als wir sie bekommen haben, weil wir noch so furchtbar jung aussehen. Bei Touristenfallen weist ihr artig darauf hin, dass eine Sehenswürdigkeit vielleicht nicht so das Wahre für unsere Kinder ist, obschon ihr euch damit der Gelegenheit beraubt, uns ein teures Kombiticket anzudrehen. Ihr lächelt unser wild gelocktes Prinzchen freundlich an, obschon er das offizielle „Jöööööö“-Alter längst überschritten hat. Ihr erträgt geduldig unsere Stammeleien, wenn uns mal ein Wort entfällt und haltet nichts von der Unsitte, mit jedem Fremden Englisch zu reden, bloss weil er gerade einen Knoten in der Zunge hat. Ihr gebt jedem Schweizer hier das Gefühl, er sei etwas ganz Besonderes, dabei hat jedes zehnte Auto hier ein Schweizer Nummernschild. Ja, ihr schenkt uns sogar regelmässig frische, knackige Salate. 

Das alles freut uns sehr. Aber wäre es euch vielleicht möglich, nicht andauernd jede Kritik zu äussern, die euch auf der Zunge liegt? Mag sein, dass wir uns in euren Augen sonderbar aufführen, aber könnten wir uns nicht darauf einigen, dass ihr uns gewähren lässt, solange wir uns im Grossen und Ganzen nach euren Gepflogenheiten richten und euer wunderschönes Land mit der ihm gebührenden Bewunderung und Respekt bereisen? So viele Massregelungen habe ich seit meinem letzten – und einzigen – Hausarrest mit fünfzehn nicht mehr über mich ergehen lassen müssen. Dabei führe ich mich inzwischen weitaus gesitteter auf als damals. 

  

Eine Samichlaus-Geschichte

Letztes Jahr hatten wir einen römisch-katholischen Samichlaus. „Ja, gibt es denn auch andere? Der St.Niklaus war doch irgend so ein Heiliger“, mögen einige nun fragen aber das zeigt, dass ihr euch in der Samichlaus-Sache ganz und gar nicht auskennt. Natürlich gibt es andere. In unserem Fall hat man die Wahl zwischen Turnverein-Samichlaus aus Dorf A, Turnverein-Samichlaus aus Dorf B, Pontonier-Samichlaus (oder pausieren die gerade?), Privat-Samichlaus (bei dem man immer hofft, dass die Kinder die Stimme nicht oder erst, wenn er gegangen ist, erkennen) Adventsmarkt-Samichlaus (bei dem man stets Angst hat, ihm könnten die Mandarinen ausgehen, ehe man mit seiner Brut zu ihm durchgedrungen ist) und für ganz Verzweifelte natürlich noch unzählige Supermarkt-Samichläuse.

„Okay, ich sehe, es gibt da eine ganze Palette“, sagt ihr Skeptiker jetzt, „aber ich verstehe trotzdem nicht ganz, wie du mitten im April auf die Idee kommst, vom Samichlaus zu erzählen? Wo doch inzwischen auch der Osterhase schon Schnee von gestern ist.“ Himmel, immer diese kritischen Rückfragen! Reicht es denn nicht, zu wissen, dass ich immer nur über die Dinge schreibe, die ganz dringend aus meinem Kopf raus müssen und nicht warten können, bis offiziell Saison dafür ist? Und überhaupt, dieser Samichlaus, von dem ich erzählen will, war einer mit Nachwirkung, darum schwirrt er ja auch heute in meinem Kopf rum. 

Es war also so: Da kam letztes Jahr dieser Samichlaus in seiner vollen römisch-katholischen Pracht, in seinem Sack das dicke Buch, in welches er den Zettel geklebt hatte, den ich über unsere Kinder zusammengestellt hatte. „Bitte dieses Jahr nur Lob, keinen Tadel. Das Prinzchen fürchtet sich sonst ganz fürchterlich“, hatte ich geschrieben und nun war der Arme natürlich ganz und gar im Clinch. „Man kann doch nicht nur loben“, muss er in seinen langen Bart gebrummt haben, „Wo kämen wir denn da hin, wenn so etwas Schule machte?“ Also überlegte er, wie er den kleinen bis mittelgrossen Vendittis doch noch ein wenig moralische Wegzehrung mitgeben könnte und da dieser Samichlaus neben seinem Amt auch Predigten schreibt und nicht Boote rudert oder am Barren turnt, hatte er eine Idee: Er würde diesen verzogenen Vendittis, die nicht mal ein wenig Tadel ertragen mochten, eine nette kleine Predigt halten. Die Kernaussage dieser Predigt lautete: „Steht dazu, wenn ihr etwas ausgefressen habt.“ Im Leben würden nun mal Missgeschicke passieren und es werde einem viel leichter ums Herz, wenn man solche Sachen nicht für sich behalte, sondern offen und ehrlich gestehe, erklärte der Chlaus und schenkte jedem Kind einen schlichten Kerzenhalter, der an seine Botschaft erinnern sollte.

Diese Kerzenhalter sind natürlich schon längst in all den vielen Winkeln unserer Wohnung verschwunden, aber die Predigt hallt noch immer nach, obschon – oder vielleicht weil – sie ganz freundlich dahergekommen war. „Der Samichlaus hat doch gesagt, wir sollen dazu stehen, wenn wir eine Dummheit gemacht haben“, sagen jetzt unsere Kinder zerknirscht, wenn sie mal wieder etwas ausgefressen haben und sie keinen Weg sehen, „den anderen“ zu beschuldigen. „Na ja, kleine Kinder glauben eben noch an den Samichlaus“, mag jetzt der eine oder andere von euch Skeptikern brummen, aber in diesem Fall lässt sich das nicht so leicht damit abtun. Warum nicht? Nun, erstens einmal sind sämtliche Tadel, die ich vor Prinzchens Tadel-Phobie dem Chlaus ins dicke Buch diktiert habe, ungehört verhallt; nicht ein einziger war wirkungsvoll genug, um unser Familienleben nachhaltig zum Positiven zu verändern. Und zweitens sind es nicht nur die Kleinen, die seit der Predigt offener zu ihren Missgeschicken stehen, sogar die Grossen meinten vor ein paar Tagen: „Wir hätten es ja eigentlich verschweigen wollen, aber dann ist uns der Samichlaus in den Sinn gekommen.“ Okay, diese Aussage war mit einem gewohnt zynischen Teenager-Grinsen garniert und wohl auch nicht ganz ernst gemeint, aber wen kümmert das schon, wenn das Resultat stimmt? 

Und jetzt wisst ihr auch, weshalb ich mitten im April auf die Idee komme, euch vom Samichlaus zu erzählen. 

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Was mir an Frankreich gefällt

Nach einer pubertären Schwärmerei für die Französische Revolution (und einer Begeisterung für Napoleon, die wohl in krankhaftem Zusammenhang mit meiner mangelhaften Körpergrösse stand) sowie einem Ferienflirt mit einem hundeäugigen Franzosen (der sich später in seinen Liebesbriefen als psychisch schwer angeschlagen herausstellte), wandte sich meine Leidenschaft mit zunehmendem Alter den Angelsachsen zu. In der Folge kühlte meine Begeisterung für Frankreich merklich ab, denn ein Herz kann wohl nicht zugleich für England und Frankreich schlagen. Es kostete mich also einige Überwindung, mich auf unseren Aufenthalt in der Provence zu freuen. Inzwischen aber habe ich einige Dinge gefunden, die mir an Frankreich ganz gut gefallen:

  • Die Mayonnaise scheint einen deutlich höheren Essiganteil zu haben als unsere. Dadurch lösen sich die Nissen wie von selbst vom Haar, nachdem man die Läuse mit Mayonnaise erstickt hat. Folglich ist das Geschrei beim Auskämmen bedeutend leiser, worüber sich unsere Nachbarin eigentlich freuen sollte, aber sie weiss ja nicht, wie unsere Kinder schreien, wenn sie Essig in die Augen kriegen. (Ja, irgend jemand hat uns offenbar kurz vor der Abreise eine Portion Läuse mit auf den Weg gegeben. Soviel zu der Behauptung unserer Schule, es sei vollkommen ausreichend, wenn man den Eltern bei Lausbefall einen Brief nach Hause gebe, Lauskontrollen seien ganz und gar unnötig.)
  • Der „Café au Lait“ (Obschon ich ja eigentlich keine Kaffeetrinkerin bin.)
  • Alles hier fühlt sich sehr südländisch an und doch sind die Museen offen, wenn sie laut Angaben auf der Website offen sein sollten. (Ich will ja hier keine Klischees pflegen, aber in diesem Bereich habe ich in Italien ganz andere Erfahrungen gemacht. Nicht nur auf Sardinien und im Molise, auch im Piemont.)
  • Die Blumeninseln mitten im schlimmsten Strassenverkehr. Aktuell in „unserer“ Stadt gerade Mohn in leuchtendem Orange. Eine Augenweide. 
  • Öko-Putzmittel sind deutlich billiger als das ganze giftige Zeugs in grellen Verpackungen.
  • Der „Café au Lait“ (Ich bin wirklich keine Kaffeetrinkerin.)
  • Zum gleichen Preis, zu dem es zu Hause Tee mit Croissant für zwei gibt, frühstückt hier die ganze Familie. (Jawohl, die siebenköpfige. Orangensaft inklusive.)
  • Sehenswürdigkeiten, die so sehenswert sind, wie sie angepriesen werden. (Okay, die Schweden sind in diesem Bereich noch besser: Die preisen ihre Sachen überhaupt nicht an und dann kriegst du die Klappe nicht mehr zu vor lauter Staunen.)
  • Familieneintrittspreise, die diesen Namen auch wirklich verdienen. (An einem Ort waren doch tatsächlich „Kinder“ bis 18 gratis.) 
  • Der „Café au Lait“ (Echt jetzt, der ist himmlisch.)
  • Der frühe Beginn der Spargel-, Erdbeer- und Tomatensaison. (Lange hätte ich es mit diesem ewigen Wintergemüse nicht mehr ausgehalten, obschon ich durchaus wintergemüsefreundlich eingestellt bin.)
  • Die Blumenwiesen. (Bei uns hat man für sowas ja keinen Platz mehr, wirft kein Geld ab.)
  • Die Alleen (Ja, ich weiss, Bäume würden von sich aus nie so wachsen, aber sie gefallen mir halt doch. Vielleicht ein Nachklang meiner pubertären Napoleon-Schwärmerei. Laut Wikipedia soll der ja die Finger im Spiel gehabt haben.)
  • Der Zwang, die Sauce Hollandaise im Wasserbad zuzubereiten, weil es auf dem Gasherd schlicht nicht anders geht und Gasherd hat man hier eben noch. Noch nie war sie besser, meine Hollandaise. 
  • Die Salzbutter
  • Die Artischocken
  • Die vielen blühenden Bäume (Obschon: Habe ich da eben ein Niesen vernommen?)
  • Das Gesumme der Bienen (Eine Folge der vielen blühenden Bäume, natürlich)

Ach ja, habe ich den „Café au Lait“ bereits erwähnt?

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