Kann mir mal einer erklären…

…weshalb die Leute jetzt, wo es endlich Frühling geworden ist, nur darüber reden, dass es bestimmt bald wieder kalt sein wird?

…weshalb Deutsche Ärzte, die genau gleich freundlich und kompetent sind wie ihre Schweizer Kollegen, nie – aber auch wirklich gar nie – auf die Idee kommen, dem Patienten zu erklären, was läuft?

…weshalb die Keimlinge meiner Chioggia-Randen wunderbar gedeihen, die Keimlinge meiner goldenen Rande aber kläglich abserbeln, obschon sie gleich viel Wasser, Licht, Wärme und Zuneigung bekommen haben?

…weshalb unserer Kinder nach all den Jahren den Satz „Bitte lasst weder Joghurtbecher noch Schokoladenpapier draussen herumliegen, wenn ihr ein Picknick veranstaltet“ noch immer nicht verstehen?

…weshalb Filme, die ab 6 Jahren freigegeben sind, meist nicht mal für Erwachsene geeignet sind, weil der Inhalt so deprimierend ist?

…weshalb eine Zehnjährige besser als mancher Kinderbuchautor weiss, was ein gutes Kinderbuch ausmacht?

…weshalb Karlsson mir direkt ins Gesicht sagt, dass er meine Witze nicht lustig findet, wo er das doch eigentlich hinter meinem Rücken sagen müsste?

…weshalb die grössten Kinderfeinde ihre Sätze über Kinder stets mit „Ich habe nichts gegen Kinder…“ anfangen?

…weshalb alle zu lachen beginnen, wenn wir von der Schwan-Attacke erzählen?

…weshalb man böse Blicke und giftige Bemerkungen erntet, wenn man im Spitalflur hohe Absätze trägt?

…weshalb die Menschheit je so dumm war, zu glauben, mit der Erfindung einiger nützlicher Maschinen würde das Leben einfacher?

…weshalb der Drucker immer in der Formular-Hochsaison den Geist aufgibt?

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Und noch einmal Psychoanalyse

„Augen lügen nicht“, sagte er, als ich ihm erklärte, ich sei ein durchaus zufriedener Mensch, wenn auch derzeit sehr müde. „Sie hocken da hinter Ihrem Computer, anstatt sich mit Menschen zu treffen. Kommunikation, das brauchen Sie, das weiss unsere Generation noch“, fuhr er fort und lud mich ein, mich zu ihm und seinem Saufkumpanen zu setzen. Ich hätte mich eigentlich in die Anonymität der Öffentlichkeit geflüchtet, damit ich endlich in Ruhe an meinem Buch arbeiten könne, versuchte ich ihm zu erklären, aber er wollte nicht verstehen, dass schreiben zu Hause fast unmöglich ist, wenn die Kinder Schulferien haben. „Ich spendiere Ihnen etwas“, offerierte er, „Sie müssen lachen, nur dann werden Sie so alt wie ich und mein Kollege.“ Als er keine Ruhe geben wollte, gab ich schliesslich nach, liess mir einen Kaffee spendieren und mein Verhalten analysieren. „Warum redet ihr Jungen nicht mehr mit den Leuten? Ihr sitzt hinter euren Geräten, anstatt zu reden“, warf er mir vor und liess meinen Einwand, ich würde mich ja jetzt auch mit ihm und seinem Kumpanen unterhalten, nicht gelten. „Was machen Sie, wenn Ihr Gerät mal den Geist aufgibt?“, fragte er und ich erklärte ihm, meine Generation sei durchaus in der Lage, von Hand zu schreiben, wenn es denn sein müsse. Er glaubte mir nicht, glaubte mir auch nicht, als ich ihn wissen liess, mein Leben sei durchaus erfüllt, glaubte mir erst recht nicht, als ich sagte, ich müsse jetzt nach Hause gehen, weil ich noch ein wenig Zeit mit meiner Familie verbringen wolle. „Nehmen Sie Ihre Vergangenheit an“, sagte er zu mir, „leben Sie in der Gegenwart und stehen Sie hinter Ihrer Zukunft.“ 

Irgendwann gelang es mir, mich loszureissen, mit der Aufforderung, das Leben zu geniessen, zu kommunizieren und mein Geld nicht auf die hohe Kante zu legen wurde ich entlassen. Zu Hause wartete Luise auf mich. „Mama, was schreibst du über mich in deinem Blog?“ „Nur die Wahrheit“, sagte ich und schickte meine Psychologin ins Bett. 

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Psychotherapie à la Luise

Mein Lebensweg sei nicht ganz mustergültig, sagte sie. Anstatt schön geradeaus zu gehen, würde ich immer wieder unnötige Schlenker machen, zuweilen auch Rückschritte. Sie könne mir aber helfen, versprach sie. Einmal die Woche müsste ich zu ihrem Seminar kommen, immer samstags, 1000 Franken pro Tag koste das. Sonntags müsse ich auch kommen, aber diese Kosten trage der Staat, ich bräuchte mir also keine Sorgen zu machen, dass das Ganze zu teuer werden könnte. Ein paar Übungen könnte ich auch noch machen. Zum Beispiel Kreise zeichnen, immer schön rund und gleichmässig. Oder mit je einem Kind an der Hand schön rhythmisch ein paar Schritte vorwärts und rückwärts gehen. „Wenn Sie das alles regelmässig und fleissig machen, werden Sie 2015 vollkommen normal sein, Frau Venditti“, versicherte sie mir. Wer denn bestimme, was normal sei, wollte ich wissen und sie informierte mich, dass der Bundesrat die Richtlinien dazu erarbeitet habe. Meinen Einwand, ich wolle aber gar nicht allzu normal sein, wischte sie beiseite mit dem Hinweis, ich hätte gar keine andere Wahl, das Gesetz verlange dies von mir. Ehe sie ging, versicherte sie mir noch einmal, mit ihrer Hilfe würde ich bis 2015 dieses Ziel bestimmt erreichen. „Aber immer schön üben, Frau Venditti“, sagte sie und ging. 

Mir scheint, Psychologin Luise habe noch einiges zu lernen, ehe wir sie auf richtige Klienten loslassen können.

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(Zu) selbständig

Es bringt durchaus auch Nachteile mit sich, wenn man die Kinder zur Selbständigkeit erzieht. Zum Beispiel, wenn Mama und Papa ein paar Minuten zu spät dran sind, um Luise von der Jungschar abzuholen und das Mädchen dann auf die Idee kommt, den Weg zu Fuss zurückzulegen. 4,6 Kilometer, teilweise entlang der Bahnschiene, teilweise am Waldrand, teilweise an der Hauptstrasse und das alles kurz vor der Dämmerung.

Solange es noch Wege gab, die wir absuchen konnten, blieb ich noch halbwegs ruhig. Besorgt ja, aber auch ziemlich gewiss, dass wir sie bald finden würden. Doch als alle Strecken abgefahren waren und Luise noch immer vermisst blieb, als es zu dämmern begann, als „Meiner“ schliesslich die Polizei anrief und beschreiben musste, wie sie aussieht, was sie trägt, wo sie sein könnte, da brannten alle Sicherungen durch, ich konnte nur noch heulen. Und mich auf die Jugendlichen verlassen, die den Jungscharnachmittag organisiert hatten und die nun innert kürzester Zeit einen Suchtrupp auf die Beine stellten und die es auch schafften, eine zutiefst besorgte Mama halbwegs zu beruhigen und zu trösten.

Tief in mir drinnen wusste ich zwar, dass Luise sich durchzuschlagen weiss, ich wusste, dass sie weiss, was man auf gar keinen Fall tun darf, doch irgendwann spricht nicht mehr die Vernunft, sondern nur noch die nackte Angst. Gott sei Dank musste ich nicht erfahren, wie ich reagiere, wenn ein polizeilicher Suchtrupp die Gegend nach meiner Tochter absucht, denn der erlösende Anruf von Karlsson, Luise sei wohlbehalten zu Hause angekommen, setzte der Aufregung nach 90 schlimmen Minuten ein abruptes und überglückliches Ende.

Ich bin dankbar, dass Luise selbständig genug ist, einen solchen Weg unbeschadet und ohne sich zu verlaufen zurückzulegen. Noch dankbarer bin ich aber, dass sie, als ihr dämmerte, was geschehen war, einsehen konnte, wie unsinnig es gewesen war, keine drei Minuten warten zu können, bis Mama und Papa zur Stelle waren, um sie abzuholen.

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Hürdenlauf

Heute also trotz Starschwierigkeiten – Computer, der nicht laufen wollte, Überreste eines Migräneanfalls, Luise, die jetzt gleich, sofort einen neuen Bikini haben wollte und mir vorwarf, ich würde mich nie, aber auch gar nie um sie kümmern – alle Kapitel im Entwurf abgeschlossen, das Vorwort ebenfalls und dann noch zwei Extratexte, falls dieser elende innere Perfektionist mir alles, was ich der Muse unter harten Kämpfen abgerungen habe, wieder durchstreicht. Danach schnell alle Texte verdrängt, weil momentan nicht einer meinem überkritischen Blick standhalten könnte. Jetzt das hin und her Schwanken zwischen dem Hochgefühl, eine erste Hürde geschafft zu haben und der Überzeugung, dass daraus nie und nimmer das werden kann, was ich mir eigentlich vorstelle.

Ich weiss, man sieht es mir nicht an, wenn ich nachdenkend auf dem Bett liege und um jedes einzelne Wort ringe, aber diese Schreiberei verlangt mir so ziemlich alles ab, was ich momentan zu bieten habe. 

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Zehn Jahre

Aber natürlich haben wir Luises Geburtstag gebührend gefeiert. Mit zuckersüsser Torte, Cupcakes für die Schulkameraden, vielen Geschenken und der Aussicht auf eine Pyjama-Party mit den allerbesten Freundinnen. Wir haben uns ins Zeug gelegt, wie immer, wenn eines unserer Kinder gefeiert wird, wir haben Lieblingsessen gekocht und den Alltag zum Festtag gemacht. Äusserlich war alles wie üblich, aber innerlich war zumindest bei mir nichts wie sonst. Zehn Jahre sind wir nun bereits unterwegs mit Luise und wenn ich bedenke, wie schnell diese zehn Jahre an mir vorbei gerast sind, dann wird mir Angst. Noch einmal so lange und sie wird wohl ausgeflogen sein.

Schon jetzt ist es machmal schwer, sie Kind bleiben zu lassen, nicht, weil sie einen riesigen Drang verspürte, erwachsen zu werden, sondern weil der Druck unter den Gleichaltrigen enorm ist. Cool sein sollte sie, „Germany’s next Topmodel“ müsste sie sich anschauen, um mitreden zu können, einen Freund sollte sie haben, bei Facebook & Co. müsste sie natürlich schon längst dabei sein. Luise lebt gut damit, dass sie all dies noch nicht haben kann, sie will es noch gar nicht. Dennoch schmerzt es, wenn ich mit meiner Tochter über Dinge reden muss, die mich mit fünfzehn beschäftigt hatten und von denen ich mit zehn noch keinen blassen Schimmer hatte. Es macht mich traurig, dass ihr die Kindheit fast entrissen wird und es sind weder die bösen Erwachsenen, die dies tun, noch die bösen pubertierenden Jungs, es sind die gleichaltrigen Mädchen, die das Gefühl haben, das Leben sei eine endlose Seifenoper, in der sie die Hauptrolle spielten. Mädchen, die jetzt schon glauben, es ginge im Leben nur darum, gut auszusehen und den richtigen Typen zu angeln.

Luise weiss ziemlich genau, was sie vom Leben will und zum Glück hat sie Freundinnen, die ähnlich ticken wie sie. Dennoch kommt bei mir zuweilen das Gefühl auf, wir müssten Luise mehr schützen als unsere Jungs. Nicht, weil sie schwächer wäre, sondern weil sie als Mädchen mit vier Brüdern wenig Möglichkeiten hatte, sich auf den Zickenkrieg vorzubereiten, der früher oder später ausbrechen wird. 

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Achtung, Kind hört mit!

Zuerst muss ich zwei Dinge vorausschicken: 1. Ich bin weder prüde noch verklemmt. 2. Unsere Kinder wissen alle – ihrem Alter und ihrer Neugierde entsprechend – wie sie entstanden sind und was in ihrem Körper im Laufe der Jahre so alles abgehen wird.

Dennoch konnte ich mich gestern nur mit Mühe zurückhalten, als ich mit unseren drei Patienten nach dem Arztbesuch noch kurz in der Buchhandlung Lesestoff für die langen Tage im Bett besorgte. Zwei Frauen und ein Mann um die zwanzig unterhielten sich gleich hinter uns laut vernehmlich über einen Sex-Ratgeber. Ihr Gespräch liess tief blicken, nicht nur in den Inhalt des Buches, sondern auch unter die Bettdecke des Mannes und der einen Frau, die offenbar liiert waren und einiges aus dem Buch bereits ausprobiert hatten.

Obschon der Grossteil des Gesprächs ziemlich abstossend war, hätte ich mich vermutlich über die eine oder andere Aussage amüsiert, wäre ich alleine unterwegs gewesen. Wäre in dem kleinen Laden ein Ausweichen möglich gewesen, hätte ich versucht, mit den Kindern ausser Hörweite zu gehen. Weil aber Kinderbuchregal und Sex-Ratgeber-Regal so nah beieinander standen musste ich miterleben, wie es Luise, die das Thema gewöhnlich keineswegs scheut, immer mulmiger zumute wurde. Schliesslich wollte sie nur noch eines: Raus aus dem Laden und nach Hause, wo sie trotz hohen Fiebers mit vielen Fragen versuchte, das Gehörte irgendwie in Einklang zu bringen mit dem, was wir ihr bisher mitgegeben haben. 

Seither frage ich mich, ob es richtig gewesen war, die drei einfach reden zu lassen. Ja, ich wäre mir vorgekommen wie eine prüde alte Tante, hätte ich sie auf das Offensichtliche hingewiesen, nämlich darauf, dass ihr Gespräch auch für aufgeklärte Kinder einfach zu viel des Guten war. Vermutlich hätten sie sich über mich aufgeregt, sie hätten sich gefragt, ob ich nichts Besseres zu tun hätte, als ihnen ihren Spass zu verderben. Dennoch würde ich genau dies tun, könnte ich die Uhr noch einmal zurückdrehen. Wer mit zwanzig noch nicht begriffen hat, dass nicht alles, was im Bett geschieht, vor Kindern ausgebreitet werden muss, der sollte dies gesagt bekommen. Wenn’s sein muss, halt von mir…

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The Return Of Barbie

Da kam sie montags einfach so hereinspaziert, auf ihren überlangen, überschlanken Beinen, ihre Füsse in schwindelerregenden Absätzen, das knappe Kleidchen so hauteng wie eh und je. Na ja, kam sie nicht ganz von selbst, sie liess sich in der Tasche eines Gastes chauffieren und da dieser Gast wohl noch einige Zeit bleiben wird, logiert auch Barbie auf unbestimmte Zeit bei uns. 

Luise hatte Barbie ja einst begehrt wie eine kostbare Perle, sie dann aber bald einmal in die Gosse verstossen und zwar ganz ohne Druck meinerseits. Daher kommt es, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat nur noch eine vage Erinnerung an die künstliche Schönheit hat. Zoowärter und Prinzchen begegnen ihr gar zum ersten Mal in Fleisch und Blut – oder vielmehr in Plastik und Tüll –  und sie fühlen sich zugleich abgestossen und angezogen von ihr. Abgestossen von all dem rosaroten Glitzerzeugs, angezogen von … nun ja, ich weiss gar nicht so recht, was ihnen an Barbie gefällt, denn wenn ich frage, bekomme ich keine Antwort. Auffällig ist einfach, wie oft sie plötzlich in Luises Zimmer anzutreffen sind und wie gross der Eifer ist, als eine neue Barbie her muss, weil „der andere“ einer Meerjungfrau heimlich die lange, blonde Mähne gestutzt hat. 

Dennoch befürchte ich nicht, dass Barbie bleibt, wenn unser Gast wieder abreist. „Stell dir mal vor, wie peinlich es wäre, wenn meine Freunde Prinzessin Paula in meinem Zimmer antreffen würden“, meinte der Zoowärter, „aber jetzt spiele ich natürlich schon mit, sonst fühlt sich unser Gast nicht wohl.“

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Freitag

Zuerst habe ich ja gedacht, dass sie das doch nicht erwarten kann von mir. Einfach so an einem ganz gewöhnlichen Freitagvormittag ins Thermalbad, nur weil die Lehrerin krank ist. Und natürlich, weil sie noch einen Schwimmbadbesuch zugute hat, eine Belohnung für zwanzig Tage ohne Gemotze bei den Hausaufgaben. Schwimmbad, das heisst für Luise Thermalbad, weil wir dort so selten hingehen. Ist ja auch ein wenig teuer für zwei Erwachsene und fünf Kinder. Aber nur zwei Personen – Mama und Luise -, das geht doch, nicht wahr, Mama? 

Na ja, eigentlich geht es nicht, denn Mama sollte noch Hamburger formen für sieben hungrige Teenager, die heute Abend Karlssons Geburtstag nachfeiern. Sie hätte auch noch Biskuit-Böden für Zoowärters Geburtstag am Sonntag zu backen. Prinzchen  muss noch zum Arzt, weil sich eine Dellwarze stark entzündet hat. Mama will nicht noch einmal am Samstagnachmittag zum unterkühlten Doktor am Bahnhof. Sie will auch nicht noch einmal mit einem Kind für ein paar Tage wegen einer entzündeten Dellwarze ins Spital. Dann wäre auch noch dafür zu sorgen, dass die Wohnung wieder so wird, wie die Putzfrau sie am Mittwoch hinterlassen hat. Thermalbaden liegt also wirklich nicht drin. 

Auf der anderen Seite ist fraglich, wie lange Luise noch ohne Scham ihre schwangerschaftsgestreifte und vom Leben deformierte Mama ins Thermalbad schleppen wird. Vielleicht darf Mama schon bald nicht mehr mit, weil sie nicht cool und schön genug ist. Ausserdem hat Töchterchen jetzt schon kaum mehr Zeit für Mama, da ihr die Schule so viel abverlangt. Und wenn sie nicht in der Schule oder bei den Hausaufgaben sitzt, sind da noch Treffen mit Freundinnen, Volleyballtraining und Jungschar. Die Chance für einen spontanen Mama-Tochter-Ausflug wird sich also nicht so bald wieder bieten. Wäre doch eine Schande, wenn man sich diese Gelegenheit entgehen liesse. 

Na dann also, ab ins warme Wasser. Kreischend die Rutschbahn hinunter, blödelnd durchs Flussbad, beim Essen die Tischnachbarn durch den Kakao ziehen. Auf dem Heimweg im Brockenhaus für sechs Franken eine Popcorn-Maschine erstehen, weil Maiskörner zum Platzen zu bringen die einzige Aufgabe aus dem Mikrowellen-Pflichtenheft ist, die der Steamer nicht übernehmen kann. Schöner könnte ein Mama-Tochter-Tag kaum sein.

Ich sag’s ja nur ungern, aber zum Glück war die Lehrerin heute noch nicht fit genug für die Schule.

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Wunschlos

Karlsson wünschte sich zu Weihnachten einen Kurzurlaub mit Mama oder Papa, weil sein Zimmer vor lauter Antiquitäten und Nippes aus allen Nähten platzt und somit kein Raum für neue Wünsche mehr da ist. (Wer von uns mitkommen wollte, durften wir wählen. „Ich will nicht selber entscheiden, sonst meint derjenige, der zu Hause bleibt, ich hätte ihn weniger lieb.“ Im Nachhinein gestand er mir allerdings, er sei froh, dass ich zu Hause geblieben sei.“Mit dir kommt man einfach nicht weit“, sagte er. „Du willst immer noch kurz ein Päuschen einlegen, weil dir die Füsse weh tun, oder weil du den Moment geniessen willst oder so.“)

Der Zoowärter weiss auch eine Woche vor seinem sechsten Geburtstag noch nicht, was er sich wünschen soll. Er, der sonst immer einen unerfüllten Wunsch auf Lager hat, scheint zum ersten Mal in seinem Leben vollkommen „ausgewünscht“ zu sein.

Luise verkündete neulich, auch sie hätte keine Ahnung, was sie sich zum Geburtstag wünschen solle. „Ich habe ja schon alles“, erklärte sie und es klang nicht im Geringsten nach „Ich sage das jetzt nur, damit Mama und Papa von meiner Vernunft beeindruckt sind.“

Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat zwar grosse Wünsche, freut sich dann aber doch am meisten über die kleinen Dinge. Das Prinzchen ebenso.

Ich bin leicht verwirrt ob der plötzlichen Wunschlosigkeit unserer Kinder. So kannte ich sie bis anhin gar nicht. Ob dies mal wieder eine der berühmten Phasen ist, die sie ausnahmsweise mal alle gleichzeitig durchmachen? Sind sie auf irgend einem sonderbaren Trip, so wie ich damals, als ich mich standhaft weigerte, Hosen anzuziehen und dies zehn Jahre lang?

Besteht am Ende tatsächlich die Hoffnung, dass die heranwachsende Generation erkennt, wie sehr das Materielle überbewertet wird? Auch wenn ich wünschte, dies wäre der Grund für die plötzliche Bescheidenheit der fünf kleinen Vendittis, so wage ich doch nicht, dies zu glauben. Es ist ja wohl bloss ein Wunschtraum, dass „die heutige Jugend“ klüger und vernünftiger sein könnte als ihre Eltern. Oder vielleicht doch nicht?

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