Elternvorsätze

Vor zehn Jahren:
„Findest du es nicht auch schrecklich, wie all diese Eltern von grösseren Kindern von einem Anlass zum anderen hetzen? Fussballtraining, Blockflötenstunde, Maltherapie und danach noch kurz zu einer Geburtstagsparty. Also wenn unsere Kinder mal gross sind – zuerst müssen wir natürlich noch ein paar Kinder mehr haben als diesen einen süssen Karlsson – dann kommt so etwas nicht in Frage. Wir lassen uns doch nicht zum Chauffeur unserer Kinder degradieren. Klar, die eine oder andere Freizeitaktivität werden wir wohl erlauben müssen, aber erst, wenn sie alt genug sind, selber zu gehen. Und zeitintensive Dinge wie Fussball sind verboten. Wir wollen doch nicht jeden Sonntag auf dem Fussballplatz herumstehen und uns langweilen.“

Vor fünf Jahren:
„Okay, ganz so einfach wird es wohl nicht, hart zu bleiben. Der FeuerwehrRitterRömerPirat rennt jetzt schon wie ein Verrückter den Fussbällen hinterher und Luise wird wohl eines Tages reiten wollen. Aber wir haben ja noch viel Zeit, darüber nachzudenken. Wenn sie dann zehn oder elf sind, können wir dann ja sehen.“

Vor drei Jahren:
„Einfach toll, dass Karlsson jetzt Geige spielen will. Und er kann sogar selber hingehen, weil es so nahe ist. Was meinst du, sollen wir unsere Grenzen ein wenig ausweiten? Zwei Freizeitaktivitäten pro Kind, das müsste drinliegen.“

Vor zwei Jahren:
„Also gut, zwei Freizeitaktivitäten pro Kind und dann noch die Jungschar dazu. Aber das muss reichen. Und sobald sie können, sollen sie mit dem Bus in die Jungschar fahren.“

Vor einem Jahr:
„Dann lass uns mal sehen: Karlsson spielt Geige, geht in die Jungschar und möchte jetzt noch ins Orchester gehen. Luise hat mit Querflöte angefangen, will weiterhin ins Ballett gehen und natürlich auch in die Jungschar. Tja, und dann ist da noch die Therapie, aber die muss wohl sein. Der FeuerwehrRitterRömerPirat muss noch ein Jahr warten mit Jungschar und Musikinstrument, aber Fussball sollte jetzt eigentlich drin liegen. Nun ja, komm, wir versuchen, ihn davon abzubringen. Landhockey wäre doch auch ganz toll und wir haben doch gesagt, Fussball kommt nicht in Frage.“

Vor einem halben Jahr:
„Jetzt, wo Luises Ballettstunde über längere Zeit ausfällt, braucht sie wohl einen Ersatz. Sie liegt mir schon die ganze Zeit in den Ohren damit. Und wann rufst du jetzt endlich den Fussballtrainer an? Der FeuerwehrRitterRömerPirat mag nicht mehr länger warten. Nein, Karlsson soll nicht mit einem zweiten Musikinstrument anfangen, er kommt ja bald in die Fünfte, da hat er keine Zeit für noch mehr. Ja, ich weiss, er will, aber es geht nun mal nicht.“

Heute:
„Hmm, wie schaffen wir das bloss? Also am Montag, da musst du unbedingt pünktlich von der Arbeit zurückkommen, denn da muss ich um Viertel nach vier mit dem Zoowärter in den Schwimmkurs. Und dann müssen wir noch die Nachbarn fragen, ob sie Karlsson zur Orchesterprobe mitnehmen. Ach ja, hast du den Leichtathletik-Trainer angerufen? Der FeuerwehrRitterRömerPirat hat sich jetzt endlich entschieden, er will nicht mehr Fussball spielen. Ach so, du hast bereits alles organisiert? Toll. Wann soll es denn losgehen? Am Freitagabend? Ja, dann müssen wir schauen, wer ihn bringt und wer ihn abholt. Du, der Mittwoch wird auch etwas streng. Luise muss gleich nach dem Mittagessen in die Querflötenstunde, dann fahre ich sie zur Therapie und du bringst die beiden Jungs zum Kürbisschnitzen. Dann holst du Luise von der Therapie ab und ich bringe sie  zur Theaterprobe. Ja, ich weiss, am Mittwoch hat sie etwas zu viel los, aber das Theaterprojekt dauert ja nur bis Februar, danach wird es wieder ruhiger. Wie? Dann will sie ins Volleyball? Mal sehen, ob das auch noch drin liegt. Nein, am Samstag ist keine Jungschar, aber nächste Woche müssen wir dann gut planen. Ach, heute sass ich neben dieser schrecklichen Mutter im Bus. Den ganzen Weg über hat sie mit ihrer Tochter geklönt, weil sie nicht alle Freizeitaktivitäten unter einen Hut bringt. Reiten, Pfadfinder, Fussballtraining und Gesangsunterricht. Und dann hat sie sich auch noch beklagt dass keine Zeit für den Kinderchor bleibt. Völlig übertrieben, wenn du mich fragst…“

 

 

Endlich darf ich…

„Hanni und Nanni“, das war eine der verbotenen Sehnsüchte meiner Kindheit, so verboten wie Schnapspralinen, Fernsehen und Barbie. Nun ja, eigentlich noch verbotener. Bei den Schnapspralinen war nur das Gesetz dagegen, das Fernsehverbot wurde alle vier Jahre, wenn Fussball WM war und mein Vater einen Fernseher mietete, umgangen und das Barbie-Verbot – das strengste der drei – war ein mütterliches Verbot. Also wirklich ziemlich streng, aber eben, nicht so streng wie das „Hanni und Nanni“-Verbot. Dieses war nämlich nicht nur ein schwesterliches Verbot, sondern ein grossschwesterliches und damit drohte jeder kleinen Schwester, die auch nur zum Scherz einen „Hanni und Nanni“-Band zur Hand genommen hätte, die Höchststrafe: grosschwesterliche Verachtung, Hohn und Spott. Schlimmer geht’s nicht, wenn man zehn Jahre alt und darum bemüht ist, so zu werden wie die grossen Schwestern. Dass diese „Hanni und Nanni“ nur deshalb doof finden konnten, weil sie es selbst einmal mit Begeisterung gelesen hatten und nun über den Leidenschaften ihrer Kindheit zu stehen glaubten, daran dachte ich natürlich nie und deswegen verbat ich es mir, den einzigen Band, der in unserem Bücherregal stand, auch nur anzurühren. Gewollt hätte ich ja schon, aber eben, wenn sie mich erwischt hätten…

Jetzt endlich darf ich, denn jetzt will Luise und mag die dicken Schmöker, die sie beim Ausmisten der Schulbibliothek entdeckt hat, noch nicht alle selber lesen. Also darf ich vorlesen. Oder muss. Denn bereits nach den ersten paar Seiten war mir klar, dass sich bei „Hanni und Nanni“, wie bei so vielen Dingen in diesem Leben, das Sehnen nicht gelohnt hat. Okay, mag sein, dass mein hartes Urteil etwas verfrüht kommt, immerhin haben wir noch 5 3/4 Sammelbände vor uns. Aber nach dem ersten „O Mami, lass uns doch mit Mary und Fränzi in die Ringmeer-Schule gehen“ und den ersten zwei „Streichen“ – Hanni, die sich als Nanni ausgibt, um trotz Verbot in die Stadt zu gehen und die Sache mit dem Aufsatz, der erst nach der Schlafenszeit abgegeben wird – dämmerte mir, dass das Vorlesen ein ziemlicher Kampf werden könnte. Ein Kampf gegen den Schlaf.

Was ich denn erwartet hätte, fragt ihr? Nun, bestimmt keine grosse Literatur. Und schon gar kein spritziges Kinderbuch wie „Karlsson vom Dach“.  Ich hatte nur erwartet, was man von verbotenen Früchten eben so erwartet: Nervenkitzel, Spannung, den einen oder anderen bissigen Seitenhieb zwischen den Zeilen, Spass eben.  Hier aber stehen die zwei Möchtegern-Missetäterinnen bereits reuig vor der Oberlehrerin, bevor überhaupt ein Anflug von Spannung aufgekommen ist und vor weiteren 2000 Seiten in dieser Manier graut mir. Deshalb eine Frage an all jene Leserinnen, die in ihrer Kindheit keinem „Hanni und Nanni“-Verbot unterworfen waren: Wird das noch besser oder habe ich jetzt ein gutes Mittel gegen Schlaflosigkeit im Haus? 

Nun ja, vollkommen schlecht reden muss ich die Sache ja nicht. Immerhin habe ich so endlich wieder mal die Gelegenheit, mich mit meiner stets grösser werdenden Luise zum Vorlesen aufs Bett zu kuscheln. Und wenn dann noch die Jungs dazu kommen, umso schöner...

Milano Centrale II

Samstag, 15. Oktober, ca. 14:30 Uhr. Familie Venditti hat es endlich geschafft, im Gewirr der Strassen den Weg zum Bahnhof Milano Centrale zu finden. Das Mietauto ist abgegeben, die Eltern stehen etwas ratlos da, umgeben von fünf überdrehten Kindern und zahlreichen Gepäckstücken. Vier Stunden bis zur Abfahrt des Zuges. Wie sollen wir die bloss totschlagen? Am einfachsten wäre es, das ganze Gepäck auf einen Gepäckwagen zu laden und sich nach etwas Essbarem umzusehen. Gepäckwagen? Der Bahnangestellte schüttelt den Kopf. So etwas gibt es hier nicht mehr, leider. Aber cinque Bambini? Bravissimi! 

„Meiner“ deponiert Frau und Gepäck auf einer Bank und macht sich mit den cinque Bambini auf die Suche nach Schliessfächern. Gibt es hier auch nicht. Aber Sie können Ihr Gepäck selbstverständlich zur Aufbewahrung abgeben. Kostet nur vier Euro pro Gepäckstück. Macht für das Gepäck der Grossfamilie Venditti 48 Euro. Gestern haben wir alle zusammen für 80 Euro gegessen, Primo, Secondo, Wasser und Kaffee. Dann vielleicht besser keine Gepäckaufbewahrung, wir brauchen das Geld noch für das Abendessen.  Also gilt es, vier Stunden am Bahnhof totzuschlagen und zwar so, dass das Gepäck dabei nicht allzu hinderlich ist.

Bloss wie? Vielleicht mit Ansichtskarten schreiben? Die Kinder möchten doch so gerne und in Alba hatten sie keine, zumindest nicht dort, wo wir nachgefragt haben. Ansichtskarten finden wir, aber dann müssen die Kinder aufs WC. Macht einen Euro pro Person, was nicht viel wäre, wenn das WC sauber wäre und ich Luise nicht WC-Papier durch die Türe reichen müsste, weil es bei ihr keines hat. Nach der WC-Pause noch schnell etwas essen, ein kurzes Wiedersehen mit dem fliegenden Händler aus Bangladesh, der sich unglaublich darüber freut, diesmal die komplette Familie zu Gesicht zu bekommen und dann müsste man nur noch Briefmarken haben. Aber schnell, der Zug fährt in einer halben Stunde. Doch die zwei Worte „schnell“ und „Post“ in einem einzigen Satz, das geht nicht in Italien, da muss man schon einen halben Tag einplanen, wenn man Briefmarken braucht. Irgendwann stehen wir vor der Wahl: Briefmarken oder Zug. Wir entscheiden uns für den Zug, auch wenn Karlsson nicht gerade glücklich ist, dass die Postkarten mit uns in die Schweiz reisen. 

Als wir endlich alle auf unseren Plätzen sitzen, die Gepäckstücke, die für den ganzen Schlamassel verantwortlich waren, sicher verstaut, sind „Meiner“ und ich uns einig: Ein halber Tag Milano Centrale und die ganze Erholung ist im Eimer. 

Wie? Ob es nicht mit weniger Gepäck gegangen wäre? Aber nicht doch. Wo hätten wir denn die Röstpfanne für die Kastanien verstauen sollen? Und ich habe ja auch eigens meine ausgelatschten Schuhe weggeschmissen, um Platz zu sparen und die Prinzchen-Schuhe, die der Siebenschläfer angefressen hat, sind auch nicht mehr mit nach Hause gekommen…

Ich mach‘ da nicht mit!

Da klagt Mama seit dem ersten Tag des neuen Schuljahres darüber, wie streng doch die Schule geworden sei und was tun die Kinder an ihrem ersten Herbstferientag? Richten sich im Garten ein Schulhaus ein, küren den Strengsten unter ihnen zum Lehrer – wo es in der richtigen Schule für zehn bis fünfzehn Regelverstösse eine Zeugniseintrag gibt, gilt es hier schon nach fünfen ernst – und schreiben freiwillig Tests, die „Meiner“ und ich dann auch noch unterschreiben sollten. Wir haben die Kinder spielen lassen, aber die Unterschrift habe ich verweigert. Wenn sie unbedingt auch in den Ferien Schulstress haben wollen, dann sollen sie von mir aus. Ich hingegen gönne mir ganz ohne schlechtes Gewissen eine Pause von all dem Druck, der mir offenbar mehr zusetzt als ihnen. 

Ach ja, und neuerdings gilt auch noch die Regelung, dass jeder, der drucken oder kopieren will, 5 Rappen pro Ausdruck zahlen muss. So langsam werden sie mir unheimlich, meine Kinder.

Die Nachhilfelehrerin

„Mama, hilfst du mir bitte bei den Mathematik-Hausaufgaben?“

„Besser nicht. Du weisst ja, wie ich es habe mit den Zahlen. Frag lieber den Papa.“

„Aber der Papa ist gerade im Garten und hat keine Zeit und um halb fünf muss ich zur Orchesterprobe. Also hilfst du mir jetzt bitte? Ich schaffe es alleine nicht.“

„Na gut, was musst du denn machen?“

„Diese schrecklichen Zahlendreiecke. Schau mal…“

„Hmmm…wie soll man das denn lösen? Solche Dinge gab es zu meinen Zeiten noch nicht…Also, ich würde mal versuchen, die Zahl hier von der anderen zu subtrahieren und dann…“

„Aber Mama, so geht das nicht. Man muss diese Zahl hier so und dann die andere so und am Schluss die dritte so und dann…“

„Hä? Ich hab kein Wort verstanden. Kannst du mir das bitte noch einmal erklären. Aber nicht so schnell, sonst komme ich nicht mit.“

„Also, noch einmal von vorn: Du beginnst hier, machst dann hier oben weiter und dann, mit dem Resultat löst du die Aufgabe hier unten. Klar?“

„Klar? Von wegen! Ich verstehe das alles überhaupt gar nicht. Komm, mach die Hausaufgaben, wenn der Papa wieder Zeit hat.“

„Aber Mama, das geht wirklich nicht. Ich muss die Aufgaben bis morgen fertig haben und heute Abend bin ich zu müde und wenn ich die Rechnungen nicht gelöst habe, bekomme ich einen grünen Strich und wenn ich zu viele grüne Striche habe, dann gibt’s einen Eintrag im Zeugnis. Du musst mir einfach helfen…“ 

„Wie soll ich dir denn helfen, wenn ich doch überhaupt nicht verstehe, was du hier machen musst? Ich verstehe nicht, weshalb diese Zahl hier mit der hier verrechnet werden soll und warum du addierst, anstatt zu subtrahieren und überhaupt ist das alles ein einziger blöder Mist! Sag doch dem Lehrer, dass nicht mal die Mama diese doofen Hausaufgaben versteht.“

Irgendwann kommt zum Glück der Papa ins Zimmer und erklärt dem Kind die Hausaufgaben, wenn man Glück hat noch bevor Mama und Kind in Tränen aufgelöst sind.

Es geht aber auch anders:

„Mama, diktierst du mir dieses Diktat?“

„Aber klar doch, mein Kind. Reich mir mal den Zettel, wir fangen an. Okay, bist du bereit?“

Kind malt Kringel aufs Blatt, schaut ins Leere und sagt, es sei bereit.

„Gut, dann legen wir los. ‚Die Pausenglocke‘ 

Kind schreibt ‚di pausengloke‘, Mama reisst sich ganz fest zusammen, um nichts zu sagen, diktiert dann aber weiter: „In dem alten Schulhaus…“

Kind schreibt ‚indem alten Sculhaus‘, Mama reisst sich noch etwas mehr zusammen und fährt fort: „hängt eine wunderschöne, alte Pausenglocke…“

Kind schreibt ‚hangt eine Wunder schöne, alte pausengloke‘, Mama seufzt tief, murmelt etwas Unverständliches vor sich hin und fährt fort mit dem Diktat. Das Kind strengt sich an, alles richtig zu machen, verliert aber mehr und mehr die Konzentration, weil es nicht begreifen kann, weshalb es diesen langweiligen Text über die Pausenglocke fehlerfrei schreiben soll.

„Ich schreib jetzt nicht mehr weiter“, protestiert es schliesslich. „All diese ie und h und Grosschreibungen sind mir viel zu schwer, das lerne ich nie.“

„Natürlich lernst du das“, sagt die Mama und sie weiss selber nicht, ob das nun ermutigend oder drohend daherkam.Jetzt schauen wir uns noch einmal jeden einzelnen Fehler genau an und dann diktiere ich dir das Ganze noch einmal.“

„Aber ich hab das Diktat doch erst in drei Tagen. Da bleibt noch so viel Zeit zum Üben. Bitte Mama, können wir jetzt aufhören?“

„Nichts da, wir machen weiter. Mindestens noch zweimal ziehen wir das durch. Also, los geht’s: ‚In dem alten Schulhaus….‘

Zum Glück kommt irgendwann der Papa ins Zimmer und rettet das Kind von der Mama, die so versessen ist auf eine fehlerfreie Rechtschreibung, dass das arme Kind wohl bis Mitternacht üben würde, wenn die Wörter nicht perfekt daherkommen.

Man sieht, ich tauge eindeutig nicht als Nachhilfelehrerin.

 

Dialog vor dem Spiegel

Luise: „Mama, warum trägst du deine Haare eigentlich nie zusammengebunden. Das würde so hübsch aussehen. Schau mal, wie hübsch du aussehen würdest. Luise windet Mamas Haar zu einem wilden Knoten. Warum machst du das nie?“

Mama, seufzend: „Weil man mein hässliches Mondgesicht besser sieht, wenn mir die Haare nicht ins Gesicht hängen.“

Luise: „Aber Mama,du hast doch kein Mondgesicht. Schau doch mal, wie hübsch…“

Mama: „Ach Quatsch, schau doch mal wie hässlich…“

Luise: „Weisst du Mama, uns sagst du jeweils, wir sollten nicht schlecht über uns selber reden, aber hör‘ dich doch mal an, wie du über dich redest.“

Okay, meine Tochter, ich habe verstanden. Ich werde nicht mehr schlecht über mich selber reden. Nur noch denken…

Schräg

Der Nicht-Vegetarier schneidet voller Abscheu das Wildschweinfleisch in Stücke und behauptet allen Ernstes, so etwas könne er nicht essen, obschon er dies schon mehrmals mit Genuss getan hat.

Der Vegetarierin rührt mit Leidenschaft im Wildschwein-Gulasch. Allerdings erst, nachdem sie den anfänglichen Ekel überwunden hat.

Die Katze frisst den Käse. Der Kater spielt Klavier.

Das dritte Kind nimmt es schweigend hin, dass Mama und Papa vergessen, ihn zur Geburtstagsparty seinen Freundes zu bringen und als Mama ihn fragt, weshalb er sie denn nicht daran erinnert hätte, meint er „Ich hab‘ ja schon daran gedacht, aber warum hast du mir nicht gesagt, dass du es vergessen hast? Wenn ich gewusst hätte, dass du es vergessen hast, dann hätte ich dich daran erinnert.“

Die Tochter macht sich am Schienbein weh, weshalb sie nicht helfen kann, den Tisch abzuräumen. Dafür aber kann sie mit der Katze durch die Wohnung rasen. Dazu braucht man die Beine ja nicht. 

Der Jüngste will wissen, ob ein Töpfchen das Gleiche sei wie ein Katzenklo. Und ist enttäuscht, als die Mama erklärt, dass es da ziemlich viele Unterschiede gibt.

Der Älteste bügelt Mamas Kleid, Papas Hose und seine eigenen Hemden. Vollkommen freiwillig. Weil es „so schön ist, gebügelte Kleider zu tragen“.

Der Zweitjüngste heult aus Leibeskräften „Nein, ich bin nicht schlecht gelaunt. Ich bin ganz zufrieden!“

Mein Idol würde sagen „Die spinnen, die Vendittis.“

 

Von wegen nicht weit vom Stamm

Seit heute Nachmittag hängt an unserer Küchentüre ein Zettel mit der schönen Überschrift „Ordnung muss sein… Ordnung im Überblick“. Darunter ist fein säuberlich aufgeführt, wie die vier kleinen Vendittis, die dazu bereits fähig sein sollten, dafür sorgen können, dass mehr Ordnung herrscht. Keine Kleider auf den Fussboden schmeissen, die Schuhe ins Regal räumen, die Jacke an den richtigen Haken hängen und den Wäschekorb im Zimmer regelmässig leeren. Und damit keiner seine Pflichten so schnell vergisst, hängt das Blatt auch in jedem Kinderzimmer. 

Wer nun hofft, „Meiner“ und ich seien auch endlich auf den Zug derjenigen aufgesprungen, die mehr Disziplin in der Erziehung fordern, den muss ich leider enttäuschen. Das Regelwerk ist nämlich nicht auf unserem Mist gewachsen, sondern auf demjenigen der Kinder, allen voran Karlsson. Nun ja, die Forderungen sind eigentlich nicht neu, die haben „Meiner“ und ich immer mal wieder gepredigt, aber dass man bei uns zu Hause jetzt an jeder Ecke eine „Zimmerordnung“ – wie Karlsson das nennt – findet, das ist uns schon eher fremd, neigen wir beide doch eher zu spontan, unkompliziert und aus dem Bauch heraus, ich ein bisschen mehr als „Meiner“.

Aber so ist das halt mit der Jugend von heute, die will immer das Gegenteil von dem, was die Eltern für erstrebenswert halten. Das ist für mich eigentlich soweit okay und solange ich nicht die Einzige bin, die dafür sorgen muss, habe ich auch nichts gegen eine gewisse Ordnung einzuwenden. Ich fürchte mich einzig vor den Auswüchsen, welche die Reglementierwut mit sich bringen könnte. Ich ahne bereits, dass ich demnächst auf meinem Schreibtisch einen Zettel mit dem Titel „Ordnung muss sein… auch im Büro“ finden werde. Darauf wird wohl zu lesen sein: „Keine losen Blätter herumliegen lassen. Stifte und Radiergummis in einem Behälter versorgen. Bearbeitete Unterlagen in einem Ordner ablegen. Ein sinnvolles Ablagesystem für Pendenzen einrichten. Alte Notizzettel gehören ins Altpapier.“ Oder so ähnlich. 

Sollte ich diesen Zettel tatsächlich demnächst unter all den sich türmenden Papieren auf meinem Schreibtisch vorfinden, dann verlange ich einen Mutterschaftstest…

2 x Balsam

Schon wieder Elternabend. Schon wieder die gleichen Ausführungen zum Laufbahnreglement, dem unsere Kinder seit diesem Schuljahr unterworfen sind. Schon wieder die Aussage, dass man sich die Kinder alle in der gelben Spalte wünscht. Schon wieder will bei mir der Frust hochkommen. Wie lange es wohl noch dauert, bis die ersten Schüler wegen Burnout behandelt werden müssen? Düstere Aussichten für unsere Kinder, besonders für Luise, die kein Kopf- sondern ein Herzensmensch ist. Doch dann ein Silberstreifen am Horizont. Einige kritische Fragen aus der Elternschaft, worauf die Klassenlehrerin durchblicken lässt, dass sie ebenso mit den neuen Regeln kämpft, dass sie lieber mit unseren Kindern arbeiten und lernen möchte, anstatt auf einem Formular mit unzähligen Kreuzchen das Verhalten der Schüler zu bewerten. Ein kleiner Hinweis, dass auch sie nicht begeistert ist, dass der Unterricht mittwochs bereits um zwanzig nach sieben beginnt, dass auch sie findet, es sei eine geballte Ladung, welche die Drittklässler zu bewältigen hätten. Natürlich, die Lehrerin wird ebenso mit den Neuerungen leben müssen wie wir, aber immerhin kann ich auf ein gewisses Verständnis hoffen, wenn für Luise alles einfach zu viel wird. Und das ist schon viel in einem Schulsystem, das immer mehr darauf ausgerichtet ist, die Schüler schon möglichst früh fit für die Wirtschaft zu trimmen. 

Und noch einmal Balsam an diesem Elternabend, dem vierten und zweitletzten dieser Saison. Ein kleines Gedicht, ein sogenanntes Elfchen, das die Kinder für uns Eltern verfasst haben. Luises Elfchen – das übrigens nur zehn Worte enthält – über uns:

liebevoll
die Eltern
sie lieben mich
ich liebe sie
schön 

Was mich daran besonders berührt: Luise hätte irgend etwas über uns schreiben dürfen, zum Beispiel, dass wir gerne lesen, oder dass es stets reichlich zu Essen gibt, oder dass wir samstags so gerne alle zusammen im Bett kuscheln. Das alles wäre natürlich auch nett gewesen. Aber sie hat sich nicht ablenken lassen durch die schönen Dinge wie zum Beispiel die Katzen, die wir vor allem ihr zuliebe angeschafft haben, oder durch die kleinen Überraschungen, die wir hin und wieder machen. Sie hat sich den Blick aber auch nicht durch das Negative verstellen lassen, nicht durch die Streitereien, nicht durch die Versprechen, deren Erfüllung manchmal so lange auf sich warten lässt. Nein, sie hat ihren Blick geradeaus auf das gerichtet,  worauf es wirklich ankommt: Wir lieben sie, sie liebt uns. Schön.

Versagermama

Versagermama verliert morgens um halb acht, nachdem ihre Tochter sie zum dritten Mal grundlos angekeift hat, zum ersten Mal den Nerv. Wäre sie nicht Versagermama, würde sie säuseln „Mein herzallerliebstes Töchterlein, es würde mir sehr viel bedeuten, wenn du aufhören würdest, in diesem Ton mit mir zu reden. Weisst du, der Mama macht das ganz tief im Herzen weh, wenn du so mit ihr sprichst.“ Aber sie ist Versagermama und darum brüllt sie: „Mein liebes Kind, ich hab‘ deinen giftigen Tonfall so langsam aber sicher satt. Immerhin bin ich der Mensch, der dich zuallererst geliebt hat und der dich immer lieben wird, also willst du wohl damit aufhören, mich als deinen Abfallkübel zu behandeln? Mir reicht es, immer mitansehen zu müssen, wie du mit allen anderen Menschen nett bist, während ich deinen ganzen Frust an den Kopf geworfen bekomme.“

Versagermama hat dienstags auch nur noch zwei oder drei gefleckte Bananen und ein paar verbeulte Nektarinen vorrätig, welche die Kinder für die Pause mitnehmen können. Sie hat es mal wieder nicht geschafft, rechtzeitig einen Zwischendurcheinkauf zu erledigen. Versagermama ist natürlich auch die Einzige, die morgens noch in Richtung Kindergarten unterwegs ist, während all die anderen Mütter und Au Pairs bereits wieder auf dem Heimweg sind. Und wenn sie endlich im Kindergarten ankommt, wird Versagermama gefragt, weshalb denn gestern niemand gekommen sei, um den kleinen Jungen abzuholen. Natürlich gibt es einen Grund dafür – die grossen Geschwister haben ihren kleinen Bruder vergessen -, aber Versagermama weiss sehr genau, dass nicht die Kinder die Schuld trifft, sondern sie ganz alleine, weil sie ihre grossen Kinder noch nicht soweit gebracht hat, ihren kleinen Bruder nie und nimmer zu vergessen. Im Laufe des Tages gibt es noch unzählige Gelegenheiten, bei welchen Versagermama ihr Unvermögen beweisen kann und es wundert keinen, dass sie diejenige ist, die am Kindergarten-Elternabend so spät erscheint, dass sie nur noch ausserhalb des Kreises einen Platz findet. Natürlich weiss sie auch, dass sie damit gemeint ist, wenn die Lehrerin voller Abscheu von Eltern redet, die doch tatsächlich manchmal die Bibliotheksbücher ihrer Kinder nicht mehr finden können und auch wenn Versagermama weiss, dass die Bibliotheksbücher  nur deswegen verschwinden, weil sie in der Masse der eigenen Kinderbücher untergehen, so steigt ihr dennoch die Schamesröte ins Gesicht. Wer will denn schon wissen, weshalb etwas nicht so läuft, wie man dies von einer braven, angepassten Schweizer Familie erwarten würde? 

Manchmal ist Versagermama ziemlich frustriert und tieftraurig über ihr ständiges Versagen. Sie wünschte sich, dass auch in ihrem Leben die Dinge so schön wohlgeordnet und überschaubar wären, sie überhäuft sich mit Selbstvorwürfen, denn eigentlich wüsste sie ja, dass sie einfach nur alles mit etwas mehr Ruhe angehen müsste, damit nicht immer und immer wieder das Chaos ausbricht. Manchmal fragt sie sich auch, weshalb der liebe Gott ihren Kindern eine solche Versagermama zugemutet hat, aber zum Glück meldet sich dann meist eine innere Stimme zu Wort, die sie wieder beruhigt. „Du magst in vielen Bereichen nicht so perfekt sein, wie du es dir wünschen magst und wie man es von dir erwarten mag“, sagt diese innere Stimme „aber zeige mir einen einzigen Menschen – mal abgesehen von „Deinem“ – , der diese Kinder ebenso liebt wie du. Solange du sie liebst und auch fähig bist, es ihnen immer aufs Neue zu zeigen, so lange hast du nicht total versagt.“