Zeitmaschine

Es gibt sie noch, die Tage, an denen andauernd einer heult, weil der andere so unglaublich fies und hinterhältig zu ihm war. Wobei der andere natürlich eine komplett andere Version der Ereignisse präsentiert, weshalb am Ende beide heulen.

Die Tage, an denen einer permanent eingeschnappt ist, weil jedes Wort, das aus deinem Munde kommt, aus irgend einem Grund das Falsche war.

Die Tage, an denen du während des Abendessens nur ganz kurz ans Telefon musst und wenn du wieder zurück kommst, ist einer tropfnass, einem anderen stehen die Tränen in den Augen und die Dritte rennt schreiend aus dem Zimmer. 

Die Tage, an denen du den Abwasch lieber ohne die Hilfe des Kindes, das eigentlich Küchendienst hätte, hinter dich bringst, weil es schon wieder einen der neuen Teller ruiniert hat und du nicht noch weitere Scherben ertragen kannst. 

Die Tage, an denen immer einer genau dann das Weite sucht, wenn er auf gar keinen Fall weg sein dürfte, so dass du zwischen dem Anbraten und dem Wenden der Pancakes jeweils laut nach ihm rufend auf dem Balkon stehst und dich vor dem ganzen Quartier als diejenige zu erkennen gibst, die mal wieder gar nichts im Griff hat. 

Die Tage, an denen plötzlich einer auf die Idee kommt, irgend einen Kram aus Leim, Stärkemehl, Abwaschmittel, Puderzucker und Luftballons zu fabrizieren, was natürlich tüchtig in die Hose geht, aber das wollte man dir natürlich nicht glauben, weil es bei der Basteltante auf youtube ja auch funktioniert hat.

Die Tage, an denen du alle paar Minuten sehnsuchtsvoll zur Küchenuhr schaust und dich fragst, wann dieser irre Reigen, den deine Kinder und dein PMS miteinander tanzen, endlich ein Ende finden wird.

Die Tage, an denen der Seifenspender, den du gestern frisch aufgefüllt hast und der heute schon wieder zu zwei Dritteln leer ist, der berüchtigte Tropfen ist, der das Fass zum Überlaufen bringt, so dass du an die Decke gehst wie schon lange nicht mehr. 

Die Tage, an denen du dich fühlst, als hätte dir dein Leben einen miesen Streich gespielt und dich mit einer Zeitmaschine zurück katapultiert in eine Lebensphase, in der sie alle noch klein und ohne Vernunft waren. Doch wenn du in die Runde blickst, siehst du lauter Menschen, die gross genug wären, um solchen Mist bleiben zu lassen und die auch schon mehrfach bewiesen haben, wie gut sie das können, wenn sie denn wollen.

Du musst also annehmen, dass sie nur mal wieder testen wollen, ob deine Nerven immer noch so leicht nachgeben, wenn sie lange genug darauf herumturnen.

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Muttertag – Theorie und Praxis

Theorie

„Vollkommen überbewertet, dieser Muttertag. Eine nichtssagende Tradition, nur dazu da, um die Kassen von Floristen und Chocolatiers klingeln zu lassen. Vielleicht auch noch, um Klassenlehrer, die sich im falschen Glauben wiegen, sie könnten nach Abschluss der Osterbasteleien ein wenig zurücklehnen, auf Trab zu bringen. Im besten Fall beschert der Muttertag einer überarbeiteten Mama einen Augenblick des Glücks, im schlimmsten Fall starrt sie abends mit Tränen in den Augen auf die Scherben ihrer zerschlagenen Erwartungen. Ich brauch ihn nicht, diesen Muttertag, um glücklich zu sein.“

Praxis

„Himmel, dieser Ton! Wir haben heute immerhin Muttertag. Andere Töchter sagen ihren Müttern an diesem Tag, wie sehr sie sie lieben und du keifst mal wieder nur rum. Bloss weil du ein Teenager bist, heisst das noch lange nicht, dass du dir am Muttertag nicht wenigstens ein bisschen Mühe geben könntest.“

Noch so eine unangenehme Seite des Muttertags: Ich werde mir selber unsympathisch. (Okay, zu meiner Verteidigung ist vielleicht zu sagen, dass ich noch kaum die Augen offen hatte, als das Gemotze anfing. In einem wacheren Zustand hätte ich mir bestimmt eine bessere Moralkeule gesucht.)

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Es darf auch mal so sein

Wenn die Frage auftaucht, ob Vendittis auch dabei sind, wenn die Kirchgemeinde über Auffahrt gemeinsam wegfährt, dann…

…will das Prinzchen auf jeden Fall dabei sein, denn im Haus gibt es einen Automaten, der gegen ein bisschen Kleingeld Süssigkeiten spuckt.

…möchte der Zoowärter lieber zu Hause bei seinen Legos bleiben.

…möchte der FeuerwehrRitterRömerPirat lieber zu Hause bei seinen Büchern bleiben.

…will Luise unbedingt dabei sein, denn ganz viele ihrer Freundinnen sind es auch.

… hat Karlsson keine Zeit, mitzufahren, weil er anderweitig engagiert ist, aber auch wenn er es nicht wäre, würde er nicht mitfahren wollen, da er die Ruhe liebt.

…weigert sich „Meiner“ rundheraus, denn er mag nicht drei Tage lang unter so vielen Menschen sein, erst recht nicht, wenn er in den vergangenen Woche kaum je einen ruhigen Moment hatte.

…stelle ich mich zur Verfügung, mit Luise, dem Prinzchen und einem Koffer voller Kaplas, die unser Jüngster unbedingt dabeihaben muss, hinzufahren und ein paar nette Tage unter netten Menschen zu verbringen, auch wenn es im Garten, bei den Akeleien und Kopfsalaten ebenfalls ganz nett wäre.

Das Leben in einer Grossfamilie, so stelle ich gerade fest, ist zuweilen am schönsten, wenn man nicht dem Glauben verfällt, eine glückliche Familie zeichne sich dadurch aus, dass alle andauernd alles gemeinsam unternehmen.

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Alters…. äääh… Familienausflug

Das Prinzchen möchte die Welt im Sturm erobern und versteht darum beim besten Willen nicht, weshalb die anderen nicht endlich vorwärts machen. Ausserdem will er ganz dringend ein Taschenmesser haben, auch wenn das Taschengeld schon längst aufgebraucht ist, was natürlich ganz schrecklich unfair ist.

Der Zoowärter möchte die Welt eigentlich auch im Sturm erobern, kann das aber nicht, weil sein Bauch – oder, wie sich inzwischen zeigt, wohl eher seine Hüfte – nicht mitmacht und darum ist er genervt, weil alle anderen so schnell sind. Ausserdem hat er Hunger und wenn er Hunger hat, ist er reizbar. Sehr reizbar.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat ist rundum zufrieden mit dem Programm, das wir bieten. Zu seinem Glück fehlt ihm nur noch ein neues Taschenmesser und weil er nicht nur mehr bekommt als das Prinzchen, sondern in letzter Zeit auch brav gespart hat, könnte er sich seinen Traum auf der Stelle verwirklichen. Wenn denn der Papa endlich mit ihm ins Geschäft käme, anstatt sich um alle anderen zu kümmern.

Luise wäre eigentlich lieber nicht dabei, aber weil sie gerade nichts Besseres zu tun hat und wir Kleinkarierten darauf bestanden haben, dass sie mitkommt, hat sie keine andere Wahl. Mit Karlsson ist es ja noch ganz witzig, mit den Eltern geht’s auch so halbwegs, aber die kleinen Geschwister nerven. Irgendwann tut auch noch der Kopf weh und damit wird der Nachmittag zur Qual.

Karlsson ist – wie fast immer – mit sich selber und der Welt, die ihn umgibt, im Reinen. Das Programm haut ihn zwar nicht gerade aus den Socken, aber einer wie Karlsson findet überall etwas, worüber er sich freuen kann. Nun ja, die kleinen Geschwister dürften schon etwas kooperativer sein…

Nachdem wir diesen Trupp fünf Stunden lang bei fast schon sommerlicher Wärme durch das von Touristen überlaufene Luzern geführt haben, sind „Meiner“ und ich so geschafft, dass wir uns fragen, ob man sowas noch Familienausflug nennen kann. Irgendwie hat es sich angefühlt, als wären wir mit einer Gruppe Senioren unterwegs…

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Karlsson-freies Osterwochenende

Das ist einfach nicht fair. Den anderen wird das Geld in den Hintern geschoben und mir knöpfen sie noch den letzten Rest ab. Während bei ihnen jeder investierte Rappen ein Mehrfaches an Gewinn bringt, schreibe ich einen Verlust nach dem anderen. Als ob das nicht schlimm genug wäre, regnet das Glück in Strömen auf sie hinab, meine Pechsträhne aber will kein Ende nehmen. Der kleinste Hoffnungsschimmer auf bessere Zeiten erlischt sogleich, wenn wieder irgend so ein Abzocker daherkommt und mit fiesem Grinsen eine unverschämte Forderung stellt, der ich natürlich umgehend nachkommen muss, ganz egal, wie klamm ich bin. Sollte mir das Glück doch einmal einen Augenblick lang hold sein, schlägt das Schicksal einen miesen Haken und ich stehe schlechter da als zuvor. Am Ende weiss ich nicht mehr, ob ich heulen oder ausrasten soll. 

Ich hasse es, wenn „Meiner“ und ich mit Luise Monopoly spielen müssen, damit sie die Karlsson-freien Ostertage irgendwie übersteht. 

  

So schlimm sind sie gar nicht, die kleinen Monster

Hört man sich ein wenig um, wie die Kinder von heute so sind, könnte man glauben, sie seien allesamt gefühllose, verwöhnte Monster, die beim Spielen sinnentleerter Games allmählich verblöden und nichts als Konsum und Mobbing im Kopf haben. Natürlich gibt manche, die sich in diese Richtung bewegen, ein paar Beispiele aus dem Leben unserer Kinder lassen aber auch vermuten, dass es ganz so schlimm nicht sein kann mit der heutigen Jugend:

  • Prinzchen und seine Schulfreunde liegen sich derzeit in den Haaren, weil jeder behauptet, er sei als einziger in der Lage, an einem Tag ein ganzes Buch zu verschlingen, was die anderen natürlich nicht glauben wollen. Wenn sie fertig gestritten haben, versuchen sie, einander gegenseitig mit ihrem grossen Allgemeinwissen zu übertrumpfen. Natürlich ist das nicht besonders nett, aber allzu verblödet kommen mir diese Erstklässler nicht vor.
  • Seitdem der Zoowärter mit seinen Bauchschmerzen zu Hause ist, klingelt es öfter mal um die Mittagszeit an unserer Tür. Kinder, von denen ich teilweise nicht mal den Namen kenne, weil sie noch nie zum Spielen bei uns waren, fragen mich, wie es ihm denn geht, ob sie ihn mal besuchen dürfen und wann er endlich wieder zur Schule komme, es sei so langweilig ohne ihn. Schafft er es mal, für ein paar Stunden den Unterricht zu besuchen, jubeln seine Freunde, das sei der schönste Tag der Woche. Zwei oder drei Mädchen – in diesem Alter ja nicht gerade interessiert an doofen Jungs – liessen sich sogar dazu hinreissen, den Brief, den sie ihm alle zusammen geschrieben haben, mit Herzchen zu unterschreiben. Alles andere als gefühllos also, diese Knöpfe.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat, an dem Luise seit einiger Zeit kaum ein gutes Haar lässt, bastelt im Werkunterricht für seine Schwester in liebevoller Kleinarbeit ein schillerndes Osterei, das er ihr als verspätetes Geburtstagsgeschenk überreicht. So schön ist es geworden, dass sie gar nicht anders kann als zu erkennen, wie sehr der nervige jüngere Bruder sie insgeheim mag. Sie haben eben doch ein Herz, diese kleinen Monster.
  • Luise ist im Moment eigentlich alles andere als gut zu sprechen auf die zwei Menschen, die sie gezeugt haben. Dennoch sind wir ihr ganz und gar nicht egal. „Ich sehe doch, dass du traurig bist, also sag nicht, es sei nichts, wenn ich dich frage, was los ist“, raunzte sie neulich und brachte mich dazu, ihr, die ja laut der gängigen Meinung über die Jugend von heute nur an ihrem Smartphone und der neuesten Jeans interessiert sein dürfte, mein Leid zu klagen. (Okay, ich geb’s zu, ich musste mich ganz schön kurz fassen zwischen all den Nachrichten, die in der Zeit auf ihrem Handy eingegangen sind, aber sie hat mir tatsächlich zugehört.)
  • Die Jugendlichen, die gelegentlich bei uns ins Haus kommen, um mit Karlsson an Schulprojekten zu arbeiten, sind so anständig, nett und fleissig, dass ich mich in ihrer Gegenwart wie ein vergammelter Hippie fühle, der ganz dringend sein Leben in den Griff kriegen und seine Höhle aufräumen müsste. (Bis jetzt ist es mir zum Glück noch gelungen, sie mit Selbstgebackenem daran zu hindern, mir das Sozialamt auf den Hals zu hetzen.)

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Verstaubt

Als sie neun war, war sie über alle Massen beeindruckt von Facebook. So viel Privates über so viele Menschen, die sie ja auch irgendwie kannte, war für sie, die ein ausgesprochen sozialer Mensch ist, unglaublich spannend.

Als sie zehn war, liess sie keine Gelegenheit aus, mein Facebook-Profil zu durchforsten,  sich durch die Fotos meiner Freunde zu klicken und manchmal in meinem Namen ein „gefällt mir“ zu hinterlassen, wo ich keines hätte hinterlassen wollen.

Als sie elf war, war sie der festen Überzeugung, es werde nun allmählich Zeit, dass sie auch dabei sein darf. Hätten wir es nicht ausdrücklich verboten, sie hätte sich wohl ganz ohne unsere Hilfe ein Profil angelegt. 

Kurz vor ihrem zwölften Geburtstag kam es zu einem erbitterten Streit mit Karlsson, weil sie sich selber die Erlaubnis erteilte, bei Instagram mitzumachen und natürlich kam in diesem Zusammenhang wieder die Frage auf, warum wir kleinkarierten Eltern nicht dazu bereit waren, ein Auge zuzudrücken, um ihr einen verfrühten Einstieg bei Facebook zu gestatten.

Inzwischen ist sie dreizehn und jetzt, wo sie endlich dürfte, käme es ihr nicht im Traum in den Sinn, bei Facebook mitzumachen. Ist doch alles längst Schnee von gestern. Abgesehen von den verstaubten Alten, die sich über Kochrezepte, Erinnerungen an längst vergangene Tage und Politik austauschen, treibt sich doch kein Mensch mehr dort rum.

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Zoff mit der Glucke

„Wie geht es dir denn so?“, fragte mich neulich eine entfernte Bekannte und wie man eben sagt, wenn Menschen, die einem nicht besonders nahe stehen, antwortete ich: „Ganz gut, danke“ und obschon das sehr oberflächlich klingt, meinte ich es mehr oder weniger so, wie ich es sagte. Nach ein paar Minuten Smalltalk trennten sich unsere Wege, aber ich blieb nicht lange alleine, denn die Glucke gesellte sich zu mir.

Glucke: „Bist du von Sinnen? Du behauptest, dir gehe es gut, dabei sind doch da die Kinder…“

Ich (ungeduldig, denn ich hatte gerade absolut keine Lust auf die Glucke): „Die Bekannte hat nach meinem Befinden gefragt, nicht nach dem Befinden der Kinder.“

Glucke (verständnislos): „Und wo ist da der Unterschied? Geht es den Kindern gut, geht es dir auch gut, geht es den Kindern schlecht, geht es dir auch schlecht. Ist doch ganz einfach.“

Ich: „Na ja, oberflächlich betrachtet, hast du bestimmt recht. Die Sorge um die Kinder kann einen tatsächlich ganz schön in Beschlag nehmen. Bei genauerem Hinsehen, kann ich aber sagen, dass mein Leben momentan viel näher an dem dran ist, was ich schon immer angestrebt habe. Ich bin also ganz zufrie…“

Glucke (unterbricht mich empört, schreit beinahe): „Zufrieden? Wolltest du wirklich zufrieden sagen? Ist dir Zoowärters Bauchweh denn egal? Und Luises Kopfweh? Karlssons Prüfung? Die Sorgen des FeuerwehrRitterRömerPiraten? Prinzchens Grippe? Geht dir das alles am A… vorbei?“

Ich: „Himmel, nein, natürlich ist mir das alles nicht egal und es beschert mir auch mehr als genug schlaflose Nächte, aber die Frage lautete nicht, wie es den Kindern geht, es ging ausnahmsweise mal um mein Befinden und das ist momentan eigentlich ganz gut. Mal abgesehen davon, dass mein Schreiben unter den aktuellen Umständen leidet und ich manchmal ziemlich gestresst bin wegen der vielen Arzttermine…“

Glucke: „Mir wird gleich schlecht vor so viel Egoismus. Die jammert doch tatsächlich über Arzttermine und mangelnde Zeit, um sich selbst zu hätscheln. Und dann klagt sie auch noch, die Leute würden zu wenig nach ihr fragen.“

Ich: „Wann, bitte sehr, habe ich mich beklagt, die Leute würden zu wenig nach mir fragen?“

Glucke: „Na, gerade eben. Dieses ‚ausnahmsweise‘, das du da eingeschoben hast, hat Bände gesprochen. Du möchtest also lieber gefragt werden, wie denn das Befinden der verwöhnten Prinzessin sei, die wegen ihrer Brut vom Schreiben abgehalten wird?“

Ich: „Nun hör schon auf, mir Dinge in den Mund zu legen, die ich so nicht gesagt habe. Dieses ‚ausnahmsweise‘ sollte nur darauf hinweisen, dass ich derzeit sehr viel Zeit damit verbringe, mit anderen Leuten über die Sorgen meiner Kinder zu sprechen. Manchmal muss ich da einfach wieder etwas Abstand gewinnen, um dankbar sagen zu können, dass das Leben trotz aller Schwierigkeiten, die wir derzeit zu meistern haben, eigentlich ganz gut ist. Man wird ja wohl noch differenzieren dürfen, ohne gleich als Rabenmutter abgestempelt zu werden.“

Glucke (mit Tränen in den Augen): „Differenzieren? Wenn dein eigen Fleisch und Blut schwierige Zeiten durchmacht, wird nicht differenziert, dann wird gefälligst mitgelitten und zwar so, dass du, wenn du nach deinem Befinden gefragt wirst, nur noch in Tränen ausbrechen kannst. So macht man das, wenn man ein Herz in seiner Brust hat.“

An diesem Punkt wurde mir einmal mehr bewusst, wie unmöglich es ist, mit der Glucke ein halbwegs vernünftiges Gespräch zu führen. Ich liess sie links liegen, wandte mich dem Zoowärter zu und fragte: „Wie geht es dir denn heute?“ „Meinem Bauch überhaupt nicht gut“, antwortete er, „aber ich könnte platzen vor Freude, wenn ich daran denke, dass mich morgen mein bester Freund besuchen kommt.“

Da siehst du mal, meine liebe Glucke, wie gut das geht mit dem Differenzieren…

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Fast schon wie früher

Kurz nach Mittag, Mama Venditti sitzt am halb abgeräumten Esstisch und denkt halblaut nach: „Hmmm, mal überlegen…was steht heute Nachmittag alles an? Zuerst müsste ich…“

Der Zoowärter kommt angehumpelt (Sein Bauch schmerzt noch immer.): „Mama, machst du mir einen Tee?“

Mama Venditti geht in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und murmelt: „Okay, erst mal Tee kochen und dann…“

Wenig später sitzt das Kind mit dem Tee auf dem Sofa, Mama wendet sich wieder ihren Tagesplänen zu: „Also, zuerst müsste ich schnell in den Garten, bevor der Regen…“

Weiter kommt sie nicht, denn jetzt steht Luise da: „Mama, wo ist mein Französischbuch?“

Mama: „Ich weiss nicht, aber du musst jetzt doch nicht lernen, wenn du krank geschrieben bist.“

Mama und Tochter diskutieren eine Weile, Tochter zieht sich ins Zimmer zurück, Mama versucht, ihren Gedankenfaden wieder aufzunehmen: „Zuerst also in den Garten und dann…“

Karlsson ruft: „Mama, kann ich den Laptop nehmen?“ 

Karlsson? Müsste der nicht längst in der Schule sein? Ach nein, der darf ja für seine Projektarbeit zu Hause arbeiten. Mama holt den Laptop, Sohn richtet sich ein, Mama mag jetzt nicht mehr länger überlegen und geht in den Garten, bevor der Regen kommt.

Das Fenster des Esszimmers geht auf, Karlsson schaut raus: „Mama, der Computer spinnt. Kommst du kurz hoch?“

Mama lässt die Akeleien, die eingepflanzt werden möchten, achtlos liegen und geht seufzend die Treppe hoch. Der Computer spinnt tatsächlich und fordert ziemlich viel Aufmerksamkeit, bis er sich wieder eingekriegt hat.

Mama geht zurück zu ihren Akeleien, Augenblicke später geht das Fenster wieder auf. Der Zoowärter: „Mama, mir ist sooooooo langweilig…“

Mama: „Moment, ich komme gleich hoch.“ Hastig buddelt sie die restlichen Akeleien, den Eisenhut und den Rittersporn in die Erde und geht wieder hoch, um sich des Unterhaltungswunsches ihres Sohnes anzunehmen. Bevor sie dazu kommt, muss aber noch einmal eine Computerfrage von Karlsson geklärt werden und Luise, die nun trotzdem Hausaufgaben macht, braucht ebenfalls Hilfe. Dann endlich schreibt sie eine Nachricht an die Mutter von Zoowärters Freund, um einen Besuch zu arrangieren, damit das Kind ein paar Stunden mit Brettspielen von den Bauchschmerzen abgelenkt wird.

Einen Moment lang ist alles ruhig, Mama Venditti fängt wieder an zu überlegen: „Okay, der Garten ist für heute erledigt. Dann wäre da noch der Brotteig…“

Viel weiter kommt sie nicht, denn schon wieder steht da jemand, der etwas braucht und dann schon wieder und dann schon wieder und dann schon wieder, bis irgendwann der Nachmittag um ist und Mama Venditti erkennt, dass das Stundenplanwunder bis auf Weiteres ausser Kraft gesetzt ist. 

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Grossfamiliengeplänkel

Bei Karlsson ist es die Anspannung vor der grossen Prüfung Mitte März.

Bei Luise ist es der Kopf, seit mehr als sechs Monaten schon.

Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten sind es die Ohren, manchmal auch der Kopf, dann wieder der Bauch, immer wieder, den ganzen Winter schon. Daraus resultierend die Frage, ob es Viren oder Bakterien sind, oder vielleicht doch eher das Leiden am Schulalltag.

Beim Zoowärter ist es der Bauch, zwei Wochen nach dem letzten Arztbesuch schon wieder so heftig, dass die Glucke einmal mehr mahnt, das Ganze erinnere sie irgendwie an Karlssons Blinddarmgeschichte.

Beim Prinzchen ist es die Laune. 

Bei „Meinem“ auch. 

Das alles findet natürlich keiner besonders lustig, am allerwenigsten meine Nerven, die jetzt auch allmählich zu rebellieren anfangen. 

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