Die Zahnfee-Krise

Gestern Abend, kurz vor zehn Uhr, Luise kommt zu mir in die Küche: „Mama, der Zoowärter hat einen Zahn verloren und ihn unter sein Kopfkissen gelegt, damit die Zahnfee ihn holen kommt. Du musst ihm unbedingt ein kleines Geschenk unters Kissen legen.“

Ich: „Warum soll ich jetzt plötzlich die Zahnfee spielen? Das habe ich bei euch doch auch nie gemacht.“

Luise: „Wenn du wüsstest, wie sehr ich immer gehofft habe, die Zahnfee würde kommen…“

Ich: „Du armes Kind! Warum hast du mir nichts davon gesagt? Nicht im Traum wäre ich auf die Idee gekommen, dass du an die Zahnfee glaubst. Woher auch? Ich habe euch diesen Bären ja nicht aufgebunden. Es tut mir ganz schrecklich leid…“

Luise (unterbricht mich): „Ist schon okay, Mama. Aber der Zoowärter muss unbedingt etwas bekommen. Er wünscht es sich doch so sehr. Stell dir vor, wie traurig er sein wird, wenn morgen der Zahn noch immer unter dem Kissen liegt.“ (Irre ich mich, oder schwingt in Luises Stimme ein Hauch von bitterer Erfahrung mit?)

Ich: „Na gut, dann leg ihm eben dieses Fläschchen Fruchtnektar unters Kopfkissen.“

Heute Morgen am Frühstückstisch. Der Zoowärter streckt mir freudestrahlend den Fruchtnektar entgegen: „Sie mal, Mama, die Zahnfee war bei mir!“

Karlsson: „Die Zahnfee war hier? Zu mir ist die nicht ein einziges Mal gekommen und dabei habe ich mir das immer so sehr gewünscht.“

Ich: „Aber Karlsson, warum hast du mir das denn nie gesagt?“

Karlsson: „Abend für Abend habe ich meine ausgefallenen Zähne unter mein Kopfkissen gelegt und Morgen für Morgen war ich enttäuscht, weil kein Geschenk unter dem Kopfkissen lag…“

Zoowärter: „Aber zu mir ist sie gekommen!“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Zu mir ist sie nur ein einziges Mal gekommen. Sie hat mir Smarties gebracht.“

Karlsson: „Und zu mir nicht ein einziges Mal. Bei den Kleinen macht man plötzlich Dinge, an die bei mir keiner gedacht hat.“

Ich: „Ich hätte überhaupt nichts gemacht, wenn Luise mich nicht bestürmt hätte.“

Karlsson: „Es ist trotzdem unfair.“

Ich: „Natürlich ist es das und es tut mir auch ganz schrecklich leid, aber ich wusste doch gar nicht, dass du an die Zahnfee glaubst. Glaub mir, hätte ich gewusst, wie sehr du dir das wünschst, ich hätte dir sofort etwas unters Kopfkissen gelegt. Es tut mir wirklich von Herzen leid. Aber ich habe euch doch immerhin sonst mal die eine oder andere Überraschung geboten…“

Karlsson: „Ja schon, aber die Zahnfee ist halt trotzdem nie gekommen…“

Irgendwann verlief das Gespräch im Sande und ich blieb alleine mit meinem schlechten Gewissen in der Küche zurück. Kein Zweifel, in Sachen Zahnfee habe ich komplett versagt, weil es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen wäre, diesen mir vollkommen fremden Brauch zu pflegen. Und das Dümmste an der Sache ist: Ich kann es nicht wieder gut machen, indem ich bei den Kleinen nachhole, was ich bei den Grossen verpasst habe, ohne die Grossen vor den Kopf zu stossen. Die Zahnfee weiterhin ignorieren geht wohl auch nicht mehr, denn nach der heutigen Krise weiss auch das Prinzchen, was Kinder zu erwarten haben, wenn sie ihre Milchzähne verlieren. Mir bleibt also gar nichts anderes übrig, als auf diesem Gebiet weitere Fehler zu begehen.

Blöde Zahnfee.

Und zu mir ist sie auch nie gekommen. Nicht ein einziges Mal. 

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Pädagogisch wertvolles Geschwätz

Nach Monaten des Wartens haben der Zoowärter und Luise heute endlich ihre Celli bekommen. Eigentlich hätten wir sie ja bereits früher holen wollen, doch dem Instrumentenbauer ist unser Termin vergessen gegangen und so war es eben erst heute soweit. Wie ich so in dem stilvoll eingerichteten, mit wunderschönen Streichinstrumenten vollgestopften Stübchen sass und meinen zwei Kindern dabei zusah, wie sie ihre Instrumente auswählten, dämmerte mir, auf was für ein Wagnis wir uns da einlassen. Zwei majestätische, handgefertigte, teure Instrumente würden heute in unser so gar nicht majestätisches, sondern äusserst chaotisches Zuhause, in dem es in diesen Regentagen nur so von überdrehten Kindern wimmelt, einziehen. Ob das gut gehen kann?

Weil ich nicht die geringste Lust verspüre, in zwei Wochen mit gesenktem Blick und einem zerkratzten Cello beim Instrumentenbauer aufzukreuzen, zwang ich mich dazu, dem Zoowärter eine kleine Moralpredigt zu halten: „Du weisst ja, dass es zwei ganz unterschiedliche Zoowärter gibt“, begann ich mit ernster Pädagoginnenstimme. „Der eine ist wild und kämpferisch, der andere zart und vorsichtig. Der Zarte, Vorsichtige darf Cello spielen, aber der Wilde, Kämpferische muss seine Finger von dem Instrument lassen. Ist dir das klar?“ Der Zoowärter sah mich mit grossen Augen an und nickte brav. Trotzdem wiederholte ich meine Predigt noch einmal, schmückte hier noch etwas aus und fügte da noch eine Warnung hinzu, bis ich mir sicher war, dass der Zoowärter auch wirklich verstanden hatte.

„Versprochen, ich lasse den wilden Zoowärter nie in die Nähe des Cellos“, sagte er schliesslich und ich war in grosser Versuchung, mir auf die Schulter zu klopfen, weil es mir für einmal gelungen war, so richtig pädagogisch wertvoll daherzuschwätzen. So, wie das die Mütter machen, die immer erst einen Erziehungsratgeber zu konsultieren scheinen, ehe sie sich liebevoll und geduldig ihrem Kind zuwenden. Vielleicht sollte ich öfter so mit meinen Kindern reden.

Vielleicht aber auch nicht. „Wie redest du denn mit dem Zoowärter, Mama?“, fragte Luise nämlich spöttisch. „Der Junge ist doch nicht blöd. Der versteht dich auch, wenn du normal mit ihm sprichst.“

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Stundenplankapriolen

Je grösser die Kinder werden, umso mehr fühlt sich der Start eines neuen Schuljahres wie ein Gedächtnisspiel an. Nehmen wir zum Beispiel den Dienstagnachmittag:

Prinzchen: Frei
Zoowärter: Auch frei, aber meist bei einem seiner Freunde zu Besuch. Oder einer seiner Freunde ist bei uns. 
FeuerwehrRitterRömerPirat: Woche A nachmittags Unterricht, Woche B nachmittags frei, in jedem Fall aber Trompetenstunde um 16:05 im Nachbardorf. Und abends natürlich Fechten, aber soweit mag man mittags noch gar nicht denken, denn das Herausfinden, ob jetzt Woche A oder Woche B ist, nimmt das Gehirn voll und ganz in Beschlag.
Luise: Schule, aber erst um 14 Uhr, also viel Gelegenheit, um nach dem Mittagessen zu überlegen, ob sie noch etwas zu erledigen hat.
Karlsson: Ebenfalls Schule, ebenfalls erst um 14 Uhr, dafür fast bis 18 Uhr und die letzten zwei Lektionen im Nachbardorf. Nein, natürlich nicht im gleichen Nachbardorf wie der FeuerwehrRitterRömerPirat, das wäre zu einfach. 
„Meiner“: Unterricht und danach genau so lange Sitzung, dass es mir reicht, nervös zu werden, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat doch endlich ins Fechttraining gefahren werden sollte, aber das Auto noch nicht da ist. 

Wie das bei den Spielen so ist, erreicht man nach einiger Zeit einen höheren Level. Bei mir sieht Level zwei so aus, zumindest für die kommenden drei Wochen:

Prinzchens bester Freund: Unterricht bis 15 Uhr, danach sollte er zu uns kommen, weil seine Eltern arbeiten und die übliche Kinderbetreuung noch ein paar Monate im Süden weilt. Meistens müssen wir aber erst nach ihm suchen gehen, denn irgendwie macht es auf dem Naturspielplatz einfach mehr Spass.
Zoowärters Freund: Woche A schulfrei, Woche B Unterricht, wenn ich mich recht erinnere, aber offen gestanden habe ich seinen Stundenplan nicht auswendig gelernt, weil wir nur bis Ende August auf ihn aufpassen.
Kleine Schwester von Zoowärters Freund, ebenfalls bis Ende August: Noch nicht schulpflichtig und darum äusserst interessiert daran, dass immer ein kleiner bis mittelgrosser Venditti oder zumindest eine Katze in Reichweite ist. Darf auf gar keinen Fall alleine im Garten sein, weil wir inzwischen einen ganz und gar kleinkinderuntauglichen Gartenteich haben. 

Ein wirklich herausforderndes Spiel, das mein Gedächtnis jung hält. Der Rest von mir sieht nach einem solchen Nachmittag aber ganz schön alt aus.

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Kindergartenkinder

Kindergarten – das war für mich als Kind irgendwie schwierig. So viele fremde Kinder und ich so schüchtern, Lieder, die mir nicht gefielen, langweilige Zeichnungen und alles, was Spass machte, war verboten. 

Als ich ein Teenager war, fand ich Kindergärtner einfach nur nervig und doof. Immer diese Witze, die überhaupt nicht lustig sind, die Reime, die nicht passen, der ewige Lärm.

Als ich achtzehn war, glaubte ich einen Frühling lang, ich müsste Kindergärtnerin werden. Die Aufnahmeprüfung schaffte ich mit Bravour, im Praktikum eroberten die Kinder mein Herz im Sturm, doch als ich am zweiten Ausbildungstag eine Stunde lang wie ein Baum durchs Zimmer gehen musste, schmiss ich die Ausbildung hin. Ein Entscheid, den ich noch keine Sekunde bereut habe.

Als meine Neffen und Nichten im Kindergartenalter waren, sorgte ich mich furchtbar um sie. Diese kleinen, zerbrechlichen Wesen, die sich nun plötzlich gegen böse, grosse Schüler behaupten mussten, taten mir so schrecklich leid. Doof fand ich Kindergartenkinder übrigens schon längst nicht mehr, nur etwas nervig zuweilen, wenn sie mich nicht in Ruhe über meinen Büchern brüten liessen. 

Als Karlsson in den Kindergarten kam, war ich unendlich froh, endlich ein Kleinkind weniger im Haus zu haben. Natürlich hing ich auch viele Stunden an der Strippe, um mich mit anderen Müttern über die Sorgen und Nöte unserer Kindergartenkinder auszutauschen und manchmal fürchtete ich, unser schüchterner Sohn könnte eines Tages zum Aussenseiter werden. Dass ich inzwischen jeden noch so missratenen Kindergärtner-Witz zum Brüllen komisch fand, versteht sich von selbst.

Luise im Kindergarten, das war irgendwie wie Ferien. Ein glückliches Kind, umgeben von anderen glücklichen Kindern, alles geblümt und rosarot und verträumt. Eine schöne Zeit. 

Die Kindergartenjahre des FeuerwehrRitterRömerPiraten waren für alle Beteiligten eine Qual, am meisten wohl für ihn selber, obschon niemand so richtig wusste, woran es lag. Ob der Junge überhaupt je ein Kindergärtner war? Für alle Beteiligten war es eine Erleichterung, als die zwei Jahre um waren und das Kind endlich lesen lernen konnte. Seither ist er glücklicher. 

Der Zoowärter war ein Kindergärtner, wie er im Buche steht: Fröhlich, verspielt und überglücklich mit seinen zahlreichen Freunden. Keiner erzählte so viele misslungene Witze wie er, keiner reimte so wackelig und doch hätte er von mir aus ewig im Kindergarten bleiben dürfen, weil er einfach zum Anbeissen war. Er sieht das übrigens ähnlich, noch heute trauert er der unbeschwerten Zeit nach.

Wenn ich morgen zum zehnten und letzten Mal in Folge mit einem Kind in ein Kindergartenjahr starte, werde ich dies schweren Herzens tun. Längst habe ich gelernt, Kindergartenkinder nicht nur zu mögen, sondern fast schon zu vergöttern, weil ihr Humor einfach einzigartig ist, ihre Weltoffenheit wohltuend, ihre Vertrauensseligkeit herzerwärmend. Das Prinzchen wird sein letztes Kindergartenjahr geniessen, des bin ich mir sicher. Ich hingegen werde mir hin und wieder wünschen, ich dürfte noch ein paar Jahre länger mit Kindergartenkindern unterwegs sein. 

Nein, sagt jetzt bitte nicht, ich könnte ja doch noch Kindergärtnerin werden. Ihr glaubt doch nicht etwa, ich würde heute mit mehr Begeisterung wie ein Baum durchs Zimmer gehen? Wo doch jedes Kindergartenkind weiss, dass Bäume nur in missratenen Witzen können…

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Kraftakt

Nach anderthalb anstrengenden Tagen neigt sich ein Mammut-Wohnungsputz seinem Ende zu. Gestern waren wir zuerst alle sieben dran, dann nur noch „Meiner“ mit den vier jüngeren Kindern, weil bei Karlsson Musik auf dem Programm stand und ich mich um meinen sterbenden Computer kümmern musste. Abends dann nur noch „Meiner“, der manchmal einfach nicht genug kriegen kann vom Putzen und heute schliesslich ich ganz alleine, weil ich bekanntlich besser putze, wenn ich nicht auch noch andere motivieren muss zu dem, wozu ich mich selber kaum aufraffen kann. Von oben bis unten haben wir geräumt, weggeschmissen, geputzt und poliert, mit grossem Einsatz und insgesamt sehr viele Stunden lang. Und damit wir nicht andauernd die Küche verdrecken, versorgte uns Mama Ikea mit verwerflicher Tiefkühlkost aus dem frisch geputzten Tiefkühler. 

Naive Menschen wie ich neigen zu dem Glauben, nach einem solchen Kraftakt, der übrigens mit erstaunlich wenig Zoff über die Bühne gegangen ist, sei endlich mal alles sauber und ordentlich, doch leider ist dem nicht so. Wir sind jetzt gerade mal so weit, dass wir mit der Feinarbeit beginnen könnten, um uns anschliessend den ewigen Baustellen Wandschränke, Keller und Schlupfestrich zuzuwenden. Ich fürchte, soweit wird es gar nicht erst kommen, erstens, weil wir jetzt ganz dringend eine Putzpause brauchen und zweitens, weil wir morgen bereits wieder voll und ganz mit der Schadensbegrenzung beschäftigt sein werden. Damit dieser „Na ja, so halbwegs ordentlich ist es schon bei Vendittis“-Zustand anhält, bis wir in die Ferien fahren. 

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Manchmal ist das Leben…

Gliederschmerzen, die so heftig sind, dass ich kaum die Teetasse halten mag, Luise, die mich stets dann aufweckt, wenn ich endlich am Wegdämmern wäre, Karlsson, der zum gefühlt hundertsten Mal mit Verve Mozarts „Türkischen Marsch“  – den ich gewöhnlich wirklich mag – in die Klaviertasten haut, elende Fliegen, die mir um den Kopf surren, ein Kätzchen, das auf der Jagd nach einer dieser Fliegen eine Tasse voller Tee auf meine Matratze kippt, ein Schädel, der dermassen brummt, dass ich nicht mal lesen mag, stechende Schmerzen beim Einatmen, ein Telefon, das stets dann klingelt, wenn es wieder jemand von meinem Nachttisch entfernt hat und dieser jemand sich ebenfalls so weit entfernt hat, dass ich ans Telefon gehen muss, die Aussicht auf einen sechzehnten Hochzeitstag im Bett anstatt beim romantischen Abendessen, ein „Kranke Mama im Haus“-Chaos, das sich fast unaufhörlich ausweitet… – Kurz: Ein Tag zum Vergessen.

Wäre da nicht Karlsson, der mit besorgter Miene zu mir sagt, vielleicht hätte ich die Besprechung von heute Morgen doch besser sausen gelassen. Das Prinzchen, der sich auch nach der zweiten Kronen-Lichtnelken-Lieferung nicht davon abhalten lässt, noch einmal fröhlich singend für mich in den Garten zu rennen, um doch noch die gewünschten Salbeiblätter zu finden. Dazwischen die rührende Beschreibung, wie gross die Schwalbenschwanzraupen bereits geworden sind. Ein ganzer Becher „Swiss Chilbi“-Glace, den ich mir ohne schlechtes Gewissen ganz alleine einverleiben darf, weil ich a) Halsschmerzen habe und Medizin brauche, b) heute noch kaum etwas gegessen habe und c) niemand aus meinem Becher essen darf, weil er sich sonst ansteckt. „Meiner“, der mir voller Stolz vorführt, wie elegant er morgen am Maienzug  – der zufällig auch unser Hochzeitstag ist – aussehen wird. Luise, die wieder gesund ist und fröhlich von ihren Erlebnissen in der Mädchengruppe, der sie sich neulich angeschlossen hat, plaudert. Der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat, die es für einmal fertig bringen, einen Krankheitstag auch wirklich schlafend im Bett und nicht zankend und streitend zu verbringen. Gesunde Kinder, die für einmal widerspruchslos helfen, das Chaos zu beseitigen. Die Zugtickets für die Schwedenreise, die „Meiner“ endlich am Bahnhof abgeholt hat. – Kurz: Ein Tag, der zwar zum Vergessen ist, der mir aber dennoch vor Augen führt, was für ein glücklicher Mensch ich doch bin. 

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Reichtum

Nach zahlreichen misslungenen Versuchen ist es mir endlich gelungen, unser Familienfotoarchiv auf dem Computer wieder zu öffnen und so verbrachten die Kinder und ich gestern viel Zeit damit, uns durch alte Fotos zu klicken.

Das Prinzchen begegnete dabei zum ersten Mal ganz bewusst seinem sehr viel kleineren Ich. Anhand der unzähligen „Jöööööö“-Rufe gehe ich davon aus, dass ihm dieses sehr viel kleinere Ich äusserst gut gefällt.

Dem Zoowärter ging es ganz ähnlich wie dem Prinzchen, er musste aber auch mit Entsetzen feststellen, dass ihn seine einzige Schwester während einiger Zeit für eine lebendige Puppe gehalten hatte.

Der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson kramten beim Betrachten der Bilder in ihren Erinnerungen und zum ersten Mal erzählten sie nicht nur, was ich selber auch miterlebt hatte, sondern auch das, was bei diesen Erlebnissen in ihren Köpfen vorgegangen war, was sie bei dieser oder jener Gelegenheit gedacht, gefühlt, befürchtet, …. hatten. 

Mich überkam bei alldem das Gefühl, eine unglaublich reiche Mutter zu sein. So viele Erlebnisse mit doch ziemlich vielen kostbaren kleinen Menschen. Einfach überwältigend. Ich wurde aber auch von Wehmut ergriffen. Nicht nur, weil diese kleinen Menschen so schnell gross geworden sind, sondern auch, weil ein Teil dieser wichtigen Jahre in meinem Leben geprägt gewesen waren durch eine tiefe Erschöpfung, die mich daran gehindert hat, diesen unendlichen Reichtum auch wirklich wahrzunehmen und zu geniessen. 

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Wenn ich freitags ungestört arbeiten will…

Luise: „Mama, kannst du schnell…?“

Ich: „Nein, Luise, du musst zu Papa gehen. Ich arbeite doch heute. Wenn Papa in der Schule ist, kannst du auch nicht einfach zu ihm gehen. Wenn ich arbeite, ist das genau gleich, auch wenn ich hier bin. Das habe ich dir jetzt doch schon hundertmal gesagt.“

Drei Minuten später

Karlsson: „Die Lehrerin hat heute gesagt…“

Ich: „Karlsson, ich arbeite…“

Karlsson: „…wir müssten jetzt doch keinen…“

Ich: „Kaaaarlsson, ich aaarbeite…“

Karlsson: „…Kuchen mitbringen, weil…“

Ich: „Ich hab‘ gesagt, ich arbeite!“

Karlsson: „…am Schluss ja doch die Mütter in der Küche stehen würden. Ich lass dich jetzt arbeiten.“

Zwanzig Minuten ungestörtes Arbeiten, dann…

Prinzchen: „Der Zoowärter hat…“

Zoowärter: „Aber das Prinzchen hat auch…“

Ich: „Ich will überhaupt gar nichts wissen von euren Streitereien. Geht zu Papa, der ist heute für euch da.“

Beide: „Aber er hat zuerst…“

Ich: „Und ich will nichts davon wissen. Ab, zu Papa!“

Etwas später…

Wieder das Prinzchen: „Papa will mir nichts zu essen geben.“

Ich: „Das kann ich mir nicht vorstellen…“

Prinzchen: „Doch, er sagt, ich muss zuerst meine Sachen wegräumen…“

Ich: „Dann mach das doch. Danach bekommst du sicher etwas.“

Prinzchen (schluchzend): „Aber ich hab‘ doch solchen Hunger…“

Ich (wütend, weil mein armes Kindchen hungern muss): „‚Meiner‘, jetzt gib doch diesem armen Kind etwas zu essen. Er kann doch nachher aufräumen. Und überhaupt: Wenn du nie zu den Kindern schaust, kann ich nicht arbeiten!“

Kurzer, aber heftiger Krach mit „Meinem“, dann wieder eine Zeit lang ungestörtes Arbeiten

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Mama, darf ich…“

Ich: „Ich arbeite…“

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Aber du hast gestern gesagt…“

Ich: „Kann sein, dass ich gesagt habe und dann darfst du auch. Aber sprich dich mit Papa ab, er ist heute zuständig.“

Zwanzig Störungen später

Ich (zu irgend einem unschuldigen Störenfried, der zufällig gerade in der Nähe steht): „Himmel, wann wollt ihr denn endlich begreifen, dass ich heute ganz und gar nicht ansprechbar bin für euch? Wozu habt ihr eigentlich einen Papa, der freitags zu Hause ist?“

Natürlich hat keiner begriffen, was los ist mit mir, aber da sie jetzt alle zum Jugendfest müssen, habe ich endlich Ruhe. Denke ich…

Prinzchens bester Freund: „Tamar, weisst du, wo das Prinzchen ist?“

Aus lauter Gewohnheit hätte ich beinahe gesagt: „Frag Papa“, doch dann erinnerte ich mich im letzten Moment daran, dass der Papa von Prinzchens bestem Freund nicht wissen kann, wo das Prinzchen ist, weil der nämlich noch weniger zuständig ist für meine Kinder als ich es heute theoretisch gewesen wäre.

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Hörbuchfassung

Tucholskys „Schloss Gripsholm“ stand schon seit Ewigkeiten auf meiner To-Read-List, doch natürlich dachte ich immer nur dann an das Buch, wenn ich entweder keinen Buchladen in der Nähe hatte, kein Guthaben mehr auf der Kreditkarte, um mir das Buch runterzuladen oder schlicht keine Zeit zum Lesen. Die Zeit zum Lesen ist ja ohnehin nicht grosszügiger bemessen, seitdem fast alle Vormittage und einige Nachmittage kinderfrei sind. Die kinderfreie Zeit füllt sich wie von selbst mit Schreib-, Haus- und Gartenarbeit und darum musste Gripsholm warten, genau wie all die anderen Bücher, die auf meiner endlosen Liste stehen.

Gestern schliesslich war ich des Wartens auf „Gripsholm“ so müde, dass ich tat, was mir andere Mütter schon seit Jahren empfehlen, wenn ich über meinen Mangel an Lesezeit klage: Ich besorgte mir die Hörbuchfassung. „Endlich hat sie’s eingesehen“, werden nun meine Mitmütter seufzen, aber ich muss euch bitten, mit dem Seufzen gleich wieder aufzuhören. Wie hätte ich mich denn einem Hörbuch widmen sollen, wo bei uns doch immer ein Heidenlärm herrscht, wenn mehr als zwei Personen im Haus sind? Und mehr als zwei waren es bis vor Kurzem fast immer.

Nein, kommt mir jetzt bitte nicht mit dem Argument, ich hätte es eben mit Kopfhörern versuchen müssen, dann hätte ich schon viel früher Bücher hören können. Wie wäre denn so das Gezänk meiner Kinder an mein Ohr gedrungen? Und überhaupt: Habe ich Kopfhörer im Ohr, sehe ich nichts. Und habe ich eine Sonnenbrille auf der Nase, höre ich nichts. Keine Ahnung, warum, aber es ist so.

Hörbücher kommen also erst jetzt in Frage für mich und nachdem ich die Hälfte von „Gripsholm“ hinter mir habe, weiss ich, dass ich erst am Anfang einer wunderbaren neuen Leidenschaft stehe. Gut, solange unsere Kinder noch minderjährig sind, werde ich mit der Literaturauswahl etwas vorsichtig sein müssen. Als Luise gestern in die Küche platzte, war sie ziemlich entsetzt, dass die „Prinzessin“ gerade nackt durchs Schlafzimmer ging, weil sie gebadet hatte.

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Früh am Morgen

Der FeuerwehrRitterRömerPirat will nicht aufstehen, vergiesst sogar ein paar Tränen. Mit gutem Grund, wie sich drei Minuten, bevor er aus dem Haus müsste, herausstellt. Die Hausaufgaben sind nämlich nicht fertig gelöst, aber daran ist Papa schuld, denn der hat gestern Abend angeblich gesagt, der FeuerwehrRitterRömerPirat dürfe mit seinen Freunden auf den Schulkirschbaum, auch wenn die Hausaufgaben noch nicht ganz fertig seien.  Ja, die Mama hat ausdrücklich gesagt, zuerst müsse alles fertig sein, aber wenn Papa das nicht eben so ausdrücklich sagt, sondern nur impliziert, kann doch der FeuerwehrRitterRömerPirat nichts dafür, dass die Hausaufgaben nicht erledigt sind. Und überhaupt, in diesem Haus findet man nie einen Bleistift, mit dem man die Hausaufgaben lösen könnte und daran ist ganz bestimmt nicht der FeuerwehrRitterRömerPirat schuld, genau so wenig wie all anderen, die in diesem Haus regelmässig Hausaufgaben lösen. Bleistifte, das muss man wissen, machen sich ganz von selbst aus dem Staub, wenn sie sich irgendwo attraktivere Arbeitsbedingungen erhoffen, zum Beispiel als Türsteher im Abflussrohr oder als Grabschaufler beim Begräbnis des Babyvogels, der den Sturz aus dem elterlichen Nest nicht überlebt hat. 

Der Zoowärter kommt nicht aus dem Bett, weil der Papa immer nur nein sagt zu allem und darum sagt der Zoowärter heute halt auch mal nein zur Schule, um den Papa für seine Sturheit zu bestrafen. Okay, ist vielleicht nicht ganz fair, dass jetzt die Mama zig Mal die Treppen hochsteigen muss, um ihn doch noch aus dem Bett zu jagen, das gibt der Zoowärter offen zu. Aber die Mama ist ja selber schuld, dass sie einen Mann geheiratet hat, der immer zu allem nein sagt, was dem Zoowärter gerade Spass machen würde. Irgendwann lässt sich der Junge doch noch dazu überreden, aus dem Bett zu kommen, aber nur, damit er dem Papa ins Gesicht sagen kann, dass heute nichts wird mit Schule. Und damit er der Mama vorhalten kann, sie liebe nur das Prinzchen, ihn aber gar kein bisschen. Das hat er ihr ja schon gestern und vorgestern gesagt, warum also steht sie nicht endlich offen dazu?  Und überhaupt: Wie will sie dem Zoowärter ausgerechnet an einen Tag wie heute, wo das Prinzchen mit einem ganzen Rucksack voller Leckereien und liebevoll mit Sonnencrème und Zeckenspray eingeschmiert aus dem Haus geschickt wird, weis machen, sie hätte alle ihre Kinder auf ihre ganz spezielle Weise gleich lieb? Und jetzt faselt sie davon, wie sie vor zwei Wochen, als der Zoowärter Schulreise hatte, genau gleich viel eingekauft hat. Das zählt doch nicht mehr, ist längst alles verdaut und vergessen. Zum Glück schenkt das Prinzchen dem störrischen grösseren Bruder ganz ohne Zwang eine ganze Schachtel Bonbons – „Ich kann doch nicht so viele Süssigkeiten essen!“ – und damit sind auch die Zweifel an Mamas Liebe wie weggeblasen. Als Entschädigung für den Zoff bekommt Mama sogar einen grasgrünen Bonbon geschenkt, was sie natürlich sofort als zoowärterschen Liebesbeweis deutet. 

Luise überkommen plötzlich die Zweifel, ob ihre neuen Shorts in der Schule überhaupt zugelassen sind, oder ob die in die Kategorie „Hot Pants“ fallen und damit verboten sind. Mama versucht ihr weis zu machen, dass diese Shorts gar keine Hot Pants sein können, weil sie diese ja ohne Luises Wissen gekauft hat und Mama würde ihrer minderjährigen Tochter ganz bestimmt nie im Leben Hot Pants erlauben oder gar kaufen. Luise ist nicht so recht überzeugt, denn die Schule tendiert dazu, die Dinge etwas enger zu sehen als Mama, doch aus Furcht, zu spät zu kommen, beschliesst sie, ihrer antiautoritär angehauchten Mutter zu glauben, auch wenn die Schule alles andere als antiautoritär angehaucht ist. 

Das Prinzchen verhält sich für einmal ganz kooperativ, was vermutlich an oben genanntem Rucksack liegt, Karlsson sagt ohnehin seit Wochen nichts anderes mehr als „Getrocknete Bananen“ und „Weli Gluscht gha han“ und erbringt damit den eindeutigen Beweis, dass er wohlbehalten in der Pubertät angekommen ist. „Meiner“ befindet sich in seinem alljährlichen „Ich bin mit meinen Nerven am Ende und weiss nicht mehr, wo mir der Kopf steht“-Schuljahresend-Tief, was sich zum Beispiel darin äussert, dass er ohne ersichtlichen Grund von mir wissen will, wo an meinem Laptop der „Print Screen“-Knopf zu finden ist und dann nicht sagen will, weshalb er diesen Knopf ganz dringend im Morgengrauen finden muss und dann erst noch ausgerechnet in dem Moment, in dem seine Frau gerade dabei ist, die Generalreinigung der Katzenkistchen vorzunehmen und ziemlich in der Sch…. steckt. 

Himmel, lass endlich diese Sommerferien beginnen!

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