Grosser Junge, kleines Biest

Falls ihr euch heute am frühen Abend irgendwo in der Nähe unseres Hauses – etwa im Umkreis von fünf Kilometern – aufgehalten habt und ihr ein Kind ganz schrecklich habt schreien hören, dann heisst das noch lange nicht, dass ihr gleich den Kinderschutz alarmieren müsst. „Meiner“ und ich haben nämlich nur versucht, das zu tun, was verantwortungsvolle Eltern nach einem Besuch im Wald tun sollten. Wir haben unsere Kinder von Zecken befreit. Beim Prinzchen, dem Zoowärter und bei Luise ging das ganz glatt, denn die Biester hatten noch nicht gestochen, sondern waren noch auf der Suche nach dem perfekten Platz. Beim FeuerwehrRitterRömerPiraten war das mit der Befreiung hingegen nicht mehr so einfach und so kam es, dass „Meiner“ und ich – später auch noch die Grossmama – das schreiende Kind an Armen und Beinen festhalten mussten. Was zur Folge hatte, dass das Kind noch lauter schrie, wir Eltern ins Schwitzen kamen und so langsam aber sicher die Nerven verloren. 

Wie das so ist in einer Grossfamilie: Wenn einer schreit, dann schreien bald einmal alle und so dauerte es nicht lange, bis Luise sich lautstark gegen das von den Eltern verordnete Bad zu wehren begann. Das Prinzchen stand daneben und brüllte abwechslungsweise seine dem Schein nach so bösen Eltern und seinen renitenten grossen Bruder an, je nachdem, wer gerade seine Unterstützung nötig hatte. Und weil das so schön war, stimmten Karlsson und der Zoowärter in den Lärm mit ein, weil sie wegen dieser doofen Zecke auf den versprochenen Film warten mussten. Das alles klang so schrecklich nach „böse Eltern misshandeln arme Kinder“, dass ich mich ernsthaft davor zu fürchten begann, dass demnächst ein besorgter Nachbar an der Türe klingeln würde. Und hätte er uns dabei angetroffen, wie wir uns darum bemühten, unseren Dritten zu bändigen, er hätte wohl gedacht, dass er eben noch rechtzeitig gekommen sei, um Schlimmeres zu verhindern. Dabei wollten wir wirklich nur Eines: Unseren grossen Jungen so schnell als möglich von dem kleinen gefährlichen Biest befreien. Aber zuweilen kann es ganz schön hitzig werden, wenn wir unser Bestes geben, unserer elterlichen Pflicht nachzukommen.

 

Radikal

Ich weiss nicht, wie streng ihr das seht, aber meiner Meinung nach geht man noch nicht als Alkoholiker durch, wenn man sich alle paar Monate mal ein Gläschen Likör gönnt. Meiner Meinung nach müssten da schon noch ein paar Gläser mehr sein, damit man den Kindern ein schlechtes Beispiel abgibt. Zumal die Kinder der Hauptgrund sind, weshalb ich nach Jahren der Abstinenz wieder in geringen Mengen Alkohol konsumiere. Nein, nicht weil die Kinder mich dazu treiben, mein Elend im Glas zu ersäufen. Mein Entschluss, nicht vollkommen abstinent zu leben, hat einen erzieherischen Grund: Ich fürchte dass Alkohol in den Augen der Kinder umso faszinierender wird, je geheimnisvoller und verbotener die Sache ist. Wenn sie sehen, dass man auch im Mass geniessen kann, ersparen wir ihnen nicht jeden, aber doch vielleicht den einen oder anderen Suff. Und so hatte ich heute nicht die geringsten Gewissensbisse, als „Meiner“ und ich uns zum Feierabend diese wenigen Schlucke Likör gönnten.

Da sassen wir also in der seligen Gewissheit, pädagogisch sinnvoll zu geniessen, als ein gewisser junger Radikaler namens Karlsson, der eigentlich schon längst hätte schlafen müssen,  in die Küche marschiert kam, zur Flasche griff und den Inhalt kurzerhand ins Spülbecken kippte. Hat wohl etwas zu oft davon gelesen, wie der kleine Michel aus Lönneberga die Kirschweinflaschen für Frau Petrell zerschlagen hat. „Meiner“, der in die Geschichte eingegangen ist, weil er seinem Vater mal in die Bierflasche gepinkelt und sie danach wieder fest verschlossen hat, in der Hoffnung, der Papa würde es trinken, fand die Aktion seines Ältesten nicht besonders lustig. Nicht, weil er an der Flasche hängen würde, sondern einfach, weil es etwas unheimlich ist, mit einem kleinen Extremisten unter einem Dach zu leben. 

Das wäre doch was für uns

Die Ratte hat die alte Diskussion wieder angefacht: Sollen wir uns doch vielleicht ein Haustier anschaffen, jetzt, wo die Familie nicht mehr weiter wachsen wird? Man kann die Frage ja nicht ewig vor sich herschieben, vor allem, weil der FeuerwehrRitterRömerPirat heute schon droht, er werde sich dann eines Tages einfach ohne Erlaubnis eine Ratte anschaffen. Da muss man doch vorbeugend eingreifen, indem man das Bedürfnis nach einem Haustier stillt, bevor es ungesunde Züge annimmt. Und so zermarterte ich mir einige Tage lang das Gehirn, was wohl zu tun sei. Gestern dann, als ich zum zehnten Mal in diesem Frühjahr meine Zuckermelonen-Setzlinge, die Nachbars Katze jeweils über Nacht ausgräbt, wieder in die Erde pflanzte, dämmerte mir, was uns fehlt: Eine Katze, die sich voller Selbstbewusstsein unseren Garten zum Revier erklärt und alle anderen Katzen von meinen Setzlingen fern hält. Eine stubenreine Katze natürlich, eine, die sich zu fein ist, um ihr Geschäft im Garten zu verrichten, denn sonst wird das Leben für meine Setzlinge nicht sicherer. 

Das mit der Katze, so überlegte ich, hätte ja den zusätzlichen Vorteil, dass sich die Ratte bei uns nicht mehr so wohl fühlen würde. Habe ich doch neulich gelesen, dass schon der Geruch von gebrauchtem Katzensand genügt, um eine Ratte zu vertreiben. Und so fiel der Entschluss: Vendittis brauchen eine Katze. Natürlich konnte ich die Sache nicht lange für mich behalten und deswegen war schon bald einmal klar, dass Vendittis nicht nur eine Katze haben werden, sondern mindestens zwei. Denn die kleinen Vendittis können sich nicht entscheiden, ob es eine Katze oder ein Kater sein soll. Erstaunlicherweise schien nicht mal „Meiner“ der Sache abgeneigt zu sein, zumindest brachte er nicht allzu viele Einwände, und so brüteten Luise und ich schon bald einmal über der neuesten Ausgabe der „Tierwelt“, um herauszufinden, ob da vielleicht jemand bereit wäre, uns zwei Kätzchen abzugeben. 

Es ist ja wohl kaum verwunderlich, dass es da ein paar ganz interessante Inserate gab. Immerhin haben wir Mai und da wollen bekanntlich alle ihre überzähligen Kätzchen loswerden. Luise hätte schon fast zum Telefon gegriffen, um sich zwei Tierchen zu sichern, doch da meldete sich „Meiner“ dann doch noch zu Worte. Wir hätten viel zu viel Chaos im Haus, es würde sich ja doch keiner um die Tiere kümmern, Katzen zu halten sei ein teurer Spass, den wir uns nicht leisten könnten, die ganze altbekannte Spielverderber-Leier. 

Nun gut, dann müssen wir ihn eben noch ein wenig bearbeiten, ihm noch ein paar kitschige Kätzchenbilder unter die Nase halten, ihm ein paar Statistiken aufbereiten, die belegen, dass Katzenhalter eine weitaus höhere Lebenserwartung haben als Nicht-Katzenhalter. Und wo wir schon dabei sind, ihn zu bearbeiten, können wir ihm ja gleich noch in den Ohren liegen, dass wir jetzt endlich diese umweltunfreundliche Kapselkaffeemaschine – nein, nicht die von George Clooney, so tief sind wir dann doch nicht gesunken – loswerden müssen. Die ist mir nämlich auch schon lange ein Dorn im Auge, aber „Meiner“ findet, ein funktionierendes Gerät loszuwerden sei weder umwelt- noch budgetfreundlich.

Mal sehen, wie wir ihn rumkriegen können. Vielleicht finden wir ja jemanden, der uns gerne zwei überzählige Kätzchen andrehen will, aber nur, wenn wir ihm im Gegenzug einen anständigen Kaffee anbieten…

Heldenhaft

Die heutigen Männer bekommen ja nur noch sehr selten die Gelegenheit, ihren Heldenmut zu beweisen. Umso grösser ist dann die Bewunderung, wenn sie sich mal wieder mit ganze Kraft für das Wohl ihrer Familie einsetzen können. „Meiner“ hatte heute eine solche Sternstunde: Ein paar Versuche mit verschiedenen Schlüsseln, ein wenig Nachdenken und zum Schluss noch einige Hammerschläge und schon waren Kakao, lactosefreie Milch, Honig & Co. wieder frei.Was ich in zwei Stunden Würgen und Hantieren nicht zustande gebracht hatte, schaffte er innerhalb von fünf Minuten. Dann durfte er mit stolzgeschwellter Brust verkünden, dass die Vorratskammer wieder zugänglich ist und die Familie lag ihm zu Füssen. So einfach ist es, den Heldenstatus zu erlangen.

Zumindest in einer Familie, in der alle so leidenschaftlich gerne essen, dass eine verschlossene Vorratskammer Auslöser eines gigantischen Familienkrachs sein kann.

Arrangiert

Da waren wir neulich wieder  mal in jenem unsäglichen Parkhaus, in dem es weder Lift  noch Rampe gibt. Einfach nur enge, steile Treppen. Diesmal waren wir ohne Kinderwagen unterwegs und vielleicht  erinnerte ich mich gerade deswegen besonders lebhaft an die unzähligen Male, die ich mich – meist hochschwanger- diese Treppe hochgekämpft hatte, krampfhaft darum bemüht, den Kinderwagen nicht fallen zu  lassen, schwitzend und schimpfend über das Land, das für alles Geld hat, nur nicht für kinderwagen- und rolsstuhlgängiges Bauen.

Wie  wir so völlig problemlos die Treppe hochgingen, erinnerte ich mich an das böse Erwachen, das ich hatte, als ich  Mutter wurde. Wenn man Eltern wird, macht man sich ja auf alle möglichen Unannehmlichkeiten gefasst, bloss nicht auf die Stolpersteine des Alltags: Die steilen Stufen und die zu engen Durchgänge im Zug, Fussgängerampeln, die so schnell wieder auf rot wechseln, dass ein Kleinkind keine Chance hat, die  Strasse während einer einzigen Grünphase zu überqueren, Warenhäuser, deren Türen so schwer sind, dass Mama oder Papa es kaum schaffen, mit Kinderwagen und Kleinkind lebend in den Laden zu gelangen.

Als neugeborene Mutter ärgerte ich mich masslos über all die kleinen und grossen Hindernisse, die man kleinen Menschen und ihren Eltern so achtlos in den Weg stellt. Und weil ich als neugeborene Mutter gleichzeitig zur arbeitslosen Journalistin wurde, schwor ich mir, so lange auf die kleinen und grossen Missstände aufmerksam zu machen, bis sich etwas ändern würde in unserem ach so kinderfreundlichen Land. Ich würde Beschwerdenbriefe schreiben, Leserbriefe, ich würde mit meiner ganzen Kinderschar antraben, wenn ich etwas zu bemängeln hatte, ich würde wenn nötig auch Unterschriften sammeln. Ich hatte ja jetzt die Zeit dazu und ausserdem keinen Arbeitgeber mehr, der mir vorschreiben konnte, was ich schreiben durfte und was nicht.

Sah ich mich damals noch als Kämpferin, muss ich heute gestehen, dass nicht viel von meinem Eifer übrig geblieben ist. Gut, ich schrieb die eine oder andere Kolumne zum Thema, habe auch hin und wieder mal in meinem Blog auf das eine oder andere Problem hingewiesen. Aber wie ich so diese unsägliche Treppe im Parkhaus erklomm und an meinen Eifer von damals dachte, dämmerte mir, dass ich im Laufe der Jahre getan habe, was ich nie hätte tun wollen: Ich habe mich arrangiert mit der Situation. Zähneknirschend zwar und hin und wieder auch laut schimpfend, aber im Grossen und Ganzen habe ich mich mit all dem Mist abgefunden.

Für meine Nerven ist das vielleicht ganz gut so und für die Nerven meiner Mitmenschen auch. Aber wenn wir Eltern uns immer mit allem abfinden, dann müssen wir uns nicht wundern, wenn noch unsere Kinder sich  damit abmühen werden, schimpfend und schwitzend den Kinderwagen steile, enge Treppen hochzuschleppen.

Sei doch nicht so eingeschnappt

Es war einmal ein Junge. Der einzige Sohn einer sehr überbehütenden Italienischen Mama, die nur das Allerbeste für ihren Sohn wollte. Als echte Italienische Mama wusste sie natürlich ganz genau, wie das Allerbeste für ihren Sohn auszusehen hatte: Kommoden, die bis obenhin vollgestopft waren mit Schlafanzügen und Unterwäsche, die noch in der Verpackung war und die auch in der Verpackung bleiben musste bis zu dem Tag, an dem der Sohn vielleicht einmal notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Regale, die sich bogen unter der Last von sündhaft teuren Pfannen, Kristallgläsern, Tischtüchern, Satinbettwäsche und Besteckgarnituren. Alles bereit für den Tag, an dem der einzige Sohn eine gross gewachsene, häusliche Italienerin zum Traualtar führen würde. Schubladen, die sich kaum öffnen liessen, weil darin mehr Süssigkeiten lagen, als der Junge je alleine hätte essen können. Ja, die Mama gab wirklich alles für ihr Kind.

Aber war der Sohn etwa dankbar für die Grosszügigkeit seiner Mama? Im Gegenteil. Anstatt seiner Mama freudig um den Hals zu fallen, als sie ihm zum fünfzehnten Geburtstag die Pfannen für seinen zukünftigen Haushalt schenkte, hatte er nur Spott und Hohn übrig für das sündhaft teure Geschenk. Wenn sie jeweils die zu klein gewordenen Schlafanzüge und die Unterwäsche, die noch in der Verpackung war, aussortierte, weil der medizinische Notfall nicht eingetreten war, lachte  er seine Mama aus und meinte, sie hätte das Geld besser für etwas anderes ausgegeben. Zum Eclat kam es, als der Sohn zwanzig wurde: Die Mama wollte ihm auf Biegen und Brechen eine Rado-Uhr schenken, der Sohn wollte davon nichts wissen und verlangte stattdessen eine Staffelei. Also bekam der Sohn nichts. Geschah ihm ganz recht, wo er doch einfach nicht einsehen  wollte, dass eine Italienische Mama immer Recht hat. Natürlich war die Mama zutiefst beleidigt, dass ihr Sohn nicht sehen wollte, was das Allerbeste für ihn war.

Heute, viele Jahre später, ist aus dem Jungen ein Papa geworden. Kein Papa eines Einzelkindes, Gott bewahre! So etwas wollte er seinen Kindern nie antun und deswegen zeugte er gleich deren fünf. Und weil der Sohn auch sonst nicht viel von den Werten seiner Mama hielt, zeugte er diese Kinder nicht mit einer gross gewachsenen, häuslichen Italienerin, sondern mit einer klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerin. Radikaler kann man sich wohl nicht von seiner Herkunft lossagen und man weiss nicht, ob die Mama diesen Bruch mit dem, was ihm seine Eltern mitgegeben haben, je ganz verzeihen wird.

Nun, ganz gebrochen hat er ja nicht mit seiner Herkunft, der Sohn. Eines hat er beibehalten: Er will das Beste für seine Kinder. Das Beste, das heisst bei ihm viel Liebe, miteinander reden, miteinander die Welt entdecken, Bilder für die Kinder malen, sie ermutigen  – und ihnen hin und wieder einen neuen Pyjama kaufen, wenn gerade etwas im Angebot ist. Man kann ja nie wissen, ob die Kinder nicht demnächst aus der Nachtwäsche herauswachsen werden und dann ist man doch froh, wenn man schon etwas Neues zur Hand hat.

Nun hat dieser Papa einen ältesten Sohn, der sehr stark nach seiner klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerischen Mama geraten ist. Das drückt sich in vielerlei Hinsicht aus, unter anderem auch darin, dass der Sohn keinen Laden so sehr verabscheut wie Aldi. Und ausgerechnet in diesem verabscheuungswürdigen Laden musste der Papa, der ohne es zu wollen einen Charakterzug seiner Mama geerbt hat, heute einen neuen Schlafanzug für seinen Ältesten kaufen. Immerhin hatte er genügend Feingefühl, seinem Sohn zu verschweigen, woher das schöne Stück kam und so schlüpfte der Sohn schnell in den neuen Anzug. Ebenso schnell schlüpfte er wieder raus, nachdem ihm seine Schwester verraten hatte, woher das Ding kam. „Ich trage nichts von Aldi“, verkündete der Sohn trotzig und bot seinem Papa an, er würde ihm den vollen Kaufpreis zurückerstatten, auch wenn er eigentlich sein Geld für die Sommerferien in Prag sparen wolle. Lieber weniger Taschengeld, als etwas aus einen Laden besitzen, in den man keinen Fuss setzen würde.

Und wie reagierte der Papa auf die Rebellion seines Sohnes? Na, wie wohl? Eingeschnappt natürlich. So, wie man das eben macht, wenn das Kind nicht respektieren will, dass der Papa, auch wenn er nicht mehr sonderlich Italienisch ist, dennoch hin und wieder das Gefühl hat, das Beste für sein Kind sei ein neuer Schlafanzug.

Wir elenden Lügner, wir!

Jawohl, unehrlich sind wir, wir angeblich so glücklichen Eltern. Posaunen in die Welt hinaus, wie glücklich wir darüber sind, Kinder zu haben, ja, mehr Kinder zu haben als es dem westeuropäischen Durchschnitt entspricht. Behaupten, wir könnten uns ein Leben ohne Kinder nicht vorstellen. Wagen dann auch noch anzufügen, dass unser Leben durch unsere Kinder bereichert sei, dass wir all die Mühen, die sie mit sich bringen, gerne auf uns nehmen, weil wir so viel zurückbekommen. Und dann gibt es noch solch widerliche Zeitgenossen wie „Meinen“ und mich, die allen Ernstes behaupten, sie würden einander noch immer lieben, trotz der vielen Kinder.

Ja, solche Lügen verbreiten wir und locken damit andere in die gleiche Falle, in der wir selber feststecken. Habe ich heute in einem Leserbrief in der „NZZ am Sonntag“ gelesen. „Es gäbe mehr kinderlose Paare, wenn Eltern ehrlich wären“, schreibt da ein gewisser Martin Novotny aus Sevelen. Man müsste die Paare davor warnen, Kinder zu bekommen, anstatt „falsches Glück und Zufriedenheit hinauszuposaunen“. Aber zum Glück gibt es einen Herrn Novotny, der endlich einmal sagt, was Sache ist: Jahre der Schlaflosigkeit, behinderte oder kranke Kinder, Verlust der eigenen Identität und Degeneration der romantischen Partnerschaft zur Zweckgemeinschaft. So schwarz sieht er, der Herr Novotny.

Eigentlich möchte ich ihm widersprechen, dem Herrn Novotny. Möchte ihm sagen, dass die Jahre der Schlaflosigkeit aufgewogen werden durch fünf einzigartige Geschöpfe, die ich beim Grosswerden begleiten darf. Geschöpfe, die ich nicht kennen würde, hätte ich ihnen nicht das Leben geschenkt. Ich möchte ihm auch sagen, dass Eltern behinderter und kranker Kinder diese ebenso lieben, wie ich meine gesunden Kinder liebe, ja, vielleicht sogar noch mehr. Dass ein behindertes oder krankes Kind nicht weniger Wert ist als ein gesundes. Ich möchte ihm sagen, dass ich mich selber erst richtig gefunden habe, nachdem ich nicht mehr alle Zeit der Welt hatte, mich selber zu suchen. Dass ich herausfinden musste, welches meine echten Wünsche und Bedürfnisse sind, weil ich keine Zeit mehr hatte, meine kostbare freie Zeit mit Dingen zu vertrödeln, die mir nicht voll und ganz entsprechen. Ich möchte ihm auch sagen, dass „Meiner“ und ich die Romantik erst dann richtig schätzen gelernt haben, als sie nicht mehr jederzeit verfügbar war. Dass wir Facetten im anderen kennen gelernt haben, die wir nicht kennen würden, wären wir bloss Mann und Frau, und nicht auch noch Vater und Mutter.

Mit alldem möchte ich dem Herrn Novotny widersprechen. Aber er lässt mich nicht. Denn, so schreibt er,  „wer widerspricht, ist entweder kinderlos oder unehrlich“. Und ich habe mich immer für einen ehrlichen Menschen gehalten…

Auf zur zweiten Runde!

Noro ist zurück. Oder war er etwa noch gar nicht weg? Auch egal. Nicht egal ist aber, dass der Zoowärter sein Abendessen wieder von sich gegeben hat, obschon er Erbrechen doch „schteigruusig“ findet. Aber mich geht das ja eigentlich wenig an. Seitdem sich „Meiner“ damit brüstet, die einzig wahre Technik zum Aufwischen von Erbrochenem entwickelt zu haben, kümmere ich mich nur noch ums Trösten der Kinder. Und nein, ihr könnt „Meinen“ nicht ausleihen, damit er das Erbrochene eurer Kinder auch beseitigt. Bei uns zu Hause gibt’s genug aufzuwischen.

Wehrt euch, Papas!

Da wage ich zu erwähnen, dass Papas sogleich Hilfe angeboten bekommen, kaum zeichnet sich ab, dass Mama mal ein paar Stunden ausser Hause ist. Und was bekomme ich zu hören von allen Frauen im Umkreis von 1000 Kilometern? Zig Geschichten von Schwägerinnen, Tanten, ledigen Arbeitskolleginnen und dergleichen, die über Jahre hinweg ungerührt dabei zugesehen haben, wie Mama am Anschlag läuft und die dann, wenn Papa den Laden mal alleine schmeissen sollte, jede erdenkliche Hilfe anbieten: Zoobesuche, Essen vorkochen, Kinder zum Übernachten einladen und  dergleichen. Ja, man munkelt gar von (Schwieger)müttern, die ihrem (Schwieger)sohn sofort zu Hilfe eilen,  damit er nicht alleine Windeln wechseln, Mittagessen kochen, Böden fegen und – Gott bewahre! – Erborchenes aufputzen muss, während sie bei der (Schwieger)tochter das alles ganz normal fanden und ihr höchstens ein paar doofe Ratschläge um die Ohren hauten, wenn sie mal wieder erin wenig jammern wollte. Sonderbarerweise habe ich noch nie von einem Mann gehört, der es für nötig gehalten hätte, einem vorübergehenden Single-Papa unter die Arme zu greifen…

Wäre ich ein Papa, ich wäre zutiefst beleidigt, dass man mich für unfähig hält, mein  eigenes Fleisch und Blut liebevoll zu umsorgen. Deshalb würde ich mutig hinstehen und sämtliche Hilfsangebote ablehnen, um zu beweisen, dass ich sehr wohl im Stande bin, den Job ebenso gut zu machen wie Mama. Und natürlich würde ich den Helferinnen sagen, sie seien herzlich willkommen, mitzuhelfen. Später dann. Wenn Mama wieder zurück ist…