Und plötzlich steckst du mittendrin

Ein gesellschaftlicher Missstand, der dich seit Jahren beschäftigt, ein paar tiefschürfende Gespräche mit Menschen, die sich ähnliche Gedanken machen wie du, ein paar gute Ideen und ein paar Einblicke ins Leben von Menschen, die es nicht so gut haben wie du. Das ist alles, was es braucht, um das Karussell deiner Gedanken in Gang zu setzen. Dann noch eine Sitzung, an der klar wird, dass aus den Träumen und Ideen ein handfestes Projekt werden könnte und schon steckst du mittendrin. Zerbrichst dir den Kopf, wie man die Sache angehen könnte, suchst nach geeigneten Leuten, die dir dabei helfen könnten, die Idee voranzutreiben, entwirfst erste Grobkonzepte.

Bald schon beginnt das Telefon permanent zu klingeln. Die Leute haben Fragen, weitere Ideen, Wünsche. Zwei, dreimal täglich hängst du am Draht wegen der Sache und dabei hast du offiziell noch gar nicht angefangen mit der Arbeit. In den Gesprächen wird dir klar, dass du da noch einige Wissenslücken hast, dass du dir Grundlagen erarbeiten musst, wenn du das Projekt voranbringen willst. Dass du ein paar Kniffe kennen musst, wenn das Ding nicht zum Vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll. Und schon hast du dich für einen zwölfmonatigen Fernkurs eingeschrieben und überlegst dir gar, ob du die freien Tage im Ländli zum Lernen einsetzen sollst.

Die Sache macht dir unglaublich viel Spass. Endlich mal etwas anderes als Abfallsäcke die Treppe runter schleppen und volle Einkaufstaschen wieder hoch schleppen. Endlich mal etwas, was zumindest einen Hauch von Professionalität in dein sonst so chaotisches Leben bringt. Das alles gibt dir so viel Auftrieb, dass dir nicht bewusst wird, dass die gute Sache einen kleinen, aber bedeutenden Haken hat, dass du dabei bist, etwas zu tun, was du nie mehr hattest tun wollen. Erst als dir „Deiner“ in den Hintern tritt, Freundinnen und Freunde dir ins Gewissen reden, dein Kontostand dich zum Grübeln bringt, wird dir bewusst, was da falsch ist: Du arbeitest mal wieder gratis. Für deinen Job als Familienfrau wirst du ja auch nicht entschädigt und was hast du denn schon vorzuweisen, was sich mit Geld aufwiegen liesse? Als ob die Kinder vom Idealismus der Mama satt würden. Als ob sich die Bankzinsen mit der Befriedigung, die du aus der Arbeit ziehst, abzahlen liessen. Als ob du die Frühlingsschuhe für die Familie mit deiner Begeisterung bezahlen könntest.

Ach, du dumme Mama!

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