Mein Muttertag

So ein Velo ist einfach eine grossartige Sache: Die Bäckerei, die vorher zu weit für einen Fussmarsch aber zu nahe für eine Autofahrt war, liegt jetzt in perfekter Distanz. Der Park, der so schön, aber leider auch so fern ist, wenn man mit zwei Kleinkindern mal kurz dorthin gehen will, ist jetzt in wenigen Minuten erreicht. Die Fahrt in die Migros, um schnell etwas zu besorgen, was man vergessen hat, muss nun nicht mehr weit im Voraus geplant werden, weil man ganz bestimmt wieder zurück ist, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen. Ja, mein Leben ist definitiv einfacher geworden, seitdem ich wieder zweirädrig unterwegs sein kann.

Doch wie immer, wenn Mama Venditti einen neuen Spleen hat, neigt sie zu Übermut. Dann will sie beweisen, wie eigenständig, stark und frei sie ist und so war es absehbar, dass ich mir heute Morgen das Velo samt Anhänger schnappen würde, um mit dem Prinzchen und dem Zoowärter zur Kirche zu fahren, während der Rest der Familie das Auto nahm. Ist ja ein Klacks, schlappe viereinhalb Kilometer und alles mehr oder weniger geradeaus. Wäre ja gelacht, wenn ich das nicht schaffen würde. Immerhin bin ich früher täglich mit dem Fahrrad von A nach B gefahren. Was ich bei solchen Unternehmungen leider jeweils vergesse: Ich bin in den letzten Jahren nicht jünger geworden. Was eine Siebzehnjährige, die drei Stunden pro Woche Sport machen muss, mit Leichtigkeit schafft, ist für eine Fünfunddreissigjährige mit ein paar Kilos zu viel auf den Rippen nicht mehr ganz so einfach. Und einen Anhänger mit zwei lebhaften Kleinkindern zieht eine Siebzehnjährige auch eher selten durch die Gegend, eine Fünfunddreissigjährige aber eher oft.

Und so kam es, dass ich mich am frühen Muttertagmorgen abstrampelte und mich darüber wunderte, wie viele heimtückische Steigungen die ach so gerade Strasse aufweist, wenn man sie mit eigener Kraft zu bewältigen versucht. Im Auto waren mir diese noch gar nie aufgefallen. Für den besonderen Kick sorgte der Zoowärter, als er mich mitten auf dem Weg fragte: „Mama, kann man diese Schere zum Haareschneiden brauchen?“ Schere? Was für eine Schere? Und Haareschneiden? Doch nicht etwa die blonden Engelslocken des Prinzchens! Ja, Mama Venditti war mal wieder unterwegs, mit Kind, Handtasche und Schere. Es frage mich keiner, wie diese Schere in den Anhänger gekommen ist. Ich weiss von nichts.

Nun, irgendwie haben wir es in die Kirche geschafft und ich habe sogar fast die ganze Predigt mitbekommen, obschon ich mir die ganze Zeit über den Kopf zerbrach, wo ein weniger anstrengender Heimweg durchführen könnte. Ich fand einen, einen wunderbar romantischen der Aare entlang. Und es wäre wirklich alles bestens gegangen, hätte nicht „Meiner“ flugs das Prinzchen gegen den FeuerwehrRitterRömerPiraten ausgetauscht. Nun ist der FeuerwehrRitterRömerPirat zwar spindeldürr, aber dennoch um einiges schwerer als sein jüngster Bruder. Und so kam es, dass ich den Heimweg zwar ohne Steigungen, dafür aber mit einem unglaublich schweren Anhänger, der durch die ewigen Rangeleien zwischen dem Zoowärter und dem FeuerwehrRitterRömerPiraten nicht leichter wurde, unter die Räder nahm. Aber was tut Mama Venditti, wenn sie überfordert ist? Sie sorgt ganz beiläufig und ohne Absicht dafür, dass die Kette rausfällt und weil gerade Muttertag ist, spielt sie das hilflose Weibchen und ruft „Ihren“ an, um ihn anzuflehen, doch bittebittebitte die beiden Jungen mit dem Auto zu holen, weil sie unmöglich mit diesem schweren Anhänger zu Fuss nach Hause gehen kann. Ja, und dann kam „Meiner“ in seinem glänzenden hellblauen Auto angeritten, packte die Jungs auf den Hintersitz und machte das Velo wieder fahrtüchtig.

Manchmal muss ich dem lieben Mann doch einfach die Gelegenheit bieten, den heldenhaften Ritter zu spielen….

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