Sanktionen und dergleichen

Nachvollziehen kann ich es schon, dass das Handy im Schulsack bleiben musste, als die Lehrerin für eine Lektion weg musste und die Schüler alleine liess. Hätte ja wirklich einer ein gemeines Bild schiessen und es mit einem fiesen Kommentar versehen der Öffentlichkeit zugänglich machen können. Dass Karlsson einen Rüffel kassiert, wenn er trotz dieser Regel das Handy zückt und ein Bild von sich selber schiesst, ist also wenig verwunderlich und in meinen Augen auch okay. Von mir aus können sie auch eine „Konsequenz“ androhen – gestraft wird heutzutage ja nicht mehr -, aber weshalb wir Eltern über die Sache in Kenntnis gesetzt werden müssen, nachdem Karlsson sein „Vergehen“ unumwunden gestanden hat, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen.

Um verstehen zu können, weshalb ich diese Haltung der Schule nicht verstehen kann, muss man das Rad der Zeit um gut sechsundzwanzig Jahre zurückdrehen. Damals war ich in Karlssons Alter und wie es sich für ein Teenager gehört, war mein fader Schulalltag gewürzt mit der einen oder anderen Episode. Da war zum Beispiel die peinliche Prügelei mit einer Klassenkameradin, die uns beide ziemlich doof aussehen liess. Oder der misslungene Versuch, einem Banknachbarn bei der Geographieprüfung zu helfen, der damit endete, dass wir beide unabhängig  voneinander gestanden, ich hätte bei ihm abschreiben wollen, weshalb ich meine Prüfung in einem anderen Zimmer fertig schreiben musste und eine schlechte Note bekam. Oder die Geschichtslektion, in der ein paar Klassenkameraden dem allseits verhassten Lehrer einen Glarner Ziger unter dem Pult versteckten und wir alle uns eine Stunde lang köstlich darüber amüsierten, wie der Mann verzweifelt und erfolglos versuchte, die Quelle des Gestanks ausfindig zu machen. Oder der Tag, an dem ich im Schulhausflur zu einer Freundin sagte, Lehrer B. sei ein Arschloch und dann mit Schrecken feststellen musste, dass er direkt hinter mir stand. Oder die Ballerinas, die mir der Lehrer am Ende der Lektion aus dem obersten Schrankfach angeln musste, weil die Jungs sie dort oben versteckt und sich aus dem Staub gemacht hatten. Oder die grossen Pausen, die wir verbotenerweise im Einkaufszentrum anstatt auf dem Pausenhof verbrachten. Oder die verbotenen Besuche im Zimmer der Jungs im Klassenlager. Oder die Sache mit dem Fahrradkeller… na ja, lassen wir das lieber… Oder später das Tastaturschreiben, das ich regelmässig schwänzte, um „Meinen“ näher kennen zu lernen.

Kein besonders dickes Sündenregister für die damalige Zeit, ich weiss, aber das ist jetzt nicht entscheidend. Entscheidend ist, dass die Dinge, die in meinem und im Sündenregister meiner Schulkameraden aufgeführt waren, eine Sache zwischen Lehrern und Schülern waren. Solange es sich um Bagatellen handelte, war es an uns, die Eltern zu informieren oder eben nicht, wenn man wusste, dass schweigen klüger war. Erst wenn eine gravierende Sache vorgefallen war – zum Beispiel, wenn eine Aushilfe fertig gemacht wurde -, gab es einen Brief an die Eltern und natürlich auch eine Strafe. Wie diese jeweils ausfiel, weiss ich nicht, ich war nie betroffen. Auf alle Fälle wurden diese Mittel sparsam angewendet, weshalb sie von Schülern (etwas weniger) und Eltern (etwas mehr) ernst genommen wurden.

Genau an diesem Punkt krankt das heutige System: Wie sollen wir das alles noch ernst nehmen können, wenn bei jedem Mückenschiss die Eltern informiert werden? Wie sollen die Schüler noch erkennen, was zu weit geht, wenn eingeschritten wird, ehe sie nur schon auf die Idee gekommen sind, wirklich Mist zu bauen? Welche Mittel hat man noch zur Verfügung, wenn Einschreiten dringend nötig wäre, wo man doch die ganzen Sanktionen schon zur Ahndung kleiner Misstritte verbraucht hat?

Obendrein stellt sich natürlich die Frage, ob der ganze Zettelkrieg nicht einfach davon ablenken soll, dass man bei echten Problemfällen noch gleich hilflos dasteht wie das bei unseren Lehrern schon der Fall war.

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2 Kommentare zu “Sanktionen und dergleichen

  1. Leider ist die Erfahrung, die ich aus der bisherigen (und noch weitergehenden) Schulzeit meiner Kinder an einer öffentlichen Schule ziehen muss die, dass die meisten Lehrer gerne aus einer Mücke einen Elephanten machen, um dann bei wirklich gravierenden Dingen, die mit Aufwand verbunden wären, bequem in die andere Richtung schauen zu können.

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