Ticken

Wie würden wir denn eigentlich ticken, wären wir nicht andauernd dem Ticken der Uhr unterworfen? Wenn wir dem Minutenzeiger nicht immer schon ein, zwei, drei Schritte hinterher wären? Wenn Sekunden keine Rolle spielten? Wenn die Stunden des Tages nicht angefüllt wären mit Dingen, die wir uns nicht selbst aufgetragen haben? 

Solche Fragen drehen manchmal in meinem Kopf, wenn wir einander zu Hause vor lauter Alltag nur noch auf die Nerven fallen. Wenn wir die Kinder und die Kinder uns anmotzen. Wenn freundliche Worte Mangelware werden. Wenn es so aussieht, als wären wir zu einer Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen.

„Sind wir wirklich so?“, fragen wir einander dann manchmal.

Auch hier tickt die Uhr. Nicht schneller und nicht langsamer als sonst, aber irgendwie freier. Wie, schon sechs Uhr abends? Was soll’s? Wir müssen ja heute nichts mehr. Kein Druck, kein Drängeln, kein „Mach jetzt endlich vorwärts, sonst…“ Viel Zeit, um zu sehen, wie wir ticken, wenn das Ticken der Uhr keine Rolle spielt. 

Ganz klar: Wir ticken anders. Nicht perfekt, beileibe nicht. Nicht ohne Streit, ungeduldige Worte und genervte Seufzer. Aber mit neuer Nähe. Besserem Verständnis. Mehr Liebe für Eigenarten. Einem geschärften Blick für Fähigkeiten. Mehr Musse zum Fragen, zum Antworten, zum Nachhaken.

Daraus die beruhigende Gewissheit: Wir sind nicht zu der Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen. Wir sind einfach eine Familie. 

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

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2 Kommentare zu “Ticken

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