Verhinderte Sternstunde

Es hätte eine Sternstunde werden sollen. Einer jener heiligen Momente, wenn sich ein Musikinstrument das zu ihm passende Kind aussucht. Wie lange hatten wir uns darauf gefreut, das Prinzchen und ich. Bei ihm würde das noch wunderbarer werden als bei allen anderen, dachte ich. Er, der sich schon früh vom guten alten Johann Sebastian in den Schlaf hat wiegen lassen. Er, der eigentlich immer singt und sich schon als Zweijähriger in der Prager Metro so laut und melodiös in den Schlaf sang, dass sich alle Welt nach ihm umdrehte – vermutlich vor allem, weil der Gesang in den hallenden Gängen so klang, als sei da einer sturzbetrunken unterwegs. Er, der mit Feuereifer in die Klaviertasten greift. Er, der seit Jahren darauf hinfiebert, endlich auch ein Instrument zu lernen. Wunderbar würde das werden mit ihm bei der Instrumentenvorführung der Musikschule.

Dass es nicht ganz so wunderbar wie erwartet werden würde, zeichnete sich bereits Mitte Woche ab. Ein fieser Käfer streckte unseren Jüngsten nieder, weil er sich aber den Morgen mit den Musikinstrumenten auf gar keinen Fall entgehen lassen wollte, kam er gestern früh blass und mit zitternden Knien aus dem Bett gekrochen. In der Schule dann die grosse Enttäuschung: „Haben die nicht mehr Instrumente hier? Ich hab‘ gemeint, die hätten auch Alphorn, Tuba und Harfe“, meinte er traurig. (Später stellte sich dann heraus, dass er das mit Alphorn & Co. nur geträumt hatte, aber offenbar ausgesprochen lebhaft.) Gerade berauschend ist die Auswahl bei uns tatsächlich nicht, aber einem der Instrumente würde es bestimmt gelingen, Prinzchens Herz zu erobern, dachte ich. 

Aber der Junge war wahrlich nicht sonderlich in Stimmung, sich bezirzen und erobern zu lassen. Lustlos klimperte er am Klavier seine an Beethovens „Ode an die Freude“ angelehnte Eigenkreation, die er gewöhnlich mit viel Schwung in die Tasten haut, traurig entlockte er der Geige ein paar zittrige Töne, dann wollte er gar nichts mehr. Nur noch die Blockflöte hören, kurz bei der Klarinette vorbeischauen und dann trübselig hinter mir her trotten, weil ich unbedingt noch Zoowärters künftige Cellolehrerin kennen lernen wollte und noch schnell von der Klavierlehrerin in Erfahrung bringen musste, mit welcher Methode sie die Anfänger an die Musiknoten heranführt.

Peinlich war mir das, denn ich wusste genau, wie wir beiden aussahen, nämlich wie die übereifrige Mutter, die ihr unwilliges Kind zum Musikunterricht zwingen will, weil sie der festen Überzeugung ist, einem zukünftigen Weltstar das Leben geschenkt zu haben. Dass der Klarinettenlehrer glaubte, mir erklären zu müssen, nicht jedes Kind sei zum Musiker geboren, machte die Sache nicht besser. Im Gegenteil, ich liess mich dazu verleiten, ihm zu erklären, unser Jüngster liebe Musik über alles und bestätigte damit alles, was er schon gedacht hatte, als ich mit dem gelangweilten, hohlwangigen Prinzchen im Schlepptau ins Zimmer getreten war. 

Nun, irgendwann hatten wir alles gesehen, was unser Sohn an diesem Morgen zu sehen bereit war und um mich nicht länger dem Verdacht auszusetzen, ich wolle ihn zu etwas zwingen, was er nicht will, machten wir uns auf den Heimweg, ohne den magischen Moment, wenn Kind und Instrument sich finden, erlebt zu haben. „Was möchtest du denn nun lernen?“, fragte ich, als wir im Auto sassen. „Blockflöte“, antwortete das Prinzchen. „Und später vielleicht Klarinette.“

Blockflöte? Ausgerechnet das Prinzchen, der so liebend gerne mit viel Pedal und Getöse Klavier spielt? Jawohl, Blockflöte. Bei diesem Wunsch ist er bis heute geblieben, auch wenn er heute wieder fast ganz gesund und munter ist. Und weil er inzwischen erfahren hat, dass ich mich selber zehn Jahre lang mit dem Instrument abgemüht habe, liegt er mir jetzt bewundernd zu Füssen, wenn ich mit Mühe und Not ein fehlerfreies „Die Blümelein sie schlafen“ zustande bringe. 

Vielleicht sollten wir zusammen Unterricht nehmen. 

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