Die können ja, wenn sie wollen

Prinzchen hat heute mit meiner Hilfe seine erste Wähe gebacken. Ein kleines Ding, gerade mal gross genug, um einen kleinen Kindermagen zwischendurch ruhig zu stellen. Natürlich gab es für alle zusammen noch eine Grosse. Wo kämen wir denn hin, wenn einer alleine den ganzen Genuss hätte? Oder jeder nur einen winzigen Bissen abbekäme? Die Grosse war im Nu weggeputzt, einzig Prinzchens Küchlein lag noch auf dem Tisch, als sich beim Zoowärter der Wunsch nach mehr Wähe regte.

Zoowärter beinahe schüchtern zum Prinzchen: „Gibst du mir einen Bissen von deiner Wähe ab?“
Prinzchen: „Nicht jetzt.“
Zoowärter, leicht eingeschnappt: „Hab ja nur gefragt…“
Prinzchen, fällt ihm ins Wort: „Nicht jetzt, habe ich gesagt. Aber wenn ich wieder hochkomme, darfst du sie haben.“
Zoowärter, verwundert: „Die ganze Wähe?“
Prinzchen: „Ja, die Ganze. Aber erst gehe ich jetzt noch ein wenig zu Grossmama. Ach was, iss sie doch jetzt…“

Eine Stunde später, das Prinzchen ist wieder da und die Wähe schon längst in Zoowärters Bauch.
Prinzchen: „Wo ist meine Wähe?“
Zoowärter schaut schuldbewusst zu Boden: „Die habe ich gegessen.“
Prinzchen: „Die Ganze?“
Zoowärter, beschämt aber auch leicht irritiert: „Du hast es doch gesagt…da habe ich eben gedacht…“
Prinzchen: „Kein Problem. Ich habe doch nur gefragt.“

Zum Glück war die Sache damit erledigt. Wenn das Prinzchen den Zoowärter auch noch gefragt hätte, ob ihm die Wähe geschmeckt hat, hätte ich es mit der Angst zu tun bekommen. Ich meine, das geht doch nicht, die Dinge so ganz ohne Tobsuchtanfälle und elterliche Intervention zu regeln.

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Einfach unersättlich, diese Majestäten

Okay, ich weiss, ich bin ein Feigling. Ich bringe es einfach nicht übers Herz, einem einzigen Familienmitglied die Krone für einen Tag zu gönnen. Jeder Aufwand ist mir recht, wenn ich mir damit den Anblick enttäuschter Kinderaugen ersparen kann. Schief geht es trotzdem jedes Jahr. Am heutigen Dreikönigstag lief das alljährliche Drama folgendermassen ab:

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:00 Uhr

Mama Venditti schiebt den fairsten Königskuchen aller Zeiten in den Ofen und legt fest, welcher Brötcheninhalt für welchen Titel steht:

  • Rosine = König Christian I. von Dänemark, Schweden und Norwegen
  • Erdnuss= Queen Elizabeth I.
  • Kaffeebohne = Lous XIV.
  • Roter Bonbon = König Carl XIV Johan von Schweden
  • Gelber Bonbon = King Arthur
  • Getrocknete Rose = Zarin Katharina die Grosse
  • Kandierte Früchte = Kaiser Karl der Grosse

Ja, ich weiss, ein echter Adelskenner würde in dieser Aufstellung schon einige Standesunterschiede ausfindig machen, aber wir wollen es mal nicht übertreiben, gekrönt ist gekrönt. Auf das Basteln von Kronen wird übrigens verzichtet, der Titel muss reichen. 

Sonntag, 5. Januar 2014, ca. 22:05 Uhr

Luise kommt verbotenerweise noch einmal aus dem Bett und lässt mich wissen, dass ein Dreikönigstag ohne  „richtigen“ Königskuchen auch kein „richtiger“ Dreikönigstag sei. Und ein „richtiger“ Königskuchen sei einer, der im Laden gekauft wird. Mama Venditti beschliesst, ihrer Tochter den Gefallen zu tun und einen zusätzlichen Kuchen zu kaufen, weil das arme Kind in der letzten Zeit doch immer wieder geklagt hat, man würde sie zu wenig ernst nehmen.

Montag, 6. Dezember, 07:05 Uhr

Queen Elizabeth I., in diesem Hause besser bekannt als Zoowärter, tauscht ihren Titel mit König Carl XIV. Johan, im Alltag Luise genannt. Nach diesem Tausch schauen beide gekrönten Häupter deutlich fröhlicher aus der Wäsche. Wenig später dankt König Christian I., manchmal auch Prinzchen genannt, freiwillig ab und bittet seinen Vater untertänigst, er möge ihm den Thron von King Arthur überlassen. Der Vater, in royalen Dingen vollkommen unbedarft, gewährt seinem Sohn diesen Wunsch und macht sich auf, um seinem ganz und gar bürgerlichen Broterwerb nachzugehen. Wie zu erwarten war, ist Louis XIV. mit seiner Rolle voll und ganz zufrieden, dafür widerstrebt es ihm, als FeuerwehrRitterRömerPirat in die Schule gehen zu müssen. Karl der Grosse ist leider krank und Katharina die Grosse zieht sich nach durchwachter Nacht noch einmal in ihr Schlafgemach zurück, nachdem sie in der Migros zwei „richtige“ Königskuchen mit Papierkronen erstanden hat. Ja, zwei, weil einer alleine nur sechs potentielle Königsbrötchen hat. Also doch Potential für Streit, weil nur zwei eine Krone haben können. 

Montag, 6. Dezember, 11:45 Uhr

King Arthur, vormals König Christian I, kommt freudenstrahlend vom Kindergarten nach Hause. Er, sein bester Freund und „so ein Mädchen“ haben einen König und damit auch eine Krone ergattert. Katharina die Grosse, von ihren Kindern noch immer als Mama angesprochen, atmet hörbar auf. Einer ist bereits gekrönt, also einer weniger, der enttäuscht werden kann. 

Montag, 6. Dezember, 12:35 Uhr

König Christian I., auch „Meiner“ genannt, darf sich eine Krone aufsetzen. Mist! Die hätte doch eines der Kinder bekommen sollen! Wer die zweite Krone bekommt, wird sich beim Zvieri zeigen.

Montag, 6. Dezember, 15:11 Uhr

Queen Elizabeth I. kommt verschwitzt und hungrig von einer freiwilligen Joggingrunde zurück – fragt mich bloss nicht, was in sie gefahren ist – und der Zufall belohnt sie für diesen Einsatz mit einer Krone. Weil sie von der sportlichen Betätigung so ausgehungert ist, verschlingt sie zu viel Königskuchen und muss deshalb in der Bäckerei Nachschub holen. Sonst reicht es nicht für alle zum Zvieri.

Montag, 6. Dezember, 15:30 Uhr

Queen Elizabeth I. kehrt mit zwei überteuerten Königskuchen aus der Bäckerei zurück. Die Augen von Louis XIV. glänzen hoffnungsfroh. Vielleicht wird er doch noch eine Krone bekommen.

Montag, 6. Dezember, 15:56 Uhr

Louis XIV. sitzt schluchzend am Tisch. Karl der Grosse und König Carl XIV. Johan haben sich die zwei letzten Kronen geschnappt. König Christian I., der ja ohnehin kein echter Royalist ist, bietet dem traurigen Sonnenkönig seine Krone an, doch dieser schlägt das Angebot aus, weil zu dieser Krone eine Königinnenfigur gehört. Katharina die Grosse, die übrigens auch auf eine Krone verzichten musste, bittet Queen Elizabeth I., sie möge doch bitte mit dem armen Sonnenkönig Erbarmen haben und ihm ihre Königsfigur überlassen. Im Gegenzug dürfe sie König Christians Königinnenfigur haben. Doch Queen Elizabeth I. zeigt sich unnachgiebig und so bleibt dem armen Sonnenkönig nichts anderes, als sich mit einem Säcklein Süssigkeiten aus der Bäckerei zu trösten, das er sich erst noch hinter Katharinas Rücken und mit dem eigenen Taschengeld kaufen musste. King Arthur findet das trotzdem vollkommen unfair und muss wegen lauten und andauernden Heulens auf sein Zimmer geschickt werden. 

Montag, 6. Dezember, 23:48 Uhr

Alle gekrönten Häupter haben sich zur Ruhe begeben. Alle? Nein, Zarin Katharina die Grosse ist noch wach und fragt sich, was sie nun wieder falsch gemacht hat, an welchem Punkt die Sache aus dem Ruder gelaufen ist, ob sie es wagen soll, den Dreikönigstag im Reiche Venditti um des lieben Frieden Willens abzuschaffen, oder ob sie damit riskiert, auf dem Schafott zu landen. 

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Keine Vorsätze, aber…

Das mit den guten Vorsätzen ist nicht so mein Ding, einerseits, weil ich dem Jahreswechsel keine allzu grosse Bedeutung beimesse, andererseits, weil ich wohl einfach zu bequem bin, mir selber irgendwelche Vorschriften zu machen, die ich dann ohnehin bald einmal missachten werde. Nun ergibt es sich aber, dass ich mich nach Jahren der Überlastung endlich wieder einmal energiegeladen genug fühle, um etwas bewusster zu leben, anstatt mich von den äusseren Umständen treiben und einengen zu lassen.

Dass dieser Wandel ausgerechnet mit dem Start des Jahres, in dem Menschen mit Jahrgang 1974 vierzig werden, zusammenfällt, ist purer Zufall und wenn ich nun aufschreibe, was ich in den kommenden Wochen und Monaten angehen möchte, hat das nichts mit guten Vorsätzen zu tun, sondern mit meinem Wunsch, keine frustrierte Mittelalterliche zu werden, die immer nur jammert, was sie alles täte, wenn sie sich doch bloss dazu aufraffen könnte und wenn man ihr doch nicht immer Steine in den Weg legte.

Einen ersten kleinen Schritt zum bewussteren Leben habe ich heute unternommen, indem ich google den Rücken zugekehrt habe und fortan mit ecosia.org das Internet durchforste, in der Hoffnung natürlich, dass die auch wirklich halten, was sie versprechen. Weitere Schritte sollen folgen, zum Beispiel:

  • Diese nervtötende Hauptfigur aus einer meiner unfertigen Texte in den Griff bekommen, damit ich endlich ihre Geschichte erzählen kann. Jedes Mal, wenn ich denke, ich hätte sie jetzt endlich an dem Punkt, an dem ich sie haben will, entwischt sie mir und stellt irgend eine Dummheit an, die sie in ihrer Entwicklung um Jahre zurückwirft. Und meinen Text, mit dem ich nun auch schon seit Jahren ringe, reisst sie gleich mit sich. In den kommenden Monaten, das habe ich mir geschworen, werde ich die Dame kleinkriegen.
  • Wie zwanzig kann und will ich nicht aussehen, aber ein bisschen mehr Sorge tragen zu meiner Gesundheit und dabei ein paar Kilos – alle überschüssigen zu beseitigen schaffe ich wohl nicht –  liegen zu lassen, wäre keine schlechte Idee und ich habe sogar einen Hauch von einer Ahnung, wie das gehen soll. 
  • Wer ein Kind bekommt, steckt vorher mal grob die erzieherischen Grenzen ab. Natürlich sind diese Grenzen in erster Linie dazu da, fröhlich niedergerissen zu werden, wenn die Grundsätze mit der Realität in Berührung kommen, aber immerhin hat man sich mal Gedanken gemacht. Bei Teenagern ist das nicht mehr so einfach, denn erstens kündigt sich der Übergang vom Kind zum Teenager nicht so deutlich an wie der Übergang von Schwangerschaft zu Elternsein und zweitens lässt einem das Familienleben wenig Zeit, in aller Ruhe zu überlegen, welche Grenzen gelten sollen. Plötzlich reagiert man nur noch, anstatt in groben Zügen vorzugeben, in welcher Richtung es gehen soll. Es soll kein umfangreiches Regelwerk werden, das auf ewige Zeiten gelten soll, aber ein paar Dinge müssen geregelt werden, auf die Gefahr hin, dass es zu lautem Protestgeheul kommt. 
  • Alt fühle ich mich nicht, aber das Bewusstsein, dass wir nicht ewig Zeit haben, um das zu verwirklichen, was uns wichtig ist, steigt. Darum gilt es, bei den Träumen auszumisten. Die einen müssen in konkrete Ziele umgewandelt werden, andere werden wohl auf ewig ins Reich der Fantasie verbannt, wo ich sie gelegentlich besuchen und sehnsüchtig betrachten werde. 
  • Der neu geschaffenen Ordnung Sorge tragen. Auch wenn ich dem Perfektionismus – bis auf wenige Bereiche – abgeschworen habe, so weiss ich es doch wieder zu schätzen, zu wissen, welches Ding wohin gehört. Und da die ganze Familie auf wundersame Weise zur gleichen Erkenntnis gelangt ist, stehen die Erfolgschancen für einmal erstaunlich gut.

Natürlich ist nichts davon in Stein gemeisselt, denn die vergangenen Jahre haben mich zur Genüge gelehrt, dass sich das Leben nicht gängeln lässt, doch das soll mich nicht davon abhalten, wieder etwas überlegter durch die Tage zu gehen. 

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Spinnen

Die Tage sind still. Zu still vielleicht für mein Gehirn. Mangels anderer Beschäftigung fängt es an zu spinnen. Hauchzarte, komplexe Gespinste von hinreissender Schönheit. Den ganzen Raum, in dem ich mich bewege, umwebt mein Hirn damit, alles sieht dank ihnen weicher, fantastischer aus. Zumindest im sanften Licht des Mondes, oder bei Sonnenaufgang, wenn die Tautropfen, die sich auf den Gespinsten niedergelassen haben, verführerisch glitzern. Erst der helle Tag macht sichtbar, was das Gehirn tatsächlich geschaffen hat: Dünne Fäden, die bei der leichtesten Berührung durch das wahre Leben reissen und danach unangenehm  kleben bleiben, an den Fingern, in den Augenwimpern, im Haar. 

So schön sie bei rechtem Licht betrachtet auch sein mögen, sie sind eben doch nichts weiter als Hirngespinste. 

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Völkerverständigung im Hauseingang

Schwiegermama, Schwiegertante und Schwiegercousin – alle drei vorwiegend Italienisch sprechend – gehen die Treppe runter, von unten her kommt a) der Papa von Prinzchens bestem Freund – ein Grieche -, der seinen Sohn abholen will und b) meine älteste Schwester, die ihr Töchterlein abholen will. Am Briefkasten steht meine Mama. Schwiegermama, Schwiegertante und Schwiegercousin begrüssen meine verdutzte Mama mir südländischem Überschwang und Küssen, obschon man sich gegenseitig kaum kennt, geschweige denn versteht. Derweilen stelle ich meiner Schwester den Papa von Prinzchens bestem Freund vor, dessen aus Marokko stammende Frau sie bereits getroffen hat. Kater Leone kommt hinzu, worauf Schwiegertante fragt, ob dies „die andere“ sei und meint damit „die andere Katze“. Schwiegermama verneint. Das sei meine Mama, nicht „die andere“. Meine Mama, die eigentlich kein Italienisch spricht, versteht und alle brechen in Gelächter aus. 

So einfach könnte es sein mit der Völkerverständigung. 

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Ein Blick zurück

Alte Leidenschaften wiederentdeckt

Neue Freunde gewonnen

Alte Freundschaften vertieft

Träume verwirklicht

Einen Lebensabschnitt abgeschlossen

Einen Lebensabschnitt begonnen

Wunden geleckt

Neue Energie getankt

Ordnung geschaffen

Zurückerobert

Hinter mir gelassen

Zukunftsperspektiven skizziert

Gesät, gehätschelt und geerntet

Gezweifelt

Bereut

Ermöglicht bekommen, was ich schon lange wollte

Neues gelernt und Altes vertieft

Geschlafen – vielleicht auch einfach Überstunden abgebaut

Gerechnet und verrechnet

Meine Familie genervt und mich von ihnen nerven lassen

Notanker gespielt

Reich beschenkt worden

Mit dem Loslassen gekämpft

In ein und demselben Moment Wehmut und Freude gefühlt

Neue Leidenschaften gefunden

Dankbar

Von Herzen allen ein schönes, gesegnetes neues Jahr!

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Und wenn wir nicht mehr mitspielten?

Irgendwo habe ich neulich sinngemäss gelesen, wir Eltern sollten uns gefälligst aus der Bildungsdiskussion raushalten, wir seien ja keine Experten. „Von wegen keine Experten“, brummte ich in meinen nicht vorhandenen Bart. Wir, die wir Tag für Tag miterleben, was Reformen, Pisa-Resultate und Sparübungen mit unseren Kindern anstellen, sollen uns aus der Angelegenheit raushalten? Ich wollte mir überlegen, ob es einen Weg gäbe, auf dem wir uns konstruktiv einbringen könnten, doch leider hatte ich keine Zeit, um mich weiter mit der Sache auseinanderzusetzen, also schob ich meine Gedanken unausgereift zur Seite. 

Einige Tage später stiess ich auf einen Zeitungsartikel zur Kritik am Lehrplan 21. Man sprach von den Bedenken der Wirtschaft, von den Änderungswünschen der Lehrerschaft, von den kritischen Fragen der Parteien, Politiker und Schulleiter. Aber kein Wort von der Elternseite, als ginge uns die Sache nichts an, als gehörten wir nicht auch zu jenen, die im Alltag ausbaden müssen, was an Schreibtischen zurechtgezimmert wird. „Was wäre, wenn wir uns so penetrant in die Diskussion einbrächten, dass man unsere Stimme nicht überhören könnte?“, fragte ich mich, doch wieder forderten andere Dinge meine Aufmerksamkeit.

Ein Essay von Hauke Goos in der aktuellen Ausgabe des „Spiegels“ brachte mich erneut ins Grübeln. Unter dem Titel „Du sollst keine Fehler machen!“ beschreibt der Autor, wie unsern Kindern die Kindheit geraubt wird, wie wenig Spielraum für Individualität noch bleibt und wie viele von uns „bildungsnahen“ Eltern unseren Teil zum Druck beitragen, indem wir uns eine Schule wünschen, die unsere Kinder optimal auf den Übertritt ans Gymnasium vorbereitet. Die Aufforderung, wir Eltern sollten uns häufiger auf die Seite unserer Kinder stellen und zwar „bei dem grossen Projekt, das darin besteht, so viel Schule wie nötig zu ermöglichen und so viel Kindheit wie möglich“ zwang mich dazu, mich dem Thema endlich zu stellen. 

Ich las, überlegte und plötzlich war er da, der Gedanke: Was, wenn wir nicht mehr mitspielten? Wenn wir nicht mehr mit lautem Wehklagen dabei zusähen, wie unsere Kinder mehr und mehr von einem Schulsystem vereinnahmt werden, das kaum mehr Luft zum Atmen lässt? Wenn wir die Diskussion um eine gute Schule nicht mehr kampflos den „Experten“ überliessen, die in erster Linie den internationalen Wettbewerb und die Wirtschaftstauglichkeit der Schüler im Blick haben? Wenn wir unsere Kinder nicht irgendwann resigniert von der Volksschule ab- und in der Privatschule anmeldeten, weil die Knöpfe unter der Last der (Haus)aufgaben beinahe zusammenbrechen? Wenn wir nicht mehr schulterzuckend zuhörten, wie die Lehrer darüber klagen, dass das Bildungssystem ihnen keinen Spielraum mehr lässt und sie halt einfach durchziehen müssen, was man ihnen vorgibt? Wenn wir uns stattdessen mit den Lehrern verbündeten und gemeinsam für eine Schule einstünden, die nahe am Kind ist? 

Wenn wir Eltern werden, sagt man uns, wir trügen jetzt die Verantwortung für diesen kleinen Menschen, doch spätestens mit dem Eintritt in die Schule treten wir einen grossen Teil dieser Verantwortung ab. Das ist nicht grundsätzlich schlecht, denn die allgemeine Schulpflicht ist ja eigentlich eine gute Sache. Was aber, wenn wir merken, dass die Schule – und ich meine jetzt nicht die lokale Schule, sondern das Schulsystem als Ganzes – zu viel von unseren Kindern erwartet? Wenn man unseren Kindern die hirnrissigsten Ziele steckt? Wenn sie therapiert werden sollen, weil sie nicht ins System passen und nicht, weil ihnen etwas fehlt? Wäre es dann nicht unsere Verantwortung, laut vernehmlich Stop zu rufen und nicht mehr mitzumachen? 

Nein, ich weiss nicht genau, wie das gehen soll, denn wir Eltern haben zwei grosse Nachteile: Wir schaffen es nicht, uns darüber zu einigen, was wir vom Bildungssystem erwarten und wir neigen dazu, unseren eigenen Nachwuchs verklärt zu sehen. Darum fehlt es uns an Schlagkraft und Sachlichkeit. Aber deswegen können wir doch nicht einfach schweigen, wenn wir sehen, wie schief die Dinge derzeit laufen. Es muss doch einen Weg geben, wie wir uns so in die Diskussion einbringen können, dass man unsere Anliegen ernst nehmen muss und man nicht mehr einfach behaupten kann, wir Eltern dürften nicht mitreden, weil wir eben keine Experten seien. 

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Ferienpläne

Karlsson will nach Paris. Vielleicht auch mal nach Spanien. Ja, Mamas Reisepläne wären auch in Ordnung, aber nur, wenn wir zuerst nach Paris fahren denn „es kann doch nicht sein, dass ich noch nie in Paris war!“. 

Luise will nach London. Oder sonst irgendwo auf die andere Seite des Ärmelkanals. Nirgendwo ist es so schön wie in England, das weiss Luise genau, obschon sie bei ihrem ersten und einzigen Besuch gerade mal sechs Monate alt war. 

Der FeuerwehrRitterRömerPirat kann sich Schweden durchaus noch einmal vorstellen, hätte aber auch gegen Malta nichts einzuwenden. Deutschland wäre auch okay, oder Frankreich. Hauptsache, er kann viele Bücher mitschleppen und findet einen ruhigen Ort zum Lesen. 

Der Zoowärter will nach Stockholm und zwar in das vierstöckige Haus im Vasaviertel, auf dessen Dach ein winziges Häuschen steht, in  dem Karlsson vom Dach lebt. Aber auf gar keinen Fall nach Dänemark, nie mehr im ganzen Leben, denn dort hat man ihm seine Karlsson-Puppe geklaut. Behauptet er. 

Das Prinzchen will ins Astrid Lindgren-Land. 

Ich will nach Stockholm. Oder nach Göteborg. Und aufs Land, irgendwo in Südschweden, nicht zu weit vom Wasser entfernt. 

„Meiner“ will mehr oder weniger das Gleiche wie ich, könnte aber auch damit leben, zu Hause zu bleiben, wenn es dem Budget besser bekommt.

Kater Leone äussert sich nicht zum Thema, aber ich weiss genau, dass er uns bei sich behalten will. Meine Gartenbeete werden seine Meinung teilen. 

Mein Kopf sagt, dass wir bald buchen müssen, wenn es nicht zu teuer werden soll, „Meiner“ und die Stimme der Vernunft pochen aber darauf, dass zuerst das Budget stehen muss. 

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Wunderbare faule Tage

Ausschlafen, bis man das Frühstück als Mittagessen durchgehen lassen kann.
So lange lesen, bis das Buch oder zumindest die spannende Passage zu Ende ist.
Sich in Zürich nicht durch die Massen stören lassen, sondern mit Karlsson in aller Ruhe die Geschenke aussuchen, die er sich nicht wünschen konnte, weil er noch gar nicht wusste, dass er grünen Kaviar und Schweizer Trüffel bekommen könnte.
Sich von Panettone, Orangen, Tonic Water und Gruyère ernähren, weil alles andere zu viel Arbeit macht.
Sich mit Mann, Kind und Katzen im Wohnzimmer fläzen und einen Familienfilm reinziehen.
Zwischendurch ein Kaffee oder einen Tee aus einer Tasse schlürfen, die noch niemand hat kaputt machen können, weil ich sie gerade erst bekommen habe.
Sich über unerwartete Geschenke freuen, zum Beispiel über edlen Tee und Maldon Salt, die wir im im Delikatessengeschäft geschenkt bekommen haben, bloss weil dort der Vater von Prinzchens bestem Freund arbeitet.
Immer wieder einen verträumten Blick auf den in diesem Jahr so wunderschön geratenen Weihnachtsbaum werfen.
Ab und zu einen Streit schlichten, aber damit muss man wohl leben.
Zeit haben für spontanen Besuch.
Kein Problem haben damit, wenn der Besuch dann doch nicht kommt. Dann fläzen wir eben weiter im Pyjama rum.

Seitdem unsere Kinder grösser sind, sind die Tage zwischen den Jahren wieder das, was sie früher mal waren: Wunderbare faule Tage.

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Die Prinzessin und der Manitoba-Weizen

Wir hatten erneut die Ehre, eine Küchenmaschine vermacht zu bekommen, eine Dame aus dem edlen Geschlecht der Kitchen Aid, von ihren ersten Besitzern getauft auf den Namen Princess Leia – von mir kann sie diesen Namen nicht haben, ich habe bis heute noch immer kein Star Wars gesehen. Unter anderem um diesem adligen Geschöpf in reinem Weiss ein standesgemässes Zuhause bieten zu können, eroberte ich mir meine Traumküche zurück. Die Prinzessin bekam dort einem Ehrenplatz auf der blitzblank polierten Arbeitsfläche. Ich glaube, sie fühlte sich auf Anhieb wohl dort und als ich meine Mehlvorräte aus der Mühle anschleppte, begann sie vor lauter Vorfreude zu glänzen. Sophie wurde aufs Altenteil geschickt, wo sie hin und wieder Weizen mahlen oder alle Schaltjahre Fleisch durch den Wolf drehen darf und Charlotte hat ihren Dienst in einer anderen Küche nicht weit von hier aufgenommen. Da mich nun die grosse Backwut packte, hatte die Prinzessin beste Aussichten auf ein glückliches Leben bei uns.

Dann aber geschah das Unglück: Herr Hadjiandreou, dessen Buch ich mir selbst zur Einweihung meiner Küche schenkte, erklärte mir, dass nicht das lange Kneten einen guten Teig macht, sondern die Ruhe zwischen zwei kurzen Knetvorgängen. Na ja, kneten ist vielleicht das falsche Wort, man müsste wohl eher von streicheln reden und das beherrsche ich eindeutig besser als die Prinzessin. So kam es, dass die Arme traurig dabei zusah, wie ich mich mit meinem Teig vergnügte und ihr kaum Beachtung schenkte. Gut, hin und wieder tätschelte ich sie liebevoll und versprach ihr, sie bald einmal ganz gross herauskommen zu lassen, doch die Prinzessin schniefte nur verdriesslich und schmiedete im Geheimen wohl Pläne, diesem trostlosen Ort zu entfliehen.

Doch dann, fast wie im richtigen Märchen, kam ein Retter daher, zwar nicht auf einem Schimmel, sondern in einem gelben Auto, das viele Pakete aus aller Welt geladen hatte. Manitoba-Weizen heisst der edle Herr und ich habe ihn eigens aus Deutschland herbeigerufen, weil mein Panettone beim ersten Versuch nicht richtig aufgehen wollte. Das Internet hat mir dann erklärt, dass der Teig eben nicht anders konnte, als eher flach zu bleiben, weil das Stärkegerüst nicht fest genug gewesen sei, darum müsse beim nächsten Mal der starke Kerl aus Manitoba her.

Zum Glück kam er gerade noch rechtzeitig vor Weihnachten an, damit der Teig über drei Tage werden kann und weil die ersten Schritte langes Kneten von Hand erforderten, wusste ich zugleich, dass ich den Richtigen gefunden hatte, um die Prinzessin wieder glücklich zu machen. Wer noch nie einen Teig mit einem Anteil von Manitoba-Weizen geknetet hat und auch keine Lust hat, dies je zu tun, kann sich diese Arbeit etwa so vorstellen: Drei Rollen von diesem klebrigen Einmeterkaugummi so lange kauen, bis er weich ist und danach gründlich von Hand durchkneten, etwa zehn Minuten lang. Glaubt mir, ich war von Herzen dankbar, als mir das Rezept bei Schritt 17318 endlich gestattete, die Prinzessin ranzulassen. Die Gute stürzte sich mit Freuden auf die Arbeit und bewies diesem Manitoba-Kerl, wer hier das Sagen hat.

Noch ist der Panettone nicht ganz fertig, doch der Teig zeigt mir, dass sich hier zwei gefunden haben, die zueinander gehören. Und wenn mir nicht irgendwann der Nachschub an Weizen ausgeht oder die Prinzessin den Geist aufgibt, werden sie zusammen noch viele Jahre lang glücklich herzige kleine Panettone, Ciabatte und Baguettes erzeugen.

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