Der Mama-Vergleich

„Mama, Julia hat gesagt, sie wünschte sich, ihre Mama hätte sie davor gewarnt, ihrer Puppe die Augen auszustechen, als sie noch klein war. Du hast mir ja immer gesagt, ich würde das später bereuen und darum habe ich es nicht getan.“

„Mama, bei Mia zu Hause ist immer alles so schön aufgeräumt, nicht so ein Chaos wie bei uns.“

„Timo findet, du seist eine total coole Mama.“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Voll cool! Warum trägst du immer nur Tussi-Schuhe?“

„Estelles Mama trägt immer Nike-Schuhe. Sowas von hässlich! Zum Glück hast du mehr Geschmack.“

„Danke Mama! Marcos Mama würde so etwas nie erlauben.“

„Die anderen dürfen alle, nur du bist mal wieder stur und verbietest mir meinen Spass.“

„Die Mama von Milena macht ein Riesentheater um den Sport. Das arme Kind muss immer trainieren und wenn sie ein Spiel verliert, ist die Mama tagelang sauer auf sie. Wenn ich Milena wäre, würde ich mich vollfressen und den ganzen Tag vor der Glotze sitzen. Sowas macht doch keinen Spass…“

„Andere Eltern schauen sogar beim Training zu und ihr kommt nur, wenn wir einen Match haben.“

„Wow, das Mittagessen bei Hugentoblers war der Hammer! Spaghetti Carbonara mit Rüeblisalat. Warum machst du das nie?“

„Zum Glück muss ich fast nie bei Hugentoblers essen. Dort gibt es immer das Gleiche und meistens ist es auch noch verkocht. Zum Glück kochst du besser, sonst würde ich ausziehen.“

Je grösser die Kinder werden, umso öfter werden meine Leistungen an den Leistungen anderer Mamas gemessen. Dabei ziehe mal ich den Kürzeren, mal die Vergleichsmama. Hart fällt das Urteil allemal aus, denn der Glaube an die elterliche Unfehlbarkeit wird mehr und mehr erschüttert. Gar nicht so leicht, das zu schlucken, aber wohl unumgänglich.

Ich hoffe einfach, dass die Kinder dereinst, wenn die Wirren des Erwachsenwerdens überstanden sind und alle meine Fehler in Vergessenheit geraten sind – also dann, wenn sie im Altersheim sitzen -, mit feuchten Augen sagen werden: „Unsere Mama war doch einfach die Beste.“ Von dieser Erkenntnis würde ich dannzumal zwar nicht mehr profitieren, aber immerhin wäre ich in den Augen der Nachwelt rehabilitiert.

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Ein Tag ganz nach euren Wünschen

Meine lieben Kinderlein

Heute Morgen waren wir zusammen im Naturama. Wir hatten sogar zwei eurer Lieblingscousins und eine eurer Lieblingstanten dabei. Wir sahen Dinoskelette, lebensechte Mammuts und bunte Fische, am Ausgang durftet ihr euer Taschengeld für pädagogisch wertvollen Krimskrams verschleudern. Danach gingen wir zwar nicht wie versprochen ins Hallenbad, dafür aber in einen jener verwerflichen Fast Food-Tempel, wo ihr euch mit Müll vollstopfen durftet. Schliesslich gab es Spiel und Spass bei den Cousins, Abendessen ohne Tischabräumen, warmen Kakao und für einige von euch sogar noch dreissig Minuten Lieblingsserie.

Ihr seht also, ich habe euch einen Tag geboten, wie ich ihn euch nie hatte bieten wollen. Nun ja, mal abgesehen von Museum, lieben Verwandten und warmem Kakao. Ich bin also sehr weit über meinen eigenen Schatten gesprungen, damit ihr nach Herzenslust auf meinen Erziehungsgrundsätzen herumtrampeln konntet. Nun bitte ich euch, für mich dasselbe zu tun und endlich Ruhe zu geben – auch wenn dies voll und ganz gegen eure Prinzipien ist -, damit ich endlich tun kann, was mir Spass macht: In den Keller gehen kann, um die Lichtschranke der Heizung zu reinigen. Die ist zu meiner Freude ausgerechnet jetzt hat ausgestiegen, wo sich euer Papa mit Karlsson eine Auszeit in Bern gönnt. Endlich darf ich auch mal ran!

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Versprochen ist versprochen

„Wenn ihr heute Abend brav ins Bett geht“, versprach ich unseren drei Jüngsten, „dann gehen wir morgen zusammen schwimmen und vielleicht auch noch ins Museum. Wir sind ja nur zu viert, dann können wir uns mal einen richtig schönen Tag machen. Aber ihr müsst mir versprechen, dass ihr früh Feierabend macht.“ Ob mir die drei überhaupt zuhörten? So wild, wie sie durch die Wohnung tanzten, einander piesackten und meine Aufforderungen, jetzt endlich ihre Butterbrote aufzuessen überhörten, machte ich mich auf einen anstrengenden Abend gefasst – und auf einen gemütlichen Tag morgen, ohne Hallenbad und Museum. Ich hätte ihnen getrost das Blaue vom Himmel herab versprechen können, so aufgedreht wie sie waren, würden sie mich bestimmt bis abends um elf auf Trab halten.

Da sieht man mal wieder, wie schlecht ich mich nach all den Jahren mit Kindern auskenne. Kaum war nämlich das Licht im Kinderzimmer gelöscht, wurden sie ruhig und nachdem das letzte Schlaflied verklungen war, lagen sie lammfromm in ihren Betten. „Na ja, das wird genau zehn Minuten lang gutgehen“, brummte ich, als ich mich in die Küche zurückzog. Tatsächlich kam nach zehn Minuten der Zoowärter raus. Er habe sich wehgetan, klagte er, aber anstatt wie üblich lauthals zu heulen und damit das Prinzchen aus dem Halbschlaf zu wecken, liess er sich mit wenigen Worten beruhigen. Einige Augenblicke später machte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat bemerkbar. Er könne nicht schlafen, wenn die Zimmertüre offen stehe, ich sei einfach zu laut da draussen. Also schloss ich eben die Tür, damit er sich nicht mit anhören müsste, wie ich Rechnungsbeträge in den Computer eintippte. Das war es dann mit Tohuwabohu für heute Abend.

Okay, die drei haben also wirklich vor, morgen zu bekommen, was sie sich verdienen mussten. Zum Glück habe ich ihnen keinen Flug ins Weltall versprochen…

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Ein Märchen aus alten Zeiten

„Du hast mich früher jeweils fast in den Wahnsinn getrieben“, erzähle ich einer meiner Nichten an der Familienweihnachtsfeier. „Freitags habe ich jeweils dich und deine grosse Schwester gehütet und du wolltest nie schlafen. Einmal musste ich unbedingt einen Englischvortrag für den nächsten Tag schreiben…“ Ich stelle fest, dass meine Nichte mich leicht ungläubig anschaut, also erkläre ich ihr, dass man damals samstags noch Schule hatte. „Da sass ich also mit dir auf dem Schoss und versuchte, meinen Vortrag zu Papier zu bringen.“ Die verwirrende Tatsache, dass ich meine Notizen tatsächlich von Hand mit der Füllfeder schrieb, weil noch kaum einer Zugang zu einem PC hatte, lasse ich weg, denn was ich als nächstes sagen werde, wird verwirrend genug sein für sie: „Das Dumme war nur, dass ich in der Stadtbibliothek keine Literatur zum vorgesehenen Thema gefunden hatte, also wechselte ich kurzerhand das Thema und verfasste einen Vortrag über die Jüdische Religion. Du heulend auf meinem Schoss, ich heulend am Schreibtisch, das war ein Erlebnis…“ Meine Nichte zögert einen Augenblick und meint dann „Du hattest also noch kein Internet damals… Warum konntest du dann so kurzfristig das Thema wechseln?“

Ja, warum eigentlich? Ein Genie war ich nämlich nicht. Zum Teil lag es bestimmt daran, dass ich zufällig gerade die passende Literatur zur Hand hatte. Je länger ich mich aber in die damalige Situation versetze, umso deutlicher erinnere ich mich daran, dass ich zu jener Zeit eine ganze Bibliothek an Wissen abrufbereit im Kopf hatte, so dass ich einen Vortrag einfach so aus dem Ärmel schütteln konnte. Heute ist dieses Wissen nicht mehr ganz so präsent; ich habe ja Google. Leider?

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Fast schon wie früher

Da bin ich also wieder, bestens ausgeruht, mit zahlreichen guten Vorsätzen ausgerüstet – früher ins Bett, weniger Koffein, mehr Grüntee, mehr Gelassenheit, mehr Geduld und weniger Stress – und bereit, wieder meinen Teil zum Familienleben beizutragen. Also morgens um vier mit „Meinem“ das Prinzchenbett von Katzenkot befreien, Weihnachtsmenü aus dem Ärmel schütteln, überdrehte Kinder beruhigen, Baum schmücken, Playmobil zusammenbauen – was halt so dazugehört, wenn man einen Tag vor Heilig Abend nach Hause kommt. Nun ja, das mit dem Katzenkot ist zum ersten Mal passiert, aber das Prinzchen zeigte sich verständnisvoll. Die Katzen hätten eben Angst gehabt, ihr Geschäft in der Katzenkiste im dunklen Wohnzimmer zu verrichten. Im Kinderzimmer war es zwar genauso dunkel, aber lassen wir das wenig festliche Thema für heute.

Bereits jetzt ahne ich, dass der Familienalltag sich meinen Vorsätzen gegenüber wenig sensibel zeigen wird, aber ich kann gut damit leben. Wenn ich bedenke, dass wir vor zwei Monaten noch fürchteten, „Meiner“ werde vielleicht nie wieder ganz sich selber sein, dann bin ich einfach nur dankbar, dass es bei uns schon fast wieder so ist wie früher und dass wir unser übliches turbulentes, möchtegern-feierliches Weihnachtsfest mit hier einem Stimmungseinbruch und dort einem Glanzlicht feiern durften.

Frohe Weihnachten allerseits!

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Mrs. Perfect hält Hof (oder versucht es zumindest)

Es gibt einige Dinge, die ich vermissen werde, wenn ich morgen wieder nach Hause fahre. Tischgespräche wie das Folgende gehören allerdings nicht dazu.

Es ist 18 Uhr, Frau KeinerLiebtMich, Frau SchönDassIchLebe, Mrs. Perfect und Frau Venditti finden sich zum Abendessen ein. Man erzählt sich gegenseitig, womit man den Nachmittag verbracht hat, und ich begehe den gravierenden Fehler, zu erzählen, ich hätte von zwei bis zehn nach fünf tief und fest geschlafen. Hier steigen wir ins Gespräch ein:

Frau KeinerLiebtMich: „Seien Sie froh, dass Sie überhaupt schlafen können. Ich bringe Tag und Nacht kein Auge zu. Und dies schon seit Monaten.“

Frau SchönDassIchLebe: „Waren Sie denn heute in der Apotheke?“

Frau KeinerLiebtMich: „Ja, ich habe diese pflanzlichen Schlaftabletten bekommen, aber ich weiss nicht, ob ich sie schlucken kann. Wissen Sie, mein Hals…

Mrs. Perfect (unterbricht sie): „Es heisst, man solle bei Tisch nicht über gesundheitliche Probleme reden. Haben Sie den Anschlag in Ihrem Zimmer nicht gesehen? Wissen Sie, hier hat jeder seine Bürde zu tragen.“

Frau KeinerLiebtMich kämpft scheinbar mit den Tränen, Frau SchönDassIchLebe und Frau Venditti schweigen betroffen. Das Essen wird serviert. Einmal Schonkost, einmal Birchermüesli, einmal Fleisch und einmal Vegetarisch. Die vier Frauen essen eine Weile lang schweigend.

Mrs. Perfect: „Frau Venditti, Sie essen unglaublich schnell. Das ist mir jetzt schon öfters aufgefallen.“

Frau Venditti: „Ja, ich weiss. Das ist eine schlechte Angewohnheit aus dem Familienalltag. Manchmal muss man einfach froh sein, überhaupt ein paar Bissen essen zu können, bevor man wieder gebraucht wird.“

Mrs. Perfect (streng): „Sie wissen aber, dass dies ungesund ist?“

Frau Venditti: „Ja, das weiss ich, aber es ist nicht ganz einfach, schlechte Gewohnheiten von heute auf morgen abzulegen.“

Allmählich leeren sich die Teller, das Servierpersonal trägt Schüsseln für den Nachservice herum.

Mrs. Perfect: „Frau SchönDassIchLebe, heute müssen Sie unbedingt noch eine Portion nehmen. Wie wollen Sie denn zunehmen, wenn Sie nicht genug essen?“

Frau SchönDassIchLebe: „Nein, ich nehme nichts mehr, ich bin wirklich satt.“

Mrs. Perfect: „Aber Sie hatten nur dieses Birchermüesli. Sie müssen wirklich mehr essen.“

Frau SchönDassIchLebe (freundlich, aber leicht entnervt): „Sie sind heute ein wenig schulmeisterlich mit mir, aber wissen Sie, ich bin eine erwachsene Frau, ich weiss, wann ich satt bin.“

Mrs. Perfect (unbeirrt): „Sie sollten aber wirklich noch einmal etwas nehmen. Glauben Sie mir, so nehmen Sie nie zu.“

Wieder herrscht eine Weile lang Schweigen am Tisch, dann kommt der Dessert.

Frau KeinerLiebtMich: „Oh, ich glaube nicht, dass ich das essen kann.“

Kellnerin: „Aber das hat der Diätkoch eigens für Sie zubereitet.“

Frau KeinerLiebtMich: „Ich weiss, aber diese Stücke sind viel zu gross für mich. Wissen Sie, mein Hals. Na ja, dann probiere ich eben…“

Mrs. Perfect: „Sie müssen dem Diätkoch eben sagen, dass Sie nur gekochte Früchte essen können. Sagen Sie es ihm doch gleich jetzt, er ist bestimmt da.“

Frau KeinerLiebtMich: „Ich muss mich dann bei ihm entschuldigen, dass ich so kompliziert bin…“

Mrs. Perfect lenkt das Thema weg von Frau KeinerLiebtMichs Problemen, hin zu einem rauschenden Gartenfest, das sie vor mehr als dreissig Jahren auf ihrem Anwesen organisiert hat. Rundum gelungen, mit Störkoch, als Parkwächter verkleideten Kindern und üppigen Dekorationen. Perfekt hat sie das hingekriegt, am Ende wollte man sie als Partyorganisatorin anheuern. Sie hat natürlich dankend abgelehnt, der Stress von dieser einen grossen Anstrengung in ihrem Leben steckt ihr vermutlich heute noch in den Knochen. Die anderen drei Frauen hören gebannt zu, allzeit bereit, den Redeschwall zu unterbrechen, wenn Mrs. Perfect endlich einmal Luft holt. Frau Venditti schafft es endlich. Als Jüngste im Bunde und in täglichen Familiengesprächen trainiert hat sie den anderen gegenüber einen klaren Vorteil.

Frau Venditti: „So, ich gehe dann mal in die Sauna.“

Mrs. Perfect (entsetzt): „In die Sauna nach dem Essen? Sie wissen aber, dass man das nicht sollte. Nun gut, soooo viel haben Sie nicht gegessen und Tofu ist ja nicht allzu schwer…“

Frau Venditti: „Ja, Mrs. Perfect, das weiss ich, aber ich reise morgen ab und bis dahin bin ich fest entschlossen, jeden Augenblick genau so zu leben, wie es mir gefällt. Einen schönen Abend noch.“

Was Frau Venditti eigentlich hätte sagen wollen, aber es aus Höflichkeit nicht gesagt hat: „Liebe Mrs. Perfect, kehren Sie bitte endlich mal vor ihrer eigenen Tür. Mir scheint, dass hinter Ihrer piekfeinen, frommen Fassade eine ziemlich giftige, verwöhnte Zicke steckt. Kümmern Sie sich doch mal um sie, anstatt um uns.“

Tja, und dann ging Frau Venditti in die Sauna und bloggte im Ruheraum über das, was sich während des Abendessens ereignet hatte. Ob Mrs. Perfect es gutheissen würde, dass man zwischen zwei Saunagängen bloggt?

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Bitte nicht ausquetschen!

Es hat eine Weile gedauert, aber allmählich macht sich nun doch das Heimweh nach den Kindern bemerkbar. Aufgefallen ist mir dies, als ich heute im Bus inmitten einer Gruppe von Schülern sass. Dem Alter nach bereits Teenager, aber noch immer pausbäckig und leicht unsicher. Die Jacken bereits trendy und teuer, die Mütze dazu in den passenden Farben aber noch von Mama gestrickt. Jungs wie Karlsson eben.

Gewöhnlich schenke ich solchen Schülergruppen kaum Beachtung, weiss ich doch, wie wenig sie an einem Gespräch mit mir interessiert wären. Heute aber konnte ich mich nur mit Mühe davon abhalten, sie anzusprechen. „Geht ihr auch in die sechste Klasse?“, hätte ich gefragt, oder „War der Prüfungsstress vor Weihnachten schlimm?“. Ich hätte ihnen erzählt, dass mein Ältester auch in ihrem Alter ist und dass er es vor Weihnachten sehr streng hatte in der Schule. Sie hätten vielleicht höflich genickt und ich hätte erzählt, dass meine Tochter es auch streng hatte, obschon sie noch nicht in der Sechsten ist. Vielleicht hätte ich noch gefragt, ob sie auch Geschwister haben und sie hätten mit einem gleichgültigen Schulterzucken „Ja“ gesagt, oder vielleicht auch „Nein“. Irgendwann wären sie ausgestiegen und ich hätte gesagt: „Schöne Weihnachten noch!“ und draussen hätten sie ihre Köpfe geschüttelt, über mich gelacht und zu Hause erzählt, dass sie im Bus von so einer komischen alten Tante angequatscht worden seien.

Ich habe die Schüler natürlich nicht angesprochen, dafür habe ich abends noch mit Karlsson telefoniert. Das Gespräch verlief folgendermassen:

Karlsson: „Hallo Mama, wie geht’s?“
Ich: „Gut, ein wenig müde. Und dir?“
Karlsson: „Gut. Was hast du heute gegessen?“
Ich: „Suppe, Salat, Roulade… Und du?“
Karlsson: „Ich geb‘ dir dann mal das Prinzchen ans Telefon. Tschüss!“

Okay, verstanden. Ich soll nicht nur fremde Zwölfjährige in Ruhe lassen, ich soll auch meinen eigenen nicht mehr als das absolut Notwendigste fragen.

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Schlaflos im Ländli

Schon zum zweiten Mal seit meiner Ankunft im „Ländli“ wälze ich mich schlaflos in meinem Bett, hundemüde und doch unfähig, ein Auge zuzutun. Nichts hilft, nicht mal der Grosseinkauf für Weihnachten, den ich nachts um zwei im Internet tätige, damit „Meiner“ am 22. nicht mit fünf Kindern durch die Migros hetzen muss. Ich gehe in mich, forsche nach dem Grund für meine Schlaflosigkeit.

Ist es das Heimweh? Nein, denn auch wenn ich meine Liebsten vermisse, bin ich doch ziemlich zuversichtlich, dass ich in vier Tagen wieder von ihnen umarmt, bestürmt, ausgequetscht und unterhalten werde. Ich glaube doch nicht an den Weltuntergang…

Ist es der Kummer über Vergangenes, vielleicht gar Groll? Nein, alles erfolgreich verdrängt, aufgeschoben auf den Moment, in dem ich dazu bereit sein werde, das Gute mit mir zu nehmen und das Schlechte hinter mir zu lassen.

Sind es Zukunftsängste? Auch nicht, denn meine Zukunft sieht deutlich rosiger aus als vor einigen Monaten noch.

Dann ist es vielleicht die Vorfreude auf das, was sich am Horizont immer klarer abzeichnet? Sicher nicht, ich weiss ja, dass ich zuerst mal gründlich ausschlafen muss, ehe ich die Dinge richtig anpacken kann.

Habe ich mich in den vergangenen Tagen zu wenig verausgabt? Immerhin bin ich seit meiner Ankunft hier oben noch nicht ein einziges Mal ans Ende meiner Kräfte gekommen? Nein, das kann es auch nicht sein. Die Müdigkeit der letzten Monate steckt zu tief in meinen Knochen.

Habe ich vielleicht etwas Schlimmes am Fernsehen gesehen? Von wegen, ohne „Meinen“, der mich dazu verführt, zumindest strickend neben ihm zu sitzen, wenn er sich „The Mentalist“ oder „Borgen“ reinzieht, komme ich gar nicht auf die Idee, den Kasten einzuschalten.

Ach so, vielleicht muss ich einfach die gefährliche Bahnfahrt nach Basel und zurück verarbeiten? Auch Fehlanzeige. Entgegen den Befürchtungen meines Tischnachbarn musste ich nicht mal abends um zehn um mein Leben bangen und die einzige Sorge, die mich plagte war, ob ich um halb elf überhaupt noch ins Haus komme.

Nachts um drei dämmert mir endlich, woran es liegt, dass ich den Schlaf nicht finde: Es ist einfach viel zu heiss zum Schlafen, ich vermisse die angenehme Kühle unseres schlecht isolierten Schlafzimmers. Wohl wissend, dass dies ein ziemlich schlechtes Bild abgäbe, wenn zu dieser Stunde einer mit einer Wärmebild-Kamera ums „Ländli“ schliche, reisse ich das Fenster auf und finde endlich die ersehnte Ruhe. Beim Einschlafen wundere ich mich noch, weshalb ich nicht schon früher darauf gekommen bin. Meine Kinder habe ich ja auch immer von unnötiger Kleidung befreit, wenn sie trotz vollem Bäuchlein, sauberer Windel, Schmerzfreiheit und zig Schlafliedern den Schlaf nicht fanden. Anstatt in mich zu gehen, hätte ich für einmal besser etwas an den äusseren Umständen geändert.

Und hier noch einmal in aller Deutlichkeit mein Ratschlag für alle von Schlaflosigkeit geplagten Kleinkind-Eltern: Zieht um Himmels Willen dem armen Kindchen die Socken aus! Bei dieser Wärme kann doch kein Mensch schlafen.

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DIY Realität

Über Jugendliche, die in den Weiten der virtuellen Welt den Bezug zur Realität verlieren, wird ausgiebig diskutiert. Dass auf der anderen Seite des Altersspektrums etwas ganz ähnliches geschieht, scheint hingegen kaum jemanden zu interessieren. Woran dies liegt? Vielleicht daran, dass viele ältere Menschen sich ihre Realität aus den traditionellen Medien zusammenzimmern?

„Ich habe einen Termin in Basel“, sagte ich heute früh zu meinem Tischnachbarn. „Haben Sie denn Ihr Auto dabei?“, fragte er. „Nein, ich fahre mit dem Zug, das ist viel gemütlicher“, gab ich zur Antwort. Nachdenklich schüttelte er den Kopf und meinte: „Ja, gemütlich wäre das schon, wenn nur die Gewalt in den Zügen nicht wäre. Das muss furchtbar sein.“ „Nun ja, natürlich kommt es zu solchen Vorfällen, aber meist geht es im Zug ganz gesittet zu und her“, entgegnete ich. „Also, ich würde nie die Bahn nehmen. Wissen Sie, diese Gewalttätigkeiten, das ist einfach viel zu gefährlich. Neulich stand da in der Zeitung…“ Was hätte ich da noch entgegnen sollen? Die alltäglichen Erfahrungen einer ziemlich fleissigen Bahnfahrerin sind nun mal weniger glaubwürdig als die aufgeregte Berichterstattung über einzelne tragische Vorfälle.

Ähnliche Gespräche hatte ich schon mehrmals in den vergangenen Tagen. Egal ob von Einwanderung, Umweltschutz, Schulunterricht, Arbeitslosigkeit oder Landwirtschaft die Rede war, immer wieder wurden Beispiele herausgegriffen, über die breit in den Medien diskutiert worden war. Von eigenen Erfahrungen wussten meine Gesprächspartner nichts zu berichten, es war alles nur aus zweiter Hand, meist deutlich gefärbt durch die Meinung eines rechtsgerichteten Kommentatoren. Hielt ich dagegen, dass es abgesehen von diesen Extremen auch ganz viel Gewöhnliches gebe, das ziemlich ordentlich laufe, schüttelten meine Gesprächspartner entrüstet die Köpfe und gaben mir zu verstehen, ich hätte keine Ahnung von der Realität.

Im Grunde genommen könnte mir das alles egal sein, sie sind ja nicht meine Freunde. Nachdenklich stimmt mich die Sache trotzdem. Ist es denn besser, wenn jemand die Welt nur noch durch die dunkel gefärbte Brille der Angst sieht, als wenn ein anderer vor lauter Virtualität das Echte übersieht? Zumal die älteren Semester deutlich fleissiger zur Abstimmungsurne gehen als wir, die wir noch mitten drin im Alltagsleben stecken und die Dinge ein wenig nüchterner betrachten.

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Atempause

Im ersten Moment dachte ich, es sei eine gute Idee, nach dem ganzen Stress der vergangenen Monate dem Rat der Ärztin zu folgen und eine Auszeit im „Ländli“ zu nehmen. Erstaunlicherweise war es kein Problem, Unterstützung zu finden, so dass „Meiner“ den Laden während meiner Abwesenheit nicht alleine schmeissen muss. Und weil ich Streberin für das Fest bereits alles vorbereitet habe, ist es auch nicht weiter schlimm, dass ich mich ausgerechnet in der Woche vor Weihnachten aus dem Staub gemacht habe.

Je näher aber der Tag der Abreise rückte, ums grösser wurden die Bedenken. Bekommt „Meiner“ wirklich genug Entlastung? Ist es okay, wenn er seine Erholungstage erst nach Weihnachten hat? Werden die Kinder nicht furchtbar traurig sein? Wie werde ich mit mir selber klarkommen, so ganz alleine in meinem Einzelzimmerchen? Die Versuchung war gross, die ganze Sache abzublasen, doch weil ich es meiner Familie schuldig bin, endlich wieder richtig auf die Beine zu kommen, habe ich am Sonntag doch den Zug nach Oberaegeri bestiegen.

Kaum angekommen, wusste ich, dass ich das Richtige getan hatte. Zwar ist auch hier nicht alles perfekt – auf die fremdenfeindlichen Äusserungen meiner Tischnachbarn könnte ich gut und gerne verzichten -, aber nach den Turbulenzen der vergangenen Monate beginne ich endlich wieder klar zu sehen, was in meinem Leben wirklich zählt, wo ich mich einbringen will und wovon ich in Zukunft lieber die Finger lassen will. Und das Beste ist: Es schreibt wieder in meinen Kopf, beim ersten Anblick des Aegerisees begannen die über lange Zeit angestauten Ideen wieder zu fliessen wie zu meinen besten Zeiten.

Jetzt müsste es mir nur noch gelingen, mich zu erholen, aber dazu habe ich ja noch bis Sonntag Zeit.

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