Mutlos

Da habe ich doch gestern Abend all meinen Mut zusammengenommen und  habe mich um Viertel vor elf ins Bett verkrümelt, wo ich nur gerade zehn Minuten gelesen habe, bevor mir die Augen zufielen. Eine wahrlich mutige Tat, die aber gewisse Menschen in „Meiner“ Familie nicht mit einer Tapferkeitsmedaille belohnen, sondern damit, dass sie mich daran hindern, die mutige Tat auch zu Ende zu führen. Als ich nämlich meinen müden Kopf auf das Kissen legte, kam nicht der Schlaf, sondern das Prinzchen, das so gar nicht verstehen konnte, dass Mama schon so früh Feierabend machen wollte und gar keine Lust verspürte, mit ihm, der immerhin schon vier Stunden tief und fest geschlafen hatte, ein wenig Spass zu haben. Zuerst tat er ja noch dergleichen, als wolle er einfach neben mir liegen und dösen, aber bald schon wurde ihm dies zu langweilig und er versuchte, mir meine Brille aufzusetzen, das iPad mit den Füssen anzuschalten, mein Kissen zu stehlen, auf meinem Rücken „Joggeli chasch au riite?“ zu spielen und mich davon zu überzeugen, dass ich jetzt gleich das Bett verlasse, um ihm einen Kakao zu machen, wo er doch genau weiss, dass es nachts keinen Kakao gibt.

Ihr mögt mich getrost einen Feigling schimpfen, aber heute Abend lasse ich mich nicht noch einmal auf das Abenteuer „Früh schlafen gehen“ ein. Sitze ich um elf noch auf dem Sofa, wenn das Prinzchen seine Nachtrunde dreht, dann mag das Ganze ja noch als herzig durchgehen. Liege ich aber um dieselbe Zeit im Bett und suche den Schlaf, dann nervt es mich nur, dass da ein kleiner Schlafräuber ums Bett schwirrt, über meinen Rücken klettert und an meine Haaren zerrt. Weil ich aber dennoch ganz dringend mehr Schlaf brauche, habe ich beschlossen, mir eine neue Freizeitbeschäftigung zuzulegen: Es lebe der Mittagsschlaf!

Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wo ich die Freizeit herholen soll, um mein neues Hobby zu pflegen…

Heute bin ich mal ganz mutig…

Schon seit dem späten Nachmittag schwirrt die Frage durch meinen Kopf: Soll ich es wirklich wagen, oder soll ich nicht besser bei meinen alten Gewohnheiten bleiben? Was, wenn mir die Sache so viel Spass macht, dass ich es morgen wieder tun will? Und übermorgen auch und überübermorgen gleich noch einmal? Was, wenn sich da eine Sucht in mein Leben frisst, die ich mir dann nicht mehr so leicht abgewöhnen kann?

Andererseits haben mir schon viele Leute dazu geraten, es mal zu probieren. Leute, die ganz glücklich und ausgeglichen scheinen. Leute, die ich respektiere und die mehr vom Leben verstehen als ich. Leute, die das Tag für Tag tun und dabei ziemlich fit und gesund aussehen. Fitter und gesünder als ich allemal.

Vielleicht könnte es nicht schaden, die Sache mindestens einmal auszuprobieren. Einmal ist bekanntlich keinmal, also werde ich nicht gerade mein Leben ruinieren, bloss weil ich mal schaue, wie es sich anfühlt. Und meines Wissens ist die Sache auch nicht schädlich.

Okay, ich glaube, ich tu’s jetzt einfach, egal, was die Konsequenzen sein mögen: Ich gehe heute vor Mitternacht schlafen.

Ihr seid auch ganz sicher, dass das nicht gefährlich ist?

Schluchz!

Die ersten Tränen hatte Luise bereits vorgestern vergossen, doch als sie heute den ganzen Vormittag über ziemlich aufgeräumt und glücklich erschien, dachte ich, dass wir den schweren Abschied von unserem Au Pair vielleicht ohne weitere Tränen überstehen würden. Doch dann, etwa fünfzehn Minuten vor der Abfahrt, brach der Damm erneut und Luise sass schluchzend und schniefend auf des Au Pairs Schoss. Wir anderen sassen betreten daneben, hätschelten und trösteten Luise und lenkten uns damit von unserer eigenen Traurigkeit ab.

Doch dann, als das Au Pair ins Auto stieg, Luise noch herzzerreissender schluchzte und uns allen klar war, das es jetzt wirklich ernst galt, konnten auch „Meiner“ und ich nicht mehr anders, als ein paar Tränen zu verdrücken. Karlsson wartete noch, bis das rote Auto ausser Sichtweite war, dann rannte auch er schluchzend nach oben, wo er dem Au Pair einen ersten Brief schrieb. Das Schreiben beruhigte unseren Ältesten, worüber ich sehr froh war, denn inzwischen lag der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Herzschmerz auf dem Sofa. Bei jedem Versuch, ihn zu trösten, kam eine neue Welle der Traurigkeit über ihn, die natürlich auch mich mit sich riss. Einzig das Prinzchen und der Zoowärter heulten nicht, aber die werden auch erst in den kommenden Tagen verstehen, dass das Dachzimmer jetzt leer, der achte Platz am Tisch nicht mehr besetzt ist.

Ich weiss, dass ein Abschied genau so sein muss, wie er heute war: Traurig, aufwühlend, schmerzhaft. Wäre man fröhlich oder gar erleichtert, wäre dies ein schlechtes Zeichen. Die Geschichten von Gasteltern und Au Pairs, die sich zum Schluss nur noch aus dem Weg gehen und die einander keine Träne nachweinen, kennen wir alle und ich bin von Herzen dankbar, dass es bei uns nicht so war. Einen Abschied unter Tränen erlebt man nur nach einer sehr guten Zeit. Doch dieses Wissen macht die Tatsache, dass diese sehr gute Zeit jetzt zu Ende ist, nicht weniger traurig.

 

Im Dienste des Prinzen

Es fragt sich ja schon, weshalb ich mir eigentlich eine berufliche Herausforderung zulegen musste, wo doch die Aufgabe als Leibwache und Kammerzofe des Prinzchens herausfordernd genug ist. Meist fängt es schon in den frühen Morgenstunden an, wenn alle Bediensteten des jungen Herrn noch im Bett liegen, der junge Herr aber wegen einer vollen Windel nicht mehr im Bett liegen mag. Nun würde man ja erwarten, dass so ein kleiner Adliger ein Gebrüll anstimmt, um all sein Personal herbeizurufen. Aber das Prinzchen mag nicht warten, bis jemand kommt und entledigt sich der schmutzigen Windel gleich selbst, entsorgt sie brav im Windeleimer und macht sich dann auf Entdeckungstour in der Wohnung. Dass er dabei Spuren hinterlässt, kann ihm egal sein. Wozu hat man denn Diener, wenn nicht zum Beseitigen der Spuren? Irgendwann möchte das Prinzchen nicht mehr ohne seine Entourage sein und schleicht sich zum Bett seiner Eltern. Diese erwachen nicht wegen des süssen Gebrabbels aus prinzlichem Munde, sondern wegen des widerlichen Gestanks, der von dort kommt, wo eigentlich eine Windel sein sollte. Vielleicht erwachen sie auch, weil es dem Prinzchen nicht gelungen ist, sich eine Hose über den schmutzigen Hintern zu ziehen und er jetzt brüllend mit zwei Beinen in einem Hosenbein feststeckt.

Und jetzt geht es los. Während der eine sich mit dem Putzlappen in der Wohnung auf Spurensuche macht, versucht die andere, den jungen Herrn zu säubern, ohne dabei den Kinderschutz auf den Plan zu rufen. Denn Prinzchen und Wasser, das passt nicht zusammen. Nicht baden, nicht duschen, schon gar nicht Haare waschen. Wasser ist zum Trinken da. Und zum Herumspritzen am Lavabo. Aber Saubermachen ist das Letzte und das sollen alle wissen, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Meist bringt man das Kind mit Mühe und Not sauber, steckt es in saubere Kleider – so man denn etwas findet, was sich der junge Herr ohne Protest und Gezeter überziehen lässt, weil ihm Farbe und Aufdruck für einmal zusagen – und man denkt, man könne jetzt den Tag ruhig und beschaulich angehen.

Kann man aber nicht, denn Beschaulichkeit ist nicht des Prinzen Stärke. Die Beschaulichkeit gehört dem Zoowärter und ein Prinz grast nicht auf fremden Wiesen. Er weiss ja, was sich gehört. Der Prinz im Hause ist zuständig für Abenteuer, Klettertouren und Entdeckungsreisen. Und so verbringt man den Rest des Tages damit, das Kind von der Lehne des Trip Trap herunterzuholen, auf die es geklettert ist, um den Inhalt des Gewürzschranks genauer unter die Lupe zu nehmen und zu testen, wie sich scharfes Paprika und sanfte Prinzenaugen miteinander vertragen. Wenige Momente später muss die Türe bewacht werden, was leider nicht mehr geht, indem man die Türe abschliesst. Musste er vor wenigen Wochen noch mühsam einen Stuhl herbeischleppen, um das lästige Schloss zu öffnen, genügt es heute, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt und schon ist sie da, die grosse Freiheit. Nun mag man sich fragen, weshalb er denn nicht rausdarf. Immerhin stattet er meist einen Besuch bei der Grossmama ab, die einen Stock tiefer wohnt. Und gegen einen Besuch bei ihr wäre tatsächlich nichts einzuwenden, könnte man denn sicher sein, dass er auch wirklich dort ankommt. Hin und wieder schnappt sich der junge Herr nämlich auch die Gummistiefel des grossen Bruders und dann geht’s ab in den Garten, wo das noch viel zu grosse Laufrad getestet werden will. Nun gut, auch dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn denn das Prinzchen eine Hose und eine Jacke tragen würde. Und wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das Gartentor für ihn die Grenze ist und er nicht das Territorium ausserhalb seines Reiches erkunden würde. Und dieses Territorium heisst nun mal Strasse und ist vollkommen untauglich für einen kleinen, abenteuerlustigen und unvernünftigen Prinzen.

Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Tag vielleicht einfacher würde, wenn das Prinzchen sich ein wenig aufs Ohr legen würde. Müde ist er ja und man selber könnte man eine Pause auch ganz gut gebrauchen. Aber ist Müdigkeit denn ein Grund, sich schlafen zu legen? Nein, denn wenn man müde ist, kann man für viel mehr Action sorgen. Dann kann man sich mit den grossen Brüdern anlegen – und herzzerreissend heulen, wenn die sich zur Wehr setzen – Orangensaft verschütten, weil man den Becher nicht mehr trifft, über die eigenen müden Beine stolpern und dergleichen. Macht doch unglaublich viel Spass, aber Mama spielt nicht mit und zwingt den jungen Herrn trotzdem ins Bett. Aber wo man schon im Bett liegt und Mama so friedlich nebendran, könnte man ihr ja gleich zeigen, wie geschickt man sich im Schlafsack über das Gitter des Betts schwingen kann. Aber diese humorlose Mama will nichts davon sehen, will nur langweilige Lieder singen und schläft am Ende selber fast ein.

Meist ergibt sich das Prinzchen dann doch noch dem Schlaf und die Bediensteten atmen auf: Ein paar Momente der Ruhe, in denen man über all die Spässe, die der junge Herr sich wieder erlaubt hat, lauthals lachen kann. Lange dauert die Ruhe nicht, denn bald schon steht er wieder da, mit zerzaustem Haar und schelmischem Blick und verkündet: „Han guet gschlafe!“ („Ich habe gut geschlafen!“) und dann geht’s weiter mit Klettern, Entdecken und Saft verschütten. Bis zum späten Abend, wenn er sich endlich zur Ruhe legt und wir Bediensteten an seinem Bett stehen und zueinander sagen: „Ist er nicht zum Fressen, dieser süsse kleine Tyrann?“

Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.

Muss das sein?

Mussten die zwei jungen Frauen ausgerechnet ein Restaurant bei uns in der Region überfallen, um ein paar hundert Franken Bargeld zu erbeuten? Und musste Luise ausgerechnet gestern, als dies am Radio gemeldet wurde, bei den Nachrichten genauer hinhören? Ich weiss nicht, was unsere Tochter mehr schockiert hat: Die Tatsache, dass die Welt auch bei uns nicht immer nur heil und schön ist, oder die Tatsache, dass es Frauen waren, die Gewalt angewendet haben. Junge Frauen, nur ein paar Jahre älter als Luise.

Seit jener Nachrichtensendung von gestern Nachmittag löchert sie uns mit Fragen. War die Waffe echt, oder haben die eine Spielzeugpistole gekauft? Wurde jemand verletzt? Waren das vielleicht die zwei Frauen, die wir vor einigen Monaten am Basler Hauptbahnhof gesehen hatte? Die mit den schwarzen, bodenlangen Mänteln? Was ist, wenn die Frauen zu uns kommen?

Tagsüber schafft es unsere Tochter noch, die aufwühlende Geschichte mit Fragen zu verarbeiten. Aber abends, wenn alles dunkel ist, wenn die Schatten sich bewegen und es knackt im Gebälk, dann helfen all die beruhigenden Antworten, die „Meiner“, das Au Pair und ich tagsüber geben, nichts mehr. Dann sitzt unsere Tochter starr vor Angst im Bett und traut sich nicht, zu uns zu kommen, weil ihr bereits der Weg zum Lichtschalter zu gefährlich erscheint. Erst, wenn zufällig jemand Licht macht im Treppenhaus, wagt sie sich aus dem Bett, zitternd, blass und so aufgewühlt, dass wir sie nur mit grösster Mühe beruhigen können.

So, wie ich unsere Luise kenne, wird es eine ganze Weile dauern, bis sie wieder ruhig schläft, bis sie wieder sorglos und glücklich sein wird. Wenn ich sehe, wie sehr die Geschichte unserer Tochter zusetzt, dann packt mich die Wut und ich wünschte, wir würden in einer Welt leben, in der kleine Mädchen keine Angst vor den Taten grosser Mädchen haben müssten.

Ist das jetzt der Letzte?

Nachdem wir nun ein paar Monate kinderwagenlos unterwegs waren, haben das Au Pair und ich heute die Geduld verloren und wir haben uns aufgemacht, Kinderwagen Nummer 7 zu erstehen. Ja, ich weiss, ich hatte mir geschworen, nie wieder einen zu kaufen, aber wenn ihr mal an einem sonnigen Winternachmittag mit dem Prinzchen im Schlepptau durch Solothurn geschlendert wäret, würdet ihr verstehen, weshalb wir noch einmal Geld ausgegeben haben für so ein Ding. Das Kind kann nämlich nicht – wie es sich für einen Zweijährigen gehört – im Schneckentempo durch die Strassen wandern, hier einen Stein bewundern und da einen Flaschendeckel aufheben. Nein, der Kleine rast durch die Strassen, klettert, wo er nicht klettern sollte, weil es lebensgefährlich ist und entschwindet unseren Blicken, wann immer er kann. Wenn es schon im beschaulichen Solothurn so schwierig ist, das Kind im Auge zu behalten, wie wird das erst im von Touristen überschwemmten Prag sein, wo wir die Sommerferien verbringen werden? Also musste ein Kinderwagen her und zwar sofort.

Nun mögt ihr euch vielleicht fragen, wie man bloss auf die hirnverbrannte Idee kommt, mit fünf Kindern eine Ferienwoche in Prag zu buchen. Nun, ich werde euch erklären, weshalb wir zum Schluss gekommen sind, dass dies genau der richtige Zeitpunkt ist. Vor ein paar Jahren noch wäre es nicht möglich gewesen, denn mit mehreren Wickelkindern, vielleicht noch einem Baby, das gestillt werden muss und ein oder zwei Kleinkindern im besten Trotzalter verbringt man nun mal keine Ferien in einer Stadt. In ein paar Jahren, wenn Karlsson und Luise in der Pubertät sein werden und über alles, was mit Geschichte, Kunst oder Kultur zu tun hat, nur schnöden werden, können wir das auch nicht mehr machen. Dann werden wir nämlich irgendwo am Strand liegen müssen, weil dies für unsere Kinder das höchste der Gefühle – und für mich der Albtraum schlechthin – sein wird.

Jetzt aber, wo Karlsson für Barock, klassische Musik und Antiquitäten schwärmt, Luise sich von Ballett, hübschem Krimskrams und köstlichen Torten verzaubern lässt, der FeuerwehrRitterRömerPirat mit Begeisterung in der Zeit der Ritter, Kaiser und alten Astronomen wühlt und der Zoowärter sich so sehr mit dem kleinen Maulwurf identifiziert, dass er demnächst einen unterirdischen Gang im Garten graben wird, ist der perfekte Zeitpunkt gekommen, um unseren Kindern die Stadt zu zeigen, die all das, was sie lieben, bietet.

Aber eben, das Prinzchen ist noch etwas klein, um all die Schönheit ohne Kinderwagen zu sehen. Wir wollen doch nicht, dass er sich im Gedränge einer Italienischen Reisegruppe anschliesst und am Ende nur Pizza und Pasta, anstelle von Knödeln und Palatschinken isst. Also haben das Au Pair und ich uns auf die Suche nach einem erschwinglichen Kinderwagen gemacht, der trotzdem stabil genug ist, um mindestens bis zum Sommer durchzuhalten. Ich kann euch versichern, es war nicht einfach, aber am Ende wurden wir im Fachgeschäft fündig. Allerdings mussten wir sehr lange warten, bis wir das Wägelchen bezahlen und mitnehmen konnten, den die einzige Bedienung in dem riesigen Geschäft war gerade dabei, werdenden Eltern zu erklären, worauf man beim Kinderwagenkauf zu achten hätte. Ich hatte ganz vergessen, wie unsinnig die Fragen sind, die werdende Eltern in einem Baby-Fachgeschäft stellen können. Waren „Meiner“ und ich auch mal so unwissend?

Nun, irgendwann tauchte dann doch noch eine zweite Verkäuferin auf und die wollte sogleich damit anfangen, zu erklären, was Kinderwagenkäufer gewöhnlich wissen wollen: Wie man das Gefährt zusammenlegt, welche Vorzüge es hat, was man damit alles machen kann. Weit liess ich sie allerdings nicht kommen mit ihren Erläuterungen. Dies sei Kinderwagen Nummer 7, liess ich sie wissen, deshalb brauche man mir nichts mehr zu erzählen. Man hat ja schliesslich seinen Stolz, nicht wahr? Oder sehe ich etwa so aus, als sei ich eine Anfängerin in Sachen Kinderwagen?

Nun ja, offen gestanden war es nicht nur der Stolz, der mich daran hinderte, der Verkäuferin zuzuhören. Vor allem wollte ich einfach nur so schnell als möglich aus diesem Laden herauskommen. Irgendwie wurde mir nämlich etwas weh ums Herz, als ich diesen werdenden Eltern zuhörte und mir klar wurde, dass ich nie wieder einer Verkäuferin unsinnige Fragen zu Kinderwagen stellen werde. Und als mir bewusst wurde, dass dies wohl tatsächlich der allerletzte Kinderwagen war, den ich gekauft habe. Obschon ich dies ja schon öfters gesagt habe…

Träume ich?

Könnte mich mal bitte jemand in den Arm kneifen, damit ich endlich weiss, ob ich wach bin oder träume? Ich kann einfach immer noch nicht glauben, dass wir heute alle zusammen – sieben Vendittis, ein Au Pair und ein Tageskind – für weniger als hundert Franken einen Tag im Zürcher Zoo verbracht haben. Das Ganze ohne irgendwelche Vergünstigungen vom Grossverteiler oder von der Bahn, ohne an der Kasse frech zu behaupten, „Meiner“ sei erst sechzehn, schliesse im nächsten Sommer die Schule ab und dürfe deswegen noch zum Schülertarif rein. Nein, wir kamen, sahen die Preise und rieben uns die Augen: Wie bitte, die lassen uns für schlappe 76 Fränklein rein? Jahrelang hatten wir ausschliesslich die Tiere im Basler Zolli besucht, weil die Zürcher unser Budget zu sehr strapaziert hatten und jetzt dies: Kinder bis sechs bezahlen nichts, für den Rest der Familie gibt es ein günstiges Familienticket (und es steht an keinem Ort der diskriminierende Zusatz „Gültig für zwei Erwachsene und maximal zwei eigene Kinder“) und ausserdem kann man die Knöpfe noch in eine dieser ungemein hässlichen aber auch ungemein praktischen Karren setzen. Hat sich tatsächlich zu meinen Lebzeiten etwas getan in Sachen Familienfreundlichkeit?

Ich weiss nicht, ob euch die ganze Tragweite dieser Veränderung bewusst wird, wenn ihr das hier lest. Es geht hier nämlich um sehr viel mehr, als um die Frage, wie viel Geld Vendittis nach dem Zoobesuch noch im Portemonnaie haben. Die eigentliche Sensation ist nämlich, dass es hier eine Institution – und zwar nicht die Unbedeutendste- geschafft hat, tatsächlich familienfreundlich zu werden. Nicht nur mit tollen Spielplätzen, interessanten Denkanstössen  für die Kinder und kinderwagentauglichen Wegen. Nein, für einmal fängt die Familienfreundlichkeit schon an der Kasse an und das ist ja bekanntlich der Ort, an dem die meisten tollen Familienausflüge hierzulande scheitern.

Während ich mich über diese Veränderung freue, muss ich unweigerlich an meinen ersten Besuch mit eigenen Kindern im Zürcher zurückdenken. Damals war der Zoo nicht nur schrecklich teuer, sondern auch sonst nicht ganz auf Augenhöhe mit den Jüngsten. Als Karlsson, der damals noch Windeln trug, einmal eine frische Windel brauchte, konnte ich nicht gleich einen Wickeltisch finden. Also wandte ich mich an einen Mitarbeiter im Zoorestaurant. Wo sie denn hier einen Wickeltisch hätten, fragte ich. Der Mann schaute mich verwirrt an, warf einen prüfenden Blick in den Speisesaal und fragte dann zurück: „Einen Wickeltisch? Für Sie, oder für das Kind?“ Dann, als ich ihm sagte, dass ich den Wickeltisch natürlich nicht für mich bräuchte, schüttelte er nur den Kopf und murmelte, so etwas hätten sie hier nicht.

Ist doch schön, dass es nur gerade zehn Jahre gedauert hat, bis die Dinge so ganz anders aussehen…

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Generalstreik im Kleiderschrank

Es ist mal wieder soweit: Meine Kleider haben alle gemeinsam den Entschluss gefasst, mich im Stich zu lassen. Zuerst die Jeans, die mehr Loch als Hose war, dann die Bluse, die mir seit mehr als zehn Jahren die Treue gehalten hatte und schliesslich auch noch die pinkfarbene Hose, die mich seit der letzten Schwangerschaft stets getröstet hatte, wenn ich mich mal wieder so richtig hässlich fühlte. Gut, ich geb’s ja zu, ich war nicht immer nur nett zu meinen Kleidern. Ich habe sie immer mal wieder achtlos auf dem Fussboden liegen gelassen, wenn ich abends zu faul war, sie fein säuberlich zusammenzufalten. Hin und wieder habe ich sie auch mit Farben kombiniert, die so ganz und gar nicht passen wollten. Und das eine oder andere Mal habe ich auch gemotzt, ich würde mal wieder unmöglich aussehen in diesen Fetzen. Ja, wahrlich nicht sonderlich nett, aber das gibt meinen Kleidern doch noch lange nicht das Recht, in Generalstreik zu treten und mich ausgerechnet jetzt, wo ich wieder jeden Tag das Haus verlasse, im Stich zu lassen. Ein bisschen mehr Loyalität hätte ich ja schon erwartet, nach allem Zu- und Abnehmen, das wir in den vergangenen Jahren der Familiengründung gemeinsam durchgestanden haben, meine Kleider und ich.

Nun mag man sich ja fragen, was denn so schlimm sei daran, wenn man sich von alten Kleidern trennen muss. Immerhin hat man dann einen guten Grund, sich neue zu kaufen und das, so könnte man meinen, sollte mir als Frau die Freudentränen in die Augen treiben. Das Problem ist nur, dass ich zu der Sorte Frauen gehöre, die lieber zum Zahnarzt gehen als in einen Kleiderladen. Versteht mich nicht falsch, ich mag schöne Kleider, aber die sollen bitte von selbst den Weg in meinen Schrank finden und dann ewig bleiben. Oder zumindest so lange, bis ich ich ihren Anblick wirklich nicht mehr ertragen kann. Gut, inzwischen kommen die Kleider ja tatsächlich von selbst zu mir, habe ich mich doch voll und ganz dem Versandhandel verschrieben. Das Paket wird geliefert, ich probiere das Zeug dann, wenn keiner zuschaut, einen Bruchteil behalte ich, den Rest schicke ich wieder zurück. Alles perfekt also, nicht wahr?

Nicht ganz, denn leider dauert es eine Weile, bis so ein Paket ankommt und da ich mir neue Kleider immer erst dann besorge, wenn die alten wirklich kaputt sind, darf ich behaupten, dass ich zurzeit eine der wenigen Frauen in unseren Breitengraden bin, die tatsächlich nichts Anzuziehen hat, zumindest nichts, das noch alle Knöpfe dran hat. Auch das wäre noch nicht so schlimm, denn kleine Mängel lassen sich leicht kaschieren oder im schlimmsten Fall vielleicht sogar beheben. Schlimm aber ist, dass ich meinen kleiderlosen Zustand vor „Meinem“ so lange werde geheim halten müssen, bis das Paket ankommt. Denn ich weiss genau, was geschehen wird, wenn er von meinem leeren Kleiderschrank erfährt: Er wird alle Hebel in Bewegung setzen, damit ich einen Tag freinehmen kann, um mir Kleider zu kaufen. Gut, so ein freier Tag wäre gar nicht so schlecht, nur weiss ich, dass „Meiner“ am Ende dieses Tages auch neue Kleider sehen will, was bedeuten würde, dass ich mir meine Freizeit nicht in Buchhandlungen und Museen um die Ohren schlagen könnte. Und Freizeit, die ich mit Kleiderkauf vergeuden muss, kann mir gestohlen bleiben.

Es könnte sogar noch schlimmer kommen, nämlich dann, wenn ich mich standhaft weigere, ein Kleidergeschäft zu betreten und „Meiner“ am Ende wieder selber auf Einkaufstour für mich geht. Nicht, dass er mir hässliche Kleider bringen würde. Im Gegenteil, der Mann hat Geschmack. Aber möchtet ihr vielleicht von „Eurem“ zu hören bekommen: „Schau mal, was ich dir vom Einkauf mitgebracht habe. Ist sie nicht hübsch, die Bluse? Und günstig war sie obendrein. Wenn du willst, kann ich sie dir morgen noch in Lila besorgen…“?