Der Wunderkuchen

So schnell behaupte ich nicht wieder, dass man aus Chick-Lit keinen Nutzen ziehen könne. Der „Earl Grey Tea Cake„, den ich nach dem Rezept aus einem jener seichten Oeuvres gebacken habe, ist der Hammer. Und mit dem Kuchen habe ich etwas fertig gebracht, was mir in meiner ganzen bisherigen Karriere als Schwiegertochter noch nie gelungen ist: Schwiegermama hat ein zweites Stück Geburtstagskuchen verlangt! Schwiegermama, die keine „Dolci“ mag. Schwiegermama, die meinen Kochkünsten mehr als skeptisch gegenüber steht. Nun ja, einer Vegetarierin kann man ja nicht trauen, wenn man selber eine italienische Mama ist. Schwiegermama, die nicht mal Tee trinkt, wenn sie krank ist. Schwiegermama, die sich eher die Zunge abbeissen würde, als mich in meiner Gegenwart zu loben. Gewöhnlich redet sie nur hinter meinem Rücken gut über mich, aber immerhin dies.

Wie oft habe ich nach dem perfekten Schwiegermama-Kuchenrezept gesucht? Wie oft war ich enttäuscht, wenn sie wieder nur mit säuerlicher Miene die sorgfältig nach ihrem Geschmack zubereitete Torte beiseite geschoben hatte? Und jetzt, wo ich die Hoffnung aufgegeben hatte, ihren Geschmack je treffen zu können, backe ich einen „Earl Gray Tea Cake“ aus einem billigen Roman und Schwiegermama greift zu wie noch nie zuvor, ohne dass sie „Meiner“ dazu hätte überreden müssen. Wenn ich das gewusst hätte, dann hätte ich schon früher damit angefangen, hin und wieder einen seichten Roman zu lesen. Ich hätte mir damit manchen Frust ersparen können.

Wie? Ihr wollt das Rezept dieses Wunderkuchens? Ha! Vergesst es. Ich habe mir das Rezept mit mühseliger Lektüre hart erkämpfen müssen und euch soll es nicht besser gehen. Entweder, ihr lest das Oeuvre mit dem Titel „Sugar and Spice“ von der ersten bis zur letzen Seite und verdient euch damit jeden einzelnen Bissen des Wunderkuchens. Oder ihr sucht bei Google, aber ob ihr dann auch wirklich genau dieses Rezept findet, kann ich euch nicht garantieren. Und dann seid ihr ganz selber Schuld, wenn eure Schwiegermama kein zweites Stück Kuchen verlangt.

Jetzt hab dich doch nicht so!

Meine lieben Leser, heute Abend muss ich mal wieder ein wenig jammern und die meisten werden sich beim Lesen wohl an die Stirne greifen, weil sich mein Gejammer mal wieder auf ein Luxusproblem bezieht. Nun, eigentlich ist es nicht mal ein Problem, sondern einfach ein Herzenswunsch, der wohl für immer unerfüllt bleiben wird. Und es gibt gewisse Tage, an denen mir bewusst wird, dass dieser Herzenswunsch noch immer da ist, auch wenn ich ihn schon längst vergessen sollte.

Heute ist mal wieder so ein Tag. Luise wird nämlich morgen sieben Jahre alt. „Was ist denn so schlimm daran?“, werden sich jetzt manche fragen und ich antworte: Nichts ist schlimm daran, gar nichts, ausser der Tatsache, dass mein einziges Mädchen schon so gross ist. So gross, dass sie mir neulich gesagt hat: „Mama, du darfst meinen Geburtstagskuchen dekorieren, wie du willst, nur eines will ich nicht haben: Prinzessinnen! Klar?“ Klar doch, Luise, keine Prinzessinnen, das ist zu kindisch. Und heimlich verdrücke ich ein paar Tränen. Nicht, weil ich so gerne Prinzessinnen hätte, sondern weil es meine einzige Tochter so furchtbar eilig hat mit dem Grosswerden. Dann räume ich mit einem tiefen Seufzer Luises zu klein gewordenen Kleinkinderkleider weg und weiss, dass ich sie nie wieder hervorholen werde.

„Jetzt hab dich doch nicht so!“, werden meine Leser sagen. „Du hast fünf gesunde Kinder. Denk mal an all die Menschen, die keine Kinder bekommen können. Und du machst ein Geschrei, weil du findest, du hättest eine weitere Tochter gebraucht.“ Und ich muss ja zugeben, wer so denkt, hat vollkommen recht. Ich habe fünf wunderbare, gesunde Kinder, die mein Leben unglaublich reich machen. Wenn ich also jammere, dann verhalte mich ähnlich wie ein Lottomillionär, der für seinen Reichtum keinen Finger krümmen musste und der trotzdem noch mehr haben will. Wenn ich mich frage, warum der Himmel, wo er uns doch mit Kindern so reich beschenkt hat, nicht auch noch ein zweites Mädchen  in die Familie gegeben hat, dann verhalte ich mich wie eine verzogene Göre, die immer nur mehr und mehr will. Dessen bin ich mir voll und ganz bewusst und ich schäme mich dafür.

Eines aber will ich trotz meines Gejammers festhalten: Ich liebe jeden meiner vier Söhne genau so sehr wie ich meine Tochter liebe und würde morgen jemand an der Haustüre klingeln und mir ein Mädchen im Tausch gegen einen meiner Söhne anbieten, ich würde sagen: „Nie und nimmer gebe ich einen meiner Söhne her. Jeder von ihnen ist ein unersetzliches Original, das ich liebe wie mein eigenes Leben.“ Doch dann, bevor ich der Person die Tür vor der Nase zuschlagen würde, würde ich sagen: „Aber das Mädchen, das dürfen Sie gerne hier lassen. Denn das hat mir gerade noch gefehlt.“

PowerPoint-Blockade

Da bin ich doch eben erst frisch gestärkt aus dem Ländli nach Hause gekommen mit dem Gefühl, jetzt werde alles besser. Nun ja, ich wusste natürlich schon, dass nicht alles besser werden würde, aber immerhin war meine Schulterverspannung weg, die schwarzen Augenringe waren etwas verblasst, mein Optimismus war wieder aus der Versenkung aufgetaucht und, das Allerwichtigste, ich hatte den Anfang einer neuen Geschichte im Gepäck. Einfach so, aus dem Nichts, hatte mich im Ländli die Muse geküsst und ich war mir sicher, dass aus der Sache etwas werden könne.

Heute, nicht ganz sieben Wochen später, sind nicht bloss meine Schultern wieder verspannt und meine Augenringe wieder da, nein, auch die gute alte Schreibblockade hat sich wieder bei mir eingefunden. Hat sich einfach so, ganz frech, an meinen Bürotisch gesetzt, mich süss angelächelt und gesäuselt: „Da bin ich wieder! Hast du mich vermisst?“ „Habe ich nicht“, knurrte ich. „Verschwinde aus meinem Büro, aber sofort!“ „Aber aber, warum so unfreundlich?“, fragte mich die Schreibblockade mit unschuldigem Augenaufschlag. „Ich bin doch bloss gekommen, um dir zu helfen.“ „Du mir helfen? Ausgerechnet! Du hinderst mich bloss am Arbeiten, das ist alles.“ „Ich hindere dich überhaupt nicht am Arbeiten“, entgegnete die Schreibblockade, setzte sich mit geschäftiger Miene aufrecht hin, startete den Computer und öffnete das Dokument mit meiner angefangenen Geschichte. „Ich möchte mit dir über diesen Wörtersalat sprechen“, sagte sie abschätzig. „Das ist kein Wörtersalat“, setzte ich mich zur Wehr. „Das ist der Anfang meiner neuen Geschichte. Das wird eine ganz tolle Sache. Kannst mir glauben.“ „Ein Wörtersalat ist das und wenn du daraus eine Geschichte machen willst, dann fängst du am besten noch einmal von vorne an. Mit einer anderen Hauptperson, mit einem neuen Thema, einer anderen Geschichte. So wie das jetzt ist, kann und will das kein Mensch lesen.“ Mit hämischem Grinsen fing sie an, mir meinen Text vorzulesen. Zwischendurch lachte sie höhnisch, machte sich über meine Formulierungen lustig, mäkelte an Satzstellungen herum, die mir beim Schreiben ganz gut gefallen hatten und schliesslich, als sie fertig gelesen hatte, meinte sie: „Alles Quatsch ist das. Schmeiss das Zeug weg und hör auf mit dem Schreiben. Du kannst es einfach nicht und damit basta.“

Verdattert sass ich da und las meine Geschichte noch einmal durch. „Die ist ja tatsächlich unbrauchbar. Was soll ich bloss tun? Ich habe schon so viel Arbeit da reingesteckt und ich glaube auch, dass wirklich etwas werden könnte daraus.“ Verzweifelt schaute ich die Schreibblockade an. „Jetzt mach doch nicht so ein Gesicht“, munterte sie mich auf. Ich hab dir ja gesagt, dass ich dir helfen werde. Wenn du unbedingt darauf bestehst, dass du dich lächerlich machen willst, dann helfe ich dir selbstverständlich, das Zeug zu Ende zu bringen.“ „Aber wie willst du mir denn helfen? Die Sache ist hoffnungslos“, jammerte ich. „Jetzt setzt du dich mal schön artig an deinen Schreibtisch und machst ein paar PowerPoint Folien“, befahl die Schreibblockade. „PowerPoint Folien? Du spinnst ja wohl“, wandte ich entgeistert ein. „Ich will schreiben. Eine Geschichte erzählen. Ich will kein Projekt auf die Beine stellen und Investoren überzeugen.“ „Nun mach schon! Ein paar Folien, auf denen du darstellst, wer deine Hauptfigur beeinflusst, wo sie steht, wohin sie sich entwickelt, was aus ihr werden soll. Du wirst sehen, danach kannst du wieder schreiben wie im Ländli. Und ich verspreche dir: Wenn du die Folien machst, dann verschwinde ich wieder.“

Ich war zwar noch immer nicht überzeugt von den Methoden der Schreibblockade, doch da sie mir keine Ruhe liess, gab ich eben nach. Stellte Grafiken zusammen, die für niemanden einen Sinn ergeben, zog Pfeile, wo keine Pfeile hingehören, färbte Flächen in den scheusslichsten Farben ein und am Ende war da die erste PowerPoint-Präsentation meines Lebens. Immerhin etwas habe ich heute also gelernt. Die Schreibblockade aber sass noch immer hämisch grinsend an meinem Schreibtisch.

Mehrwert

Mit Brummschädel kann man ja eigentlich nichts anderes lesen als Chick-Lit. Sonst ist das Zeug ja unerträglich seicht: Gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau bringt alles durcheinander, verliebt sich hundertmal in den falschen Typen, verliebt sich auf Seite 356 endlich in den gebildeten, sanften, millionenschweren und gut aussehenden Bauarbeiter (wahlweise auch in den gut aussehenden, millionenschweren, gefühlvollen Banker, was aber seit der Finanzkrise immer weniger der Fall ist), von dem schon auf Seite 3 klar war, dass er der Auserwählte sein wird, schwebt zehn Seiten lang auf Wolke sieben, dann kommt es zum grossen Missverständnis und drei Zeilen vor Schluss fallen sich der gebildete, sanfte, millionenschwere und gut aussehende Bauarbeiter (oder der gut aussehende, millionenschwere, gefühlvolle Banker) und die gut aussehende, chaotische, grenzenlos naive und liebenswerte Karrierefrau in die Arme und alles wird gut. Einfach unerträglich, aber eben, mit Brummschädel erträgt man nichts anderes und so bleiben der angefangene Adrian Plass, die noch nicht angefangene Toni Morrison und der bereits Staub ansammelnde Charles Dickens vorerst ungelesen.

Einen Vorteil haben die seichten Romane aber: In letzter Zeit ist es in Mode gekommen, das Zeug mit Kochrezepten, die der seichten Story etwas mehr … ääähm etwas mehr öööhm, ja was eigentlich verleihen sollen? Egal, es hat jetzt manchmal Kochrezepte drin, die zur Story passen sollen und manchmal sind die Rezepte gar nicht so schlecht und deshalb gehe ich jetzt gleich den „Earl Grey Cake“ von Seite 247 backen.

Einen Nachteil haben die Kochrezepte alleridngs auch: Man kann die Bücher jetzt nicht mehr ins Altpapier schmeissen, wenn man sie fertig gelesen hat. Lose herumliegende Kochrezepte leben nämlich ein kurzes Leben in meinem Haushalt und deshalb muss ich das ganze Buch behalten, wenn ich das Rezept in drei Jahren wieder hervorkramen will. Was vielleicht wiederum gar nicht so schlecht ist, denn dann habe ich bei der nächsten Grippe, die bestimmt kommen wird, schon die geeignete Lektüre zur Hand. Da das Zeug immer gleich gestrickt ist, werde ich mit Brummschädel ohnehin nicht merken, dass ich es bereits gelesen habe.

Schluss jetzt damit!

Da sich meine Halsschmerzen partout nicht entscheiden können, ob sie schlimmer oder besser werden wollen, habe ich auch keinen Grund, zum Arzt zu gehen – ich will ja nicht wieder meine Hypochonder-Nummer abziehen – und deshalb habe ich heute früh folgenden Entschluss gefasst: Ich bin wieder gesund! Basta! Klar, mein Schädel brummt noch immer, mir tut noch immer jeder Knochen weh, mein Appetit ist noch immer gleich null und mein Hals…, ach, ich wiederhole mich. Aber weil Luise am Sonntag Geburtstag hat und ich unbedingt mit Kuchenbacken beginnen sollte und weil es draussen Frühling ist, habe ich jetzt genug vom Kranksein und deshalb tue ich jetzt einfach so, als wäre ich wieder gesund. Ich kann ja dann wieder zusammenbrechen, wenn Luises Geburtstag vorbei ist…

So war das also

„Meiner“ hat soeben folgendes Gespräch zwischen dem FeuerwehrRitterRömerPiraten und seinem Freund mitgehört:

FeuerwehrRitterRömerPirat: „Der Zwilling des Prinzchens ist gestorben, als er noch in Mamas Bauch war.“

Freund: „Warum?“

FRRP: „Es ist einfach gestorben.“

F: „Hat es zu wenig Platz gehabt im Bauch?“

FRRP: „Nein, das war so: Das Prinzchen hatte Streit mit seinem Zwilling, dann haben sie mit dem Schwert gekämpft und dann hat das Prinzchen seinen Zwilling umgebracht.“

Ach, so war das also. Schon verrückt, welch brutale Szenen sich in meinem Bauch abgespielt hat, ohne dass ich etwas davon gemerkt habe.

Must-have

Wenn es um all die Gadgets geht, die der moderne Mensch haben „muss“, dann sind „Meiner“ und ich relativ bescheiden, zumindest in westlichen Augen. Unsere „Soundanlage“ besteht aus einem billigen CD-Player, den der FeuerwehrRitterRömerPirat zum letzten Geburtstag geschenkt bekommen hat und einem äääh, Dings… ääääh, wie heisst es nochmal, das kleine Ding mit den weissen Kopfhörern? Ach ja klar, iPod. Hat „Meiner“ mal geschenkt bekommen und seitdem er vor einiger Zeit endlich herausgefunden hat, wie man ihn in Betrieb nimmt, benützt er ihn manchmal, wenn er mein Gequatsche nicht mehr hören mag. Mobiltelefonisch bin ich zurzeit nicht erreichbar, da alles, was von meinem Handy übrig geblieben ist, der Chip ist, der darauf wartet, in ein neues Handy transplantiert zu werden. Das Handy von „Meinem“ ist ein vorsintflutliches Ding und ich meine jetzt wirklich vorsintflutlich. Man kann nicht mal fotografieren damit und demnächst wird das Museum für Kommunikation anfragen, ob sie dieses antike Stück in ihre Sammlung aufnehmen dürfen und dann werden wir reich. Unser Fernseher weiss noch nicht mal, dass es Flachbildschirme gibt, weil es die noch nicht gab, als er im Laden stand  und wenn wir „10 vor 10“ schauen, schimmert das Bild in der Ecke oben rechts so eigenartig grün. Sieht zuweilen richtig künstlerisch aus. Man sieht also: „Meiner“ und scheren uns einen Dreck darum, ob wir „in“ sind oder nicht.

Zumindest, was die Technik betrifft. Wenn es um die angesagten Krankheiten geht, dann gehören wir immer zu den Ersten, die dabei sein wollen. Ob Schweinegrippe, – war da mal was? – Magen-Darm-Grippe, Windpocken oder schlimme Erkältungen, wir kämpfen immer mit Ellbogen und Fusstritten darum, auch etwas davon abzukriegen. Und wir geben nicht auf, bevor wir eine Portion Krankheitserreger für uns haben ergattern können. Diesmal aber haben wir schon befürchtet, wir würden leer ausgehen. Seit Wochen schon stehen wir auf der Warteliste für die Scharlach-Epidemie, die gerade in der Region grassiert, aber nie wollte es klappen mit einer Ansteckung. So langsam begann ich mich zu sorgen: Was sollte bloss aus unserem Ruf als Trendsetter werden, wenn wir nicht mal einen Anflug von Scharlach unser Eigen nennen könnten? Werden wir dann schräg angeschaut im Kreise der Familien? Oder wird man uns bei der nächsten Krankheits-Runde überspringen, weil alle glauben, wir seien nicht mehr dabei?

Heute aber kann ich aufatmen: Meine Grippe scheint zwar langsam abzuklingen, doch mein Hals beginnt zu schmerzen. Halsschmerzen sind zwar nicht Scharlach, aber was nicht ist, kann ja noch werden und dann sind wir wieder dabei. Bevor die Seuche schon wieder out und eine andere in ist.

Oversharing

Wie das bei männlichen Teenagern ist, weiss ich (noch) nicht, aber weibliche Teenager kennen ganz eindeutig keine Hemmungen mehr, mit Erwachsenen über intimste Angelegenheiten zu reden. Es ist keineswegs so, dass ich es begrüssen würde, zurück zu den alten Tabus zu gehen. Wenn ich an meine Nichtaufklärung und die daraus entstandene Verklemmtheit zurückdenke, dann schaudert mich. Wenn ich mich daran erinnere, wie wir uns jeweils beim Turnlehrer verschämt wegen „Unwohlseins“ vom Schwimmunterricht abmeldeten – Warum waren wir eigentlich damals überzeugt davon, dass man während der Tage nicht schwimmen dürfe? -, dann erröte ich noch heute. Und ich bekomme noch heute eine Wut auf den Turnlehrer, der uns dazu zwang, mit Menstruationsbeschwerden bei grösster Hitze Runden zu rennen, weil wir nicht schwimmen „durften“. Nun, etwas Gutes hatte die Sache ja: Ich habe sehr schnell herausgefunden, dass man während der Tage eben doch schwimmen darf.

Heutige Teenager würden sich das Schweigen der Erwachsenen nicht mehr gefallen lassen und das ist in meinen Augen ein echter Fortschritt. Aber müssen die Teenager denn gleich soweit gehen, uns die intimsten Angelegenheiten ihres Lebens in allen Einzelheiten zu schildern? Bescheid zu wissen, wenn jemand Menstruationsbeschwerden hat ist das eine, darüber informiert zu werden, warum man Binden bevorzugt, wie viele davon man jeweils braucht und wie unappetitlich die Sache ist, ist das andere. Danke, ich muss nicht mehr wissen. Ich bin selber eine Frau.

Aber die Mitteilsamkeit hört hier nicht auf. Ich darf auch teilhaben an jedem Liebes-SMS – was ist bloss aus den guten alten Liebesbriefen geworden? -, das eigentlich an die „ganz grosse Liebe“, die in zwei Wochen schon wieder verflossen sein wird, gerichtet war. „Schatz, ich liebe dich so unglaublich! Schatz, noch nie in meinem Leben habe ich jemanden so geliebt wie dich! Schatz, ich vermisse dich so!“ Tut mir leid, ich komme da nicht mit. Für mich lag der Reiz des Verliebtseins immer darin, dass ich meine Gefühle mit niemandem teilen musste als mit dem, für den mein Herz schlug. Ein Liebesbrief, den alle lesen können, ist für mich kein Liebesbrief mehr sondern nur noch eine peinliche Angelegenheit.

Mit all dieser übertriebenen Mitteilsamkeit lässt sich halbwegs leben. Wenn sich aber ein mir beinahe fremder Teenager dazu gedrängt fühlt, von ihren erotischen Träumen zu erzählen und mir dann auch noch ausmalt, wie sie sich danach gefühlt hat, dann möchte ich mich nur noch übergeben  und dann dem jungen Mädchen sagen: „Ist mir egal, wenn du mich altmodisch schimpfst, aber zu unseren Zeiten hat man noch nicht mit jedem über solche Dinge geredet. Würde es dir etwas ausmachen, jetzt endlich deinen Mund zu halten?“

Früher wäre es besser gewesen, die Erwachsenen hätten den Teenagern mehr erzählt. Heute wäre es besser, die Teenager würden den Erwachsenen weniger erzählen.

Niedergestreckt

Da soll noch einer behaupten, Krankheitserreger seien fiese kleine Biester. Sind sie überhaupt nicht.  Die warten artig ab,  bis der Sonntagsbrunch überstanden und halbwegs verdaut ist, bevor sie zuschlagen. Okay, vielleicht ist es nicht gerade besonders nett, die Mama am Sonntagabend niederzustrecken, wo sie doch am Montagmorgen den Laden wieder alleine schmeissen sollte. Aber immerhin haben die Viren der Mama einen netten Sonntag gelassen, bevor sie sie mit  Übelkeit, Bauchschmerzen, heftigen Gliederschmerzen und Kopfweh ins Bett gezwungen haben. Und Luise, mit Ohrenschmerzen versehen, gleich dazu. Gibt es einen besseren Start in die neue Woche?

Nun, was macht Mama, wenn sie sich vor lauter Elend nicht mehr rühren kann? Na, was wohl? Verzweifeln natürlich.  Oder darüber staunen, dass „Ihrer“ ohne mit der Wimper zu zucken morgens um sechs das Mittagessen vorbereitet und danach  die Kinder in die Schule schickt – und selber zu spät zur Arbeit kommt. Und dankbar sein, dass es (Gross)mütter gibt, die einspringen, bis Hilfe eingetroffen ist. Und sich darüber freuen, dass es auf dieser Welt trotz aller Abscheulichkeiten, die sich „Christen“ leisten, auch Christen gibt, die zu leben versuchen, was ihnen einer vor mehr als 2000 Jahren vorgelebt hat. Und weil Mama das grosse Glück hat, zu einer Kirche solcher Chriristen zu gehören, genügt ein Anruf und schon ist jemand da, um den Kindern Geschichten vorzulesen, Luise einen Zwiebelwickel zu machen und den Tisch zu decken. Mama kann sich freuen, dass da ein Netz ist, das trägt, wenn alle Stricke reissen. Und dass da eine halbwegs genesene Luise ist, die Mama nach Strich und Faden verwöhnt. Und dass es obendrein Laptops gibt, so dass Mama die Welt trotz Gliederschmerzen & Co. an ihren Gedanken teilhaben lassen kann (als ob die Welt darauf gewartet hätte…).

Ja, wenn die Umstände stimmen, ist es kein Problem, wenn  Mama montags krank ist. Was aber, wenn die Umstände nicht stimmen?

Sonntagsbrunch

Zwei Jahre lang hing es an unserer Pinnwand, das Ticket zu Aaraus Sonntagsbrunch-Paradies: Ein Gutschein im Wert von 50 Franken für den Sonntagmorgen-Familientreffpunkt. Das Lokal biete eine sensationelle Auswahl, eine gemütliche Einrichtung, (kinder)freundliches Personal, frische Zutaten, sei kinderwagentauglich und jeden Sonntag voll besetzt, sagte man uns. Zwei Wochen vorher müsse man reservieren, wenn man sonntags dort schlemmen wolle. Und weil wir selten zwei Wochen im Voraus wissen, was der übernächste Sonntag bringen wird, – Magen-Darm-Grippen, Schwiegertanten aus Italien und durchwachte Nächte mit nachfolgendem Brummschädel melden ihre Besuche selten an – blieb der Gutschein lange uneingelöst. Vor zwei Wochen nun war unser Optimismus endlich gross genug, damit wir uns einen Tisch reservierten. Und siehe da: Keine Magen-Darm-Grippe, keine Schwiegertante aus Italien und keine durchwachte Nacht mit nachfolgendem Brummschädel stand unserem Glück im Wege.

Und so sassen wir heute um Viertel nach elf mit unserer Horde inmitten von Singles, kinderlosen Paaren und Einbaby-Familien – wo waren bloss all die Familien mit grösseren Kindern? – und störten deren ausgedehntes Sonntagsfrühstück. Mal nahm das Prinzchen Reissaus, weil er am Nachbartisch einen interessanten Menschen entdeckt hatte, dann wieder musste Luise, eskortiert von ihren Brüdern, die Toilette aufsuchen. Oder der Zoowärter meldete seine unstillbare Lust auf Melonen an, kaum waren wir mit vollbeladenen Tellern, jedoch ohne Melonen, vom Buffet zurückgekehrt. Oder Karlsson musste unbedingt noch eine Scheibe von der „allerbesten Pastete, die er je in seinem Leben gegessen hat“ holen. Und sassen endlich mal alle für drei Sekunden gemeinsam am Tisch, wollte sich der FeuerwehrRitterRömerPirat die Häschendekoration auf dem Fensterbrett aus der Nähe ansehen, ohne dabei seine Semmel aus den Händen zu geben.

Kurz: Die Sache war das reinste Spektakel und ich bin sicher, dass einige junge Paare heute den endgültigen Entschluss gefasst haben, nie und unter gar keinen Umständen eigene Kinder zu bekommen. Und falls sie dennoch welche bekommen sollten, haben sie sich bestimmt geschworen, dass ihre Kinder nie so werden wie unsere. (Wir werden dann ja sehen… So naiv waren wie auch mal, vor vielen vielen Jahren.) Wir aber  liessen uns von den irritierten Blicken nicht beirren und genossen unseren Sonntagsbrunch in vollen Zügen und bis zum letzten Krümel. Wenn wir schon mal auswärts essen, dann richtig.

Eines aber beschäftigt uns nach unserem Besuch: Die Lobeshymnen auf die Auswahl, die Gemütlichkeit und die Frische der Speisen waren keineswegs übertrieben gewesen. Es war wirklich wunderbar. Doch wie in aller Welt bekommt ein Lokal von Eltern das Prädikat familienfreundlich verliehen, wenn die Einrichtung für Kinder aus gerade mal einem Kinderhochstuhl besteht, um den man sich mit anderen Eltern prügeln muss, weil der zweite Kinderhochstuhl, den das Lokal noch hätte,  gerade in Reparatur ist? Kein Wunder, ist die Schweiz noch immer eine Wüste der Kinderunfreundlichkeit, wenn Eltern sich mit so wenig Service schon zufrieden geben.