Kein Anschluss unter dieser Nummer

Bis vor wenigen Monaten war jeder Schweizer, der von zu Hause aus telefonieren wollte, automatisch Sklave der Swisscom. Wer nicht Sklave der Swisscom sein wollte, der musste eben aufs Telefonieren verzichten. Oder sich ein Handy anschaffen. Oder versuchen, noch irgendwoeine funktionierende Telefonkabine zu finden, wodurch er aber wieder von der Swisscom abhängig wurde. Weil wir Schweizer aber ein freiheitsliebendes Volk sind, hat man beschlossen, uns von der Alleinherrschaft der Swisscom zu befreien. Doch weil wir Schweizer uns unserer neugewonnenen Freiheit noch nicht bewusst geworden sind, ziehen eben die anderen Telefonanbieter aus, um uns aus der Sklaverei zu befreien.

Auch wir sollen befreit werden. Unser Befreier heisst Sunrise, doch leider stellt sich dieser etwas ungeschickt an bei der Befreiungsaktion. Schon vor Monaten hat er mit uns Kontakt aufgenommen, hat uns mit dem Versprechen rosiger Zukunftsaussichten den Wechsel schmackhaft gemacht. Bis wir schliesslich eingewilligt haben, einem Aussendienstmitarbeiter zwecks Befreiung Zutritt zu unserem Haus zu verschaffen. Doch der Befreier kam nicht. Liess uns einfach in unserem Elend sitzen und entschuldigte sich dann irgendwann bei uns. Er habe leider wichtigere Termine gehabt. Zuerst waren wir natürlich zutiefst verletzt, doch nach einer Weile verziehen wir unserem Retter und vereinbarten einen neuen Termin. Dieser Termin wurde uns mehrmals bestätigt und tatsächlich: Ein paar Tage später stand ein Ritter in glänzender Rüstung vor unserer Haustüre und holte unseren unterschriebenen Vertrag ab.

Dann passierte lange Zeit nichts mehr. Bis letzte Woche ein Anruf kam. Der Anrufer entschuldigte sich dafür, dass er leider den Termin, damals im Sommer nicht habe wahrnehmen können. Ob er in den nächsten Tagen bei uns vorbeikommen dürfte um den Vertrag abzuholen? Ich erklärte ihm, dass der Vertrag bereits abgeholt worden sei und dass wir eigentlich nur noch darauf warten würden, bis unser Retter, wie versprochen, den Telefonanschluss von der oberen in die untere Wohnung verlegen würde. Man versprach uns, dass dies heute, kurz nach dem Mittagessen geschehen würde.

Doch kurz nach dem Mittagessen stand nicht etwa ein Elektriker vor der Türe, sondern „Sheila“. Einen Nachnamen hat uns die Retterin nicht gennant. Was bei einer Befreiungsaktion auch durchaus verständlich ist. Aber sie kam gar nicht, um uns aus den Fängen der Swisscom zu befreien, Nein, sie kam, um den unterschriebenen Vertrag abzuholen, den ihr Kollege schon vor Wochen mitgenommen hat. Als sie merkte, dass wir nicht mit ihr, sondern mit einem Elektriker gerechnet hatten, stand „Sheila“ etwas betreten in unserer Küche, die „Meiner“ und ich gerade putzen wollten und fragte sich, wie die Befreiungsaktion nun weitergehen sollte. Leider konnten wir ihr auch nicht weiterhelfen, denn, wie meine Leser wissen, haben „Meiner“ und ich schon genug damit zu tun, unseren eigenen Laden unter Kontrolle zu behalten. Da können wir unmöglich auch noch beim internen Chaos der Sunrise den Überblick behalten. Wie genau unser Problem gelöst werden kann, wissen wir noch nicht. Ich habe „Sheila“ aber fest versprechen müssen, dass ich zu Hause bleiben werde, bis sie mich wieder kontaktiert, um die weiteren Schritte der Befreiungsaktion zu planen.

Was bin ich doch froh, dass man sich so rührend um uns kümmert.

P. S. „Sheila“ hat mich soeben erneut kontaktiert und mir mitgeteilt, dass sie im Moment nichts für uns tun könne. Man werde uns Bescheid geben, wenn das weitere Vorgehen bekannt sei.  Vorläufig werden wir aber in den Klauen der Swisscom bleiben müssen.

Wenn Vendittis müde sind,….

…. hat jeder seine eigene Methode, damit umzugehen. Karlsson zum Beispiel brüllt dann bei jeder Gelegenheit los. „Karlsson, würdest du bitte das Licht ausmachen?“, fragt man und Karlsson heult: „Immer seid ihr so gemein zu mir!“ „Karlsson, hast du deine Hausaufgaben schon gemacht?“ Der Junge bricht zusammen und schluchzt herzerweichend. Wenn Karlsson müde ist, kann jeder Satz genau der Falsche gewesen sein. Der Satz, der ihn dazu bringt, die Fassung zu verlieren, loszuheulen und die Tür zu knallen. Woher er das wohl hat?

Eine müde Luise ist das pure Gegenteil eines müden Karlssons. Eine müde Luise sitzt den ganzen Tag mit glasigem Blick in einer Ecke, den Nuckelfinger im Mund, das Schmusehäschen ans Ohr gedrückt und gibt keinen Ton von sich. Würde sie nicht zwischendurch den FeuerwehrRitterRömerPiraten verhauen, der sie beim Luftlöcherstarren stört, man könnte glauben, Luise hätte sich in den Winterschlaf begeben.

Je weniger man von Luise hört, umso mehr hört man vom FeuerwehrRitterRömerPiraten. Er verleiht seiner Müdigkeit durch Verweigerung Ausdruck. Egal, ob er bei Luises Ballettvorführung still sitzen, beim Schuhe kaufen nicht unter das Regal kriechen, beim Mittagessen nicht mit der Gabel in der Hand herumrennen dafür aber beim Krippenspiel mitsingen soll, er tut, als gehe ihn alles nichts an. Wenn er nicht will, dann will er eben nicht und dann soll ihn die Mama gefälligst in Ruhe lassen mit ihren blöden Anweisungen. Die Mama,-  und nur die Mama, nicht etwa der Papa, – soll ihn jetzt einfach nur hätscheln und streicheln, denn er ist sooooooo müde, dass er gar nichts anderes mehr ertragen kann.

Der Zoowärter übersteht seine Müdigkeit, indem er sich mit dem Stofftier, dass ihm momentan am meisten ans Herz gewachsen ist, aufs Sofa setzt und Pingu-Kassetten hört. Mit dem Schmusetuch im Mund und einem ähnlich leerem Blick wie Luise. Wenn er aber seinen aktuellen Schützling nicht finden kann, brüllt er los und zwar sehr laut und sehr lange. Nach Bedarf auch eine geschlagene halbe Stunde. Gestern und heute führt der „kleine Herr Kokosnuss“ die Top-Ten der beliebtesten Kuscheltiere an. Und wie es der Name sagt, ist der Affe Herr Kokosnuss klein, sehr klein. So klein, dass er schwer auffindbar ist,  weshalb das Gebrüll seinetwegen fast endlos ist.

Auch „Meiner“ und ich haben unsere Methoden, mit der Müdigkeit umzugehen. Wir ziehen es vor, uns einen Film reinzuziehen und so zu tun, als gebe es nichts aufzuräumen und zu erledigen in unserem Haushalt. Wir tun einfach so, als gehe uns das alles gar nichts an. Was zur Folge hat, dass der kleine Herr Kokosnuss im Chaos noch öfters verloren geht als üblich, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sich noch häufiger in die Haare geraten, weil kein Platz mehr da ist, um einander aus dem Weg zu gehen, Karlsson noch öfter die Türe knallt, weil wir ihn hin und wieder dazu auffordern, etwas wegzuräumen. Und weil wir alle zusammen gegen Ende der Adventszeit so schrecklich müde sind, ist das Leben bei Vendittis nicht gerade gemütlich im Moment.

Ach ja, wie geht denn überhaupt das Prinzchen mit alldem um? Wie bekämpft er seine Müdigkeit? Na, wie wohl? Mit schlafen natürlich.

Kein Mann von der Stange

Eigentlich bin ich ja selber Schuld, dass ich keinen jener Männer von der Stange genommen habe. Einen Mann, wie es ihn hoffentlich nicht mehr allzu häufig gibt. Einen, der am Sonntag nie, aber auch gar nie, einen Ausflug machen will, weil am Fernsehen gerade so etwas Tolles läuft. Einen, der findet, Windelnwechseln sei Frauensache. Einen, dessen Beitrag zu jeder Diskussion sich auf ein missmutiges Grunzen beschränkt. Einen Mann eben, der jedem männlichen Klischee entspricht.

Nein, ich bin wirklich froh, mit einem Mann verheiratet zu sein, der schon Pink getragen hat, bevor es Mode war. Mit einem, der noch lieber Schnulzen schaut als ich. Mit einem, der nachts klaglos hundertmal aufsteht und nicht sagt, er müsse ja am nächsten Morgen wieder zur Arbeit gehen, während ich mir zu Hause einen gemütlichen Tag machen könne. Mit einem, der, wenn er Zeit hat, die Wohnung liebevoll dekoriert mit Roststücken, die er unterwegs gefunden hat, mit einem knallblau bemalten Plastikhirsch, mit Koteletts aus Plastik und Ähnlichem. Mit einem, der mitten im Gespräch einen glasigen Blick bekommt, weil er gerade wieder eine Idee hat.

Ja, so ist „Meiner“ und ich liebe ihn dafür. Aber manchmal fällt er mir dennoch auf die Nerven mit seiner überbordenden Kreativität. Zum Beispiel, wenn am Samstagmorgen die ganze Wohnung stinkt, weil er mal wieder Plastiktüten, Eierschachteln und Luftballons im Ofen schmelzen muss, um zu testen, was dann passiert. Wenn er deswegen gerade absolut keine Zeit hat, mir unter die Arme zu greifen, wenn seine vier badenden Söhne die Wohnung unter Wasser setzen. Klar ist es rührend, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat voller Bewunderung sagt: „Mama, der Papa hat immer so gute Ideen.“ Klar ist es grossartig, wenn ihm dann die Kinder an den Fersen kleben, weil sie unbedingt wissen wollen, was als Nächstes passiert und ich dabei in Ruhe bloggen kann. Klar freut es mich, dass sie alle paar Sekunden in „Ahhhhh“ und „Ohhhh“-Rufe ausbrechen, weil das Resultat so beeindruckend ist.

Aber muss er denn unbedingt ungerührt dabei zusehen, wie das Prinzchen sich selber und den ganzen Tisch mit Joghurt vollschmiert? Wobei, wenn ich mich recht entsinne, war ich es, die zugeschaut und danach die ganze Chose fotografiert hat. Denn inzwischen hat er mich angesteckt mit seiner ewigen Suche nach guten Bildern. Die übrigens nicht nur hier für mehr Farbe sorgen, sondern von denen er noch viel mehr in seinem Blog zur Schau stellt.

Wiedersehen mit meinem Tussischuh

Meine allertreusten Leserinnen und Leser erinnern sich bestimmt noch an meine Tussischuhe, die ich mir im Frühjahr in einem Anflug von Identitätskrise geleistet hatte. Und vielleicht entsinnt sich der eine oder die andere gar noch der Umstände, unter denen mir diese Schuhe wieder abhanden gekommen waren. Für alle anderen sei es hier kurz erwähnt: Als mich meine Familie mal wieder in den Wahnsinn trieb, kickte ich die Schuhe in hohem Bogen von meinen Füssen. Der eine davon fand sich in Nachbars Garten wieder, der andere blieb verschollen.

Bis heute Morgen, als in Nachbars Garten die Gärtner aufmarschierten und mit lautem Getöse alles kurz und klein schlugen, was die Idylle stört. Und dabei kam auch mein rechter Tussischuh wieder zum Vorschein. Ich erkannte ihn sofort wieder, als ich mit dem Prinzchen unter dem Arm und dem Zoowärter an der Hand vorbeihastete. Und doch tat ich so, als gehe mich das alles nichts an. Die Gärtner schauten mich schon scheel an, weil ich mitten im Winter an ihnen vorbeistöckelte, da wollte ich mich nicht auch noch damit blamieren, dass ich meinen verschollenen Schuh zurückforderte. Da ich den linken Tussischuh bereits weggeschmissen habe, brauchte ich mich ja nicht weiter darum zu kümmern. Sollten doch die Gärtner das Ding entsorgen.

Damit aber gab sich Luise nicht zufrieden. Todesmutig kletterte sie, als die Gärtner Mittagspause hielten, über Nachbars Gartenzaun und rettete meinen Schuh. Und so bekommen meine geschätzten Lesereinnen und Leser das abscheuliche Ding doch noch zu Gesicht, bevor ich diese leidige Angelegenheit endgültig hinter mir lasse:

Ich hab’s getan!

Ich, Frau Venditti, Geborene Martin, 35 Jahre alt, glückliche Mutter und unglückliche Hausfrau, habe heute um zehn nach neun ein Vollbad genommen. Habe alles stehen und liegen lassen. Habe beim Baden nicht einmal in einer der Zeitschriften gelesen, die ich so dringend lesen will, bevor die nächste Ausgabe im Briefkasten liegt. Und nach dem Bad habe ich mich sogar eingecrèmt. Und, halten Sie sich jetzt bitte fest, ich habe mich entspannt. Ja, sie lesen richtig: ENTSPANNT. Das an einem dieser schrecklichen, endlosen Donnerstage. Und das alles ohne schlechtes Gewissen.

Wo bliebt sie eigentlich so lange, meine Tapferkeitsmedaille?

Ich könnte ja, ….

…. ein einziges Mal nur, mein protestantisches Gewissen ignorieren und den zweiten Teil des Vormittags mit einem heissen Bad einläuten. Der Zoowärter schläft nämlich noch selig, das Prinzchen wieder. Den Abfall habe ich bereits vor die Tür gestellt, das Chaos ist heute, an einem Donnerstag (oh, wie hasse ich doch Donnerstage!) ohnehin nicht zu bewältigen und ein beruhigendes Melissenbad wäre genau das Richtige in der hektischen Adventszeit. Ich glaube, meine Familie wird mir dankbar sein, wenn ich mich für einmal in der Badewanne entspanne, anstatt wie eine wütende Wespe durchs Leben zu surren. Ja, ich glaube ich gebe mir den berühmten Tritt in den Hintern und befördere mich ins Bad.

Gleich nachdem ich den Geschirrspüler ausgeräumt habe. Und das schmutzige Geschirr wieder eingeräumt habe. Und die herumliegende Wäsche eingesammelt habe. Und die Bilderbücher im Regal verstaut habe. Und den Tisch geputzt habe. Und dann noch die alten Zeitungen im Altpapier versorgt habe. Dann, ich verspreche es, werde ich mich sogleich in die Wanne stürzen. Falls der Zoowärter dann noch schläft. Denn falls er wach ist, werde ich ihn anziehen, eine kurze Dusche nehmen und dann mit den zwei Jüngsten in die Stadt hetzen, wo ich unbedingt den siebenspaltigen Kalender fürs nächste Jahr abholen muss. Denn so langsam häufen sich die Termine all der Dinge, die man aufs nächste Jahr verschoben hat, weil in diesem Jahr kein Platz mehr war im Kalender. Und diese Termine muss ich ganz dringend eintragen. Ehe ich sie vergesse.

Vielleicht nehme ich mein Bad doch besser erst am Nachmittag. Oder vielleicht am Abend. Oder am Wochenende.

Bin ich denn eine gute Fee?

Nicht, dass ich angeben möchte, aber ich glaube, dieses Jahr habe ich mich selber übertroffen mit den Weihnachtsgeschenken. Ich habe es fertig gebracht, für Luise eine Sascha Morgenthaler Puppe aufzutreiben und dafür weniger auszugeben als das Jahresgehalt des Gesamtbundesrates. Ich habe für den FeuerwehrRitterRömerPiraten mitten im kalten Winter Tauchringe aufgestöbert, für Karlsson orangefarbene und hellblaue Kapla-Steine und für den Zoowärter ein riesiges rosarotes Piglet und dies, obschon der Rest von Winnie Poohs Familie schon längst ausverkauft war. Und meine absolute Glanzleistung: Ich habe es geschafft, dem Prinzchen ein Spielzeug zu besorgen, das es in unserem Haushalt noch nicht gibt. Ist das nicht eine grandiose Leistung? Okay, ich geb’s zu. Wir hatten schon mal eine Kugelbahn, aber die hat inzwischen das Zeitliche gesegnet. Also vielleicht doch keine grandiose Leistung, aber immerhin eine beachtliche. Und das alles ohne Parkplatzsuche und Schlangenstehen, ohne Hetzen in überheizten Geschäften, ja, sogar ohne einen Fuss vor die Haustüre zu setzen.

Vielleicht glaubt „Meiner“ deshalb, dass ich eine Art gute Fee bin, die ihm zu Weihnachten seinen grössten Wunsch erfüllen wird: Mehr Haare auf dem Kopf. Ich weiss nicht, weshalb ausgerechnet ich die Lösung für eines der schwerwiegendsten Probleme der männlichen Hälfte der Menschheit herbeizaubern soll. Und das in bloss acht Tagen, wo sich doch die Forschung seit Jahren die Zähne ausbeisst an der Sache. Auch ich mag ja zwei oder drei Fähigkeiten haben, aber Forschen gehört nicht dazu.

Und so weiss ich schon, wie es an Weihnachten bei uns aussehen wird: Fünf Paar strahlende Kinderaugen und ein betrübter „Meiner“, der sich über die spärlicher werdenden Haare auf dem Kopf streicht. Vielleicht schaffe ich es ja noch, irgendwo eine verstaubte Puderperücke aufzustöbern. Und wer weiss: Vielleicht macht „Meiner“ damit einen alten Modetrend wieder populär und die Probleme der Männer sind gelöst. Zumindest bis der Trend wieder abflaut. Vielleicht bin ich ja doch eine gute Fee?

Gratwanderung

Die folgenden Sätze aus einem Kommentar von gestern wollen mir nicht aus dem Kopf gehen: „Ich liebe Eure Probleme. Ihr wisst nicht, wie gut ihr es habt! …“ Die Aussage stammt von einer Person, die nicht alleine sein möchte. Nehme ich ihr die Aussage übel? Nicht im Geringsten. Denn diese Aussage treibt mich dazu, mir einmal mehr darüber klar zu werden, wie viel mir meine Familie bedeutet. Und wie sehr sie mich dennoch tatgäglich fast in den Wahnsinn treibt…

Nehmen wir heute Nacht, zum Beispiel. Da kommt, irgendwann zwischen vier und fünf Uhr morgens, Luise in unser Bett geschlichen. Wie sie sich so an mich kuschelt, wird mir zum hunderttausendsten Mal bewusst, wie schön es ist, ihre Mutter zu sein. Wie sie so daliegt und in heiligem Ernst  „c – d- e – f – g – a – h – c“ vor sich hin flüstert, um jede Sekunde des Wachseins zum Lernen zu nutzen. Wie sie etwas später mit verzücktem Gesicht von „Erdbeerli“, „Zwergli“ und „Blüemli“ zu schwärmen beginnt. Einfach hinreissend! Doch das ändert nichts an der Tatsache, dass sie mir jedesmal, wenn ich fast wieder eingeschlafen bin, mit einer unbedachten Bewegung die Decke von der Schulter reisst, worauf ich wieder hellwach bin. Es ändert auch nichts daran, dass sie mir zwei wertvolle Stunden Schlaf raubt. Zwei Stunden, die mir im aufreibenden Alltag fehlen werden. Zwei Stunden, die ich nicht einfach werde nachholen können, wenn mir gerade danach ist. Zwei Stunden, die zusammen mit unzähligen anderen auf dem wachsenden Berg meines Schlafmankos landen werden.

Oder nehmen wir „Meinen“. Es vergeht wohl kein Tag, an dem ich nicht dankbar wäre dafür, dass ich mit ihm das Leben teile. Aber ändert es etwas daran, dass er mich in den Wahnsinn treibt, wenn er meinen bis in die letzte Sekunde geplanten Alltag durcheinander bringt? Kleines Beispiel gefällig? Gestern hatten der FeuerwehrRitterRömerPirat, Luise und Karlsson ihre letzte Schwimmstunde in diesem Jahr. Und zwar im Nachbarort. Zur gleichen Zeit hatte Luise ihre erste ausserordentliche Ballettprobe. Bei uns im Dorf. Eine echte Herausforderung, das alles irgendwie zu schaffen. Aber natürlich findet die Mama einen Weg. Sie heckt einen wasserdichten Plan aus, – die Details erspare ich meinen Lesern. Ich will ja niemanden verwirren, – sorgt dafür, dass jeder zur rechten Zeit am rechten Ort ist. Oder genauer gesagt: Am rechten Ort wäre, wenn da nicht „Meiner“, mit der ehrbaren Absicht zu helfen, alles durcheinander bringen würde, indem er ein kleines, aber entscheidendes Detail ändert.

Ich glaube, ich weiss, wie gut ich es habe mit meiner grossen Familie. Ich weiss, dass ich ein Geschenk von unfassbarem Wert bekommen habe und ich wünsche mir nie, aber wirklich gar nie, dass ich dieses Geschenk nicht bekommen hätte. Aber ich weiss auch, dass kein Job der Welt so kräftezehrend, so aufreibend ist wie der, für eine Familie zu sorgen. Wer eine Familie hat, weiss genau, was ich meine, wenn ich sage, dass ich meine Familie über alles liebe, dass ich sie aber gleichzeitig mehrmals täglich auf den Mond wünsche. Nicht für immer. Nur für diese kleinen Momente, in denen sie mich zum Wahnsinn treiben. Nur, um mal kurz zwischendurch die leeren Batterien wieder aufladen zu können, die verpassten Schlafstunden nachholen zu dürfen.

Nebenbei gesagt: Singles, die sich eine Familie wünschen, könnten hier unglaublich viel helfen. Ihr dürftet bei uns das Familienleben geniessen, während wir dank eurer Hilfe für ein paar kurze Momente Singles sein dürften. Dann müssten wir uns unsere Familie nicht immer mal wieder auf den Mond wünschen. Können wir ins Geschäft kommen?

Versuch 2346

Vielleicht ist es auch schon Versuch 5418 oder erst Versuch 1979. So genau weiss ich es nicht mehr. Irgendwann habe ich nämlich das Zählen aufgegeben. Das Problem aber ist geblieben: Meine Kinder gehen nicht aus dem Haus, ohne einen Streit vom Zaun zu reissen, ohne sich hundertsiebenmal ermahnen zu lassen, sie müssten jetzt endlich gehen, ohne mir schon morgens um acht den letzten meiner nicht gerade in Massen vorhandenen Nerven auszureissen. Was haben wir schon alles versucht, damit es besser wird?

Smileypläne, zum Beispiel. Für einen Morgen ohne Krach gab’s einen Smiley-Sticker. Für zehn Smileys gab’s eine kleine Belohnung, für zwanzig eine etwas Grössere. Das Ganze hat genau bis zum zwanzigsten Smiley hingehauen, dann ging das Theater wieder los. Dann probierten wir es eine Weile lang damit, dass „Meiner“, bevor er um sechs Uhr aus dem Haus hetzte, den Kindern ein schönes Frühstück bereitstellte, Tee kochte und eine Kerze anzündete. War nicht wirklich die zündende Idee, auch wenn die Kinder anfangs noch begeistert waren von den liebevoll angerichteten Apfelschnitzen. Dann probierte ich es mit klassischer Musik, weil ich dachte, wenn Kühe sich dabei leichter melken liessen, würden sich Kinder damit vielleicht leichter aus dem Haus manövrieren lassen. Dann kam der Versuch mit dem Erzählen von Geschichten, dann derjenige mit meiner Mutter, die jeden Tag helfen kam, dann der Versuch mit dem „in den Hammer laufen lassen, wenn sie zu spät zur Schule kommen“ und dann platzte mir der Kragen und von da an fielen mir nur noch Herumbrüllen und Türen knallen ein.

Das kann es ja auch nicht sein, dachte ich und bestellte, nach dem letzten Eklat, eine überteuerte „Morgenmuffel-Uhr“, auf Französisch viel weniger euphemistisch „Montre pour ceux qui se lèvent de mauvaise humeur“ genannt. Diese Uhr lässt sich so einstellen, dass immer dann, wenn man mit etwas fertig sein sollte, ein Signal ertönt: 30 Minuten fürs Frühstück – Gong- 5 Minuten fürs Zähneputzen – Gong- 15 Minuten fürs Waschen, Anziehen und Kämmen – Gong – fünf Minuten um Schuhe und Jacke anzuziehen – Gong – und raus mit der Bande! Klingt gut, nicht wahr?

Bleibt zu hoffen, dass dass Ding seinen Preis Wert ist. Und dass der grösste Morgenmuffel im Hause Venditti damit endlich die Probleme in Griff kriegt…..

Lasst mich doch endlich einmal schlafen!

An mein permanentes Schlafmanko habe ich mich eigentlich schon längst gewöhnt und zwar so sehr, dass ich davon im Normalfall gar nichts mehr spüre. Doch in letzter Zeit habe ich es wohl doch ein wenig übertrieben und so kann ich die Watte im Kopf nicht länger ignorieren. Das erste Jahr mit dem Prinzchen, die Sitzungen, die ich durch angeregte Gespräche mit interessanten Frauen in die Länge gezogen habe, das stundenlange Geplauder mit „Meinem“, der elende Haushalt und schliesslich auch noch das Novemberschreiben, das ich in vollen Zügen genossen habe, waren nun wohl doch etwas viel. Und so gehe ich einmal mehr auf dem Zahnfleisch. So sehr, dass ich mich endlich dazu durchgerungen habe, abends etwas früher ins Bett zu gehen.

Was zur Folge hat, dass meine Familie verrückt spielt. Einmal kriecht „Meiner“, der sonst immer brav gleichzeitig mit mir zu Bett geht, morgens um vier vom Sofa, wo er nach „10 vor 10“ eingepennt war, ins Bett, macht schnell das Licht an, um den Wecker zu stellen und schnarcht dann selig neben mir weiter. Worauf es vorbei ist mit meiner Nachtruhe. An einem anderen Abend wird das Prinzchen wach, kaum habe ich es mir im Bett so richtig bequem gemacht. Und dann wird geplaudert, als habe man nie sonst die Gelegenheit dazu. Ein anderes Mal kommt Karlsson am frühen Morgen ins Zimmer gestürmt und fordert mich auf, aufzustehen, es sei schon fünf vor sieben. Ach Karlsson, warum immer so vernünftig? Ich wollte doch bloss noch ein paar Minuten vor mich hindösen. So wie Obelix, der jedesmal, wenn Asterix ihn wecken will, protestiert „Nur noch ein bisschen…“. Womit auch klar ist, wer bei uns Asterix und wer Obelix ist…

Ich weiss nicht mehr, was sich meine Familie sonst noch ausgedacht hat, um mich vom Schlafen abzuhalten, aber es war viel. So viel, dass ich eines Nachmittags nach dem Kaffee auf dem Sofa eingepennt bin und erst wieder erwachte, als der FeuerwehrRitterRömerPirat die einzige Rolle Aluminium-Folie, die ich je in meinem Leben besessen habe, zu Geburtstagsgeschenken für seine  Freunde verarbeitet hatte. Und da wusste ich, dass etwas geschehen musste. Also verkündete ich meiner Familie, dass ich heute zu Hause bleiben würde, während sie alle zusammen in die Kirche gehen. Die Kinder in ihren diversen Kinderprogrammen bestens versorgt, kann sich auch „Meiner“ im Gottesdienst selig zurücklehnen und ich kann endlich einmal schlafen. Ist doch schön, nicht wahr?

Nun, zu schön, um wahr zu sein. Denn heute früh um fünf nach acht kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat ins Zimmer geschlichen. Ist er nicht zuckersüss?, denke ich schlaftrunken, als er sich an mich kuschelt und mich anstrahlt, wie er sonst nur strahlt, wenn er von seiner Liebsten redet. Irgendwann merke ich, dass er mit mir redet. Und was er da sagt, will mir gar nicht gefallen. „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken.“ Wie? Habe ich richtig gehört? „Papa hat gesagt, ich soll dich wecken. Der Zoowärter hätte auch mitkommen sollen, aber er will nicht.“ „Ach so, der Zoowärter wollte nicht aufstehen“, filtert mein müdes Gehirn die Informationen heraus, die es hören will. „Das kann mir ja egal sein. Ich schlafe heute aus.“ „Mama, du musst jetzt aufstehen. Der Papa hat’s gesagt“, insistiert der FeuerwehrRitterRömerPirat und mir wird endlich klar, dass ich mich nicht verhört habe. Leider. Denn als ich mich aus dem Bett gekämpft habe, verkündet mir „Meiner“ völlig arglos, die Kinder würden auf die Adventsgeschichte warten.

Und die kann natürlich nur ich erzählen?