Bye bye, Büsi

„Auch Katzen leben nicht ewig“, mögen die einen vielleicht sagen.

„Es passieren viel schlimmere Dinge auf dieser Welt“, die anderen.

„Damit muss man rechnen, wenn man Haustiere hat“, die Dritten.

Das alles mag stimmen, aber sie war halt auch Teil unserer Familie. Wurde unter unserem Sofa geboren, als die Familie am Nebentisch Mittagessen ass. Begleitete Karlsson regelmässig treu zur Schule und wollte mehr als einmal gar mit zum Elterngespräch. Heimste mit ihrem einmalig gemusterten Fell unzählige Komplimente ein. Tanzte so possierlich auf unseren Nerven herum, dass man ihr nie richtig böse sein konnte, nicht mal, wenn sie eine Lieblingstasse runterschmiss oder ihr Geschäft am falschen Ort verrichtete. War uns allen lieb und teuer, auch wenn sie „nur“ eine ganz gewöhnliche Hauskatze war.

Nun ist sie weg, aus dem Leben gerissen durch einen rücksichtslosen Autofahrer, der nicht mal den Anstand hatte, sich um sie zu kümmern. Hätte nicht eine Fussgängerin das leidende Tier gefunden, sie wäre wohl elend in der Kälte verendet, doch so konnte sie zumindest in Karlssons Begleitung aus dem Leben scheiden.

Solche Dinge passieren eben, ich weiss. Aber weh tut’s trotzdem. 

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Schulsystemkonform

Ein letztes Mal trabte ich heute Nachmittag im Kindergarten an, um mich mit der Lehrerin über die schulische Zukunft eines unserer Kinder zu unterhalten und dieses letzte von vielen Kindergarten-Elterngesprächen war ein absolutes Novum für mich. Da war kein Hauch von „Ein liebes Kind, aber leider fast ein wenig zu schüchtern“, keine Spur von „In diesem Bereich müssen Sie unbedingt mit ihm arbeiten, sonst wird es schwierig“, keine Andeutung in Richtung „Eventuell könnte da mal eine Therapie nötig werden.“ Nein, nichts dergleichen, einfach nur: „Er macht das wirklich toll, bringt alles mit, was er für die Schule braucht und ist voll und ganz bereit für den nächsten Schritt.“ 

„Warum freust du dich so über dieses Gespräch? Das Prinzchen kommt ja ohnehin in die Schule, egal, ob er bereit ist oder nicht“, meinte Luise, als ich völlig beschwingt nach Hause kam. „Du kannst dir ja nicht vorstellen, wie schön es ist, wenn mal nicht an deinem Kind rumgemäkelt wird“, gab ich zur Antwort. Und wie ich das sagte, dämmerte mir, dass“Meiner“ und ich im fünften Anlauf doch noch ein schulsystemkonformes Kind zustande gebracht haben. (Nicht dass ich dies für besonders erstrebenswert erachte, aber es macht die Dinge deutlich einfacher…)

la dignità; prettyvenditti.jetzt

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Werkzeugkasten & Ehemann beim Onkel Doktor

Heute war der Werkzeugkasten in Begleitung des Ehemanns beim Onkel Doktor, um zu besprechen, wie es mit Schwiegermama weitergeht. Der Onkel Doktor war zwar erst einmal der Meinung, ein solches Gespräch sei nicht nötig, wo sich doch der Spitalaustritt am Horizont abzeichnet, aber sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten sind da anderer Meinung, da ganz offensichtlich ist, dass alleine leben für Schwiegermama in den kommenden Wochen nicht in Frage kommt. Der Onkel Doktor kam also ins Krankenzimmer, begrüsste alle Anwesenden freundlich und drehte von da an dem Werkzeugkasten konsequent den Rücken zu und redete einzig mit dem Ehemann. Der Werkzeugkasten fand dies irgendwie nicht in Ordnung, denn erstens war er bis anhin bei fast sämtlichen Arztgesprächen anwesend gewesen und wusste deshalb deutlich besser Bescheid und zweitens wird wohl auch in Zukunft zuerst einmal er herbeigerufen, falls es wieder kritisch werden sollte. Also beschloss der Werkzeugkasten, sich mit gezielten Fragen ins Gespräch einzubringen, was aber den Onkel Doktor nicht weiter beeindruckte, die Antworten richtete er weiterhin an den Ehemann. Mit der Zeit wurde es dem Werkzeugkasten zu bunt und er fing an zu zicken. Nicht heftig, nur ein ganz klein wenig, weil er es nicht ausstehen kann, wenn er nicht ernst genommen wird. In pointierten Worten schilderte er Onkel Doktors Rücken, wie die Lage aus Sicht der Angehörigen aussieht und bat ihn darum, den Sozialdienst ins Spiel zu bringen. Nach einigem Hin und Her hatte der Onkel Doktor endlich ein Einsehen und versprach dem Ehemann, er werde mit dem Sozialdienst Kontakt aufnehmen. Sowohl der Ehemann als auch der Werkzeugkasten bedankten sich und der Werkzeugkasten fügte an, er sei morgen den ganzen Tag erreichbar, man könne sich bei ihm melden, um das weitere Vorgehen zu besprechen. Jetzt endlich wandte sich der Onkel Doktor dem Werkzeugkasten zu, allerdings mit ziemlich verwirrtem Blick. „Ja, wer von Ihnen ist denn eigentlich zuständig? Mit wem soll der Sozialdienst Kontakt aufnehmen?“ „Wir sind beide zuständig, wir gehören zusammen und sind die engsten Angehörigen“, antwortete der Werkzeugkasten, „aber morgen bin ich besser erreichbar.“

Und wer jetzt denkt, der Onkel Doktor sei halt irgend so ein alter Chauvinist gewesen, der nicht mit Werkzeugkästen redet, der irrt. Der war gerade mal alt genug, dass man ihn nicht für den Sohn des Werkzeugkastens und des Ehemanns halten konnte. 

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Werkzeugkasten

Heutzutage, das weiss jedes Kind, kann man nicht mehr einfach so davon ausgehen, dass Frau zu Hause am Herd auf Anweisungen wartet, was sie mit ihrer Zeit und ihren Fähigkeiten anfangen soll. In der Theorie zumindest ist das so und ich hoffe sehr, dass sich in Lebenswelten, in denen sich meine Geschlechtsgenossinnen bewegen, die Gleichberechtigung in irgend einer Weise bemerkbar macht. In meiner Lebenswelt, die sich derzeit trotz Berufstätigkeit vorwiegend in den eigenen vier Wänden abspielt, ist alles noch irgendwie so, wie es war, als Frauen noch nichts anderes zu tun hatten, als für Mann und Kinder zu sorgen. Dies nicht etwa, weil „Meiner“ ein übler Pascha wäre, der mir keine Freiheiten gönnt, sondern weil eine Frau, die zu Hause ist, von vielen noch immer als eine Art Werkzeugkasten angesehen wird, der nach Belieben dahin geschoben werden kann, wo es im Familiensystem gerade klemmt. Wenn Frau zu Hause ist, kann das, was sie tut, so wichtig ja nicht sein, denn sonst hätte sie einen „richtigen“ Job bekommen, so scheint man noch immer zu denken. 

Mal ist es die Aushilfslehrerin des FeuerwehrRitterRömerPiraten, die darauf besteht, meinen Sohn nach Hause zu schicken, obschon ich ihr schon hundertmal erklärt habe, dass a) unser Dritter ganz gerne die Sache mit dem Bauchweh bringt, wenn er keinen Bock hat auf Schule und b) ich am Arbeiten bin und deshalb genau so wenig verfügbar bin wie eine Mutter, die einen Job ausser Hause hat. Mal ist es Zoowärters Lehrerin, die mich jetzt gleich in der Schule sehen will, weil mein Sohn mal wieder etwas vergessen hat. Auf meine Kolumnen-Deadline kann sie keine Rücksicht nehmen, denn nachher muss sie mit der Klasse ins Turnen. (Sagt jetzt bitte nicht, ich solle halt nicht ans Telefon gehen. Wenn auf dem Display „Schule“ steht, spult mein Gehirn sämtliche Horrorszenarien ab und ich kann gar nicht anders, als ranzugehen.) Wenn es nicht die Schule ist, die meine Dienste wünscht, dann ist es ein Arzt, der mich ganz dringend ins Spital bestellt, weil es Schwiegermama nicht gut geht und intern gerade niemand verfügbar ist, der ihr auf Italienisch erklären kann, was los ist. Eine halbe Woche später wiederum ist es ein anderer Arzt, der mir erklärt, Schwiegermama gehe es viel besser, man könne den Spitalaustritt ins Auge fassen, ich solle doch so rasch als möglich vorbeikommen, damit man die Details besprechen könne. Wenn die italienische Verwandtschaft vom verbesserten Zustand erfährt, steht sogleich die Erwartung im Raum, dass Schwiegermama bei uns einziehen kann, weil ich ja Zeit habe, sie zu pflegen. Und während ich mir noch den Kopf zerbreche, wie wir die Differenz zwischen Ansprüchen und Realität überbrücken sollen, ohne einen epochalen Familienstreit vom Zaun zu brechen, kommt ein freudenstrahlender Zoowärter angerannt, der mir berichtet, die Lehrerin sei krank, der Unterricht falle aus. Das Brieflein, in dem stehen würde, wer keine Betreuungsmöglichkeit habe, könne sein Kind in die Schule schicken, händigt er mir leider nicht aus, denn ich bin ja zu Hause…

Bitte versteht mich nicht falsch. Wenn meine Lieben in der Tinte sitzen, will ich für sie da sein, keine Frage. Was mich an der Sache stört, ist die Selbstverständlichkeit, mit der man sich an mich wendet, wenn es irgendwo brennt. So wurde zum Beispiel „Meiner“ noch nicht ein einziges Mal herbeizitiert, seitdem seine Mutter erkrankt ist, man ruft ganz selbstverständlich mich. Und als er letze Woche mal von sich aus alles stehen und liegen liess, weil es wirklich nicht gut aussah, wurde das von gewissen Menschen mit Kopfschütteln quittiert. „Warum rennst du denn?“, fragten sie ihn, „deine Frau schaut doch zu deiner Mutter.“ 

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Wie gut verstehst du deine Mutter? – Ein kleines Quiz

Heuchlerbesen

Valentinstag, später Nachmittag, im Tankstellenshop tummeln sich verzweifelte Männer, die noch schnell einen Blumenstrauss ergattern müssen, um den häuslichen Frieden, den sie durch ihre Vergesslichkeit ruiniert haben, wieder herzustellen. Einer nach dem anderen packt einen billigen, potthässlichen in Plastik gehüllten Blumenstrauss in den Einkaufskorb und ich denke: Arme Kerle, mehr als ein knappes Dankeschön werden sie nicht bekommen für ihre Liebesmüh. Würde „Meiner“ mir einen solchen Heuchlerbesen überreichen, ich wüsste tausend Wege, um mich erkenntlich zu zeigen. Ich könnte ihm das Ding zum Beispiel um die Ohren hauen. Oder die Blüten in feine Streifen schneiden, leicht andämpfen und ihm als Beigemüse servieren. Oder das Ding vor seinen Augen als WC-Bürste verwenden. Oder die Blütenköpfe den Katzen zum Spielen überlassen. Oder… Ach, was zerbreche ich mir auch weiter den Kopf, ich werde ja doch nie mit einem solchen Strauss beglückt. „Meiner“ räumt mir am Valentinstag bloss das Zimmer auf und lässt mir ein Bad ein, damit ich die anstrengende Woche in Ruhe ausklingen lassen kann. 

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Meine lieben Mütter-Kolleginnen

Ich hätte da einen kleinen Hinweis: Wenn eure Kinder sich andauernd am Hinterkopf kratzen, vielleicht auch hinter den Ohren und manchmal auch oben auf dem Kopf, wenn sich dann auf der Kopfhaut auch noch so kleine, schwarze Punkte zeigen und ihr am Ende sogar noch einen Brief der Schulleitung bekommt, dann könnte es vielleicht sein, dass eure Familie Opfer von Läusen geworden ist. Ja, ich weiss, sowas hört man gar nicht gern und ich möchte auch nicht felsenfest behaupten, dass eure Kinder wirklich Ungeziefer auf dem Kopf haben, aber es könnte vielleicht, unter gewissen Umständen, wenn man die Dinge als Ganzes betrachtet, so sein.

Und wisst ihr, was man tut, wenn es vielleicht, unter gewissen Umständen, wenn man die Dinge als Ganzes betrachtet, sein könnte, dass eure Kinder Läuse haben? Dann greift man als Erstes mal zum Lauskamm und kämmt den Kindern brav die Haare aus. Oh ja, bei manchen wird es ein ziemliches Geschrei geben, aber das ist mir egal. Mit etwas Glück bleibt im Kamm nichts Weiteres hängen als ein paar Fusseln, mit ziemlich viel Pech finden sich darin winzig kleine, weisse Dinger, die Fachleute zweifelsfrei als Nissen erkennen können. Mit noch mehr Pech hängen da auch ein paar hässliche Viecher mit vielen Beinen drin. Diese Viecher nennt man Läuse und die gehören eigentlich nicht auf Kinderköpfe, auch wenn sie sich dort ausgesprochen wohl fühlen. Und wenn es auf den euch anvertrauten Kinderköpfen von dem weissen Zeug oder gar ein paar von diesen hässlichen Viechern gibt, dann gibt es nur eins: Lauskur und zwar so lange, bis keine einzige Laus, keine einzige Nisse mehr zu finden ist. Zugegeben, das ist ziemlich Scheisse, aber anders geht’s nicht.

Nein, kommt mir jetzt nicht mir der Ausrede, ihr hättet keine Zeit, stundenlang zu behandeln, zu kämmen, zu waschen und wieder zu kämmen. Ich habe auch keine Zeit und muss trotzdem. In diesem Winter bereits zum dritten Mal und weil ich die Hand dafür ins Feuer legen kann, dass Prinzchen & Co. nach der letzten Kur voll und ganz läusefrei waren, muss eine von euch Schuld daran sein, dass ich jetzt schon wieder Abend für Abend im Badezimmer sitze und kämme. 

bonjour, je m' appelle Jean; prettyvenditti.jetzt

bonjour, je m‘ appelle Jean; prettyvenditti.jetzt

Valentin oder so

Da heute mal wieder ein kleiner Auftritt auf dem Programm stand, nur ein kleiner Ausschnitt aus dem, was „Meiner“ und ich vorgetragen haben. Wer will, kann es als Beitrag zum Valentinstag sehen:

Man trifft sich.
Es funkt.
Es kribbelt.
Es stimmt.
Es passt.
Es ist schön.
Es ist richtig.
Es funktioniert.
Es gehört sich halt so, oder auch nicht.
Es läuft nicht immer wie geplant.
Es kriselt.
Es stimmt nicht mehr so richtig.
Es gäbe auch andere.
Es nervt.
Es ist zum Verzweifeln.
Es tut weh.
Ist es aus?

Doch da steht ein Ja.
Ja, es funkt.
Ja, es kribbelt.
Ja, es stimmt.
Ja, es passt.
Ja, es ist schön.
Ja, es ist richtig.
Ja, es funktioniert.
Ja, es gehört sich halt so, oder auch nicht.
Ja, es läuft nicht immer wie geplant.
Ja, es kriselt.
Ja, es stimmt nicht mehr so richtig.
Ja, es gäbe auch andere.
Ja, es nervt.
Ja, es ist zum Verzweifeln.
Ja, es tut weh.

Das alles gehört dazu.
Das Es und das Ja.
Jeden Tag.
Immer wieder neu. 

today I am forty; prettyvenditti.jetzt

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Wo bleibt bloss mein Verständnis?

Neulich unterhielt ich mich mit jemandem darüber, wie schwer wir uns damit tun, zu verstehen, was einen Menschen dazu treibt, sich vegan zu ernähren. „Ich meine, ein Leben so ganz ohne Käse und Eier, das kann ich mir schlicht nicht vorstellen“, sagte ich und plötzlich kam mir das, was ich sagte, ganz bekannt vor. „Ich meine, ein Leben so ganz ohne Steaks und Würste, das kann ich mir schlicht nicht vorstellen…“ Wie oft habe ich diesen Satz gehört, seitdem ich als Zehnjährige dem Fleisch abgeschworen habe? 

Fleisch hatte ich noch nie besonders gerne gegessen, erst recht nicht, als die Schafe, die wir mit der Schoppenflasche aufgepäppelt hatten, auf dem Teller landeten. Als wir mit der Schulklasse den Jägern einen Besuch abstatteten, standen da Eimer voller Blut herum und das gab mir den Rest. Damit begann der Kampf ums Verständnis. „Das machst du nur, um aufzufallen“, behaupteten die einen, „Das ist total ungesund“, die anderen, „Das ist nur eine Phase“, die Dritten. Es war keine Phase und nur um Aufmerksamkeit zu bekommen, zog man sowas in den frühen Achtzigern nicht durch. Da galt man nämlich noch als unglaublich schüchtern, wenn man beim Metzger die Wurstscheibe dankend ablehnte und bekam deshalb gleich zwei. Im Ferienlager wurde man als „schnäderfrässig“ beschimpft, wenn man auf Fleisch verzichtete und es konnte durchaus vorkommen, dass ein sadistisch veranlagter Lagerleiter einen dazu zwang, einen Landjäger runterzuwürgen, weil „gegessen wird, was auf den Tisch kommt“. In der Kochschule war man als Letzte fertig mit dem Essen, weil es überall Speckwürfel oder Schinkenstücke drin hatte, die man mühselig rausklauben musste und später, als die ersten Vegi-Menüs aufkamen, hatte man die Wahl zwischen Tortellini (Ricotta und Spinat) im Alltag und Auberginen-Schnitzel beim Festessen, weil Köche damals noch glaubten, ein Vegetarier brauche etwas Schnitzelförmiges auf dem Teller, damit er am Tisch nicht unangenehm auffällt. (Fragt nicht, auf wie vielen Hochzeiten um die Jahrtausendwende ich Auberginen-Schnitzel gegessen habe. Ich habe sie nicht gezählt. Aber glaubt mir, meine lieben Freunde, ich habe euch inzwischen verziehen.)

In jenen fernen Tagen fragte natürlich noch niemand „Esst ihr alles, oder ist jemand von euch Vegetarier?“ wenn man eingeladen wurde und so kam es öfter mal vor, dass ich mit Todesverachtung und möglichst ohne zu kauen Schinkengipfel oder Chicorée im Schinkenmantel runterwürgte, weil die Gastgeber ausser ein paar welken Salatblättern nichts Fleischloses auf den Tisch gebracht hatten. Der Satz „Tut mir Leid, ich bin Vegetarierin, ich esse lieber nichts“, war in jenen Tagen noch nicht überall salonfähig und hätte eine aufkeimende Freundschaft ernsthaft gefährden können. Aussergewöhnlich rücksichtsvolle Gastgeber dachten natürlich schon damals an die Bedürfnisse der Fleischverächter und kochten deshalb für die Vegetarier etwas mit Poulet. Wie hätte man bei so viel Rücksichtnahme sagen sollen, dass Poulet genau so wenig geht wie Schwein oder Rind?

Besonders schwierig wurde es, als ich Schwiegermama kennen lernte. „Du isst kein Fleisch?“, fragte sie ungläubig. „Na, dann nimm doch wenigstens ein bisschen Salami.“ „Ääääähm, Salami ist auch Fleisch…“ „Dann eben Rohschinken?“ „Auch Fleisch….“ „Aber Aufschnitt isst du doch bestimmt?“ „Leider nein….“ Noch irgendwelche Fragen, warum Schwiegermama und ich uns nicht auf Anhieb bestens verstanden haben? Um des lieben Familienfriedens Willen rang ich mich schweren Herzens dazu durch, wenigstens Poulet zu essen, was so lange halbwegs gut ging, bis mir Schwiegermamas Schwester Hühnerhälse vorsetzte. Von da an war ich wieder strikte Vegetarierin – bis auf die paar Bissen Fisch, die ich hin und wieder aus Vernunftgründen esse, weil Fisch ja bekanntlich klug macht – , auch wenn es Jahre brauchte, bis Schwiegermama sich daran gewöhnen konnte, mir kein Poulet mehr anzubieten und es nicht persönlich zu nehmen, wenn ich ablehnte. 

Inzwischen ist es natürlich längst kein Problem mehr, überall anständiges bis sehr gutes vegetarisches Essen zu bekommen. Die Frage, ob man Vegetarier ist, gehört bei jeder Einladung standardmässig dazu, ebenso wie das Aufatmen, wenn man sagt „Ja, aber nur Vegetarier, nicht vegan. Ich esse eigentlich alles, ausser Fleisch und Fisch.“ Vielleicht füge ich noch an. „Aus Überzeugung und weil ich es nicht mag, aber ich würde nie jemanden dazu zwingen, auf Fleisch zu verzichten. Und ja, für meine Kinder koche ich Fleisch“, weil ich genau weiss, dass diese Fragen folgen werden. Vegetarier sind inzwischen so alltäglich, dass sie schon fast langweilig sind. Heute ist sollte man mindestens vegan sein, vielleicht noch ein wenig laktoseintolerant oder Gluten-unverträglich obendrein.

Und wenn ich diesen letzten Satz so schreibe, schäme ich mich ein wenig, denn wer, wenn nicht ich, sollte Verständnis haben, wenn jemand aus Überzeugung seine Ernährung umstellt, obschon die anderen das irgendwie seltsam finden? 

essere collegato; prettyvenditti.jetzt

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Schneeneidisch

Winter ist nicht so mein Ding. Klar, ich finde Schnee wunderschön und ich liebe es, den fallenden Flocken zuzuschauen oder das reine Weiss im Sonnenlicht zu bewundern. Mein Bedürfnis, mich in dem kalten Zeug zu tummeln oder irgendwo in einer Skihütte bei Ländlermusik abzuhängen ist jedoch mikroskopisch klein. Das Geld für eine anständige Skiausrüstung und Ferien im Schnee – so ich es denn habe – gebe ich lieber für andere Dinge aus. Für Krankenkassenrechnungen, zum Beispiel, oder für die Reparatur des undichten Fensters im Wohnzimmer. 

Dennoch packt mich in diesen Tagen der blanke Neid, wenn ich – zwischen Krankenbesuch (momentan gerade auf der Intensivstation), Arztgespräch, Streit schlichten, weil Luise beim „Monopoly“ wieder mehr einheimst als alle anderen und Mittagessen kochen – einen Blick auf mein Facebook-Profil werfe. Dort sieht es nämlich so aus, als tummle sich gerade alle Welt vollkommen sorgenfrei auf verschneiten Bergen, währenddem bei uns mal wieder alles aus dem Ruder läuft. Filmchen von putzigen Missgeschicken bei ersten Versuchen auf Skiern und glückliche Gesichter in der virtuellen Welt, sorgenvolle Mienen und gelangweilte Kinder in dem, was wir unser echtes Leben nennen. Und jetzt sind auch noch die Läuse zurückgekehrt….

Klar, mein Kopf sagt mir, dass das alles gar nicht so schlimm ist, dass das Dasein andernorts auf diesem Planeten wirklich elend ist, während wir nur eine Phase durchstehen, die halt eben zum Leben gehört. Mein Kopf sagt mir auch, dass ich eigentlich nicht die geringste Lust hätte, mir den Hintern am Rande einer Skipiste abzufrieren. Aber tief in mir drinnen haust auch ein kleiner Jammerlappen und der führt sich in diesen Tagen auf wie Rumpelstilzchen. „Alle haben Spass“, schimpft er, „nur wir müssen mal wieder am Rande stehen und zuschauen, wie sich die anderen vergnügen. Ich will auch in den Schnee!“ Und auch wenn er vollkommen stumpfsinniges Zeug von sich gibt, dieser Jammerlappen, zum Schweigen bringen lässt er sich halt doch nicht so leicht.

l' infanzia è finita; prettyvenditti.jetzt

l‘ infanzia è finita; prettyvenditti.jetzt