Sind wir denn noch immer nicht weiter?

Keine Ahnung, wie der Prospekt seinen Weg zu uns gefunden hat, aber weil er gerade herumlag und ich nichts besseres zu tun hatte, sah ich ihn mir genauer an. „Mit Frau Sieber und Herrn Marti durchs neue Fiskaljahr“, lautete der Titel, abgebildet waren eine schwangere Frau und ein Mann mit Kissen unter dem Hemd, beide dezent geschäftlich gekleidet. Die zwei werben für eine digitale Agenda, die dem Chef dabei helfen soll, die schwangere Mitarbeiterin so durch die Schwangerschaft zu begleiten, dass sie nach dem Mutterschaftsurlaub wieder zur Arbeit zurückkehrt. 

Na ja, eigentlich ist das Thema für mich erledigt, aber man hat so seine Erfahrungen gemacht mit Chefs und Schwangerschaften. Zum Beispiel die, dass man im vierten Monat dazu gedrängt wurde, sich festzulegen, wie es nachher weitergehen soll – und auch naiv genug war, sich auf das miese Spiel einzulassen. Oder die, dass der Chef Monate brauchte, um sich endlich einmal nach dem Befinden zu erkundigen. Oder die, dass der Bürokollege weiterhin ungeniert am Nebentisch rauchen durfte. Oder die, dass der Chef drei Tage nach der Geburt ins Spital anrief, um zu verkünden, der Job werde leider gestrichen. Wahrlich, nicht jeder bringt es fertig, eine frischgebackene Mama mitten im schlimmsten Baby Blues noch mehr zum Heulen zu bringen. 

Wer solche Erfahrungen gemacht hat, sollte es also begrüssen, dass man die Arbeitgeber auf ihre Pflichten aufmerksam macht und ihnen dabei hilft, sich im Dschungel der Mutterschutz-Paragrafen zurechtzufinden. Und irgendwie begrüsse ich es ja auch. Ist doch gut, wenn endlich einmal schwarz auf weiss steht, welche Rechte die (werdende) Mama hat. 

Aber es ärgert mich auch, dass wir noch immer nicht weiter sind. Muss man Chefs denn noch immer sagen, wie sie sich gegenüber einer schwangeren Mitarbeiterin zu verhalten haben (Nämlich nach dem Vorgehen GEZI: Gratulieren, Einladen, Zuhören, Informieren)? Brauchen die wirklich noch eine Vorlage, wie man das Gratulationsschreiben nach der Geburt verfasst? Muss man denen wirklich noch ans Herz legen, während des Mutterschaftsurlaubs in Kontakt zu bleiben? Ist die Schwangerschaft einer berufstätigen Frau tatsächlich noch so eine verkorkste Sache, dass man Merkblätter mit Verhaltensregeln erarbeiten muss?

Offenbar schon, sonst hätte man keine so grosse Kampagne aufgezogen. Schade, ich hatte so gehofft, es hätten sich ein paar Dinge geändert, seitdem ich allen Mut zusammennehmen musste, um meinem Chef zu verkünden, dass ich Mutter werde (Ja, ich war sehr jung, sehr berufsunerfahren und sehr naiv und heute würde ich die Sache deutlich selbstbewusster angehen…).

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Die halten sich ja auch nicht zurück…

Was auf meiner Garten-Einkaufsliste steht:

  • 10 bis 12 Säcke Bio-Gemüseerde
  • 5 bis 7 Säcke Bio-Kompost (weil meiner noch nicht reif genug ist, um bereits seine Wirkung zu tun)
  • Saatschalen in zwei oder drei verschiedenen Grössen
  • Herbstblumenzwiebeln aus denen natürlich aussehende Blüten heranwachsen sollen und nicht irgendwelche überzüchteten Dinger, die aussehen, als wären sie aus Kunststoff.
  • Natürlich aussehende, einheimische, immergrüne Pflänzchen, die meine improvisierten Stein-Hochbeete überwuchern können.
  • Saatkartoffeln für Blaue St. Galler, die laut meiner Garten-App spätestens bis Ende März im Boden sein müssten, es aber auch schon seit Mitte Februar sein könnten.

Was ich in den Gartenabteilungen und Gartencenters finde:

  • Aussaaterde, Zimmerpflanzenerde, Universalerde mit Torf, Gemüseerde mit Torf, Beerenerde, Wasserpflanzenerde, Azaleenerde Moorbeeterde…und einen einzigen Sack Bio-Gemüseerde.
  • „Kompost? Hmmm, ja, vielleicht haben wir einen oder zwei Säcke. Aber kein Bio.“
  • Weit und breit keine Saatschalen, dafür unzählige Aufzucht-Sets mit getrockneten Torf-Töpfchen. Und Torf-Töpfchen will ich nicht, weil ich schon als Kind gelernt habe, dass Torf im Biogarten nichts zu suchen hat.
  • Blumenzwiebeln, bei denen der Züchter ganz offensichtlich die Vorgabe hatte, dass die Aster auf gar keinen Fall aussehen darf wie eine Aster, die Gladiole nicht wie eine Gladiole und die Dahlie nicht wie eine Dahlie. Und das alles in Farben, die selbst mir zu schreiend bunt sind.
  • Hässliches immergrünes Zeugs von zweifelhafter Herkunft
  • Steckzwiebeln und Steckknoblauch in rauen Mengen, aber weit und breit keine Saatkartoffeln. Was auch nicht weiter schlimm ist, weil ich ja gar keine Kartoffeln setzen kann, wenn ich keine Erde habe, um das Kartoffelbeet aufzufüllen.

Okay, mir ist auch klar, dass die Gartensaison noch nicht offiziell eröffnet ist, aber man wird ja wohl noch die Beete vorbereiten dürfen, ehe die Frostharten ausgepflanzt werden müssen, was demnächst der Fall ist.  Pikieren ohne Saatschalen ist auch nicht ganz einfach und die vom letzten Jahr sind alle rissig. (Nein, kommt mir jetzt nicht mit diesen Eierkartons, das ist letztes Jahr zünftig in die Hose gegangen.)

Und überhaupt, warum soll ich mich in Zurückhaltung üben, wenn mich die Lust zum Gärtnern packt? Die Gartencenter tun es ja auch nicht und überstellen jetzt schon alles mit pastellfarbenen Osterhasen, getupften Eiern und Hühnern aus Stroh. Dabei kommt der Osterhase doch erst, wenn meine Palerbsen bereits blühen sollten. 

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Familienwetter

Könnte man das Familienwetter voraussagen, dann hätte die Prognose für heute etwa so gelautet: 

„Der Morgen beginnt klar, doch ab halb sieben bis ca. acht Uhr ist mit vereinzelten Turbulenzen und Regenschauern zu rechnen. Diese können zum Teil sehr heftig ausfallen, ziehen jedoch rasch wieder ab. Der Rest des Vormittags verläuft ruhig und windstill, es ist ziemlich sonnig. Am Mittag kommt stürmischer Wind auf, es bleibt jedoch sonnig und angenehm warm. Ab 13 Uhr legt sich der Wind wieder, der Himmel ist nahezu wolkenlos, die Temperaturen gehen leicht zurück. Gegen Abend ziehen ziemlich plötzlich heftige Gewitter auf. Ob mit Gewitterschäden zu rechnen ist, lässt sich nicht voraussagen, ausschliessen lässt es sich aber auch nicht. Nach 19 Uhr beruhigt sich die Wetterlage wieder, am Abend zeigen sich nur noch vereinzelte Wolken, Regenschauer sind keine mehr zu erwarten. Die Nacht wird voraussichtlich wieder klar und windstill, vereinzelte Störungen sind jedoch nicht auszuschliessen.“

Das hätte der Familien-Wetterfrosch vorausgesagt, wenn es ihn gäbe. Doch es gibt ihn nicht, denn im Familienleben weiss man immer erst im Nachhinein, wie es war. Warum bei schönsten Wetter ohne jegliche Ankündigung zu heftigen Gewittern kommt, andererseits aber der strömende Regen plötzlich strahlendem Sonnenschein weichen muss, darüber zerbrechen sich Experten weiterhin vergeblich die Köpfe.

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Da kommt wahrlich keine Routine auf

Endlich, nach vier Wochen Dauerbetrieb, waren wir heute Morgen wieder einmal alleine zu Hause, meine Gedanken und ich. Und wie es so geht, wenn auf einmal himmlische Ruhe herrscht, meldeten sich meine Gedanken sogleich mit heftigen Vorwürfen zu Worte. Saublöd hätte ich mich aufgeführt in den vergangenen vier Wochen, stets dieses Gejammer über mangelnde Ruhe und Tagesstruktur, dabei sei ich selber Schuld am ganzen Schlamassel, ich hätte mich ja vollkommen gehen lassen. Das sei doch keine Art, meinen Liebsten einfach so mitten ins Gesicht zu sagen, sie würden mich nerven mit ihrem ewigen Gezänke. Und dann auch noch diese unsägliche Aussage, ich sei froh, wenn sie alle wieder eine Beschäftigung hätten. Eine egoistische, undankbare Kuh sei ich, die eine solche Familie nicht verdient hätte. Ich solle mich gefälligst gehörig schämen… 

Das tat ich dann auch schön folgsam und ich beschloss, mich zu bessern. Kein Gejammer mehr über meine geliebten Familienmitglieder, die meine sauber geplanten Tagesstrukturen ins Wanken und schliesslich zum Einstürzen bringen, das schwor ich mir. 

Tja, und dann kamen sie wieder nach Hause und brachten Zettel von der Schule mit: Am Donnerstag schulfrei ab 10 Uhr, weil die Schüler nach dem Fasnachtsauftakt am frühen Morgen nicht mehr bildungsfähig sind. Kein Englisch für Luise am 6. März, schulinterne Weiterbildung am 19. oder so, fünf Schulwochen bis zu den Frühlingsferien und danach die üblichen Feiertage… Bis zum Ende des Schuljahres wird kaum eine Woche so sein, wie es auf dem Stundenplan steht.

„Nicht jammern“, ermahnte ich mich selber, als ich einen Zettel nach dem anderen las. „Lass dir auf gar keinen Fall anmerken, dass du dich nervst, für die Kinder sind schulfreie Tage ja wirklich eine tolle Sache.“ Ich hätte es geschafft, nichts zu sagen, hätte nicht Karlsson auch noch irgendeine Verschiebung angekündigt, die nicht auf den Zetteln stand. Da brach es schliesslich doch noch aus mir heraus: „Himmel, habt ihr überhaupt irgendwann Schule, oder muss ich mich darauf einstellen, wieder rund um die Uhr im Einsatz zu sein?“

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10 Wege, uns zu sagen, dass wir zum alten Eisen gehören

1. „Hast du echt drei Franken ausgegeben? Nur damit du dir deinen eigenen Avatar gestalten und den Spielhintergrund verändern kannst?  Das bringt’s doch voll nicht, Mama.“

2. „Warum ladet ihr euch eigentlich all das Zeug legal runter? Man kann das doch auch gratis haben.“ (Kleine Anmerkung am Rande: Weil wir wissen, wie viel Arbeit jemand in ein kreatives Werk steckt und wie wenig dabei finanziell rausschaut.)

3. „Warum haben deine Eltern die Weihnachtsgeschenke nicht einfach im Internet bestellt? Ist doch voll unnötig, sich ins Gewühl zu stürzen.“

4. „Warum hast du keine Gesangskarriere gestartet? Du hättest ja bei einer Casting-Show mitmachen können.“

5. „Okay, mag ja sein, dass dieser Film total cool ist, aber der wurde 1999 gedreht. Du glaubst doch nicht, dass ich so einen uralten Streifen sehen will? Schau dir bloss diese schrecklichen Kleider an…“

6. Ich: „Toll, ihr wart im 3D-Kino. Was gefällt dir besser, 3D oder normal?“ Neffe: „Keine Ahnung. Hab bis jetzt immer nur 3D gesehen im Kino.“

7. „Mag sein, dass du erst mit 26 zum ersten Mal in Paris warst, aber früher war eben alles noch anders. Ich warte sicher nicht so lange.“

8. „Du bist peinlich.“

9. „Nicht so laut, Mama. Alle hören dich.“

10. „Warum schreibst du eine SMS? Hast du kein whatsapp?“ (Nein, habe ich nicht, darum bin ich heute auch erreichbar. :-P)

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Wollen täte ich ja schon…

Trotz viel zu kurzer Nacht raffe ich mich am letzten Ferientag unserer Kinder früh morgens auf, um eine oder zwei Stunden ungestört arbeiten zu können. Ich nehme mir sogar die Zeit, zum Tagesstart kurz inne zu halten zu einem Morgengebet. Heute werde ich mich nicht von den Ereignissen überrollen lassen, sondern schön diszipliniert meinen verschiedenen Aufgaben nachgehen. Mit dem Frühstück setze ich mich an den Computer, um gleich loszulegen, doch ich schaffe es gerade mal, zwei Mails zu beantworten, als das Telefon klingelt. Weshalb ich rangehe? Weil ich um diese Uhrzeit davon ausgehe, dass es dringend ist.

Fünfundvierzig Minuten lang hänge ich ziemlich hilflos am Draht, versuche zu helfen, wo ich helfen kann und starre mit Entsetzen auf die Uhr, deren Zeiger sich unaufhaltsam vorwärts bewegt. Gegen Ende des Telefongesprächs kommt Karlsson ins Zimmer geschlichen, Minuten später ist auch Luise da. Als ich endlich fertig bin mit Telefonieren muss ich mich zusammenreissen, um meinen Frust nicht an ihnen auszulassen. Sie können ja nichts dafür, dass ich in der einen Stunde, die mir zum ungestörten Arbeiten geblieben wäre, gestört worden bin. 

Da jetzt an Kopfarbeit nicht mehr zu denken ist, bereite ich eben das Mittagessen vor, damit ich vielleicht nachher, wenn alle gefrühstückt haben, noch einmal einen Arbeitsversuch starten kann. Zwei Anrufe später ist mir klar, dass heute Vormittag wohl nichts mehr daraus wird. Dann putze ich eben die Küche, damit ich das morgen nicht mehr machen muss. So kann ich morgen erledigen, was ich heute hätte tun wollen. Doch ehe ich putzen kann, muss aufgeräumt sein und schon steht ein neues Hindernis vor mir: Der Schlüssel des Vorratsschranks, der eben noch da war, ist unauffindbar, was bedeutet, dass Kakaodose, Vorn Flakes, leere Milchflaschen etc. nicht hinkönnen, wo sie hin müssen. Putzen geht also auch nicht.

Was bleibt mir da noch, als mich an den noch immer eingeschalteten Computer zu setzen, um darüber zu schreiben, dass alles Wollen meinerseits nichts nützt, solange der Tag läuft, wie es ihm beliebt? Mein Wollen, so muss ich leider einmal mehr einsehen, spielt im meinem Leben an gewissen Tagen eine sehr untergeordnete Rolle.

Und wer jetzt einwendet, bloggen sei doch auch Kopfarbeit, warum ich das denn könne, dem kann ich getrost antworten, im Bloggen sei ich inzwischen so geübt, dass ich es auch im Schlaf erledigen könnte. 

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Ob das wirklich nötig ist?

Heute stand ein Termin bei der Schulpsychologin auf dem Programm. Weshalb wir denn mit dem Kind zur Psychologin gehen müssten, wollte il Cugino wissen. Das Kind komme nicht so gut mit der Realität zurecht und ecke deswegen in der Schule öfters mal an, erklärte ich. Manchmal treibe es die Lehrerin regelrecht in den Wahnsinn, weil es sich weigere, mitzumachen. Il Cugino schaute mich fragend an, also erklärte ich weiter: Das Kind fühle sich oft unglücklich, weil das Leben nicht so spannend sei wie die Fantasie. Die Alltagsdinge, die eben auch ihre Wichtigkeit hätten, empfinde es als voll und ganz unbedeutend und manchmal habe es richtig schlimme Durchhänget deswegen. 

Wie alt das Kind denn sei, fragte il Cugino. Bald zehn, sagte ich. Dann müsse man sich doch keine Sorgen machen, meinte il Cugino. Wenn das Kind jetzt vierzehn oder fünfzehn wäre, dann würde er sich auch Gedanken machen, aber in diesem Alter sei es doch ganz normal, dass ein Kind sich in einer Fantasiewelt verliere. Das sähe ich eigentlich ganz ähnlich wie er, pflichtete ich ihm bei. Es sei nur dummerweise so, dass die schulischen Leistungen allmählich litten und dass die Lehrerin die Geduld verliere. Uns sei es einfach wichtig, dem Kind Unterstützung zu bieten, auf gar keinen Fall aber möchten wir, dass an ihm herumkorrigiert würde….

Je länger ich zu erklären versuchte, umso klarer wurde mir, dass ich es gar nicht erklären kann, denn was hierzulande bei einem Kind als auffällig gilt, bietet in Italien offenbar noch längst keinen Grund zur Besorgnis. Gut, in Italien werden die Kinder auch nicht im Alter von elf bis zwölf Jahren in verschiedene Leistungsstufen eingeteilt, aber irgendwie beneide ich il Cugino schon um seine gelassene Sicht der Dinge. 

 

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Schlecht verteilt

Ihnen ist soooooo unglaublich langweilig – und ich hätte sooooooo unglaublich viel zu tun.

Sie schieben jede Aufgabe so lange wie möglich vor sich her – und ich werde allmählich kribbelig, weil ich meine Sachen vor mir herschieben muss, solange sie gelangweilt zu Hause herumhängen.

Sie wissen einfach nicht, was sie mit ihrer Zeit anfangen sollen – und ich weiss einfach nicht, wie mir die Zeit für alles reichen soll.

Sie verspüren nicht die geringste Lust, das schöne Wetter zu geniessen – und ich wünschte mir, ich hätte Zeit für einen Waldspaziergang.

Sie möchten andauernd unterhalten werden – und ich möchte wenigstens fünf Minuten ungestört meinen Gedanken nachhängen können.

Sie hätten genügend Energie, um Bäume auszureissen, aber keine Idee, wo sie diese Energie einsetzen sollen – und ich hätte die Ideen, aber nicht genügend Energie zum Bäume ausreissen.

Sie haben Ferien – und ich bräuchte Ferien.

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Faul?

„Keine Matur mehr für Faulpelze“ lautete vergangene Woche der Titel eines Artikels in der „NZZ am Sonntag“. Im Artikel ging darum, dass Schüler ihre mathematischen Abstürze nicht mehr durch Glanzleistungen in anderen Fächern kompensieren können. Was bedeuten würde, dass man Leuten wie mir kein Maturazeugnis mehr aushändigen würde. Ich konnte es nicht über mich bringen, den Artikel zu lesen, der Titel allein liess die alte Geschichte wieder in mir hochkommen.

Ich sah mich wieder am Pult der Primarlehrerin stehen, vor ihr das Blatt mit meiner ersten Ungenügenden. Was da schief gelaufen sei, wollte sie wissen. Ich konnte es ihr nicht erklären, das mit dem Minus wolle mir halt einfach nicht so recht in den Kopf gehen. Ihre Versuche, mir das Rätsel begreiflich zu machen, scheiterten, doch das spielte bald keine Rolle mehr, denn ich hatte ja trotz mittelmässiger Mathenote den Übertritt an die Bezirksschule geschafft.

Dort quälte man die Schüler zuerst einmal mit dem Zweiersystem, denn damals glaubte man noch, jeder der einen Computer bedienen wolle, müsse das binäre Zeugs beherrschen. Ich beherrschte es nicht, schrieb eine Ungenügende nach der anderen und bald war ich verzweifelt genug, um mit meinen Fragen an den Mathelehrer zu gelangen. Der wollte meine Fragen allerdings nicht beantworten, sondern stellte bloss fest, ich sei gar nicht so schlecht geraten und schielte in meinen Ausschnitt. Dann empfahl er mir einen Besuch beim Schulpsychologen, was mich zutiefst beleidigte. Das mit dem Fragen liess ich nach dieser Episode lieber bleiben.

Von da an hatte ich das Gefühl, Mathematik ginge mich nichts an und da meine Schwestern mathematisch ähnlich unbegabt waren wie ich, schrieb ich meine Unfähigkeit in pubertärer Naivität einzig und allein den Genen zu. Der hochbegabte Pädagoge, von dem im oberen Abschnitt schon die Rede war, bestätigte mich in meiner Haltung, indem er bemerkte, ich sei zu wohl dumm, um Krankenschwester – sorry, so nannte man das damals noch – zu werden. Nun, ich war immerhin dumm genug, ihm zu glauben, ich sei dumm und von dieser neu gewonnenen Überzeugung konnte mich auch ein ganz passables Resultat bei der Abschlussprüfung, die mir den Übertritt ans Gymnasium ermöglichte, nicht mehr abbringen.

Am Gymnasium verschafften mir meine mangelhaften Mathematikkenntnisse zum ersten und bisher einzigen Mal einen Vorteil. „Meiner“, den das Schulsekretariat in die gleiche Klasse eingeteilt hatte, erkannte nämlich auf den ersten Blick, dass man ganz weit hinten anfangen musste, wenn man meine mathematischen Lücken auffüllen wollte. Erstaunlicherweise übernahm er diese Aufgabe ganz gerne und so sassen wir Samstag für Samstag nach dem Unterricht – ja, liebe Kinderlein, damals war samstags noch Schule – in der fast leeren Mensa und kämpften uns durch den Stoff, den mir der Superpädagoge an der Bezirksschule hätte vermitteln müssen.

Glaubt mir, ich benutzte die samstäglichen Nachhilfestunden nicht alleine, um „Meinem“ näher zu kommen. Ich gab wirklich alles, um zu verstehen, worum es ging, büffelte stundenlang. Ich gestaltete mein Mathematikheft so bunt, dass mein Gehirn endlich einen Zugang zu den Formeln finden konnte und setzte mich damit dem Spott meines neuen, pädagogisch ansonsten deutlich begabteren Mathelehrer aus. „Kindergarten-Zeichnungsheft“ nannte er mein farbenfrohes Theorieheft, aber das war mir egal, denn immerhin gelang es mir so, einen besseren Überblick zu erlangen.

Mit der Zeit erkannte ich, dass die Mathematik durchaus eine faszinierende Sache ist, die ich ganz gerne verstehen möchte. Manchmal verstand ich sie sogar, einmal schrieb ich eine fast genügende Note und hin und wieder erklärte ich einer mathematisch auch nicht sonderlich begabten Mitschülerin, wie es geht. Leider zahlte sich mein Einsatz nicht aus, bei Prüfungen versagte ich weiterhin kläglich. Oft warf ich das wertlose Papier unter Tränen in den Abfalleimer, aus dem es „Meiner“ Momente später wieder herausfischte, um mit dem Lehrer um halbe und Viertelpunkte zu feilschen.Trotz aller unserer Bemühungen quälte uns beide vor jedem Zeugnis die bange Frage, ob mich die Mathenote aus dem Gymnasium schmeissen würde. Gott sei Dank war ich nicht nur mit einer grandiosen Unfähigkeit gestraft, sondern auch mit einigen Fähigkeiten gesegnet, weshalb ich nach vier Jahren des Kämpfens mit dem Maturazeugnis den Beweis in den Händen hielt, dass ich vielleicht doch nicht ganz so dumm bin, wie mir mein Lehrer einst gesagt hatte.

Diese Geschichte kam in mir hoch, als ich über den Titel mit den Faulpelzen stolperte und ich muss gestehen, dass es weh tat, diese Worte zu lesen. Ich will mich nicht zu jenen Menschen zählen, die Jahre später noch in der Opferrolle bleiben und mir ist auch klar, dass ich einige Dinge hätte besser machen können, aber lesen zu müssen, dass jemand, der nicht rechnen kann, faul ist und keine Matura machen soll, war ähnlich schmerzhaft, wie mir anhören zu müssen, ich sei dumm.

Schmerzhaft vor allem auch darum, weil einige unserer Kinder zwar sprachlich ganz vorne mitmischen, in der Mathematik aber ähnlich zu kämpfen haben wie ich. Mir war es immerhin noch möglich, trotz meiner Unfähigkeiten die Matura zu machen, was aber ist mit ihnen?

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Nicht so gefragt im Moment

Auf dem Küchentisch steht plötzlich ein Red Bull. Genauer gesagt: Eine Dose Red Bull. Also eine klare Übertretung des „Kind, trink bloss keine Energy Drinks, die sind ungesund. Und wenn du schon welche trinken musst, dann gefälligst nicht aus der Dose, denn Dosen sind nicht umweltfreundlich“-Gebots.

Beim samstäglichen Putzen kommt jetzt immer öfter Javel-Wasser zum Einsatz, weil Mamas Meinung zu diesem giftigen Zeug nichts mehr gilt. Wenn Grossmama und Tante sagen, dass man damit alles blitzsauber bekommt, dann stimmt das und obendrein riecht das ja auch so unglaublich gut…

Hätte ich mir erlaubt, auf Facebook einen mütterlichen Kommentar abzugeben, dann hätte er mich aus seiner Freundesliste gekippt.

Filme, die ich lustig finde, sind grundsätzlich doof. Dafür sind die Studienfächer, die ich zum Gähnen langweilig finde, auf einmal unglaublich interessant. Und wenn ich bemerke, er solle bei der Berufswahl seine Talente berücksichtigen, fragt er, ob ich jetzt etwa auch so eine ehrgeizige Glucke sei, die ihren Nachwuchs pushen wolle.

Wenn er dreimal in zehn Minuten meinetwegen seine Lektüre unterbrechen muss, verdreht er entnervt die Augen und fragt, ob ich eigentlich nicht alle Anliegen auf einmal vorbringen könne.

Okay, verstanden. Derzeit stehe ich bei Karlsson nicht besonders hoch im Kurs, doch solange wir noch miteinander herumalbern und über uns selbst lachen können, habe ich kein Problem damit. Früher oder später muss er ja wohl seinen eigenen Weg finden.

Ich hoffe bloss, dass der Frevel mit den Getränkedosen bald ein Ende hat…

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