Undankbare Doris

Da durchforste ich monatelang das Internet nach einer geeigneten Volière. Als ich endlich eine finde, telefoniert sich „Meiner“ die Finger wund, um einen Termin mit dem Verkäufer zu vereinbaren. Wir mieten zu angeblich günstigen Konditionen, die sich dann als doch nicht so günstig herausstellen, einen Lieferwagen und karren das Ding durch die halbe Schweiz. Wir zwingen die Wachteln zum Umziehen, bauen unter grosser Mühe die Elemente zusammen und schrauben heute mit klammen Fingern das Dachgitter fest. „Meiner“ muss dazu durchs Gebüsch turnen als wäre er auf einem Abenteuer-Ausflug. Ich klaube heruntergefallene Schrauben und Muttern aus dem Dreck, „Meiner“ schleppt Äste herbei und Luise fängt für Karlsson die beiden Nymphensittiche ein, um sie in ihr neues Domizil zu bringen.

Und was tut Nymphensittich-Dame Doris? Dankt sie uns für die ganze Mühe, die wir ihretwegen auf uns genommen haben? Pfeift sie uns eine besonders schöne Melodie? Legt sie vor later Freude ein Ei? Nichts dergleichen. Das undankbare Tier wartet den Moment ab, in dem das Prinzchen, der Karlsson beim Füttern hilft, die Tür der Volière loslässt und weg ist sie, zuerst auf dem Zaun, dann auf dem Dach und schliesslich hoch oben in Nachbars Tanne. Glaubt mir, sollte es Nymphensittich Loris gelingen, seine Partnerin mit seinen verzweifelten Rufen zurück zu locken, bekommt die undankbare Doris etwas von mir zu hören.

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Arbeitsferien

Mit viel Gemotze und Gelächter, einigen kleinen Schrunden, heftigem Muskelkater, einigem Improvisationstalent, Schaufeln, Putzeimern, einer Spielzeugschubkarre und anderen äusserst geeigneten Werkzeugen haben wir in den vergangenen Tagen Bäume geschnitten, das Schaukelgerüst abgerissen, den morschen Holzschopf zertrümmert, einen Gartenteich gegraben, eine Volière (halbwegs) zusammengebaut, Gartenbeete geräumt, ein Hochbeet aufgebaut, gejätet, Löcher zugeschüttet, Kompost umgeschichtet und die Wachtelkäfige verschoben. Noch gilt es zu schaufeln, zu pflanzen, zu schrauben und die Nyphensittiche im Büro einzufangen, um sie zu ihrem neuen Glück zu zwingen. Einige Dinge kann ich jedoch bereits jetzt voraussagen:

Wir werden sehr viele Worte brauchen, um Karlsson und Luise zur Arbeit motivieren zu können.
Der FeuerwehrRitterRömerPirat wird weiterhin viel Lob einheimsen, weil er wie ein Vergifteter arbeitet.
Der Zoowärter wird noch eine Weile brauchen, um zu erkennen, wann wir spielen und wann wir arbeiten.
Das Prinzchen wird trotz seiner Begeisterung fürs Schaufeln nie ein Bauarbeiter, weil die Männer auf dem Bau fluchen und er nicht.
Am Ende der Woche werde ich meine Flip Flops entsorgen müssen, weil ihnen die Gartenarbeit nicht so gut bekommt.
„Meiner“ wird mich davon abhalten wollen, ein weiteres Blumenbeet anzulegen.
Die Sache den Enten wird noch für einige Diskussionen sorgen.
Nächstes Jahr pflanze ich Schwarzwurzeln.
Die Erinnerungen, die jedes Familienmitglied an diese Ferien behält, werden sehr unterschiedlich sein. Trotzdem wage ich zu behaupten, dass es uns allen mehr Spass macht, als wir erwartet hätten.

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Mama Venditti schwingt den Pickel,…

…schichtet den Kompost um, ohne dabei die Nase zu rümpfen.

…sitzt stundenlang mit Schwiegermama am Tisch und quatscht mit ihr über Gott und die Welt.

…wünscht sich, sie könnte im Garten Enten halten.

…freut sich schon fast darauf, dass in einem Jahr der „bald vierzig“-Zustand ein Ende hat.

…hat zwei Handtaschen und beide davon sind ganz.

…trinkt Tee und Kaffee ohne Zucker und zwar nur deshalb, weil es ihr mit Zucker nicht mehr schmeckt und nicht aus Gründen der Vernunft.

…liest Bücher einfach nicht mehr zu Ende, wenn sie ihr nicht gefallen.

…singt manchmal laut, wenn sie alleine ist, auch im Treppenhaus oder im Garten.

…schert sich an gewissen Tagen einen Dreck darum, ob sie sich daneben benimmt.

…freut sich schon fast ein wenig darüber, dass Karlsson wohl bald den Stimmbruch bekommt.

…achtet peinlich genau darauf, dass in den Vorratsschränken Ordnung herrscht.

…verzichtet ungeniert darauf, „Ihrem“ zum Geburtstagsfrühstück ofenfrische Brioches zu servieren, wenn die Zeit zum Backen nicht reicht. Ja, sie glaubt allen Ernstes, dass ein gemütliches Frühstück mit trockenen Croissants vom Bäcker mehr Wert ist, als perfekte Brioches mit Gehetze.

Kenne ich diese Frau?

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Zwei Reaktionen

Unser ehemaliges Au-Pair lebt seit einiger Zeit in Konstanz und da sie noch immer einen festen Platz in unseren Herzen hat, fuhren wir gestern über die Grenze, um sie zu besuchen. Natürlich war uns bewusst, dass wir damit Gefahr liefen, im gleichen Topf zu landen wie die Horden von Schweizern, die in Deutschland die Geschäfte stürmen, als herrschte in unseren Ladenregalen gähnende Leere, doch damit muss man leben können. (Nebenbei bemerkt: Ist meinen Landsleuten eigentlich bewusst, dass sie mit ihren Ausfuhrscheinen die Deutschen ebenso nerven, wie die Deutschen uns, wenn sie uns mit einem gekünstelten „Grüzi“ begrüssen?) Nun, ich weiss nicht, ob wir in diesem Topf gelandet sind, dafür weiss ich, dass man ganz unterschiedlich darauf reagieren kann, wenn Vendittis ein Geschäft mit ihrem Besuch beglücken. 

Zuerst war da mal dieses Teegeschäft – ziemlich esoterisch, aber wunderschön und einladend. Obschon „Meiner“ versuchte, unsere Horde draussen zu behalten, stürmten sie alle den Laden, als bekäme man dort für jeden Einkauf zehnfache Minimania-Säcklein geschenkt. Als die Verkäuferinnen sahen, wie das Prinzchen fröhlich um die Regale kurvte, reagierten sie blitzschnell: „Lass mich überlegen, was machen wir mit dir“, sagte die eine zum Prinzchen. „Möchtest du gerne ein Gläschen Tee probieren?“ Das Prinzchen wollte natürlich, die anderen wollten auch und bald schlürften fünf kleine bis mittelgrosse Vendittis wertvollen Grüntee aus hübschen Gläschen. „Mama, den musst du kaufen“, sagten sie zu mir und verliessen dann ohne weitere Umstände den Laden, um mich in Ruhe stöbern zu lasen. Als ich bezahlte, meinte die Verkäuferin: „Auf dieses Prinzchen müssen Sie achtgeben. Der ist ein ganz besonderes Kind, ein Luftwesen, so frei und wild. Gehen Sie viel in die Natur mit ihm, das braucht er. 
Diese Reaktion berührte mich zutiefst, denn auch wenn ich nicht glaube, dass das Prinzchen ein Luftwesen ist, so weiss ich es doch sehr zu schätzen, wenn jemand den kleinen, wilden Bengel in sein Herz schliesst, obschon er doch gar nicht in einen feinen Teeladen passt. 

Eine Stunde später betraten wir eine Pizzeria, um unsere Kinder zu füttern, bevor sie zu quengeln anfingen. Ich hätte zwar lieber Indisch oder Griechisch gegessen, aber um die Gefahr zu bannen, dass unsere Söhne vor lauter Hunger den Kellner angreifen, sagte ich zum erstbesten Lokal ja. Es sah ja auch ganz nett aus. Als wir über die Schwelle gingen, stöhnte eine Frau, die auf ihr Essen wartete, laut vernehmlich auf, was mich ziemlich ärgerte, um des lieben Friedens Willen jedoch ignorierte. Wir setzten uns und „Meiner“ bestellte Mineralwasser für alle. (Erstes Stirnerunzeln des Kellners). Das Wasser kam und wir gaben unsere Bestellung auf. Karlsson verzichtete ganz vernünftig auf eine Vorspeise, um sich dafür Ravioli mit Crevetten und Trüffelöl zu gönnen. Er bekam „Ravioli Primavera“ und als wir freundlich darauf hinwiesen, das hätten wir aber nicht bestellt, antwortete der Kellner gehässig, er sei sich zu 100% sicher, dass ich Primavera gesagt habe. Habe ich nicht und das sagte ich ihm auch, aber er wusste es besser und der enttäuschte Karlsson musste sich mit Primavera zufrieden geben – und danach Luises halbe Pizza verschlingen, die sie nicht essen mochte. Von da an kreiste der Kellner wie ein Aasgeier um unseren Tisch, um uns die Teller zu entreissen, kaum hatten wir den letzten Bissen in den Mund gestopft. Unser ehemaliges Au-Pair hatte noch ziemlich viele letzte Bissen vor sich, als er ihr den Teller wegnehmen wollte, was sie aber nicht zuliess. Er gab ihr deutlich zu spüren, dass er den Teller lieber jetzt schon genommen hätte, denn diese lästigen Vendittis mit ihrer Brut – die sich übrigens ganz anständig aufführte – sollten jetzt endlich aus seiner Pizzeria verschwinden. Das taten wir dann auch bald einmal, aber erst, nachdem „Meiner“ ganz untypisch darauf beharrt hatte, 96.40 zu bezahlen und nicht 100, wie der Kellner gehofft – und offensichtlich auch erwartet – hatte. 

Die Versuchung ist natürlich gross, nur den kinderhassenden Kellner in Erinnerung zu behalten, aber ich habe beschlossen, auch die kinderliebende Verkäuferin aus dem Teeladen nicht zu vergessen und darum soll das Prinzchen heute den ganzen Tag draussen spielen. An der frischen Luft, wie es sich für ein Luftwesen gehört…

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Werden

Zuerst stand da die Erkenntnis, dass Gemüsebau in Töpfen nichts ist für Menschen, die nach der ganzen Arbeit gerne etwas ernten möchten. Von da war es nicht weit bis zur Idee, anstelle der Töpfe ein Hochbeet ins Gewächshaus zu stellen. Wo wir schon dabei waren, endlich einen Teil der  hässlichen rechteckigen Steine aus dem Boden zu lösen, um Platz zu schaffen für einen Gartenteich, konnte man ja gleich mit dem Gedanken spielen, das Hochbeet aus diesen Steinen zu bauen. Und weil die Kinder für einmal ganz ohne Gemotze Steine schleppten, stand da plötzlich eine saubere Hochbeet-Umrandung im Gewächshaus. Ein Blick ins Internet rief mir in Erinnerung, dass man als unterste Schicht kein Häckselmaterial benötigt, sondern Zweige, Gartenabfälle und Laub. Zweige, Gartenabfälle und Laub türmen sich gerade vor unserem Gartenzaun, also mussten sie nur noch den Weg ins Gewächshaus finden. Kompost für die nächste Schicht haben wir mehr als genug, dazu noch einen Rest Wachtelmist. Zum Schluss noch 240 Liter frische Erde drüber und plötzlich hatten wir, ohne es geplant zu haben, ein neues Hochbeet. Und das zum Spottpreis von 13 Franken.

Ich liebe es, wenn etwas Neues entsteht, ohne dass man Neues dafür kaufen muss.

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Gesprächskultur

Schon öfters habe ich mich gefragt, wie sich ein Abendessen im Hause Venditti für einen anhören würde, der sich von uns unbemerkt ins Esszimmer schleicht und sich unter dem Esstisch versteckt. Ja, ich weiss, völlig absurd, aber mit solchen Gedankenspielereien schlage ich mich schon seit frühester Kindheit herum und mich dünkt, es werde mit zunehmendem Alter nicht besser. Selten nur geschieht es, dass ich ganz unerwartet eine Antwort auf eine meiner unsinnigen Fragen bekomme und dann erfüllt mich eine tiefe Zufriedenheit, die ich unbedingt mit jemandem teilen muss. 

Heute also bekam ich eine Antwort auf die Frage, wie einer, der unter unserem Tisch sitzt und lauscht, sich fühlen muss. Die Antwort verdanke ich keinem Geringeren als dem lieben Herrn Berlusconi. Okay, ich weiss, jetzt denkt ihr, ich sei vollkommen durchgedreht. Was, bitte schön, soll der Herr Berlusconi mit unserer Gesprächskultur bei Tisch zu tun haben? Nun, wie man heute auf allen Kanälen sehen und hören konnte, kassierte der Herr Berlusconi heute eine tüchtige Ohrfeige. Diese Ohrfeige war so laut vernehmbar, dass „Meiner“, der nach dem Abendessen erschöpft auf dem Sofa zusammengesunken war, aus dem Tiefschlaf gerissen wurde. Weil es „Meinen“ so sehr beglückte, einen niedergeschlagenen Berlusconi zu sehen, reichte ihm die Berichterstattung am Schweizer Fernsehen nicht, weshalb er zum Italienischen Sender wechselte, wo gerade eine Diskussionssendung zum Thema lief.

Anfangs versuchte ich noch, dem Gespräch zu folgen, was auch ganz gut ging, solange die Diskussionsteilnehmer noch nicht richtig in Fahrt waren. Dann aber gerieten eine aus dem Ei gepellte Dame und ein nicht ganz aus dem Ei gepellter Herr aneinander und weil die zwei sich nicht einigen konnten, wer Recht hatte, versuchte ein Herr im weit aufgeknöpften Hemd zu schlichten. Dabei wartete aber keiner darauf, bis der andere seinen Satz beendet hatte. Jeder redete unbeirrt weiter,  keiner hörte dem anderen zu und weil es so viel Spass machte, endlich einmal auszureden, mischten sich bald auch die anderen Gesprächsteilnehmer ein. Es herrschte ein Geschnatter wie an einem Ententeich. „Komplett durchgedreht, diese Italiener“, sagte ich zu „Meinem“. Dann aber hielt ich ganz schnell den Mund, denn mir dämmerte, dass einer, der unter unserem Esstisch sässe, genau dies über uns denken würde. 

Nun gut, immerhin brüllt bei uns ab und zu einer „Etwas mehr Ruhe bitte!“ 

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Motivationsgeschwätz

„Bloss kein Theater jetzt! Die paar Stunden Gartenarbeit werden euch kaum schaden. Ja, ich weiss, ihr habt Ferien, aber wir haben euch immerhin ausschlafen lassen. Und am Samstag machen wir einen Ausflug. Nein, ihr braucht keine Belohnung für euren Einsatz, wir sind eine Familie und da hilft man einander eben. Es macht doch Spass, hier an der frischen Luft zu sein. Die Bewegung wird euch gut tun. Jetzt motzt doch nicht die ganze Zeit. Was glaubt ihr denn, wie es war, als ich in eurem Alter war? Die ganzen Herbstferien Holz spalten, von Morgen früh bis abends, keine Freizeit und mein Vater war schlecht gelaunt. Die ganze Familie, auch diejenigen, die nicht mehr zu Hause wohnten. Warum wir Holz spalten mussten? Na, wie denkt ihr, haben wir den ganzen Winter das Haus geheizt? Mit Holz natürlich. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie kalt es frühmorgens im Haus war. An die Arbeit jetzt, wir machen das ja auch für eure Haustiere und für das Gemüse, das ihr nächsten Sommer wieder essen werdet. Schluss jetzt mit Trödeln, wir haben noch einen ganzen Berg Arbeit vor uns und ohne eure Hilfe schaffen wir das nicht bis Ende der Ferien…“

Je mehr Teenager-Mama ich werde, umso unsympathischer werde ich mir selbst mit meinem Motivationsgeschwätz…

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Was sind wir doch dumm!

Ihr Mann habe ein wenig Stress mit dem Chef, der Arbeitsweg sei lang und die Kinder würden ihm an den Nerven zerren, da habe er sich eben krank schreiben lassen, erzählte mir vor einiger Zeit eine zweifache Mutter. Man dürfe eben nichts riskieren, sonst käme es am Ende noch zu einem Burnout. Wie dumm „Meiner“ und ich doch immer waren. Wir glaubten allen Ernstes, man müsse zuerst ein Burnout vorweisen können, ehe man zähneknirschend einer Krankschreibung zustimmen müsse.

Gestern lud ich mir ein Buch einer erfolgreichen Autorin, von der ich schon diverse Bücher gelesen habe, aufs iPad. Kaum eine Seite des Oevres kommt ohne Fehler aus. Da wird fröhlich zwischen Präsens und Präteritum hin- und hergehüpft, aus Männlein wird innerhalb des gleichen Satzes Weiblein und manchmal fehlt auch einfach mitten im Satz ein Wort. Mir kommt es vor, als habe die Autorin fälschlicherweise den ersten Entwurf veröffentlicht. Und ich habe schlaflose Nächte, weil ich in „Füsse hoch!“ einen Kommafehler entdeckt habe…

Im Bus sitzen drei junge Männer, die einander gegenseitig dubios aussehende Beutelchen und Banknoten reichen. Jeder, der will, kann zuschauen, vielleicht bekäme man auch etwas, würde man nett danach fragen und gut bezahlen. Und wir ermahnen unsere Kinder, sich anständig aufzuführen Bus…

Seitdem wir Kinder haben, bin ich unzähligen Müttern begegnet. Mit vielen habe ich bereichernde Gespräche geführt, einige haben mich mit ihren Ansichten fast auf die Palme getrieben. Selten nur habe ich mir etwas anmerken lassen, wenn ich nicht einverstanden war. Ich habe brav genickt, wenn Einzelkindmütter allen Ernstes behaupteten, bei ihnen zu Hause ginge es gleich lebhaft zu wie bei uns. Ich habe mir geduldig Ratschläge angehört, von denen ich zum Vornherein wusste, dass ich sie nie befolgen würde. Ich habe versucht, zu verstehen, wenn ich nicht verstehen konnte. Muss ich verstehen, weshalb eine Mutter vorwurfsvoll auf ihre Armbanduhr tippt und „Hopp, Hopp!“ ruft, wenn ich mal wieder drei Minuten vor Kindergartenbeginn mit dem Prinzchen und seinem besten Freund antrabe?

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Gemischtwarenladen

Als ich mich zu Beginn der Gartensaison auf die Suche nach meinem ersten Paar Gummistiefel machte, musste ich ziemlich lange suchen, ehe ich fündig wurde. Gut, das lag nicht nur am Angebot, sondern auch an meinem Anspruch, dass Gummistiefel schön sein sollten. Am Ende liess ich mich trotz horrender Portokosten dazu verführen, einen Direktimport aus dem Gummistiefel-Paradies – besser bekannt unter dem Namen „Grossbritannien“ – zu tätigen. Neulich nun stellte ich fest, dass ich auch einfacher zu schönen Stiefeln hätte kommen können: Ich hätte bloss in die nächste Buchhandlung gehen müssen.

Ja, richtig gelesen. In der Buchhandlung verkaufen sie Gummistiefel. Und Rucksäcke. Und Tee. Und Regenschirme. Und Windlichter. Und Gartenwerkzeug. Und Mobiles. Und Kuscheltiere. Und Backformen. Und Blumentöpfe. Und Spardosen. Und Spielsachen. Und Schürzen. Und Halsketten. Alles bekommt man dort, sogar Bücher. 

Vielleicht bin ich altmodisch, aber diese Entwicklung nervt mich gewaltig. Wenn ich in eine Buchhandlung gehe, steht für mich das Buch im Zentrum und nicht das wunderschöne Paar Gummistiefel, das alle Blicke auf sich zieht. Ich möchte durch fesselnde Literatur in Versuchung geführt werden und nicht durch bunten Schnickschnack, der – ich geb’s ja zu – äusserst schön anzusehen ist. Ich möchte Bücher aus dem Regal ziehen, ohne die elegante Etagère, die davor steht, zu Fall zu bringen. Wenn ich ein Kind dabei habe, möchte ich, dass es wegen der bunten Auswahl an Kinderbüchern in Verzückung gerät und nicht wegen der coolen Lego-Packung.

Klar, es ist durchaus praktisch, alles an einem Ort vorzufinden, doch für Praktisches bevorzuge ich das Warenhaus. Oder meine importierten Gummistiefel. In der Buchhandlung aber will ich ganz und gar Unpraktisches: Bücher, die mich inspirieren, zum Nachdenken anregen, zum Träumen verleiten, herausfordern, zum Lachen bringen… 

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Zwei Stecken unter dem Esstisch

Wie oft habe ich schon gesagt, dass Stecken draussen bleiben müssen?

Wie oft habe ich mich schon gebückt, um sie trotz aller Ermahnungen unter Betten, Esstischen, Kloschüsseln, Regalen, Stühlen hervor zu angeln?

Wie oft habe ich in der Wut einen zerbrochen und aus dem Fenster geschmissen, nachdem ich brutal darüber gestolpert war?

Wie oft habe ich Streit geschlichtet, weil nur ein einziger Stecken aus dem ganzen grossen Wald den Ansprüchen meiner Söhne genügen konnte?

Wie oft bin ich dazwischen gesprungen, ehe sie mit den Dingern aufeinander einschlagen konnten?

Wie oft habe ich schon Tränen getrocknet, weil einer des anderen Stecken gestohlen, kaputt gemacht oder zweckentfremdet hatte?

Wie viele sind schon auf der Strecke liegen geblieben, weil ich mich weigerte, meinen Söhnen das gesammelte Holz nach Hause zu schleppen?

Wie oft habe ich mir schon Vorwürfe anhören müssen, weil ich einen dieser magischen Stecken für ein ganz gewöhnliches Stück Holz gehalten hatte?

Wie viele durch Stecken zugefügte Wunden habe ich verarztet?

Wie viele davon hat „Meiner“ zu Fotoobjekten zweckentfremdet und dadurch für lautes Protestgeheul gesorgt?

Wie lange wird es noch dauern, bis ich wehmütig an die Stecken zurückdenke, weil sie plötzlich keiner mehr anschleppt?

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