Keine Zeit

Für das Prinzchen ist Essen reine Zeitverschwendung. „Wozu Essen, wo man sich den Bauch ebenso gut mit Flüssigem füllen kann?“, scheint er sich zu sagen. „Solange Mama genügend Milch einkauft, kann ich auf diese ganze Esserei verzichten.“ Und so lässt er sich jeweils fünf – oder zehnmal bitten, bevor er zu Tisch kommt, wo er lustlos imTeller herumstochert und bei der erstbesten Gelegenheit wieder nach draussen flüchtet.

Heute Nachmittag verbrachte er Stunden auf seiner Baustelle. Um die Sonntagsruhe scherte er sich einen Dreck und für Nahrungsaufnahme hatte er keine Zeit. Als wir abends alle am Tisch sassen und er noch immer nicht auftauchte, rief ich aus dem Fenster. „Prinzchen, wir essen!“ Er schaute nicht mal auf von seiner Arbeit, brummte „Ich hab‘ dir doch gesagt, dass es mir nicht schmeckt“ und baute weiter an seiner Hütte. Es half nichts, dass ich beteuerte, Brot, Joghurt und Würstchen hätte er schon immer gemocht, er verzichtete dennoch auf sein Abendessen. Und kippte vor dem Schlafengehen einen Liter Milch in sich hinein.

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Nachahmungstäter

Um niemanden blosszustellen, nenne ich ausnahmsweise keine Namen. Angefangen hat die Geschichte damit, dass zwei unserer Kinder zwei Porzellanpuppen geschenkt bekamen. Wunderschön waren sie, mit eleganten Roben, hüftlangen Korkenzieherlocken und sanftem Lächeln. Nun sind bekanntlich die Puppen meist deutlich friedlicher als ihre Besitzer und so kam es, dass eines Tages die Puppenbesitzer in einen heftigen Streit mit einem ihrer Geschwister gerieten. Worum es ging, habe ich natürlich schon längst vergessen. Wo käme ich denn hin, wenn ich mich auch noch an all die Streitauslöser erinnern wollte? Das Resultat des Konflikts habe ich aber noch in lebendiger Erinnerung: Eines Tages standen die Porzellanpuppen mit geschorenem Haupt auf ihren Ständern. Die Lockenpracht war dahin, der Familienfrieden auch und nach stundenlangen Verhören konnte endlich der Frevler ausfindig gemacht werden. Die anderen seien immer so gemein, darum hätten die Puppen eben Haare lassen müssen, das war die nicht sehr logische, aber doch einfache Erklärung.

Porzellanpuppen ohne Locken sind natürlich nur noch halb so schön und deshalb musste Ersatz her. Dieser wurde in Strasbourg gefunden. Zwei neue Prachtsexemplare kamen mit uns nach Hause, um den armen Geschorenen Gesellschaft zu leisten. Ganze zwei Wochen lang dauerte das Glück, dann waren auch die Locken der Neuen weg. Der Verdacht fiel natürlich auf den ersten Missetäter, doch dieser verfügte über ein wasserdichtes Alibi. Blieben noch zwei Verdächtige. Der eine verstand gar nicht, was los war. Der andere wurde bald einmal still und blass und als wir drohten, alle drei müssten den ganzen Tag beim Aufräumen helfen, wenn sich der Schuldige nicht bald einmal melde, gestand er seine Tat. Der Grund? „Ich war böse auf Papa, weil er mich auf mein Zimmer geschickt hatte. Und die anderen sind ja manchmal auch gemein zu mir und da habe ich es eben gemacht,“

Ein klarer Fall von einer Nachahmungstat also und darum bin ich mir gar nicht so sicher, ob wir die Missetäter damit bestrafen sollen, dass sie auf Ricardo Puppen-Schadenersatz besorgen. Was, wenn das Lockenschneiden zum eingeschliffenen Verhaltensmuster bei Familienkonflikten wird? Dann scheren die eines Tages Luise und mich kahl, bloss weil sie gerade keine Porzellanpuppen zur Hand haben.

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Arme Katzen

Wenn es wahr ist, was die Werbung verspricht….

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… dann kann ich unsere Katzen nur noch bemitleiden.

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Aber doch nicht jetzt

Liebe Katholiken, nehmt mir es bitte nicht übel, wenn ich mit einer kleinen Frage an euch herantrete: Würde es euch vielleicht etwas ausmachen, eure Heilige Jungfrau in Zukunft nicht mehr am 15. August in den Himmel auffahren zu lassen? Glaubt mir, ich respektiere es, dass euch dieser Tag heilig ist, auch wenn ich Maria etwas weniger verklärt sehe als ihr. Aber müsst ihr sie ausgerechnet am 15. August feiern?

Dieser Tag ist denkbar ungeeignet für einen Feiertag. Kaum hat die Schule angefangen, haben unsere Kinder wieder frei und ich weiss beim besten Willen nicht, wie ich die Wohnung nach fünf Wochen ohne Putzfrau auf Vordermann bringen soll, wenn schon wieder alle den halben Tag im Pyjama herumlungern und mich anflehen, endlich ins Schwimmbad zu kommen. Und nächstes Jahr wird’s noch mühsamer, weil der 15. ein Donnerstag sein wird und dann machen die bestimmt gleich wieder ein verlängertes Wochenende draus. Wer braucht denn so kurz nach den Ferien so viel Erholung? Nun ja, wir Mütter vielleicht, die wir fünf Wochen lang für Unterhaltung gesorgt haben. Wie aber sollen wir uns erholen, wenn schon wieder alle unterhalten werden wollen?

Gut, man könnte vielleicht auch anregen, dass die Schule die Sommerferien so legt, dass Mariä Himmelfahrt in die schulfreie Zeit fällt. Das Problem ist nur, dass sich die Schule ziemlich schwer tut mit solch einschneidenden Veränderungen. Ihr aber, meine lieben Katholiken, seid bestimmt flexibel genug, euren Feiertag in Zukunft an einem günstigeren Datum zu begehen. Am liebsten irgendwann zwischen September und März, wenn weit und breit kein Feiertag in Sicht ist, der als kleine Verschnaufpause taugt. (Nein, Weihnachten zählt nicht, denn da kann von verschnaufen nicht die Rede sein.)

Hinder em Huus und vorem Huus – Ein Loblied auf die Beschaulichkeit

Zuweilen gerate ich bekanntlich in Gefahr, meinen Familienalltag durch die rosarote Brille zu betrachten. Hier ausnahmsweise mal ein vollkommen realistischer Beitrag über einen ganz gewöhnlichen, heissen Dienstagnachmittag im August:

13:30 Uhr: Luise und Karlsson sind in der Schule, das Prinzchen hat sich mit seinem Kakao zurückgezogen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat spielen friedlich. Also beste Voraussetzungen, um mich ans Einmachen der Tomaten zu machen. Schnell einen grossen Topf Wasser aufsetzen, die Tomaten kreuzweise einritzen und blanchieren. Wenn das so weitergeht, kann ich in zwanzig Minuten mit Einfüllen und Sterilisieren anfangen.
13:40 Uhr: Der Zoowärter will einen Freund einladen, das Prinzchen schreit im Garten nach seinem besten Freund, der gegenüber wohnt, der FeuerwehrRitterRömerPirat fragt mich alle zehn Sekunden, wann denn endlich seine erste Trompetenstunde anfange.
14:00 Uhr: Das Wasser siedet, die Tomaten sind aber noch nicht fertig eingeritzt, der Zoowärter lädt seinen Freund auf 14:30 Uhr ein, der FeuerwehrRitterRömerPirat will immer noch wissen, wann die Trompetenstunde beginnt, das Prinzchen hat seinen Freund noch nicht gefunden und jetzt will auch der Zoowärter wissen, wann sein Freund endlich kommen werde.
14:30 Uhr: Prinzchens Freund ist endlich aufgetaucht, Zoowärters Freund kommt mit Mama und kleinem Bruder, was ich schamlos für einen ausgedehnten Schwatz neben dem Tomatenschälen – die Dinger sind jetzt endlich soweit – ausnütze. Der FeuerwehrRitterRömerPirat fühlt sich vernachlässigt und fängt an, die anderen zu nerven.
15:15 Uhr: Karlsson kommt nach Hause und will singen und zwar nicht wie üblich schön und rein, sondern laut und falsch.
15:25 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund bietet sich an, auf die Kinder aufzupassen, währenddem ich den FeuerwehrRitterRömerPiraten – endlich! – zur Trompetenstunde fahre. Das Prinzchen heult, weil ich ihn nicht mitnehme. Auf dem Weg fällt mir ein, dass ich noch das Geld für das Notenheft hätte mitbringen sollen. Na dann, machen wir eben gleich beim ersten Mal einen schlechten Eindruck. Das können wir also abhaken.
15:35 Uhr: Die Mama von Zoowärters Freund geht nach Hause. Weil alle so nett und friedlich miteinander spielen, lade ich den kleinen Bruder zum Bleiben ein. Stand der anwesenden Kinder zu diesem Zeitpunkt: 3 Vendittis, 1 bester Freund für das Prinzchen, 1 bester Freund für den Zoowärter, ein kleiner Bruder des besten Freundes. Kein Problem, wo sie doch alle so nett zueinander sind.
15:40 Uhr: Eine Fehde zwischen den Kindergartenjungs und den Vorschulkindern bricht aus. Die Grossen jagen die Kleinen ums Haus, mal sind alle hinten, mal vorne und ich bin nie dort, wo es gerade brennt. Die Nachbarn von gegenüber kommen vollkommen übernächtigt aus den Ferien zurück, kurzer Austausch über das Wetter hier und in Bosnien, über die lange Fahrt und die Hochzeit der Tochter. Von gegenüber ruft die Grossmutter von Prinzchens Freund. Prinzchens Freund stellt auf stur und bittet mich, mit seiner Grossmama zu verhandeln, damit er länger bleiben kann. Gar nicht so einfach, wo sie kein Deutsch spricht und ich kein Marokkanisches Arabisch.
16:00 Uhr: Luise kommt nach Hause, berichtet mir über Zoff in der Schule. Wenige Augenblicke später kommt der FeuerwehrRitterRömerPirat mit seiner neuen Trompete. Er spielt „Oh Tannenbaum“, alles auf einem Ton und sehr laut. Die Nachbarn eilen ans Fenster, stellen mit Entsetzen fest, dass Vendittis jetzt auch noch eine Trompete haben. Eine andere Nachbarin kommt auf dem Velo vorbei, bleibt auf einen Schwatz, auf dem Gartentisch klingelt das Telefon und ich bin nicht schnell genug. Karlsson informiert mich, dass er nach der Geigenstunde gleich ins Schwimmbad und danach zu den Pontonieren gehen wird, dann ist er weg, dafür kommt der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten überraschend zu Besuch. Luise telefoniert derweilen mit der besten Freundin. Leider kann sie heute nicht mehr vorbeikommen.
17:00 Uhr: Meine Mutter möchte mit dem Auto in die Garage fahren, zuerst müssen aber alle Traktoren, Trottinetts, Bälle und Kinder aus dem Weg. Dazwischen muss noch der Schwatz mit der Nachbarin beendet werden. Das Prinzchen heult, weil wir seine Baustelle zerstören, die Grossmama von gegenüber möchte den Enkel abholen, aber dieser weigert sich und beisst ihr in die Hand.
17:15 Uhr : Plötzlich ist alles still. Die ganze Horde ist im Spielzimmer meiner Mutter verschwunden, einzig Luise, der kleine Bruder des besten Freundes und ich sind noch im Garten. Wir versuchen herauszufinden, ob der Kleine aufs WC muss, oder ob er Hunger hat. Luise bringt ihn schliesslich dazu, aufs WC zu gehen. Währenddem er sitzt, sehe ich draussen die Grossmama, die verzweifelt ihren Enkel sucht. Weil ich ihr nicht erklären kann, wo er ist, locke ich den Jungen aus dem Spielzimmer und schleppe ihn auf den Balkon, wo ich ihn so hoch wie möglich halte, damit die Grossmama ihn sehen kann. Sie sieht ihn nicht, die Bäume tragen zu viel Laub. Zoowärters Freund und Bruder werden abgeholt, kurzer Schwatz mit den Eltern, dann schnell hinters Haus, damit ich der verzweifelten Grossmama beweisen kann, dass ihr Enkel nicht entführt worden ist. Da jetzt auch der Vater des Jungen zu Hause ist, können wir eine Zeit vereinbaren, wann er nach Hause muss. Ich zeige den Jungen auf der Uhr, wann er gehen muss, er zeigt mir, wann er gehen will, nämlich etwa drei Stunden später.
17:30 Uhr: Zurück im Spielzimmer meiner Mutter. Alles ist friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat spielt wieder „Oh Tannenbaum“, inzwischen schon auf zwei Tönen und so laut, dass meine Mutter und ich nicht reden können. Wir bitten ihn, etwas leiser zu sein, er ist verständlicherweise eingeschnappt, ich kann mich aber nicht darum kümmern, weil ich jetzt Prinzchens Freund davon überzeugen muss, dass er nach Hause muss.
17:50 Uhr: Allmählich kehrt Ruhe ein, es sind nur noch ein bester Freund und vier Vendittis zu betreuen, Karlsson ist noch nicht zurück. Der beste Freund des FeuerwehrRitterRömerPiraten, der gewöhnlich ganz gut Deutsch spricht, versteht uns plötzlich nicht mehr, als wir ihn fragen, wann er denn nach Hause müsse. Also isst er bei uns Tomatensuppe – zum Einmachen bin ich nicht mehr gekommen – und ich hoffe mal, dass das so in Ordnung ist. Zu Hause anrufen möchte er nämlich nicht und da ich leider keine der neun Nationalsprachen Eritreas spreche, kann ich es nicht für ihn erledigen.

Nach diesem beschaulichen Tag habe ich nur noch einen Wunsch: So schnell als möglich die verschiedenen Sprachen Afrikas zu lernen, damit ich weiss, wann ich welches Kind wieder zu Hause abliefern muss. Die internationale Atmosphäre im Spielzimmer möchte ich nämlich auf gar keinen Fall mehr missen.

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Unaufhaltsam

Nein, ich freue mich nicht auf den 12. August 2013. Ja, ich weiss, ich sollte mich darauf freuen, denn das Prinzchen wird dann seinen ersten Kindergartentag haben, der Zoowärter seinen ersten Schultag. „Stell dir mal vor, wie viele Freiheiten du dann haben wirst“, sagen die Mütter, die schon länger keine kleinen Kinder mehr zu Hause haben. Und ich versuche ernsthaft, mir vorzustellen, wie schön das sein wird. Das Dumme ist nur, dass es mir nicht so richtig gelingen will.

Nein, ich habe keine Angst, ich wüsste nichts mit meiner Zeit anzufangen. Mir wird ganz bestimmt nicht langweilig. Es ist nur so, dass ich die Freiheit mit nur einem Kind im Haus so sehr geniesse. Wie schön, wenn man mal für ein Kind alle Zeit der Welt hat, wenn man ganz spontan in die Stadt fahren kann, weil man nicht eine ganze Herde zusammentreiben muss.

Ich habe übrigens auch kein Problem damit, dass unsere Kinder grösser werden. Nun ja, zumindest kein grosses Problem. Mein Problem ist, dass da keiner mehr nachkommt, wenn alle mal draussen sind. Kein kleiner Mensch mehr, der mich mit Fragen löchert, der voller Stolz den viel zu grossen Kochlöffel schwingt, der mich mit dem Wunsch, eine Geschichte erzählt zu bekommen, von meinen Pflichten abhält.

So wird das sein in einem Jahr und davor graut mir schon heute. Verhindern kann ich es dennoch nicht und so bleibt mir nichts anderes übrig, als der kleine Rest an Kleinkinderzeit, der mir noch bleibt, zu geniessen. Mal sehen, ob ich das schaffe…

 

DIY-Romantik

So, wie es aussieht, wird es dieses Jahr nichts mehr aus lauen Sommerabenden zu zweit, schon gar nicht auswärts. Die Gründe dafür sind vielfältig: Kinder, die wegen der Wärme den Schlaf nicht finden, abendliche Gewitter, ausgerechnet dann, wenn mal etwas früher Ruhe einkehren würde, Termine, die sich einfach so in die zu kurzen Sommermonate geschlichen haben und Käfer, die mich nun schon zum zweiten Mal innert weniger Wochen heimgesucht haben und mich dazu zwingen, den ganzen Tag im Dämmerzustand auf dem Sofa zu verbringen.

Nein, so habe ich mir den Sommer nicht vorgestellt. Was also tun? Mich grün und blau ärgern? Im Selbstmitleid versinken? Das bringt ja doch nichts, Alternativen müssen her. Eine davon wäre, das iPad schnappen, im Garten die Liegestühle aufstellen, die „Meiner“ neulich im Brockenhaus erstanden hat und einen Film reinziehen. Wenn wir nicht zum Open Air-Kino können, muss das Open Air-Kino eben zu uns kommen. Jetzt muss ich nur noch „Meinen“ dazu bringen, mein Krankenlager nach draussen zu transportieren und der romantische Abend ist zumindest halbwegs gerettet…

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Gespräch unter Forschern

Zoowärter, Prinzchen und ich sind im Auto unterwegs, das Prinzchen zeigt auf einen Sendeturm, der auf einem Hügel steht:

„Mama, ist dort das Weltall?“

Zoowärter: „Nein, das Weltall ist viel grösser.“

Prinzchen: „Mama, ist hier der Erdkern?“

Zoowärter: „Nein, der Erdkern ist ganz tief in der Erde drin.“

Prinzchen: „Ich will einmal im Sandkasten so tief graben, bis ich zum Erdkern gelange.“

Zoowärter: „Das darf man nicht.“

Prinzchen: „Ich schaue mir den Erdkern nur kurz an, dann mache ich das Loch wieder zu.“

Zoowärter: „Dann grabe ich mit, aber danach müssen wir das Loch ganz schnell wieder zumachen, der Erdkern ist nämlich sehr heiss.“

Aufklärung, Stufe 2

Stufe 1 war noch einfach: Die Kinder fragten, so wie Kinder eben fragen, wenn sie etwas wissen wollen. Wir antworteten, so wie Eltern eben antworten. Möglichst viel Wahrheit auf möglichst kindergerechte Art verpackt. Klar, hin und wieder mussten wir schmunzeln, wenn eine Frage aus erwachsener Sicht himmelschreiend komisch war – „Iiih, Mama, habt ihr das wirklich fünf Mal getan? Das ist ja eklig!“ -, aber ich glaube, im Grossen und Ganzen haben wir unser Ziel erreicht: offen und unverkrampft über die Dinge reden, welche die Kinder irgendwann eben wissen wollen. Kein Problem, solange das alles für die Kinder noch weit weg und sehr fremd war, etwa gleich fremd wie dasWeltall, die Tierwelt Australiens oder der Alltag der alten Griechen. Faszinierend ja, aber nicht wirklich relevant. Darum konnten sie ja auch so unbefangen fragen.

Jetzt aber, wo Stufe 2 kommt, wird es deutlich anspruchsvoller. Klar, wir sind weiterhin darum bemüht, offen und ehrlich zu sein, wir achten darauf, respektvoll mit dem Thema umzugehen und dennoch eine gewisse Leichtigkeit beizubehalten, wir signalisieren Gesprächsbereitschaft und doch spüren wir, wie da allmählich eine gewisse Zurückhaltung aufkommt. Da geschehen auf einmal Dinge, welche die Kinder nicht richtig einordnen können. Ja, Mama und Papa haben das erklärt, und sie erklären auch jetzt, wenn man fragt. Aber dass da wirklich etwas geschieht, dass der Körper sich wirklich allmählich verändert, darauf war man nicht vorbereitet. Darauf kann man wohl nicht vorbereitet sein, egal, wie viel man theoretisch schon weiss. Wenn man auf einmal fühlt, riecht, sieht, vielleicht auch leidet, dann wird einem die Sache peinlich, auch wenn die Eltern noch so sehr beteuern, dass man sich nicht zu schämen braucht, dass es vollkommen normal ist, was da geschieht, dass sie das Ganze auch einmal durchgemacht haben. 

Mag sein, dass es für unsere Generation schwieriger war, die Eltern dazu zu bringen, mit uns über die diese Veränderungen zu reden. Mag sein, dass viele von uns dadurch noch verwirrter waren, als man es ohnehin ist in dem Alter. Allmählich aber dämmert mir, dass der Weg vom Kind zum Erwachsenen nie schmerzfrei sein wird, auch dann nicht, wenn die Eltern gesprächsbereit, verständnisvoll und offen sind. Es käme uns nicht in den Sinn, die Kinder in der Sache allein zu lassen, aber gehen müssen sie den Weg selbst.

Ochsengespann

Mit mehr als einem Monat Verspätung haben „Meiner“ und ich es heute endlich geschafft, unseren vierzehnten Hochzeitstag zu feiern. Zuerst kam uns ja Zoowärters Spitalaufenthalt dazwischen, dann der Schuljahresabschluss, anschliessend die Ferienanwesenheit sämtlicher potentieller Babysitter, danach eine Phase, in der wir uns andauernd in die Haare gerieten und das Interesse an Zeit zu zweit sehr gering war und schliesslich auch noch meine Magen-Darm-Seuche.

Heute endlich fanden wir die Zeit, einen kinderfreien Nachmittag in der Sauna zu verbringen. Und wieder einmal wird mir klar, dass ich diesen Mann auch heute noch heiraten würde, dass wir zwei uns noch immer sehr viel zu sagen haben, dass wir noch immer viele gemeinsame Träume haben – und dass uns unser Alltag so oft die Energie raubt, mehr zu sein als ein Ochsengespann, das darum bemüht ist, den Karren über einen steinigen Feldweg zu ziehen.