Was wäre wenn…?

Mir scheint, wir leben uns allmählich auseinander, die Schule und ich. Während ich mir vor sechs Jahren, als Karlsson in den Kindergarten kam, noch sehnlichst wünschte, dass das Kind dort den ganzen Vormittag betreut würde, habe ich heute ernsthafte Bedenken, ob der Zoowärter damit zurechtkommen wird, wenn er ab nächster Woche jeden Tag von Viertel nach acht bis zwanzig vor zwölf im Kindergarten sein wird. Als Karlsson vor vier Jahren eingeschult wurde, war ich noch der Meinung, dass er ruhig etwas mehr gefordert werden dürfte. Knappe zwei Jahre später, als Luise mit einem entzündeten Blinddarm im Untersuchungszimmer des Kinderspitals sass und sich sorgte, ob die Lehrerin mit ihr schimpfen würde, weil sie keine Zeit hatte, die Hausaufgaben zu machen, sah ich das schon ein wenig anders. Schulstress in der zweiten Klasse schon? Das darf doch nicht wahr sein. Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat nächste Woche eingeschult wird, wird er jede zweite Woche an drei Nachmittagen Unterricht haben. Nur noch zwei freie Nachmittage, um unbeschwert Kind zu sein, als Siebenjähriger schon. Mir wird mulmig dabei und wenn ich erst bedenke, dass Luise in der Dritten ebenfalls nur noch zwei freie Nachmittage hat, davon einer zur Hälfte belegt mit Querflötenstunde und Therapie, dann wird mir Angst und bang. Ja, ich weiss, das Kind wird sich auswärts zusammenreissen, wird auf die Zähne beissen und überall ihr Bestes geben, dafür aber wird sie zu Hause umso mehr Dampf ablassen, bei jeder Gelegenheit aus der Haut fahren und der freien Zeit, die sie nun nicht mehr hat, nachtrauern.

Je länger ich Mutter bin, umso mehr zweifle ich daran, dass Kinder derart gefordert werden müssen. Ja, Bildung ist wichtig, der Wissensdurst der Kinder will gestillt werden, aber je länger je mehr bekomme ich den Eindruck, dass sich bei derart vollen Stundenplänen gar kein richtiger Wissensdurst mehr entwickeln kann. Wie viel Wissen haben unsere Kinder während dieser einen Woche in Prag in sich aufgesogen, einfach so, weil sie mehr über das erfahren wollten, was sie sahen. Mit wie vielen neuen Pflanzennamen und Gedanken über unseren Umgang mit der Natur kehren sie jeweils von einem Ausflug in den Wald zurück. Wie viel lernen sie, wenn sie selber zum Kochbuch greifen und einfach mal drauflos kochen. Der Lehrplan sieht ja gewöhnlich vor, dass man all das in der Theorie gründlich lernt und am Ende, falls das Budget es erlaubt und man im Stundenplan noch eine Lücke findet, geht man auf eine Exkursion, um sich das Ganze noch in Echt anzuschauen. Ja, ich weiss, die Lehrer würden das oftmals auch gerne umgekehrt machen, aber sie haben meist auch nicht den Spielraum dazu.

Was wäre, wenn es genau umgekehrt wäre? Wenn man zuerst erleben würde, anschauen, ausprobieren, erfahren und dann, wenn man sich auch wirklich etwas unter der Sache vorstellen kann, würde man sich hinter die Theorie machen, die man ja wohl auch kennen muss, wenn man eine höhere Schulbildung anstrebt und vielleicht einmal etwas selber erforschen will? Müsste man dann die Kinder morgens auch mit Mühe und Not davon überzeugen, sich endlich auf den Weg zu machen? Hätte man dann auch diese aufreibenden Diskussionen über Sinn und Unsinn von Hausaufgaben? Gäbe es gleich viele Schulversager? Weniger? Oder mehr?

Ich weiss es nicht und  mir ist klar, dass auch ich die Schule nicht neu erfinden werde, aber heute, wo ich mich ein wenig vor dem neuen Schuljahr fürchte, wünschte ich mir, die Schule wäre ein kleines bisschen mehr so, wie ich mir sie erträume. Und ich gebe offen zu, dass hinter diesem Wunsch sehr viel Egoismus steckt, denn kaum etwas strengt mich in meinem Alltag als Mutter mehr an als die ewige Antreiberei, die mir je länger je schwerer fällt, weil ich immer weniger dahinter stehen kann.

 

Erfolgsbilanz

Wohl in keinem anderen Lebensbereich wird die Freude über den klitzekleinsten Erfolg sogleich wieder durch den nächsten Misserfolg zunichte gemacht wie im Familienleben. Du glaubst, du hättest eine Situation ausnahmsweise mal bravourös gemeistert, doch kaum drehst du dich um, siehst du, dass es dafür an einem anderen Ort bereits wieder brennt. Abends hast du dann das Gefühl, der Tag sei eine Aneinanderreihung unzähliger kleiner Missgeschicke und Misserfolge gewesen. Die Lichtblicke dazwischen hast du schon längst vergessen. Damit dies heute nicht der Fall ist, hier eine kleine Erfolgsbilanz aus dem Hause Venditti:

  • Karlsson hat beim Zwischendurcheinkauf gebettelt, ich möchte doch wieder einmal Salat kaufen, er hätte so grosse Lust darauf. Als ich bloss einen in den Wagen legte, protestierte er lautstark und verlangte nach einem zweiten. Schokolade, Chips und andere vollwertige Nahrungsmittel hingegen hat er ausnahmsweise keines Blickes gewürdigt.
  • Das Prinzchen hat nur einen der beiden Frischhefe-Würfel zerkrümelt und auf der Matratze des Ehebetts verteilt. Der andere Würfel ist ganz geblieben. Nun ja, wenn ich es recht bedenke, ist das vielleicht nicht unbedingt ein Erfolg, sondern viel eher ein glücklicher Zufall, weil das Prinzchen durch etwas anderes, das ihn spannender dünkte, abgelenkt wurde.
  • Luise hat heute fast nie gezickt, was vielleicht daran lag, dass sie den ganzen Nachmittag weg war.
  • Das Prinzchen schlief heute Abend ohne sein Nuschi ein und ersparte mir damit eine lange, nervenaufreibende Suchaktion.
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter haben sich nicht ein einziges Mal verhauen.
  • Der Zoowärter hat sich ganz alleine angezogen, ohne zu protestieren, das könne er noch nicht und er sei noch viel zu klein und wenn man viereinhalb sei, müsse man sich noch nicht selber anziehen, auch wenn man nächste Woche in den Kindergarten komme.
  • Das Prinzchen verlangte nach einer zweiten Portion Orecchiette mit Bohnen und sagte nicht bereits vor dem ersten Bissen „Hani nöd gern!“
  • Luise hat ihre Schuhe ins Regal gestellt. 
  • Der FeuerwehrRitterRömerPirat war bereits angezogen, als ich zum Mittagessen nach Hause kam und so, wie es aussah, hat ihn niemand dazu zwingen müssen.
  • Das Prinzchen hat nicht auf den Boden gepinkelt, als er ohne Windel unterwegs war, sondern hat das Katzengeschirr, das wir uns schon mal angeschafft haben, als Töpfchen verwendet.
Und schliesslich noch der unglaublichste aller Erfolge:
  • „Meiner“ und ich konnten uns heute nach dem Mittagessen kurz hinlegen, weil gerade niemand sein Holzschwert geflickt haben, oder die Schürze des Dirndls gebunden haben, oder die Geschichte vom kleinen Maulwurf uns seiner blauen Hose vorgelesen haben wollte.
Eine ganz beachtliche Erfolgsbilanz, nicht wahr? Wie? Ihr findet, das seien alles nur Bagatellen? Da muss ich euch leider widersprechen. Nehmen wir das Beispiel von Luises Schuhen. Wenn ihr wüsstet, wie oft wir das Kind schon darauf aufmerksam gemacht haben, dass ihre Schuhe ins Regal gehören, dann wüsstet ihr, dass das heutige Ereignis so denkwürdig ist, dass es eigentlich gebührend gefeiert werden müsste. Leider hatten wir keine Zeit dazu, denn ausnahmsweise kamen heute die Kinder nicht ein einziges Mal aus ihren Betten gekrochen und wenn mich nicht alles täuscht, herrschte spätestens um Viertel nach neun absolute Ruhe in den Kinderzimmern. Auch das ein Erfolgserlebnis, wobei man hier nie so ganz sicher sein kann. Vielleicht erfahren wir auch morgen früh, dass die Kinder gar nicht geschlafen, sondern die halbe Nacht Gespenster gejagt haben. Was bekanntlich so leise vor sich gehen muss, dass nicht nur die Eltern, sondern auch die Gespenster nichts davon merken.

Sehr verehrte Frau Lindgren

Nie und nimmer würde ich es wagen, Sie in irgend einer Weise zu kritisieren. Zu sehr liebe ich die Geschichten, die Sie erzählen, zu sehr haben Sie meine Kinder in Ihren Bann gezogen. Wie sollte ich Sie da kritisieren können? Eine Frage aber habe ich an Sie: Glauben Sie wirklich im Ernst, dass die Kinder, die sich gegenseitig in der Dunkelheit der Nacht Spukgeschichten erzählen, danach friedlich einschlafen und erst frühmorgens beim ersten Hahnenschrei wieder frisch und fröhlich erwachen? Ist es nicht viel eher so, dass sich die Kinder gegenseitig hochschaukeln mit immer unheimlicheren Geschichten, bis sie am Ende vor Angst zitternd bei Mama und Papa auf dem Sofa sitzen und nicht mehr wagen, zurück ins Bett zu gehen? Wenn Mama und Papa dann vorschlagen, die Kinder sollten sich stattdessen schöne Geschichten erzählen, klagen sie, das hätten sie ja bereits mehrmals versucht, aber am Ende sei doch wieder irgend ein böser Mensch aus der Schublade gekrochen gekommen oder es hätten schreckliche rote Augen in der Dunkelheit geleuchtet und darum müssten sie jetzt alle zusammen bei Mama und Papa im Bett schlafen.

Bei ihnen, Frau Lindgren steht nie etwas davon, dass die Kinder am Ende in Mamas oder Papas Bett gekrochen sind. Da mag zwar die kleine Lisa hin und wieder etwas kreischen, wenn die grossen Brüder Bindfäden an den Stühlen festmachen, um die Möbel zum Tanzen zu bringen, aber damit hat sich’s mit der Angst. Nun quält mich natürlich die Frage, ob unsere Kinder allesamt kleine Memmen sind, die keine anständigen Spukgeschichten ertragen können. Oder haben die Kinder ihre Angst bloss gespielt, damit sie uns ihre schrecklichen Geschichten erzählen und damit testen können, ob „Meiner“ und ich danach vor lauter Angst nicht mehr schlafen können? Könnte ja sein. Ich höre da nämlich so ein eigenartiges Knacken und Schritte in der oberen Etage…

Ihr lieben Deutschen

Auf die Gefahr hin, dass ich von gewissen Kreisen in der Schweiz des Landesverrats bezichtigt werde, muss ich hier mal etwas gestehen: Ich mag euch. So etwas dürfte ich als Schweizerin ja gar nicht sagen, denn hierzulande gilt es nicht gerade als cool, Deutsche nett zu finden. Aber wie soll ich denn behaupten, ihr wäret schnoddrig, wenn man uns bei allen Aufenthalten bei euch sehr (gast)freundlich behandelt hat? Wie soll ich mich darüber beklagen, ihr würdet uns langsamen Schweizer nie ausreden lassen, wo die Deutschen, die ich kenne, immer schön brav warten, bis ich in meinem holperigen Schweizer-Hochdeutsch bis zur Pointe einer vermeintlich witzigen Bemerkung vorgedrungen bin? Weshalb sollte ich mich darüber ärgern, dass ihr bei uns in den Spitälern arbeitet, wo ich doch selber nie und nimmer genug Mumm in den Knochen hätte, blutige Wunden zu verarzten und alte Menschen zu waschen? Klar, mir sind auch schon doofe Deutsche begegnet, aber die waren auch nicht doofer als die Doofen bei uns. Natürlich finde ich euer Privatfernsehen schrecklich, aber es zwingt mich ja keiner, mir das anzusehen. Nein, ich sehe wirklich keinen Grund, euch doof zu finden; hin und wieder etwas sonderbar vielleicht, aber ganz bestimmt sehr nett und sympathisch. 

„Sonderbar?“, wundert ihr euch. „Sonderbar seid ihr Schweizer, aber wir doch nicht.“ Zwar muss ich euch da ein Stück weit Recht geben, aber ihr habt durchaus auch eure Eigenheiten, die sich dem auswärtigen Besucher nicht allzu leicht erschliessen. Wie muss ich zum Beispiel das Strassenschild deuten, das sich aus einem Überholverbot, einer Tafel mit einem Camper sowie der Zeitangabe 19 – 6 Uhr – vielleicht waren es auch andere Zahlen – zusammensetzt? Ergibt ja alles zusammen ein nahezu künstlerisches Arrangement, aber was bitte bedeutet das nun für mich als Autofahrerin? Bedeutet es überhaupt etwas für mich, oder geht das nur diejenigen etwas an, die mit Wohnwagen unterwegs sind? Ich muss gestehen, dass mich diese Kombination von Strassenschildern ziemlich verunsichert hat, so sehr, dass sie mich bis in meinen Traum verfolgt hat, in dem ich aus Angst, das falsche Schild zu befolgen, im Schneckentempo über eure Autobahnen gekrochen bin und nicht wagte, den Wohnwagen vor mir zu überholen. 

Sonderbar ist auch euer Umgang mit Jubiläen. Hat man uns damals als junge Lokaljournalisten gleich zu Beginn unserer Tätigkeit eingebleut, dass es keine „30-jährigen Jubiläen“ gibt, weil kein Mensch so viel Zeit zum Feiern hat, begeht ihr hemmungslos „25-jährige Gründungsfeste“, „50-jährige Geburtstage“ und vielleicht gar „100-jährige Jubiläen“. Und ich hatte mir stets gedacht, ihr wäret ein arbeitsames Volk. 

Was mich aber am meisten wundert ist euer Hang zu Klebrig-Süssem. Ihr ernährt euch doch wohl nicht mehrheitlich von Bonbons, Marzipan, Zuckerwatte und Plundergebäck, oder? Warum in aller Welt sind dann die Regale in euren Supermärkten von unten bis oben mit Süsswaren vollgestopft? Ich war immer der Meinung, das Anstehen am Schalter der Schweizer Post mit ihrem Süssigkeiten auf Kinderaugenhöhe sei der absolute Horror, aber nachdem ich erfolglos versucht habe, meine unvernünftigen, nach Süssem lechzenden Söhne tränenfrei durch eure Supermärkte zu lotsen, ist mein Respekt für alle Deutschen Mamas, die es schaffen, ihre Kinder gesund zu ernähren, ins Grenzenlose gestiegen. 

Vielleicht aber täuscht mich auch mein Eindruck, denn es könnte ja sein, dass ich bei euch einfach viel eher in Versuchung komme, zuzugreifen, weil es für sehr viel weniger Geld sehr viel mehr Kalorien zu kaufen gibt. Das Totschläger-Argument „Nein, das ist viel zu teuer, das können wir uns nicht leisten“ verfängt bei euch einfach nicht, zumal unsere Kinder schon ziemlich gewieft sind im Umrechnen des Euro-Kurses. Wenn das Ganze dann noch mit dem bei uns nicht erhältlichen, bei euch aber omnipräsenten, Waldmeistergeschmack daherkommt, dann kann auch ich nicht mehr widerstehen und ich sage ja, auch wenn ich sehr genau weiss, dass ich eigentlich nein sagen sollte. Und um den Bogen zum Anfang dieses Posts zu schlagen muss ich noch anfügen, dass man Menschen, die so viel Waldmeistergeschmack haben, doch einfach mögen muss.

Wieder da

Nach

…unzähligen Schritten durch Prags wunderschöne Gassen
…einigen sehr sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel das Musikmuseum und das Kommunismusmuseum in Prag oder der Altstadt von Regensburg
…einigen nicht so sehenswerten Sehenswürdigkeiten wie zum Beispiel dem Schloss Karlšteijn oder dem Turm der Burg Falkenstein
…dem Kauf von zahllosen Reiseandenken, vom Mini-Theater mit dem Kleinen Maulwurf für den Zoowärter bis hin zum Dirndl für Luise – das muss man sich mal vorstellen, wie die allem Volkstümlichen abgeneigte Mama mit ihrer einzigen Tochter im  Laden Dirndl bewundert, während der männliche Rest der Familie völlig entnervt im Auto wartet und dem Lieben Gott dafür dankt, dass es nicht mehr Frauen gibt in der Familie
…ein paar kleineren Familienstreitigkeiten und dem einen oder anderen Gemotze, sowohl von elterlicher als auch von kindlicher Seite
…sehr vielen Kilometern auf Tschechischen und Deutschen Strassen mit erstaunlich wenig Stau und keiner einzigen Panne und dies, obschon nachbars Auto, mit dem wir unterwegs waren, schon bessere Tage gesehen hat
…einigen sehr erfreulichen Begebnungen mit Menschen, die sich an unseren Knöpfen freuten
…zum Glück nur wenigen negativen Begegnungen mit Menschen, die unsere Knöpfe schrecklich fanden
…zu viel Fastfood, zumindest für Menschen, die eigentlich am liebsten viel Gemüse und dergleichen essen
…sehr viel Eis
…einigen äußerst faulen Tagen, an denen die größte Anstrengung darin bestand, die paar lästigen Wespen loszuwerden und sich ein Glas Wasser in der Küche zu holen
…keinem einzigen Morgen, an dem man vor neun aus den Federn war
…endlosen Kinderfragen zu den Weltkriegen, dem Kalten Krieg und anderen Katastrophen der jüngeren Vergangenheit
…endlosen Kinderfragen im Sinne von „Warum kriege ich diese mit Zuckerperlen gefüllte Nuckelflasche mit der Trillerpfeife dran nicht?“ – Nun  ja, offen gestanden war es keine Frage, sondern ein Tobsuchtanfall mitten im Laden
…sehr vielen gemütlichen Lesestunden
…zu vielen Wiederholungen der immer gleichen Hörspiel-CD

und

… dem Besuch beim ehemaligen Au-Pair  mit Familie, der einfach rundum perfekt und wunderschön war, der aber leider auch dazu führte, dass heute Abend fast alle kleinen Vendittis weinend ins Bett gingen, weil sie „ihr“ Au Pair so sehr vermissen

… sind wir nun wieder da. Eine unglaublich intensive Zeit, zwei Wochen, die sich anfühlen wie ein halbes Jahr, so voll waren sie mit Schönem, Unvergesslichem, aber auch Anstrengendem, was das Familienleben in Ferienzeiten zu bieten hat. Wie immer wird auch diesmal nicht allzu viel Fassbares bleiben, dafür umso mehr Erinnerungen. Ach ja, und dann wäre natürlich noch dies, aber das hat man eben davon, wenn man zwei Wochen lang so tut, als wisse man nicht, was das Wort „Wäscheberg“ bedeutet:

Nun, eigentlich käme jetzt hier ein Bild unseres Wäschebergs, aber mir scheint, der Kerl geniert sich und darum klappt das heute nicht ganz mit dem Bild. Da er nicht kleiner wird, wenn ich hier noch lange herumprobiere, muss meine Leserschaft leider auf das Bild verzichten. Aber ich nehme jetzt mal an, dass 90% meiner Leserschaft einen eigenen Ferienwäscheberg abzutragen hat, also was sitzt ihr eigentlich noch hier…

Neues aus dem Haushalt

Reisen bildet, sagt man und wie es sich gehört, habe auch ich in diesen Ferien Weisheiten gesammelt. Die weiseste dieser Weisheiten möchte ich meiner Leserschaft nicht vorenthalten, zumal es sich dabei um einen Haushaltstipp handelt, den ich gerne schon vor Jahren gekannt hätte.

Also, hier kommt er endlich, nach mehr als zwei Jahren Bloggerei, mein allererster Haushaltstipp: Flecken von Babybel-Wachs auf Kachelböden – es kann auch das Wachs vom Edamer-Käse sein – entfernt man am einfachsten mit einem Baby-Feuchttuch. Das funktioniert übrigens auch bestens bei versiegeltem Parkett. Habe ich heute Morgen beim Aufräumen der Ferienwohnung festgestellt, nachdem ich die hartnäckigen Wachsflecken einfach nicht wegbkriegen konnte.

Weshalb ich diesen Tipp hier weitergebe? Erstens, weil ich keinen Bedarf dafür habe, da wir weder Kachelböden noch versiegelte Parkettböden haben. Und zweitens, weil man von einer bloggenden Teilzeithausfrau doch Haushalttipps erwartet und ich möchte meine Leserschaft nicht enttäuschen.

Wie, ihr wollt hier gar keine Haushaltstipps lesen? Umso besser. Das mit dem Babybel-Wachs ist nämlich der Einzige, den ich auf Lager habe. Aber vielleicht ist ja dennoch die eine oder andere verzweifelte Mama, die eine Ferienwohnung in halbwegs anständigem Zustand hinterlassen möchte, froh darum.

Es gäbe da natürlich noch eine andere Möglichkeit: Sich konsequent weigern, Babybel-Käse zu kaufen, wenn die Kinder wieder unbedingt welchen haben wollen. Dies allerdings erfordert ziemlich starke Nerven und wer diese nicht hat – wie ich zum Beispiel -, der sollte sich zusammen mit dem Käse auch gleich noch eine Packung Feuchttücher kaufen.

Es gibt uns noch…

… bloss haben wir es geschafft, uns genau den Winkel Deutschlands für unsere Restferien auszusuchen, der noch nie etwas von Wireless & Handyempfang gehört hat. Nun ja, ich übertreibe mal wieder, das familiemfreundliche Feriendorf verspricht natürlich Internetempfang, wie es sich heutzutage gehört. Zu dumm nur, dass auf fünfzig Ferienwohnungen gerade mal 20 Modems kommen und von denen haben wir natürlich keines abbekommen. Internetcafés gibt’s nicht im Ort und wenn man die grosse weite Welt nicht aus den Augen verlieren möchte – mal kurz Mails und die neueste „Spiegel“-Ausgabe herunterladen und ein paar Zeilen bloggen – muss man bis Regensburg reisen.

Nun könnte man ja gut und gern einmal ein paar Tage ohne meine Gedankenergüsse auskommen und sogar ich habe mich beinahe damit abgefunden, dass ich gezwungenermassen mal eine Woche Kreativpause einlege, aber da gibt es ja noch die Swissmom-Kolumne, die jeweils am 1. des Monats fällig ist und aus mir vollkommen unerklärlichen Gründen habe ich in Prag keine Zeit für diese Kolumne gefunden. Und so kam es, dass wir am Sonntag eiligst nach Regensburg fuhren, damit der Text noch rechtzeitig online geschaltet werden konnte. Offen gestanden war meine Familie nicht gerade begeistert darüber, dass man meinetwegen durch Regensburg hetzen musste, immer auf der Suche nach der besten Internetverbindung.

Immerhin haben wir dabei festgestellt, dass Regensburg eine wunderschöne Stadt ist, so, dass wir heute gleich noch einmal gekommen sind. Und diesmal, das schwöre ich, hat es nichts mit meiner Schreiberei zu tun. Wobei, wo wir schon mal hier sind, kann ich ja gleich….

Familienticket

Auch in Prag hat man erkannt, dass Eintrittspreise zu Sehenswürdigkeiten ins gute Tuch gehen, wenn man mit der Familie reist und darum werden vielerorts vergünstigte Familientickets angeboten. Dumm nur, dass die Definition dafür, was eine Familie ist, meist ziemlich eng gefasst wird: 1 Familie = 2 Erwachsene + 2 Kinder.

Kommt ein Erwachsener mit drei Kindern daher, kann er die Reduktion glatt vergessen. Auch zwei Erwachsene mit drei oder vier Kindern haben keine Chance, die überzähligen Kinder mit der Pauschale hereinzuschmuggeln. Wer nicht fähig ist, seine Familie nach dem 2 + 2 – Schema zu planen, der hat keine Vergünstigung verdient, die Kinder, die zuviel sind, werden ganz normal verrechnet, so dass man am Ende trotz Familienticket ziemlich tief in die Tasche greifen muss. Zumindest, wenn man nicht dazu bereit ist, die überzähligen Kinder im Schliessfach zu deponieren.

Zwei Ausnahmen sind mir in dieser Woche begegnet: Im jüdischen Viertel lautet die Gleichung 1 Familie = 2 Erwachsene + 4 Kinder, im Botanischen Garten heisst es 1 Familie = 3 Erwachsene + 2 Kinder, was ja durchaus Sinn macht, denn wenn man schon den mühsamen Onkel, der sich sonntags immer so einsam fühlt, mitschleppen muss, will man nicht eigens für ihn bezahlen, nicht wahr?

Ins Schwarze getroffen

Als „Meiner“ und ich im Januar durch Prag spazierten, fielen immer wieder Bemerkungen wie „Das müssten unsere Kinder sehen“ oder „Stell dir bloss vor, wie begeistert sie davon wären“. Wir sahen all die malerischen Winkel, die uns schon bei unseren früheren Besuchen so sehr gefallen hatten, mit den Augen unserer Kinder und das war auch der Grund, weshalb wir uns dazu entschlossen, diesen Sommer mit ihnen hierher zu kommen. Wir konnten es kaum erwarten, ihnen zu zeigen, was uns selber immer wieder aufs Neue begeistert.

Jetzt, wo wir hier sind, zeigt sich, dass wir für einmal voll ins Schwarze getroffen haben. Der Zoowärter wandelt auf den Spuren des kleinen Maulwurfs, Luise shoppt bis zum Umfallen – soll sie doch, ist ja ihr eigenes Erspartes -, Karlsson träumt davon, eine der wunderschönen Geigen aus dem Musikmuseum zu besitzen, der FeuerwehrRitterRömerPirat deckt sich mit Holzwaffen und Schmuck ein und das Prinzchen hat die ganze Stadt zu seinem Abenteuerspielplatz erklärt. Somit sind alle rundum zufrieden, mal abgesehen von dem üblichen Gejammer über müde Füße und „ich will jetzt aber auf der Moldau Ruderboot fahren und nicht mehr länger in dieser langweiligen Synagoge bleiben“. Perfekter können Ferien mit sieben doch ziemlich unterschiedlichen Menschen wohl nicht sein.

Bloss eines haben „Meiner“ und ich nicht in Betracht gezogen, als wir diese Ferienwoche planten: Die Ausdauer, die unsere fünf Knöpfe an den Tag legen. Die ziehen ohne mit der Wimper zu zucken ein zehnstündiges Touristenprogramm durch und wenn wir Eltern danach in der Ferienwohnung erschöpft aufs Sofa plumpsen fragen die Kinder, die eben noch behauptet hatten, sie könnten keinen weiteren Schritt mehr tun: „Was machen wir denn heute Abend? Gehen wir noch auf die Karlsbrücke?“

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Kenne ich die?

„Meiner“ und ich sollten es inzwischen ja schon längst wissen: Es gibt Tage, an denen man mit unseren Kindern nicht auswärts essen sollte. Heute war so ein Tag, aber wir taten es trotzdem. Klar, vier von fünf Kindern waren schrecklich aufgedreht und das fünfte klagte noch immer laut über Bauchschmerzen, wenn auch etwas weniger als gestern. Aber nachdem ich den ganzen Tag mit wirrem Kopf und grummelndem Bauch im Bett verbracht hatte und „Meiner“ sich vom Apotheker – nicht dem gleichen wie gestern – hatte sagen lassen, der FeuerwehrRitterRömerPirat brauche frische Luft, beschlossen wir, auf der Halbinsel Kampa eine böhmische Kartoffelsuppe zu essen. Genau das Richtige für Mägen, die zwar vor Hunger grummeln, aber nicht sicher sind, ob sie das Essen dann auch wirklich behalten wollen.

Nach einigem Suchen fanden wir das perfekte Restaurant: Ein lauschiger Garten, ein Tisch etwas abseits von den anderen Gästen und grossfamilienfreundliche Preise. Nachdem auch noch die Kellnerin voller Bewunderung fragte, ob all diese Kinder aus eigener Produktion stammten, hatten „Meiner“ und ich das Gefühl, dass heute ein Abend werden könnte, an den man noch Jahre später sehnsüchtig zurückdenken würde. „Wisst ihr noch, damals, auf der Halbinsel Kampa, als wir diese köstliche böhmische Kartoffelsuppe aus dem Brot löffelten…“

Nun, ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns immer mal wieder an diesen Restaurantbesuch erinnern werden, wenn auch nicht voller Sehnsucht. Es fing damit an, dass der Zoowärter und das Prinzchen unablässig über die Sitzbänke kletterten und dazu einen Riesenlärm veranstalteten. Etwas später meldeten sich die Bauchschmerzen und damit auch das laute Jammern unseres Dritten zurück. Karlsson und Luise stritten sich derweilen, wer den grünen Trinkhalm bekommen sollte.

Dann kam das Esen und jetzt ging es richtig los. Luise verschüttete ihre Erdbeerlimonade über die gebratenen Zwiebelringe, das Prinzchen füllte sich die Windel, der FeuerwehrRitterRömerPirat raste aufs WC und der Zoowärter wollte sich aus dem Staub machen, weil er in nächster Nähe einen Spielplatz vermutete. Derweilen versuchte Karlsson, den griechischen Salat, den er sich mit Luise teilte, in Essig zu ertränken. Aus irgend einem Grund gerieten sich das Prinzchen und der FeuerwehrRitterRömerPirat in die Haare, weshalb unser Jüngster seine Sandalen auszog, um sie dem grossen Bruder an den Kopf zu werfen. „Meiner“ schaffte es in letzter Sekunde, das Schlimmste zu verhindern, aber der FeuerwehrRitterRömerPirat heulte dennoch Rotz und Wasser. Auch der Zoowärter heulte, weshalb weiss ich nicht mehr, ich weiss nur noch, dass ihm vor lauter Heulen das Abendessen wieder hochkam. Ich schaffte es gerade noch, ihm eine leere Schale hinzuhalten, deren Inhalt „Meiner“ mithilfe von zwei – sauberen – Windeln im nahe gelegenen Abfalleimer diskret entsorgen konnte. Danach wollten wir eiligst unsere Rechnung bezahlen und sofort verschwinden. Währenddem wir auf die Kellnerin warteten, stellte der Zoowärter fest, dass er jetzt, wo sein Abendessen in Windeln gewickelt im Abfalleimer lag, wieder hungrig war und da sonst nichts mehr auf dem Tisch war, wollte er sich über die letzten Pommes Frites seines größeren Bruders hermachen. Natürlich liess ihn dieser nicht einfach so gewähren, was zu erneutem Geheul führte.

Als wir uns wenige Minuten später mit unserer Barbarenhorde – mindestens drei davon laut heulend – aus dem Staub machten, glaubte ich, das Schlimmste sei überstanden. Doch was musste ich sehen, als ich mich ungeduldig umwandte, um zu sehen, wo „Meiner“ und die Kinder so lange blieben? Die machten sich doch tatsächlich über den Inhalt eines Abfalleimers her, allen voran „Meiner“, der voller Begeisterung zwei hässliche alte Ledertaschen, die wohl noch die Anfänge des Kommunismus in Prag miterlebt hatten, herauszog. Der Zoowärter tat es seinem Papa gleich und schwenkte bald darauf voller Stolz einen ausgedienten Squash-Schläger.

Als ich das sah, tat ich etwas, was ich noch nie zuvor getan habe: Ich ging so schnell als möglich weiter und tat, als würde ich die da hinten nicht kennen.

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