Notiz an „Meinen“

Morgen fahre ich für vier Tage weg und lasse „Meinen“ mit den Kindern alleine. Was grundsätzlich kein Problem ist, denn er hat das im Griff. Zwei oder drei Dinge muss ich ihm aber trotzdem aufschreiben, damit sie nicht vergessen gehen:

  • Der Zoowärter hat morgen Nachmittag Schule, auch wenn der Stundenplan etwas anderes behauptet. Aber der behauptet das nur, weil ich ihn im Sommer falsch abgeschrieben habe und danach zu faul war, ihn noch einmal neu zu schreiben und zu laminieren. 
  • Wenn du mit dem Prinzchen und dem Zoowärter in den Schwimmkurs gehst, vergiss nicht, dem Schwimmlehrer zu sagen, dass deine chaotische Frau es letzte und vorletzte Woche mal wieder verschlampt hat, die Kinder in den Kurs zu bringen. Sag ihnen, dass es deiner Frau furchtbar leid tut, aber dass sie unglaublich froh ist, dass du derjenige bist, der sich erklären muss, weil sie es allmählich Leid ist, überall mit hochrotem Kopf und tausend Entschuldigungen aufzukreuzen. 
  • Nein, am Sonntag dürft ihr nicht liegen bleiben. Krippenspielprobe! Keine Versäumnisse erlaubt! (Ich hingegen werde sonntags so lange liegen bleiben, bis das Bett mich rauswirft.)
  • Der Laptop kommt mit mir. Netflix nur auf dem iPad. 
  • Bitte, bitte, bitte, bitte streich Karlssons Zimmer nicht an diesem Wochenende! Du weisst, wie es kommt, wenn fünf Kinder und ein paar Farbroller sich miteinander vergnügen. 
  • Finger weg von der Wäsche! Es sei denn, ihr wollt sie wegräumen. 
  • Versucht, ohne mich Spass zu haben. (Als ob das möglich wäre…)

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Schwimmen im Mainstream

Gestern Vormittag sass ich am Esstisch und sortierte Disney-Sammelbildchen. Nach einer Weile gesellte sich eine frühere Version meiner selbst – deutlich jünger und noch kinderlos – zu mir. „Was um Himmels Willen tust du da?“, fragte sie mich. „Na ja, ich sortiere gerade diese Sammelbildchen, die sie bei Coop haben. Der Zoowärter hat sein Buch jetzt dann gleich voll und die Doppelten bekommt…“

„Das kann ich wohl sehen“, unterbrach mich mein Gast, „aber wie kommst ausgerechnet du dazu, so etwas zu machen? Was ist aus ‚Ich bin Migros und Coop kann mir gestohlen bleiben‘ geworden? Wo ist deine klare Absage an Disney und anderen Kommerz geblieben? Wo ist die Frau, die lauthals verkündet hat, Kinder müssten nicht immer jeden Mist mitmachen? Was ist mit deiner klaren Linie, die du mal hattest?“

„Jetzt mal langsam“, fiel ich meinem früheren Ich ins Wort. „Ich bin und bleibe treue Migros-Kundin…“

„Genau. Darum hast du auch einen Stapel mit Coop-Sammelbildchen vor dir“, meinte mein Gast spöttisch. 

„Willst du mich wohl ausreden lassen? Die Bildchen bekomme ich von ganz vielen lieben Menschen geschenkt, die dem Disney-verrückten Zoowärter eine Freude bereiten wollen.“

„So, wir haben jetzt also auch einen Disney-verrückten Sohn. Wir sind jetzt also auch Mainstream.“

„Nur weil mein Sohn Disney-Bildchen sammeln darf, heisst das noch lange nicht, dass wir Mainstream sind. Immerhin haben ‚Meiner‘ und ich mehr Kinder als der Schweizer Durchschnitt, wir fahren einen klapprigen Fünfplätzer, nächsten Frühling verreisen wir für zwei Monate mit der Familie…“

„Hach, wie ist das doch jämmerlich“, unterbrach mich mein früheres Ich. „Da sitzt du umringt von Schneewittchen, Winnie the Pooh und den Sieben Zwergen und glaubst, mir weis machen zu können, du würdest gegen den Strom schwimmen.“

„Gegen den Strom schwimmen ist gar nicht so einfach, wenn man Kinder hat“, gab ich trotzig zurück. „Wir verbieten Lego Star Wars, Spider Man und Kriegsspielzeug, da können wir nicht auch noch zu Donald, Goofy & Co. nein sagen.“

Mein früheres Ich sah mich mit hochgezogenen Augenbrauen an. „Könnt ihr nicht? Früher hättest du gekonnt.“

„Früher hatte ich keine Kinder.“

„Früher hättest du gewusst, wie man das nennt, was du tust. Kompromiss nennt man das. Ein Wort, das du früher zu Recht verabscheut hast.“

„Früher musste ich nicht in samtweiche, bettelnde Kinderaugen blicken, wenn ich einen Entscheid zu fällen hatte.“

„Früher hätten dir samtweiche, bettelnde Kinderaugen nichts anhaben können. Du wusstest, dass Prinzipien einzuhalten sind.

„Wenn ich früher von samtweichen, bettelnden Kinderaugen angeschaut wurde, waren das nicht die Augen meiner eigenen Kinder. Du hast ja keine Ahnung, was Muttersein mit dir anstellt.“

„Wenn ich mir dich so ansehe, kann ich mir ziemlich genau vorstellen, was Muttersein mit einem anstellt. Man wird eine Fahne im Wind, ein prinzipienloses Wesen, das sich spielend leicht um den Finger wickeln lässt. Man macht gedankenlos jeden erdenklichen Kommerz-Scheiss mit und…“. Mein Gast zögerte einen Augenblick, fuhr dann aber fort: „…man wird doof. Weisst du eigentlich, welchen jämmerlichen Anblick du mit deinen Sammelbildchen abgibst?“

„Okay, in diesem einen Punkt muss ich dir leider Recht geben. Glaub mir, ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich meine kostbare Zeit je mit solchen Dingen verschwenden würde. Und dass ich sogar einen Sammelaufruf auf Facebook gepostet habe…“

„Was ist Facebook? Noch nie gehört.“

„Ach, das ist so eine Sache, die sie irgendwann erfunden haben. Eine Art Kommunikationsmittel. Nicht der Rede wert…“

„Spar dir deine Erklärungen. Wird wohl auch so eine Mainstream-Sache sein, bei der du angeblich gegen den Strom schwimmst“, sagte mein früheres Ich und ging aus dem Zimmer, ohne mich eines weiteren Blickes zu würdigen. 

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Ich sollte empört sein, aber…

Ich weiss, ich sollte empört sein, sollte ihm sagen, dass das so nicht geht. Ich sollte mit der Schule an einem Strick ziehen und ihm klar machen, dass mich sein Verhalten enttäuscht. Ich sollte ihm ins Gewissen reden, weil es nicht okay ist, der Musiklehrerin so lange gekonnt auf den Nerven herumzutanzen, bis sie ihn versetzt und schliesslich keinen anderen Ausweg mehr sieht, als ihn zum Arrest zu verdonnern, weil er mit seinen Kapriolen einfach weitermacht. Ich sollte ihm wirklich deutlich machen, dass ich so etwas nicht tolerieren kann. Vielleicht sollte auch ich noch eine Sanktion verhängen, damit er die Sache wirklich ernst nimmt. Wehret den Anfängen und so…

Natürlich wünschte sich die Schule, ich würde Karlsson so richtig die Leviten lesen, denn die Schule ist angewiesen auf Eltern, die sie ernst nehmen. Es ist ja nicht so, dass ich die Schule grundsätzlich nicht ernst nehmen würde, aber in diesem Fall werde ich es trotzdem nicht hinkriegen, die empörte Mama zu geben, die ihren Sprössling in die Schranken weist. 

Warum nicht? Weil Schwatzen und Kapriolen im Schulunterricht auf meiner Skala der Jugendsünden noch nicht zu den Vergehen gehören, die auch noch von elterlicher Seite sanktioniert werden müssen. Ja, Karlsson hat sich daneben benommen und die Lehrerin darf ihm durchaus in die Schranken weisen – obschon die Sache mit dem Arrest in meinen Augen etwas übertrieben ist. Was macht sie, wenn einer mal wirklich Mist baut? 

Meiner Meinung nach hätte ich aber nicht mal unbedingt ins Bild gesetzt werden müssen über diese Angelegenheit, denn ich sehe darin noch kein alarmierendes Verhalten, mit dem die Schule nicht alleine fertig werden könnte. Ich meine mich sogar zu erinnern, dass solche Episoden in einem gewissen Alter vollkommen normal sind und vermutlich ist nicht mal Karlssons Musiklehrerin ganz ohne sie durch ihre Schulzeit gekommen. 

Auf die Standpauke, als ich von Karlssons Arrest erfahren habe, habe ich deshalb verzichtet. Erstens, weil mein Sohn sehr wohl weiss, dass er sich daneben benommen hat und zweitens, weil er sofort durchschaut hätte, dass meine Empörung nur gespielt ist. Stattdessen habe ich ihm dargelegt, welche Vergehen auf meiner Skala der Jugendsünden mich zu sofortigen harten Sanktionen bewegen könnten.

Nur damit er nicht vergisst, dass ich nicht jeden Mist mit einem „Na ja, deine Strafe hast du ja bereits bekommen“ durchwinke. 

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Weg

Ein Wochenende ganz in Watte verpackt, die einzige Sorge ist, ob sich bis zur nächsten Mahlzeit der Hunger wieder gemeldet hat, oder ob man nur essen wird, weil man dem Servierten unmöglich widerstehen kann. Keine Legosteine, die unter der Bettdecke lauern, dafür Pralinen, die auf dem Nachttisch liegen und die man unmöglich auch noch essen kann. Zeit und Ruhe, um zu spüren, ob der Bedarf an Wärme, Sprudelbad und Wechselduschen gedeckt ist, oder ob da noch ein klitzekleiner Wunsch ist, den man sich auch noch erfüllen könnte, wo man schon dabei ist. Erwachsenengespräche, die so lange dauern, bis man zu müde ist, um noch ein weiteres Thema anzuschneiden und nicht so lange, bis der nächste Krach unter Brüdern ausgebrochen ist, der sich nur mit elterlicher Hilfe schlichten lässt.

Meilenweit entfernt also von dem, was „Meiner“ und ich üblicherweise unser Leben nennen. Ein Leben, das wir mit all seinen Höhen und Tiefen gerne leben, von dem wir uns aber auch liebend gerne mal ein paar Stunden erholen.

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Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef

Schuld an allem ist dieser Asthmaanfall. Keiner von diesen gewöhnlichen, die mit ein paar Hüben aus dem Inhalator abgewendet sind, sondern ein richtig heftiger. Einer, der dich tagelang ins Bett zwingt, der dich dazu veranlasst, mit schwacher Stimme bei der medizinischen Hotline ein Rezept für Notfallmedikamente zu erbetteln und der deine medizinisch ausgebildete Schwester zur Drohung verleitet, sie würde dich auf die Notfallstation bringen, wenn du nicht brav dein Kortison schlucken würdest. Ein Asthmaanfall, der dafür sorgt, dass du in deinem eigenen Familienleben nicht mehr der (meistens nicht wirklich) ruhende Pol bist, sondern lediglich ein Statist, der zwar hin und wieder mit heiserer Stimme einen kurzatmigen Befehl bellen darf, ansonsten aber nur dabei zuschauen kann, was diese Irren, die du deine Liebsten nennst, den ganzen Tag so treiben.

In diesem Haus kann es dir zum Beispiel passieren, dass du morgens um zwanzig nach fünf von Edith Piaf, die im Wohnzimmer ein äusserst melancholisches Konzert gibt, geweckt wirst. Gut, so etwas passiert dir nur, wenn du am Vorabend entschieden hast, auf dem Sofa zu schlafen, weil du „Deinem“ mit deinem andauernden Gebell nicht den Schlaf rauben willst. Netflix reinziehen kannst du dir ja auch nicht, wenn er neben dir schlafen sollte und Netflix brauchst du, weil das Kortison der Meinung ist, Schlaf sei eine vollkommen überbewertete Sache, die nur für Kinder und Memmen erschaffen worden ist. (Was zu Netflix noch zu sagen wäre: Dass ich nach den letzen Überbleibseln von „House of Cards“, zwei äusserst deprimierenden Independent-Filmen und einer mittelmässigen Literaturverfilmung inzwischen bei „Gossip Girl“ gelandet bin, sagt rein gar nichts über meinen Filmgeschmack aus, dafür aber sehr viel über die Auswirkungen von mangelhafter Sauerstoffzufuhr.)

Nun aber zurück zu Edith Piaf, die dich zu vollkommen unchristlicher Stunde aus dem doch noch gefundenen Schlaf reisst. Eingeladen hat sie dein fleissiger Ältester, der zu eben dieser unchristlichen Stunde die Zeit gekommen sieht, am Wohnzimmertisch an seinem Vortrag zu arbeiten und sich von Edith Mut zusingen zu lassen. Und Mut braucht er, denn er schreibt seinen Vortragstext gerade von Hand auf sehr viele Seiten Papier. Nicht etwa, weil er dich im Morgengrauen vor der Bitte um das Passwort für deinen Laptop hat verschonen wollen, sondern weil „man sich die Dinge viel besser merken kann, wenn man sie von Hand geschrieben hat“. Ich sag’s doch, dieses „Kind“ ist eindeutig im falschen Jahrhundert zur Welt gekommen…

Noch so eine Episode aus diesem Irrenhaus: Das Prinzchen bringt Guetzli aus dem Kindergarten nach Hause. Selber gebacken und nahezu rabenschwarz. Nein, nicht Oreo-Schwarz, sondern „Wir waren etwas zu lange im Ofen, vielleicht sieben oder acht Minuten“-Schwarz. Augenblicke später vernimmst du heftige Kampfgeräusche aus dem Prinzchenzimmer, bald darauf sind drei am heulen. Was ist geschehen? Das Prinzchen hat nicht auf Anhieb erkannt, dass die Tatsache, dass ihm der FeuerwehrRitterRömerPirat neulich einen Franken und ein Disney-Figürchen geschenkt hat, ihn automatisch dazu verpflichtet, ungefragt ein paar angebrannte Guetzli abzutreten. Es fliegen Fäuste und Gegenstände, der Zoowärter als eigentlich unbeteiligter Dritter wird irgendwie auch noch in die Sache hereingezogen, lautes Geheul und keiner ist Schuld. Höchste Zeit für die Statistin, mal wieder ein wenig zu bellen. Momente später ist alles wieder friedlich, der FeuerwehrRitterRömerPirat kommt mit einem rabenschwarzen Guetzli aus dem Prinzchenzimmer. „Es ist angebrannt“, sagt er. „Mir egal, nach dem Theater, das du veranstaltet hast, um eines zu bekommen, wird das Ding gegessen“, antwortet die Statistin vollkommen ungerührt. 

Dann noch diese Szene hier, die schon fast rührend ist: Du liegst im Bett und versuchst zu stricken, damit du zumindest ein wenig produktiv bist. Die Katze, die partout nicht begreifen will, dass du es nicht magst, wenn sie sich auf deinen Beinen niederlässt, stellt sich so ungeschickt an, dass du die Zopfstricknadel fallen lässt. Unter Jammern und Stöhnen begibst du dich unters Bett, um die Nadel zu suchen. In dem Moment betritt einer deiner Söhne das Zimmer, er sieht dich am Boden, fragt was los sei und meint dann: „Leg dich wieder hin, Mama. Ich such dir die Nadel. Du bist jetzt viel zu schwach für solche Sachen.“ 

Ach ja, dann war da noch die Sache mit der Katze, die Karlssons Sportschuhe mit dem Katzenklo verwechselt hat, oder Luise, die beweisen wollte, dass sie in der Cello-Hülle schlafen könnte, wenn sie wollte, oder der Moment, als der Zoowärter vollkommen frei von Ironie erzählte, die Lehrerin hätte vergessen, dass sie nicht angeschriebene aber richtig gelöste Blätter der Schüler nicht mehr zerreissen dürfe und habe es deshalb trotzdem getan, aber sie habe sich danach entschuldigt, darum sei es nicht weiter schlimm.

Nachdem du ein paar Tage lang dieses Geschehens von der Seitenlinie aus betrachtet hast, bleibt dir nichts anderes übrig, als in Anlehnung an Römer Strategus aus „Asterix und die Goten“ zu seufzen: „Sie sind alle so irr und ich bin ihr Chef.“ 

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So unterschiedlich kann vierzehn sein

Nächste Woche ist es soweit, Karlsson wird vierzehn. Ich weiss nicht warum, aber dieser Meilenstein geht mir noch näher als andere Meilensteine im Leben unserer Kinder. Vielleicht, weil es mir so vorkommt, als wäre ich selber eben erst vierzehn geworden und ich deshalb tagtäglich daran erinnert werde, wie anders es doch bei mir war. Ein paar Beispiele gefällig?

Karlsson mit vierzehn: Er weiss, was er kann und er weiss auch, was er nicht kann. Weil er weiss, was er kann, gelingt es ihm, sich viel gezielter mit den Dingen zu befassen, die er nicht kann und dadurch bringt er immer wieder Achtungserfolge in den Bereichen zustande, in denen er nicht besonders stark ist.
Ich mit vierzehn: Ich wusste sehr genau, was ich nicht kann – meine Unfähigkeiten waren ausgeprägt und nicht zu kaschieren – und dadurch liess ich mir den Blick verstellen auf die Dinge, die ich gut kann. Bis zu dem Tag, an dem ich mein nicht mal so schlechtes Maturazeugnis in der Hand hielt, war ich felsenfest von meiner eigenen Dummheit überzeugt. Dass nicht jeder in druckreifen Sätzen denkt, dämmerte mir sogar erst sehr viel später, als ich den ersten Buchvertrag im Sack hatte und mich wunderte, warum ausgerechnet ich eine solche Chance bekommen hatte.

Karlsson mit vierzehn: Er steht zu sich selbst, auch wenn das, was ihm gefällt, nicht dem Geschmack der breiten Masse entspricht. Ihm doch egal, dass kaum einer seine Vorliebe für schwermütige französische Chansons teilt. Ihm doch egal, wenn alle sich zur gleichen Massenveranstaltung anmelden. Wenn es ihm nicht entspricht, hat er auch nicht das Gefühl, dabei sein zu müssen. Und doch steht er nicht am Rand. Er steht auch nicht im Zentrum, er gehört einfach dazu, man mag ihn so, wie er ist. 
Ich mit vierzehn: Ein andauernder K(r)ampf, so zu sein, wie „man“ eben sein musste, um akzeptiert zu werden. Und doch immer wieder die schmerzhafte Erkenntnis, dass es nie gelingen würde. 

Karlsson mit vierzehn: Er hat Pläne. Er möchte nach Frankreich, um richtig gut Französisch zu lernen und in die Kultur einzutauchen. Vielleicht will er irgendwann auch nach England oder in die USA, denn Englisch sollte man ja auch beherrschen, auch wenn man die Sprache nicht so toll findet.
Ich mit vierzehn: Ich hatte keinen Plan und wollte nur noch weg, irgendwohin ins Ausland, damit ich Distanz gewinnen konnte zu Erlebnissen, die mich zutiefst verletzt hatten. Mit nicht ganz sechzehn ging ich dann auch tatsächlich und sah mich in der Einsamkeit Nebraskas mit mir selbst konfrontiert.

Karlsson mit vierzehn: Ein ziemlich offenes Buch. Er zeigt uns nicht alle Kapitel, aber doch mehr, als ich je erwartet hätte. Auch Seiten übrigens, die ich meinen Eltern um nichts in der Welt gezeigt hätte. 
Ich mit vierzehn: Ein scheinbar offenes Buch für meine Eltern. Dass es da noch einen zweiten, unveröffentlichten Band gab, habe ich zwar schon beiläufig erwähnt, darin lesen lassen habe ich sie aber nie.  

Vierzehn, so stelle ich heute fest, kann sehr unterschiedlich sein und so, wie es bei Karlsson ist, gefällt es mir eindeutig besser. 

Ach ja, Karlsson hat diesen Text übrigens gelesen, ehe ich ihn veröffentlicht habe. Immerhin überragt mich das „Kind“ inzwischen um mehr als einen Kopf, da würde ich es nicht im Traum wagen, über ihn zu schreiben, ohne ihn um Erlaubnis zu bitten. 

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Eine kleine Ausnahme

Fragt mich nicht, warum ich das tue, aber ich tu’s für einmal trotzdem: Ich beantworte ein paar Fragen, die Lego mir vor ein paar Wochen gestellt hat. Vielleicht tue ich es einfach, weil sie in ihrem Blog so nette Dinge über mich geschrieben hat und ich ihr deshalb eine Freude machen will. Das also wollte sie von mir wissen:

1. Was war das peinlichste, dass du je machen musstest?

Hmmmm, ich weiss nicht so recht. Peinlichkeiten verdränge ich immer möglichst schnell. Da war mal etwas mit einem Schuh im obersten Schrankfach. Oder mit einer Windel, die ausgerechnet auf der vollbesetzten Sonnenterrasse eines Bergrestaurants ihren Geist aufgegeben hat. Oder… ach was, ich hab’s tatsächlich verdrängt.

2. Wenn du eine Disney-Prinzessin sein könntest, welche wärst du? Auch die Männer da draussen!

Schneewittchen, vermutlich. Ist die Einzige, die ich auf den ersten Blick erkenne.

3. Wenn du durch die Zeit reisen könntest, in welches Jahr würdest du reisen? Warum?

Fest steht: In die Vergangenheit. Aber wohin genau? Da gibt es so viele historische Ereignisse, die ich gerne miterlebt hätte. Aber ob ich dann auch den richtigen Ort und den richtigen Zeitpunkt treffen würde?

4. Glaubst du, wir sind alleine in diesem Universum?

Na ja, an Ausserirdische glaube ich nicht. An Gott schon. Und dann denke ich, dass es da noch sehr viele Dinge gibt, die unseren menschlichen Verstand übersteigen.

5. Welche Rolle in einem deiner Lieblingsfilmen würdest du gerne mal übernehmen?

Irgend so ein zickiges Biest in einem Kostümschinken.

6. Wenn du dir eine Gabe aussuchen könntest, welche wäre es?

Manchmal wünsche ich mir, ich wäre einer dieser unglaublich netten, geduldigen Menschen, die immer nur freundlich lächeln, wenn man auf ihren Nerven herumtanzt. Aber worüber würde ich dann bloggen?

7. Was war die schlechteste Verfilmung eines Buches, die du jemals gesehen hast?

Momo? Die unendliche Geschichte? Irgend so etwas war es. „Great Expectations“ fand ich auch nicht besonders toll. 

8. Worauf könntest du am ehesten verzichten: deine Augen, deine Ohren oder deine Stimme?

Ich bilde mir ein, die Augen. Aber ich glaube, wenn ich sie nicht hätte, würde ich sie ganz schrecklich vermissen.

9. Wie würde dein Traumhaus aussehen?

Ziemlich gross, ziemlich abgelegen, ziemlich schwedisch. Mit Erker, Schreibstube, Sauna und Garten.

10. Wenn du eine Boy-/Girlgroup gründen müsstest, wie würdest du sie nennen?

Da habe ich jetzt wirklich nicht die leiseste Ahnung.

11. Wie denkst du, wird die Welt in 20, 50, 100 Jahren aussehen?

Die Optimistin in mir hofft noch immer auf bessere Zeiten. Die Pessimistin in mir prophezeit Schlimmes. Und die Mama in mir wünscht sich einfach, dass Kinder und Kindeskinder auch noch eine Zukunft haben.

Ja, und dann müsste ich natürlich auch noch ein paar Blogger auswählen, die mir meine 11 Fragen beantworten. Es ist halt einfach so: Ich will mich niemandem aufdrängen, die Blogs, die mir gefallen, sind in meiner Linkliste aufgeführt, darum mache ich es einfach wie letztes Mal, als man mir Fragen gestellt hat. Ich schreibe hier 11 Fragen hin, wer sie beantworten möchte, darf dies gerne tun, wer sie nicht beantworten möchte, lässt es bleiben. Hier also wären sie, meine 11 Fragen, die mich schon seit vielen Jahren beschäftigen und die ich gerne endlich von jemandem beantwortet bekommen möchte:

1.Wozu in aller Welt hat man die Krawatte erfunden und warum trägt man sie noch immer?

2. Sieht mein Grün gleich aus wie dein Grün? (Wir können uns diese Frage auch mit Violett oder Gelb stellen.)

3. Woher nehmen wir die Arroganz, zu glauben, wir würden anders handeln als andere, wenn wir ihr Leben leben müssten?

4. Was geschähe, wenn es von einem Moment auf den anderen kein Internet mehr gäbe?

5. Warum treten Menschen, die über ein Halbwissen verfügen, oft selbstbewusster auf als Menschen, die eine Sache bis ins Detail erforscht haben?

6. Wie schafft man es, mit Scheuklappen durchs Leben zu gehen und alles Unangenehme auszublenden? (Manchmal möchte ich das wirklich können, diese Antwort würde mich also wirklich interessieren.)

7. Haben Vegetarier das Recht, Veganer nicht zu verstehen? 

8. Warum baut man heute, wo man so viele Hilfsmittel zur Verfügung hat, so viel langweiliger als damals, als man noch alles mit banalsten Maschinen und viel Muskelkraft machen musste?

9. Ist es den Leuten, die lauthals über verlogene Journalisten schimpfen, nicht peinlich, wenn Sie zwei oder drei Sätze später sagen: „Diese Information bleibt jetzt aber bitte unter uns, das dürfen Sie auf gar keinen Fall so schreiben.“?

10. Was soll eigentlich so besonders sein an Trüffeln?

11. Warum schreiben die Leute, die sich aus Facebook abmelden, weil sie ihre Beziehungen mehr im realen Leben pflegen wollen, am Ende ihres letzten Facebook-Posts immer: „Am besten erreicht ihr mich unter dieser E-Mail-Adresse“? Müssten die nicht schreiben: „Am besten habe ich jeweils mittwochs und donnerstags Zeit. Schaut doch einfach mal vorbei.“?

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Glückseligkeitshäppchen

Zuweilen bietet auch der grauste Alltag das eine oder andere Häppchen Glückseligkeit. Zum Beispiel wenn…

…du beim Waschen – für einen kleinen Moment zwar nur, aber immerhin – den Boden des Wäschekorbs siehst. Okay, übertreiben wir’s nicht: Den Boden von einem der vielen Wäschekörbe, aber man muss nehmen, was man bekommen kann.

…du ohne lang zu suchen dein Uralt-Handy aufspürst, den PUK ohne Wartezeit in der Warteschlaufe wieder bekommst und du fröhlich dein eben gewonnenes Fairphone in Betrieb nehmen kannst.

…du unbemerkt einen ganzen Rettich in der Gemüsesuppe verschwinden lassen kannst. Das Hochgefühl, das du empfindest, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat genüsslich schmatzend vor sich hin löffelt und dreimal nachschöpft, ist durch keine Droge dieser Welt hinzukriegen (Nicht dass ich in diesem Bereich allzu viel Erfahrung vorweisen könnte, aber wer braucht denn schon Drogen, wenn er Kinder hat, die mit Genuss drei volle Teller „Ätsch, wenn ihr wüsstet, dass es hier Rettich drin hat“-Suppe in sich hinein schaufeln?).

…die Katze nicht bemerkt, dass die Kinder den Frischkäse offen haben stehen lassen.

… die drei Kinder, die derzeit am meisten Chaos verursachen, den ganzen Samstag ausser Hause sind. Und dies sogar an einem dieser elenden Samstage, an denen „Deiner“ Kurs hat und du nicht die geringste Lust verspürst, den Karren alleine durch den Dreck zu ziehen. (Ja, ich schreibe mit Absicht „durch“den Dreck, denn die Sache mit „aus dem Dreck“ schiebe ich mir für die Pensionierung auf.)

…es für einen Moment lang so still ist im Haus, dass du deinen eigenen Brummschädel, der mal wieder zu wenig Schlaf abbekommen hat, brummen hörst.

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Verquatschte Zeit

So langsam beginne ich, Besuche bei der Dentalhygienikerin zu fürchten. Dies nicht etwa, weil es meinen Zähnen schlecht ginge oder weil die Dame so grob mit ihnen umgeht. Es ist die Dame selbst, die mir Furcht einflösst. Da liege ich auf diesem Stuhl, den Mund weit aufgesperrt in der Erwartung, dass sie jetzt gleich nachsehen wird, wie es meinen Zähnen geht, doch stattdessen legt sie los mit ihrem Gequatsche. Ob ich in den vergangenen Jahren ein paar Kinder geboren hätte, will sie wissen. Ja, natürlich, ein paar schon, antworte ich. Fünf, um präzise zu sein und ich glaube, damit sei die Frage nach meinem schwindenden Knochen beantwortet und ich könne jetzt endlich meine Zähne zeigen.

Aber meine Zähne interessieren sie jetzt nicht mehr, sie will wissen, wie das so ist mit einer Grossfamilie. Widerwillig gebe ich ein paar der üblichen Banalitäten von mir – mit der Zeit hat man sie drauf, diese Floskeln -, doch sie unterbricht mich bald einmal. Erzählt mir, wie das heute so ist, mit einer Grossfamilie. Kein Problem mehr ist das, die Kinder sind ja alle den ganzen Tag in der Schule, da hat man kaum mehr etwas zu tun mit ihnen. Grosseltern braucht man heutzutage ja auch nicht mehr, es gibt Krippen. Ich könne froh sein, dass ich nicht mit der Schwiegermutter zusammenleben müsse, das hätten die Mütter früher nämlich noch tun müssen. Ich versuche, einen Einwand einzubringen, weil es mich nun doch etwas fuchst, dass sie – die durchblicken lässt, dass sie kinderlos ist – zu wissen glaubt, wie mein Leben aussieht. Doch mein Einwand löst nur einen neuen Redeschwall aus. Die Schweiz nicht familienfreundlich? Des sieht sie ganz anders als ich. Den Familien geht es prächtig hierzulande. Wenn die Familien bescheidener wären, müssten auch nicht Vater und Mutter zur Arbeit gehen. Ferien? Genügend Wohnraum? Alles überbewertet. Sie ist auch ohne gross geworden, hat ihr auch nichts geschadet. Diese Eltern haben aber auch immer so viele Ansprüche. Das Einzige, was sie an der Familienpolitik stört, ist dass sie, die doch Vollzeit arbeitet, nach der Pensionierung weniger AHV haben wird, weil sie verheiratet ist. Alles andere ist bestens. 

Jetzt, wo das geklärt ist, kann sie sich endlich meinen Zähnen widmen. Die Sache ist schnell abgehakt. Zwei Röntgenbilder, ein bisschen Zahnstein, ein bisschen polieren, oder wie die das nennen, dann ist es erledigt. Doch offenbar hat die Frau noch nicht genug Dampf abgelassen, darum kommt sie noch einmal auf das Thema Grossfamilie zurück. Sie muss da noch etwas loswerden bezüglich Blockzeiten. Ist doch wirklich viel einfacher geworden heute, wo die Kinder den ganzen Morgen in der Schule sind. Ihre Mutter musste jeweils noch den ganzen Morgen zu Hause bleiben, weil jeder einen anderen Stundenplan hatte. Währenddem ich noch überlege, ob ich ihr jetzt lieber von meiner Schwester erzählen soll, die Kinder und Beruf noch immer ohne Blockzeiten jonglieren muss, oder ob ich ihr sagen soll, dass es trotz Blockzeiten kaum einen Schultag in meinem Leben gibt, der so verläuft, wie er auf dem Stundenplan steht, hüpft sie weiter zum nächsten Thema. Ich hätte da mal einen Termin vergessen, sagt sie vorwurfsvoll. Ja, so etwas könne in meinem Alltag halt mal vorkommen, es sei halt… Weiter lässt sie mich nicht kommen. Einen Terminplaner müsse ich mir anschaffen, einen richtig Grossen, den ich mir an die Wand hänge, in den ich alle Termine eintrage. Nein, nein, auf gar keinen Fall die Termine auch noch elektronisch eintragen. Nur im Planer an der Wand, dann bekäme ich das schon in den Griff…

Wie gerne hätte ich der Dame gezeigt, dass ich nicht nur gesunde Zähne mit schwindendem Knochen habe, sondern dass ich auf diesen gesunden Zähnen mit schwindendem Knochen ganz schön viele Haare wachsen lassen kann, wenn es die Situation erfordert. Ich habe es dann bleiben lassen, denn zu Hause wartete der wahre Alltag einer Grossfamilie mit Home Office und dieser Alltag reagiert äusserst sensibel auf sinnlos verquatschte Zeit.  

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Gründungssitzung der „IG für eine familienfreundliche Schweiz“

Remo Largo, der Mann, den viele von uns Eltern wie einen Halbgott verehren, hat etwas gesagt, was ich in letzter Zeit auch immer wieder gedacht habe: Frauen sollten aktiv für eine familienfreundlichere Schweiz kämpfen, insbesondere jetzt, wo sie auf dem Arbeitsmarkt wieder gefragt seien. Genau dies habe ich mir in letzter Zeit auch immer wieder durch den Kopf gehen lassen. Na ja, fast genau dies, denn in meinem Gedankenspiel wären es nicht nur die Mütter, die sich für eine familienfreundlichere Schweiz stark machen sollten, sondern auch die Väter, denn die hängen da auch mit drin. „Was wir wohl alles bewegen könnten, wenn wir…“, dachte ich einen kurzen Moment lang, doch diesen Gedanken wischte ich sofort wieder beiseite, denn in meiner Fantasie stieg die Vorstellung auf, wie die erste Sitzung dieser neuen Elternbewegung ablaufen könnte:

Sitzungsleiterin (SL): „Herzlich willkommen zur ersten Sitzung unserer ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ Wir sind zusammengekommen, weil es die Politik bis anhin nicht geschafft hat, die Lebensumstände von uns Familien nachhaltig zu verbessern. Nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Ein junger Vater, Typ „Neuer Mann“ unterbricht die SL: „Ich will doch hoffen, dass wir dabei auch gleich den Vaterschaftsurlaub thematisieren. Einfach lächerlich, was die Schweiz in diesem Bereich zu bieten hat. (Er kramt in seinen Unterlagen.) Ich habe da einen interessanten Bericht über die wirtschaftlichen Auswirkungen des Vatersch…“

SL, unterbricht ihn: „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich Ihnen das Wort abschneide, aber soweit sind wir noch nicht. Natürlich muss das Thema Vaterschaftsurlaub ganz weit oben auf unserer Liste stehen, wenn Sie mich aber vielleicht erst einmal meine Begrüssungsworte zu Ende reden lassen. Also, wo war ich? Ja, genau…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub…“

Eine gestandene Mutter um die Vierzig fällt ihr ins Wort: „Möchten Sie damit sagen, dass Familienfreundlichkeit für Sie vor allem bedeutet, die Frauen so rasch als möglich wieder zurück ins Berufsleben zu schleusen? Ich möchte betonen, dass ich hier nur mitmache, wenn die Anliegen der Mütter, die freiwillig zu Hause bleiben, ebenso ernst genommen werden wie die Anliegen der berufstätigen Mütter.“

SL: „Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Ich möchte eigentlich noch gar nichts weiter sagen, als dass das Thema Mutterschaftsurlaub eines der vielen Beispiele ist, das zeigt, wie schwierig es ist, in der Schweiz in Sachen Familienpolitik etwas zu bewegen…“

Junge Mutter mit Baby im Tragetuch, vermutlich leicht esoterisch angehaucht: „Wenn wir jetzt schon auf die Schwierigkeiten starren wie das Kaninchen auf die Kobra, werden wir es nicht weit bringen. Ich möchte uns allen Mut zusprechen. Die Geburt unserer Kinder hat Urkräfte in uns freigesetzt, die uns nun auch die Kraft verleihen, dieses geldgierige Land zu verwandeln in ein Land, in dem Kinderlachen den Lärm der Baumaschinen übertönt und in dem…“

Anzugträger mittleren Alters, Typ „Meine Frau hält mir den Rücken frei, damit ich mich auf die Karriere konzentrieren kann“: „Wir sind doch hier keine Selbsthilfegruppe. Wir wollen eine ernst zu nehmende Interessengemeinschaft bilden, die Hand in Hand mit den bürgerlichen Parteien eine wirtschaftsfreundliche Familienpolitik er…“

Ein entrüstetes Raunen geht durch die Runde, die SL stoppt den Redefluss des Anzugträgers: „Ich glaube, wir sind uns alle darin einig, dass diese Interessengemeinschaft nur darum ins Leben gerufen werden musste, weil sowohl Politik als auch Wirtschaft kläglich darin versagt haben, eine kinder- und elternfreundliche Schweiz zu gestalten. Wenn ich jetzt auf meine Eröffnungsworte zurückkommen dürfte… also…nehmen wir zum Beispiel das Dauerthema Mutterschaftsurlaub, den Kampf um bezahlbare Krippenplätze…“

Die gestandene Mutter um die Vierzig räuspert sich: „Wenn das hier darauf hinausläuft, dass Eltern dazu verdonnert werden sollen, ihre Kinder in die Krippe zu geben, bin ich sofort raus hier. Wir Mütter, die auf ein zweites Einkommen verzichten, die unsere berufliche Karriere in den Hintergrund stellen, die Tag und Nacht für unsere Kinder da sind…“

SL, inzwischen leicht gereizt:  „Da interpretieren Sie etwas in meine Worte hinein, was ich nicht gesagt habe…also, wo war ich schon wieder, ach ja, beim Kampf um bezahlbare Krippenplätze… nehmen wir auch das Beispiel der steuerlichen Benachteiligung von verheirateten Eltern…

Eine bis anhin stille Sitzungsteilnehmerin unterbricht die SL forsch: „Und was ist mit uns Alleinerziehenden? Wisst ihr eigentlich, wie hart das Leben ist, wenn man niemanden an seiner Seite hat, bei dem man sich ausheulen kann, wenn die Kinder mal wieder verrückt spielen? Wisst ihr, was es bedeutet, auf Alimente warten zu müssen? Wisst ihr, wie es schmerzt, wenn der Vater sich einen Dreck um seine eigenen Kinder schert? Wisst ihr…

Anzugsträger, entnervt: „Wieder mal die alte Leier der ach so armen alleinerziehenden Mütter. Wenn Sie wüssten, wie viele Väter ich als Anwalt vertrete, denen das Besuchsrecht vorenthalten wird und die jeden roten Rappen ihrer geldgierigen Ex abliefern müssen…“

SL: „Wenn wir jetzt bitte zum Thema zurückkommen könnten…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, ignoriert den Einwand der SL: „Was sind wir denn eigentlich hier? Eine Kampfgemeinschaft für jene, die es nicht hingekriegt haben, ihrem Partner treu zu bleiben und den Kindern ein harmonisches Zuhause zu bieten. Also wenn das so ist, bin ich raus hier…“

Blasser junger Mann, knapp zwanzig, meldet sich zum ersten Mal zu Wort, wird aber von den anderen ignoriert: „Mich würde ja noch interessieren, wie wir hier den schwammigen Begriff ‚Familie‘ überhaupt definieren. Ich als Single mit Goldhamster fühle mich trotz meiner Kinderlosigkeit sehr stark als Familie…“

Alleinerziehende Mutter: „Diese Vorurteile sind ja mal wieder typisch. Möchte wissen, wie viel Ihnen Ihre Ehe noch bedeuten würde, wenn der Kerl, der Sie dreimal geschwängert hat, drei Wochen nach der Geburt seines dritten Kindes etwas mit dem Babysitter anfängt…“

Gestandene Mutter um die Vierzig, gehässig: „Wenn man sich keine Zeit nimmt für sie, kommen Männer eben auf solche Gedanken. Vielleicht wenn Sie ihm mehr Bewunderung und Wertschätzung entgegengebracht hätten…“

Anzugträger: „Und vor allem, wenn Sie sich nicht so hätten gehen lassen. Gewisse Frauen sind doch einfach selber Schuld, dass sie sitzen gelassen werden…“

Mutter mit Tragetuch-Baby: „Hören wir doch auf, einander mit Vorwürfen einzudecken. Wir alle sind Mütter und Väter, wir alle haben diese unendliche Kraft in uns, die Schweiz zu verändern. Ich schlage vor, wir fassen uns jetzt alle bei den Händen und…“

SL, aufgebracht: „Nichts da, wir fassen uns nicht bei den Händen, wir tun überhaupt gar nichts mehr, die Sitzung ist aufgehoben. In meinen Eröffnungsworten hätte ich eigentlich darauf hinweisen wollen, dass es noch unglaublich viel zu tun gibt, um die Schweiz zu einem Land zu machen, in dem es allen Familien – egal ob traditionell, alleinerziehend, berufstätig oder was auch immer – besser geht. Doch wie ich sehe, schaffen wir es nicht einmal, diese Tatsache festzuhalten, ohne einander an die Gurgel zu gehen. Somit erkläre ich das Projekt ‚Interessengemeinschaft für eine familienfreundliche Schweiz‘ für gescheitert.“

SL verlässt den Raum, ohne dass dies die anderen Sitzungsteilnehmer bemerken. Man munkelt, die anderen hätten weiter gestritten, bis der Wirt – ein vierfacher Vater, der das Sitzungszimmer für den ehrenwerten Zweck gratis zur Verfügung gestellt hatte – die Polizei aufgeboten habe, um den Saal räumen zu lassen. 

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