Montagsgetümmel

Eigentlich erstaunlich, wie lange man im Zeitalter des Internets Mutter sein kann, ohne zu wissen, wie das Spiel mit den fetten Rabatten auf Spielzeug in der Vor-Vorweihnachtszeit läuft. Fast fünfzehn Jahre habe ich gebraucht, um endlich auch mal mitzuspielen. Schon als Karlsson noch ein Winzling war, kaufte ich Spielsachen vorzugsweise im Internet. Verantwortungsvolle Mütter tun das nicht, ich weiss, denn beim Bestellen im Internet riecht man die Giftstoffe nicht, mit denen Spielzeughersteller ihre Produkte gerne anreichern. Aber da unsere ansonsten ziemlich fantasiebegabten Kinder um die Weihnachtszeit jeweils ganz furchtbar langweilige Wünsche vorbringen – „Ich will die Lego-Schachtel mit der Nummer 12056823656546347657556770096567“ -, brauche ich mir darüber ja wohl keine Gedanken zu machen. Ein Legostein ist ein Legostein ist ein Legostein, egal hinter welcher Artikelnummer er sich verbirgt und bis jetzt habe ich noch keinen angetroffen, der verdächtig nach Giftstoffen gerochen hat. 

Weil aber der Webshop meines Vertrauens Prinzchens Geburtstagswunsch nicht im Sortiment hat und nicht zu erwarten ist, dass ich das Zeug vor Freitag anderswo mit 30% Rabatt bekomme, stürzte ich mich für einmal ins Getümmel. Jawohl, ein Getümmel war das, an einem gewöhnlichen Montagmorgen im Herbst. Heerscharen von Müttern tummelten sich in der Spielzeugabteilung, diskutierten in den schmalen Durchgängen über die Vorzüge von Playmobil gegenüber Lego, versperrten einander gegenseitig den Weg, fuhren die Ellbogen aus und räumten die Regale leer. Grosseltern verhandelten mit Enkelkindern über die akzeptable Grösse eines Zwischendurch-Geschenkes, das die elend lange Wartezeit zwischen dem Geschenkeinkauf im Oktober und der Bescherung im Dezember überbrücken soll. Dank Telefonschaltung ins Büro war auch der eine oder andere Vater am Grosseinkauf beteiligt. 

Wie um Himmels Willen soll in diesem Gewühl eine wie ich je an Prinzchens Traumschiff herankommen? Nach einigen erfolglosen Versuchen sah ich ein, dass man den Einkaufswagen besser aus der Sache raushält und irgendwann begriff ich auch, dass man es an einem solchen Ort ohne eine Prise Frechheit zu nichts bringt. Aber auch ohne Wagen und mit Frechheit gelang es mir nicht, Prinzchens Wunschliste abzuarbeiten. Dort, wo der von ihm heiss ersehnte Adventskalender hätte stehen sollen, gähnte nämlich eine riesige Lücke im Regal, im nächsten Laden, den ich auf dem Heimweg besuchte, sah es nicht anders aus. Erst im dritten Geschäft konnte ich auch diesen letzten Punkt abhaken und mich endlich wieder in meine friedlichen vier Wände zurückziehen, wo zwar auch Chaos herrschte, wo ich aber immerhin bis zur Heimkehr meiner Horde keinen Ellbogen mehr in die Seite gerammt bekam. 

Der heutige Morgen hat mich zwei Dinge gelehrt:

  1. In Zukunft kaufe ich wieder alle Spielsachen online, auch wenn dabei der fette Rabatt flöten geht.
  2. Solange Eltern und Grosseltern im Oktober die Regale leer fegen, hören die Geschäfte ganz bestimmt nicht damit auf, im Herbst schon einen auf Weihnachten zu machen. 

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Bettgeschichten

Als sie klein war, wollten wir ihr unbedingt dieses Bett kaufen. Es war schön und falls mal eine ihrer zahlreichen Freundinnen bei ihr übernachten wollte, könnte man einfach die zweite Hälfte ausziehen. Das Ding war zwar schrecklich teuer, aber wir dachten, sie würde darin schlafen können, bis sie eines Tages auszieht. Nicht nur unser Portemonnaie litt ganz schrecklich unter dem Kauf, auch „Meiner“ und die zwei Männer, die ihm beim Aufbau halfen, waren nach ein paar Stunden mit ihren Nerven am Ende. „Was soll’s? Das Bett wird ewig halten“, sagten wir und freuten uns, dass unsere Tochter sich darin so wohl fühlte.

Das Bett hielt nicht ewig. Was auch – aber nicht nur – am Fabrikat lag. Eines Abends nämlich war es im Kinderzimmer, in dem damals erst Karlsson und Luise schliefen, erstaunlich früh erstaunlich ruhig. „Ist es nicht himmlisch, wie schön die Zwei schlafen?“, sagte ich zu „Meinem“. Wir machten uns einen gemütlichen Abend und wollten schliesslich, bevor wir ins Bett gingen, noch schnell bei unseren zwei zuckersüssen Kinderlein vorbeischauen, um uns daran zu ergötzen, wie sie friedlich schlafend in ihren Betten lagen. Aber im Kinderzimmer waren keine zuckersüssen Kinderlein, sondern zwei freche Rotzbengel, die leise, ganz leise das wunderschöne Bett in seine Einzelteile zerlegten. Fragt mich bitte nicht, wie man es schafft, so leise ein Bett zu demolieren, ich weiss bis heute nicht, wie die das hingekriegt haben. Natürlich schraubten wir alles wieder ordentlich zusammen, aber so richtig halten wollte es nicht mehr. Zwar diente es noch ein oder zwei Jahre als Nachtlager für Luise – und einmal als Messlatte für einen Wettbewerb im Weitpinkeln, den Karlsson und sein gleichaltriger Cousin von Karlssons Hochbett aus veranstalteten -, doch irgendwann waren wir es leid, alle paar Tage zum Schraubenzieher zu greifen und Luise bekam ein neues Bett. Dieses hielt nun wirklich lange, leider war es aber eines Tages zu klein für unsere nicht mehr ganz so kleine Tochter und ausserdem gab es den Geist auf, als sie mal wieder in ein anderes Zimmer umziehen wollte. 

Es musste also ein neues Bett her und was sagte die gute Luise, als wir im Laden standen? „Ich will wieder dieses Bett.“ „Und ich will dieses Bett nicht mehr“, antwortete ich. „Aber ich will dieses Bett und kein anderes“, gab mein geliebtes Töchterlein zurück. „Und ich will alles andere, nur nicht dieses Bett“, lautete meine Antwort. Die weiteren Details erspare ich euch und ich werde auch nicht erzählen, wie wir es fertig gebracht haben, das Ungetüm in unser winziges Auto zu quetschen. Falls ihr aber heute im Möbelgeschäft eine sehr wütende Mama mit einer sehr wütenden Tochter gesehen habt, dann wisst ihr jetzt, wer das war. Am Ende bekam Luise ihren Willen, aber nur, weil die den Preis des Bettes inzwischen so gesenkt haben, dass mir irgendwann die Gegenargumente ausgingen. 

Ich hoffe, die haben in der Zwischenzeit nicht nur am Preis gearbeitet, sondern auch an der Aufbauanleitung und an der Widerstandsfähigkeit. Obwohl ich ja nicht damit rechne, dass es die gleichen Attacken über sich ergehen lassen muss wie sein Vorgänger. 

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

abbiamo un piatto pieno; prettyvenditti.jetzt

Jetzt wird es richtig kompliziert

Sommerferien 1999:

„Wollen wir nicht doch noch ein wenig wegfahren?“, fragte ich „Meinen“ eines schönen Morgens. „Warum nicht? Hast du eine Idee, wohin?“, antwortete er. „Hmmm, man sagt, Sardinien sei noch schön“, gab ich zurück. Wir starteten den Computer auf, um ins Internet zu gelangen, was damals noch eine ganze Weile dauerte, suchten nach ansprechenden Angeboten, was ebenfalls eine ganze Weile dauerte, weil die Verbindung zu jenen Zeiten noch sehr sehr langsam war, doch irgendwann fanden wir eine halbwegs vertrauenswürdige Seite, auf der man Fährverbindungen buchen konnte. Drei Tage später waren wir unterwegs nach Sardinien, fünf Tage später überlegten wir uns, ob wir die Insel nicht wieder fluchtartig verlassen sollten, weil wir die Langeweile des Strandlebens kaum aushalten konnten. Wir entschlossen uns, zu bleiben und klapperten in der Folge sämtliche Museen Sardiniens ab, um uns irgendwie die Zeit bis zur Rückreise totzuschlagen. 

Sommerferien zwischen 2001 und 2009:

Viel wichtiger als das Ziel waren die Dauer des Anfahrtsweges, die Babyausstattung am Ferienort und die Möglichkeit, sich zweimal am Tag an einen gedeckten Tisch setzen zu können. Ziemlich kleinkariert, fanden wir, für spannendere Dinge waren wir aber schlicht zu müde. Ziemlich kompliziert, fanden wir auch, denn das Kofferpacken fühlte sich jeweils an, als würden wir in den Dschungel auswandern und nicht etwa, als würden wir für zwei Wochen ins Nachbarland fahren. 

Sommerferien zwischen 2010 und 2015:

Reiseziel aussuchen, im Internet Ferienhäuser anschauen, buchen, Transport organisieren, Koffer packen, abreisen, Ferien geniessen. Fast so einfach wie in kinderlosen Zeiten, wenn auch mit etwas mehr Gepäck. Würde es so weitergehen, kämen wir glatt in Versuchung, uns allmählich nach etwas exotischeren Reisezielen umzusehen, weil es ja inzwischen so gut läuft mit den Familienferien.

Aber eben, es wird nicht so weitergehen, denn nächsten Sommer wird es kompliziert: 

Zuerst einmal sind da die verschobenen Feriendaten. Die Kinder müssen eine Woche länger durchhalten als „Meiner“, dafür werden sie noch in den Federn liegen, wenn er nach den Sommerferien seine neuen Schüler begrüsst. Auf dem Papier sind das immerhin vier gemeinsame Ferienwochen. In der Praxis aber gehen zwei dieser vier Wochen für Ferienlager drauf, die unsere Kinder um nichts in der Welt verpassen wollen. Je nachdem, in welcher Ferienwoche diese Lager stattfinden, bleiben uns eine oder zwei Wochen, um gemeinsam zu verreisen. Okay, theoretisch könnten wir die Kinder natürlich dazu zwingen, sich unserem Programm anzupassen, aber unser Leidenswille ist nicht gross genug, um uns einen Sommer lang anzuhören: „Eigentlich könnte ich jetzt mit meinen Freunden am Lagerfeuer sitzen, aber ihr habt mich ja dazu genötigt, mit euch an diesen öden Ort zu fahren. Ich werde jetzt vier Wochen lang schmollen. Und glaubt bloss nicht, dass ich mit euch in dieses doofe Museum komme.“ Dann stellt sich natürlich auch die Frage, was wir mit den Kindern anstellen, die während der Lagerwochen zu Hause bleiben. Ein Spezialprogramm organisieren, das die Abtrünnigen vor Neid erblassen lässt? Oder doch lieber jemanden suchen, bei dem sie unterkommen können, damit wir mal ein paar Tage für uns haben? Was dann allerdings die Gefahr mit sich brächte, dass wir völlig kopflos spontan irgendwo hin verreisen, nicht wissen, was wir dort anstellen sollen und dann wären wir fast wieder dort, wo wie angefangen haben. 

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

sorgenfrei; prettyvenditti.jetzt

Herbstferien

Luftschloss:

Ganze Tage im Garten arbeiten, viel Zeit mit Freunden verbringen, ein paar Ausflüge machen oder vielleicht auch zwei Tage wegfahren, ein wenig ausschlafen, wenn es mit dem Garten gut vorangeht, damit anfangen, die Küche aufzumöbeln.

Realität:

Kinderärztin mit Luise, Physiotherapie mit Luise (4 x), Spezialärztin mit dem FeuerwehrRitterRömerPiraten (2x), Zaharzt („Meiner“), Spezialärztin (nicht die gleiche wie vorher, da für „Meinen“), tagelang über die Hochbeetfrage diskutieren, anstatt Hochbeete zu bauen (Okay, die Frage ist jetzt ausdiskutiert und falls es hinhaut, wird es guuuut), Hetbstschuhe kaufen, aufräumen, putzen, arbeiten, Rechnungen bezahlen, neues Handy für Luise ersteigern (alleine dies wäre eigentlich ein Fulltime-Job), Klaviertransport organisieren (auch das beinahe ein Fulltime-Job, weil der Transporteur sich rar macht) neuen Fernseher installieren… und das alles sind natürlich nur die Fixpunkte, dazwischen gibt es zu klären, wer wann ans neue Klavier darf, wer sich am Magenbrot vergriffen hat, wie man Zoowärters Albtraum bekämpft, woher man spät abends Lesenachschub für den FeuerwehrRitterRömerPiraten bekommt und wie man Prinzchens Quetschung an den Fingern am besten lindert. Business als usual also und ich frage mich, warum ich nach fast fünfzehn Jahren Familienleben noch immer blöd genug bin, zum Ferienbeginn Luftschlösser zu bauen. 

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Nebenschauplatz

Zum Streiten kommt man in so einer Ehe mit Kindern ja nicht mehr richtig. Sind die Kinder noch wach, wird ihnen Angst und Bange, wenn Mama und Papa einander gegenseitig anbrüllen und mit Tellern um sich schmeissen. Sind die Kinder im Bett ist man zu müde, um sich noch Gehässigkeiten an den Kopf zu werfen. Sollte man es tatsächlich mal schaffen, ein paar Stunden ohne Kinder zu sein, gibt es noch so viele andere Dinge zu tun, dass Streit nicht den ersten Platz auf der Prioritätenliste einnehmen kann. Also muss man die Kämpfe, die ja irgendwie zu einer funktionierenden Beziehung dazugehören, auf einem Nebenschauplatz austragen. Bei uns ist das aktuell gerade der Garten.

Ich demontiere ganz und gar respektlos die potthässliche, instabile, klotzige Rankhilfe, die er vor einem oder zwei Jahren in mühevoller Kleinarbeit gebaut hat. 

Um sich an mir zu rächen, führt er das Mäuerchen des Halbrundbeetes einfach zur anderen Seite des Gartenpfades weiter, obschon ich ihm klipp und klar gesagt habe, dass ich das nicht haben will. Und dann erwartet er auch noch Komplimente, für sein unglaublich tolles Gartendesign.

Ich würde mir natürlich lieber die Zunge abbeissen, als ihm das erwünschte Kompliment zu schenken. (Obschon das Resultat seiner Bemühungen ganz ansprechend aussieht, aber wehe, einer von euch verrät mich!)

Er kritisiert, ich hätte das Moorbeet ganz und gar falsch angelegt. Nicht dass er etwas vom Anlegen von Moorbeeten verstünde –  den Ratgeber habe ich gelesen -, aber optisch passt es dem Herrn Gemahl nicht. 

Dann ändere ich halt die Form des Moorbeets, weil ich diese Niederlage aber nicht einfach so einstecken kann, schnappe ich mir das einzige gerade auffindbare Schäufelchen und buddle Tulpenzwiebeln in den Boden, wohl wissend, dass er ohne das Schäufelchen an seinem Mäuerchen nicht weiter werkeln kann. (Das hat man eben davon, wenn man ohne Rücksprache mit mir längere Mäuerchen baut und an meinen Moorbeeten rummäkelt.)

Irgendwann gelingt es ihm, sich das Schäufelchen zu schnappen und dann stehe ich da mit meinen Tulpenzwiebeln und weiss nicht, wie ich die in den Boden bringen soll und dann beginne ich zu jammern, weil das zweite Schäufelchen mal wieder spurlos verschwunden ist und daran ist ganz bestimmt nur „Meiner“ schuld, denn der schiebt ja immer die Steine von einem Ort zum anderen, anstatt sie endlich zu entsorgen, aber das sage ich natürlich nicht laut, sonst würden wir ja offen streiten. 

Ihn lässt das alles kalt, denn er muss jetzt schaufeln, sonst trocknet der Mörtel ein. 

Die Menschen, die am Haus vorbeigehen, freuen sich an dem netten Paar, das in froher Eintracht in der Erde wühlt, die kleineren Kinder machen fröhlich den Handlanger, die grösseren Kinder plündern oben in der Wohnung den Kühlschrank und keiner merkt, dass wir einen erbitterten Kampf austragen, weil wir bei all dem nicht ein einziges böses Wort verlieren. Warum sollten wir auch, wo doch das Resultat unseres kleinen Machtkampfes durchaus ansprechend aussieht? (Also ja, mal abgesehen von dem verlängerten Mäuerchen, das ich im Kreise der Familie erst dann als schön bezeichnen werde, wenn „Meiner“ vergessen hat, wie sehr ich mich gegen seine Idee gestemmt habe.)

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Sysiphus muss mal wieder jammern

Sie bekommen Guetzli geschenkt und ich darf zwei Tage später unters Sofa kriechen, um die leere Schachtel zu entsorgen. 

Sie essen Hafer, ich sauge die Flocken auf, die den Weg vom Beutel in die Schale nicht überstanden haben.

Schleppe ich am Vormittag zwei Kilo Trauben an, sind sie spätestens um vier weggefuttert, um fünf nach vier motzt der Erste, weil kein frisches Obst da ist.

Kippt einer die Klobürste um, bleibt sie umgekippt, bis ich mich ihrer erbarme und sie wieder aufrichte.

Ich sammle die herumliegenden Farbstifte ein, sie verteilen sie wieder in der Wohnung, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder, ich sammle sie wieder ein, sie verteilen sie wieder…

Sie spielen mit Marmeladefingern Klavier, ich spiele weder Klavier noch schmiere ich mir die Finger mit Marmelade voll und trotzdem putze ich die Tasten.

Ich abonniere Zeitschriften, damit sie diese lesen können und ich sie vom Fussboden aufheben darf. 

Ich rede mir den Mund fusselig, weil das alles so nicht weitergehen kann. Sie starren mich verständnislos an und fragen, ob sie noch ein zweites Sandwich bekommen.

So geht das auch heute noch, obschon sie doch schon so gross sind und ich frage mich, in welcher geistigen Umnachtung ich den Vertrag unterschrieben habe, in diesem Haus ganz ohne Bezahlung den Job des Sisyphus zu machen. 

  

Blöder Optimismus

Jedes Jahr der gleiche Anlass. Ein bunt leuchtendes Meer von Laternen, eine Unmenge von singenden Kindern, ein Hauch von Gänsehaut, weil der Umzug das Ende des Sommers markiert und zum ersten Mal im Jahr so etwas wie Herbststimmung aufkommt. 

Jedes Jahr am Ende die gleiche Frage: Wollen wir die Essensgutscheine, die „Meiner“ nach der Entlassung seiner Schüler noch übrig hat, einlösen gehen, oder herrscht wieder das gleiche Chaos wie immer? „Die haben bestimmt aus ihren Fehlern gelernt“, sagen wir, weil die Mägen der Kinder so laut knurren, dass sie schon fast das Feuerwerk übertönen. Also stellt man sich in die Schlange, die sich nicht vorwärts bewegt. Man wundert sich über die Dreistigkeit von Menschen, die sich von links, rechts, vorne und hinten vordrängen. Irgendwann bewegt sich nichts mehr, kein Essen mehr da, der Nachschub wird kommen, irgendwann, vielleicht. Schliesslich besiegt der Hunger die gute Laune, dann ringt er die Geduld nieder und so ziehen die kleinen Vendittis trübselig mit ihren Eltern nach Hause. Der schöne Abend ist im Eimer und kochen muss man auch noch.

Wenn bloss dieser blöde Optimismus nicht wäre. Dann würde man, kaum ist das letzte Licht verglommen, nach Hause eilen, einen Topf Pasta aufsetzen und der Abend bliebe als einer der schönsten des Jahres in Erinnerung. 

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Stammkunden

Okay, jetzt haben wir endgültig den Stammgast-Status erreicht. „Waren Sie nicht auch schon hier?“ „Sie kommen mir so bekannt vor?“ „Ich glaube, Sie habe ich schon mal gesehen, aber war nicht ein anderes Kind dabei?“, fragen sie. Aber klar war letztes Mal ein anderes Kind dabei. Nur die Mutter, die stundenlang daneben sitzt, Sirupbecher reicht, Kissen aufschüttelt und auf die Klingel drückt, wenn die Schmerzen zunehmen, ist seit Jahren schon die gleiche. Wüsste ich im Voraus, wann es jeweils wieder soweit ist, könnte ich ja schon mal das Zimmer reservieren, aber eben, das mit der Planbarkeit müssen wir noch ein wenig üben. Bis jetzt kommen die Aufenthalte im Kinderspital immer genau dann, wenn wir sie am wenigsten brauchen können.

Diesmal ist Luise dran. Schuld ist eine Ampel, die zulässt, dass Autofahrer und Fussgänger gleichzeitig grün haben. Schlimm ist es Gott sei Dank nicht, nur eine Gehirnerschütterung und ein verstauchter Fuss, aber im Spital finden sie halt doch, Luise müsse noch ein wenig beobachtet werden. Seit gestern Abend beobachten sie also fleissig, Luises Schädel brummt weiter und ich vertrödle meine Zeit mit Kleinkram, der zu Hause immer liegen bleibt, weil sich die grossen, wichtigen Dinge stets vordrängen. Wie immer halt, wenn der medizinische Notfall meine Routine durcheinander bringt. So normal kommt mir das inzwischen alles vor, dass ich mich frage, wann die hier endlich ein Treuprogramm mit netten Prämien für Stammkunden wie uns einführen.

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Autofragen

Dass die Tage unseres kleinen, himmelblauen Autos gezählt sind, vermutete ich schon seit einiger Zeit, aber deswegen fühle ich mich noch längst nicht bereit, mich mit der Frage auseinanderzusetzen, wie es weitergehen soll, wenn es eines Tages nicht mehr mitmacht bei unserem nervenaufreibenden Wettlauf gegen den Terminkalender. Autos sind mir ja generell nicht sehr sympathisch, darum verdränge ich den Gedanken, mich irgendwann eingehender mit der Materie auseinandersetzen zu müssen, so weit es nur geht. Und doch war ich diejenige, die heute Nachmittag, als das Zeitfenster zwischen zwei Terminen mal wieder besonders schmal war, irgend einen Mist mit der Bremse anstellte, was zu einer äusserst unangenehmen Begegnung mit einem Bauamtsfahrzeug führte.

Fragt mich bitte nicht nach Details, ich weiss bloss, dass das Gefährt mit einer fürchterlich fiesen Geheimwaffe ausgerüstet war. Wie sonst hätte es unser armes Wägelchen derart übel zurichten können, obschon ich im Schritttempo unterwegs war und der Aufprall kaum zu spüren war? Der Mann von der Garage – keine Ahnung, wie man den heutzutage nennt – war der Meinung, unserem Auto sei nur noch mit sehr viel Geld zu helfen, was „Meiner“ und ich aber ablehnen, da eine aufwändige Operation das bittere Ende nur herauszögern, nicht aber verhindern würde. Die Nachbarin sagte, sie kenne einen, der einen kenne, der jeweils für relativ wenig Geld das Auto eines entfernten Bekannten repariere, der würde sich der Sache bestimmt annehmen. Das ist natürlich viel besser, schiebt die Frage um unsere automobile Zukunft aber nur ein wenig weiter hinaus.  

Ich wünschte mir, ich könnte ganz leichthin verkünden, es ginge auch ohne Auto, doch das traue ich uns nicht zu, so sehr ich das auch möchte. Zu schwer wiegen die Einkäufe, die ich Woche für Woche ins Haus schleppe; zu oft schon wären wir ohne unser Fahrzeug noch aufgeschmissener gewesen, als wir es ohnehin schon waren. Car Sharing – eine Sache, die ich auch ganz toll finde – ist mir in unserer heutigen Lebenslage auch nicht ganz geheuer, denn ich tendiere dazu, in Notfallsituationen den Kopf zu verlieren und ich zweifle daran, ob ich dann noch in der Lage wäre, mir zu überlegen, wo sich das geteilte Auto gerade rumtreibt. Und Notfallsituationen beschert uns unser Alltag eindeutig noch zu oft. Ich fürchte also, die Frage lautet nicht, ob unser himmelblaues Auto einen Nachfolger bekommt, sondern nur, wie wir das wieder anstellen sollen.

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Weider mal so ein Home-Office-Morgen…

Der erste Satz des Tages hätte mich eigentlich vorwarnen sollen: „Da sind Maden im Abfallsack!“ Mehr bräuchte ein Mensch ja wirklich nicht zu hören, um zu wissen, dass er den Tag gar nicht erst in Angriff zu nehmen braucht, sondern sich am besten gleich die Decke über den Kopf zieht und weiterschläft. Krankhaft naiv, wie ich nun mal bin, kroch ich trotzdem aus dem Bett und half „Meinem“, dem Ungeziefer den Garaus zu machen. Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich den Rest des Tages für einmal nicht barfuss, sondern mit Schuhen an den Füssen im Haus unterwegs war?

Nach den Maden kam der Telefontechniker, der sich der „Fremdspannung“ annahm, die für mehrere Tage unser Telefon lahm gelegt hatte. Na ja, ich behaupte ja, die Telefongesellschaft habe das mit der Fremdspannung mit Absicht gemacht, weil ich die Hotline schon so lange nicht mehr angerufen habe und die mir doch endlich das neue TV-Internet-Festnetz-Handy-Sparpaket andrehen wollten, aber beweisen kann ich natürlich nichts. Der Techniker kam also, behob den Mangel und rauschte wieder ab.

Ich hätte die Zeit seiner Anwesenheit ja dazu genützt, das Mittagessen in den Slow Cooker zu schmeissen, wenn denn nicht eine gewisse Diskrepanz bestanden hätte zwischen dem Menüplan und den real existierenden Lebensmittelvorräten im Kühlschrank. Also kam vor der Arbeit noch die Migros und nach der Migros kam nicht die Arbeit, sondern der Stromausfall. Und weil ich glaubte, die Ursache des Stromausfalls wäre beim Sicherungskasten zu finden, begab ich mich eben treppab in den Keller, anstatt treppauf ins Büro. Im Keller war aber kein Stromausfall zu finden, dafür dichter Rauch, der Gott sei Dank nicht aus dem Heizungskeller drang, wie ich zuerst befürchtet hatte, sondern von draussen in den Heizungskeller geweht wurde. Ich folgte also meiner Nase in den Garten und landete schliesslich bei der Feuerstelle, wo noch immer einer der Wurzelstöcke, die „Meiner“ gestern in Brand gesetzt hatte, vor sich hin rauchte. 

Also keine Feuerwehrübgung, dafür aber eine Rettungsaktion in der Küche, denn der Slow Cooker fand das mit dem Stromausfall ganz und gar nicht lustig und weigerte sich rundheraus, dort weiterzumachen, wo er aufgehört hatte, als der Strom wieder da war. Und das wiederum hatte zur Folge, dass „Meiner“ mich mit einem vorwurfsvollen „Was hast du am Herd zu suchen, du solltest doch arbeiten?“ begrüsste, als er am Mittag nach Hause kam und mich in der Pfanne rühren sah. 

Hab doch gesagt, es wäre besser gewesen, im Bett zu bleiben…

mademoiselle orsay; prettyvenditti.jetzt

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