Abreisegedanken

Wenn eine begrenzte Anzahl Menschen mit einer begrenzten Anzahl Socken in einem räumlich ziemlich stark begrenzten Haus für eine begrenzte Zeit lebt, müsste es dann nicht fast ausgeschlossen sein, dass am Ende dieser Zeit zehn verzweifelte Einzelsocken auf Partnersuche sind?

Wenn drei dieser Menschen eine begrenzte Anzahl Legosteine mitnehmen und mit diesen Legosteinen nur in einem einzigen Raum des räumlich ziemlich stark begrenzten Hauses spielen, wie kommt es dann, dass man beim Aufräumen in fast jedem Winkel des Hauses Legosteine findet? 

Wenn der ganze Krempel, den diese Menschen mitgeschleppt haben, kurz nach der Ankunft bereits im ganzen Haus verteilt war, dann müsste dieser Krempel vor der Abreise doch eigentlich ebenso schnell wieder zurück in die Koffer und Taschen wandern.

Wenn diese Menschen gewöhnlich für eine viel begrenztere Zeit verreisen,  dürften sie doch eigentlich nach acht Wochen nicht sagen: „In einer Woche fahren wir schon wieder nach Hause.“

 

Wenn Vendittis ans Meer fahren…

Also, bei Karlsson braucht das immer so ein bisschen Überzeugungsarbeit. „Du kannst ja ein Buch mitnehmen. Und es ist nicht so ein überlaufener Touristenstrand, eher so ein Naturding…“ Luise hingegen kommt immer gerne mit. Immer, ausser heute, denn heute ist sie nicht so im Strumpf. Aber, na ja, wenn’s unbedingt heute sein muss… „Meiner“ findet, vor der Abfahrt müsste zuerst noch etwas Ordnung gemacht werden, was dem FeuerwehrRitterRömerPiraten Zeit verschafft, über das Ziel unseres Ausfluges nachzudenken. „Muss es denn unbedingt das Meer sein?“, fragt ausgerechnet er, der sich beim letzten Mal nur noch mit grosser Mühe aus dem Wasser hatte locken lassen. „Dort ist es mir irgendwie zu salzig. Und es hat Blutegel…“ „Hat es nicht. Blutegel leben im Süsswasser“, sage ich, also packt der FeuerwehrRitterRömerPirat sein Schwimmbrett und will losfahren. So schnell geht das aber nicht, denn der Zoowärter findet seine Badehose nicht, Prinzchen muss überlegen, ob er seinen Malkasten mitnehmen soll und wenn ja, wie viel Papier er für die Stunden am Meer benötigt, Luise findet das richtige Bikini nicht, Karlsson sucht nach der Lektüre, die ich eigentlich schon für die Heimreise verstaut habe, „Meiner“ brabbelt noch immer irgend etwas von „zuerst aufräumen“, keiner packt Badetücher ein und ich finde – völlig irrational natürlich -, wo ohnehin noch keiner zur Abfahrt bereit sei, könnten wir ja noch kurz die Wäsche versorgen. 

Nach einer gefühlten Ewigkeit stehen alle Taschen bereit, die Wohnung ist halbwegs aufgeräumt und hätte einer dran gedacht, Badetücher einzupacken, könnten wir jetzt losfahren, aber weil hier keiner denkt, muss „Meiner“ nochmal zurück, als wir alle schon im Auto sind oder zumindest neben dem Auto stehen. Endlich fahren wir dann doch los und fünf Minuten lang ist alles bestens. Dann aber fange ich Streit an mit der GPS-Tante, die irgend einen verwinkelten Weg rausgesucht hat, anstatt uns mit klaren Anweisungen zum Ziel zu lotsen. Sie und ich zanken uns den ganzen Weg über, denn inzwischen scheine ich mich hier deutlich besser auszukennen als sie. Schliesslich gelange wir doch ans Meer, wir parkieren, steigen aus, lassen uns im Sand nieder und jetzt ist alles gut.

Alles gut? Nicht mit uns. Ich muss dringend aufs WC, einer findet, der Sand sei zu nass, der andere motzt, an diesem Naturstrand habe es aber etwas gar wenig Natur, der Dritte beklagt sich über den kalten Wind. Und überhaupt: Etwas anständiges zum Essen haben wir auch nicht dabei. Damit ich mich nicht über das Gejammer aufregen muss, stecke ich die Nase in ein Buch, was von einigen Familienmitgliedern als Aufforderung verstanden wird, mit mir eine angeregte Unterhaltung anzufangen. Also lege ich das Buch wieder beiseite und lausche stattdessen einem erbitterten Streit um den einzigen Liegestuhl, den wir mitgebracht haben. Die wenigen, die den Mut aufgebracht haben, sich in die Wellen zu stürzen, sind wieder zurück und verlangen nach ihren Kleidern, Luise verschwindet im Auto, weil es ihr hier viel zu kalt ist, sie sich wirklich nicht wohl fühlt und wir alle immer nur nerven. Nach vierzig Minuten das erste „Müssen wir noch lange hier bleiben?“, nach neunzig Minuten brechen wir die Übung entnervt ab und fahren – diesmal ohne die unsäglichen Anweisungen der GPS-Tante – in die nächst gelegene Stadt, um uns mit Eis und Milk-Shake von unserem Strandausflug zu erholen.

Noch irgendwelche Fragen, warum wir demnächst keine Strandferien planen?

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Windig

Die Kinder rasen wie irre durch Haus und Garten, prügeln sich und geraten sich wegen jeder Kleinigkeit in die Haare.

„Meiner“ ärgert sich bei Kleinigkeiten grün und blau.

Karlsson und Luise klagen über Kopfschmerzen, sind reizbar und lustlos.

Mir fällt die ganze Familie auf die Nerven; so oft ich kann, ziehe ich mich ins Zimmer zurück und grummle vor mich hin. 

Alle sind reizbar, sogar der Hund der Nachbarn, der andauernd wie irr durch den Garten rennt und bellt.

Die grosse Familienkrise? Nein, nur der Mistral. 

  

Ticken

Wie würden wir denn eigentlich ticken, wären wir nicht andauernd dem Ticken der Uhr unterworfen? Wenn wir dem Minutenzeiger nicht immer schon ein, zwei, drei Schritte hinterher wären? Wenn Sekunden keine Rolle spielten? Wenn die Stunden des Tages nicht angefüllt wären mit Dingen, die wir uns nicht selbst aufgetragen haben? 

Solche Fragen drehen manchmal in meinem Kopf, wenn wir einander zu Hause vor lauter Alltag nur noch auf die Nerven fallen. Wenn wir die Kinder und die Kinder uns anmotzen. Wenn freundliche Worte Mangelware werden. Wenn es so aussieht, als wären wir zu einer Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen.

„Sind wir wirklich so?“, fragen wir einander dann manchmal.

Auch hier tickt die Uhr. Nicht schneller und nicht langsamer als sonst, aber irgendwie freier. Wie, schon sechs Uhr abends? Was soll’s? Wir müssen ja heute nichts mehr. Kein Druck, kein Drängeln, kein „Mach jetzt endlich vorwärts, sonst…“ Viel Zeit, um zu sehen, wie wir ticken, wenn das Ticken der Uhr keine Rolle spielt. 

Ganz klar: Wir ticken anders. Nicht perfekt, beileibe nicht. Nicht ohne Streit, ungeduldige Worte und genervte Seufzer. Aber mit neuer Nähe. Besserem Verständnis. Mehr Liebe für Eigenarten. Einem geschärften Blick für Fähigkeiten. Mehr Musse zum Fragen, zum Antworten, zum Nachhaken.

Daraus die beruhigende Gewissheit: Wir sind nicht zu der Familie geworden, die wir so nie hatten werden wollen. Wir sind einfach eine Familie. 

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

callistemon laevis; prettyvenditti.jetzt

So nah ist mir zu nah

Glaubt mir, ich bin keineswegs naiv genug, um mir einzureden, auf dem weitläufigen Naturgrundstück, umgeben von kleinen Wasserläufen und menschlichen Behausungen mit reichlich Speiseabfällen treibe sich neben Kröten, Eidechsen, Eichhörnchen und einer Unmenge von Vögeln nicht auch die eine oder andere Ratte rum. Als ich nachts gelegentlich durch ein Krabbeln in der Hauswand geweckt wurde, sagte ich mir ganz ruhig, dass das irgend ein beliebiges Nagetier, sehr wohl aber auch eine Ratte sein könnte. Und als gestern das Prinzchen erzählte: „Mama, ich habe in der Wiese so ein Tier gesehen, so ähnlich wie eine Maus, aber grösser und mit einem Schwanz wie eine Eidechse“, da konnte ich mir nur noch mit Mühe einreden, vielleicht habe unser Jüngster einfach nicht so genau beobachtet und deswegen falsche Schlüsse gezogen. In Panik geriet ich deswegen aber nicht. Klar, so eine Ratte auf dem Grundstück ist doof, aber so lange sie uns nicht zu nahe kommt… 

Von wegen nicht zu nahe! Seit heute Morgen herrscht Klarheit: Das Rattenvieh treibt sich nicht nur im Garten rum, es hält sich vorzugsweise zwei oder drei Schritte neben dem Sitzplatz auf, wo wir gerne unsere Morgen-, Mittag- und Abendmahlzeiten einnehmen. Nur ein paar Schritte weiter geht’s ins Haus hinein, direkt in die Küche und diese Tür steht – ähhhm, ich meine stand bis vor Kurzem – beinahe immer offen. Frech und selbstbewusst hockt das Biest da und verschwindet nicht etwa, wenn es uns bemerkt, sondern erst dann, wenn es unseren Anblick satt hat. Keine Frage, wer hier wen als Eindringling betrachtet. (Fragt mich nicht, warum es einige Familienmitglieder vorgezogen haben, mir zu verschweigen, dass sie dem Tier schon mehrmals an der gleichen Stelle begegnet sind.)

Was das Rattenvieh nicht weiss: Auch wenn wir leicht einzuschüchtern sind, vertreiben lassen wir uns nicht einfach so. Das musste schon unsere griesgrämige Nachbarin feststellen, die alles mögliche unternommen hat, um uns loszuwerden und nun doch hat einsehen müssen, dass wir wie ursprünglich vorgesehen bis Ende Mai bleiben. (Inzwischen lässt sie sich übrigens kaum mehr blicken. Sie hat einen Käufer für ihr Haus gefunden und ist nun wohl mit der Einrichtung ihrer neuen Bleibe beschäftigt.) Wir haben uns also mit Gift und Köderboxen eingedeckt und schauen mal, wer den längeren Atem hat, die Ratte oder wir. 

Rückblickend muss ich mir aber wohl trotz allem vorhalten, ich sei ein wenig zu naiv gewesen. Hätte ich mich beim Einkaufen etwas besser geachtet, wäre mir schon längst aufgefallen, welch riesiges Sortiment an Rattengift hier jeder noch so kleine Supermarché hat und ein solches Sortiment legt man sich ja nicht zu, wenn nicht eine gewisse Nachfrage besteht…

il castello; prettyvenditti.jetzt

il castello; prettyvenditti.jetzt

Intelligenzbestien beim Einkauf

Sie sind zu dritt unterwegs. Mama, Papa und Baby. Der Zufall will es, dass sie kurz nach uns die Kasse erreichen, was sie aber nicht daran hindert, sich vorzudrängen. Ich nehme es hin, denn wer mit einem Baby unterwegs ist, hat Vorrang. Immer. Auch dann, wenn das Baby zufrieden auf einer halben Baguette kaut, während sich unsere Fünf nach einem anstrengenden Homeschooling-Tag aufführen wie eine Horde ausgehungerter Vandalen.

Nun, wie auch immer, warten müssen wir alle, denn vorne an der Kasse hat einer ein Problem mit der Karte. Zeit also, um den Inhalt des Einkaufswagens zu überprüfen. Wir, um festzustellen, ob wir etwas vergessen haben, sie, um auszumustern, was sie nicht benötigten. Eine Familienpackung tiefgekühlte Hamburger wird als überzählig erkannt und muss den Einkaufswagen verlassen. Nun ist es aber leider so, dass es zum Tiefkühler, wo die Hamburger sich gerne aufhalten, wenn sie nicht gekauft werden, mindestens zwanzig, vielleicht gar dreissig Schritte wären und wenn man schon so lange durch den Laden gelatscht ist, mag man sich sowas nicht mehr antun, das muss man verstehen. Also werden die Hamburger ins Kaugummiregal neben der Kasse ausgesetzt. So ein kleines bisschen Luftveränderung tut doch jedem gut, auch einem Tiefkühlhamburger. 

Einkaufen macht aber nicht nur müde, sondern auch hungrig und die Chips sehen ja so verlockend aus. Also wird die Packung aufgerissen. Nein, nicht vom Kind, das ist noch viel zu klein, um selber eine Tüte aufzureissen. Mama und Papa sind es, die sich mit Chips vollstopfen, währenddem sie ihre Artikel aufs Band legen. Als alles – ausser den Hamburgern – auf dem Band ist, kommt ganz zum Schluss die offene Chipspackung.  Aber wie immer, wenn man sich mal mutig den gängigen Konventionen  widersetzt hat, sitzt da vorne an der Kasse so ein engstirniger Mensch, der davon ausgeht, dass sämtliche Verpackungen, die auf dem Band liegen, unversehrt sind. (Man sollte ja wirklich meinen, inzwischen sei die Menschheit in dieser Hinsicht offener geworden, aber diese Ewiggestrigen halten unbeirrt an solchen alten Zöpfen fest.) Ja, und dann gibt das natürlich eine Riesensauerei, ungehalten schauen Mama und Papa dabei zu, wie die ungeschickte Kassiererin ihren Arbeitsplatz von Chips befreit. Na ja, immerhin hat sie genügend Anstand, sich für das Missgeschick zu entschuldigen.

Wenig später, als endlich wir an der Reihe sind mit Bezahlen, beobachte ich aus den Augenwinkeln, wie Mama und Papa ihren Einkaufszettel ganz genau studieren, um zu überprüfen, ob die Chips auch ordnungsgemäss storniert worden sind. Recht haben sie. Wäre ja wirklich die Höhe, wenn sie das Zeug auch noch bezahlen müssten, wo sie doch nicht mal alles aufessen konnten.  

orange; prettyvenditti.jetzt

orange; prettyvenditti.jetzt

So war das gemeint

Okay, mag sein, dass „Massregelungen“ ein etwas starkes Wort war. Vielleicht hätte ich eher sagen müssen, wir fühlten uns gegängelt, mal sanfter, mal gröber. 

Die sanfte Tour läuft so ab:

Ich gehe mit Luise zum Gemüsehändler, bezahle meine Ware, will einen Teil Luise in die Hände drücken, einen Teil selber tragen, weil es bis zum Auto nur ein paar Schritte sind. Ob ich eine Tasche haben möchte, fragt die Frau an der Kasse. Nein danke, möchte ich nicht. Meine Tochter kann beim Tragen helfen und… weiter komme ich nicht. Ohne Tasche gehe das nicht, unterbricht mich die Verkäuferin. Doch, wirklich, kein Problem, es sind nur ein paar Schritte bis zum… Ach, was rede ich mir den Mund fusselig? Die Bananen sind bereits in einem dieser unmöglichen Plastikbeutel verschwunden, den ich eben nicht hätte haben wollen. 

Oder so:

Es ist heiss, alle Vendittis sind müde und durstig, also suchen wir uns ein nettes Strassencafé aus und schieben ein paar Tische zusammen, damit alle Platz finden. Der Keller findet das grundsätzlich gut, nur müssen in seiner Vorstellung die Tische ein paar Zentimeter weiter links stehen. Keine Ahnung warum, der Durchgang für ihn wird dadurch nicht breiter. Aber es muss so sein, also müssen alle Vendittis noch einmal aufstehen und schieben, bis der Kellner zufrieden ist, dann erst dürfen wir unsere Getränke bestellen.

Die sanfte Tour ist natürlich nicht so schlimm, auch wenn sie ganz schön nerven kann, wenn man ihr mehrmals täglich ausgesetzt ist. Mühsamer wird es, wenn ein erzieherischer Unterton dazu kommt. Zum Beispiel so:

„Meiner“ ist mit vier Kindern am See, er sitzt am Ufer, die Kinder klettern ein wenig auf den nahen Felsen. Eine Gruppe von Spaziergängern kommt vorbei und weist „Meinen“ darauf hin, dass sie das Schuhwerk unserer Kinder zum Klettern vollkommen ungeeignet finden, obschon sie selber nicht viel mehr Profil auf den Sohlen haben. Eine zweite Gruppe stänkert, er sei aber etwas gar weit entfernt von seinen Kindern, eine dritte Gruppe will wissen, ob er denn keine Angst um seine Brut hätte. (Nein, hat er nicht, denn er weiss ziemlich genau, was er ihnen zutrauen kann und was nicht.)

Nun, auch damit kann man leben. Richtig mühsam wird es, wenn man sich in den vier Wänden, die man gemietet hat, nicht mehr frei fühlt. Zum Beispiel darum:

Wie wir bei unserer Ankunft erfahren durften, wohnen wir Wand an Wand mit unserem Vermieter. (Nein, davon war in den Reiseunterlagen nichts zu lesen, sonst hätten wir das Haus nicht gemietet.) Ebenfalls bei unserer Ankunft erfuhren wir, dass wir bitteschön auf der Treppe, die in den oberen Stock führt, etwas leise sein sollen. „Kein Problem“, sagten wir und gaben uns alle erdenkliche Mühe. Zwei Wochen lang ging das gut, dann meinte der Vermieter, das mit der Treppe störe halt schon ein wenig, ob wir nicht vielleicht noch etwas leiser sein könnten. „Na ja, wir werden’s versuchen“, murmelten wir in bestem Wissen, dass ein Mensch des Fliegens mächtig sein müsste, um auf diesen andauernd knarrenden Stufen unhörbar zu sein. Wo er schon dabei sei, meinte der Vermieter, möchte er uns noch bitten, die Türen etwas leiser zu schliessen, das störe auch. Natürlich versprachen wir, unser Bestes zu tun, aber irgendwie wurmte uns die Sache doch. Weder die knarrende Treppe noch die hellhörige Bauweise des Hauses sind unsere Schuld und hätten wir davon gewusst, wären wir nicht hier. 

Spätestens in diesem Fall wünschte ich mir innig, man würde hier auch mal über eine Sache hinwegsehen – so wie ich zum Beispiel darüber hinwegsehe, dass der Hund des Vermieters andauernd zu uns in den Garten kommt -, weil man ja nicht für den Rest des Lebens nebeneinander wohnen wird. Aber so läuft das hier offenbar nicht. Im Gegenteil, unsere liebenswerte Nachbarin steht inzwischen schon zeternd da, wenn bei uns drüben an einem sonnigen Nachmittag fünf Minuten lang mittlere Spielplatzlaustärke herrscht. 

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Himmel und Hölle

Wollt ihr wissen, wie sich unsere drei jüngsten Kinder das Paradies vorstellen? Also, dann malt euch einen Ort aus, an dem man bereits an der Kasse ein Säcklein Süssigkeiten pro Person in die Hand gedrückt bekommt, dazu noch einen geheimnisvollen Jeton und einen Gutschein. Nachdem ihr ein paar Schritte gegangen seid, empfängt euch eine nette Dame in pinkfarbenem Tüll und fragt euch, ob ihr lieber zwei rosarote, zwei schlumpfförmige oder zwei mit Marmelade gefüllte Zuckerdinger haben möchtet. Diese Wegzehrung muss für zwei grellbunte, mit interessanten Dingen angefüllte Stockwerke reichen, bevor man euch gelbe, grüne und weisse Zuckerdinger – diesmal leicht säuerlich – in die Hand drückt. Nun geht es ein, zwei Treppen runter, zu drei geheimnisvollen Maschinen, die nur darauf warten, euren Jeton zu schlucken, um euch im Gegenzug vier weitere Portionen Süssigkeiten auszuspucken. (Bei manchen spuckt das Wunderding gar acht Portionen aus, zum Beispiel beim FeuerwehrRitterRömerPiraten.) Als ob das alles nicht schon wunderbar genug wäre, kommt ihr zum Schluss in einen Museumsshop voller süsser, klebriger Dinge und weil es in euren Portemonnaies noch einen Überrest Taschengeld hat, braucht ihr nicht mal eure Eltern zu belästigen, um etwas von dieser Herrlichkeit zu bekommen. Vor der Heimfahrt kommt noch der Gutschein vom Anfang zum Einsatz. Der erlaubt euch nämlich, all das zuckersüsse Zeugs, das ihr auf dem Rundgang in euch hineingestopft habt, auf einer Hüpfburg kräftig durcheinander zu schütteln. Paradiesisch, nicht wahr?

Nun folgt mir bitte noch einmal in den Museumsshop. Kommt mit mir zwischen die engen Regale, die sich unter den Kisten von Schleckwaren beinahe biegen. Helft mir bitte dabei, alle meine Kinder im Auge zu behalten, damit keines verloren geht. Ach, und wo ihr schon dabei seid, könntet ihr bitte dem Zoowärter erklären, dass der gelbe Teddy mit der Schmusedecke zu teuer ist, dass sein Geld aber noch reichen würde für den grösseren der beiden Bären ohne Decke. Und Karlsson sollte noch zwei Euro bekommen, er steht gleich dort drüben, hinter dem Regal mit den Gummischlangen. Ihr müsst nur die zwei Senioren, die sich mit Vorräten für den Enkelbesuch eindecken, ein wenig zur Seite schieben. Bei dieser Gelegenheit könntet ihr auch dem FeuerwehrRitterRömerPiraten sagen, wo er sich an der Kasse anstellen muss. Mist, wo sind denn schon wieder das Prinzchen und Luise? Wie sollen wir die jetzt wieder finden, zwischen dieser Schulklasse von halbwüchsigen Italienern, die ihr ganzes Feriengeld, das sich ihre von der Krise gebeutelten Eltern vom Mund abgespart haben, verjubeln? Und richtet bitte „Meinem“, der schon ganz ungeduldig bei der Türe wartet, aus, ich würde gleich kommen, sobald ich hier alles unter Kontrolle habe. 

Seid ihr noch bei mir, meine lieben Leser, oder haben wir uns im Getümmel verloren? Nun, falls ihr noch hier seid, schaut euch einen Moment lang um, damit ihr wisst, wie ich die Vorhölle beschrieben hätte, wäre ich Dante gewesen. 

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Je (ne) regrette (rien)

Jetzt sollen wir Mütter also der Welt erzählen, warum wir es bereuen, Mütter geworden zu sein. Anfangs wollte ich mich der Debatte ja verweigern, weil es immer irgendwie schief rauskommt, wenn Blogger halb verdaute und vermutlich auch falsch verstandene Aussagen aus wissenschaftlichen Studien auf ihr eigenes Leben zu übertragen suchen. Doch dann erinnerte ich mich daran, wie ich vor gut sieben Jahren jeweils stundenlang mit leerem Blick am Fenster stand und mich fragte, wie ich auf dieses Karussell geraten war, das sich immer schneller drehte, pausenlos, ohne die Möglichkeit, einmal für ein paar Momente abzusteigen, um dem Schwindel Einhalt zu gebieten. Das Ticket war „non-refundable“, das wusste ich, aber könnte man mich vielleicht in eine etwas komfortablere Karussell-Kategorie wechseln lassen? Oder den Betreiber dazu bringen, das Ding etwas langsamer laufen lassen? Oder mal zwei, drei, vier, fünf Runden ohne mich zu drehen? Oder könnte man den Kerl dazu überreden, mich ans Schaltpult zu lassen, damit ich wenigstens selber bestimmen könnte, wann und wie schnell dieses Karussell drehte? Oder das Karussell auf eine andere Chilbi stellen, eine, auf der es etwas ruhiger und freundlicher zuginge? Oder könnte jemand anders für mich einen Teil der Fahrten übernehmen, damit ich mich anderswo austoben könnte? Und natürlich auch: Würde mir das Karussellfahren je wieder Spass machen?

Solche Fragen quälten mich damals und weil mich damals diese Fragen quälten, stand gestern Nachmittag, als ich mal wieder einen Artikel über die ganze Regrettinmotherhood-Debatte las, eine andere Frage vor mir: „Trifft doch genau auf dein Erleben zu, diese ganze Sache, nicht wahr?“ Dick und fett und aufdringlich stand sie da, diese Frage und sie weigerte sich, mir aus dem Weg zu gehen, so oft ich mich auch anderen Themen zuzuwenden versuchte.  Also versuchte ich, sie mit Scheinantworten zufrieden zu stellen. „Das kann ich nicht beurteilen, ohne die Studie gelesen zu haben“, war eine davon. „Da müsste ich mich erst mal eingehend mit der Sache befassen“, eine andere. „Es gibt schon Dinge, die ich bereue, aber doch nicht so“, eine dritte. Die Frage gab sich damit nicht zufrieden, im Gegenteil, sie wurde noch aufdringlicher: „Vielleicht muss ich deutlicher werden“, sagte sie mit herausforderndem Blick, „Bereust du es, Mutter geworden zu sein? Ja oder Nein?“ 

„Nein“, antwortete ich ohne nur einen Augenblick lang zu zögern. „Und ich habe es auch damals, als sich alles nur noch drehte und ich den Boden unter den Füssen zu verlieren drohte, nie bereut. Ich bereue in diesem Zusammenhang viel, aber nicht, dass ich Mutter geworden bin.“ Um meiner Leserschaft das ganze „antwortete ich“, „fragte sie mit herausforderndem Blick“, „insistierte ich“ Beigemüse zu ersparen, höre ich jetzt auf, dieses Selbstgespräch wiederzugeben und schreibe klipp und klar, was ich bereue:

  • Ich bereue, meine Kinder in einer Gesellschaft geboren zu haben, die keine Kinder mag, die sie als Privatsache ansieht, die man irgendwie selber managen soll, aber bitte schön so, dass man andere dabei nicht stört. (Man könnte auch sagen „Ich bereue, in der Schweiz geblieben zu sein“, aber darf man das sagen, wenn man in einem Land lebt, in dem alles so reibungslos funktioniert? Und weiss man denn, ob es einem anderswo besser ergangen wäre?)
  • Ich bereue, schwanger geworden zu sein, bevor ich beruflich genügend etabliert war, um zu wissen, was ich will und wie ich es will. (Also, eigentlich bereue ich nicht das mit der Schwangerschaft, sondern die ihr vorangehende Naivität, dass es sich irgendwie schon so ergeben würde, wie es uns zusagt.) 
  • Ich bereue, dass „Meiner“ und ich bis heute in einer Rollenteilung festgefahren sind, die unseren Fähigkeiten nicht entspricht und weil das Karussell noch immer unaufhaltsam dreht, ist es gar nicht so einfach, diese Rollenteilung zu durchbrechen, vor allem in finanzieller Hinsicht nicht. 
  • Ich bereue, die Weichen auf „Mutter = Hausfrau“ gestellt zu haben, obschon das nie mein Ding war. 
  • Ich bereue, mich selber nicht besser gekannt zu haben, bevor ich Mutter geworden bin, aber manchmal frage ich mich, ob ich mich selber überhaupt je so intensiv kennen gelernt hätte, wenn ich nicht Mutter geworden wäre.
  • Ich bereue, dass ich jahrelang unbewusst eine „Das macht man halt so“-Haltung an den Tag gelegt habe, anstatt so lange nach unserem Weg zu suchen, bis wir ihn gefunden haben.
  • Ich bereue, auf Menschen gehört zu haben, die in meinem Leben nichts zu melden haben.
  • Ich bereue, mich an Müttern orientiert zu haben, die nicht im geringsten so ticken wie ich.
  • Ich bereue, zu sehr auf das geschaut zu haben, was die Gesellschaft über Mütter denkt, anstatt mich damit zu befassen, wie ich mit dem, was mir in die Wiege gelegt worden ist, authentisch Mutter sein kann. (Okay, ich habe keine Ahnung, ob man das versteht, aber es war mir halt doch wichtig, das noch anzufügen.)

Und ich bereue übrigens auch, nach Kind Nummer fünf zu einem eindeutigen Schlussstrich in Sachen Kinderkriegen eingewilligt zu haben, obschon ich in der Schwangerschaft mit Kind Nummer fünf gewahr wurde, dass das Karussell für meinen Geschmack etwas zu heftig dreht. (Darum habe ich ja auch eingewilligt.) 

Kurz und knapp zusammengefasst: Ich bereue nicht, dass ich Mutter geworden bin, ich bereue, wie ich es geworden bin. Aber im Nachhinein ist man immer schlauer. Und wer kann denn schon mit Sicherheit sagen, dass es andersrum nicht nur anders, sondern auch besser gewesen wäre?

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Kleinkarierte findet man überall

Eigentlich hätte ich ja heute über lauter schöne und nette Dinge geschrieben, aber nachdem unsere übernächste Nachbarin wutentbrannt in den Garten gerannt gekommen ist, um uns Schimpf und Schande anzuhängen, weil unsere Kinder es wagen, um halb sechs Uhr abends im Garten lauthals zu singen, ist mir die Lust dazu vergangen. Kleinkarierte gibt es offensichtlich überall. Auch hier, am äussersten Rand der Ortschaft, wo man uns bei der Ankunft versichert hatte, unsere Kinder könnten ganz ungeniert lärmen und sich austoben. Schön, dann dürfen wir also nun in den kommenden Wochen den Satz „Nicht so laut, sonst kommt die Nachbarin“ in unser Repertoire aufnehmen. 

Ach ja, entschuldigt habe ich mich übrigens nicht. Nur die Kinder gebeten, etwas leiser zu sein. Sie haben umgehend gehorcht und jetzt kann die Nachbarin wieder ungestört dem klangvollen Surren des Rasentrimmers lauschen, den ein anderer Nachbar seit Stunden schon im Einsatz hat. 

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