Die Sache mit den Stöckchen…

Soll ich nett sein, oder doch lieber ehrlich? Seitdem man mir diesen Best Blog Award zugeworfen hat, weiss ich wirklich nicht mehr, was ich tun soll. Eigentlich kann ich Stöckchen nicht ausstehen, aber die zwei Blogger, die sie mir zugeworfen haben, sind mir ganz sympathisch  und es ist ja auch ein Kompliment, dass die zwei an mich gedacht haben, also möchte ich sie nicht vor den Kopf stossen. Damit möchte ich aber keineswegs sagen, dass alle anderen, deren Stöckchen ich nicht aufgegriffen habe, mir nicht sympathisch wären. Manchmal fehlt mir einfach die Zeit dazu, aber ich fühle mich natürlich trotzdem geehrt… Ach, es ist kompliziert….

Nach langem Hin und Her habe ich mich zu einem Zwischending durchgerungen: Ich werde die Fragen, die man mir gestellt hat, beantworten, ich werde auch meine eigenen 11 Fragen formulieren, beantworten darf sie aber jeder, der dazu Lust hat.

Hier also zuerst meine Antworten an den Papa der kleinen Chefs:

1. Fährst du Ski oder Snowboard?
Beides nicht. Als ich Skifahren lernte, war ich schon alt genug, um Angst zu haben und darum habe ich es bald wieder aufgegeben.

2. Bist du eher ein Sommertyp oder ein Wintertyp und warum?
Ich bin ein Ganzjahrestyp mit dem ausgeprägten Wunsch, den Winter zu verschlafen. Im Sommer bevorzuge ich nordeuropäisches Klima.

3. Welches ist dein absolutes Lieblingslied? Also nicht mal so ein aktuelles, welches gerade mal jetzt dein Lieblingslied ist, sondern das, was dir schon immer am Herzen lag und noch lange dein Lieblingslied sein wird.
„For unto us a Child is born“ aus Händels Messias berührt mich immer wieder aufs Neue.

4. Liest du Bücher oder E-Books? Und natürlich warum?
Eigentlich bevorzuge ich Bücher, aber für die leichte Lektüre zwischendurch reicht mir ein E-Book.

5. Bloggst du nur, oder twitterst du auch?
Ich mache zu viele Worte für Twitter.

6. Welches ist dein Traumurlaubsziel, welches du unbedingt einmal besuchen möchtest?
Stockholm

7. Wenn du auswandern müsstest, wohin wäre das und warum?
Schweden, weil ich mich dort auf Anhieb zu Hause gefühlt habe, vielleicht auch Grossbritannien. Zur Not könnte ich es auch in Malta aushalten.

8. Bist du noch mit vollem Elan beim Bloggen dabei, oder musst du dich dazu motivieren?
Natürlich gibt es Tage, an denen mir nicht danach ist, gewöhnlich kommen mir die Texte aber einfach zugeflogen. Ein Leben ohne Blog kann ich mir nicht mehr so richtig vorstellen.

9. Schaust du auf deine Blogstatistik und ärgerst dich darüber, wenn du wenig Besucher hast, oder sind dir Statistiken egal?
Aber klar schaue ich mir die Statistiken an. Ich ärgere mich allerdings nicht, wenn ich wenige Besucher habe, freue mich aber wie ein kleines Kund, wenn ich mal ausserordentlich viele habe.

10. Welche sozialen Netzwerke nutzt du und welche davon unter deinem echten Namen und welche unter einem Pseudonym?
WordPress, Facebook, Freundschaften im echten Leben und alles unter meinem echten Namen.

11. Bist du schon auf der Karte von Tweeterhausen und klein Bloggerdsorf vertreten und wenn nein, warum nicht?
Nein, weil mein Wohnort beim Bloggen keine Rolle spielt.

So, nun noch zu den Fragen von Mutti:

1. iPhone oder Android?
iPad

2. Buch oder E-Book?
Siehe oben, Antwort 4

3. Big Bang Theory oder Sex and the City?
Downton Abbey

4. Wie isst du deine Manner-Schnitten?
Schicht für Schicht, wenn ich mal welche in die Finger bekomme.

5. In zehn Jahren…
…bin ich so alt, wie meine Kinder mich jetzt schon finden.

6. Zuletzt gelesenes Buch…
Bin noch immer an A. J. Jacobs „The Year of Living Biblically – One Man’s Humble Quest to Follow the Bible as Literally as Possible“ Sehr viel amüsanter, als der Titel erahnen liesse…

7. Zuletzt gegoogelt?
Keine Ahnung. Weihnachtslieder, vielleicht?

8. Mit dem/der würde ich gerne essen gehen…
Mit „Meinem“. Ist schon zu lange her, seitdem wir zu zweit weg waren.

9. Wenn du ein Buntstift wärest, welche Farbe…
Pink? Hellgrün? Oder vielleicht so ein Ding mit vierfarbiger Mine?

10. Dahin geht’s im nächsten Urlaub…
Hoffentlich nach Schweden

11. Wo ich gerne mal geküsst werden möchte…
Das Wo spielt für mich keine Rolle, Hauptsache, die Privatsphäre bleibt gewahrt.

Und hier meine 11 Fragen, die jeder beantworten darf, der sie gerne beantworten möchte. Natürlich darf man sich auch nur einzelne herausgreifen, oder alle ignorieren.

1. Denkst du, dass es einen Unterschied macht, wenn man in skandinavischen Spielzeugkatalogen die typischen Geschlechterklischees umgeht, oder werden Mädchen weiterhin zu Barbie greifen und Jungen zur Pistole?

2. Was sagst du, wenn dein Kind mit seinem Taschengeld eine Sache kaufen will, gegen die du jahrelang gepredigt hast?

3. Tragen deiner Meinung nach die Grabenkämpfe zwischen Vollzeithausfrauen und berufstätigen Müttern dazu bei, dass sich in der Familienpolitik so wenig bewegt?

4. Bekommen deine Kinder ungeschälte Erdnüsse und wenn ja, wer kümmert sich um die Entsorgung der Schalen?

5. Finden dich deine Kinder schon peinlich, oder bewundern sie dich noch?

6. Ist Christbaumschmuck, der in Indien hergestellt wurde, weniger verwerflich als solcher, der aus China stammt?

7. Was würdest du mit einem Kater anstellen, der hin und wieder unter dein Bett kackt, ansonsten aber äusserst lieb ist?

8. Kennst du Namen und Geburtsdatum deiner Kinder auswendig, oder brauchst du dein Tattoo als Gedankenstütze?

9. Ertappst du dich manchmal dabei, wie du dich über lärmende Kinder aufregst, wenn du alleine unterwegs bist?

10. Welches ist der schlimmste Ort, an dem du schon eine zerquetschte, halb verfaulte Banane gefunden hast?

11. Was antwortest du einem Menschen, der dir ins Gesicht sagt, deine Kinder seien „ökologischer Unsinn“?

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Sehr geehrter Herr Winterhoff

Keine Angst, was hier folgt, ist keine pauschale Verurteilung Ihrer Werke. Auch keine vertiefte Auseinandersetzung damit, denn dazu müsste ich sie alle gelesen und verstanden haben. Da ich aber jeweils nur Auszüge und Kritiken gelesen habe, kann und will ich dies nicht bieten. Es folgt auch keine weinerliche Verteidigungsrede einer beleidigten Mutter, die mit tränenerstickter Stimme sagt, ihre Kleinen seien doch ganz brav und sie verstünde deshalb nicht, was der Winterhoff nun wieder an ihnen auszusetzen habe. Nein, das einzige was ich zu bieten habe, ist eine Anmerkung zu einer Aussage, die Sie in gewohnt provokativer Manier im Tages Anzeiger gemacht haben. Sie sagen dort, 1995 hätte es pro Schulklasse zwei verhaltensauffällige Kinder gegeben, heute gebe es pro Klasse zwei unauffällige.

Sehen Sie, Herr Winterhoff, ich habe fünf Kinder, und von diesen fünf Kindern hat jedes gut und gerne siebzehn bis zwanzig Klassenkameraden. Dazu kommen noch Freundinnen und Freunde aus ausserschulischen Aktivitäten, zahlreiche Cousins und Cousinen und mehrere Nachbarskinder. In unserem Umfeld gibt es zudem rund 220 Kinder, die mein Mann in den vergangenen 16 Jahren unterrichtet hat, drei oder vier Tageskinder die bei uns ein- und ausgegangen sind sowie andere kleine Menschen, mit denen wir beruflich oder privat zu tun hatten. Zugegeben, in dieser ziemlich grossen Kinderschar gibt es einige sehr auffällige Exemplare, die man durchaus mal mit ihren Eltern bei Ihnen vorbei schicken sollte. Ich gebe auch unumwunden zu, dass es vermutlich deutlich mehr schräge Vögel darunter hat, als dies zu unserer Zeit der Fall gewesen wäre. Und auch diejenigen, die ganz nett sind, sind anders, als wir es damals waren, was auch verständlich ist, denn sie werden in einer anderen Zeit gross. Wären aber gerade mal zwei von sagen wir mal zwanzig unauffällig, hätte „Meiner“ als Lehrer schon längst den Löffel abgegeben und ich als seine Frau und Mutter seiner Kinder wohl auch.

Ja, ich weiss welcher Einwand jetzt kommt: Ich bin selber eine dieser Mütter, die Sie so scharf kritisieren und darum zu einer objektiven Meinungsbildung gar nicht in der Lage. Aber sehen Sie, Herr Winterhoff, Sie können selber auch nicht objektiv sein. Sie bekommen tagtäglich die schlimmsten Fälle vorgeführt, wer aber unauffällig ist, schafft es gar nicht in Ihr Sprechzimmer. Nie würde ich es wagen, in Frage zu stellen, dass Sie in Ihrer Arbeit tatsächlich sehr viele sehr auffällige Kinder kennen lernen. Aber sagen Sie, sehen Sie auch noch die anderen, diejenigen die zwar einen anderen Weg gehen als den, den wir damals gegangen sind, die aber trotzdem ganz gut herauskommen? Sehen Sie überhaupt noch die Eltern, die mit ihren Kindern in den Wald gehen, sie zur Mithilfe im Haushalt anhalten und Ihnen das Leben so gut als möglich zu erklären versuchen? Es gibt sie noch, die Kinder, die sich stundenlang in eine Sache vertiefen, die zu zehnt ums Haus rennen und Räuber und Gendarm spielen, die sich entschuldigen, wenn sie jemandem auf die Füsse getreten sind und die eine Lebensfreude versprühen, wie dies nur Kinder können.

Im Grunde genommen könnte es mir egal sein, was Sie denken Herr Winterhoff. Wir müssen die Dinge nicht alle gleich sehen. Was mir aber zu denken gibt, ist die Tatsache, dass viele Eltern und Lehrer Ihnen ohne gross nachzudenken kräftig applaudieren. Würde Ihr Rechenbeispiel aber aufgehen, dann müssten zumindest die Eltern schlagartig mit Applaudieren aufhören, damit sie die Hände frei hätten, um sich an ihrer eigenen Nase zu nehmen. Das tun sie aber nicht, denn die zwei unauffälligen Kinder, das sind natürlich die eigenen.

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Rückeroberung

Sie war meine absolute Traumküche, entworfen nach meinen Wünschen. Riesige Arbeitsfläche, warmes Orange, der Hygiene zuliebe eine Chromstahlabdeckung, die ich täglich blitzblank polierte, ein Regal, das zumindest einen Teil meiner Kochbüchersammlung zu fassen vermochte, ein extrabreites Kochfeld und ein Regal, an dem sich Kochlöffel, Schneebesen & Co. aufhängen liessen. Die perfekte Küche also, die jedoch einen entscheidenden Nachteil hat: Sie bietet zu wenig Stauraum für grosse Futtermengen und hohe Tellerstspel. Eines Tages entschieden wir uns also schweren Herzens dazu, die Küche in der unteren Etage zu benützen, denn diese hat nicht nur einem grossen Vorratsraum, sondern auch Schränke, die fast bis zur Zimmerdecke reichen. Seit jenem traurigen Tag ging es mit meiner geliebten Küche stetig bergab:

Zuerst diente sie noch als Produktionsstätte für hausgemachte Pasta,…
….dann wurde sie zur Filiale der Kinderpost,…
….etwas später nahm „Meiner“ sie als Atelier und Werkstatt ein,…
….dann kam die Zeit, als wir dort unser schmutziges Geschirr wuschen, weil unten der Geschirrspüler kaputt war,…
….“Meiner“ streute seine Mehbotschaften….
….alles, was unten keinen Platz mehr fand, wurde oben zwischengelagert….
…..und das Schlimmste war, dass die untere Küche dabei aus allen Nähten platzte.
Ein trauriges Bild, ihr könnt mir glauben.

Heute, als ich zur Mühle fuhr, um mich mit Mehlvorräten einzudecken, fasste ich einen Entschluss: Ich will meine Küche zurückhaben. Ich will einen Raum, in dem…

…mein Sauerteig ungestört vor sich hin versauern kann.
…die Backformen so verstaut sind, dass ich sie nicht zuerst unter Schimpfen und Jammern hervorkramen muss, ehe ich backen kann.
…für jede nur erdenkliche Mehlsorte Platz ist.
…Getreidemühle und Küchenmaschine jederzeit einsatzbereit herumstehen dürfen.
…leere Einmachgläser ihren Schrank haben, in dem sie herumstehen dürfen, bis sie wieder gefüllt werden.
…die Teigwarenmaschine wieder gebraucht wird.
…keiner meine Küchenutensilien als Spielzeug missbraucht.
…ich meinen im Familienalltag krampfhaft unterdrückten Perfektionismus ungehindert freilassen kann, ohne dass er den anderen auf die Nerven fällt.
…Familie und Gäste am Tisch sitzen und sich mit mir unterhalten können, währenddem ich den Teig knete.

Fragt mich nicht, woher ich die Energie dazu genommen habe, aber irgendwie habe ich es geschafft, mit der Rückeroberung meiner Küche nicht nur anzufangen, sondern sie auch fast abzuschliessen. Noch gibt es einige Dinge zu verstauen, der Boden muss mich geputzt und ein paar Kleinigkeiten müssen noch angeschafft werden. Dann wird sie wieder mein sein, die Küche, die einst nach meinen Wünschen entworfen wurde. Mich dünkt, ich hätte mir nicht bloss meine Küche zurückerobert, sondern auch einen Teil meiner selbst, ein Teil, der in den vergangenen turbulenten Jahren kaum Gelegenheit hatte, sich bemerkbar zu machen.

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Rührend? Oh ja, und wie!

Karlsson, Luise, das Prinzchen und „Meiner“ kommen vom Winterkleidereinkauf nach Hause. Stolz führen alle ihre Sachen vor; das Prinzchen neben einem rot-blau gestreiften Pulli, einer Jeans und Krümelmonster-Socken auch einen grün-gelb gestreiften Gummiball. „Den Ball wird er sich wohl ertrotzt haben“, denke ich und beachte ihn so wenig wie möglich. Ich will nicht die Szene, die sich wegen dieses Balls im Laden abgespielt haben muss, noch einmal vorgeführt bekommen. Ich kann mir sie auch so lebhaft vorstellen:

Prinzchen (heulend): „Ich will keine Jeans, ich will diesen Ball da!!!!“

„Meiner“ (gereizt): „Du brauchst keinen Ball, du hast schon hunderte davon. Der liegt dann doch nur wieder rum…“

Prinzchen (schluchzend): „Noch nie habe ich einen Ball bekommen! Keinen einzigen. Und die anderen bekommen so viele Bälle, wie sie wollen.“

„Meiner“ (eine Spur gereizter): „Nun komm schon, Prinzchen! Wir brauchen noch Socken für den Zoowärter, Jeans für Luise, einen Pulli für den FeuerwehrRitterRömerPiraten und eine Mütze für Karlsson. Wir haben jetzt keine Zeit…“

Prinzchen (lauthals schreiend): „Wenn ich diesen Ball nicht bekomme, mache ich keinen Schritt mehr. Und dann nehme ich diese doofe Jeans nicht und diesen blöden Pulli und diese dummen Krümelmonster-Socken…“

„Meiner“ (vollkommen entnervt): „Dann nehmen wir diesen blöden Ball halt!“

Luise: „Bei mir hättest du nie nachgegeben. Nie! Aber das Prinzchen bekommt ja immer alles von euch.“

Karlsson: „Genau, bei uns wart ihr immer so streng, aber der kleine Bengel braucht nur zu heulen und schon bekommt er, was er sich wünscht.“

So etwa muss es gewesen sein, denke ich mir. Aber es war natürlich ganz anders: „Mama, diesen Ball habe ich von Karlsson bekommen“, erklärt mir das Prinzchen ungefragt. „Von Karlsson?“, frage ich erstaunt. „Ja, er hat ihn mir aus dieser Ball-Maschine im Kleidergeschäft rausgeholt. Für zwei Franken.“ Ich traue meinen Ohren nicht. Karlsson hat seinem kleinen Bruder etwas geschenkt, was Karlsson von seiner Mama nie bekommen konnte, mochte er noch so sehr darum betteln?

Tatsächlich. „Ach weisst du, zuerst wollte ich das Prinzchen auf das Pferchen setzen, bei dem du früher auch immer nein gesagt hast, aber das funktionierte nicht. Da habe ich ihm eben einen Ball geschenkt. Weisst du noch, so einen wollte ich doch auch immer so gerne haben und da habe ich gedacht, er freut sich bestimmt, wenn er einen bekommt“, erklärt mir Karlsson, als ich nachfrage. 

Hach, wie süss! Mein grosser, vernünftiger Karlsson, der so oft – zu Recht oder zu Unrecht – findet, mit den Kleinen seien wir so viel nachgiebiger, erfüllt sich einen Kindheitstraum, indem er seinen kleinen Bruder beschenkt. Er sagt dort ja, wo ich auch heute noch konsequent nein sage, bei jedem Kind. Und dies alles, ohne dass das Prinzchen ein Geschrei hätte anstimmen müssen. Ich glaube, er musste noch nicht mal fragen, Karlsson hat seinem kleinen Bruder den Wunsch einfach von den Augen abgelesen. 

Ich bin so gerührt, dass ich Karlsson am liebsten bei der Hand nehmen würde um mit ihm ins Kleidergeschäft zu gehen, wo er so oft Pferchen reiten dürfte wie er nur möchte. Und dann dürfte er ganz viele Bälle aus der Maschine haben. Ich bin mir einfach nicht so sicher, ob Karlsson sich das noch immer wünscht….

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Rührend? Wie man’s nimmt…

Der Zoowärter kommt von einem Besuch bei seiner besten Freundin nach Hause, in der Hand ein Säcklein mit hausgemachtem Caramel. „Mama, schau, was Bestefreundins Mama mir mitgegeben hat!“, sagt er strahlend und setzt sich zu mir. „Willst du auch eins?“, fragt er, nachdem er etwa drei Stück vertilgt hat. Ich nehme dankend an, ziemlich erstaunt, dass ich etwas abbekomme, ehe dem Zoowärter schlecht geworden ist vom Naschen. Momente später streckt mir mein Sohn erneut einen süssen Würfel entgegen. „Magst du noch einen?“ Tief gerührt über diese grosszügige Geste nehme ich auch diese Gabe an. Ich habe noch nicht den den ganzen gegessen, als der Zoowärter mir einen dritten Würfel aufdrängt. „Nimm, Mama, es hat genug davon!“

Mir wird ganz warm ums Herz. Kann es sein, dass meine ewigen Predigten über das Teilen etwas gefruchtet haben? Erlebe ich hier, in diesem heiligen Moment, dass aufgeht, was wir zu säen versucht haben? Darf ich Empfängerin sein von einer Grosszügigkeit, die der Zoowärter gewöhnlich gegenüber seinen Freunden und Freundinnen zeigt? 

Heute früh sitzen der Zoowärter und ich zusammen am Frühstückstisch. „Mama…“, beginnt mein Sohn zwischen zwei Löffeln Joghurt. „Erinnerst du dich noch an die Süssigkeiten, die ich gestern mit nach Hause gebracht habe? Die hat mir Bestefreundins Mama eigentlich für dich mitgegeben.“ 

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Mamas Stern ist am Sinken

Gestern, als mich die Grippe oder eine ihrer Verwandten ins Bett zwang, hörte ich zu, wie das Prinzchen, dem die Grippe oder eine ihrer Verwandten gerade eine kleine Verschnaufpause gönnte, sich mit „Meinem“ unterhielt. Die Rede war von der Sammlung traditioneller Weihnachtslieder, welche die Heilsarmee meiner Mutter und meine Mutter dem Prinzchen geschenkt hat.

Prinzchen: „Mama kann fast alle diese Lieder singen.“

„Meiner“: „Toll, lass mal sehen. Was hat es denn hier so alles drin?“

Prinzchen: „Oh du fröhliche, das kann die Mama. Stille Nacht auch. Das hier auch, aber ich weiss nicht, wie es heisst. Und das hier kann sie auch…“

„Meiner“: „Dann kann sie ja wirklich alle.“

Prinzchen: „Nein, nicht alle. Den Bach kann sie nicht.“ 

„Meiner“: „Welchen Bach denn?“

Prinzchen: „Na, den hier.“

„Meiner“: „Ach so, du meinst ‚Ich steh an deiner Krippen hier‘? Kann sie das wirklich nicht.“

Prinzchen: „Nein, Papa, das kann sie nicht. Nur Karlsson kann Bach, Mama nicht.“

Natürlich musste ich abends beim Vorsingen beweisen, dass Karlsson nicht der Einzige im Hause ist, der Bach kann. Und natürlich schrammte ich dabei haarscharf am kläglichen Scheitern vorbei, obschon „Meiner“ die Melodie so lange am Klavier gespielt hatte, bis ich sie in meinem Ohr wähnte. 

Ich würde ja behaupten, das liegt an der Grippe, oder an einer ihrer Verwandten, aber das Prinzchen will mir nicht glauben, denn nur Karlsson kann Bach, Mama nicht. 

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Advent, Advent…

Irgendwann, zwischen zwei und drei Uhr nachts verirrt sich eine Gestalt in unser Schlafzimmer und bittet um Asyl im Elternbett. Die Gestalt ist weiblich und inzwischen so gross, dass nicht für alle Platz ist im Bett. Weshalb „Meiner“ seinen Schlafplatz kampflos aufgibt und sich aufs Sofa zurückzieht, ist ein Rätsel, das ich mitten in der Nacht nicht lösen mag, also schlafe ich weiter. Nicht lange jedoch, denn bald verirrt sich eine weitere Gestalt ins Elternschlafzimmer, eine kleine diesmal, dafür in Begleitung eines riesengrossen Bären. Nun sind wir also doch zu dritt im Bett – oder vielleicht zu viert, wenn man davon ausgeht, dass der Bär ein beseeltes Wesen ist – und es wird ziemlich eng. Im Morgengrauen nähert sich eine weitere Gestalt dem Elternbett, eine sehr grosse. Diese Gestalt verlangt jedoch kein Bleiberecht, sie will mir nur mitteilen, dass heute nichts wird mit Schule, weil der Magen rebelliert. „Hurra! Die Käfersaison fängt an!“, jubelt es in mir drin. Der Jubelschrei fühlt sich irgendwie ähnlich an wie Magenschmerzen. 

Ich dämmere noch einmal weg, werde aber Momente später durch lautes Schimpfen geweckt. „Meiner“ und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind wegen unerledigter Hausaufgaben aneinandergeraten. Ja, genau, die Hausaufgaben, nach denen ich gestern Abend vier- oder fünfmal gefragt habe und die angeblich nicht existierten. Also erst mal kein Adventsritual, sondern Kopfrechnen vor dem Frühstück, was natürlich nicht ohne Tränen geht, denn der FeuerwehrRitterRömerPirat hatte eigentlich damit gerechnet, sich heute Morgen als erstes mit seinem Adventspäckli beschäftigen zu dürfen. Irgendwann ist die letzte Zahlenmauer notdürftig gebaut, zwischen Tür und Angel zelebrieren wir noch so etwas wie ein Adventsritual. Zoowärter und Prinzchen bekommen sogar noch ihre Geschichte, doch dann ist Schluss mit lustig, denn es stellt sich heraus, dass das Prinzchen nicht heult, weil er heute kein Adventspäckli bekommt, sondern weil ihn das Fieber plagt. Na gut, immerhin muss ich ihn so nicht in den Kindergarten begleiten und kann noch im Pyjama bleiben, bis die gröbste Hausarbeit erledigt ist. Aber das muss jetzt schnell gehen, denn wenn die Käfer erst mal da sind, muss man stets damit rechnen, dass im Laufe des Tages die eine oder andere kreidebleiche Gestalt von der Schule nach Hause geschlichen kommt. Oder, dass es einen selber erwischt. 

Oh ja, der Advent ist da und wie jedes Jahr schert sich der Alltag einen Dreck darum. 

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Was habe ich mir dabei bloss gedacht?

„Bloss nicht wieder dieser elende Kleinkram“, dachte ich mir, als ich mir überlegte, wie wir das diesmal mit den Adventskalendern machen. Ich meine, 120 Kleinigkeiten, die dann doch nur irgendwo herumliegen, sind doch einfach zuviel. Nach einigem Nachdenken hatte ich einen Geistesblitz: Für jedes Kind ein etwas grösseres Geschenk, aufgeteilt auf 5 Päckli. Da bekommt man zwar nur an jedem fünften Tag etwas, dafür ist es auch etwas Rechtes. Und damit die anderen nicht ganz leer ausgehen, dürfen sie an den Tagen, an denen sie nichts bekommen, in den Topf mit Süssigkeiten greifen. Im letzten Moment kam dann noch ein verbilligter Türchen-Adventskalender dazu, bei dem das Kind, das am längsten nicht mehr dran war mit Auspacken, ein Türchen öffnen darf. Okay, das alles klingt jetzt ein wenig kompliziert, doch in meinen Augen grenzt das System an Perfektion.

In den Augen meiner Kinder jedoch habe ich kläglich versagt. Vor sieben Tagen schon ging der Streit über die Reihenfolge los und auch sonst liess kein Mitglied dieser verwöhnten Bande ein gutes Haar an meinem absolut durchdachten, gerechten und ethisch halbwegs vertretbaren Adventskalender. „Ich hätte lieber einen Adventskalender der drei Fragezeichen“, motzte der FeuerwehrRitterRömerPirat. „Muss ich dann meine Geschenke mit den anderen teilen?“, fragte der Zoowärter den Tränen nahe. Luise entdeckte den Inhalt ihrer Adventspakete lange vor dem ersten Advent und wies mich darauf hin, dass ich da noch ein paar Dinge vergessen hätte, weil sonst nichts aus der Sache werden könne. Das Prinzchen war der Verzweiflung nahe, weil er mein System nicht verstehen konnte und fürchtete, er werde am Ende mit Mädchengeschenken abgespeist. Karlsson war sich sicher, dass er „wie immer“ als letzter drankommen würde mit Auspacken, was das Los dann auch tatsächlich so entschied. Obendrein waren die Grossen äusserst unglücklich über meinen Entscheid, den Kleinen endlich auch einmal „Leone & Belladonna“ vorzulesen. Meine Erklärung, es könne doch nicht sein, dass Zoowärter und Prinzchen Mamas erstes Buch nicht kennen, verstanden sie zwar, doof fanden sie das trotzdem. Der Protest war so gross, dass ich mich vor einem Aufstand zu fürchten begann.

Das Gemotze hörte erst auf, als ich irgendwann mi weinerlicher Stimme sagte, ich hätte mir so grosse Mühe gegeben und es sei vollkommen unfair, dass sie auf meinem Adventskalender herumhacken, ehe sie in den Genuss seiner Überraschungen gekommen seien. Das wirkte. Begeisterung vermochten die Kinder zwar weiterhin nicht zu zeigen, aber immerhin sabotierten sie das erste Adventsritual dieser Saison nicht. Und nachdem sie den Inhalt von Prinzchens erstem Päckli gesehen haben, ahnen sie jetzt auch, dass ich wirklich keinen billigen Mist gekauft habe. Glaube – und hoffe – ich zumindest.

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Advent? Aber doch nicht jetzt schon?

Adventskalender für die Kinder? –  Alles bereit.

Adventskranz? – Seit einer Woche schon fertig. Ich hatte sogar Zeit, mir zu überlegen, ob ich noch etwas anderes machen will, weil Luise das Ding so hässlich findet.

Adventskalender für „Meinen“? – Ich hab’s tatsächlich wieder mal geschafft. 

Samichlaus? – Ist organisiert.

Geschenke für die Lehrer? – Noch nicht, aber immerhin schon eine vage Vorstellung, was es sein soll.

Adventskalender für mich? – Habe einen geschenkt bekommen und bin schon ganz gespannt, was sich darin verbirgt. 

Festliche Dekoration? – Ist auf gutem Wege.

Das obligate schlechte Gewissen? – Ist vorhanden, dieses Jahr sogar besonders ausgeprägt.

Adventsstimmung? – Hä? Wie bitte? Wir haben doch erst September, oder etwa nicht?

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Es wird politisch

Karlsson: „Mama, wie hast du bei dieser Vorlage gestimmt?“
Ich: „Ich habe ja gesagt.“
Karlsson: „Du hast ja gesagt? Warum? Das kann ich jetzt überhaupt nicht verstehen.“
Ich: „Nun, ich finde dass man dadurch die Leute motivieren kann, es anders zu machen…Klar, ich sehe auch die Nachteile, aber…“
Karlsson: „Du findest also wirklich, dass Leute, die nicht viel haben, jetzt auch noch das ändern sollen. Deine Freundin, zum Beispiel, wie soll die das machen?“
Ich: „Auf sie hat das keinen Einfluss, sie braucht das ja nicht. Aber andere würden sich vielleicht wirklich nach Alternativen umsehen.“
Karlsson: „Aber wie sollen sie sich die Alternative denn leisten können? Das kostet doch eine Menge Geld…“
Ich: „Ja, aber wenn sie dafür auf das andere verzichten, können sie sich dafür die Alternative leisten.“
Karlsson: „Im ersten Jahr vielleicht, ja. Aber was ist danach?“
Ich: „Danach müssen sie eben das Geld dafür übers Jahr ansparen…“
Karlsson: „Tut mir Leid, Mama, aber das geht einfach nicht auf. Du hast einen völligen Mist gestimmt. Wenn die Vorlage angenommen wird…“
Ich: „Die wird ohnehin nicht angenommen, es sind doch alle dagegen. Da macht mein Ja doch keinen Unterschied…“
Karlsson: „Und wenn doch? Dann bist du mitschuldig daran, dass es schief geht. Das finde ich echt daneben….“

Unsere erste echte Diskussion. Bis anhin hat Karlsson immer gefragt und ich habe ihm gesagt, wie der politische Hase meiner Meinung nach laufen sollte. Jetzt aber fängt er an, sich eine eigene Meinung zu bilden, meine Sicht der Dinge in Frage zu stellen, mich herauszufordern. Seit Jahren schon habe ich mich darauf gefreut und jetzt, wo der grosse Moment gekommen ist, stelle ich fest, dass es noch viel mehr Spass macht, als ich mir vorgestellt hatte. Zumindest solange Karlsson trotz unserer unterschiedlichen Meinungen brav auf der linken Seite des politischen Spektrums bleibt…

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