Glück

Freie Zeit muss man sich dann nehmen, wenn sie einem in den Schoss fällt. Zum Beispiel dann, wenn sie „Meinen“ zur Untersuchung nach Bern schicken und die Zeit gerade noch reicht für einen Besuch im guten alten „Länggass Tee“, zu Unizeiten unser Lieblingslokal und noch heute der Ort unserer Träume. Eine Tasse Schwarztee mit Rosenblütenblättern, Safran-Kandis, zwei Scones mit Clotted Cream und Orangen-Marmelade und schon fühle ich mich wie neu geboren. Und weil ich nicht in Worte fassen kann, was mir ein solcher Moment bedeutet, lasse ich für einmal das Bild sprechen.

Ein paar Kleinigkeiten noch…

Allmählich werde ich mir selbst unsympathisch. Da ärgere ich mich ein halbes Leben lang über Menschen, die sich Ende November zurücklehnen und süffisant lächelnd verkünden, dass abgesehen vom Baumschmücken alles erledigt sei. Und jetzt bleiben auch mir nur noch zwei oder drei Geschenke zu organisieren, ein paar Guetzli zu backen und mit den Kindern Lehrergeschenke fertigzustellen. Die Weihnachtsvorbereitungen sind so erschreckend weit fortgeschritten, dass ich in Versuchung komme, Dummheiten anzustellen. Zehn Sorten Pralinen machen, zum Beispiel, Baumschmuck aus gefärbtem Isomalt oder ein üppig verziertes Weihnachtsfenster. Am Ende fange ich noch an zu basteln…

Mag sein, dass ich mich zu aktiveren Zeiten danach gesehnt habe, dem festlichen Geschehen nicht immer zwei Schritte hinterherzuhinken. Zuweilen verspürte ich vielleicht sogar einen Hauch von Neid wenn ich sah, wie perfekt organisiert andere sind. Was war ihr Geheimnis? Eine spezielle Begabung fürs Feiern? Ausgeklügelte Checklisten oder gar eine Ausbildung?

Heute habe ich eine Ahnung davon, welche Voraussetzungen es braucht, damit das Fest gelingt: Kinder, die aus dem Gröbsten raus sind, ein Job als Vollzeithausfrau und keine namhaften Pflichten ausser Hause. So sollte es klappen. Die Frage ist bloss, ob ich bereit wäre, diesen hohen Preis zu bezahlen, nur damit alles reibungslos läuft.

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Irrtum

Ich war drauf und dran, mich mit den Wurstfingern abzufinden und das Ganze als Erfolg zu verbuchen, als der Zoowärter mich darauf aufmerksam machte, dass er eigentlich Fäustlinge bestellt hatte.

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Zeit

Es gibt schönere Dinge, als mitten im Leben ausgebremst zu werden und plötzlich weder Kraft noch Nerven für die alltäglichsten Dinge zu haben. Der angenehme Nebeneffekt ist aber, dass man bekommt, was man sonst nie hat: Zeit.

Die Zeit, Kleinigkeiten sofort zu erledigen und nicht erst dann, wenn man dreimal per Mail daran erinnert worden ist.

Die Zeit, mich darüber zu informieren, welche Bücher die Kinder aus der Schulbibliothek ausgeliehen haben. Damit ich nach Ablauf der Leihfrist nicht immer schreiben muss: „Liebe Frau Lehrerin, können Sie mir bitte die Titel der noch fehlenden Bücher nennen, damit ich weiss, wonach ich im Bücherregal oder notfalls auch im Antiquariat suchen muss.“

Die Zeit, sich in Ruhe zu überlegen, was man Freunden und Lehrern zu Weihnachten schenken will und auch die Zeit, alles so zu organisieren, dass man die Kinder nur noch anleiten muss.

Die Zeit, an dem einen Tag, an dem alle vollkommen käferfrei sind, auch wirklich mit den Kindern ins Hallenbad zu gehen und nicht nur davon zu reden, wie nett es doch wäre, wenn man die Zeit dazu hätte. Okay, auf den käferfreien Tag warte ich noch immer, aber ich glaube fest daran, dass er kommen wird.

Die Zeit, die Kinder rechtzeitig abzuholen und nicht immer die Letzte zu sein, die verschwitzt, schimpfend und mit tausend Entschuldigungen aufkreuzt.

Die Zeit, sich Gedanken zu machen darüber, an welchem Punkt man mit den Kindern steht, wo sie Unterstützung brauchen und wo klarere Grenzen angesagt sind.

Die Zeit, beim Kinderarzt die zusätzlichen Abklärungen sofort machen zu lassen, anstatt einen weiteren Termin vereinbaren zu müssen.

Die Zeit, mich mit „Meinem“ darüber zu unterhalten, dass die einfallslose Küche wohl mehr zum Beizensterben beiträgt als das Rauchverbot.

Die Zeit, dem Zoowärter des Langen und Breiten zu erklären, warum ich es besser fände, wenn er sich den Playmobil-Zoo mit den niedlichen Koalas zu Weihnachten wünschte und nicht die hässliche „Cars“-Rennbahn.

Und wenn einmal das Telefon schweigt und kein Kind nach Aufmerksamkeit schreit die Zeit, mit der Katze auf dem Schoss eine Tasse Tee zu trinken und die Zeitung zu lesen. 

Unberechenbar

In der Theorie geht das alles prächtig auf: Bis Ende Monat sind wir an drei Vormittagen vollkommen kinderfrei. Zeit, sich von den Strapazen der vergangenen Wochen zu erholen, neue Kräfte zu sammeln und Liegengebliebenes zu erledigen.

In der Praxis sieht es natürlich mal wieder ganz anders aus. Mal fühlt sich der Zoowärter zu krank, um in den Kindergarten zu gehen, nur um voll aufzudrehen, kaum habe ich ihn bei der Lehrerin abgemeldet. Dann wieder fällt bei einem der Kinder der Unterricht aus, mal weil die Lehrerinnen des FeuerwehrRitterRömerPiraten Weiterbildung haben, dann wieder, weil Luises Lehrerin krank ist. Hin und wieder kommt es vor, dass das Prinzchen sich weigert, lange Hosen anzuziehen und in kurzen lasse ich ihn nicht in die Waldspielgruppe gehen. Also bleibt er zu Hause. Wenn dann doch mal alle aus dem Haus sind, kommt bestimmt ein Anruf der Lehrerin, die uns mitteilt, dass sie den FeuerwehrRitterRömerPiraten nach Hause schicken werde, weil er so blass und müde sei. Und falls ausnahmsweise mal nichts von all dem geschieht, habe ich bestimmt einen Zahnarzttermin, den ich in einem Anfall von geistiger Umnachtung für einen der kinderfreien Vormittage vereinbart habe.

Ich will mich nicht beklagen, das Familienleben ist nun mal unberechenbar. Ich frage mich nur, wann ich endlich damit aufhöre, an das Märchen von der Erholungsinsel zu glauben.

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Familien-Strickmuster

In Zeiten, in denen die Angst vor der Überalterung der Gesellschaft wächst, darf die perfekte Familie wieder mehr als zwei Kinder haben. Lange Zeit sah das Bild ja so aus: Papa mit bereits leicht angegrauten Schläfen, Mama ein paar Jährchen jünger, Junge, Mädchen. Zur Not durften es auch zwei Mädchen sein, zwei Jungen aber lieber nicht, weil es zu laut werden könnte.

Natürlich wird dieses Bild nicht über Nacht verschwinden, aber immer öfter wird mit Drei- bis Vierkindfamilien geworben, wenn Eltern Geld locker machen sollen. „Schaut her, wer bei uns einkauft, kann sich mehr als zwei Kinder leisten“, lautet die Botschaft. Und so lächeln dann von den Plakaten ein Papa mit leicht angegrauten Schläfen, eine Mama, die einige Jährchen weniger auf dem Buckel hat, eine vernünftige älteste Tochter, ein angepasster Zweitältester, eine verträumte jüngere Tochter und ein schalkhafter Jüngster. So sieht sie heute aus, die perfekte Familie, selbstverständlich zufrieden und sorgenfrei.

Auch wenn es begrüssenswert sein mag, dass heute auch als glücklich gelten darf, wer viele Kinder hat, so bleiben die Bilder realitätsfremd wie eh und je. Wir zumindest hatten schon Mühe damit, uns an das Strickmuster Mädchen-Junge-Mädchen-Junge zu halten, von der perfekten Harmonie und dem sorgenfreien Alltag ganz zu schweigen.

Glücklich sind wir trotzdem mit unseren Kindern.

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(Fast) geschafft

Die Pastete befindet sich auf gutem Wege. Ich darf einfach nicht dran denken, dass mein geliebter Stabmixer seit seinem Einsatz in akuter Lebensgefahr schwebt. Mein Versuch, es ohne Fleischwolf zu schaffen war wohl etwas zu verwegen. Und dann muss natürlich auch noch die Sache mit der Sülze klappen. Man hat mich gewarnt, dass dies ziemlich schwierig werden könnte.

Aber ganz egal, wie es am Ende rauskommt, Karlsson habe ich bereits im Sack. „Weisst du, Mama“, sagte er heute zu mir, „es ist mir egal, ob die Pastete gut wird oder nicht. Die Hauptsache ist, dass du es probiert hast. Das würde nämlich nicht jeder machen.“

Mir scheint, dass nicht ganz alles auf taube Ohren gefallen ist, was wir dem Kind in den vergangenen Jahren gepredigt haben.

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Fleischgelüste

Hätte ich nein sagen sollen? Ich meine, die Chance, dass ich als Vegetarierin die perfekte Pastete mit Sülze und allem drum und dran hinkriege, ist gering. Alleine schon vor der Auswahl des Fleisches graut mir, geschweige denn vor dem Moment, wenn das Zeug aus dem Fleischwolf quillt. Ach ja, und dann muss ich für die Kamine auch noch Alufolie anschaffen, etwas, was in meiner Küche gewöhnlich absolut nichts zu suchen hat. Und wenn das Ding in sich zusammenfällt? Dann stehe ich einmal mehr da wie der letzte Idiot.

Aber wie hätte ich nein sagen sollen, wo es doch ein Geburtstagswunsch ist? Karlsson wird nur einmal zwölf und wer garantiert mir, dass er nicht plötzlich über Nacht zu einem Fast Food – verschlingenden Monstrum mutiert? Wer fordert mich dann noch heraus, zu kochen, was ich nie im Leben essen würde? Vielleicht ist dies die Gelegenheit, um aller Welt zu beweisen, dass auch ich am Bravourstück Fleischpastete scheitere.

Und was die Ekelgefühle angeht: Schlimmer als bei der Leberpastete – ohne Teig und Sülze -, die sich Karlsson in den vergangenen Jahren gewünscht hatte, kann es ja wohl nicht sein. Immerhin ist Geflügelfleisch nicht ganz so eklig anzusehen wie die Leber, die ich an den letzten drei Karlsson-Geburtstagen durch den Fleischwolf drehen musste.

Ich denke, ich nehme die Herausforderung an. Vielleicht aber sollte ich mich allmählich anschicken, Karlssons schlechtes Gewissen zu trainieren. Damit ich ihm dereinst, wenn er mich ins Altersheim abschieben will, sagen kann: „Wie kannst du mir so etwas antun? Wo ich dir doch Jahr für Jahr mit grosser Liebe und viel Ekel die widerlichsten Schweinereien zum Geburtstag serviert habe.“

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Natürlich verstehe ich das

Natürlich hat Karlsson ein Recht darauf, seinen Geburtstag mit ein paar Freunden zu feiern und wenn er möchte, dass die Freunde bei ihm übernachten dürfen, habe ich volles Verständnis dafür. Ich kann aber auch sehr gut nachvollziehen, dass „Meiner“ bei diesem Anlass lieber nicht dabei wäre, weil er den Betrieb nicht ertragen kann. Und selbstverständlich haben die kleinen Geschwister ein Anrecht darauf, bei dem ganzen Spass dabei zu sein.

Aber klar sollen das Prinzchen, der Zoowärter und der FeuerwehrRitterRömerPirat auch bei schlechtem Wetter wilde Spiele spielen dürfen, also drinnen. Auch dass Luise gleichzeitig ungestört an ihren Hausaufgaben arbeiten will, kann ich bestens nachvollziehen. Und natürlich soll „Meiner“ jederzeit schlafen können, wenn er Erholung braucht.

Es freut mich, dass „Meiner“ wieder Lust zum Malen hat und mich darum in den Baumarkt schickt, um neue Malunterlagen zu kaufen. Es ist rührend, dass sich Luise und der Zoowärter jetzt auch Selbstgestricktes von mir wünschen und dass Karlsson von seinem werdenden Pullunder so hingerissen ist, dass er von mir lernen will, wie man Zopfmuster strickt. Toll, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat jetzt schon weiss, was er unter dem Tannenbaum finden will und natürlich habe ich gar nichts dagegen einzuwenden, dass das Prinzchen meine Hilfe beim Puzzeln möchte.

Selbstverständlich darf Luise in unserem Zimmer schlafen, wenn nachts die Angst angeschlichen kommt. Wenn der Zoowärter plötzlich Monster unter seinem Bett entdeckt, soll er eben auch zu uns kommen und wenn sich der FeuerwehrRitterRömerPirat deswegen einsam fühlt, rücken wir eben noch etwas näher zusammen, auch wenn der Schlaf dadurch gestört wird. Notfalls haben wir ja noch ein Sofa.

Jedes dieser Bedürfnisse ist gerechtfertigt, jeder Wunsch verständlich. Bloss, wie ich all dem in diesen Tagen gerecht werden soll, ist mir ein grosses Rätsel.

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Sechzehn einfache Schritte zur eigenen Sauna

1. Sauna geschenkt bekommen, sich riesig über das Geschenk freuen und die Elemente in der Garage zwischenlagern, bis die Zeit reif ist, nicht alleine an Erholung zu denken, sondern auch etwas dafür zu tun.

2. Fünfzehn Monate später: Sauna-Elemente mit zornesrotem Kopf vor die Haustüre schleppen, damit „Meiner“ endlich glaubt, dass es mir Ernst ist mit Wellness im eigenen Keller.

3. Einen Samstag lang für genügend Essen und Getränke sorgen, damit „Meiner“ und mein Bruder beim Aufbau nicht verhungern und verdursten.

4. Erkennen, dass sich die Saunatüre nicht öffnen lässt, wenn der Waschtrog im Wege steht. Vier Monate warten, bis „Meiner“ Zeit findet, den Trog umzuhängen.

5. Schüchtern nachfragen, ob der Elektriker in der Verwandtschaft eventuell einmal in nicht allzu ferner Zukunft und natürlich nur, wenn es ihm auch Freude macht und selbstverständlich als ganz gewöhnlicher Auftrag ohne Verwandtenrabatt, die Stromversorgung einrichten könnte.

6. Sich auf einen entspannenden Saunaabend freuen und dann feststellen, dass noch die Saunasteine fehlen.

7. Das Internet nach Lieferanten für Saunasteine durchforsten. Eine Liste erstellen mit allen Baumärkten in der Gegend, die in Frage kommen.

8. Beim ersten – und grössten – Baumarkt erfahren, dass das „umfassende Sauna- und Wellnessangebot“ aus einigen Holzkesseln, einer Massagebürste und zwei oder drei verschiedenen Aufguss-Düften besteht. Ach ja, einen Whirlpool für nur 4999.90 hätte es auch noch gehabt, aber uns fehlte gerade das nötige Kleingeld. Die Saunasteine waren „leider alle schon ausverkauft“, wie man uns beschied, als wir es endlich schafften, uns todesmutig einem rasenden Mitarbeiter in den Weg zu stellen, um ihn zu fragen.

9. Beim zweiten Baumarkt – der mit dem „breitgefächerten Angebot an Sauna- und Infrarot-Kabinen“ – feststellen, dass es wohl feuerfeste Dekosteine für den Holzofen gibt, nicht aber Saunasteine. Der Versuch, zu fragen, ob diese auch für die Sauna geeignet wären scheiterte daran, dass sich die Mitarbeiter aus lauter Angst vor den Kunden hinter Türen mit der Aufschrift „Zutritt nur für Personal“ flüchteten, sobald man sich ihnen auf zehn Schritte näherte.

10. Beim dritten Baumarkt schiefe Blicke ernten, weil man jeden Sack mit Steinen ganz genau mustert und dann doch ohne Steine aus dem Laden geht.

11. Beim vierten Baumarkt – einer grösseren Filiale von Baumarkt Nummer zwei – erfahren, dass man bis vor einem Jahr noch ein grosses Sauna-Sortiment hatte, jetzt aber leider gar nichts mehr anbietet.

12. Auf der Heimfahrt rätseln, ob man vielleicht doch noch bei Baumarkt Nummer fünf vorbeischauen soll, weil er ja gerade am Weg liegt. „Aber einen Einkaufswagen nehmen wir nicht. Die werden ja ohnehin keine Steine haben“, entscheide ich, als wir schliesslich mit wenig Hoffnung auf Erfolg vor dem Eingang stehen.

13. Drei Minuten später zum Eingang hetzen, um einen Einkaufswagen zu holen, währenddem ein Kind die letzten vier Kartons mit Saunasteinen bewacht, damit sie uns keiner wegschnappt.

14. Saumässig viel bezahlen für vierzig Kilo ganz banale Steine, aber nach dieser Odyssee spielt der Preis keine Rolle mehr.

15. Wieder zu Hause, die Steine in den Keller schleppen, den Ofen auffüllen und hoffen, dass die fünf kleinen Vendittis abends um halb sieben darum betteln, ins Bett gehen zu dürfen, weil sie sooooooooo müde sind.

16. Saunadüfte, die seit einer Ewigkeit auf dem Schrank darauf warten, gebraucht zu werden, von Staub und Spinnweben befreien und hoffen, dass sie nach all den Monaten noch duften.

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