Und noch ein Einkauf

Diesmal mit Karlsson und Luise. Ein Wocheneinkauf, also nichts so Kompliziertes wie gestern. Gerade richtig, um mal wieder Zeit zu haben, um von meinen beiden grössten Kindern die ungeschminkte Wahrheit ins Gesicht gesagt zu bekommen.

„Die Frau X hat gemeint, mich könne nichts aus der Ruhe bringen“, erzähle ich den beiden lachend. „Könnt ihr euch das vorstellen? Ausgerechnet mich soll nichts aus der Ruhe bringen.“ Karlsson und Luise lachen schallend und ich fahre fort: „Ich habe ihr dann gesagt, dass ich auch mal ganz schön laut werden kann. Wenn die wüsste…“ Wieder lautes Gelächter, dann meint Karlsson ganz ohne Vorwurf in der Stimme: „Ja, wenn man dich so mit anderen Leuten erlebt, dann könnte man schon meinen, du seist immer nur freundlich. Mit anderen Kindern schimpfst du nie so wie mit uns.“ Ich zucke zusammen. Bin ich jetzt wirklich geworden, wie ich nie sein wollte. Nett und liebevoll zu fremden Kindern, ungeduldig und unfreundlich zu meinen eigenen? „Ist es wirklich so schlimm?“, frage ich Karlsson und Luise und zittere innerlich vor der Antwort. Was, wenn sie mir genau dies bestätigen? Wenn sie sich fühlen, als würde ich sie nicht lieben, als wünschte ich mir andere Kinder?

Die Antwort der beiden lässt nicht lange auf sich warten. „Nein Mama, du schimpfst gar nicht mehr so viel wie früher. Früher hast du immer geschimpft“, beruhigt mich Luise und Karlsson erklärt: „Weisst du, Mama, bei dir ist das gleich wie bei mir. In der Schule können die sich ja auch nicht vorstellen, dass ich zu Hause motze, die Türe knalle und wild bin. Die glauben ja auch, ich sei immer nur lieb und nett.“

Also alles noch im grünen Bereich. Ich bin nicht anders als die meisten anderen Menschen auch: Die Menschen, die mir wenig bedeuten, müssen sich mit meiner Freundlichkeit begnügen, während diejenigen, die ich am meisten liebe, das Privileg haben, meine der Allgemeinheit verborgenen Fehler immer mal wieder in vollen Zügen geniessen zu dürfen.

Wechselbad

Die ersten warmen Sonnenstrahlen beim Picknick im Garten, ein allerliebster Zoowärter schenkt mir rosarote Blüten, der FeuerwehrRitterRömerPirat macht ein romantisches Arrangement für die Bienen, erste Blüten am Aprikosenbaum, Karlsson spielt Bach auf der Geige und kümmert sich einen Dreck darum,  dass einige, die am Haus vorbeigehen, es sonderbar finden, dass ein Junge im Garten musiziert, der erste Schmetterling des Jahres und ein staunendes Prinzchen, der das zarte Wesen bewundert, Luise voller Vorfreude auf ihren Geburtstag, die Nachbarn, die man seit Monaten nicht mehr gesehen hat, grüssen freundlich, fröhliches Geplauder mit den Kindern, hin und wieder eine Ermahnung, doch bitte die noch ganz jungen Bäumchen nicht zu entwurzeln, die Velos werden aus der Garage geholt, Vogelgezwitscher überall.

Für einige Stunden gelingt es der Seele, das schwarze Loch zu verlassen, die Kinder zu geniessen, sich an der Natur zu freuen. Doch dann, beim Betrachten der zarten Aprikosenblüten ein Gedanke: Atomkatastrophe. Und schon droht die Seele wieder abzurutschen ins Bodenlose, dorthin, wo keine Hoffnung ist. Das Bild des im Kinderwagen friedlich dösenden Prinzchens tröstet. Und mahnt zugleich, dass die Welt, in die das friedliche kleine Menschlein geboren worden ist, zwar noch immer berauschend schön, aber sehr gefährdet ist.

Freizeit

Was machen wir da bloss? Da hat man mir doch für morgen und übermorgen ein absolutes Büroverbot verhängt. Zudem sind fast alle Pendenzen abgearbeitet. Zumindest diejenigen, die ich auf keinen Fall in die neue Woche mitschleppen will. Und die zwei oder drei Dinge, die unbedingt noch erledigt sein wollen – Arbeitszeugnis für unser ehemaliges Au Pair schreiben, ein paar Rechnungen bezahlen, den Lohn für die Putzfrau ausrechnen – dürften kaum mehr als eine Stunde in Anspruch nehmen. Im Terminkalender herrscht bis Montag gähnende Leere. Und Luise, die am Nachmittag noch keinen Schluck Wasser behalten konnte, hüpfte am Abend schon wieder quietschfidel durch die Wohnung. Also auch kein Erbrochenes, das aufgeputzt werden muss.

Beängstigend, nicht wahr? Freiräume, die gefüllt werden wollen mit Ausschlafen, Nachdenken, Familienleben, Gottesdienstbesuch und ausgiebiger Zeitungslektüre. Ob das wirklich gut kommt? Immerhin sind das geschlagene 48 Stunden ohne Gehetze, ohne das Gefühl, man hätte alles eigentlich schon gestern gemacht haben müssen. 48 Stunden in denen das Leben eine Verschnaufpause einlegen will und weit und breit kein Termin in Sicht, der es an dem Vorhaben hindern will.

Ob ich für morgen noch einen Coiffeurtermin bekomme? Ich meine, 48 Stunden lang nur tun, was einem Spass macht ist bestimmt gefährlich und da wären zwei qualvolle Stunden mit waschen, färben, föhnen und schneiden genau richtig, um zu verhindern, dass ich auf die Idee komme, die freie Zeit einfach so zu geniessen.

Frühreif

Okay, ich weiss, es ist genial, dass er es schafft, ein Ei aufzuschlagen, so dass der Inhalt in der Schüssel und nicht auf dem Fussboden landet. Ja, ich finde es toll, dass er nicht nur weiss, wo er die Milchflaschen findet und wie  er diese samt dieser unsäglichen Folie unter dem Deckel öffnet, sondern dass er die Milch auch noch ohne einen Tropfen zu verschütten in die Schüssel giessen kann. Und natürlich staune ich, dass er Mehl beifügt und dann das Ganze zu einem Teig verrührt, als hätte er nie etwas anderes getan.

Was ich denn jetzt schon wieder auszusetzen habe, fragt ihr? Nun grundsätzlich nichts. Aber aus einem Ei, zwei Liter Milch und zwei Ladungen Mehl gibt’s nun mal keinen brauchbaren Teig. Schon gar nicht, wenn danach noch ausgiebig die Finger in der Suppe gewaschen werden und zwischendurch in der Nase gebohrt wird.

Ich finde es wirklich toll, dass er so experimentierfreudig ist, unser Jüngster. Aber könnte er denn nicht wie gewöhnliche Zweijährige mit Sand, Wasser und Blättern anfangen, bevor er – sagen wir mal in etwa  fünf Jahren, wenn er die Rezepte lesen kann – seinen ersten ganz ohne Hilfe hergestellten Teig macht?

Frau, Kind und Job

Ist frau kinderlos und vollzeitlich berufstätig, dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie glaubt, gestresst zu sein. „Vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer nur Arbeit“, seufzt sie „und wenn man abends nach Hause kommt, sollte man auch noch haushalten. Ich glaube, ich werde schwanger, schmeisse meinen Job und geniesse das Glück im trauten Heim.“

Also bekommt frau ein Kind, gibt sich voll und ganz der neuen Aufgabe hin, stillt, so lange sie kann, kocht Bio-Brei, steht nachts zehn mal auf, geht täglich an die frische Luft, hält die Wohnung blitzsauber, damit auch ja keine verschluckbaren Kleinteile in der Wohnung herumliegen, die das Leben des Krabbelkindes gefährden. Rund um die Uhr ist sie im Einsatz und eines Tages, vielleicht schon beim ersten Kind, vielleicht aber auch erst beim Dritten, dämmert ihr, dass sie früher, als sie noch berufstätig war, keine Ahnung davon hatte, was Stress ist. „Wie war ich doch naiv damals“, schimpft sie mit sich selber. „Ich glaubte, gestresst zu sein, dabei war damals alles noch so schön überschaubar. Ich glaube, ich suche mir einen Job. Damit ich hin und wieder ein wenig entspannen kann.“

Wenn frau Glück hat, findet sie tatsächlich einen Job. Wenn sie noch mehr Glück hat, findet sie auch noch einen Krippenplatz dazu. Und wenn sie sehr viel Glück hat, dann hat sie einen Mann, der sein Pensum reduzieren kann, so dass sie ihr sauer verdientes Geld nicht gleich wieder in der Krippe abliefern muss. Frau hat jetzt also beides, ihr geregeltes Leben als Berufstätige mit fixem Einkommen, bezahlten Ferien und geregelten Arbeitszeiten und ihr Leben als Mutter mit fröhlichen Bastelnachmittagen, Ausflügen in den Zoo und gemütlichen Kaffeerunden mit anderen Müttern. So zumindest hat sich das frau vorgestellt, als sie wieder berufstätig geworden ist: Von beiden Welten das Beste. Das perfekte Leben also.

Woran frau nicht gedacht hat: Kinder halten sich selten an geregelte Arbeitszeiten. Ihnen wird nicht erst dann übel, wenn Mamas Sitzung vorbei ist. Chefs nehmen wenig Rücksicht auf Stundenpläne. Sie verschieben die Sitzung nicht, weil das Kind im Kindergartentheater einen Auftritt als Wal hat. Sie hat also nicht nur von beiden Welten das Beste, sondern auch von beiden Welten den Stress. Und endlich begreift frau, dass zwischen 25 und 55 – die Zahlen können je nach Lebensentwurf variieren- ein Leben ohne Stress bloss ein schöner Traum bleiben wird.

Im Dienste des Prinzen

Es fragt sich ja schon, weshalb ich mir eigentlich eine berufliche Herausforderung zulegen musste, wo doch die Aufgabe als Leibwache und Kammerzofe des Prinzchens herausfordernd genug ist. Meist fängt es schon in den frühen Morgenstunden an, wenn alle Bediensteten des jungen Herrn noch im Bett liegen, der junge Herr aber wegen einer vollen Windel nicht mehr im Bett liegen mag. Nun würde man ja erwarten, dass so ein kleiner Adliger ein Gebrüll anstimmt, um all sein Personal herbeizurufen. Aber das Prinzchen mag nicht warten, bis jemand kommt und entledigt sich der schmutzigen Windel gleich selbst, entsorgt sie brav im Windeleimer und macht sich dann auf Entdeckungstour in der Wohnung. Dass er dabei Spuren hinterlässt, kann ihm egal sein. Wozu hat man denn Diener, wenn nicht zum Beseitigen der Spuren? Irgendwann möchte das Prinzchen nicht mehr ohne seine Entourage sein und schleicht sich zum Bett seiner Eltern. Diese erwachen nicht wegen des süssen Gebrabbels aus prinzlichem Munde, sondern wegen des widerlichen Gestanks, der von dort kommt, wo eigentlich eine Windel sein sollte. Vielleicht erwachen sie auch, weil es dem Prinzchen nicht gelungen ist, sich eine Hose über den schmutzigen Hintern zu ziehen und er jetzt brüllend mit zwei Beinen in einem Hosenbein feststeckt.

Und jetzt geht es los. Während der eine sich mit dem Putzlappen in der Wohnung auf Spurensuche macht, versucht die andere, den jungen Herrn zu säubern, ohne dabei den Kinderschutz auf den Plan zu rufen. Denn Prinzchen und Wasser, das passt nicht zusammen. Nicht baden, nicht duschen, schon gar nicht Haare waschen. Wasser ist zum Trinken da. Und zum Herumspritzen am Lavabo. Aber Saubermachen ist das Letzte und das sollen alle wissen, die im Umkreis von zwei Kilometern wohnen. Meist bringt man das Kind mit Mühe und Not sauber, steckt es in saubere Kleider – so man denn etwas findet, was sich der junge Herr ohne Protest und Gezeter überziehen lässt, weil ihm Farbe und Aufdruck für einmal zusagen – und man denkt, man könne jetzt den Tag ruhig und beschaulich angehen.

Kann man aber nicht, denn Beschaulichkeit ist nicht des Prinzen Stärke. Die Beschaulichkeit gehört dem Zoowärter und ein Prinz grast nicht auf fremden Wiesen. Er weiss ja, was sich gehört. Der Prinz im Hause ist zuständig für Abenteuer, Klettertouren und Entdeckungsreisen. Und so verbringt man den Rest des Tages damit, das Kind von der Lehne des Trip Trap herunterzuholen, auf die es geklettert ist, um den Inhalt des Gewürzschranks genauer unter die Lupe zu nehmen und zu testen, wie sich scharfes Paprika und sanfte Prinzenaugen miteinander vertragen. Wenige Momente später muss die Türe bewacht werden, was leider nicht mehr geht, indem man die Türe abschliesst. Musste er vor wenigen Wochen noch mühsam einen Stuhl herbeischleppen, um das lästige Schloss zu öffnen, genügt es heute, wenn er sich auf die Zehenspitzen stellt und schon ist sie da, die grosse Freiheit. Nun mag man sich fragen, weshalb er denn nicht rausdarf. Immerhin stattet er meist einen Besuch bei der Grossmama ab, die einen Stock tiefer wohnt. Und gegen einen Besuch bei ihr wäre tatsächlich nichts einzuwenden, könnte man denn sicher sein, dass er auch wirklich dort ankommt. Hin und wieder schnappt sich der junge Herr nämlich auch die Gummistiefel des grossen Bruders und dann geht’s ab in den Garten, wo das noch viel zu grosse Laufrad getestet werden will. Nun gut, auch dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, wenn denn das Prinzchen eine Hose und eine Jacke tragen würde. Und wenn man sich darauf verlassen könnte, dass das Gartentor für ihn die Grenze ist und er nicht das Territorium ausserhalb seines Reiches erkunden würde. Und dieses Territorium heisst nun mal Strasse und ist vollkommen untauglich für einen kleinen, abenteuerlustigen und unvernünftigen Prinzen.

Irgendwann stellt man sich die Frage, ob der Tag vielleicht einfacher würde, wenn das Prinzchen sich ein wenig aufs Ohr legen würde. Müde ist er ja und man selber könnte man eine Pause auch ganz gut gebrauchen. Aber ist Müdigkeit denn ein Grund, sich schlafen zu legen? Nein, denn wenn man müde ist, kann man für viel mehr Action sorgen. Dann kann man sich mit den grossen Brüdern anlegen – und herzzerreissend heulen, wenn die sich zur Wehr setzen – Orangensaft verschütten, weil man den Becher nicht mehr trifft, über die eigenen müden Beine stolpern und dergleichen. Macht doch unglaublich viel Spass, aber Mama spielt nicht mit und zwingt den jungen Herrn trotzdem ins Bett. Aber wo man schon im Bett liegt und Mama so friedlich nebendran, könnte man ihr ja gleich zeigen, wie geschickt man sich im Schlafsack über das Gitter des Betts schwingen kann. Aber diese humorlose Mama will nichts davon sehen, will nur langweilige Lieder singen und schläft am Ende selber fast ein.

Meist ergibt sich das Prinzchen dann doch noch dem Schlaf und die Bediensteten atmen auf: Ein paar Momente der Ruhe, in denen man über all die Spässe, die der junge Herr sich wieder erlaubt hat, lauthals lachen kann. Lange dauert die Ruhe nicht, denn bald schon steht er wieder da, mit zerzaustem Haar und schelmischem Blick und verkündet: „Han guet gschlafe!“ („Ich habe gut geschlafen!“) und dann geht’s weiter mit Klettern, Entdecken und Saft verschütten. Bis zum späten Abend, wenn er sich endlich zur Ruhe legt und wir Bediensteten an seinem Bett stehen und zueinander sagen: „Ist er nicht zum Fressen, dieser süsse kleine Tyrann?“

Es ist mir ernst

Wenn ich sage, dass mir so langsam der Schnauf ausgeht, sage ich dies nicht, um zur Antwort zu bekommen: „Ich würde das ja nie durchhalten. Aber du schaffst das mit Links.“

Wenn man mich fragt, wie es mir so geht und ich antworte „Nicht besonders gut“, dann meine ich das auch so. Denn wenn es mir gut ginge, würde ich sagen, dass es mir gut geht.

Wenn ich sage, dass mir die Dinge manchmal über den Kopf wachsen, dann brauche ich keine Ratschläge im Sinne von „Du müsstest eben besser delegieren…“ oder „Du hättest die Sache eben anders angehen müssen…“ Nein, dann wäre ich ganz froh, wenn ich einfach mal erzählen könnte, dass es nicht immer einfach ist, Familie, Arbeit, Schreiben und Haushalt zu jonglieren, dass das Ganze zwar unglaublich viel Freude macht, dass es aber auch ganz schön an die Substanz gehen kann. Ein wenig Verständnis würde so viel mehr bringen als ein besserwisserisches „Du müsstest eben…“ Was ich müsste, weiss ich sehr wohl, aber ob das, was ich müsste auch in die Realität umgesetzt werden kann, liegt nicht alleine in meiner Hand.

Wenn ich sage, dass ich mich schwach fühle, dann ist es schmerzhaft, wenn man mir sagt, ich sei doch eine starke Frau, ich würde das schon alles hinkriegen. Muss man denn immer stark sein, bloss weil man offenbar – völlig unbeabsichtigt übrigens – das Bild einer starken Frau abgibt?

Wenn ich verkünde, dass ich mal wieder eine Pause brauche, dann meine ich dies nicht als Aufforderung, dass ich jetzt endlich Zeit habe für all die Dinge, die man auch noch gerne mit mir besprechen möchte. Nein, dann meine ich, dass ich mich mal wieder einen Moment lang hinsetzen möchte, um in Ruhe etwas zu trinken, ein wenig zu lesen oder meinen Gedanken nachzuhängen.

Wenn ich diesen Blog mal wieder als Jammerkasten missbrauche, dann tue ich dies nicht, um Mitleid zu erregen, sondern einfach darum, weil zu meinem Leben eben nicht nur die Höhepunkte, sondern auch die Tiefpunkte gehören. Würde ich diese aussparen, könnte man am Ende noch auf die Idee kommen, ich sei eine jener Frauen, die so tun, als hätten sie immer alles im Griff. Und weil ich das nicht habe, will ich auch nicht so tun als ob.

Es gibt sie noch…

… die Tage, an denen wir bis kurz vor neun in den Federn liegen und erst nach einer Tasse Kaffee und einem ausgiebigen Frühstück – das Karlsson für uns in der Bäckerei besorgt hat – in die Gänge kommen.

… die Tage, an denen ich mit Kindern und Au Pair zum Bio-Hof im Nachbarort fahre, um frische Schwarzwurzeln, Topinambur und Roggenkörner zu kaufen.

… die Tage, an denen das, was am Morgen eingekauft wurde, am Mittag bereits wunderbar duftend auf dem Tisch steht.

… die Tage, an denen der Zoowärter und ich uns eine halbe Stunde zurückziehen, um ein Bilderbuch nach dem anderen anzuschauen.

… die Tage, an denen „Meiner“ und ich alles stehen und liegen lassen, um unserem Prinzchen dabei zuzusehen, wie er sich ohne etwas zu verschütten einen Becher Wasser füllt.

… die Tage, an denen der Mittagsschlaf bis in den späten Nachmittag dauert.

… die Tage, an denen ich gedankenverloren am Herd stehe und der Bitterorangen-Marmelade dabei zusehe, wie sie leise vor sich hin blubbert.

… die Tage, an denen ich eins ums andere Mal wiederhole, wie sehr ich es geniesse, einmal im Jahr meine eigene Bitterorangen-Marmelade einzukochen, weil der ganze Prozess so langsam, gemütlich und entspannend ist.

… die Tage, an denen die Kinder so früh einschlafen, dass „Meiner“, das Au Pair und ich es tatsächlich schaffen, einen Film in voller Länge und ohne Unterbrechungen zu schauen.

… die Tage, an denen die Arbeit ruht und das Familienleben seinen ganz gewöhnlichen Lauf nimmt, mit Umarmungen, schimpfen, Witze erzählen, zuhören, trösten, sich ärgern und sich freuen.

… die Tage, an denen ich nicht nur weiss, dass das Leben schön ist, sondern es auch spüre.

 

Wild West

Als ich die zwei Schachteln die Treppe hochschleppte, die der Paketpöstler heute kurz vor Mittag bei uns im Eingang deponiert hatte, war ich mir sicher, dass darin die Bürostühle waren, die ich vor einiger Zeit ersteigert hatte. Der Aufdruck auf den Kartons sprach dafür, dass es so war, wie ich vermutete: „Bürosstuhl – FY-250-2FA rot 4“. Auch als ich den Inhalt beider Schachteln vor mir im Flur auf dem Boden liegen sah, schöpfte ich noch keinen Verdacht, dass ich mich geirrt haben könnte. Und so machte ich mich gleich daran, die Dinger zusammenzuschrauben. Solche Arbeiten müssen bei uns sofort erledigt werden, bevor das Prinzchen auf dumme Gedanken kommt und die Schrauben in alle Himmelsrichtungen verstreut.

Also schraubte ich, anstatt die Küche aufzuräumen und bald schon standen sie da, die zwei nagelneuen Bürostühle, die demnächst an meinem Arbeitsplatz stehen werden. Nach getaner Arbeit zog ich mich in die Küche zurück, um nun doch noch ein wenig Hausfrau zu spielen. Später dann würde ich die Bürostühle ins Familienzentrum bringen. Doch als ich aus der Küche kam, waren da keine Bürostühle mehr. Dafür aber zwei kräftige Pferde, das eine versehen mit Zügeln – die ich Kleingeist für Verpackungsschnüre gehalten hatte – das andere zwar ohne Zügel, dafür aber mit einem Reiter auf dem Rücken, der eine Verpackungsschnur –  äh, Pardon, einen Morgenstern natürlich – schwang. Der andere Reiter zielte mit einer Pistole auf mich und fast wäre ich erschossen worden, denn in meiner Beschränktheit hielt ich die Pistole für den Inbusschlüssel, den ich eben noch in den Händen gehalten hatte, um die Schrauben anzuziehen. Gerade rechtzeitig noch konnte ich mich in Deckung bringen, ehe der eine der Cowboys mich zur Strecke gebracht hätte.

Nachdem ich mich von meinem Schrecken erholt hatte, versuchte ich, mir die zwei Cowboys zu Freunden zu machen. Ich meine, was wäre das für ein Leben, wenn man sich nicht mal mehr in den eigenen vier Wänden frei und unbeschwert bewegen könnte, aus Angst, von einem Cowboy angegriffen zu werden? Und bis zur Abstimmung vom 13. Februar warten, wenn die Waffen hoffentlich aus den Haushaltungen verschwinden werden, war mir zu blöd. Also versuchte ich, die beiden wilden Kerle in ein Gespräch zu verwickeln. Und siehe da: Sie liessen sich auf mich ein, erzählten mir von ihrem rauhen Leben im Wilden Westen, von ihren Pferden, die ganz brav seien und von ihren Waffen, die sie bräuchten, um sich gegen all das Böse zu verteidigen, das in der Wüste bekanntlich hinter jedem Kaktus lauert. Am Ende posierten sie gar für ein Erinnerungsbild.

Anfangs war ich ja fürchterlich stolz darauf, dass ich einfach so nach dem Mittagessen ein Bild von echten Cowboys auf echten Pferden schiessen konnte, aber je länger ich es mir überlege, umso mehr fürchte ich, dass ich mich vielleicht habe reinlegen lassen und dass das in Wirklichkeit gar keine Cowboys waren, sondern zwei kleine Jungs, die mal schnell ausprobieren wollten, ob man Bürostühle auch für Spannenderes gebrauchen könne, als darauf zu sitzen, in den Bildschirm zu starren und zu murmeln „Psst, seid mal still, ich muss jetzt arbeiten“.

Mein liebster Zoowärter

Jetzt bist du also auch schon vier und hast somit das Alter erreicht, in dem deine Mama allen Ernstes dachte, sie sei jetzt erwachsen und dürfe deswegen in Zukunft weder furzen noch in der Nase bohren. Weil Mama ihren Kindern diese Geschichte schon so oft erzählt hat, kennen sie deine grossen Geschwister in- und auswendig. Und deswegen hat Luise gestern zu dir gesagt, du wärest jetzt erwachsen. Anderen Vierjährigen würde diese Vorstellung vielleicht gefallen, du aber willst von Erwachsensein noch nichts wissen. Ganz besorgt kamst du zu mir und fragtest: „Mama, ist man mit vier tatsächlich schon erwachsen, oder ist man noch ein Kind?“ Deine Erleichterung, dass du noch Kind bleiben darfst, war riesig.

Und das ist es, was mir an dir so sehr gefällt: Du bist mit Leib und Seele Kind. Zwar freust du dich darüber, dass du grösser wirst und du warst heute Morgen auch ganz besorgt darüber, dass du in der Nacht, in der du vier geworden bist, nicht ein ganzes Stück gewachsen bist. Aber du willst noch nicht gross werden, um schneller erwachsen zu sein, sondern nur, um noch intensiver Kind sein zu können. Du willst noch mehr spielen können, noch mehr witzige Figuren wie den kleinen Maulwurf kennen lernen, noch mehr fantastische Geschichten erfinden, die du dir selber stundenlang erzählen kannst. Andere Kinder in deinem Alter malen sich aus, was sie werden wollen, wenn sie gross sind. Du malst dir aus, was du alles erleben würdest, wenn du nicht der Zoowärter, sondern eines der drei Musketiere wärest. Während die anderen losziehen, um die Welt zu entdecken, kuschelst du dich lieber mit einer Decke aufs Sofa und wanderst durch die Weiten deiner Fantasie, manchmal mit einem Buch als Reiseführer, manchmal ganz ohne Anleitung, auf eigene Faust.

Mein lieber kleiner grosser Zoowärter, ich wünschte, ich könnte mehr sein wie du, denn du scheinst begriffen zu haben, dass das Leben schöner ist, wenn man es gemütlich nimmt. Wenn dir danach ist, schläfst du bis Mittag, ohne dabei Angst zu haben, du könntest etwas verpassen. Du weisst, dass es manchmal einfach wichtiger ist, sich in einen Asterix-Band zu vertiefen, als das Zimmer aufzuräumen, auch wenn deine grossen Geschwister das vollkommen daneben finden. Und du weisst, dass man mehr vom Tag hat, wenn man ohne viel Gezeter in die Kleider schlüpft, um sich dann Wichtigerem zuzuwenden, zum Beispiel deiner neuen Ritterburg, die du von Piraten und Daisy Duck gegen gefährliche Eindringlinge verteidigen lässt. Mein Liebster Zoowärter, du bist ein wunderbarer Mensch. Darf ich von dir lernen, wieder vierjährig zu sein?