Umbruch

Wie so oft im Leben, kommen bei uns mal wieder alle Veränderung auf einmal. Und darum sieht unsere To Do-Liste momentan etwa so aus:

Zimmereinrichtung für Zoowärter und FeuerwehrRitterRömerPiraten auftreiben und dabei auch noch eine Kleinigkeit für Luise und Karlsson erstehen, weil die sonst wieder motzen, die Kleinen würden viel mehr bekommen als sie.

All den alten Krempel in den Kinderzimmern ausmisten, damit der Zoowärter sein eigenes Zimmer bekommen kann.

All den alten Krempel aus dem Büro ausmisten, damit ich mein Büro im Familienzentrum einrichten und gleichzeitig das Büro zu Hause wieder begehbar machen kann.

All den alten Krempel aus dem Keller räumen, damit der alte Krempel aus der Waschküche in den Keller geräumt werden kann, damit in der Waschküche Platz für die Sauna entsteht.

Den alten Krempel, der gar kein Krempel, sondern noch brauchbar ist, ins Familienzentrum bringen. Den restlichen alten Krempel entsorgen.

Die Waschmaschine im Obergeschoss reparieren lassen, damit die Waschmaschine in der Waschküche nicht mehr so viel gebraucht wird, damit wir die Wäsche nicht mehr unten, sondern oben aufhängen können, damit die Sauna mehr Platz hat.

Die Waschküche rosarot streichen, damit ich mich in dem muffeligen Raum ganz wie zu Hause fühle.

Die Suche nach einem neuen Au Pair intensivieren, da noch immer niemand in Sicht ist, der sich die Bändigung von fünf kleinen und zwei grossen Vendittis zutraut.

Die Unterlagen von einem Jahr Projektarbeit sichten, das Brauchbare ins Familienzentrum übernehmen, den Rest unter „Fehler, die ich nie mehr machen werde“ archivieren.

Ricardo durchforsten nach a) einem neuen Bett für „Meinen“ und mich, weil das Alte nur noch auf drei Beinen steht, b) nach Möbeln für das Familienzentrum und c) nach Möbeln für die Kinderzimmer (siehe oben).

Falls bei Ricardo nicht fündig geworden Ikea-Katalog durchforsten nach a) siehe oben, b) siehe oben, c) siehe oben und d) nach all den schönen Dingen, die kein Mensch braucht und die man sich dennoch hin und wieder gerne anschaut.

Alles, was bei Ricardo ersteigert wurde, abholen und dabei aufpassen dass ich a) nichts vergesse und dadurch Verkäufer verärgere b) nicht zu viel Zeit mit in der Gegend herumirren verliere und c) nicht plötzlich die Dinge, die ich privat ersteigert habe, ins Familienzentrum bringe und umgekehrt.

Das sind die kleinen Brocken. Der grosse wäre:

Dem Familienzentrum vom Papier in die Realität verhelfen, damit es am 1. März eröffnet werden kann. Zum Glück muss ich die Sache nicht alleine schaffen, sondern kann auf sehr viel Hilfe zählen.

Und dann gibt es da noch ein paar besonders schöne und wertvolle Dinge, die auf gar keinen Fall vergessen gehen dürfen:

Am Donnerstag den vierten Geburtstag des Zoowärters feiern.

Mit „Meinem“ neue Wege ausfindig machen, weil sich ihm jetzt, wo ich berufstätiger als auch schon bin, ganz neue Perspektiven eröffnen.

Unsere neue Nichte kennen lernen und mit Luise rosarote Babykleidchen shoppen gehen, weil wir jetzt endlich mal wieder ein Opfer haben, das wir mit Kitsch überhäufen können.

Die letzten Wochen mit dem Au Pair geniessen und verdrängen, dass sie schon sehr bald nicht mehr Teil unserer Familie sein wird.

Überlegen, ob wir wirklich im Sommer mit der ganzen Horde nach Prag fahren und dann noch eine Woche Veloferien anhängen sollen.

Und dann noch die schwierigste Herausforderung von allen:

Herausfinden, wo man bei all den Dingen noch die Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben finden soll.


Zukunftspläne

Die Kinder haben vergangene Nacht eine neue Cousine bekommen – das 21. Enkelkind meiner Eltern – und so reden wir beim Abendessen über Babys. Irgendwann wirft „Meiner“ die Frage in die Runde, wie viele Kinder unsere Kinder mal haben möchten. Luise zögert keine Sekunde: „Hundert Mädchen“, platzt sie heraus. Doch dann erinnere ich sie daran, dass ich als kleines Mädchen mal 99 Mädchen und einen Jungen haben wollte und dass sie ja sehen könne, was geschehe, wenn man solche Wünsche hätte. Schnell korrigiert sie sich und erklärt: „Ich werde sechs Kinder haben. Drei Mädchen und drei Jungen.“ Der FeuerwehrRitterRömerPirat weiss auch sehr genau, welche Sorte Kinder er will: „Eine Milliarde Jungs“. Der Zoowärter weiss zwar nicht, wie viele  er mal haben will, dafür aber, was sie sein sollen: Ritterjungen. Mal sehen, wo er die auftreiben wird.

Karlsson, der bis anhin stets verkündet hatte, er wolle gar nie Kinder haben, dafür aber ein paar zahme Eisbären, scheint so langsam zu erkennen, worauf es beim Kinderhaben ankommt: „Ich werde mal so viele Kinder haben, wie meine Frau ertragen kann“, verkündet er weise. „Kluges Kind“, sage ich und denke im Stillen, dass er, falls seine Zukünftige mir auch nur ein ganz kleines bisschen ähnlich ist, ein ziemlich kinderreicher Mann werden könnte. Hätte „Meiner“ nach Karlssons Grundsatz gehandelt, wäre das Prinzchen wohl kaum unser jüngstes Kind geblieben.

Mütter

Man sollte ja eigentlich davon ausgehen können, dass eine Mutter von fünf Kindern, zwar  widerwillige aber doch immerhin Autobesitzerin, Teil einer weit verzweigten Verwandtschaft, gesegnet mit vielen Freunden und dem besten Au Pair der Welt, irgend einen Weg findet, ihr Kind von der Spielgruppe abzuholen. Aber weil diese Mutter momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt, war sie blöd genug, „Ihrem“ zu sagen, es sei doch kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter das Auto nehme, um zur Arbeit zu fahren, ohne daran zu denken, dass sie ja das Auto selber brauchen würde. Aber diese Mutter weiss, dass sie eine Mutter im Hause hat, die notfalls auch mal ihr Auto zur Verfügung stellt. Aber die Mutter der Mutter braucht heute das Auto selber. Was dann? Die Nachbarin fragen? Nein, geht nicht, denn die hat heute Vormittag bereits angefragt, ob sie das Auto der fünffachen Mutter ausleihen könne, weil die Nachbarin nicht dran gedacht hatte, dass sie heute Morgen ihr Auto braucht und deshalb „Ihrem“ gesagt hat, es sei kein Problem, wenn er bei diesem Mistwetter mit dem Auto zur Arbeit fahre… Dann eben das Au Pair fragen, ob man sich kurz ihr Auto leihen könne? Geht auch nicht, denn das Au Pair hat frei und was wäre man denn für eine Gastmutter, wenn man einen jungen Menschen einfach aus dem Bett schmeissen würde, bloss weil man mal wieder ein organisatorisches Chaos angerichtet hat?

Nun mag vielleicht jemand die Idee bringen, die Mutter könnte ja zu Fuss gehen, denn der Weg sei zwar schon weit, aber nicht so weit, dass man ihn nicht notfalls zu Fuss bewältigen könnte. Und die Mutter würde sofort sagen, dass dies durchaus eine Option wäre, auch wenn man bei diesem Mistwetter nicht gerne zu Fuss unterwegs ist. Aber die Mutter kann dennoch nicht zu Fuss gehen, denn sie hat da noch ein Prinzchen, aber keinen Kinderwagen mehr, in den sie das Kind setzen könnte. Und einen zappeligen kleinen Prinzen bei Mistwetter den Berg hochschleppen, das ist auch einer Frau, die fünfmal die Qualen der Geburt durchgestanden hat, zu viel der Anstrengung.

Da bleibt nur ein Weg, das Problem zu lösen: Darüber bloggen, in der Hoffnung, dass beim Schreiben die Erleuchtung kommt, auf welchem Wege der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mama kommt. Und dann, mitten im Schreiben, der Anruf der Schwester, die mitteilt, die Mutter der Mutter und der Schwester werde dafür sorgen, dass der Zoowärter wieder zurück zu seiner Mutter komme. Die Mutter des Zoowärters freut sich, dass sich das Problem so problemlos lösen lässt und denkt dann, dass sie sich ja gar keine Sorgen hätte machen müssen. Denn welche Mutter lässt denn schon ihr Kind in der Tinte sitzen? Egal, wie alt das Kind ist. Und egal, wie sehr das erwachsene Kind selber Schuld ist, dass es in der Tinte sitzt, weil es momentan das mit der Organisation nicht so ganz auf die Reihe kriegt…

 

Nach den Ferien ist vor den Ferien

Man nimmt es sich ja jedes Mal vor, wenn man wegfährt: Nach der Rückkehr wird man sich nicht sogleich wieder vom Alltag mitreissen lassen. Nein, diesmal ganz bestimmt nicht. Man wird die guten Gewohnheiten, die man in der freien Zeit ausgiebig gepflegt hat – alle zwei Stunden einen Tee oder einen Kaffee trinken, das Schöne bewundern, den Gedanken nachhängen – ins ganz gewöhnliche Leben mitnehmen. Man wird sich nicht mehr so leicht hetzen lassen, man wird mit den Kindern geduldiger sein, man wird das Telefon auch mal einfach klingeln lassen, weil man in den Ferien gemerkt hat, dass es auch ohne ständige Erreichbarkeit geht. Ja, so wird man das machen.

Und dann kommt man zu Hause an und alles ist wieder wie immer. Allein das Auspacken der Koffer verursacht ein derartiges Chaos, dass man gar nicht anders kann als aufzuräumen. Dann sind da natürlich auch noch die Wäscheberge und all die Anrufe, die man während der Abwesenheit nicht hat entgegennehmen können. Spätestens nach einem Tag sind die neuen, guten Gewohnheiten wieder verschwunden, die alten, schlechten wieder da: Den Tee kalt werden lassen, weil man nur noch ganz kurz eine Mail beantworten will, den Fussboden fegen und den Tisch abräumen muss, bevor man sich so richtig entspannen kann. Die Kinder anschnauzen, obschon man sie doch eben noch so sehr vermisst hat. Irgendwann zwischen Telefonaten, Windeln wechseln und Essen einkaufen noch kurz irgend etwas in sich hineinschlingen, damit man wieder genügend Treibstoff für die nächste Runde hat. Nichts da mit genüsslichem Essen, mit bewusster Entspannung, mit Zeit zum Nachdenken. Man ist wieder da, mitten drin im Alltag, der niemals ruht.

So ist es jedes Mal und es gibt nur eines, was sich dagegen tun lässt: Den letzten Rest an neu gewonnenem Idealismus in das Organisieren der nächsten Ferien investieren. Wenn sich die Ferienstimmung nicht konservieren lässt, muss man sich eben hin und wieder eine frische Portion holen.

Bob de Soumaa

Karlsson, Luise und der FeuerwehrRitterRömerPirat sind gross geworden. Das merkt man nicht nur daran, dass der FeuerwehrRitterRömerPirat seinen ersten Zahn verloren hat, Luise keine Lust mehr auf Rosa und Hello Kitty mehr hat und Karlsson unverschämt grinst, wenn wir Eltern einen Witz machen, der nur für Erwachsene gedacht ist. Auch nicht nur daran, dass sie jeden zweiten Satz mit „Früher, als ich noch klein war…“ anfangen. Nein, man merkt es auch daran, dass all die Helden ihrer frühen Kindheit – Bob der Baumeister, Franklin, Pingu und wie sie alle heissen – plötzlich nur noch doof sind. Nannte ich den Mann mit dem gelben Helm vor zwei Jahren „Bob de Soumaa“ (Bob der Saumann) schrieen sie alle entsetzt auf, heute sagen sie weitaus Schlimmeres über ihn und seine Rita. Kaum zu glauben, wie da über die Helden des Kinderzimmers gelästert wird.

Was von mir aus gesehen völlig in Ordnung wäre, finde ich doch die meisten Figuren, welche die Kinder unterhalten sollten, reichlich platt und fantasielos. Das Problem ist aber, dass es da noch zwei kleinere Kinder gibt in unserer Familie. Für diese zwei kleineren Kinder ist niemand grösser als Pingu und Bob der Baumeister. Diese zwei kleineren Kinder mögen es nicht ausstehen, wenn man ihre Helden beleidigt. Und das gibt Zoff. Jedes Mal, wenn die Grossen lachen, heulen die Kleinen und wenn die Kleinen jubeln, spotten die Grossen. Zwar nicht über die Kleinen, aber diese fühlen sich dennoch persönlich angegriffen. Schaut nämlich der Zoowärter ein Pingu-Filmchen, ruft er mich immer wieder herbei und sagt: „Schau mal, Mama, was ich mache! Ich rutsche gerade mit Pinga über das Eis.“ Dann dämmert mir, dass der Zoowärter im Film nicht Pingu, sondern sich selber sieht und darum beleidigt derjenige, der über Pingu spottet, nicht einen Pinguin aus Knete, sondern einen kleinen Zoowärter, der sich selber sehr ernst nimmt und der deswegen rasend wird, wenn man lacht.

Als jüngstes von sieben Kindern kann ich den Zorn des Zoowärters nur zu gut verstehen, habe ich doch selbst unzählige Male erlebt, wie meine grossen Geschwister über etwas gelacht haben, was mir heilig war. Anfangs habe ich noch geheult, später dann habe ich so getan, als würde ich mitlachen und irgendwann habe ich es aufgegeben, ein Kleinkind zu sein. Heute aber, als Mutter, sehe ich nicht nur die Sicht des Kleinkindes. Ich sehe auch, dass es für die Grossen wichtig ist, sich abzugrenzen, sich zu lösen von dem, was nicht mehr in ihr Leben passt. Und darum ist das Problem nicht gelöst, wenn ich den Grossen verbiete, Witze zu machen. Das Problem ist aber auch nicht gelöst, wenn ich die Grossen einfach machen lasse, denn das würde unweigerlich dazu führen, dass der Zoowärter und das Prinzchen eines Tages nicht mehr den Mut aufbringen, klein zu sein.

Wie also bringen wir es fertig, jedem unserer Kinder die Freiheit zuzugestehen, so gross oder so klein zu sein, wie es ist? Eine Patentlösung habe ich nicht, aber ich ahne, dass es etwas damit zu tun haben könnte, dass ich den Kindern lehre, den anderen in seiner Art zu respektieren. Weiter muss ich wohl oder übel versuchen, nicht mitzumachen, wenn die Grossen ihre Witze reissen, so sehr es mich auch reizen würde. Und schliesslich werde ich Bob dem Baumeister, Pingu und Konsorten noch ein paar Jährchen länger den Heldenstatus zubilligen müssen. Was mir gar nicht so schwer fallen dürfte, schaue ich doch jetzt schon mit einer gewissen Wehmut dem Tag entgegen, an dem auch mein jüngstes Kind nicht mehr entsetzt aufschreien, sondern lauthals lachen wird, wenn ich von „Bob de Soumaa“ rede.

Weihnachts-Nachlese

Trotz Noro-Besuch lasse ich es mir nicht nehmen, auf die Dinge hinzuweisen, die Weihnachten 2010 zu einem wunderbaren Fest gemacht haben. Da wären zum Beispiel

– fünf rundum zufriedene kleine Vendittis, die alles bekommen haben, was sie sich gewünscht haben. Zitat Karlsson: „Ich hätte nicht geglaubt, dass ich je ein Trichtergrammophon bekommen würde und jetzt ist mein Traum wahr geworden.“

– der schönste Tea-for-One-Teekrug aller Zeiten, den ich seit vorgestern mein Eigen nennen darf.

– die Erkenntnis, dass meine Herkunftsfamilie wirklich cool ist. Nachdem ich, ein bekennendes Herdentier, mich in den vergangenen Jahren innerlich ganz bewusst von meiner Herkunftsgrossfamilie distanziert habe, um mich meiner eigenen Grossfamilie zuzuwenden, durfte ich gestern erkennen: Meine Schwestern, meine Brüder, meine Eltern und all die verschiedenen „Anhänge“ sind cool, auch wenn sie nicht perfekt sind. Dass meine Neffen und Nichten cool und obendrein nahezu perfekt sind, habe ich übrigens gar nie bezweifelt. Wie könnte ich auch, wo ich doch durch sie gelernt habe, wie großartig Kinder sind?

– ein paar noch nie gewagte kulinarische Experimente – darunter Trifle mit Birnen, weißer Schokolade und Gewürzen, ein Auflauf aus Mais und Kastanien sowie eine himmlische Fenchel-Kartoffelsuppe mit Anis – die mir heute noch trotz Übelkeit und Bauchschmerzen das Wasser im Munde zusammenlaufen lassen.

– Karlssons Kompliment, dass ich aufgrund meines Weihnachtsmenüs endlich einen Preis bekommen sollte. Aber was will ich mit Preisen, wo doch die Tatsache, dass selbst der FeuerwehrRitterRömerPirat beherzt zugegriffen hat, die höchste aller Auszeichnungen ist?

– das Weihnachtsgeschenk, das „Meiner“ und ich uns gönnen: Drei Tage Prag ohne Kinder und es haben sich so viele Leute freiwillig zur Kinderbetreuung gemeldet, dass wir uns ganz dringend noch zwei oder drei Knöpfe zulegen sollten, um die Nachfrage nach zu betreuenden kleinen Vendittis zu befriedigen.

Das also wären die Highlights. Dass ich obendrauf noch völlig unbeabsichtigt zu einem Haussklaven – auch Roboter-Staubsauger genannt -gekommen bin, erzähle ich dann vielleicht bei anderer Gelegenheit ausführlicher. Denn zuerst muss sich erweisen, ob das Ding tatsächlich solch ein Segen ist, wie es momentan noch den Anschein macht.

Männlein und Weiblein

Zurzeit gibt es bei uns am Tisch nur noch ein Gesprächsthema: Die Liebe und zwar diejenige zwischen Männlein und Weiblein. Ich glaube, es ist das erste Mal, dass alle unsere Kinder im Zuge ihrer Entwicklung zur gleichen Zeit das gleiche Thema entdecken. Gewöhnlich befasst sich die eine mit Lesen- und Schreibenlernen, der andere mit seinem Bauchnabel und der Dritte mit der Frage, wie man es fertigbringt, den Kindergartenfreund zu besiegen, ohne dass man dafür selber Haue bekommt. Diesmal aber scheint es, als hätten sich unsere Kinder miteinander abgesprochen, um alle zur gleichen Zeit möglichst viel zu lernen.

Der Zoowärter, zum Beispiel, hat vor ein paar Tagen seinen ersten Filmkuss gesehen. Nein, keine Angst, es war nichts Unanständiges. Er sass nur zufällig dabei, als Luise und ich uns „Emma“ anschauten. Diesen Kuss, den er da gesehen hat, beschäftigt ihn nun schon seit Tagen und auch heute Nachmittag wollte er wieder über das Gesehene reden. Weil ihm aber nicht mehr einfiel, wie der Herr und die Dame, die da so Unsägliches taten, heissen, fragte er mich: „Mama, wie heisst schon wieder der Mann, der die Frau aufgesogen hat?“ Gewöhnlich versuche ich ja, bei solchen Fragen ernst zu bleiben, weil ich nicht will, dass die Kinder aufhören, Fragen zu stellen. Aber versucht mal, keine Tränen zu lachen, wenn ihr euch vorstellt, wie Mr. Knightley einem Staubsauger gleich seine Emma in sich hinein saugt.

Weniger zum Lachen gibt es, wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat die neuesten Wörter aus dem Kindergarten nach Hause bringt. Eigentlich hätte ich ja gedacht, dass mich beim dritten Kind nichts mehr so leicht aus den Socken haut, aber die Ausdrücke, die unser Sechsjähriger da lernt, kenne ich sonst nur von vorpubertären Rotznasen. Nun weiss ich nicht, wie das bei euch zu Hause war, als ihr mit wüsten Wörtern nach Hause kamt. Bei uns wurden solche Dinge einfach überhört, da es zu peinlich gewesen wäre, über Unaussprechliches zu reden. „Meiner“ und ich haben uns aber zum Ziel gesetzt, dass unsere Kinder auch über die Vorgänge unter der Gürtellinie möglichst unbefangen aber auch mit dem nötigen Respekt reden können und so kommt es durchaus vor, dass wir während des Mittagessens darüber diskutieren, weshalb man das eine sagen soll, das andere aber nicht. Dass man dabei nicht umhin kommt, auch die derben Ausdrücke in den Mund zu nehmen, versteht sich von selbst. Da hoffe ich doch bloss, dass das Tageskind, das bei uns am Tisch Deutsch lernt, nicht die falschen Ausdrücke mit nach Hause nimmt. Aber vielleicht haben die Kinder, die dem FeuerwehrRitterRömerPiraten die wüsten Wörter beigebracht haben, ja auch nur erklären wollen, was man nicht sagen darf…

Auch wenn Luise Fragen stellt, muss man die Kinder zuweilen sehr tief unter die Bettdecke blicken lassen. Bei unserer Tochter dreht sich momentan alles darum, wie Männlein und Weiblein es schaffen, sich bis an ihr Lebensende zu lieben und warum es Viele eben nicht schaffen. Und weil Kinder direkt sind, sieht man sich dann schon mal zwischen Zimmer aufräumen und Guetzli backen mit Fragen konfrontiert wird, ob es eigentlich Spass mache, mit jemandem ins Bett zu gehen, oder ob man das nur mache, um Kinder zu kriegen. Ich liebe solche Fragen, auch wenn sie mich dazu zwingen, sehr viel über mich selber preiszugeben. Aber wer, wenn nicht „Meiner“ und ich, sollen unseren Kindern Red und Antwort stehen? Und wo wir schon dabei sind, Antworten zu geben, sitzt auch Karlsson gerne dabei und hört zu. Fragen mag er nicht mehr besonders viel, denn dazu ist er wohl langsam zu gross. Aber hören, was gesagt wird, wenn andere fragen, das scheint ihm nichts auszumachen und so schlagen wir zwei Fliegen mit einer Klappe: Wir befriedigen Luises Neugier und füttern zugleich Karlsson, der nicht mehr so offensichtlich neugierig ist, mit Informationen, die ihm nur zu bald schon nützlich sein könnten.

Während die Grossen also schon ziemlich intime Details wissen wollen, dreht sich beim Prinzchen alles noch um die Basics, dies aber momentan fast rund um die Uhr: Ich bin ein grosser Bub, Mama ist eine Frau, Papa ist ein Mann, Luise ist ein Mädchen und alle anderen in der Familie sind Jungs. Papa hat einen Bart, Mama nicht, die Geschwister auch nicht, aber Papa sagt, dass Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat, der Zoowärter und das Prinzchen später auch einen haben werden. Männlein und Weiblien auch hier. Und weil es auf der Welt ja nicht nur die sieben Vendittis gibt, hat das Prinzchen momentan sehr viel zu tun, wenn wir einkaufen gehen, denn bei jedem Menschen, den er sieht, gilt es festzustellen, ob er / sie nun Bub, Mädchen, Mann oder Frau sei. Ich weiss nicht, wie oft ich heute, als das Prinzchen und ich den letzten Weihnachtseinkauf tätigten, gesagt habe „Ja, Prinzchen, das ist ein Mann, ja, das dort drüben ist ein Mädchen und das daneben ist eine Frau“, aber glaubt mir, er war sehr sehr oft und die Leute waren nicht alle begeistert darüber. Besonders die nicht, bei denen ich sagen musste „Nein, das ist kein Mann, das ist eine Frau.“

Auch nur ein Mensch

Wir Christen zerbrechen uns ja gerne den Kopf darüber, was Gnade sei. Ob Menschen, die anders glauben als wir, sich auch so sehr mit diesem Thema auseinandersetzen, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass ich schon unzählige Predigten zu diesem Thema gehört habe und dass mir der Begriff dennoch immer ein wenig schleierhaft geblieben ist. Gestern Abend brachte ein einziger Satz zustande, was endlose Predigten bis jetzt bei mir nicht geschafft hatten: Ich erlebte, wie es sich anfühlt, wenn jemand gnädig ist.

Wie ihr wohl mitgekriegt habt, entsprach ich gestern noch weniger der perfekten Mutter, als ich es gewöhnlich tue. Ja, ich weiss, die perfekte Mutter gibt es nicht. Aber machen wir uns doch nichts vor: Wir versuchen dennoch insgeheim, die Erste zu sein, die es schafft. Ich schaffe es nicht. An gewöhnlichen Tagen nicht und gestern erst recht nicht. Abends, bevor die Kinder zu Bett gingen, rief ich sie deshalb noch einmal zusammen und gestand ihnen unter Tränen, wie Leid es mir tue, dass ich so eine böse, ungeduldige, schlecht gelaunte, brüllende, ungerechte Versagermama gewesen sei. Gut, ich kroch nicht mehr im Staube, wie ich es früher getan hätte, aber ich habe dennoch ganz offen und ehrlich darüber geredet, wie gerne ich dem Tag eine andere Wendung gegeben hätte, wie ich es aber einfach nicht geschafft hätte, das Steuer herumzureissen um uns alle wieder auf einen friedlicheren, liebevolleren Weg zu bringen. Anders als sonst hielt ich dabei den Kindern nicht vor, wie viel sie selber dazu beigetragen hatten, dass der Tag so schrecklich geworden war. Denn was nützt eine Entschuldigung, die zugleich dem anderen Schuld auflädt?

Für einmal hörten mir die Kinder brav zu. Nun gut, das Prinzchen hätte wohl nicht zugehört, sondern alles nachgeplappert, aber weil er schon schlief, schwieg er ausnahmsweise auch. Als ich mit meiner Rede am Ende war, schauten mich die vier Knöpfe treuherzig an und murmelten etwas von „wir haben ja auch ziemlich blöd getan“. Und dann sagte Luise diesen entscheidenden Satz, der alles besser machte: „Weisst du Mama“, sagte sie ernst „du bist auch nur ein Mensch.“ Ein banaler Satz? Nicht in diesem Moment, denn mit diesen wenigen, sonst oft so leeren Worten hatte Luise mir klar gemacht, dass sie damit leben kann, dass ich nicht perfekt bin, ja, mehr noch, dass sie gar nicht erwartet, dass ich alles richtig mache. Mit dieser einen klaren Aussage hatte Luise all mein Herumbrüllen, all meine Ungeduld und meine Unzufriedenheit in einen Abfallsack gestopft und den Sack zugebunden. Und durch ihr zustimmendes Nicken bestätigten mir Karlsson, der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter, dass sie das ganz genau gleich sahen wie ihre Schwester.

Ach ja, ganz durchschaut habe ich das grosse theologische Geheimnis dennoch nicht. Denn anstatt den Abfallsack, den mir meine Kinder so gnädig geschnürt hatten, im Müll zu entsorgen, nahm ich all den Mist später noch einmal hervor, schaute mir voller Abscheu jedes meiner Versagen noch einmal an und als „Meiner“ nach drei sehr langen Elterngesrprächen nach Hause kam, musste er sich den ganzen Müll auch noch einmal anschauen. Aber immerhin habe ich es danach fertig gebracht, zu mir selber zu sagen „Was soll’s? Du bist eben wirklich nur ein Mensch und morgen ist ein neuer Tag, an dem du es zwar nicht perfekt, aber immerhin besser machen kannst.“

Was übrigens auch keine grosse Kunst war, denn um heute eine bessere Mama als gestern zu sein, brauchte es nun wirklich nicht viel…

Sonntagnachmittag

Waren sie nicht furchtbar langweilig, unsere Eltern, wenn sie sonntags nichts weiter tun wollten als schlafen, essen und vielleicht noch ein wenig lesen? Da mochte man noch so sehr betteln, sie möchten sich zu einem Ausflug in den Zoo aufraffen, ein Eis essen kommen oder vielleicht draussen mit den Kindern ums Haus jagen, aber für all dies hatten sie nur ein Gähnen und ein deutliches Nein übrig. So sie denn überhaupt reagierten. Denn meist schliefen sie schon tief und fest, ehe man nur die Chance gehabt hätte, mit den zähen Verhandlungen um das Sonntagnachmittagsprogramm zu beginnen. Wie konnten diese Erwachsenen bloss so langweilig sein? Das bisschen Arbeit, das sie wochentags zu bewältigen hatten, konnte doch nicht dermassen anstrengend sein, dass man sonntags nur noch ausgelaugt auf dem Sofa lag. Aber die Erwachsenen sahen dies anders und deshalb blieb den Kindern nichts anderes übrig, als die Sache selber in die Hand zu nehmen.

Waren sie nicht furchtbar lustig, diese Sonntagnachmittage ganz ohne Einmischung der Eltern? Diese endlosen Stunden, während derer man tun und lassen konnte, was man wollte? Zum Beispiel alle Arten von Kräutern sammeln und über dem offenen Feuer – zum Glück waren die grossen Brüder Pfadfinder und wussten, wie man so etwas macht – einen Tee brauen. Oder unter der Regie der ältesten Schwester ganze Theaterstücke einüben, die man den Eltern, wenn sie endlich mal wach waren, voller Stolz vorführte. Oder heimlich den Kühlschrank plündern, weil man glaubte, die Eltern bekämen nichts mit davon, weil sie ohnehin zu tief schliefen. Aber sonderbarerweise bekamen sie solche Dinge immer mit, auch wenn alles andere nicht durch ihre bleierne Müdigkeit dringen konnte. Am Ende hatte man an einem solchen Nachmittag so viel Spass, dass man froh war, dass die Eltern sich nicht hatten aufraffen können, irgend ein Programm durchzuziehen. In der verklärten Erinnerung sind jene Sonntagnachmittage die schönsten Stunden einer Kindheit, die ohnehin viel besser, fröhlicher, unbeschwerter und sonniger war.

Wie bei so vielen Dingen im Leben geht es auch beim Sonntagnachmittag darum, aus welcher Perspektive man ihn anschaut. Die Kinder, die damals die Erwachsenen so furchtbar öde fanden, sind heute selber erwachsen und wissen, wie sehr einem die ganze Verantwortung, die man damals noch nicht zu tragen hatte, zu schaffen machen kann. So sehr, dass sie heute diejenigen sind, die nur einen tiefen Seufzer von sich geben, wenn die Kinder fragen, ob man nicht mal wieder schlitteln gehen könnte. Sie sehnen sich nach den unbeschwerten Stunden von damals und erkennen nicht, dass sie einen Hauch davon wieder haben könnten, wenn sie mit ihren Kindern auf dem Schlitten sässen und ihnen der kalte Wind um die Ohren bliese. Sie glauben, ihre Kindheit damals sei viel schöner gewesen als diejenige der Kinder heute und sehen dabei nicht, dass die heutigen Kinder sich den Spass nicht nehmen lassen, auch wenn auf den Strassen mehr Autos fahren, die Spielsachen nicht mehr so stilvoll sind und die Wiese rund ums Haus leider nicht mehr so gross ist wie diejenige, die das eigene Elternhaus umgab. Die Welt, die in unseren Augen so schrecklich ist, erscheint in den Augen der Kinder noch so wunderbar, wie sie wohl einst mal war.

Die Kinder, die heute Kinder sind, schütteln genauso verständnislos die Köpfe ob der erwachsenen Trägheit und wissen noch nicht, dass in nicht allzu vielen Jahren sie diejenigen sein werden, die ihren Allerwertesten nicht mehr hochkriegen, um ein wenig Spass zu haben. Sie wissen auch nicht, dass die Erwachsenen schon wollten, wenn sie denn noch könnten. Sie wissen nicht, dass sich ihre Eltern ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich vom Alltagsstress so sehr vereinnahmen lassen, dass sie sonntagnachmittags nur noch ausspannen mögen. Und schon gar nicht wissen sie, dass ihre heimlichen Raubzüge durch die Vorratskammer, ihre fantasievollen Geschichten, die sich erst so richtig entspinnen können, wenn sich die Kinder frei von elterlicher Kontrolle fühlen, ihre chaotischen Experimente und was sie sonst noch an so einem Nachmittag anstellen mögen, den elterlichen Augen nicht verborgen bleiben.

Denn so ist das nun mal mit uns Eltern: Wir mögen zwar schlafen, aber wir wissen, dass wir auch im Schlaf die Verantwortung nie ganz abgeben und darum kriegen wir fast alles mit, auch wenn wir die Augen fest geschlossen haben.

Sollen wir? Oder doch lieber nicht?

Morgen verreist unser Au-Pair in die Weihnachtsferien und so langsam muss ich der Tatsache ins Auge sehen, dass sich ihre Zeit bei uns ihrem Ende zuneigt. Im Januar wird sie noch einmal für ein paar Wochen zurückkommen, bevor es für sie und für uns weitergeht. Bis heute habe ich die Tatsache verdrängt, weil ich einfach nicht will, dass sie geht. Und die Kinder und „Meiner“ auch nicht. Und noch mehr als vor dem Ende ihrer Zeit bei uns graut mir vor dem Anfang mit einem neuen Au-Pair. Zweimal im Leben wird man ja wohl kaum das Glück haben, jemanden zu finden, der wie ein Puzzlestück ins verrückte Bild unseres Familienlebens passt.

Aber wie dem auch sei, eine Lösung muss her. Ohne fremde Hilfe schaffen „Meiner“ und ich es einfach nicht, Kinder, Jobs, Haushalt, Freizeit und Freunde zu jonglieren. Also wäre es nur logisch, wenn ich heute Abend mal wieder ein Familienprofil zusammenstelle, um ein neues Au-Pair zu finden. Aber wer denkt denn schon logisch, wenn es darum geht, einen Menschen zu sich einzuladen, der alles mit uns teilt? Der mein zerknittertes Gesicht in den frühen Morgenstunden zu sehen kriegt, der mich erlebt, wenn ich mal wieder mit den Nerven am Ende bin, der hin und wieder auch miterlebt, wie meiner und ich uns anschnauzen können, bevor wir uns wieder versöhnen. Was, wenn wir niemanden finden, der es mit uns aushält? Was, wenn wir jemanden erwischen, mit dem wir es nicht aushalten können? Ich vermute, ich werde mir all die Fragen noch etwas länger durch den Kopf gehen lassen, bevor ich mich entscheiden kann, ob wir wieder sollen oder nicht. Und bis diese Frage geklärt ist, werde ich mich eben einfach daran freuen, dass es bei diesem Mal so perfekt gepasst hat.