Gedanken auf dem Kirschbaum

Warum gibt es erwachsene Menschen, die sich Ende April, wenn die Kirschbäume in voller Blüte stehen, darüber beklagen, die Kirschen im Laden seien so furchtbar teuer? Ist es so schwer zu verstehen, dass man einen gewissen Preis zu zahlen hat, wenn man vor der Saison Kirschen essen will? Und warum kommen genau diese Menschen, die uns im April die Ohren voll gejammert haben, jetzt nicht zu uns, um sich gratis Kirschen abzuholen?

Manchmal werfen mir Menschen Inkonsequenz vor, weil ich aus Gewissensgründen kein Fleisch esse, bei Obst aber bedenkenlos zugreife. Doch ich bringe den Baum ja nicht um, sondern esse, was er ohnehin früher oder später zu Boden fallen liesse. Und so, wie meine Kinder Kirschkerne in der Gegend herumspucken, helfen wir dem guten alten Baum gar bei der Fortpflanzung.

Der Bauernverband empfiehlt, das Kilo Kirschen für 6 Franken 50 zu verkaufen. Mama Venditti pflückt 8 Kilo Kirschen. Wie viel Geld würde sie einnehmen, wenn sie die Kirschen am Strassenrand verkaufen würde, anstatt sie ihren Kindern aufzutischen? In der Migros kostet das Kilo Kirschen heute10 Franken 60. Wieviel Geld hätte Mama ausgegeben, wenn sie ihren Kindern die 8 Kilo Kirschen hätte kaufen müssen?

Hoffentlich sieht mir keiner dabei zu, wie ich im Geäst herumklettere, das Telefon am Ohr, den Korb mit den Kirschen an der Schulter.

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Wir sind doch keine Hobbygärtner

Hobbygärtner nennen sie uns etwas verächtlich und sie liegen damit ja nicht vollkommen falsch. Wir sind keine Profis, werden es nie sein und wollen es auch nicht sein. Dennoch stört mich die Bezeichnung „Hobbygärtner“, denn wir machen uns die Finger ja nicht bloss schmutzig, weil uns sonst langweilig wäre. Wenn wir in der Erde buddeln, verfolgen wir weitaus höhere Ziele.

Wir wollen, dass unsere Kinder miterleben, wie aus winzigen Samen etwas Grossartiges wird, sei es nun essbar oder „nur“ schön. Wir wollen die Gewissheit, alles in unserer Macht stehende getan zu haben, um Nahrungsmittel auf unsere Teller zu bringen, von denen wir wissen, woher sie kommen und wie sie aufgewachsen sind. Unsere Gärten sollen ein Festbankett für Schmetterlinge, Bienen, Hummeln und anderes Getier sein, unser Gemüse soll sich ernähren von dem, was auf dem Komposthaufen verrottet ist. Unsere Bäume sollen nicht nur Obst tragen, sondern auch unseren Kindern als Klettergerüst dienen – wenn die Zweige nicht gerade voller Blüten oder voller Obst sind. Wir wollen Gemüsesorten ziehen, die man nicht in jedem Laden kaufen kann und die Schnecken halten wir lieber mit Blumen – oder notfalls mit Salz – von diesem Gemüse fern. Wir wollen Gärten, in denen man nicht lange still sitzen kann, weil es immer etwas zu beobachten gibt, vielleicht auch etwas zu jäten oder zu ernten. Wir wollen nicht perfekte Schönheit, sondern buntes, abwechslungsreiches Leben.

Wie? Das klingt euch alles etwas zu idyllisch? Das kann ich leider nicht verhindern. Wir sind nämlich keine Hobbygärtner, sondern Garten-Idealisten.

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Und als Ausgleich zehn Dinge, die mich zutiefst glücklich machen

* Frisch geschleuderter Honig, geschenkt von Menschen, die ihn selber geschleudert haben. Kostbarer geht’s fast nicht, finde ich.

* Wenn ich mit einem oder mehreren Kindern lachend und schwatzend durch die Strassen gehe und wir erstaunte Blicke von Passanten ernten. Ihr glaubt gar nicht, wie befremdlich es gewisse Menschen finden, wenn Mütter mit ihren Kindern herumalbern. (Schnauze ich meine Brut in der Öffentlichkeit an, dreht sich übrigens kaum je einer nach uns um.)

* Wenn es spät abends zu regnen anfängt und am Morgen wieder die Sonne scheint. Von mir aus dürfte der ganze Sommer so sein.

* Dass „Meiner“ und ich es trotz allem noch miteinander aushalten. Ach, was untertreibe ich da? Ich liebe diese Nervensäge noch immer.

* Blütendüfte beim Abendspaziergang (natürlich nicht zu spät am Abend, weil es dann ja gefälligst regnen soll).

* Die Vielfalt an Menschen, mit denen wir grössere und kleinere Bruchstücke unseres Lebens teilen dürfen.

* Dass die Kätzchen innert kürzester Zeit begriffen haben, wo das Geschäft hingehört. Okay, vielleicht macht mich das nicht gerade zutiefst glücklich, aber doch sehr zufrieden. Vor allem, wenn ich bedenke, dass der gute Gottegris noch immer… Ach, lassen wir das, wir reden hier von schönen Dingen.

* Heidelbeeren

* Das Gefühl, gesegnet zu sein. Überkommt mich immer dann, wenn uns aus heiterem Himmel etwas unglaublich Gutes zustösst.

* Dass ich wieder gelernt habe, Tränen zu lachen.

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Ihr könnt mich mal, ihr Eisheiligen!

Glaubt ihr wirklich, ich liesse mich von euch noch länger davon abhalten, endlich richtig loszulegen im Garten? Wie um alles in der Welt soll ich an einem Tag wie heute meinen Tomatenpflänzchen beibringen, dass sie noch länger im engen Gewächshaus ausharren müssen, weil ihr seit jeher den Ruf habt, besonders kalt zu sein? Wie soll ich die Kürbisse noch länger auf meinem Fensterbrett wuchern lassen, wo doch ihr Hügelbeet schon längst schön aufgewärmt ist von der Sonne? Was sollen die Melonen denken, wenn ich sie trotz bester Wetterprognose dazu zwinge, im Haus zu bleiben, weil das Gewächshaus noch von den Tomatensetzlingen in Beschlag genommen wird? Ihr müsst doch einsehen, dass ich das meinen lieben Pflänzchen nicht antun kann. 

Nein, seid jetzt bitte nicht eingeschnappt. In anderen Jahren erweise ich euch ja gerne die Ehre. Aber doch nicht jetzt, wo schon bald einmal die ersten Erbsen erntereif sind. Letztes Jahr genossen das Prinzchen und ich die ersten Erbsen am 15. Juni – ja, ich weiss das noch, ich habe es in meinem Blog dokumentiert – dieses Jahr wird dies spätestens am 15. Mai der Fall sein. Meine Fenchel, die schon seit Wochen draussen sind, sehen bedeutend schöner und kräftiger aus als das Zeug aus dem Gewächshaus, das sie einem in der Landi andrehen wollen. An unserer Südmauer, wo das wärmeliebende Gemüse wachsen soll, ist schon längst der Sommer eingekehrt. Und für den allerschlimmsten Notfall liegt ja noch das wärmende Vlies bereit. Da müsst ihr doch verstehen, dass ich jetzt einfach nicht mehr länger warten kann

Verzeiht mir also, wenn ich dieses eine Mal keine Rücksicht auf euch nehmen mag. Und bestraft mich gefälligst nicht mit einem schlimmen Temperatursturz. 

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Beschäftigt

Heute keine Zeit zum Bloggen, denn morgen ist Markttag. Gipfeli, Pain au Chocolat, Granola, Bilder von „Meinem“, Pasta, Setzlinge, Fotokarten, etc. Kommt doch vorbei, wenn ihr zufällig im Raum Schönenwerd seid.

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Weil auch hier nicht das Paradies ist…

Weshalb wir im Sommer überhaupt in die Ferien fahren würden, wollte il Cuginos grosser Bruder von mir wissen. Bei uns sei es so traumhaft schön, da könnte man doch eigentlich immer zu Hause bleiben. Die Frage überraschte mich nicht,  befanden wir uns doch gerade bei strahlendem Sonnenschein auf einer grünen Wiese, umgeben von blühenden Bäumen und bunten Frühlingsblumen. Zwitschernde Vögel, Kirchenglocken und ein vor Freude kreischendes Prinzchen sorgten für die perfekte Geräuschkulisse. Ja, bei uns ist es tatsächlich schön, dachte ich. Und für Gäste aus Süditalien, die mit Erstaunen feststellen, dass hierzulande eine öffentliche Wiese gemäht und gepflegt wird, muss das alles noch viel schöner aussehen. 

Warum also verreisen? Weil unser Leben leider nicht so beschaulich ist, wie die Kulisse, vor der es sich abspielt. Sind wir zu Hause, dann sind wir auch verfügbar. Für Besprechungen, spontane Arbeitsaufträge, Therapiegespräche, Tierarztbesuche, kaputte Haushaltgeräte, Werbeanrufe, Kinder chauffieren… Bleiben wir hier, beinhalten auch Ferientage eine gehörige Portion Alltag, was nicht nur schlecht ist, denn auch der Alltag hat einige ganz nette Dinge zu bieten. Eine spontane Kaffeerunde mit dem Nachbarn, zum Beispiel, Nachbarskinder, die bis zum Eindunkeln mit unseren Kindern herumtoben, Setzlinge auspflanzen,… So richtig zur Ruhe kommen wir aber nie, wenn wir zu Hause sind, nicht mal dann, wenn wir uns einmal zum süssen Nichtstun durchgerungen haben. Dann klingelt nämlich bestimmt das Telefon…

Darum verreisen wir, wann immer es unser Budget zulässt. Und natürlich auch, weil es nicht nur hier traumhaft schön sein kann, sondern an ganz vielen anderen Orten auf diesem Planeten ebenso. 

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Von wegen nutzlos

In den Gemüsegärten meiner Kindheit fristeten Blumen ein Schattendasein. Blumen könne man eben nicht essen, erklärten die Gemüsegärtner, wenn man sie fragte, weshalb es in ihren Gärten nicht bunter sei. Bereits nach dem Genuss meiner ersten Kapuzinerkresse-Blüte ahnte ich, dass diese Gärtner irrten, doch wie weit sie mit ihrer Meinung daneben lagen, wird mir erst allmählich bewusst.

Oh nein, es wäre mir nie in den Sinn gekommen, auf Blumen im Garten zu verzichten. Ihre Schönheit genügt mir vollauf, um ihnen Platz zu schaffen. Mehr und mehr erkenne ich aber, dass es ohne sie gar nicht geht. Mein Wissen auf diesem Gebiet ist zwar noch sehr beschränkt – Rittersporn gegen Engerlinge, Futterpflanzen für Bienen und Schmetterlinge, Ringelblumen, Salbei, Kapuzinerkresse und Bartnelken gegen Schnecken -, doch zweifelsohne gibt es da einige in Vergessenheit geratene Gartenweisheiten, von denen mein Garten viel profitieren könnte. Und darum werden ab sofort die Blümchen mit gleich viel Hingabe gehätschelt wie bis anhin nur die Tomaten.

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Wenn sich ein Versicherungsvertreter ankündigt…

… dann schaffen „Meiner“ und ich es zum ersten Mal in diesen Frühlingsferien, vor den Kindern aus dem Bett zu kommen und ein paar ungestörte Minuten zum Tagesstart zu geniessen. 

…dann herrscht endlich wieder mal Ordnung im Haus, weil wir uns dazu gezwungen sehen, ein wenig aufzuräumen.

…dann diskutieren wir im Voraus darüber, ob wir glücklich sind mit unserer Krankenkasse, oder ob wir uns eine Neue aufschwatzen lassen sollen.

…dann legen wir eine Zeitlimite für das Gespräch fest, damit wir uns nicht wieder in den Beziehungsproblemen des Vertreters verheddern und ihm stundenlang zuhören müssen.

…dann wünschen wir uns, wir hätten nicht ja gesagt zu diesem Termin.

Und wenn dann der Herr Versicherungsvertreter einfach nicht erscheinen will, sitzen wir plötzlich in einer aufgeräumten Wohnung, vor uns ein nettes kleines Zeitgeschenk, das wir ganz nach unserem Belieben nutzen können. „Meiner“ hat sich dazu entschieden, das Esszimmer neu zu streichen und ich habe derweilen mit dem Umtopfen meiner unzähligen Tomatensetzlinge dafür gesorgt, dass die Wohnung nicht allzu lange sauber bleibt. Manchmal ist es eben doch nicht so schlecht, einen Versicherungsvertreter einzuladen. Ich hoffe bloss, er steht dann nicht morgen oder übermorgen vor der Tür…

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Schon schön, aber…

Klar doch, ich liebe es auch, unter dem blühenden Kirschbaum zu stehen und den wolkenlosen Himmel zu betrachten. Ich freue mich über die Bienen, die zahlreicher herumsummen als in den letzten Jahren. Mehrmals am Tag mache ich eine kurze Runde ums Haus, um die Osterglocken zu bewundern, die Aurikel, die Veilchen, den Löwenzahn… Manchmal bin ich meinen Kindern peinlich, weil ich mit allem rede, was da spriesst und gedeiht, zum Beispiel mit der Brennessel, die ich zwar in meinem Garten haben will, aber nicht dort, wo sie zu wachsen beliebt, weshalb ich sie zum Umzug auffordern muss. Und natürlich schlägt mein Herz höher, wenn ich wieder mit nackten Füssen in der kühlen Erde stehen kann.

Doch kühle Erde hat es nur dort, wo ich das Beet frisch aufgefüllt habe. Die Erde, die vom letzten Jahr noch da ist, fühlt sich staubtrocken an, egal, wie oft ich sie befeuchte. Auch wenn ich tiefer grabe, finde ich keine Feuchtigkeit, es sei denn, ich erwische einen Katzendreck. (Nebenbei gesagt: Wann begreift dieser Gottegris endlich, dass eine Katze nie in den eigenen, sondern stets in Nachbars Garten macht?) Jeden Abend mache ich die Runde mit der Giesskanne, zweimal habe ich gar den Gartenschlauch hervorgeholt, gerade so, als hätten wir Hochsommer.

Nein, ich will mich nicht über den Sonnenschein, das Vogelgezwitscher und die Blütenpracht beklagen. Zu Denken gibt mir die andauernde Trockenheit aber trotzdem.

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Bittersüss

Für etwas mehr Gemüsegartenfläche bin ich immer gern zu haben. Habe ja auch unzählige Keimlinge, die bald einen Platz zum Wachsen finden sollen. Die zusätzliche Fläche war diesmal schnell bereit: Holzdeckel weg, zwei morsche Bretter entfernen, sieben Sack Erde und zwei Sack Kompost – fertig war das neue Beet. Eigentlich hätte ich jubeln müssen, doch stattdessen betrachtete ich mein Tagewerk mit einem Kloss im Hals. Dort, wo bald schon Fenchel, Karotten und Schwarzwurzeln wachsen werden, buken unsere Kinder Sommer für Sommer ihre Sandkuchen. Eine Zeit lang waren es ganz viele Sandkuchen, dann wurden es weniger, bis die Produktion letzten Sommer fast ganz eingestellt wurde. Zeit also, den Sandkasten anderweitig zu nutzen.

Wehmütig betrachtete ich die wenigen Förmchen, die noch zurückgeblieben waren. Ich dachte zurück an jenen Frühlingsnachmittag, an dem Karlsson und seine um zwei Jahre ältere Cousine mit einer Schaufel eine riesige Hausspinne totschlugen und sich dann einen Saison lang nur in den Sandkasten trauten, wenn ich ihn vorher auf Spinnen abgesucht hatte. Ich erinnerte mich an die Flusslandschaften, die der FeuerwehrRitterRömerPirat jeweils mit grosser Ausdauer erschuf. Ich versuchte nachzurechnen, wie viele Kinder in diesem kleinen Quadrat glückliche Stunden verbracht hatten. Ja, ich freue mich über mein neues Gartenbeet, aber es schmerzt mich, das Kapitel „Sandkasten“ abzuschliessen.

Als ich den schweren Deckel des Sandkastens wegtrug, traf ich meine Mutter, die dabei war, den Gartenweg zu kehren. Plötzlich erinnerte ich mich daran, wie sie in dem Rund, in dem wir als Kinder unzählige glückliche Sand-Stunden verbracht hatten, Fetthennen anpflanzte, nachdem wir dem Sandkasten entwachsen waren. Gut fünfzehn Jahre später legte sie in ihrem neuen Zuhause, das heute auch unser Zuhause ist, einen Sandkasten für ihre zahlreichen Enkel an. Auch eine Schaukel bekamen die Enkel und eine Rutschbahn, ja, sogar ein liebevoll eingerichtetes Spielzimmer, das mit allem ausgestattet ist, was Kinderherzen höher schlagen lässt.

Der Anblick meiner Mutter tröstete mich über den Abschiedsschmerz hinweg. Irgendwann – so hoffe ich – wird es bei uns wieder einen Sandkasten geben, vielleicht auch eine Schaukel, eine Rutschbahn und ein Spielzimmer. Darüber freue ich mich.

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