Verleumdung

Morgen hat Luise Geburtstag und deshalb fuhr ich gestern Nachmittag mit dem Zoowärter und dem Prinzchen in die Stadt, um die Geschenke zu besorgen. Danach, so dachte ich, würde ich mit den beiden Kleinen noch in die Ikea fahren, um dem Prinzchen ein neues Bett zu kaufen. Nachdem ich aber das Prinzchen zum dritten Mal innert drei Minuten unter einem Regal hervorziehen musste, unter das er sich verkrochen hatte, beschloss ich, dass der kleine Strolch auch noch eine Woche länger im Gitterbett schlafen kann. Nach Coop, Migros und Manor war ich mit meinen Nerven derart am Ende, dass Ikea einfach zu viel gewesen wäre. Folglich kamen wir deutlich früher, aber nicht minder erschöpft, wieder zu Hause an.

„Meiner“ war ziemlich erstaunt, uns so bald schon wieder zu sehen und fragte den Zoowärter, wo wir denn gewesen seien. „Bei Aldi und Ikea“, gab der kleine Verleumder zur Antwort und zeigte das Getränkefläschchen, das ich ihm gekauft hatte. „Das hier hat mir Mama bei Aldi gekauft.“ „Und, habt ihr jemanden getroffen?“, wollte „Meiner“ wissen. „Nein, keiner hat uns hallo gesagt“, antwortete der Zoowärter beleidigt. Ihr wisst ja, wie das mit den Gerüchten ist. Einmal draussen, lassen sie sich nicht mehr einfangen und so konnte ich dementieren, so viel ich wollte, die Mär verbreitete sich dennoch in sich in Windeseile und heute Morgen, als Luise das Prinzchen fragte, wo wir denn ihre Geschenke gekauft hätten, meinte er ohne zu zögern: „Aldi und Kikea“.

Morgen werden die zwei dann wohl in der Krippe erzählen, sie hätten das Wochenende bei Aldi und Ikea verbracht und übermorgen, wenn ich einkaufen gehe, wird man mich in der Migros nicht mehr grüssen, weil ich angeblich ins Lager der Verräter gewechselt habe.* Dabei ist an der Sache wirklich nichts dran, ich kann sogar die Quittungen vorlegen, um es euch zu beweisen. Dumm ist nur, dass uns gestern, als wir in der Stadt waren, tatsächlich keiner hallo gesagt hat und darum habe ich keine Zeugen, die meine Aussage bestätigen könnten. Nun gut, der Zoowärter und das Prinzchen könnten natürlich schon bezeugen, wo wir tatsächlich gewesen sind, aber mir scheint, dass die momentan lieber die Mama verleumden, als die Wahrheit zu sagen.

* Deutsche Leser mögen sich vielleicht fragen, warum ein Einkauf bei Aldi als Verrat gilt. Dazu muss man wissen, dass man bis vor wenigen Jahren in der Schweiz entweder Migros- oder Coop-Kunde war, so, wie man reformiert oder katholisch ist. Seit dem Markteintritt von Aldi und Lidl ist ein wahrer Glaubenskrieg entbrannt und die Menschen müssen sich ganz neu zu dem Geschäft ihrer Wahl bekennen. Ich, zum Beispiel, bin eine glühende Anhängerin der Migros und habe bis vor wenigen Jahren Coop gemieden, wann immer ich konnte. Der Migros bin ich treu geblieben, aber seitdem Aldi und Lidl hier sind, finde ich Coop nicht mehr ganz so schlimm, weshalb ich notfalls auch mal dort einkaufe. Gut, ich kämpfe jedes Mal mit meinem schlechten Gewissen, wenn ich mal wieder im falschen Laden war, aber vielleicht bewege ich mich so ganz allmählich in Richtung Einkaufs-Oekumene.

Sei doch nicht so eingeschnappt

Es war einmal ein Junge. Der einzige Sohn einer sehr überbehütenden Italienischen Mama, die nur das Allerbeste für ihren Sohn wollte. Als echte Italienische Mama wusste sie natürlich ganz genau, wie das Allerbeste für ihren Sohn auszusehen hatte: Kommoden, die bis obenhin vollgestopft waren mit Schlafanzügen und Unterwäsche, die noch in der Verpackung war und die auch in der Verpackung bleiben musste bis zu dem Tag, an dem der Sohn vielleicht einmal notfallmässig ins Spital eingeliefert werden musste. Regale, die sich bogen unter der Last von sündhaft teuren Pfannen, Kristallgläsern, Tischtüchern, Satinbettwäsche und Besteckgarnituren. Alles bereit für den Tag, an dem der einzige Sohn eine gross gewachsene, häusliche Italienerin zum Traualtar führen würde. Schubladen, die sich kaum öffnen liessen, weil darin mehr Süssigkeiten lagen, als der Junge je alleine hätte essen können. Ja, die Mama gab wirklich alles für ihr Kind.

Aber war der Sohn etwa dankbar für die Grosszügigkeit seiner Mama? Im Gegenteil. Anstatt seiner Mama freudig um den Hals zu fallen, als sie ihm zum fünfzehnten Geburtstag die Pfannen für seinen zukünftigen Haushalt schenkte, hatte er nur Spott und Hohn übrig für das sündhaft teure Geschenk. Wenn sie jeweils die zu klein gewordenen Schlafanzüge und die Unterwäsche, die noch in der Verpackung war, aussortierte, weil der medizinische Notfall nicht eingetreten war, lachte  er seine Mama aus und meinte, sie hätte das Geld besser für etwas anderes ausgegeben. Zum Eclat kam es, als der Sohn zwanzig wurde: Die Mama wollte ihm auf Biegen und Brechen eine Rado-Uhr schenken, der Sohn wollte davon nichts wissen und verlangte stattdessen eine Staffelei. Also bekam der Sohn nichts. Geschah ihm ganz recht, wo er doch einfach nicht einsehen  wollte, dass eine Italienische Mama immer Recht hat. Natürlich war die Mama zutiefst beleidigt, dass ihr Sohn nicht sehen wollte, was das Allerbeste für ihn war.

Heute, viele Jahre später, ist aus dem Jungen ein Papa geworden. Kein Papa eines Einzelkindes, Gott bewahre! So etwas wollte er seinen Kindern nie antun und deswegen zeugte er gleich deren fünf. Und weil der Sohn auch sonst nicht viel von den Werten seiner Mama hielt, zeugte er diese Kinder nicht mit einer gross gewachsenen, häuslichen Italienerin, sondern mit einer klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerin. Radikaler kann man sich wohl nicht von seiner Herkunft lossagen und man weiss nicht, ob die Mama diesen Bruch mit dem, was ihm seine Eltern mitgegeben haben, je ganz verzeihen wird.

Nun, ganz gebrochen hat er ja nicht mit seiner Herkunft, der Sohn. Eines hat er beibehalten: Er will das Beste für seine Kinder. Das Beste, das heisst bei ihm viel Liebe, miteinander reden, miteinander die Welt entdecken, Bilder für die Kinder malen, sie ermutigen  – und ihnen hin und wieder einen neuen Pyjama kaufen, wenn gerade etwas im Angebot ist. Man kann ja nie wissen, ob die Kinder nicht demnächst aus der Nachtwäsche herauswachsen werden und dann ist man doch froh, wenn man schon etwas Neues zur Hand hat.

Nun hat dieser Papa einen ältesten Sohn, der sehr stark nach seiner klein gewachsenen, unhäuslichen Schweizerischen Mama geraten ist. Das drückt sich in vielerlei Hinsicht aus, unter anderem auch darin, dass der Sohn keinen Laden so sehr verabscheut wie Aldi. Und ausgerechnet in diesem verabscheuungswürdigen Laden musste der Papa, der ohne es zu wollen einen Charakterzug seiner Mama geerbt hat, heute einen neuen Schlafanzug für seinen Ältesten kaufen. Immerhin hatte er genügend Feingefühl, seinem Sohn zu verschweigen, woher das schöne Stück kam und so schlüpfte der Sohn schnell in den neuen Anzug. Ebenso schnell schlüpfte er wieder raus, nachdem ihm seine Schwester verraten hatte, woher das Ding kam. „Ich trage nichts von Aldi“, verkündete der Sohn trotzig und bot seinem Papa an, er würde ihm den vollen Kaufpreis zurückerstatten, auch wenn er eigentlich sein Geld für die Sommerferien in Prag sparen wolle. Lieber weniger Taschengeld, als etwas aus einen Laden besitzen, in den man keinen Fuss setzen würde.

Und wie reagierte der Papa auf die Rebellion seines Sohnes? Na, wie wohl? Eingeschnappt natürlich. So, wie man das eben macht, wenn das Kind nicht respektieren will, dass der Papa, auch wenn er nicht mehr sonderlich Italienisch ist, dennoch hin und wieder das Gefühl hat, das Beste für sein Kind sei ein neuer Schlafanzug.

Das geht schon

Manchmal zweifelt man ja ernsthaft daran, ob man es schaffen wird, noch müder zu werden. Aber glaubt mir, man muss das nur wollen und sich dazu noch genügend anstrengen, dann schafft man das schon.

Ämtliplan

Glaubt mir, ich war von Anfang an dagegen, dass wir unseren Kindern einen Ämtliplan machen. Ein Ämtliplan, liebe deutsche Leserinnen und Leser, ist ein Plan, in dem eingetragen wird, welches Kind wann welche Hausarbeit erledigen muss. Ich weiss, viele Familien schwören auf solche Pläne. Mir aber waren sie seit jeher suspekt. Schon damals, als ich noch ein Kind war und mir nicht sicher war, ob das nun Äntliplan (Entchenplan) oder Ämtliplan heisst. Später, als ich Mutter wurde, schwand meine Skepsis nicht, denn wenn ich schon selber nicht die Disziplin aufbringen kann, mich in Haushaltsfragen an einen Plan zu halten, wie soll ich erst überwachen, ob die Kinder schön brav tun, was sie tun sollten? Jetzt aber, wo „Meiner“ sich so langsam darauf einstellt, Teilzeit-Hausmann zu werden, musste ich ihn wohl oder übel gewähren lassen, als er beschloss, dass unsere Kinder ab sofort alle zwei Tage eine neue Aufgabe übernehmen sollten: Tisch abräumen, Lavabo und WC putzen, Schuhe aufräumen, Grünabfall heruntertragen, Bilderbücher aufräumen. Versteht mich nicht falsch, auch ich will, dass unsere Kinder bei diesen Dingen mithelfen und auch an den Tagen, an denen ich der Chef im Hause bin, müssen sie mit anpacken. Nur verläuft bei mir nichts nach Plan, sondern nach Aufgaben, die eben gerade erledigt werden müssen. Deshalb wurde mir, als ich den Plan sah, ein wenig mulmig und mein Gefühl sollte mich nicht täuschen: Der erste Tag mit Ämtliplan war ein Debakel.

Zumindest aus meiner Sicht, die Kinder machten nämlich erstaunlich motiviert mit. Nur scheint es, dass sie das Ganze auf etwas eigenwillige Art und Weise interpretieren. Der Zoowärter, zum Beispiel, hat heute und morgen die Pflicht, nach jeder Mahlzeit beim Abräumen des Esstischs zu helfen. Er sei heute und morgen der Küchenchef, verkündete er voller Stolz und dann erklärte er uns auch sogleich, was er unter seinem Amt versteht: „Wenn der FeuerwehrRitterRömerPirat und Luise am Tisch streiten, dann sage ich ihnen, dass sie aufhören müssen. Und wenn die anderen zu laut sind, dann sage ich, dass sie ruhig sein müssen.“ Während seiner Ausführungen sass er seelenruhig am Tisch und sah dabei zu, wie „Meiner“ und ich seine Arbeit erledigten. Unsere Ermahnungen, dass zum Amt des Küchenchefs auch das Abräumen des Tisches gehöre, überhörte er geflissentlich.

Während der Zoowärter – ähnlich wie seine Mutter übrigens – lieber über Hausarbeit redet, als sie zu erledigen, stürzten sich Lusie und der FeuerwehrRitterRömerPirat mit so viel Eifer in ihre neue Aufgabe, dass bald schon die Fetzen flogen. Luise, die eigentlich nur schnell mit einem feuchten Lappen das Lavabo hätte abwischen müssen, bestand darauf, dass sie auch noch das WC und sämtliche Spiegel mit Putzmittel und Haushaltpapier reinigen wolle. Gleichzeitig entdeckte der FeuerwehrRitterRömerPirat beim Aufräumen der Bilderbücher, dass die Salontischchen und die Wohnzimmerfenster nicht ganz blitzblank waren, was er unmöglich so sein lassen konnte. Ich meine, immerhin hatte er eine wichtige Aufgabe zugeteilt bekommen, die er nun auch seriös erledigen wollte. Dumm war nur, dass Luise weder Putzmittel noch Haushaltpapier hergeben wollte und dass Mama, die miserable Hausfrau, keine zweite Garnitur zur Hand hatte. Und so zankten sich die zwei um die letzten Fetzen der Küchenrolle und um die Sprühflasche, die keiner von beiden aus der Hand geben wollte, wenn er sie mal geschnappt hatte. Dass diese zwei so karriereversessen sind, hätte ich wohl ohne diesen Ämtliplan nie herausgefunden, aber ich versichere euch, dass ich nach einem anstrengenden Arbeits- und Familientag, an dem ich auch noch die Kinder alleine ins Bett bringen musste, ganz gerne darauf verzichtet hätte, kurz vor acht Uhr abends diesen Charakterzug in meinem zweiten und meinem dritten Kind zu entdecken.

Nun mögt ihr ja vielleicht denken, das mit dem Ämtliplan sei doch ein durchschlagender Erfolg, denn Kinder, die mehr tun wollen, als man von ihnen verlangt, seien doch viel besser als Kinder, die sich weigern, einen Finger krumm zu machen. Und bis zu einem gewissen Grad teile ich diese Meinung ja auch. Aber mir wurde heute zum ersten Mal bewusst, dass meine Tage als halbherzige Hausfrau wohl gezählt sind. Bald wird es nämlich heissen: „Los, Mama, pack mal mit an. In diesem Haus sieht’s ja aus wie in einem Schweinestall. Und glaub bloss nicht, wir würden all die Arbeit alleine machen. Du lebst hier doch nicht im Hotel…“

Frau, Kind und Job

Ist frau kinderlos und vollzeitlich berufstätig, dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie glaubt, gestresst zu sein. „Vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer nur Arbeit“, seufzt sie „und wenn man abends nach Hause kommt, sollte man auch noch haushalten. Ich glaube, ich werde schwanger, schmeisse meinen Job und geniesse das Glück im trauten Heim.“

Also bekommt frau ein Kind, gibt sich voll und ganz der neuen Aufgabe hin, stillt, so lange sie kann, kocht Bio-Brei, steht nachts zehn mal auf, geht täglich an die frische Luft, hält die Wohnung blitzsauber, damit auch ja keine verschluckbaren Kleinteile in der Wohnung herumliegen, die das Leben des Krabbelkindes gefährden. Rund um die Uhr ist sie im Einsatz und eines Tages, vielleicht schon beim ersten Kind, vielleicht aber auch erst beim Dritten, dämmert ihr, dass sie früher, als sie noch berufstätig war, keine Ahnung davon hatte, was Stress ist. „Wie war ich doch naiv damals“, schimpft sie mit sich selber. „Ich glaubte, gestresst zu sein, dabei war damals alles noch so schön überschaubar. Ich glaube, ich suche mir einen Job. Damit ich hin und wieder ein wenig entspannen kann.“

Wenn frau Glück hat, findet sie tatsächlich einen Job. Wenn sie noch mehr Glück hat, findet sie auch noch einen Krippenplatz dazu. Und wenn sie sehr viel Glück hat, dann hat sie einen Mann, der sein Pensum reduzieren kann, so dass sie ihr sauer verdientes Geld nicht gleich wieder in der Krippe abliefern muss. Frau hat jetzt also beides, ihr geregeltes Leben als Berufstätige mit fixem Einkommen, bezahlten Ferien und geregelten Arbeitszeiten und ihr Leben als Mutter mit fröhlichen Bastelnachmittagen, Ausflügen in den Zoo und gemütlichen Kaffeerunden mit anderen Müttern. So zumindest hat sich das frau vorgestellt, als sie wieder berufstätig geworden ist: Von beiden Welten das Beste. Das perfekte Leben also.

Woran frau nicht gedacht hat: Kinder halten sich selten an geregelte Arbeitszeiten. Ihnen wird nicht erst dann übel, wenn Mamas Sitzung vorbei ist. Chefs nehmen wenig Rücksicht auf Stundenpläne. Sie verschieben die Sitzung nicht, weil das Kind im Kindergartentheater einen Auftritt als Wal hat. Sie hat also nicht nur von beiden Welten das Beste, sondern auch von beiden Welten den Stress. Und endlich begreift frau, dass zwischen 25 und 55 – die Zahlen können je nach Lebensentwurf variieren- ein Leben ohne Stress bloss ein schöner Traum bleiben wird.

Keine Petersilie

Okay, ich hatte ja gehofft, ihr würdet mir vorschlagen, dass ich mir Petersilie in die Ohren stopfe, um dem ewigen Lärm bei uns im Hause ein Ende zu setzen. Dann hätte ich endlich mal gewusst, wohin mit der Petersilie, die mir auch in meinem reifen Alter noch immer nicht schmecken will. Aber die Mehrheit von euch ist der Meinung, dass ich in Zukunft nur noch flüstern soll. Nun, ich habe da so meine Zweifel, ob das gut kommt, denn flüstern, wenn sechs andere Krawall machen, kann ziemlich anstrengend sein.

Aber rebellisch wie ich nun mal tief in meinem Inneren bin, werde ich ohnehin nicht tun, was ihr mir vorschlägt, auch wenn ich euch ausdrücklich nach eurer Meinung gefragt habe. Für die kommenden Tage probiere ich es mal mit dieser Methode: Halsschmerzen, die mich nicht nur am Reden, Lachen und Herumbrüllen hindern, sondern auch am Essen, was mir momentan ganz gelegen kommt, habe ich doch in den vergangenen Wochen mal wieder zu tief in den Teller geschaut. Mit diesen Halsschmerzen hoffe ich zu erreichen, dass es bei Vendittis endlich stiller wird. Denn um eine arme leidende Mama herum darf man doch einfach nicht laut sein. Jetzt muss ich nur noch herausfinden, wie ich es hinkriege, dass die Kinder bei all dem Lärm mein Stöhnen und Jammern hören können, damit hier mal endlich wieder himmlische Ruhe einkehrt.

Ach, à propos Halsschmerzen: So langsam scheine ich in meinem neuen Job Tritt zu fassen. Montag bis Freitag arbeite ich bis zum Umfallen, am Wochenende lasse ich mich von irgend einem Virus ins Bett zwingen, damit ich am Montag wieder frisch ausgeruht Raubbau an meiner Gesundheit und an meinen Nerven treiben kann.

Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?

Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

Suspekt

Nach langem Hin und Her haben „Meiner“ und ich uns nun doch dazu entschieden, nach einem neuen Au Pair zu suchen. Das bedeutet, dass ich seit einigen Tagen wieder dabei bin, die Profile all der jungen Frauen – Männer kommen bei uns nicht in Frage, weil Luise sich weigert, ein weiteres männliches Wesen in unserer Familie aufzunehmen – genau zu studieren. Neben vielen sehr sympathischen jungen Menschen gibt es da auch einige, die mir äusserst suspekt sind. Ich meine jetzt nicht diejenigen mit dem angewiderten Gesichtsausdruck, den unzähligen Piercings und der Erklärung, sie würden gerne als Au Pair arbeiten, weil sie mal endlich ihren strengen Eltern entrinnen, möglichst viel Spass und am liebsten nichts mit Kindern zu tun haben möchten. Gut, die kommen nicht in Frage für uns, da ich zwar sehr viel Verständnis für diese Wünsche habe, diese aber in unserer Familie leider nicht erfüllt werden können.

Nein, so richtig heiss und kalt läuft es mir den Rücken herunter, wenn ich Sätze wie diese lese: „Meine Eltern haben mir sehr gute Manieren beigebracht und ich würde mich selber als einen sehr moralischen Menschen beschreiben. Ich lege viel Wert darauf, den Kindern, die ich betreue, hohe Wertvorstellungen mitzugeben.“ Oder junge Frauen, die sinngemäss schreiben: „Für mich gibt es nichts Schlimmeres, als Kinder, die den ganzen Tag vor dem Fernseher sitzen. Ich werde mit Ihren Kindern tolle Spiele spielen, mit ihnen jeden Tag fünf Stunden an der frischen Luft verbringen, dafür sorgen, dass sie stets bestens verpflegt sind  und zudem dafür sorgen, dass ihr Haushalt stets in bester Ordnung ist.“ Gut, ich weiss, die jungen Frauen möchten damit wohl einfach sagen, dass sie nicht zur Kategorie „Schlampe, die den ganzen Tag Reality-TV glotzt, währenddem die Kinder sich von Chips und Cola ernähren“ gehören. Sie möchten mir zeigen, dass sie ihre Aufgabe ernst nehmen werden und dass sie mehr als nur eine Ahnung davon haben, was für Kinder gut ist und was nicht. Dennoch kommen für mich solche Frauen ebenso wenig in Frage, wie die oben erwähnten.

Warum eigentlich, wo ich doch selber ziemlich konkrete Wertvorstellungen habe und auch versuche, diese im Alltag zu leben? Wo „Meiner“ und ich doch auch viel Wert auf gesunde Ernährung, sinnvolle Freizeitgestaltung, bewussten Medienkonsum, anständige Manieren und liebevollen Umgang legen? Nun, es gibt zwei Gründe, die mich daran hindern, ein Au Pair anzufragen, das sich als die perfekte Erzieherin und Hausfrau präsentiert: Erstens misstraue ich grundsätzlich jedem Menschen, der es sich so einfach vorstellt, das, was man für richtig und wichtig erkannt hat, auch eins zu eins im Leben umzusetzen. Zu oft habe ich erlebt, dass ich trotz meiner hehren Überzeugungen genau das Gegenteil getan habe von dem, was ich hätte tun wollen: Ich habe herumgebrüllt, obschon ich tief im Innersten wusste, dass eine liebevolle Umarmung dran gewesen wäre. Ich habe die Kinder einen Film schauen lassen, obschon mir klar war, dass zwei Stunden an der frischen Luft besser gewesen wären. Ich habe ja gesagt zum Nutellabrot, auch wenn eigentlich ein Apfel sinnvoller gewesen wäre. Und das alles nur, weil es sehr anstrengend sein kann, konsequent zu sein, wenn man zum Beispiel krank auf dem Sofa liegt oder gerade mit einem Neugeborenen so beschäftigt ist, dass der stetige Kampf um die Prinzipien zu aufreibend ist. Man mag mich schwach und ohne Rückgrat nennen, aber ich für meinen Teil habe erkennen müssen, dass mir der Preis, den ich für die absolute Konsequenz bezahlen müsste, zu hoch ist.

Und dies führt mich zum zweiten Grund, weshalb mir Au Pairs, die auf absolute Konsequenz schwören, suspekt sind. Wer, wie ich, einmal zu der Sorte junger Menschen gehört hat, die allen Ernstes der Überzeugung waren, man müsste sich nur ein wenig am Riemen reissen, dann würde das schon klappen mit den perfekten Kindern und dem perfekten Haushalt, dem graut davor, einen solchen jungen Menschen zu sich einzuladen. Zu gut erinnere ich mich an meine eigene verurteilende Art, als dass ich mir heute, wo ich nicht mehr so leicht verurteilen kann, das schlechte Gewissen in Person ins Haus holen würde. Vorwürfe für mein Versagen mache ich mir schon genug, da brauche ich nicht noch jemanden im Haus, der glaubt, mir zeigen zu müssen, wie man es richtig machen würde. Nein, dann lieber jemand, der weniger perfekt, dafür aber auch etwas nachsichtiger mit meinen Fehlern ist. Und deshalb muss ich bei den „perfekten“ Au Pairs ebenso nein sagen wie bei den „gleichgültigen“.

Ach, bevor ich es vergesse: Zumindest eine der gestern gestellten Fragen hat sich geklärt. Inzwischen weiss ich, dass Monteure für Haushaltgeräte nicht nur mittwochs arbeiten, sondern auch „erst am Freitag“, wenn sie im gleichen Haushalt zwei Geräte anstatt nur eines zu reparieren haben.

Warum?

Warum muss Geschirrspüler Nummer zwei, der bis anhin nun wirklich nicht allzu arg gefordert war, ausgerechnet dann den Geist aufgeben, wenn Geschirrspüler Nummer eins eine schwere Krise durchmacht?

Warum können Monteure für Haushaltgeräte immer „erst am Mittwoch“ kommen? Arbeiten die an anderen Wochentagen nicht?

Warum muss „Meiner“, der bis heute früh den Haushalt halbwegs hat managen können, ausgerechnet dann krank werden, wenn ich feststellen muss, dass ich auch nach dem zweiten Tag im Bett noch nicht gesund genug bin, um morgen den Laden wieder zu schmeissen?

Warum müssen die Käfer, die uns im Herbst gemieden haben, ausgerechnet dann angreifen, wenn wir mal ein paar gemütliche Familientage geniessen könnten?

Warum quäle ich mich ausgerechnet dann, wenn das reale Leben ohnehin schon nervtötend ist, durch die fiktiven aber deswegen nicht minder deprimierenden Tagebücher des Adrian Mole?

Warum kommt der ganze Mist nicht schön dosiert, sondern immer als ganze Ladung auf einmal?

Warum bekommt man das Leben nicht mit einem hübschen roten Knopf – er darf von mir aus auch rosa oder gelb sein – geliefert, den man drücken kann, wenn man die irre Achterbahnfahrt mal für einen Moment lang anhalten möchte, um sich ein wenig Erholung zu gönnen?

Warum sind wir Erwachsenen so blöd, dass wir uns Erholung nur noch in Form von Kranksein gönnen?

Warum muss ich mich jetzt auch noch fragen, ob ich am Ende die einzige bin, die so blöd ist, oder ob auch andere sich immer bis zum Umfallen abmühen?

Warum kann ich an einem Tag wie heute nicht ausnahmsweise mal meine Klappe halten und still und leise vor mich hin jammern?