Befreiend

Endlich ist es draussen. Schon lange war die Sache im Raum gestanden, aber keiner wollte der Erste sein, der es laut und deutlich ausspricht. Gut, ich hatte hin und wieder eine Bemerkung fallen lassen, aber „Meiner“ hatte stets abgewiegelt. „Nein, so schlimm ist es nicht“, hatte er gesagt. Oder: „Ach komm schon, bei mir wäre es doch auch nicht besser.“ Oder: „Wenn die Kinder dann grösser sind, wird das schon wieder.“ So redeten wir um den heissen Brei herum, aber so richtig wohl war uns beiden nicht. Mir nicht, weil mich das schlechte Gewissen plagte, ihm nicht, weil er zwar sah, dass der gute Wille da war, das Resultat aber dennoch äusserst bescheiden ausfiel.

Gestern endlich nannte er das Kind beim Namen und ich war froh, dass die Sache so offen zur Sprache kam. Ich weiss nicht genau, weshalb wir ausgerechnet gestern die nötige Offenheit aufbringen konnten, um darüber zu reden. Vielleicht lag es daran, dass „Meiner“ in den vergangenen Tagen mal wieder für Ordnung gesorgt hatte. Vielleicht ist es aber auch so, dass „Meiner“ jetzt, wo ich endlich wieder eine feste Anstellung habe und nicht mehr ausschliesslich Hausfrau bin, sich freier fühlt, Dinge anzusprechen, die mich vorher verletzt hätten. Was auch immer der Grund war, ich bin froh, dass er es gesagt hat. „Meine liebe Frau“, sagte er „du hast zwar sehr viele Talente, aber im Haushalten bist du eine Niete.“ Er sagte es nicht vorwurfsvoll, nicht herablassend und schon gar nicht im Zorn. Nein, er sprach einfach das aus, was wir beide schon lange wussten, es aber nicht offen ansprechen konnten, weil wir ohnehin keinen Weg sahen, die Dinge zu ändern.

Ich bin erstaunt, wie viel Druck von mir abgefallen ist durch diese einzige Feststellung. Denn eigentlich ist mir selber ja nicht neu, dass ich die Sache mit dem Haushalt nicht auf die Reihe kriege. Aber solange „Meiner“ noch den Schein aufrecht erhalten hatte, dass alles halb so schlimm sei, hatte ich mich unter Druck gefühlt, zumindest eine halbwegs passable Hausfrau zu sein. Denn wenn ich zwar wusste, dass ich nichts taugte, „Meiner“ aber doch in vielen Dingen auf mich zählte, musste ich mich eben abmühen, zumindest das zu schaffen, was man mir zutraute. Jetzt aber, mit dem befreienden Wissen, dass „Meiner“ in Sachen Haushalt nicht auf mein Können zählt, kann ich aufatmen. Wenn man nichts von mir erwartet, dann fällt es mir viel leichter, das Wenige, das ich auf die Reihe zu kriegen, auch richtig zu machen.

Nach diesem offenen Gespräch fühlte ich mich so erleichtert, dass ich es heute doch tatsächlich nach langer Zeit wieder mal fertig gebracht habe, die Wohnung zu putzen, ohne dabei alle anzuraunzen und wie ein wild gewordenes Wildschwein durch die Wohnung zu stürmen. Und weil ich danach noch so schön in Schwung war, zauberte ich gleich eine halbwegs gelungene Luzerner Chügelipastete, die ich unseren Gästen morgen servieren werde. (Ja, ich habe daran gedacht, dass man die Füllung erst kurz vor dem Servieren einfüllt, also keine Haushaltstipps, wenn ich bitten darf.) Vielleicht werde ich jetzt, wo ich nichts mehr beweisen muss, doch noch zu einer halbwegs passablen Hausfrau.

 

2 Gedanken zu “Befreiend

  1. Nun ja, mit der Perfektion hapert es bei mir noch und zwar in allen Bereichen. Aber wer will denn schon perfekt sein? 😉
    Das mit dem Führen des Haushaltes sehe ich ziemlich ähnlich, darum habe ich auch meine liebe Mühe damit, wenn man heute von einer Hausfrau verlangt, dass sie all das, was sie früher zusammen mit ihrem Personal erledigte, alleine macht.
    Das mit der Putzfrau geht bei uns leider nicht, da das Prinzchen und der Zoowärter noch fast den ganzen Tag zu Hause sind und betreut werden müssen. Wir werden schon eine Lösung finden. Und „Meiner“ wird ja dann sein Arbeitspensum bald einmal reduzieren, damit die Mama-Papa-Balance etwas ausgeglichener ist.

  2. Vielleicht bist du nicht die perfekte (Haus-)Frau, aber
    Du bist offensichtlich eine tolle Mutter
    Organisierst euren Haushalt
    Hast einen Beruf
    Arbeitest Ehrenamtlich
    Sorgst dich um deinen Mann

    Also nach perfekter Frau klingt das doch schonmal. 🙂

    Und immer dran denken, die „perfekten Hausfrauen“ denen wir nacheifern, FÜHRTEN einen Haushalt. Das bedeutet sie gaben den
    PERSONAL die Anweisungen was sie wie und wann zu erledigen hatten. Und mit Köchin, Putzmädchen, Kinderfrau und Buttler würden wir auch den perfekten Haushalt FÜHREN oder ? 😉

    Ach ja und manchmal kann Fra von den Damen auch was lernen und gönnt sich auch eine Hilfe, denn dafür gehen wir und der Gatte ja schließlich arbeiten.

    Ihr sucht doch gerade ein neues AP, vielleicht wäre ja eine Putzfrau die 1-2x die Woche kommt eine Alternative. Bei uns ist sie auf jeden Fall ein wichtiger Garant unseres Familienlebens. Denn wir haben beide keine Lust und Zeit am Wochenende zu putzen. Für diesen Luxus sparen wir gerne an anderer Stelle.

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