Inquisition

Es ist ja nicht meine Art, Leute nach ihrer Herkunft in Kategorien einzuteilen. Ich habe keine Lust, die Menschen je nach Nationalität in bestimmte Schubladen zu stecken und  bin eine grosse Verfechterin der Einzigartigkeit eines jeden Menschen, wenn auch diese Einzigartigkeit meistens geformt wird durch das Umfeld, in dem jemand lebt. Wenn ich also die folgenden Geschichten erzähle, möge mich bitte niemand der Fremdenfeindlichkeit bezichtigen. Die Italienerinnen sind nämlich, wie alle anderen Menschen auf diesem Erdboden, einzigartige Individuen. Bloss wenn es darum geht, ungefragt ihre Meinung zu äussern, sind die meisten Italienerinnen ähnlich einzigartig. Jetzt, wo dies geklärt ist, also die Geschichte(n).

Als vor etwas mehr als vier Jahren unser drittes Kind zur Welt kam, teilte ich das Zimmer mit einer Italienerin, die ebnfalls ihr drittes Kind bekommen hatte. Während Unseres das dritte Kind innert drei Jahren war, war Ihres das Dritte innert zwanzig Jahren. Die Anwesenheit dieser Frau bescherte mir das amüsanteste Wochenbett meiner Karriere. Die reinste Soap Opera. Die Beziehungsdramen des ältesten Sohnes, die endlosen Diskussionen, ob Papa oder Mama sich unterbinden lassen solle, die stolze Nonna, die nichts Besseres zu tun wusste, als der Mutter Schauermärchen zu erzählen, die Teenietochter, die sich damit abfinden musste, dass sie nicht mehr die Prinzessin ist. Es war höchst unterhaltsam und bei all den Dramen wäre es mir nicht im Traum eingefallen, mich einzumischen. Ich beobachtete das Treiben leise amüsiert von meinem Bett aus.

Der Zufall will es, dass ich dieser Frau ab und zu wieder begegne. Gestern war es mal wieder soweit. Wir hatten uns seit Frühling nicht mehr gesehen und deshalb war sie ziemlich überrascht, mich mit einem Neugeborenen zu sehen. Ob das Meines sei, wollte sie forsch wissen. Ob ich bei unserer letzten Begegnung schon gewusst hätte, dass ich schwanger sei?  Weshalb ich ihr damals nichts davon gesagt hätte? Wieviele Kinder ich jetzt hätte? Fünf? O Dio mio! Mit erhobenem Zeigfinger schaut sie micht streng an: „Jetzt ist aber fertig!“, befiehlt sie und geht weg.

Dieses Erlebnis erinnert mich an eine unserer Lieblingsnachbarinnen. Auch sie stammt aus Italien, ist ein unglaublich fröhlicher Mensch und ist immer für einen Schwatz zu haben. Und für einen Gratistip. So auch, als „Meiner“ neulich einen Apfelbaum pflanzte. Vom Gärtner hatte er sich alles genauestens erklären lassen: An welchem Standort der Baum stehen sollte, wie hoch er die Erde aufschütten sollte, wie man die Äste in die richtige Position bringt und was es sonst noch so zu berücksichtigen gibt, wenn man bald Früchte ernten will. Kaum war er fertig mit der Arbeit, ging die besagte Nachbarin an unserem Garten vorbei. Ihr Kommentar zur sorgfältig ausgeführten Pflanzaktion: „Ci voleva l‘ albicocca!“.

Pause

Es könnte himmlisch sein. Eine ganze Stunde lang alleine mit dem „petit Prince“. Ein spannendes Buch oder die neuste Ausgabe des „Spiegels“. Ab und zu wirft man einen Blick auf das Schwimmbecken, um zu sehen, welche Fortschritte die beiden grössten Kinder im Schwimmkurs machen. Dann bewundert man ein paar Momente das Baby, bevor man sich wieder dem Buch zuwendet. Zu Hause mag mal wieder die Hölle los sein, doch dies braucht einen jetzt nicht im Geringsten zu kümmern.

Ja, es wäre himmlisch, wenn da nicht diese andere Mutter wäre. Eigentlich ist sie ja ganz nett. Doch seitdem sie herausgefunden hat, dass das Prinzchen das Jüngste von 5 Kindern ist, spürt sie Woche für Woche den Drang, mir zu huldigen. Wie sie mich doch bewundere für meinen Mut, 5 Kinder zu haben. Wie hübsch das Prinzchen doch sei und wie schön es sei, dass ich mir Woche für Woche so eine kleine Auszeit im Hallenbad gönnen könne. Ohne eine solche Auszeit könne man ja den harten Alltag mit so vielen Kindern gar nicht meistern, meint sie.
Recht hat sie. Auszeiten sind überlebenswichtig. Warum nur lässt sie mich  also die Zeit nicht so geniessen, wie ich es will: Ganz ohne Bewunderung und Huldigungen, allein mit meinem Prinzchen, meinem Buch und dem einen oder anderen stolzen Blick auf meine grossen Kinder?

Besserwisser

Die Begegnung liegt  schon zwei Wochen zurück. Es ist Sonntagmittag, wir warten mit den Kindern auf den Bus. Eine Rentnerin steht mit gerunzelter Stirn vor dem neuen Billettautomaten und versucht erfolglos, sich auf dem Bildschirm zurechtzufinden. Weil wir uns eben erst vor ein paar Tagen darüber unterhalten haben, wie mühsam es wohl für Senioren ist, sich mit den stetigen Neuerungen zurechtzufinden, bietet "Meiner" der Frau seine Hilfe an. Hätte er das bloss nicht getan!

Nein nein, sie brauche kein Billett, sie wolle nur mal schauen, wie das Ding funktioniere. Sie habe nämlich ein GA, ein Auto habe sie in ihrem ganzen Leben nie gebraucht. Wir würden auch immer mehr auf ÖV umsteigen, erzählen wir. Ein Leben ganz ohne Auto würden wir uns aber mit bald fünf Kindern nicht zutrauen. Unser Entscheid, nur noch einen Kleinwagen zu fahren, der von anderen Leuten auch schon als mutig bezeichnet wurde, findet bei dieser Dame keine Gnade. Sie habe auch drei Kinder grossgezogen und die Einkäufe immer zu Fuss erledigt. Ihre Kinder hätten eben helfen müssen. Womit auch schon gesagt ist, dass unsere Kinder verwöhnte Blagen sind, die keinen Finger krumm machen. Die Frage, wie denn ein Anderthalbjähriger bei den Einkäufen helfen soll, verkneife ich mir. Wahrscheinlich hätten wir zu hören bekommen, wenn wir ihn richtig erzogen hätten, hätte er gleich nach dem ersten Atemzug gefragt, was er für uns tun könne.  
Die Schleusen sind jetzt offen. Die heutigen Eltern seien allesamt Versager, würden ihre Kinder nur verwöhnen und dabei noch die Umwelt zerstören. Sie habe ihre drei Kinder ganz ohne Auto grossgezogen, sei immer berufstätig  gewesen und habe es dabei auch noch geschafft, ihren Kindern die Schönheiten der Schweiz zu zeigen, etwas was heutige Eltern ja nie tun würden. In wenigen Sätzen macht sie uns klar, dass sie alles richtig gemacht hat, unsere Generation aber kläglich versage.
Irgendwann macht "Meiner" die nette Dame darauf aufmerksam, dass ihre Generation am aktuellenZustand der Welt nicht ganz unschuldig sei, dass die heutigen Eltern von den heutigen Grosseltern erzogen worden seien. Dieser Einwand wird galant übergangen. Wenn nämlich die modernen Eltern mit ihren Kindern nicht stets um den halben Globus jetten würden, hätten wir kein Klimaproblem. Man müsse eben in der Schweiz Ferien machen. Ich weise sie darauf hin, dass dies für die meisten Familien unbezahlbar wäre. Man müsse eben nicht ins Hotel gehen, eine einfache Ferienwohnung genüge auch, meint sie. Jetzt rutscht er mir heraus, der Satz, der uns als komplett verantwortungslos enttarnt: "Auch Eltern müssen sich mal erholen, sonst schaffen sie es gar nicht, ihre Kinder zu erziehen." Die Dame starrt mich an, als hätte ich gesagt, wir würden alles daran setzten den Globus so rasch als möglich zu zerstören und ganz nebenbei würden wir uns noch regelmässig mit Kind und Kegel besaufen. Ihr angewidertes Kopfschütteln gibt mir den Rest. Ich vergesse meine ganze gute Erziehung, nehme die Kinder an der Hand, sage laut und deutlich, dass ich jetzt genug habe von diesem besserwisserischen Geschwätz und gehe grusslos weg. 

Überrumpelt

"Und was machst du sonst noch? Wofür interessierst du dich?" Habe ich mich verhört? Oder will da tatsächlich jemand wissen, ob man neben Windeln, Elterngesprächen und Menuplänen noch ein Leben hat? Gewöhnlich hört man ja immer etwa die gleichen Fragen, wenn man jemanden kennenlernt:  "Das Wievielte ist es? Das Zweite oder das Dritte? Aha, das Fünfte. Ja, da hast du aber eine anspruchsvolle Aufgabe. Finde ich echt mutig. Und was arbeitet dein Mann?" 

Und jetzt will da plötzlich jemand mehr über einen wissen. Wie oft hat man sich ausgemalt, was man antworten würde, wenn man mal wieder als Mensch und nicht ausschliesslich als Mutter wahrgenommen wird. Wie hat man sich doch dagegen gesträubt, nur noch als Dummchen dazustehen, als Gebärmaschine, als Gratisarbeitskraft. Doch es ist so lange her, dass jemand mehr wissen wollte, dass man jetzt, wo man die Gelegenheit hätte etwas von sich zu erzählen, nur noch verdattert stammeln kann: "Tja, äääähm, da gibt es Vieles, was mich interessiert" und schnell das Thema wechselt. 

Wer seid Ihr, mein Herr?

Begegnungen mit Menschen, die man nicht regelmässig sieht, sind in diesen Tagen einfach nur peinlich. Da gehst du ahnungslos einkaufen, siehst ein bekanntes Gesicht und schon steckst du mitten im Schlamassel. Dein Gehirn versucht, die Checkliste durchzuarbeiten. a) Kenne ich die Person persönlich, oder habe ich sie neulich in der Zeitung gesehen? b) Wenn ich sie persönlich kenne, ist es jemand, den ich seit Jahren nicht mehr gesehen habe und ich kann davon ausgehen, dass die Person nicht mehr kennt? Oder ist es jemand, den ich erst vor ein paar Wochen zum letzten Mal getroffen habe? c) Von wo kenne ich die Person überhaupt? In welche Schublade muss ich sie stecken? d) Wie um Himmels Willen heisst die Person?

Gewöhnlich liefert das Gehirn die Antworten innert Sekundenbruchteilen. Aber was ist schon gewöhnlich, wenn man am Ende der fünften Schwangerschaft steht? Deshalb laufen solche unverhofften Begegnungen etwa folgendermassen ab.
Fremde: „Hallo Tamar!“
Mist, die Person kennt meinen Namen. Also müsste ich ihren auch kennen. Aber ich habe keinen blassen Schimmer. Es bleibt also nur Eines: Flucht nach vorn.
Ich: „Äh, hallo. Hör mal, es ist mir furchtbar peinlich. Ich weiss, dass ich dich kennen sollte, aber ich habe keine Ahnung, woher und wie du heisst. Passiert mir in letzter Zeit öfters.“
Fremde: „Kein Problem. Ich bin die Mirjam (Namen geändert), die Mama von Vanessa. Wir kennen uns vom Turnen.“
Turnen? Stimmt, das habe ich mal geleitet. Ist schon eine Ewigkeit her, also genauer gesagt, drei Monate. Wer kann  da noch an alles im Kopf beahlten?
Ich: „Ach ja, jetzt erinnere ich mich wieder. Die kleine Vanessa, natürlich!“
Fremde: „Sag mal, du bist nicht zufällig schwanger. Dann vergisst man doch alles, oder?“
Schwanger? Natürlich, doch das kannst du ja nicht wissen. Ich bin ja auch erst im neunten Monat und gleich platzt mir die Fruchtblase. Doch das sieht man mir ja nicht an.
Der Rest des Gesprächs verläuft normal und man kann bloss hoffen, dass man es nicht vergessen hat, bis man der Person das nächste Mal über den Weg läuft. „Wochenbettdemenz“ hat neulich jemand diesen Zustand genannt. Ein schönes Wort, oder? Zu dumm nur, dass das Wochenbett noch gar nicht angefangen hat. Erfahrungsgemäss wird die Sache nur noch schlimmer in der Stillzeit. Das kann ja heiter werden. Wer wisen will, wie die Zukunft aussieht, lese nach bei „Asterix – Der Kampf der Häuptlinge“.
„Wer seid Ihr, mein Herr? Und wer ist dieser Miraculix, von dem Ihr dauernd redet?“

Handwerker

Es ist zum Heulen. Da ist die Welt auf die Grösse der eigenen vier Wände geschrumpft, und jetzt bröckelt einem erst noch der Küchenboden unter den Füssen weg. Und dies ausgerechnet jetzt, wo man sich mit dem Gewicht eines mittelgrossen Elefanten durch die Wohnung wälzt.

Was genau passiert ist, weiss niemand. Vor etwa drei Wochen entdeckte die Putzfrau, dass der Abfluss in der Küche tropft. Sie beseitigt die Sauerei und man denkt, die Sache sei erledigt. Ein paar Tage später teilt die Mieterin mit, bei ihnen habe es Wasserflecken an der Decke. Die können nur von der Küche obendran kommen. Und tatsächlich, das Wasser tropft wieder. Der Schaden wird behoben. Doch plötzlich weisen die Bodenplatten in der Küche verdächtige Sprünge auf. Irgend etwas stimmt hier gar nicht mehr.
Schuld daran ist natürlich niemand. Der Sanitärinstallatuer hat selbstverständlich alles richtig gemacht, obschon man schon öfters bemerkt hat, dass er es mit den Dichtungsringen nicht so genau nimmt. Dann war’s vielleicht der Küchenbauer. Welcher Küchenbauer? Die Küche ist doch einfach so aus dem Boden gewachsen. Zumindest könnte man dies glauben, denn der Küchenbauer bequemt sich nicht einmal, Anfragen zu beantworten, wenn man ihm ein Problem meldet. Also ist vielleicht der Plattenleger Schuld? Das lässt sich leider nicht mehr überprüfen, denn dieser hat, wie sich später herausstellte, im Auftrag des Malers schwarz gearbeitet und ist inzwischen über alle Berge. Und der Maler hat vor einiger Zeit Konkurs angemeldet. 
Bleibt zu hoffen, dass der Küchenboden hält, bis endlich ein Fachmann gefunden ist, der gewillt ist, der Sache auf den Grund zu gehen, auch wenn dabei ein Schuldiger gefunden werden könnte. 

Grrrrrrrrrrrrrrr

"Wenn Sie berufstätig wären, würde ich Sie krank schreiben." Der Nächste, der es wagt, diesen Satz zu mir zu sagen, muss sich warm anziehen. Ist man denn weniger krank, bloss weil man am Ende des Monats kein Gehalt bezieht? Schmerzt der Rücken weniger, wenn man den ganzen Tag zu Hause schuftet, anstatt im Büro zu sitzen? Hat man weniger Anspruch auf Erholung, bloss weil man momentan gerade keinen Arbeitsvertrag hat?

Die Krankenkassen unterstützen diese Ungerechtigkeit noch. Da nützt kein Arztzeugnis, kein ausführlicher Bericht. Erst wenn die Mutter zusammengebrochen ist, wird bezahlt. Man sei nicht zuständig für sozial belastende Situationen, heisst es so schön. Und die Mutter darf sich weiter den Rücken ruinieren, bis er dereinst so kaputt sein wird, dass er die Krankenkasse einiges mehr kosten wird, als die paar Wochen Haushalthilfe. 

Nun, für Gerechtigkeit in diesen Belangen ist es wohl etwas zu früh. Da müssen erst noch ein paar Brangelina-Babies her, bevor sich die Gesellschaft wieder daran gewöhnt, dass Mutterschaft ein Knochenjob sein kann. Bis dahin soll sich bloss niemand wundern, dass die realen Mütter wenig gemeinsam haben mit den strahlenden Frauen in der Werbung. 

Freizeit

Was tut man eigentlich, wenn man plötzlich drei freie Tage zur Verfügung hat? Was hat man getan, als Freizeit noch etwas völlig Alltägliches war? Kann man so etwas Banales wie freie Zeit zu geniessen überhaupt verlernen?

Jawohl. Man kann. Man begleitet die Familie zum Bahnhof, hilft beim Einsteigen in den Zug und weg sind sie. Drei von vier Kindern vergiessen nicht einmal Tränen. Selber muss man sich zurückhalten, um nicht schon auf dem Bahnsteig loszuheulen. Auf dem Heimweg fasst man den mutigen Entschluss, die nächsten drei Tage nicht mit Heimweh nach Mann und Kindern zu versauen. 

Und dann? Was macht man mit der Zeit, wenn man sie plötzlich zur Verfügung hat? Nun ja, es gäbe genug zu tun im Haus. Wäsche falten, bügeln, aufräumen, Kleider sortieren, die Küche gründlich putzen. Aber das alles hat wenig mit Erholung zu tun. Und erholen sollte man sich ja. Muss man sogar. Die Ärztin hat's befohlen.

Doch wie erholt man sich am besten? So dass man am Ende der drei Tage nicht den Eindruck hat, man hätte mehr aus der Zeit herausholen sollen. Schlafen? Lesen? Essen? Shoppen? Sich mit Leuten treffen, für die man sonst wenig Zeit hat? Schwimmen? Oder vielleicht doch besser aufräumen, damit man nachher, wenn der Alltag wieder losgeht, weniger Stress hat?

Nun, es wird nicht möglich sein, all die in den letzten acht Jahren verpasste Erholung innert drei Tagen nachzuholen. Doch wenn man sich in der Abenddämmerung in aller Ruhe Gedanken über das Leben machen kann, ist dies immerhin schon mal ein Anfang.

Zurück auf Feld 53!

Manchmal ist das Leben eben doch wie ein Brettspiel. Da glaubt man, man komme vorwärts und plötzlich landet man auf einem Feld, das einem ganz weit zurück schickt. „Zurück auf Feld 53!“, wird einem da zum Beispiel befohlen. Und auf Feld 53 wird man dann aufgefordert: „Du bekommst noch ein Kind. Kauf dir einen Geschwisterwagen und bezahle dafür einen beliebigen Betrag zwischen 10 und 1000 Franken.“

Tja, der Geschwisterwagen. Den hatte man in einem Anflug von Übermut verschenkt. Und als die Freunde anboten, das Ding auf E-Bay zu versteigern, war man sogleich einverstanden. Kein Problem, das Ding brauchen wir nie mehr.
Und jetzt ist man also wieder auf der Suche nach einem Geschwisterwagen. Während man selber auf der Stelle tritt, hat sich wenigstens die Welt weiterentwickelt. Im Gegensatz zum letzten Mal gibt es jetzt all die tollen Auktionen und man bekommt die Gefährte zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises. Nun, eigentlich müsste es heissen „bekäme man“, denn nun hat uns schon zum zweiten Mal jemand wenige Sekunden vor Auktionsende den heiss begehrten Wagen weggeschnappt. Tagelang interessiert sich keiner für das Ding und dann, wenn man die Auktion schon für gewonnen hält, schlägt irgendeiner zu, bezahlt den Sofort-Kaufen-Preis und weg ist der Wagen.

Das passiert uns sonst bei keiner Auktion. Was beweist, dass Eltern einander nichts gönnen. Da sitzt bestimmt irgend eine gelangweilte Tussi den ganzen Tag vor dem Computer und wartet darauf, bis sie einer überbeschäftigten Mutter den Wagen wegschnappen kann. Wahrscheinlich braucht sie den Wagen nicht einmal, aber es macht nun mal so viel Spass, anderen die Freude zu verderben. In drei Monaten wird der Wagen wieder in einer Auktion zu haben sein, denn inzwischen hat die Tussi gemerkt, dass die Übelkeit, die sie für die Morgenübelkeit der zweiten Schwangerschaft gehalten hatte, bloss eine Lebensmittelvergiftung war. Es bleibt nichts anderes übrig: Das nächste Mal arbeiten wir auch wieder mit dem Sofort-Kaufen-Preis.

Zwei Dinge bleiben noch anzumerken, um Missverständnissen vorzubeugen:
1. Dieser Eintrag ist nicht gegen Familien gerichtet, die ein Kind haben, nicht gegen solche, die ein Zweites bekommen, nicht gegen Mütter, die vor lauter Übelkeit kaum mehr den Tag überstehen. Er richtet sich gegen überhaupt niemanden,  als einzig und allein gegen blöde Tussis, die uns immer wieder die Kinderwagen vor der Nase wegschnappen.
2. Dieser Eintrag ist erst recht kein Aufruf, uns mit nicht mehr gebrauchten Babysachen einzudecken. Wo immer der Irrtum herkommt, kinderreiche Familien seien dankbare Abnehmer für nicht mehr gebrauchte Babybettchen, Kleidchen und nervige Lärmspielsachen, er bleibt ein Irrtum. Ausserdem soll unser letztes Kind in einem richtig coolen Wagen ausfahren dürfen. Denn wenn wir schon nochmals Nachwuchs bekommen, soll das Kind, genau wie die anderen vier, sich als etwas ganz Besonderes fühlen dürfen.

Der ganz normale Wahnsinn

Was für ein Start in den Tag! Der Älteste hat Schulreise, muss auf den Bahnhof begleitet werden. Die Zweitälteste muss die Klassenfotos bezahlen. Deshalb muss ein Umweg zum Bancomaten eingeplant werden. Die Vorbereitungen müssen leise vonstatten gehen, damit die Kleinen nicht erwachen. Sonst muss man noch mit dem ganzen Trupp durchs Dorf ziehen.
Anfangs läuft alles glatt. Das Frühstück ist serviert, die Kleider liegen bereit. Wir reden über das gestrige Fussballspiel, erörtern die Frage, warum Pinguine und Eisbären nicht am selben Ort leben und diskutieren, ob heisser Tee oder kaltes Wasser besser ist an heissen Tagen. Dazwischen die üblichen Anweisungen: „Esst endlich auf!“, „Ihr müsst euch beeilen!“, „Macht jetzt endlich vorwärts!“. Und dann um zwanzig nach sieben plötzlich dies: „Mama, es ist gar nicht so einfach, dich zum Lachen zu bringen.“, bemerkt der Siebenjährige trocken. Zack, der hat gesessen! Wer braucht da noch einen Psychiater, wenn einem die Psychoanalyse gratis zum Frühstück geliefert wird?
Es bleibt nicht viel Zeit, über das Gesagte nachzudenken, denn plötzlich, als fast alles bereit ist, steht der Zweitjüngste da. Was nun? Normalerweise braucht er eine Ewigkeit, um morgens in die Gänge zu kommen. Zum Glück hat ihm Papa gestern neue Hosen gekauft. Damit lässt er sich bestechen und innert fünf Miunuten ist er angezogen und steht mit einem Apfel in der Hand bereit.
Also dann, ab zum Bahnhof. Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, beginnt der Jüngste zu weinen. Nun, vielleicht kann man ihn ja im Pijama mitnehmen. Doch nichts da. Der Kleine liegt bis auf eine pralle Windel nackt im Bett. Und die Windel ist nicht etwa eine Gewöhnliche, sondern eine Prinzessinnenwindel, bonbonrosa und mit einem Schneewittchen-Aufdruck. So kann der Kleine unmöglich mitkommen. Sonst melden die uns noch beim Sozialamt. Kinderreiche Familien sind ja ohnehin schon suspekt und wenn sie ihre Söhne in nassen Prinzessinnenwindeln herumlaufen lassen, deutet dies eindeutig auf Vernachlässigung hin.
Man hat also keine Wahl. Schnell wird der Kleine in saubere Kleider gezwängt und, ebenfalls mit einem Apfel in der Hand, in den Kinderwagen gesetzt.  Nachdem alle zur rechten Zeit am rechten Ort abgeliefert sind, wäre man eigentlich reif für den Feierabend. Doch dafür ist es um morgens halb neun vielleicht  noch etwas früh.