Es gibt uns noch…

… bloss haben wir es geschafft, uns genau den Winkel Deutschlands für unsere Restferien auszusuchen, der noch nie etwas von Wireless & Handyempfang gehört hat. Nun ja, ich übertreibe mal wieder, das familiemfreundliche Feriendorf verspricht natürlich Internetempfang, wie es sich heutzutage gehört. Zu dumm nur, dass auf fünfzig Ferienwohnungen gerade mal 20 Modems kommen und von denen haben wir natürlich keines abbekommen. Internetcafés gibt’s nicht im Ort und wenn man die grosse weite Welt nicht aus den Augen verlieren möchte – mal kurz Mails und die neueste „Spiegel“-Ausgabe herunterladen und ein paar Zeilen bloggen – muss man bis Regensburg reisen.

Nun könnte man ja gut und gern einmal ein paar Tage ohne meine Gedankenergüsse auskommen und sogar ich habe mich beinahe damit abgefunden, dass ich gezwungenermassen mal eine Woche Kreativpause einlege, aber da gibt es ja noch die Swissmom-Kolumne, die jeweils am 1. des Monats fällig ist und aus mir vollkommen unerklärlichen Gründen habe ich in Prag keine Zeit für diese Kolumne gefunden. Und so kam es, dass wir am Sonntag eiligst nach Regensburg fuhren, damit der Text noch rechtzeitig online geschaltet werden konnte. Offen gestanden war meine Familie nicht gerade begeistert darüber, dass man meinetwegen durch Regensburg hetzen musste, immer auf der Suche nach der besten Internetverbindung.

Immerhin haben wir dabei festgestellt, dass Regensburg eine wunderschöne Stadt ist, so, dass wir heute gleich noch einmal gekommen sind. Und diesmal, das schwöre ich, hat es nichts mit meiner Schreiberei zu tun. Wobei, wo wir schon mal hier sind, kann ich ja gleich….

Das grosse Schlafen

In meinem Kopf habe ich schon unzählige Male Anlauf genommen.

Anlauf, endlich an der Geschichte weiter zu arbeiten, die schon so lange auf die Feinarbeit wartet. Ich habe mir gar eine alte Schreibmaschine zugelegt, damit ich gezwungen bin, jedes einzelne Wort noch einmal umzudrehen und an den richtigen Platz zu setzen. Wo es keine Delete-Taste gibt, gibt es auch keinen Raum mehr für überzählige Wörter, so dachte ich mir. Aber eben, bis jetzt ist es beim Anlaufnehmen geblieben.

Ich habe auch schon unzählige Male Anlauf genommen, endlich mal wieder ein paar Kilos loszuwerden. Nein, ich habe nicht vor, einem ungesunden Schönheitsideal nachzueifern, aber einfach nur noch runder werden ist wohl auch nicht gerade gesund.  Auch hier ist es aber beim Anlauf geblieben.

Auch im Bezug auf meine Kinder bin ich in den Startlöchern: Endlich wieder mehr Energie in die Beziehung stecken, nicht immer nur müde mit dem Kopf nicken und „dann mach halt, wenn du unbedingt musst“ seufzen. Doch auch in diesem Bereich trete ich auf der Stelle, nehme mir jeden Tag vor, es anders zu machen als am Tag zuvor.

Wohin ich auch schaue in meinem Leben, überall sehe ich Dinge, die ich in Angriff nehmen will; Lebensbereiche, die mir wichtig sind, denen ich gerne wieder mehr Beachtung schenken würde.

Mein Kopf ist unglaublich aktiv, denkt sich neue Wege aus, entwirft Pläne für ein Leben, das mehr dem entspricht, was ich unter Leben verstehe. Aber was hilft es, wenn der Kopf wie verrückt arbeitet, solange der Körper nicht mitmacht? Das faule Ding hat nämlich seit einiger Zeit nur noch eins im Sinn: Schlafen, schlafen und nochmals schlafen. Kaum zeichnet sich ab, dass es da ein freies Zeitfenster geben könnte, beginnt mein Kopf zu planen. „Zuerst einmal werde ich eine oder zwei Stunden schreiben, dann mache ich einen Spaziergang und schliesslich spiele ich noch mit den Kindern dieses Spiel, das sie schon so lange spielen möchten“, sagt er dann zum Beispiel. „Nichts da!“ schreit der Körper. „Zuerst wird geschlafen.“ „Nicht schon wieder schlafen“, meckert der Kopf. „Das haben wir schon gestern zuerst gemacht und dann war wieder die ganze freie Zeit verpennt und alles, was ich tunt wollte blieb liegen.“ „Heute schlafen wir nicht so lang“, verspricht der Körper. „Nur ein halbes Stündchen, dann können wir tun, was immer du willst.“ „Das sagst du jedes Mal und am Ende bleibst du doch so lange liegen, bis die Kinder von der Schule nach Hause kommen und es Zeit wird zum Kochen“, brummt der Kopf. „Ach komm schon, du weisst, dass man viel besser arbeiten kann, wenn man ausgeschlafen ist. Und die Kinder erträgst du auch viel besser, wenn du nicht mehr so müde bist“, insistiert der Körper. „Da hast du ja schon Recht, aber meine Freizeit ist begrenzt, die kann ich nicht einfach verschlafen… Wobei, so eine Viertelstunde könnte nicht schaden. Vielleicht habe ich danach tatsächlich mehr Energie….“ „Ich hab’s doch gewusst, dass du zur Einsicht kommen wirst“, lobt der Körper, schmeisst sich aufs Bett und schon versinke ich im tiefsten Schlaf.

Ich hoffe doch sehr, dass ich im Schlaf irgendwann genügend Energie für neue Taten gewonnen haben werde. Damit es nicht lange beim Anlaufnehmen bleibt…

Von Brausetabletten und anderen Banalitäten

Mama Venditti sitzt auf dem Sofa, starrt ins Leere und man könnte meinen, sie würde mal wieder nichts tun. Was natürlich keineswegs stimmt, denn wenn es so aussieht, als würde Mama Venditti nichts tun, dann schreibt es in ihrem Kopf. Nur noch ein paar Momente, dann wird sie sich an den Computer setzen und in die Tasten hauen, was sie sich eben gerade ausgedacht hat. Manchmal aber – in letzter Zeit ziemlich oft – kommt es vor, dass sich der Innere Kritiker zu ihr gesellt, kaum sitzt sie auf dem Sofa und starrt ins Leere. Und dann geraten die zwei sich ins Gehege, die Mama Venditti und der Innere Kritiker:

IK: Was willst du denn heute wieder schreiben?

MV: Nun, ich überlege mir gerade, ob ich vielleicht darüber schreiben soll, dass „Meiner“ und ich uns manchmal wie Brausetabletten verhalten, die….

IK, unterbricht: Wie Brausetabletten? Wie kommst du auf so eine absurde Idee?

MV: Das ist keine absurde Idee. Ich will nur erklären, dass „Meiner“ und ich jeweils keine Grenzen mehr setzen, wenn wir eine Möglichkeit sehen, uns für eine gute Sache einzusetzen. Wir lösen uns dann beinahe auf in der Sache. Genau wie Brausetabletten eben.

IK: Und das soll einer verstehen?

MV: Aber klar. Ich will doch nur darauf hinaus, dass es zwar gut und recht ist, sich für etwas einzusetzen, dass es aber für eine Familie ziemlich belastend werden kann, wenn die Eltern unfähig sind, ihren Idealismus in die Schranken zu weisen.

IK: Das interessiert doch keinen. Das sind eure ganz persönlichen Probleme und auch wenn du dir noch so sehr einredest, bei anderen wäre das ganz ähnlich und du könntest vielleicht dem einen oder anderen Leser einen Gedankenanstoss geben, am Ende werden doch alle den Kopf schütteln ob deines absurden Vergleichs. Brausetabletten, pffff….

MV, schmollt eine Weile, meint dann aber: Vielleicht hast du ja Recht. Das will wohl wirklich niemand lesen. Aber erinnerst du dich noch an meinem Text mit dem Spielplatz? Ich könnte ja darüber schreiben, dass „Meiner“ und ich es noch immer nicht geschafft haben, die Wippe zu verlassen, dass wir immer noch damit beschäftigt sind, einander gegenseitig wieder aufzupäppeln, wenn einer von uns mal wieder unsanft gelandet ist.

IK: Schon wieder „Deiner“ und du. Glaubst du denn wirklich, eure Partnerschaft sei so interessant, dass man darüber lesen möchte?

MV: Nun, vielleicht erkennt sich ja der eine oder andere wieder in dem, was ich hier schreibe.

IK: Ach ja, natürlich. Die Leute werden sich in deinem Geschreibsel wiedererkennen. Du glaubst doch nicht im Ernst, dass es noch andere gibt, die gleich ticken wie ihr zwei?

MV: Okay, dann schreibe ich eben nicht über „Meinen“ und mich, wenn du denkst, dass das die Leute so sehr langweilt. Dann nehme ich halt die Sache mit dem Vertrag, den die Kinder nicht eingehalten haben. Du weisst, dieser Fackel mit dem Versprechen, dass sie in Zukunft jeden Tag ohne Gemecker eine Viertelstunde aufräumen werden. Gestern Abend haben Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat doch tatsächlich ihre Unterschriften auf dem Dokument wieder durchgestrichen, damit sie sich nicht an den Vertrag halten müssen.

IK: Darüber kannst du natürlich schon schreiben, wenn du unbedingt deine Unfähigkeit als Mutter vor aller Welt breitschlagen möchtest. Ich finde es ja eher beschämend, dass du es nicht fertig bringst, deinen Kindern ein wenig Sinn für Ordnung beizubringen. Aber wenn es dir nichts ausmacht, Tag für Tag über die gleichen Banalitäten zu schreiben und dich dabei zum Affen zu machen, nur zu! Ich will dir nicht im Wege stehen.

MV, leicht verunsichert: Meinst du wirklich, dass ich mich zum Affen mache?

IK: Aber klar doch. Wenn du mich fragst, dann hast du alles, was in deinem Leben überhaupt erwähnenswert ist, schon längst in irgend einem mittelmässigen Text verwurstet. Demnächst wirst du wohl damit anfangen, über den Inhalt der Prinzchen-Windel zu berichten.

MV: Dann soll ich vielleicht heute gar nichts schreiben? Und morgen auch nicht? Und übermorgen auch nicht?

IK: Das wäre wohl das Beste, aber so, wie ich dich kenne, wirst du schon bald wieder an deinem Bürotisch sitzen und Banalitäten ausbrüten.

MV, zu sich selber: Vielleicht sollte ich das mit dem Schreiben vielleicht wirklich lassen. Zumindest heute. Morgen kann ich ja darüber schreiben, wie sehr mir dieser Innere Kritiker zuweilen zusetzt….

IK, zu sich selber: Natürlich, jetzt soll ich wieder dran Schuld sein, wenn sie nicht schreibt. Als ob nicht sie diejenige wäre, die mit solch hirnverbrannten Ideen kommt, dass man sie einfach kritisieren muss. Brausetabletten! Hat man schon einmal so etwas Bescheuertes gehört?

Lasst mich auch mitreden!

Es war wieder mal typisch. Am Eingang zur Migros stand eine nette Dame, welche die Kunden nach der Kasse abfing, um von ihnen die Meinung über das Sortiment, die Einrichtung des Ladens und die Freundlichkeit des Personals zu erfahren. Es war kurz vor Feierabend und die meisten Kunden wollten nur eins: So rasch als möglich nach Hause gehen und deswegen erteilten sie alle der netten Dame eine Absage. Während ich dabei zusah, wie die Dame verzweifelt nach Opfern suchte, sah ich meine Chancen steigen, dass man endlich einmal mich befragen würde. Nun mögt ihr euch vielleicht an den Kopf fassen und euch fragen, ob ich denn nun vollends durchgeknallt sei. Und das bin ich ja vermutlich auch, denn ich gehöre zu dieser verschwinden kleinen Minderheit in der westlichen Welt, die gerne Fragebogen ausfüllt. Hach, wie ich es liebe, meine Kreuzchen setzen zu dürfen! Wie ich es geniesse, wenn ich endlich mal das zu Papier bringen darf, ob ich mit der Vielfalt des Bio-Angebots zufrieden bin, ob der Laden den Bedürfnissen von Familien gerecht wird, ob ich den Käse lieber abgepackt oder im Offenverkauf kaufen möchte. Ja, so bin ich tatsächlich. Zu den Dingen, die mir wichtig sind, möchte ich gerne meine Meinung sagen und da mir gutes und gesundes Essen heilig ist, habe ich auch zu ziemlich jeder Frage, die den Einkauf betrifft, eine Meinung, die ich den Verantwortlichen gerne mitteilen möchte.

Natürlich ist das nicht das einzige Thema, das mich interessiert. Ich würde mich auch liebend gerne dazu äussern, welcher Partei ich bei den Wahlen im Herbst meine Stimme geben werde, ob ich für oder gegen eine Einheitskrankenkasse bin und ob ich wünsche, dass die Schweiz sofort aus der Atomenergie aussteigt. Diese Umfragen werden gemacht, ich weiss es ganz genau. Wie sonst könnte man dann in der Zeitung schreiben, dass soundsoviele Prozent der Schweizer Bevölkerung der Meinung sind, dass man die Einfuhr von ausländischen Kartoffeln per sofort verbieten soll? Und jedes Mal, wenn ich so ein Umfrageergebnis sehe, frage ich mich, weshalb die mich nicht gefragt haben. Weil ich doch so gerne Fragebogen ausfülle. Und weil ich den Verantwortlichen so gerne den einen oder anderen Tritt gegen das Schienbein verpassen möchte.

Nicht, dass ich nie die Gelegenheit hätte, bei Umfragen mitzumachen. Im Gegenteil, in meiner Mailbox landet fast jede Woche ein Fragebogen. Aber was will man dort von mir wissen? „Welches der genannten Waschmittel duftet Ihrer Meinung nach am frischesten?“ oder „Wie zufrieden sind Sie mit dem Grauton, den Ihre Bank für den neuen Werbeprospekt gewählt hat?“ oder „Welche Vorsorgeeinrichtung hat Ihrer Meinung nach den überzeugendsten Internetauftritt?“ Lauter solchen Mist fragen die mich, aber zu den entscheidenden Fragen des Lebens fragen sie immer die anderen und dann muss ich mich wieder darüber aufregen, dass die Mehrheit der Befragten so anders denkt als ich. Gut, wenn ich hätte mitmachen dürfen, sähe das Resultat wohl nicht viel anders aus, weil ich ja nur eine von vielen Befragten wäre, aber immerhin hätte ich dann das Gefühl, dass ich mich darum bemüht habe, eine andere Meinung zu vertreten. Aber wenn man mich nicht mal mitreden lässt…

Heute aber beim Einkauf war ich mir ziemlich sicher, dass ich für einmal mitreden dürfte. Damit die verzweifelte Dame, die kein Opfer finden konnte, auch bestimmt auf mich zukommen würde, machte ich ein besonders freundliches Gesicht und liess mir sehr viel Zeit beim Einpacken. Gut, allzu schnell ging es ohnehin nicht vorwärts, da der Zoowärter versuchte, mir zu helfen, was die ganze Packerei erheblich verlangsamte. Doch während wir beide am Einpacken waren, geschah das Unvorstellbare: Die Dame mit den Fragebogen konnte sich auf einmal der Opfer nicht mehr erwehren und als ich mich zum Gehen wandte, sassen da vier Kundinnen am Tisch, die alle eifrig ihre Fragebogen ausfüllten und für mich war kein Platz mehr. Einmal mehr durften alle anderen ihren Spass haben, nur ich durfte wieder keine Kreuzchen auf den Fragebogen setzen, um meine Meinung kundzutun. Dabei rede ich doch so gerne mit.

Noch irgendwelche Fragen, weshalb ich fast jeden Tag blogge?

 

Anonym

Als ich vor einigen Jahren meine ersten Gehversuche mit Bloggen machte, dachte ich nicht im Traum daran, dass ich dies länger als zwei oder drei Wochen tun würde. Noch viel weniger dachte ich, dass je mehr als zwei oder drei Menschen sich auf diese Seite verirren würden. Und so dachte ich keinen Moment daran, die ganze Bloggerei anonym zu betreiben. Wozu auch? Es lesen ja ohnehin nur Freunde mit und vor denen habe ich ja nichts zu verbergen.

Inzwischen lesen auch noch ein paar andere mit und weil ich nie auf die Idee gekommen bin, mir ein Pseudonym zuzulegen, weiss jeder, wer die Autorin dieser Zeilen ist. Was an sich auch kein Problem ist, finde ich doch, man sollte nur schreiben, wozu man auch stehen kann. Dass es da noch einen anderen Aspekt zu berücksichtigen gäbe, daran habe ich nicht gedacht.

Wie man weiss, amüsiere ich mich gerne über die Absurditäten des Lebens. Gibt es etwas Lustvolleres, als hin und wieder eine skurrile Szene so richtig auszuschlachten? Für mich kaum. Nun ist es aber leider so, dass man Skurriles nicht nur mit Menschen erlebt, die einem völlig unbekannt sind. Hin und wieder, oder sogar ziemlich oft, stolpert man mitten im ganz normalen Familien- und Arbeitsalltag über die wunderbarsten Absurditäten. Und ehe man sich versieht, beginnt der Kopf zu texten, es entstehen die wunderbarsten Sätze über irgend eine aberkomische Situation, die man seinen Lesern keinesfalls vorenthalten möchte. Fast schon macht man sich auf, den Text in die Tasten zu hauen, da kommt einem in den Sinn, dass das ja nicht geht, weil derjenige, den man so gerne mal in die Pfanne hauen würde, vielleicht Wind von der Sache kriegen würde, weil man ja eben nicht anonym schreibt.

Was also tun? Mir einen Zweitblog zulegen, wie „Meiner“ vorschlägt? Wohl kaum, wo ich doch für den einen kaum mehr Zeit finde. Zudem würde ich mich nicht allzu lange verstellen können, gelte ich doch als miserable Schauspielerin. Hemmungslos über alles Absurde berichten? Vermutlich auch nicht die Lösung, bin ich doch ein geselliger Mensch, der keine Lust hat, in die soziale Isolation zu geraten, bloss weil ich meine Finger nicht unter Kontrolle habe. Es wird mir wohl nichts anderes bleiben, als die Geschichten für mich zu behalten  und sie eines Tages, wenn ich wieder mehr Zeit zum Schreiben habe, in einen Text einfliessen zu lassen, der so weit entfernt ist von der Realität, dass derjenige, der für meine Belustigung gesorgt hat, sich in den Zeilen nicht mehr wieder erkennen wird.

Abhanden gekommen

Es gab eine Zeit, da war diese Arbeit mein täglich Brot: Unverständliche Texte verständlich machen, stets gleiches Geschehen so präsentieren, dass doch noch eine neue Facette zum Vorschein kommt, die den Leser vielleicht interessieren könnte, mit möglichst wenigen, klaren Sätzen möglichst viel Inhalt weitergeben. Die völlig unspektakuläre Arbeit des Lokaljournalisten, wenn er mal wieder keine packende Geschichte hat aufspüren können. Alltagstrott also.

Es ist lange her, seitdem ich auf einer Redaktion gearbeitet habe, aber was man mal gelernt hat, das wird man immer können. Glaube ich zumindest. Und so zögere ich keinen Moment, wenn man mich fragt, ob ich einen kurzen Zeitungsbericht über dies und jenes verfassen könne. Ist doch ein Klacks, denke ich mir dann jeweils. Wer täglich bloggt – auch dann, wenn Luise mit Blinddarmentzündung im Spital liegt oder fünf kleine Vendittis mich mal wieder an den Rand des Nervenzusammenbruchs treiben – und sich hin und wieder Zeit freischaufelt, um an umfangreicheren Texten zu arbeiten, der wird doch wohl auch ein paar Sätze über ein Weihnachtskonzert oder über einen Anlass in der Kirchengemeinde aus dem Ärmel schütteln können.

Aber genau das will mir einfach nicht mehr gelingen. Gebt mir den Auftrag, euch zwei Seiten mit meinen Gedanken zur Waffeninitiative, über die wir Mitte Februar abstimmen dürfen, zu schreiben und ich liefere euch drei. Bittet mich darum, euch ein paar absurde Müsterchen aus dem Alltag einer durchgeknallten Mama zu schildern und ich werde gar nicht mehr aufhören können mit erzählen. Fragt mich, ob ich einen Einspalter über die Einweihung eines neuen Parkplatzes schreiben kann. Ich werde ja sagen, weil ich ja noch immer dem Irrglauben anhänge, ich könnte das. Aber dann, wenn ich ja gesagt und eure Einweihung besucht habe, werde ich stundenlang mit leerem Blick vor dem Bildschirm sitzen, hin und wieder ein Sätzchen herauswürgen, das ich unzählige Male drehe und wende, ehe ich es wieder lösche und irgendwann werde ich völlig entnervt irgend einen Mist zu Papier bringen, den ich, am liebsten unter Angabe eines falschen Namens, verschämt der Redaktion zukommen lasse, die das Zeug dann gnädigerweise publiziert.

Ich hätte es nie für möglich gehalten, aber je mehr ich schreibe, umso mehr kommt mir abhanden, was jeder Journalist im Schlaf können muss, nämlich Bericht erstatten.  Ich vermute, meine Zeiten auf der Redaktion werden nie wieder kommen. Offen gestanden bin ich gar nicht so unglücklich darüber. Denn wenn ich daran denke, wie ich wieder mit leerem Blick auf den Bildschirm starren werde, wenn dieser Text zu Ende ist und ich denjenigen herauswürgen werde, den ich zu schreiben versprochen habe, dann wird mir klar, dass ich keine Journalistin mehr, sondern einfach eine  Schrei(b)ende bin.

Zauberwort

Zuweilen kommt es mir vor, als sei eine halbe Ewigkeit vergangen, seitdem ich unzählige Stunden durch den Wald geirrt bin auf der Suche nach mir selber. Dabei sind kaum mehr als achtzehn Monate vergangen seither. In den Jahren, in denen ich ein Kind nach dem anderen bekommen hatte, war ich mir irgendwie abhanden gekommen und weil man nach der Geburt der Kinder nicht mehr die Gleiche ist wie vorher, dauerte es zumindest bei mir eine ganze Weile, bis ich wusste, wonach ich überhaupt suchen musste. „Meiner“ half mir zwar bei der Suche, wo immer er konnte, aber am Ende ging es doch nicht ohne die Einsamkeit, die Stille. Und so ergriff ich jede nur erdenkliche Gelegenheit, um durch den Wald zu streifen und nachzudenken. Und zu heulen. Und dem Himmel mein Elend zu klagen. Denn auch wenn ich eine glückliche Ehefrau und Mutter war, ein glückliches Ich war ich nicht.

Ich weiss nicht, wie oft ich so unterwegs war. Ich weiss auch nicht, wie oft ich meinen Frust über die konstante Überforderung, eine gute Hausfrau und Mutter zu sein, aber auch meine Trauer über die konstante Unterforderung, dass ich meine Fähigkeiten nicht einsetzen konnte, zum Himmel schrie. Und zum Glück weiss ich nicht, ob andere Spaziergänger mich jeweils gehört haben. Dass der Himmel mich gehört hat, das weiss ich, sofern man hier überhaupt von Wissen reden kann. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass sich nach der Zeit des Umherirrens eine Türe nach der anderen öffnete. Es war wie im Märchen: Eben noch hatte ich mich gefühlt, als stünde ich vor dem absoluten Nichts und plötzlich waren meine Hände voll mit Gutem. Mit Dingen, die ich nie zu träumen gewagt hätte und die doch genau dem entsprachen, wovon ich stets geträumt hatte. Ich war erfüllt und zufrieden wie noch selten zuvor in meinem Leben, mein Bedürfnis, in den Wald und in die Stille zu flüchten verschwand fast gänzlich und ich wollte nichts anderes mehr, als vorantreiben, was mir da so unvermittelt in den Schoss gefallen war.

Wäre das Leben ein Märchen, dann wäre die Geschichte hier zu Ende. Aber das Leben ist kein Märchen, zumindest keines, in dem man nach Bestehen der Prüfungen glücklich und sorglos in Saus und Braus lebt. Dann schon eher eines jener Märchen, in denen das Gute in falsche Hände gerät – das Pfännchen, das Brei kocht in die Hände einer reichen Frau, die ohnehin genug zu Essen hat, zum Beispiel –  dann geht das Zauberwort vergessen und schliesslich nimmt das Gute so lange kein Ende mehr, bis es nicht mehr gut, sondern einfach nur zu viel und zu belastend ist.

Nun, ich möchte nicht so weit gehen, zu behaupten, das Gute in meinem Leben sei in die falschen Hände geraten, denn das eine oder andere erscheint mir, als wäre es genau auf mich zugeschnitten worden. Was mir aber inzwischen klar geworden ist: Ich habe das Zauberwort vergessen, mit dem ich das Ganze in erträgliche Schranken weisen kann. Ich weiss, dass es dieses Wort geben muss, aber zurzeit ist mir nicht ganz klar, welches es denn ist. Stop? Oder eher Nein? Oder vielleicht auch Mach du doch mal ? Lautet es Das kann ich nicht, oder vielleicht eher Das muss ich nicht? Müsste es heissen Nicht mit mir oder genügt ein kurzes und knappes Morgen dann wieder? Oder geht es am Ende nur noch mit Schluss jetzt. Es reicht. Ich schmeiss den Bettel hin?

Eigentlich ist es ja furchtbar peinlich, dass ich mich nicht mehr an das Zauberwort erinnern kann, wo ich mir doch beim letzten Mal, als ich an diesem Punkt war, fest vorgenommen hatte, es nie wieder zu vergessen. Aber so ist es nun mal mit mir: Ich lerne langsam und vergesse schnell, zumindest wenn es darum geht, die Lektionen des Lebens zu lernen. Und so kommt es, dass meine Sehnsucht nach ein paar einsamen Stunden im Wald wieder wächst. Ob ich dort das Zauberwort finden würde?

Und jetzt bitte noch auf Englisch…

Dass fehlerfreies Englisch zuweilen eine Glückssache ist, ist mir nicht neu. All die „Schtiiks“ (Steaks) und „Chichenn Nöggets“ (Chicken Nuggets) die hierzulande gegessen werden, liegen mir schwer auf dem Magen auch wenn ich selber als Vegetarierin nie zugreife, wenn diese serviert werden. Wenn die sportliche Fünfzigerin ins „Body Pömp“ geht und der Referent ein „Klöster“-Diagramm präsentiert, dann frage ich mich, weshalb man die Dinge nicht doch lieber auf Deutsch sagt, wo es auf Englisch doch einfach nur peinlich klingt. Und wenn meine Schwiegermutter uns vor „Fasabuck“ (Facebook) warnt, kann ich nur mit Mühe das Lachen verkneifen, auch wenn ihre Angst, dass wir im grossen weiten Internet zu viel von uns preis geben, sehr gross ist. (Dass meine Schwiegermutter allen Ernstes glaubt, „Meiner“ und ich würden Fotos von durchzechten Nächten publizieren, steht auf einem anderen Blatt. Wo wir doch uns doch die Nächte bloss mit zu viel Prinzchengeschwätz um die Ohren hauen und das gibt garantiert keine kompromittierenden Bilder.)

Solange das Horror-Englisch nur gesprochen wird, kann ich dennoch halbwegs damit leben. Man hört’s, nimmt’s zur Kenntnis und vergisst es gleich wieder. Also eine Qual, die sich in Grenzen hält. Viel schlimmer finde ich es, wenn das Zeug geschrieben und dann auch noch gedruckt wird. Und zwar nicht von Schülern, die ein Grundrecht auf Fehler haben, sei es im Gesprochenen, Geschriebenen oder Gedruckten. Wenn ich aber in einem Buch den unsäglichen Titel „Do Italians it better?“ lesen muss, dann ärgere ich mich derart darüber, dass der Lektor seinen Dienst nicht getan hat, dass ich kaum mehr weiterlesen kann. Gut, so ein Tippfehlerchen ist schnell mal übersehen, wie ich bei meinem eigenen Buch leider auch habe feststellen müssen, aber eine derart kolossale Fehlkonstruktion wie oben zitiert sollte doch irgend einem ins Auge springen, bevor das Buch in Druck geht. Oder bin ich wirklich eine unverbesserliche Idealistin?

Nun, immerhin kann man bei diesem Titel noch halbwegs erahnen, was die Autorin hätte fragen wollen. Was aber fange ich mit dem Wortgewusel an – Satz mag ich das nicht nennen, weil ich gar nicht weiss, ob es einer sein soll – das ich gestern Abend beim Verpacken der Adventsgeschenke für unsere Kinder entdeckt habe? Da lese ich auf einer Schachtel mit Traktoren, die das Prinzchen in den kommenden Tagen erhalten soll, die folgenden Worte: „To insure a loke new appearance in definitely“. Und das nicht etwa winzig gedruckt, irgendwo in der untersten Ecke einer Gebrauchsanweisung, sondern gross, fett und rot. Das Ganze insgesamt viermal, auf jeder Seite der Schachtel einmal.

Seither verfolgen mich diese Worte, denn ich weiss nicht, an wem ich zweifeln soll. An meinem CPE, weil es mir noch immer nicht ermöglicht, jeden erdenklichen Mist, der in englischer Sprache daherkommt, zu verstehen? Am Werbefuzzi, der glaubt, das Produkt verkaufe sich besser, wenn es in einer pseudoenglischen Verkleidung daherkommt? Am Thesaurus, der mir sagt, er kenne das Wort „loke“ nicht? Oder vielleicht an meinem Verstand, der nicht fähig ist, hinter diesen Worten einen Sinn zu erkennen? Was, wenn sich hier die ultimative Weisheit verbirgt, ohne die mein Leben nie das wird, was es sein könnte, wenn ich die geheimnisvolle Botschaft entschlüsseln könnte?

Wäre nett, wenn mir jemand weiterhelfen könnte, bevor ich an meinem Lebensziel vorbeischiesse, bloss, weil meine Englischkenntnisse nicht ausreichen.

Wieder Kind werden

Beim ersten Kind war es ja noch ganz einfach und beim Zweiten auch: All die Wunder der Kindheit, die man in bester Erinnerung hat, sind wieder da. Der erste Tannenbaum, unter dem ein echtes Baby liegt und nicht bloss eines aus Holz oder Maisstroh. Der erste Geschenkekatalog, der ins Haus flattert und der einen fast ebenso magisch anzieht wie damals, als man selber noch einen Wunschzettel zusammenkleistern durfte. Das erste Weihnachtsfenster, das endlich einmal so werden soll, wie man es sich als Kind immer erträumt hatte. Die Auferstehung all der Traditionen, die man als Kind so geliebt hatte, die sich aber ganz allmählich mit dem Grösserwerden der Kinder aus dem Leben geschlichen hatten, weil das, was für die Kinder so wunderbar, so magisch war, für die Eltern mehr und mehr zum Stress verkommen war.

Bei uns würde das natürlich ganz anders sein, das wussten wir, schon bevor wir Kinder hatten. Bei uns würde die heilige Zeit heilig bleiben, die Geheimnisse würden Geheimnisse bleiben, die Freude der Eltern jedes Jahr so echt und ungetrübt wie die Freude der Kinder. Und anfangs war dies, wie bereits erwähnt, noch sehr einfach. Mit den ersten Kindern wurden wir selber wieder ein bisschen Kind, machten uns voller Elan an das Umsetzen all der Träume, die wir schon als kleine Kinder hatten, die dann aber unsere Eltern nicht immer so erfüllen konnten oder wollten, wie wir dies erwartet hätten. Ja, bei uns würde das anders sein, zauberhafter, kindlicher, stressfreier.

Doch dann wurden der Kinder mehr und diejenigen, die schon da waren, wurden grösser, die Jahre jagten sich immer schneller und bald einmal ertappte man sich dabei, wie man seufzte: „Mist, wir sollten schon wieder den Samichlaus organisieren. Wo sollen wir  denn den noch in den Terminkalender quetschen?“ Den kleineren Kindern die Vorfreude auf den Samichlaus nicht zu verderben und den grösseren dennoch zu gestehen, dass unter dem roten Mantel und dem weissen Bart ein ganz gewöhnlicher Mann steckt, ist gar nicht so einfach. Noch schwieriger ist es, zu verhindern, dass die Grossen den Kleinen den Zauber ruinieren, bevor diese überhaupt eine Chance gehabt hatten, so richtig an den Samichlaus zu glauben. Und während man in den ersten Jahren des Familienlebens noch sehnsüchtig darauf gewartet hatte, endlich das Glöckchen läuten zu dürfen und sich an den glänzenden Augen der Kinder zu erfreuen, wenn sie zum ersten Mal den Tannenbaum sehen, so muss man heute aufpassen, dass das Ganze nicht zu der ewig gleichen Routine wird. Nicht, weil man dies will, sondern weil halt alles, was man mehrmals erlebt hat, zur Routine werden kann. Wenn wir nicht aufpassen, dann sind wir schon bald soweit, dass wir uns fragen, ob wir für einmal nicht auf den Samichlaus verzichten sollen, oder ob es den Kindern wohl etwas ausmachen würde, wenn sie in diesem Jahr ohne Adventskalender auskommen müssten….

So würden wir wohl denken, wäre ich in den vergangenen Tagen nicht wieder vermehrt dem Kind begegnet, das ich mal war. Da sass ich am Computer und verirrte mich schreibend in eine weihnächtliche Welt, die immer zauberhafter wurde, immer mehr so, wie ich mir das damals, als ich noch klein war, vorgestellt hatte. Und wenn ich wieder auftauchte aus meiner Weihnachstwelt, traf ich auf den Zoowärter, der gedankenverloren auf dem Sofa sass, das „Geschenkebuch“ der Migros von vorne nach hinten und wieder zurück durchblätterte und murmelte: „Das wünsche ich mir und das hier und dann natürlich noch das da oben…“ Plötzlich wurde mir wieder klar, dass die Weihnachtszeit für jedes Kind eine besondere Zeit ist, egal, wie oft die Familie schon Weihnachten gefeiert hat, egal, wie sehr man den ganzen Konsumwahn verteufeln mag, egal, wie sehr man sich darüber ärgert, dass der Sinn des Festes im ganzen Trubel verloren geht. Und so fasse ich heute den Entschluss, dass ich immer wieder Kind werden will. Denn ich ahne, dass nur wer Kind bleibt, es zustande bringt, in der guten alten Advents- und Weihnachtszeit einzig das Schöne zu sehen und das Schlechte auszublenden.

So lässt sich’s leben

So wenig braucht es zuweilen, um wieder ein paar Gänge tiefer zu schalten: Einen Sohn, der sich eine Schallplattensammlung zum Geburtstag wünscht, eine Mama, die die gewünschten Schallplatten bei Ricardo ersteigert, gute Freunde, die Karlssons Schallplattensammlung gerne bereichern möchten und dann noch ein paar Buchbestellungen, die dich dazu zwingen, Nachschub zu holen. Und schon hast du, was du dir seit Tagen sehnlichst gewünscht hast, nämlich ein paar Stunden, die du ganz alleine mit dir und deinen Gedanken verbringen kannst, währenddem du durchs Mittelland kurvst, um Schallplatten, Bücher, Plattenspieler und noch einmal Schallplatten einzusammeln. Als ob dies nicht schon des Glücks genug wäre, verfährst du dich einmal mehr so heillos, dass du dir wünschst, du hättest dir eben doch ein GPS angeschafft, anstatt dich auf dein iPad zu verlassen.

Wie, ihr versteht nicht, was ich so toll finde daran, dass ich mich an einem sonnigen Samstagmorgen im November verfahre? Aber das ist doch klar. Erstens war ich so lange von zu Hause weg, dass das ganze Chaos schon beseitigt war, als ich endlich wieder zu Hause ankam und zweitens gibt es wohl kaum eine bessere Art, sich eine neue Geschichte auszudenken, als wenn man gelangweilt hinter dem Steuer sitzt und sich fragt, wo das alles enden wird und wie das alles aussehen würde, wenn du ein GPS hättest, das dich in die Irre führen würde. Alles in allem kann ich also auf einen sehr erfolgreichen Samstag zurückblicken: Sieben Bücher verkauft, zwei Stapel Schallplatten und einen Plattenspieler erstanden, eine aufgeräumte Wohnung, ohne dass ich dafür einen Finger krumm machen musste und viele neue Sätze im Kopf, die mir dabei helfen werden, meine 50’000 Wörter zu vollenden. Wenn das kein gelungener Tag war, was dann?