Unschuldig

Ich schwör’s, ich habe ihm nichts getan. Und auch „Meiner“ nicht. Wir sind nicht laut geworden, haben nicht geschimpft und sind erst recht nicht handgreiflich geworden. Im Gegenteil, wir haben ihm frische Milch gebracht, haben ihn gefragt, was ihm fehle und ihm übers Haar gestrichen. Warum müssen wir uns dann bei ihm entschuldigen?

Laut brüllend liegt der Zoowärter im Bett, schreit „Ich well brüele!“ und wenn wir ihm helfen wollen, beruhigt er sich nicht eher, als dass wir uns bei ihm entschuldigt haben. Fast müsste man eingeschnappt sein. Aber nur fast. Denn plötzlich ruft er uns zurück ans Bett, schaut uns treuherzig an und brummt: „Scholdigong, Mami! Scholdigong Papa!“

Wer hat jetzt wem was angetan und wer muss sich bei wem wofür entschuldigen? Keine Ahnung, aber offenbar ist alles wieder gut.  Der Zoowärter will nicht mehr brüllen. Stattdessen singt er sich lauthals in den Schlaf des Gerechten, der weiss, dass er wieder mit allen im Frieden lebt.

Ich soll gestresst sein?

Man wird schon ein wenig weltfremd, wenn man nur noch selten mit dem Auto unterwegs ist. So vergisst man zum Beispiel, dass es so etwas wie ein Parkplatzproblem gibt. Und so kommt es, dass man am Dienstag zum Mutter-Kind-Morgen fahren will und nicht darauf vorbereitet ist, dass das am nächsten gelegene Parkhaus an einem gewöhnlichen Wektag voll sein könnte. Es gibt also tatsächlich noch Menschen, die trotz Wirtschaftskrise eine Arbeit haben. Könnte man gar nicht denken, bei all den schlechten Schlagzeilen. Es gibt sogar welche, die mit dem Auto zur Arbeit fahren. Also nichts gewesen mit einem Parkplatz in bequemer Nähe zur Kirche. Zurück zum Stadtausgang.

Dort findet man zwar einen Parkplatz, dafür stellt man mit Schrecken fest, dass man den Kinderwagen zu Hause gelassen hat. Man hat ja auch nicht mit einem zehnminütigen Fussmarsch gerechnet, als man zu Hause losgefahren ist. Schon gar nicht mit einem Fussmarsch auf zu hohen Absätzen (Diese elenden Tussi-Schuhe! Wer hat mir die bloss aufgeschwatzt?), mit zwei Kleinkindern im Schlepptau und einem frisch geimpften, fast acht Kilo schweren Prinzchen auf dem Arm.

So kommt man ziemlich erschöpft beim Mutter-Kind-Morgen an. Wenigstens glauben mir so alle, dass ich tatsächlich fünf Kinder habe. Und so ist man schon bald mitten im Gespräch mit lauter Frauen, mit denen man sich schon lange einmal etwas eingehender unterhalten hätte. Keine „Petit-Beurre und volle Windeln Probleme“ heute (Siehe Beitrag „Sorgen“ vom 7. 5. ), sondern ein lebhafter Austausch zwischen Müttern in den unterschiedlichsten Lebenslagen. Ein richtig gemütlicher Vormittag also.

Etwas zu gemütlich, leider. Denn so bleibt man länger sitzen als vorgesehen. Natürlich denkt man nicht mehr dran, dass man wieder den ganzen Weg zum Auto zurücklaufen muss, diesmal mit einem Prinzchen, das nicht nur frisch geimpft, sondern auch müde und hungrig ist. Dazu auch noch mit einem nicht mehr ganz taufrischen Zoowärter und einem überdrehten FeuerwehrRitterRömerPirat. Und mit einer gestressten Mama, die schon vor sich sieht,  wie ein besorgter Karlsson und eine weinende Luise vor verschlossener Türe warten.

Natürlich kommt es genau so, wie man befürchtet hat. Aber es ist ja nicht die erste stressige Situation, die man erlebt. Und so schafft man es irgendwie, Essen zu kochen, die Grossen zu beruhigen, das Prinzchen zu füttern und die  wichtigsten Ereignisse des Morgens zu erfahren. Eine Stunde später ist alles wieder ruhig und schon beinahe vergessen.  Hoffentlich vergesse ich nicht, das nächste Mal den Bus zu nehmen.

Prinz Faultier

Keine Angst, es gibt nicht schon wieder eine Namensänderung. Dies ist auch kein Klagelied über die Faulheit unseres Jüngsten. Zwar räumt er noch immer nicht sein Geschirr weg, wenn er seinen Brei gefuttert hat und auch seine Socken lässt er in der ganzen Wohnung herumliegen, doch deswegen kann man ihn wohl noch nicht als faul bezeichnen.

In seinen Bewegungen aber gleicht er sich immer mehr einem Faultier an. Hält man ihm den Arm hin, wenn er auf dem Rücken liegt, packt er mit Händen und Füssen so stark zu, dass man sich kaum mehr befreien kann. Würde man den Versuch wagen, den Arm zu heben, er würde sich wohl einfach weiter festkrallen, wie ein Faultier eben. Vielleicht wird es langsam Zeit, dass wir irgendwo einen Ast einrichten, wo unser Prinz Faultier sich hängen lassen kann.

Schlechter Einfluss

So langsam müssen wir uns darüber Gedanken machen, ob wir nicht sämtliche Asterix-Bände auf den familieninternen Index setzen müssen. Der schlechte Einfluss ist einfach bedenklich. Zum Glück sind bis jetzt noch keine Römer durch die Luft geflogen, doch das ist bald das Einzige, was unsere Bande noch nicht ausprobiert hat.

So zelebrierten die drei Älteren am Samstagnachmittag, als die Eltern mal wieder im Garten am Graben waren, eine Heisswasserstunde wie sie im Buche steht. Dass dazu auch „ein Tropfen von Milch“ ins heisse Wasser gehörte, versteht sich von selbst. Zum Glück konnte man im Nachhinein nicht mehr genau eruieren, wie viele Tropfen von teurer Bio-Milch bei der Fete draufgegangen waren. Die riesige Lache auf dem Fussboden liess aber auf eine ziemliche Menge schliessen.

Oder nehmen wir die Fische. Jeder weiss, dass man Forellen nicht schuppt, wenn man sie blaukochen will. Aber Verleihnix schuppt seine Fische, Fische schuppen sieht cool aus, folglich müssen die Forellen auch geschuppt werden. Alle Einwände, Verleihnix verstehe nichts von Fischen, sind zwecklos. Noch Tage später kleben überall winzige Schüppchen, die sich kaum mehr wegkratzen lassen.

Und dann erst der Zaubertrank! Was da alles schon verschwendet wurde! Ekliges Gebräu aus Ketchup, Schwarztee, Orangenjus und Salz. Mist, jetzt habe ich das Rezept verraten. Aber hätten die Gallier dieses Zeug gesoffen, wären ihre Abenteuer schon nach der ersten Seite zu Ende gewesen.

Was aber an der ganzen Asterix-Euphorie am ungerechtesten ist, ist dass sie mich nicht mitmachen lassen.  Als ich am Muttertag frühmorgens an den gedeckten Frühstückstisch geschlurft kam und brummte „Schalut schuschammen! Gibtsch hier wasch schu Trinken?“, starrten mich alle entgeistert an. Die wollen mich also nur, weil ich so dekorativ bin und deshalb halte ich jetzt die Luft an, bis sie mich auch mitspielen lassen. Sonst fliegen die Abenteuer von Asterix dem Gallier aus dem Fenster.

Nie wieder Brownies

Da hat man wiedermal den Beweis. Ich bin eine miserable Hausfrau. Nicht einmal kochen und backen kann ich, dabei ist es die einzige Hausarbeit, die ich mit Leidenschaft erledige. Noch nie, aber wirkch nie, ist es mir gelungen, anständige Brownies zu backen. Egal, welches Rezept, egal, welche Zutaten, meine Brownies gelingen nie. Nicht mal mit Martha Stewart will es klappen. Jedes Mal die gleiche klebrige Masse, jedes Mal die gleichen Würfel, die aussehen, als hätte eine Kuh darauf rumgekaut. Zumindest ist diesmal der Teig nicht an die Wand geflogen. Die Flecken vom letzten Mal sieht man nämlich auch nach zehn Monaten noch.

Es ist einfach frustrierend. Dabei brauchte ich dringed ein Erfolgserlebnis. „Meiner“ holt nämlich langsam auf. Da quält man sich eine ganze Schulzeit lang durch Handarbeitsunterricht, Kochschule und Hauswirtschaftsstunden, belegt sogar freiwillig Geometrie, um dem ungeliebten Haushaltsunterricht zu entgehen. Danach plagt man sich acht Jahre lang als Vollzeithausfrau ab und muss sich eines Tages eingestehen, dass man es, egal, wieviel Mühe man sich gibt, auf keinen grünen Zweig bringt.

Das wäre alles kein Problem, wäre da nicht „Meiner“, ein geborener Hausmann, der ohne die klitzekleinste Anleitung und ohne eine einzige Stunde Unterricht alles hinkriegt: Hosen kürzen, Kuchen backen, die Wohnung in Ordnung halten. Bloss bei der Wäsche hapert es noch, aber auch dort bessert er sich. Und jetzt wagt er sich sogar bereits an die Sauce Hollandaise. So wie ich „Meinen“ kenne, wird er auch das innert Kürze im Griff haben. Auch dies wäre kein Problem, hätten wir nicht vor Jahren den schwerwiegenden Fehler gemacht, uns für eine traditionelle Rollenteilung zu entschieden. Aus dieser Falle wieder herauszukommen, ist in der Wirtschaftskrise gar nicht so einfach.

So kommt es, dass ich weiterhin diejenige bin, die die Brownies backt. Und „Meiner“ ist nicht einmal bereit, für mich zu lügen und zu behaupten, er hätte sie gemacht. Wäre ja auch zwecklos, es würde ihm ohnehin keiner glauben. Inzwischen hat sich nämlich längst herumgesprochen, wer bei Vendittis den Haushalt schmeisst. Fragt sich bloss, womit ich derweil meine Zeit totschlage, denn haushalten kann man das nicht nennen, was ich den ganzen Tag mache.

Von Schwiegertöchtern und Schwiegermüttern

Wann genau haben eigentlich die ewigen Grabenkriege aufgehört? Seit der ersten Begegnung war man sich suspekt. Die Junge war zu klein, die Alte zu unfreundlich. So fing es an und noch gehässiger ging es weiter. Jedes Geschenk war ein Affront, zwischen jeder Zeile las man einen Vorwurf, in jeden Blick wurde etwas hineininterpretiert. Und natürlich war jeder Feiertag mit seiner erzwungenen Fröhlichkeit eine Tortur. Noch schlimmer war der Muttertag. Wer hat  mehr Anrecht darauf, gefeiert zu werden? Die Alte, die die anstrengendsten Seiten der Mutterschaft schon längst hinter sich hat, oder die Junge, die noch mitten im Stress steckt? Man redete nie darüber, doch insgeheim dachte jede, sie hätte mehr Beachtung verdient.

Und dann, ganz plötzlich, ist es kein Problem mehr. Nicht, dass man sich viel besser verstehen würde. Die gegenseitigen Besuche sind auch jetzt noch eine eher anstrengende Angelegenheit. Dennoch hat es eine Veränderung gegeben. Die Junge hat begriffen, dass sie auch dann Mutter ist, wenn sie den Muttertag teilen muss. Die Alte ist froh, wenn ihr die Enkel nicht allzu oft das wohlgeordnete Leben durcheinander bringen. So ist inzwischen der Muttertag beiden egal und man lässt einander  in aller Ruhe den freien Sonntag geniessen.

Das beste Spielzeug der Welt

Endlich hat Karlsson mal ein Spielzeug gefunden, das er nicht herumliegen lassen kann.  Eines, das nicht im Regal verstaubt, und vor allem Eines, das ihm keines seiner jüngeren Geschwister kaputt machen kann. Entdeckt haben wir es eher zufällig. Lusie kommt völlig in Tränen aufgelöst angerannt. Auf die Frage, was denn los sei, heult sie: „Der Karlsson will nicht mit mir spielen!“ „Warum denn nicht? Habt ihr euch gestritten?“ „Nein. Er sagt, er will lieber mit seinem Gehirn spielen als mit mir!“

Ein paar Tage später gehe ich zufällig am Fussbalplatz vorbei, als eine Gruppe von Jungen dem Ball hinterher rennt.  Karlsson sitzt einsam am Rande des Spielfelds. Ein Anblick, der jeder Mutter das Herz bricht. Können die denn meinen Sohn nicht mitspielen lassen? Ist es denn so schlimm, dass er nicht der Schnellste ist. Es geht ja hier nicht um einen Weltmeistertitel. Da muss ich doch einschreiten, oder? „Soll ich den anderen sagen, sie sollen dich auch mitspielen lassen?“, frage ich besorgt. „Nein Mama, auf keinen Fall!“ „Warum denn nicht, hast du Angst, sie würden dich auslachen?“. „Aber nein Mama. Ich will doch nur in Ruhe mit meinem Gehirn spielen und hier stört mich mal endlich niemand.“

Schon verstanden, Karlsson. Ich verschwinde ja gleich wieder.

Sorgen

Als Mutter von mehreren Kindern lernt man immer wieder neue Mütter kennen. Viele davon stehen noch ganz am Anfang ihrer Karriere. Meist sind dies sehr angenehme Begegnungen, denn die meisten Mütter sind ja auch sehr vernünftige Wesen. Es ist also fast immer eine wahre Freude, einen Haufen interessanter Frauen kennenzuklernen, die man nicht kennen würde, hätte man keine kleinen Kinder mehr.

Leider nur fast immer, denn zuweilen kommt es zu Begegnungen, auf die man gerne verzichten könnte. „Weisst du, mein Kleiner ist so sensibel. Ich weiss gar nicht, wie ich ihm beibringen soll, dass ich nicht immer Lust habe, mit ihm zu spielen.“, erzählt die Eine. Dass ihr ach so sensibler Kleiner gerade dabei ist, mit Bauklötzen um sich zu schmeissen und damit nur um ein Haar den  Kopf eines Babys verfehlt, kümmert sie einen Dreck. „Meine Kleine will partout keine Petit-Beurres mehr essen. Ich weiss gar nicht, was ich noch machen soll. Sie hat sie immer so gerne gemocht.“, seufzt die andere. Darauf beklagt sich die Erste, dass ihr Kind seine Windel nicht mehr zur gewohnten Zeit voll hat, worauf die Zweite jammert, sie wisse manchmal nicht, wie sie es schaffen solle, ihr Kind bereits um 11 Uhr in den Kleidern zu haben, wenn sie einen Arzttermin habe. 

Meistens beteilige ich mich nicht an solchen Gesprächen. Das Zuhören reicht mir vollauf. Und ausserdem ist mir vollkommen bewusst, dass schon ein einziges Kind es fertigbringt, einen an den Rand eines Nervenzusammenbruchs zu treiben. Doch wenn sie mich dann belehren wollen, weil sie glauben, ich hätte von Tuten und Blasen keine Ahnung, kann ich es mir nicht mehr verkneifen, zu bemerken, mit meinen fünf Kindern verlaufe der Tag auch nicht immer in Minne. Was darauf folgt, ist immer das Gleiche: Zuerst starren sie mich ungläubig an, dann quietschen sie: „Du hast fünf Kinder! Wie schaffst du das nur?“ Dann mustern sie mich von Kopf bis Fuss und murmeln „Respekt!“

Ich will keinen Respekt! Ich will bloss, dass ihr aufhört, über Probleme zu jammern, die keine sind!

Nichts für Skeptiker

Achtung! Diese Geschichte ist nichts fürs Menschen, die finden, man müsse alles immer wissenschaftlich belegen können. Deshalb bitte ich meine Leserinnen und Leser, Beda Stadler nichts zu verraten. Sonst müssen wir uns wieder seine Tiraden anhören.

Nein, es war keine alternative Heilmethode, die dazu geführt hat, dass die Krücken seit fast zwei Wochen nutzlos in der Ecke stehen und ich wieder die Treppe hochrenne, als sei nie etwas gewesen. Es war ein Gebet, und zwar nicht eines bei irgend einem Wunderdoktor, sondern eines mit drei Frauen, die genau wie ich, nicht sicher waren, ob etwas passieren würde. Aber es passierte etwas. Wir waren noch nicht fertig, da knackte es zwei oder dreimal und danach war das Knie wieder so gut wie neu. So schnell, wie der Unfall passiert war, so schnell war alles wieder gut.

Wenn nun die lieben Kinderlein noch so nett wären, mich nicht mit herumliegenden Flaschen zu Fall zu bringen, könnte ich wieder springen wie ein junges Reh.

Qualitätssicherung

Das mit der „Kinderqualität“ will mir einfach nicht aus dem Kopf gehen. Sie wissen schon, der Typ, der im „Beobachter“  behauptet hat, es komme auf die „Kinderqualität“ an, ob ein Kind der Gesellschaft Freude bereite oder nicht. Seitdem ich den Artikel gelesen habe, frage ich mich, was genau das gewöhnliche Kind zum Qualitätskind macht? Genügt es schon, wenn es immer schön brav danke und bitte sagt, oder muss es sich auch entschuldigen können? Oder zählen da ganz andere Qualitäten, zum Besipiel, dass das Kind bereits mit drei perfekte Tore schiesst, dass es grösser ist als andere, oder dass es zur richtigen Zeit am richtigen Ort in die richtige Familie geboren wurde? Oder setzt gar jenes zweijährige Mädchen, das bei Mensa aufgenommen wurde, die Messlatte für Kinderqualität?

Heute, wo alles nach Qualitätssicherung schreit, findet sich bestimmt  demnächst ein Irrer, der festlegt, welche Ziele ein Kind erreichen muss, um als Qualitätskind zu gelten. Und schon bald werden wir unsere Kinder zertifizieren lassen können, unsere Häuser mit Labels schmücken und am ersten Schultag der Lehrkraft stolz belegen können, dass unser Nachwuchs Qualität hat und nicht etwa zum gewöhnlichen Pöbel gehört.

Solche Gedanken lassen mich zuweilen fast wahnisinnig werden. Schaue ich dann aber im Morgengrauen nach dem Stillen mein Prinzchen an, kann ich nur staunen, wie perfekt so ein Menschlein ist und ich freue mich, dass auch er sich nicht in ein Schema pressen lassen wird. Und dann denke ich, dass er, und all die anderen Kinder, eigentlich eine bessere Welt verdient hätten, eine Qualitätswelt, sozusagen.