Zurück auf Feld 53!

Manchmal ist das Leben eben doch wie ein Brettspiel. Da glaubt man, man komme vorwärts und plötzlich landet man auf einem Feld, das einem ganz weit zurück schickt. „Zurück auf Feld 53!“, wird einem da zum Beispiel befohlen. Und auf Feld 53 wird man dann aufgefordert: „Du bekommst noch ein Kind. Kauf dir einen Geschwisterwagen und bezahle dafür einen beliebigen Betrag zwischen 10 und 1000 Franken.“

Tja, der Geschwisterwagen. Den hatte man in einem Anflug von Übermut verschenkt. Und als die Freunde anboten, das Ding auf E-Bay zu versteigern, war man sogleich einverstanden. Kein Problem, das Ding brauchen wir nie mehr.
Und jetzt ist man also wieder auf der Suche nach einem Geschwisterwagen. Während man selber auf der Stelle tritt, hat sich wenigstens die Welt weiterentwickelt. Im Gegensatz zum letzten Mal gibt es jetzt all die tollen Auktionen und man bekommt die Gefährte zu einem Bruchteil des ursprünglichen Preises. Nun, eigentlich müsste es heissen „bekäme man“, denn nun hat uns schon zum zweiten Mal jemand wenige Sekunden vor Auktionsende den heiss begehrten Wagen weggeschnappt. Tagelang interessiert sich keiner für das Ding und dann, wenn man die Auktion schon für gewonnen hält, schlägt irgendeiner zu, bezahlt den Sofort-Kaufen-Preis und weg ist der Wagen.

Das passiert uns sonst bei keiner Auktion. Was beweist, dass Eltern einander nichts gönnen. Da sitzt bestimmt irgend eine gelangweilte Tussi den ganzen Tag vor dem Computer und wartet darauf, bis sie einer überbeschäftigten Mutter den Wagen wegschnappen kann. Wahrscheinlich braucht sie den Wagen nicht einmal, aber es macht nun mal so viel Spass, anderen die Freude zu verderben. In drei Monaten wird der Wagen wieder in einer Auktion zu haben sein, denn inzwischen hat die Tussi gemerkt, dass die Übelkeit, die sie für die Morgenübelkeit der zweiten Schwangerschaft gehalten hatte, bloss eine Lebensmittelvergiftung war. Es bleibt nichts anderes übrig: Das nächste Mal arbeiten wir auch wieder mit dem Sofort-Kaufen-Preis.

Zwei Dinge bleiben noch anzumerken, um Missverständnissen vorzubeugen:
1. Dieser Eintrag ist nicht gegen Familien gerichtet, die ein Kind haben, nicht gegen solche, die ein Zweites bekommen, nicht gegen Mütter, die vor lauter Übelkeit kaum mehr den Tag überstehen. Er richtet sich gegen überhaupt niemanden,  als einzig und allein gegen blöde Tussis, die uns immer wieder die Kinderwagen vor der Nase wegschnappen.
2. Dieser Eintrag ist erst recht kein Aufruf, uns mit nicht mehr gebrauchten Babysachen einzudecken. Wo immer der Irrtum herkommt, kinderreiche Familien seien dankbare Abnehmer für nicht mehr gebrauchte Babybettchen, Kleidchen und nervige Lärmspielsachen, er bleibt ein Irrtum. Ausserdem soll unser letztes Kind in einem richtig coolen Wagen ausfahren dürfen. Denn wenn wir schon nochmals Nachwuchs bekommen, soll das Kind, genau wie die anderen vier, sich als etwas ganz Besonderes fühlen dürfen.

Kultur

Wann haben wir diese Sätze zum letzten Mal gehört? „Wahnsinn! Ihr seid ja echt zu beneiden! Können wir nicht tauschen mit euch?“ Es ist lange her, seit uns jemand um etwas benieden hat. Mal abgesehen von der Frauenärztin, die ganz furchtbar gerne einen Haufen Kinder gehabt hätte und leider zu spät damit angefangen hat und jetzt das Grossfamilienleben in etwas allzu rosaroten Tönen malt. Aber echter Neid? Jemand, der mit uns tauschen möchte? Momentan sind eher mitleidiges Kopfschütteln und schweres Seufzen die Reaktionen, wenn wir jemandem aus unserem Leben erzählen.

Der Grund für den Neid waren zwei Eintrittskarten. „Silo 8“ von „Karls Kühne Gassenschau“. Offenbar möchte jeder das gesehen haben und deshalb sind die Leute auch gerne bereit, 64 Franken für ein Ticket hinzublättern. Wir haben die Tickets geschenkt bekommen. Das heisst, „Meiner“ hat sie bekommen. Grosszügig, wie die Geber waren, hatten sie auch an den Anhang gedacht, was mehrfach betont wurde. Als ob man an einem lauen Sommerabend alleine in den Ausgang gehen würde…
Nun, so machen wir uns voller Vorfreude auf den Weg. Endlich mal wieder Kultur! Und zwar live, nicht aus der Konserve. Und wenn man weiss, dass andere voller Neid an einen denken, wird der Abend gleich noch etwas schöner. Über den Inhalt des Programms muss an dieser Stelle nichts gesagt werden, darüber haben andere genug geschrieben. Anfangs ist man noch amüsiert über die Handlung, doch bald schon kommt der Eindruck auf, dass über all den ausgeklügelten Effekten die Handlung etwas allzu kurz kommt. Und als es dann losgeht mit den wilden Töfffahrten, mit den Staubwolken, dem Knallen und dem Feuer, beginnt das Kind im Bauch zu rebellieren. Irgendwann ist der Bauch steinhart und man ist nur noch froh, dass das Stück jetzt zu Ende ist, weil man fürchtet, sonst mit frühzeitigen Wehen im Spital zu landen. 
Da sitzt man nun, die Hände schützend um den Bauch gelegt, während alle anderen frenetisch applaudieren. Die grosse Spielverderberin, die nicht mehr fähig ist, das zu geniessen, was alle anderen so toll finden. Wie soll man nachher über den Abend diskutieren, ohne dem anderen die Freude am Erlebten zu trüben? Ein Blick nach rechts beruhigt fürs Erste. „Meiner“ sitzt genauso verdattert da und weiss nicht recht, wohin mit den Händen. Er hat ja kein Baby im Bauch, das er beruhigend streicheln könnte. 
Etwas später sitzen wir im Strassencafé. Erinnerungen an einen anderen lauen Sommerabend kommen auf. Es waren die alten Lokaljournalisten-Zeiten, als fast jedes Wochenende mindestens ein Kulturanlass auf dem Programm stand. Wann war das genau? Vor acht oder schon vor zehn Jahren? Und wie hiessen nochmals die Künstler? Ein Blick ins Artikelarchiv würde Klarheit schaffen. Doch damit würde man einen Asthmaanfall riskieren und so einen braucht man nicht schon wieder, nach all den Staubwolken bei „Silo 8“. Wir erinnern uns an diesen urkomischen Abend, als vielleicht zwanzig oder dreissig Verrückte sich auf einen Platz in der Zofinger Altstadt verirrt hatten, um ein paar irren Strassenkünstlern dabei zuzusehen, wie sie auf Pocket Bikes um die Ecke furzten. Wie eine Schauspielerin so hinreissend komisch die italiensiche Immigrantin spielte, die über ihr „gratis mangiare“ auf der Ferienreise in Verzückung gerät. Noch heute freuen wir uns ihretwegen kindlich über jedes „gratis mangiare“, und sei es noch so schlecht. Vieles von dem, was uns damals so zum Lachen brachte, dass wir fast von den Gartenstühlen gefallen wären, sehen wir in „Silo 8“ wieder. Nur dass es hier viel plakativer daherkommt, mit weniger zarter Ironie und mehr Getöse. 
Nachdem wir damals ein paar Münzen in den Hut geworfen hatten, bedauerten wir all jene, die diesen Abend voller Witz und Ironie verpasst hatten. Und heute wundern wir uns, warum alle Welt „Silo 8“ sehen will, wo es doch so wunderbare Kleinkunst gibt. Oder gibt es sie gar nicht mehr und wir haben es nicht mitbekommen, weil wir zu beschäftigt waren mit Kinderkriegen? Egal. Hauptsache, es gibt noch einen anderen Menschen auf diesem Planenten, der versteht, warum man sich gar nicht als so beneidenswert fühlt, wenn man den Kulturanlass besuchen darf, den alle besuchen wollen. 

Kleine Absurditäten

Gibt es etwas Beschaulicheres als Ferien in einem Österreichischen Kaff? Die kulturellen Unterschiede zur Schweiz sind so minim, dass man sich nicht gross auf die Reise vorbereiten muss. So kann man sich vor Ort eingehend mit den kleinen Absurditäten befassen.

Da betreibt zum Beispiel eine gewisse Maria ein kleines Café im Ort. Tja, und diese Maria hat ein ernsthaftes Problem mit Apostrophen. Die Frau sollte dringend einen Germanisten aufsuchen, doch das wagt ihr wohl keiner zu sagen. Ihr Lokal heisst „Maria’s s’Café“ und während der Sommermonate sind bei Maria „Milchshak’s“ der Renner.
Auch der Spitalalltag bietet für uns Schweizer einiges an Absurditäten. Ärzte sind hier noch echte Autoritäten. Nur sie haben die Berechtigung, Infusionen zu stecken. Als unserem Sohn bereits der zweite Schlauch herausgefallen ist, muss ein Neuer her. Die erste Ärztin versucht ohne Erfolg, eine passende Stelle für den Einstich zu finden. Sie holt eine andere Ärztin. Diese stochert ohne Erfolg in Arm des inzwischen etwas panischen Kindes herum. Also muss eine weitere Ärztin her. Als auch diese nichts ausrichten kann, murmelt sie: „Mal schauen, ob ich einen Oberarzt erreichen kann“. Wie bitte? Soll jetzt noch einer auf unser Kind losgelassen werden? Bei uns hätte man wohl schon längst eine Hebamme geholt, weil die angeblich am besten Infusionen stecken können. Und hier soll ein Oberarzt her, der bis jetzt das Kind kaum eines Blickes gewürdigt hat. Doch zum Glück hat der Mann viel zu tun und so steht ein paar Miunten später eine Ärztin mit einem Löffel da. Das Kind darf die Medikamente ab sofort schlucken. Was den Oberarzt nicht daran hindert, am nächsten Morgen bei der Visite zu verkünden, heute bekäme der Junge seine letzte Infusion. Dass der Bub schon längst keinen Schlauch mehr im Arm hat, bemerkt er nicht. Wie auch, wo doch der Arzt den Jungen auch heute keines Blickes würdigt?
Nicht bloss absurd sondern geradezu erschreckend ist die Gewohnheit gewisser Österreicher, die Leute mit einem fröhlichen „Heil!“ zu verabschieden. Mag sein, dass die Leute hier nicht automatisch an Hitler denken, wenn sie diesen Gruss hören. Aber es hat doch ziemlich viele Touristen hier in der Gegend. Und da sind wir wohl nicht die einzigen, die zusammenzucken, wenn uns einer beim Verlassen eines Geschäftes ein überschwengliches „Heil!“ hinterherschickt.

Geplatzte Träume

Eigentlich hat man sich die Ferien schon etwas anders vorgestellt. Und diesmal lag es nicht daran, dass man sich die Feriendestination unsorgfältig ausgesucht hätte. Oder dass der Hotelprospekt zuviel versprochen und zu wenig gehalten hätte. Oder dass gegenüber des Hotels gebaut worden wäre. Nein, es war wirklich alles perfekt. Es war ein geplatzter Blinddarm, der den Traum von den unbeschwerten Ferien zum Platzen brachte.

Der Älteste hatte diese Schmerzen schon öfters mal gehabt. Wir waren auch schon mitten in der Nacht vergeblich mit ihm ins Spital gefahren. Wie also hätten wir wissen sollen, dass es diesmal ernst galt? Irgendwann wurde uns dennoch klar, dass wir handeln mussten. Der Hotelier, der Gott sei Dank ein freunlicher Mensch war, fuhr das Kind zu einem befreundeten Arzt. Und dann stand plötzlich die Ambulanz vor der Hoteleingang. Sofort ab ins nächstgelegene Spital. Es bleibt kaum Zeit, sich von Papa und Kind zu verabschieden und dann ist man allein. Allein mit seinen Ängsten. Allein mit all den Schauergeschichten, die man im Laufe der Jahre gehört hat und die einem ausgerechnet jetzt wieder in den Sinn kommen. 
An Schlaf ist natürlich nicht zu denken. Man schickt bange Gebete zum Himmel und hofft auf den erlösenden Anruf, den man zugleich auch fürchtet, denn es könnte ja etwas schiefgegangen sein. Um zwanzig nach zwei dann die erlösende Nachricht: Die OP ist überstanden, der Junge ist bereits wieder wach. Aber der Blinddarm war durchgeborchen, seit zwei Tagen schon. Schlafen kann man jetzt erst recht nicht mehr. Einerseits ist man ganz kribbelig vor lauter Dankbarkeit. Andererseits melden sich jetzt die Vorwürfe. Welche Rabeneletern lassen denn ihr Kind so lange leiden? Und was wäre, wenn das Kind erst später ins Spital gekommen wäre?
Die nächsten Tage  heisst es, das kranke Kind zu betreuen. Statt entspannender Besuche in der traumhaft schönen Hotelsauna, Schwitzen im stickigen Spitalzimmer. Statt Schlemmen am Buffet Herunterwürgen der Spitalkost. Doch in diesem Moment ist das alles egal. Hauptsache, das Kind lebt. Hauptsache, es hat jemand besser aufgepasst, als wir dies getan hatten. 

Wie war das nochmals mit den Genen?

Woher hat er das bloss? Der Papa drückt sich seit frühester Kindheit erfolgreich ums Fussballspielen und dies trotz italiensicher Wurzeln. Die Mama begreift noch immer nicht, was es mit der Offsideregel auf sich hat. Und der Sohn bricht in Tränen aus, wenn Deutschland das EM-Finalspiel verliert. 

Es waren tatsächlich echte Tränen, die der Vierjährige am frühen Morgen vergoss, als er erfuhr, dass die Spanier den Pokal mit nach Hause nehmen. Ja, es schüttelte ihn regelrecht durch. Während der Rest der Familie die EM als mehr oder weniger notwendiges Übel betrachtet hatte, entschied sich unser Dritter gleich zu Beginn dafür, die Deutschen zu unterstützen. Und dabei blieb er bis zum bitteren Ende. 
Wie sehr er sich die Sache zu Herzen genommen hatte, merkten wir aber erst heute Morgen. Wie er da betrübt auf dem Sofa sass und sich nur noch mit einem ganz süssen Kakao und einer langen Umarmung trösten liess, konnte er einem richtig Leid tun. 
Das kann ja heiter werden, wenn er erst mal grösser ist. Wenn er einer jener Männer wird, die bei jeder Niederlage „ihres“ Vereins in eine mittelschwere Depression verfallen. Nun, er wird in bester Gesellschaft sein mit unzähligen Männern auf diesem Planeten. Woher er das hat, wird jedoch für immer ein Rätsel bleiben. 

Der ganz normale Wahnsinn

Was für ein Start in den Tag! Der Älteste hat Schulreise, muss auf den Bahnhof begleitet werden. Die Zweitälteste muss die Klassenfotos bezahlen. Deshalb muss ein Umweg zum Bancomaten eingeplant werden. Die Vorbereitungen müssen leise vonstatten gehen, damit die Kleinen nicht erwachen. Sonst muss man noch mit dem ganzen Trupp durchs Dorf ziehen.
Anfangs läuft alles glatt. Das Frühstück ist serviert, die Kleider liegen bereit. Wir reden über das gestrige Fussballspiel, erörtern die Frage, warum Pinguine und Eisbären nicht am selben Ort leben und diskutieren, ob heisser Tee oder kaltes Wasser besser ist an heissen Tagen. Dazwischen die üblichen Anweisungen: „Esst endlich auf!“, „Ihr müsst euch beeilen!“, „Macht jetzt endlich vorwärts!“. Und dann um zwanzig nach sieben plötzlich dies: „Mama, es ist gar nicht so einfach, dich zum Lachen zu bringen.“, bemerkt der Siebenjährige trocken. Zack, der hat gesessen! Wer braucht da noch einen Psychiater, wenn einem die Psychoanalyse gratis zum Frühstück geliefert wird?
Es bleibt nicht viel Zeit, über das Gesagte nachzudenken, denn plötzlich, als fast alles bereit ist, steht der Zweitjüngste da. Was nun? Normalerweise braucht er eine Ewigkeit, um morgens in die Gänge zu kommen. Zum Glück hat ihm Papa gestern neue Hosen gekauft. Damit lässt er sich bestechen und innert fünf Miunuten ist er angezogen und steht mit einem Apfel in der Hand bereit.
Also dann, ab zum Bahnhof. Kaum ist die Tür ins Schloss gefallen, beginnt der Jüngste zu weinen. Nun, vielleicht kann man ihn ja im Pijama mitnehmen. Doch nichts da. Der Kleine liegt bis auf eine pralle Windel nackt im Bett. Und die Windel ist nicht etwa eine Gewöhnliche, sondern eine Prinzessinnenwindel, bonbonrosa und mit einem Schneewittchen-Aufdruck. So kann der Kleine unmöglich mitkommen. Sonst melden die uns noch beim Sozialamt. Kinderreiche Familien sind ja ohnehin schon suspekt und wenn sie ihre Söhne in nassen Prinzessinnenwindeln herumlaufen lassen, deutet dies eindeutig auf Vernachlässigung hin.
Man hat also keine Wahl. Schnell wird der Kleine in saubere Kleider gezwängt und, ebenfalls mit einem Apfel in der Hand, in den Kinderwagen gesetzt.  Nachdem alle zur rechten Zeit am rechten Ort abgeliefert sind, wäre man eigentlich reif für den Feierabend. Doch dafür ist es um morgens halb neun vielleicht  noch etwas früh.

In der Höhle des Drachens

Tage, an denen man sich schon am frühen Morgen zum ersten Mal in einen Drachen verwandelt, sind nicht die besten. Aber hat man denn eine Wahl, wenn die kinderlose Arbeitskollegin des Mannes um zehn nach sieben anruft um zu fragen, ob er über Mittag auch ins Schwimmbad komme? Bleibt einem da als Ehefrau und Mutter etwas anderes, als die liebe Frau zu bitten, nicht mehr so früh anzurufen, weil die Kleinen noch schlafen? Nachdem man aufgehängt hat, fühlt man sich natürlich ganz mies, denn die gute Frau weiss ja gar nicht, was sie falsch gemacht hat. Sie hat doch nur eine harmlose Frage gestellt. Meint sie. In Wirklichkeit hat sie bereits morgens um sieben drei gravierende Fehler begangen, die den Tag der Mutter in gefährliche Bahnen lenken können. Um das bessere Verständnis zwischen Kinderlosen und Kinderreichen zu fördern, sei hier kurz darauf hingewiesen, was an diesem Anruf in den Augen der Mutter so schlimm war.

Erstens: Es gibt tatsächlich Kleinkinder, die morgens um sieben noch schlafen. Auch wenn die Mehrzahl der Eltern immer wieder jammert, die Kleinen seien bereits um fünf Uhr wach, so gibt es doch auch Kinder, die gerne bis acht oder neun Uhr schlafen. Manche sogar bis zehn. Und, man lese und staune, die Mütter sind gar nicht so unglücklich darüber, besonders dann, wenn sie noch grössere Kinder haben, um die sie sich kümmern müssen.
Dies führt uns zum zweiten Punkt. Morgens um sieben ist bei den meisten Familien mit schulpflichtigen Kindern die Hölle los. Der Morgenmuffel (bei uns in weiblicher Form vertreten, doch was ist die weibliche Form von Morgenmuffel?) will nicht wach werden und lässt sich nicht aus dem Bett bewegen. In der Küche schreit einer nach Kakao und selber möchte man eigentlich auch noch gerne etwas zwischen die Zähne bekommen. Wenn endlich alle satt sind, kommt das nächste Problem: Das Anziehen. Der eine möchte lieber Bilderbücher anschauen, während die andere allen Ernstes lange Hosen und Pullover aus dem Schrank zieht, weil sie fürchtet, bei 32 Grad Hitze zu erfrieren. So geht das eine Stunde lang weiter. Dass man in diesem Chaos keine Kleinkider brauchen kann, die gewickelt werden müssen, dürfte jedem einleuchten.
Kommen wir zum dritten und wichtigsten Punkt. Liebe Kinderlose, erinnert nie, aber auch gar nie, eine schwangere Mutter von vier Kindern am Morgen eines Hitzetages daran, dass ihr Mann in der Mittagspause ins Schwimmbad gehen könnte. Dass er in diesem Schwimmbad nicht bloss am Rand des Planschbeckens sitzen müsste, sondern dass er echte Chancen hätte, ins Wasser zu springen und sich abzukühlen. Dass er im Schatten liegen könnte und ein Buch lesen könnte. Mit solchen Bildern vor Augen muss die Mutter einfach zum Drachen werden, ob sie es will oder nicht.
Gott sei Dank hasst der liebe Mann nichts so sehr wie Schwimmbäder. Ansonsten hätte der harmlose Anruf zu einer ernsthaften Ehekrise geführt. Und dies war garantiert nicht die Absicht der Arbeitskollegin.

Vereinsanlass

Eigentlich hätte man erwarten können, dass alles perfekt organisiert wäre. Man hat ja immerhin zwei Abende für die Vorbereitung geopfert und ausserdem haben die alten Hasen mehrere Male versichert, dass man das schon zig Mal gemacht hat und dass man alles im Griff habe. Was die Neulinge  nicht begriffen haben ist, dass die Damen die Sache tatsächlich schon zig Mal durchgezogen haben und dabei Jahr für Jahr die gleichen Fehler gemacht haben.

So steht man also mit Kuchen und Zopf punkt zehn am Sonntagmorgen auf dem Festplatz, widerwillig zwar, aber doch bereit für den Einsatz.Spannung liegt in der Luft und es dauert eine Weile, bis man begriffen hat, was los ist. Die Präsidentin hat die Kasse noch nicht gebracht. Sie hat zwar fest versprochen, dass sie um Viertel vor elf hier sein wird. Doch jetzt ist bereits Viertel nach zehn und sie ist noch nicht da. Hä? 
Nächstes Problem: Drei der Frauen, die hier sein sollten, sind leider nicht da. Sie haben allle ihre Gründe, aber das ist jetzt nicht wichtig. Wichtiger ist, wer den Abwasch erledigen wird, wenn es plötzlich viele Gäste zu bedienen gibt. Die Neulinge sehen schwarz, während die alten Hasen ganz ruhig bleiben. Die wussten eben schon von Anfang an, dass der grosse Ansturm ausbleiben würde.
Irgendwann ist alles bereit. Sogar die Präsidentin mit der Kasse ist aufgetaucht und nach dem Austausch von ein paar "Nettigkeiten" mit einem der alten Hasen wieder abgerauscht. Jetzt gilt es ernst. Die ersten Gäste stehen da. Der Dritte will ein Bier. Wo aber ist der Flaschenöffner? Ach wie dumm, den hat die Cheforganisatorin vergessen. Schnell schickt sie "Ihren" nach Hause, um das unentbehrliche Objekt zu holen. Derweil hilft ein Gast mit seinem Taschenmesser aus. Kaum ist der Flaschenöffner da, kommt das nächste Problem. Die Messer sind zu Hause geblieben. Wie sollen jetzt die Gäste ihre Wurst, pardon, ihre Grillschnecke, schneiden? Es gibt nichts anderes. Die Organisatorin muss "Ihren" erneut nach Hause schicken. 
Nach diesem harzigen Start läuft eigentlich alles wie geschmiert. Etwa alle dreissig Minuten erscheint ein Gast und bestellt eine Wurst. Auch bei den Spielen, die man für die Kinder sorgfältig vorbereitet hat, herrscht Hochbetrieb. Ganze drei Buben sind aufgetaucht, um mit den Büchsenstelzen den Rasen zu maltraitieren. Da bleibt für die alten Hasen viel Zeit zu lamentieren, dass das Wetter eben heute einfachzu schön sei, dass es zwar jedes Jahr wenig Leute habe, aber so Wenige wie heute noch nie. Derweil ärgern sich die Neulinge nur noch darüber, dass sie nicht im Schwimmbad sind.
Irgendendwann hat "Meiner" genug. Per SMS macht er klar, dass es jetzt genug sei. So verlässt man also schweren Herzens die Ruhe des Festplatzes und stürzt sich zu Hause wieder in den Rummel eines ganz gewöhnlichen Sonntags. 

Sonnenstich

Das von den Kindern ersehnte Jugendfest ist endlich da. Und für einmal sind die Eltern perfekt vorbereitet. Die Jungs haben neue T-Shirts, die weissen Kleider der Tochter liegen frisch gewaschen bereit, keiner der unzähligen Zettel, die den Tagesablauf im Detail vorgeben, ist verloren gegangen und die Blumen für die Krone des Zweitjüngsten sind gepflückt. Ausserdem hat die Tochter genau festgelegt, wer wann abgeholt werden muss, so dass keiner lange warten muss. Ist also alles perfekt. 

Alles? Fast alles. Im ganzen Haushalt lässt sich keine einzige Schirmmütze für den Ältesten finden. Letzte Woche lagen sie noch haufenweise herum, doch heute lassen sich nur noch Wollmützen finden. Und ob die bei 28 Grad vor einem Sonnestich schützen, ist fraglich. Das Ganze ist aber auch zu dumm. Wer hätte denn für heute mit schönem Wetter gerechnet? Nun, zugegeben, die Damen von der Vereinssitzung hatten schon vor zwei Monaten einen Hitzetag prophezeit. Doch wie soll man jemandem glauben, der zu Zeiten des Klimawandels mit dem Argument "Das Wetter wird schön. Das war noch jedes Jahr so" auf die Ausarbeitung eines Schlechtwetterprogramms verzichtet? 
Nun, die Damen hatten Recht. Ein Sonnenschutz muss her und zwar sofort. Doch die einzigen Schirmmützen, die es zu kaufen gibt, sind Fussballmützen. Und zwar von der Schweiz, Frankreich und Portugal. Müssen wir unseren Sohn unbedingt als Loser ans Jugendfest schicken? Wir müssen, denn einen Sonnestich würde uns unser Sohn noch weniger verzeihen, als die lächerliche Mütze mit Schweizerkreuz drauf. Doch Kinder wissen sich immer zu helfen. Unser Sohn verbrachte fast den ganzen Tag am Schatten.  

Entsorgt

Der Säufer ist weg. Nun ja, so ein Haushaltgerät mit Alkoholproblem ist wirklich kein Vorbild für kleine Kinder. Kaum hatte er seinen Rausch ausgeschlafen, ging’s in den nächstgelegenen MMM. Dort gab der Kerl allerdings noch seine letzte peinliche Vorstellung. Tropfte einfach noch eine Lache von abgestandenem Wein auf den Boden, bevor ihn der Verkäufer in den Container hieven konnte. Also wirklich, hat der sich denn gar nicht mehr im Griff? Zum Glück sind wir ihn los!

Der Ersatz war schnell ausgesucht. Und Dank eines Kredits von der Mutter, die in solchen Situationen gerne hilft, auch schnell bezahlt. Der Säufer hätte sich für sein Ableben nämlich keinen schlechteren Zeitpunkt aussuchen können. Sonderbar war nur, dass der Verkäufer  mehrmals darauf hinwies, dass das neue Gerät auf keinen Fall mit Flüssigkeit in Kontakt kommen dürfe. Als ob man solche Ermahnungen nötig hätte. Immerhin ist man Hausfrau und käme nie auf den Gedanken, einem Staubsauger auch nur einen Tropfen Flüssiges zuzumuten. Das gestern war ja nur ein kleiner Ausrutscher. Und ausserdem war der Sauger ganz selber Schuld. Warum musste der Gierhals auch all den Wein in sich hineinsaufen, wo er doch eigentlich die Scherben hätte fressen sollen?
Doch vergessen wir die leidige Angelegenheit und wenden wir uns noch kurz etwas anderem zu, nämlich dem Adler. Der war nun vielleicht doch keiner. Unsere Tochter meinte heute Morgen, es könnte sich auch um eine Krähe gehandelt haben. Also war es vermutlich ein Kolibri. Denn wenn aus einem  Adler über Nacht eine Krähe wird, war das Tier in Wirklichkeit wohl noch viel kleiner. Fragt sich nur, wie sich ein Kolibri in unsere Breitengrade verirren sollte. Aber da wir die Sache wohl nie genau werden ergründen können, bleiben wir  bei der ursprünglichen Version mit dem Adler. Irgendwie müssen Legenden ja entstehen.