Verwöhnt

Angefangen hat damit schon Karlsson. Kaum war das Kind einen Monat alt, schlief es zwölf Stunden am Stück, nach sechs Monaten ass es alles, was wir ihm vorsetzten und war fast rund um die Uhr zufrieden. Luise war dann zwar zeitweise etwas anstrengender, doch im Grossen und Ganzen bemühten sich alle unsere fünf Kinder nach Kräften darum, ihre Eltern zu verwöhnen.

Ja und jetzt, wo sie vollkommen verweichlichte Eltern haben, müssen sie ausbaden, was sie angerichtet haben. Das Prinzchen, für gewöhnlich das friedlichste Kind auf Erden, wird schon gar nicht mehr fertig mit uns, so verzogen sind wir. Zur Zeit hält er nämlich Ramadan. Wir haben ihm schon zig Mal gesagt, dass wir Christen sind und dass auch die Muslime momentan nicht am Fasten sind. Das hindert ihn aber nicht daran, tagsüber fast sämtliche Nahrung abzulehnen und nachts zu schlemmen.

Uns verwöhnte Eltern werfen schon zweimal Aufstehen um ihm das Fläschchen zu geben aus der Bahn. Doch jetzt, wo das Kind auch noch am Zahnen ist, wissen wir uns schon gar nicht mehr zu helfen. Dass der Junge Zahnschmerzen, eine volle Windel und einen wunden Po haben könnte, kommt uns erst in den Sinn, nachdem wir ihn an den Rand eines Nervenzusammenbruch gehätschelt haben. Wir streicheln, küssen, knuddeln und trösten und merken nicht, dass das arme Kind eine frische Windel, ein Zäpfchen und ein bisschen Salbe haben will. Das, was durch kurze Nächte gestählte Eltern als Erstes abchecken, fällt uns verweichlichten Memmen erst ein, nachdem wir völlig entnervt und ratlos auf das brüllende Kind starren.

Ja ja, so kommt es eben, wenn man den Eltern nicht  täglich mit aller Konsequenz die Grenzen ihrer Bequemlichkeit aufzeigt.

Der Herr von Tisch fünf hat was durcheinander gebracht

Wie hiess sie nochmal, die alte Säuferwahreit? „Bier auf Wein, das lasse sein, Wein auf Bier…“ und den Rest weiss ich nicht mehr. Spielt für mich ja auch keine Rolle. Mir genügen ein paar Schlucke Holunderblütensekt zum elften Hochzeitstag und schon lache ich Tränen, bloss weil ich glaube, die Mutter am Nebentisch habe ihren Sohn „Pavian“ anstatt „Fabian“ gerufen. Oder weil die Chefin den Lehrling zum hundertsten Mal ermahnt: „Die Dame am Disch drai is´wegedorisch.“ Da lasse ich lieber die Finger von Bier und Wein, egal, in welcher Reihenfolge.

Nun, der Herr am Tisch fünf hätte sich vielleicht die alte Säuferwahrheit zu Herzen nehmen sollen. Bestellt hat er beides, Bier und Wein. In welcher Reihenfolge er das getrunken hat, weiss ich nicht, aber es war bestimmt falsch herum. Das merkt man schon bald. Zuerst weist er lauthals seine Söhne zurecht, dann demütigt er seine Frau so dass es alle hören: „Du bist die Einzige im ganzen Speisesaal, die sich nicht umgezogen hat. Das gehört sich nicht.“ Nun, erstens stimmt das nicht, ich trage auch noch das Gleiche wie am Morgen. Und zweitens hätte es keiner gemerkt, da ohnehin alle mit ihren Sprösslingen beschäftigt sind und jede Mama froh ist, dass die am Nebentisch noch übrenächtigter aussieht als sie selber. Doch das ist erst der Anfang. Bald schon brüllt er laut: „En Guete mitenand im schöne Schwizerland!“ und das etwa dreimal hintereinander. Hat der Kerl noch nicht gemerkt, dass wir hier in Österreich sind? Zumindest fügt er nicht noch an „de Tisch isch abenand“ sonst hätte ich ihm die Klappe zubinden müssen. Dafür beginnt er jetzt lauthals „Knowing you and knowing me“ von Abba zu singen und das um sieben Uhr abends, bevor seine Frau – ich nehme nicht an, dass er dabei behilflich ist – die Kinder zu Bett gebracht hat.

Wenn der Kerl doch bloss Russisch sprechen würde. Oder Mandarin. Dann würde ich sein  Geschwätz wenigstens nicht verstehen.

Hab´ ich´s nicht gesagt?

Es ist wie immer: Der Hotelprospekt verspricht dir Wireless-Lan im Zimmer, du glaubt den ganzen Mist und schleppst neben Schönwetterkleidung, Schlechtwetterkleidung, Badehhosen, Reiseapotheke, Stofftieren, Reisespielen und Windeln auch deinen Laptop mit. Das Handbuch für Besucher bestätigt dir noch einmal, dass du vom Hotelzimmer aus gratis Zugang zum Internet hast. Alles was du tun müssest sei, an der Reception dein Passwort azubholen. Hoffnungsfroh schickst du „Deinen“ zur Reception, wärhrend du mit den grossen Kindern im kalten Hallenbad am Planschen bist. „Deiner“ findet derweil heraus, dass leider leider der Internetzugang in den Zimmern ausser Betrieb sei. Doch selbstverständlich dürfe man den Computer in der Lobby jederzeit gratis benützen. „Blah blah blah!“, denkst du. Denn du weisst ja, dass dieser Computer entweder kaputt oder von Workaholics belagert ist.

Doch siehe da: Der Computer ist neu, er funktioniert und es hat weit und breit keine Workaholics. Mal abgesehen von dieser Schweizerin mit den fünf Kindern, die es nicht mal vierundzwanzig Stunden ohne Internetzugang aushält…

Uffffff!

So, die Koffer sind schon fast gepackt, die letzen Post-its abgeräumt (natürlich erst nachdem alles erledigt ist), die Akkus aufgeladen, die Kleider gewaschen, der Abfall entsorgt und und und. Jetzt muss nur noch der Laptop abgeräumt werden, denn der kommt natürlich mit. Ob ich in Österreich dann aber auch wirklich bloggen kann, hängt davon ab, ob der im Reiseprospekt versprochene gratis-Internetzugang auch tatsächlich existiert.

Meist wird ja viel versprochen. Doch wenn man ankommt, entpuppt sich der versprochene Internetzugang als klapprige alte Kiste in der Lobby, die sich im Dauerstreik befindet. Sollte sie zufälligrweise mal für ein paar Stunden funktionieren, wird sie sofort von irgendwelchen Workaholics in Beschlag genommen, die ihre Arbeit verrichten, vor der sie eigentlich hatten flüchten wollen. Am Tag vor der Abreise findet man dann per Zufall heraus, dass da noch so ein klitzekleiner Anschluss im Zimmer versteckt gewesen wäre. Aber dann ist es ja schon zu spät.

Also dann, mal sehen. Wenn der Reiseprospekt sein Versprechen hält, wird weiter gebloggt. Ansonsten haben meine Leser zehn Tage Ruhe vor mir und meiner Bande.

Die barfüssige Irre ist wieder da

Heute in der Früh wurde sie wiedermal gesichtet, die barfüssige Irre. Es ist schon eine ganze Weile her, seit man sie zum letzten Mal gesehen hatte, wie sie mit einem Kind im Schlepptau durchs Dorf hastete, ungekämmt, ungeduscht und mit ungeputzten Zähnen, mit irrem Blick und laut zeternd: „Jetzt mach schon mal! Ich kann die Kleinen nicht so lange alleine lassen. Du wärst doch jetzt wirklich gross genug….“ Den Rest versteht man nicht mehr, denn sie ist schon längst um die nächste Hausecke verschwunden.

Heute war sie zumindest geistesgegenwärtig genug gewesen, um sich noch schnell in die Kleider zu stürzen, bevor sie aus dem Haus ging. Auch schon wurde sie im Pyjama gesichtet. Aber eben, das ist ein paar Jahre her. Um genau zu sein vier. Es war in den ersten fünf Kindergartenwochen eines gewissen Karlsson vom Dach. Der kleine Karlsson hatte etwas Mühe damit, morgens sein Elternhaus zu verlassen und deshalb brauchte er etwas Hilfe von seiner Mama. Manchmal hatte seine Mama den Tag im Griff und dann trat sie, frisch geduscht, sauber gekleidet und gut gelaunt vor die Haustür. Im Schlepptau eine blitzsaubere Luise, im Kinderwagen einen friedlich schlafenden FeuerwehrRitterRömerPiraten, an der Hand einen traurigen, aber sauberen Karlsson.

An vielen Tagen aber hatte Karlssons Mama die Sache nicht so im Griff. Und dann schickte sie jeweils eine barfüssige Irre, die ihren Erstgeborenen begleiten sollte. Keiner weiss, weshalb eine normalerweise durchaus vernünftige Mama ihr kostbares Kind dieser Irren jeweils anvertraute. Doch während mehrerer Wochen begleitete diese unmögliche Frau den armen kleinen Karlsson fast täglich bis zur Kindergartentür und schwatzte auf ihn ein. Mit der Zeit wurde die sie zum Glück  immer seltener gesichtet, dann verschwand sie ganz. Karlsson ging jetzt selbstbewusst alleine zum Kindergarten und später in die Schule. Man hätte schon fast glauben können, die Irre sei weggezogen.

Doch heute, kurz vor acht hatte sie wiedermal einen Auftritt. Karlssons letzter Schultag in der zweiten Klasse war eine wichtige Angelegenheit. Und wie so oft bei wichtigen Angelegenheiten, verhielt sich Karlsson etwas unkooperativ.  Zwar wollte er auf jeden Fall Nutella, Honig, Halva-Brotaufstrich, Fruchtspiesschen für die ganze Klasse und zwei Bibliotheksbücher mitschleppen. Aber wie die ganze Ladung ins Schulhaus kommen sollte, hatten weder er noch sein Papa, der ihm alles eingepackt hatte, sich im Detail überlegt. Und ohne all die Dinge ging Karlsson nicht. Wenn er schon mal in der Schule frühstücken darf, muss das mit Stil und allem Drum und Dran vonstatten gehen. Zum Schluss, nachdem sie sich den Mund fusselig geredet hatte, blieb der Mama nichts anderes mehr übrig, als wieder mal die barfüssige Irre mit Karlsson auf den Schulweg zu schicken.

Ob das alles wahr ist, weiss allerdings niemand so genau. Die barfüssige Irre wurde nämlich heute nur ganz kurz gesichtet. Schon auf dem Heimweg von der Schule verwandelte sie sich wieder in eine ganz normale Mama, die mit zuckersüssen Anweisungen ihre anderen vier Kinder für den langen Tag bereit machte.

Spieglein, Spieglein an der Wand…

… aber natürlich, mein Prinzchen, du bist das schönste Baby im ganzen Land – zumindest für deine Mama. Das heisst aber trotzdem nicht, dass du stundenlang selbstverliebt vor dem Spiegel sitzen musst, um dich selbst zu bewundern. Natürlich siehst du bezaubernd aus mit deinen blonden Locken und deinem unwiderstehlichen Lächeln. Aber Jünglinge, die in ihr eigenes Spiegelbild verliebt sind, kommen im Allgemeinen nicht so gut weg in der Literatur.

Es ist ja schon erstaunlich, wie jedes Kind seine eigene Strategie hat, um sich wieder zu beruhigen, wenn etwas schiefläuft. Karlsson zieht sich mit seinem Eisbären zurück, Luise knallt die Tür und brüllt, dass die Wände wackeln, der FeuerwehrRitterRömerPirat lässt den Kopf hängen und vergiesst still ein paar Tränen, dem Zoowärter muss man „Heile heile!“ singen und „tschougigong“ sagen auch wenn man unschuldig ist an seinem Unglück. Und das Prinzchen muss sein Speigelbild betrachten. Und weil beim Prinzchen jetzt, wo er sitzt und krabbelt und sich hochziehen will, ziemlich viel schiefläuft, verbringt er derzeit den halben Tag vor dem Spiegel. Am liebsten vor dem doppeltürigen Spiegelschrank. Da sitzt er dann und hält eine Selbstmitleidssitzung mit seinen zwei Spiegelbildern ab.

Ein Artikel bei Wikipedia klärt mich darüber auf, dass ich mir noch keine Gedanken über Narzissmus machen muss. Das alles gelte noch als primärer Narzissmus.  Was aber, wenn das Prinzchen 16 ist und sich in seinem ersten Liebeskummer noch immer mit seinem Spiegelbild tröstet?  Dann werden wir wohl oder übel den Sigmund fragen müssen, was er davon hält…

Auf dem Zahnfleisch

Man könnte ja glauben, uns würde nichts mehr aus den Socken hauen. Immerhin haben wir ja Erfahrung. Was ist schon eine Geburtstagsparty mit acht Zwei- bis Sechsjährigen? Immerhin hat Karlsson auch schon eine Fete mit vier überdrehten Freunden gefeiert, die bei uns übernachteten. Und dies knappe zwei Wochen nach der Geburt des Prinzchens. Ein ander Mal überstanden wir eine Geburtstagsparty mit zwei Autopannen und drei Stunden in einer Turnhalle. Auch die Prinzessinnenparty mit zwei kranken Gästen, von denen sich eine am Ende übergeben musste, haben wir ohne weitere Schäden hinter uns gebracht.

Ob wir aber je wieder eine Party mit einer Gruppe von Vorschulkindern feiern werden, ist fraglich. Es ist nicht etwa so, dass sich die Buben daneben benommen hätten. Nein, sie waren alle äusserst lieb. Doch wer einmal an einem sehr heissen Sommertag eine Horde  von testosteronstrotzenden kleinen Jungen gehütet hat, weiss, dass diese sich nicht besonders auffällig benehmen müssen, um einen an den Rand des Nervenzusammenbruchs zu treiben. Jeder ist der Schnellste, der Stärkste, der Beste, der Schönste, der Klügste. Jeder braucht eine Waffe. Und wenn die Gastgeber so blöd sind, vor dem grossen Umzugstermin alle Spielzeugwaffen in den Keller zu räumen, müssen eben Stecken, Bananen und Schwingbesen als Waffen herhalten. Sollte es trotz unserer heutigen Erschöpfung ein nächstes Mal geben, lassen wir nur noch Bewaffnete ins Haus.

Nach zwei Stunden Party sind „Meiner“ und ich nudelfertig, während für die Kinder die Fete erst so richtig in Schwung kommt. Immerhin haben „Meiner“ und ich im Teamwork so ziemlich alle bisherigen brenzligen Situationen gemeistert: Das Feuer, das zuerst nicht brennen wollte, die Eistorte, die trotz Smarties nicht bei allen Kindern ankam, das Würstchen, das noch nicht gar war, der Gast, der sich für den Allerstärksten hält und dies den anderen Allerstärksten beweisen muss. Doch jetzt, wo ich so ziemlich auf dem Zahnfleisch gehe und nur noch sehnsüchtig nach der Uhr schiele, macht sich „Meiner“ aus dem Staub. Zahnarzttermin. Ich soll die Meute noch eine halbe Stunde lang alleine bändigen, währenddem er es sich auf dem Zahnarztsessel wohlsein lassen kann! Immer hat er den ganzen Spass und ich muss schuften!

Wie? Behauptet hier jemand, er würde lieber hundert Parties mit acht Kleinkindern feiern, als eine Stunde beim Zahnarzt zu verbringen? Wer das glaubt, ist herzlich eingeladen, die Party zu schmeissen, wenn der Zoowärter vier wird. Spätestens nach einer Stunde wird er seinen Zahnarzt  auf den Knien anflehen, ob er nicht jetzt gleich einen Termin für eine Wurzelbehandlung haben könne…

Turbulenzen

War das wieder ein Auftritt! Mit der gesamten Meute am Samstag ans Schulhausfest zu gehen, ist doch immer wieder ein Erlebnis. Anfangs langweilen sich die drei Grossen ein wenig, doch dann beschliessen sie, sich mit dem Bemalen von Fahnen die Zeit zu vertreiben. Während Luise und Karlsson mal schnell ein Haus hinkleckern, konzentriert sich der FeuerwehrRitterRömerPirat auf sein Segelschiff. Hingebungsvoll mischt er die Farben, trägt Schicht um Schicht auf den Stoff auf. Ein wirklich schönes Schiff entsteht.

So langsam beginnen sich Karlsson und Luise zu langweilen und wollen weiterziehen. Doch der FeuerwerRitterRömerPirat lässt sich nicht beirren, malt weiter und weiter. So langsam verwandelt sich das schöne Segelschiff in einen etwas weniger schönen braunen Fleck mit zwei Masten. Karlsson macht sich derweilen mit einem Freund aus dem Staub, Lusie quengelt, sie wolle sich jetzt ihr Gesicht schminken lassen. Also bleibt „Meiner“ beim Künstler, während ich Luise zum Schminken begleite. Als wir eine Viertelstunde später zurückkommen, ist der FeuerwehrRitterRömerPirat noch immer in sein Meisterwerk vertieft, die Fahne  dick mit brauner Farbe verschmiert. Und er will immer noch nicht weg! Erst die Aussicht auf einen Mohrenkopf, den er sich herbeischiessen kann, überzeugt ihn schliesslich davon, dass er den Pinsel doch zur Seite legen könnte. War aber auch Zeit. So langsam begann die Fahne auszusehen, als hätte sich jemand darauf erleichtert.

Nachdem sich alle die Gesichter mit Schokoköpfen beschmiert haben, will sich der Zoowärter nun  das Gesicht auch noch schminken lassen. Doch dem FeuerwehrRitterRömerPirat wird das Warten bald zu langweilig und deshalb beginnt er, das Prinzchen zu ärgern. Dieses zappelt mit den Beinchen, verliert seine Socken, was ein paar Grossmütter zu missbilligendem Kopfschütteln veranlasst. Schaut denn niemand, dass dieses Baby Socken an die Füsse bekommt? (Natürlich nicht. Ein echter Venditti geht barfuss!)

Endlich hat sich der Zoowärter in einen Tiger verwandelt. Zeit für einen Hot Dog. Aber wo ist Karlsson? Verschwunden und zwar im strömenden Regen. Mitfühlend wie ich bin, erstehe ich ihm dennoch einen Hot Dog, stopfe das vor Ketchup triefende Ding in meine Tasche (sonst sieht mich noch jemand damit!) und renne über den Pausenhof, um meinen armen nassen Karlsson zu suchen. Irgendwann wird mir die Sache zu nass und „Meiner“ hat das zweifelhafte Vergnügen, Karlssons Hot Dog zu verspeisen.

Weil der Zoowärter sein Tigergesicht mit Ketchup verschmiert hat, beschliessen wir aufzubrechen. In letzter Minute taucht Karlsson auf. Pudelnass und pappsatt. Seinen Hot Dog hat hat ihm die Familie seines Freundes spendiert. Währenddem wir Karlsson erleichtert in Empfang nehmen und noch ein wenig über Gott und die Welt und die Dorfpolitik plaudern, gönnen sich der FeuerwehrRitterRömerPirat und der Zoowärter ein Bad in der Pfütze. Ist ja  nicht weiter schlimm. Das hat Mama ja auch gemacht, als sie klein war. Als wir aber das nächste Mal hinsehen, liegt der Zoowärter bäuchlings in der Pfütze und trinkt. Hat das arme Kind denn keine Eltern, die ihm etwas zu Trinken spendieren?! Wie verzweifelt muss ein Kind sein, dass es aus einer Pfütze trinkt?

Jezt ist es endgültig Zeit, zu verschwinden. Sonst fordert man uns unauffällig dazu auf, nun endlich zu gehen.

Erklärungsnotstand

Was mache ich denn jetz bloss? Karlsson und der FeuerwehrRitterRömerPirat werden mich vierteilen, wenn ich ihnen gestehe, dass ich ohne die blaue Sammelkleberpackung aus der Migros nach Hause gekommen bin. Und das ist noch nicht das Schlimmste. Luise hat ihn nämlich schon, diesen scheusslichen Siegelsticker hat. Dabei ist ihr Sammelalbum noch gar nicht voll. Wenn nicht ein Wunder geschieht, wird dies die geschwisterlichen Beziehungen auf Jahre hinaus trüben.

Was nützen mir die fünffachen Cumulus-Punkte, die ich mir heute im Schweisse meines Angesichts inmitten von kaufwütigen Senioren erkämpft habe? Was nützt es mir da, dass ich zehn grüne Sammelpäckchen bekommen habe, dass ich den äusserst raren Zipfelfrosch in fünffacher Ausführung habe, dass ich sogar alle Lücken im Album des FeuerwehrRitterRömerPiraten geschlossen habe?  Wenn der Siegelsticker fehlt, hat alles Sammeln keinen Sinn mehr. Und die Verkäuferin konnte mir auch nicht weiterhelfen. Die nahm zwar bereitwillig das quengelnde Prinzchen auf den Schoss und scannte einhändig meinen ganzen Warenberg ein. Doch auf eine Frage, ob sie nicht noch blaue Stickerpäckchen  hätte, schüttelte sie nur bedauernd den Kopf und reichte mir das Prinzchen zurück.

Vielleicht tauche ich für ein paar Wochen ab. So lange, bis der schlimmste Zorn meiner beiden grossen Buben verraucht ist. Ihre Erleichterung, dass Mama wieder da ist, wird so gross sein, dass sie bei meiner Rückkehr keinen Gedanken mehr an den fehlenden Siegelsticker verschwenden werden.

Vielleicht aber warte ich auch mit Abtauchen, bis klar ist, ob die Migros nicht noch Siegelsticker nachdrucken lässt.

Wie steht’s mit den Falten?

Nein, nicht mit meinen Falten. Die sind mir eigentlich noch ziemlich egal und ich hoffe, dass dies so bleibt. Man weiss zwar nie, wie man reagieren wird, wenn die Falten dann tatsächlich da sind. Aber eben, von meinen (zukünftigen) Falten soll hier nicht die Rede sein. 

Ich meine natürlich jene Hautfalten, die bei Babies so schwer zu reinigen sind, die aber unbedingt sauber sein müssen. Diesen hatte ich eigentlich nie eine besondere Bedeutung zugemessen. Ich reinigte sie zig mal am Tag, salbte sie, wenn es nötig war und manchmal, wenn das Baby allzu störrisch gegen meinen Bauch trat und sich nach allen Seiten wand, schaffte ich es nicht, den ganzen Dreck zu entfernen. Ja, und dann las ich jenen Artikel über vernachlässigte Kinder. Plötzlich wurden diese Falten für mich zum Test, ob ich als Mutter überhaupt noch etwas taugte.

Es war in den dunkelsten Zeiten meiner Mutterschaft, als ich täglich bereits um neun Uhr morgens vom Gefühl geplagt wurde, total zu versagen. Als ich es nicht mehr schaffte, das Chaos in den Griff zu bekommen und abends meistens heulend ins Bett sank, weil ich es wieder nicht geschafft hatte, meinen Kindern gerecht zu werden. Ich hatte den Eindruck, die schlechteste Mutter auf diesem Erdboden zu sein. Da las ich in jenem Artikel, Mütterberaterinnen und Kinderärzte könnten an der Sauberkeit der Hautfalten erkennen, ob ein Kind vernachlässigt werde oder nicht. Natürlich stand in diesem Text noch viel mehr, doch das mit den Falten brannte sich bei mir im Gerhirn ein.

„Sind die Hautfalten des Babys heute sauber?“ wurde zur überlebenswichtigen Frage. Da konnte ich mich noch so sehr in Selbstzweifeln zerfleischen, solange die Falten sauber waren, hatte ich noch nicht vollkommen versagt, die Kinder waren noch nicht vernachlässigt. Sind die Falten noch sauber, ist noch nicht alles im Eimer. Heute ist diese Frage zum Glück wieder weit in den Hintergrund gerückt. Heute weiss ich wieder, dass ein Kind, das lacht und sich prächtig entwickelt keinen Mangel leidet.

Doch hin und wieder, wenn ich das Prinzchen wickle, erinnere ich mich, wie das damals war, als eine saubere Hautfalte das Einzige war, was mir noch Sicherheit gab. Und dann vergiesse ich innerlich eine Träne für all die unzähligen Mamas auf der Welt, die sich als die totalen Versagerinnen fühlen, weil sie in ihrer Überforderung nicht mehr sehen können, wie gut sie ihre Sache in Wirklichkeit machen.