Vorwarnung

Liebe Kleinkind-Eltern

Nur ein kleiner Tipp von einer, die weiss, wovon sie spricht: Lasst euch nicht dazu hinreissen, Eltern von grösseren Kindern Erziehungstipps zu geben. Nicht nur, weil ihr euch damit absolut lächerlich macht. Sondern vor allem auch, weil der Tag kommen wird, an dem ihr am liebsten im Boden versinken möchtet vor Scham, wenn ihr euch daran erinnert, was ihr erfahrenen Eltern einst an den Kopf geworfen habt.

Und dieser Tag kommt meist schneller, als man denkt…

blättchen

 

Ausgeflogen

Familienausflug – das war lange Zeit ein Reizwort für uns. Zu mühsam, sieben verschiedene Interessen unter einen Hut zu bringen. Zu anstrengend, sich nach intensiven Arbeitswochen samstags oder sonntags noch einmal aufzuraffen. Zu teuer in einem Land, in dem man an vielen Kassen trotz Familienrabatt ein halbes Vermögen liegen lässt.

Oft fühlten „Meiner“ und ich uns schlecht deswegen. Wir wollten doch mit unseren Kindern so viel Schönes wie möglich erleben, wollten ihnen Natur, Kultur, Geschichte und dergleichen näher bringen. Vor allem der Zoowärter und das Prinzchen kamen in dieser Hinsicht oft zu kurz. Warum waren wir bloss so miserable Eltern?

Irgendwann im Frühsommer schienen auch Karlsson und Luise sich diese Frage zu stellen. Nun ja, sie warfen uns nicht gerade vor, wir seien schlechte Eltern, aber sie wollten doch wissen, warum wir nicht mehr so viel unternehmen würden wie früher. Sie sind jetzt halt in dem Alter, in dem man zu erkennen beginnt, wie schön es war, Kind zu sein und sie finden es auch nicht mehr ganz so peinlich, mit uns gesehen zu werden. Und darum schlugen sie plötzlich vor, wir sollten mal zusammen wandern gehen. Oder am See ein Pedalo mieten. Oder im Wald ein Picknick machen.

Auf diese Weise sind Familienausflüge gar nicht mehr so anstrengend. Für die „Kleinen“ ist das alles noch neu, für die „Grossen“ ist es ein Anknüpfen an vergangene Zeiten, zu dem sie jetzt bereit sind. Und so waren in diesen Sommerferien immer mal wieder sieben ziemlich zufriedene Vendittis irgendwo dort anzutreffen, wo man sie schon lange nicht mehr gesehen hat. 

Vielleicht war es gar nicht so schlecht, ein paar Jahre zu pausieren mit solchen Sachen. An manchen Orten hat man inzwischen sogar ganz anständige, grossfamilientaugliche  Rabatte eingeführt.

skogen

Lest heute mal wieder anderswo

Und wieder einmal war es zu warm, um mehr als einen Text am Tag zu verfassen. Darum heute wieder eine Umleitung zu meiner neuen Mami-Kolumne auf swissmom

aare

Ausgestaubt

Ruhige Sommertage und endlich einmal Zeit, die Bücherregale auszumisten. Gewöhnlich trenne ich mich ja nicht von Büchern, denn was man mal gelesen hat, wird irgendwie Teil der eigenen Geschichte, finde ich. Diesmal jedoch muss ich eine Ausnahme machen, denn es geht um den Lesestoff, mit dem ich mich in den Zeiten über Wasser gehalten habe, als ich keine Zeit hatte, „richtig“ zu lesen. Ja, ich weiss, auch das ist Teil meiner Geschichte, aber ich habe mich, wie bereits gesagt, mit dem Zeug bloss über Wasser gehalten, einen nachhaltigen Einfluss auf mein Wesen hatte es ganz bestimmt nicht. Wie hätte auch etwas davon nachwirken können, wo doch pausenlos Betrieb herrschte? Die ausgemisteten Bücher lassen sich in die folgenden Kategorien aufteilen:

  1. Ratgeber für meine „Mist, ich bin die mieseste Mutter der Welt“-Momente: Zugegeben, wenn ich für jeden dieser Momente einen Ratgeber gekauft hätte, gäbe es in unserem Zuhause keinen Platz mehr für Möbel. Also kaufte ich die Bücher immer dann, wenn zu viele dieser Momente zusammengekommen waren und ich verzweifelt genug war, um zu glauben, irgend jemand da draussen hätte den Tipp für mich, dank dem aus der miesen eine perfekte Mutter würde. Natürlich gab es diesen einen Tipp nicht und auch die vielen anderen Tipps waren nicht wirklich das, was ich brauchte, denn entweder war das Kind, um das es gerade ging, ganz anders als die Kinder im Ratgeber, oder ich fand mich in keinem der Fallbeispiele wieder, oder unsere Lebensumstände waren gerade so, dass sich das alles nicht umsetzen liess oder der Autor war ein arroganter Idiot, der keinen Schimmer davon hatte, wie Familienleben sich wirklich anfühlen kann. Also nichts, das sich mit meinem Leben hätte vereinbaren lassen und folglich Käufe, die ich mir hätte sparen können.
  2. Seichte „Solange es nichts mit meinem Alltag zu tun hat, ist es okay“-Lektüre: Jeder einzelne dieser Bände ist mir heute peinlich, allein schon wegen der bonbonbunten Einbände. Aber damals durfte es nichts Komplexes sein, denn es konnte ja durchaus geschehen, dass ich mitten im Satz das Buch fallen lassen musste, um sofort loszurennen, weil das Prinzchen mithilfe der Regale des Küchenschranks bis zur Zimmerdecke geklettert war oder Luise trotz hundertmaliger Ermahnung auf dem Sofa einen missglückten Purzelbaum hingelegt hatte. Und weil mein Alltag von früh bis spät aufregend genug war, durfte es natürlich auch nichts allzu Spannendes sein. Also seitenweise Harmonie und Schmalz. Von solchen Sachen darf man sich doch trennen, wenn man sie nicht mehr benötigt, nicht wahr?
  3. „Hand-me-downs“ von Menschen, die gerade ihr eigenes Bücherregal ausgemistet hatten. Ich weiss nicht, wie es anderen geht, aber das, was andere mir zum Lesen überlassen, ist in den seltensten Fällen das, was ich mir selber aussuchen würde. So ähnlich wie bei Kleidern, die man von jemandem bekommt, der eine ganz andere Figur hat. Es passt einfach nicht so richtig. (Eine ganz andere Sache sind Bücher, die jemand für einen als Geschenk aussucht. Die passen fast immer und die bleiben auch auf immer und ewig bei mir im Regal.)
  4. Stapelweise „Ich brauche eine klitzekleine Auszeit, um wieder aufzutanken“-Literatur. Inspiration war da selten zu finden, dafür aber zahllose Binsenwahrheiten, auf die ein durchschnittlich intelligenter Mensch auch selber kommen kann, wenn genügend Musse zum Nachdenken bleibt. 

Ich glaube, ihr versteht, warum ich erwäge, die Bücher nicht nur auszustauben, sondern auch zu vernichten. Natürlich, damit niemand anders damit Zeit vergeuden muss.

blättli

 

 

Etwas geht hier nicht ganz auf

Man könnte so circa alle sechs Monate ins schwedische Möbelhaus rennen, um neue Schälchen, Gläser, Küchenmesser, Teller, und ein paar Löffel zu kaufen, weil in Schubladen und Schränken schon wieder gähnende Leere herrscht. Und wo man schon dabei wäre, könnte man noch ein paar Badetücher in den Einkaufswagen schmeissen, weil auch die schon wieder knapp sind. 

Oder „Meiner“ kann zwei oder drei Tage lang dabei helfen, die Zimmer auszumisten, noch Nützliches vom herumliegenden Abfall zu trennen und Geschirrspüler und Waschmaschine pausenlos laufen lassen. Wenig später platzt der Geschirrschrank aus allen Nähten, die sauberen Badetücher stapeln sich im Regal und im Gläserfach kann man eine bunte Retrospektive sämtlicher Trinkgläserserien, die wir in den vergangenen drei Jahren erstanden haben, bewundern. 

Ganz egal, ob man den einen oder den anderen Weg wählt, am Ende drängt sich die gleiche Schlussfolgerung auf: Unsere Strategie, den Teenagern die alleinige Verantwortung für die Ordnung in ihren Zimmern zu überlassen, ist wohl gescheitert. 

schon wieder mais

Die Zeiten haben sich halt geändert

Wer meiner Generation angehört, gerät nicht selten ins Schwärmen, wenn er von seiner Kindheit erzählt. Mit leuchtenden Augen wird von den Abenteuern aus längst vergangenen Zeiten berichtet. Von kleineren und grösseren Kindern, die gemeinsam durch die Quartiere zogen, mit selbstgebastelten Seifenkisten Rennen veranstalteten, im Wald Feuer machten, beinahe die Bäume in Brand steckten, bei jedem Bandenmitglied zu Hause Süssigkeiten erbettelten und nackt im Bach badeten. Erwachsene kommen in diesen Geschichten nur am Rande vor. Als gütige Mütter, die aufgeschlagene Knie verarzten. Als naive Nachbarinnen, die allen Ernstes glauben, die Süssigkeiten bettelnden Kinder hätten an diesem Tag noch kein einziges Körnchen Zucker konsumiert. Als gestrenge Väter, die ihre ungezogenen Nachkommen ohne Abendessen ins Bett schicken, weil sie dem Schreiner für den Seifenkistenbau ein paar Bretter entwendet haben. Oder als gütiger Onkel, der dafür sorgt, dass die Knöpfe dennoch nicht mit leerem Magen schlafen gehen müssen, weil seine liebenswerte Frau gerade einen grossen Topf Suppe auf dem Herd stehen hat.

Herrliche Zeiten müssen das gewesen sein! Offenbar aber nicht herrlich genug, um meine Generation davon zu überzeugen, dass diejenigen, die jetzt heranwachsen, ähnlich Freiheiten geniessen sollten. Die Zeiten hätten sich geändert, sagen sie. Man könne den heutigen Kleinen nicht mehr zutrauen, was man ihnen zugetraut habe. 

Wer heute durch die Quartiere spaziert, trifft deshalb nur selten auf einen Trupp Kinder, der die verkehrsberuhigte Zone unsicher macht. Dafür ist jeder Vorgarten in einen eingezäunten Privatspielplatz umgewandelt worden. Beim einen Haus trifft man auf einen einsamen Ritter, der nicht so recht weiss, wie er die gigantische Spielburg, die ihm der Opa zum Geburtstag gezimmert hat, ohne Hilfe von Freunden erobern soll. Im Nachbarhaus regieren zwei Prinzessinnen über ein paradiesisches Reich mit Pool, Spielhaus, Schaukel, Wippe und Trampolin. Ein paar Häuser weiter vorne hat eine kleine Piratin keine Lust mehr, den Ausguck ihres Kahns zu erklettern, seitdem der grosse Bruder den ganzen Tag in der Schule sitzt. Und wenn der Ritter, die Prinzessinnen und die Piratin eines Tages in den Kindergarten kommen, heulen sie sich die Augen aus dem Kopf, wenn sie die Sandschaufeln, die Mosaiksteinchen und die Farbstifte miteinander teilen sollen. 

Derweilen tummeln sich auf den öffentlichen Spielplätzen ein paar wenige Bedauernswerte, die in einem Haus ohne Umschwung leben, weshalb ihnen Mama und Papa kein privates Spielparadies erschaffen können. Vielleicht hätten ihre Mamas und Papas es sogar gekonnt, aber sie wollten es nicht, weil sie an ihrer verklärten Vorstellung von einer nicht perfekten, dafür aber etwas freieren Kindheit festhalten. 

Wann begreifen diese Ewiggestrigen endlich, dass sich die Zeiten geändert haben und Kinder nur gut gedeihen, wenn sie auf allen Seiten eingezäunt sind?

mais

 

Rollenwechsel

„Mal sehen, ob das auch jemand anders kann“, knurrte ich heute schlechtgelaunt, als auf der WC-Rolle nur noch ein kleiner Rest Papier übrig war. Ich tat einfach so, als würde ich nichts davon bemerken und liess die Rolle so, wie sie war. Ja, ich ging sogar noch weiter: Ich stellte nicht mal eine Ersatzrolle auf den Badewannenrand, um meinen Nächsten das Holen des Nachschubs zu erleichtern. Ich führte mich also für einmal so auf, wie meine geliebten Mitbewohner es immer tun. Sollten die doch mal sehen, wie mühsam das ist, wenn keiner sich darum kümmert, die Rolle zu wechseln, wenn sie fast leer ist. 

Als ich etwas später wieder aufs WC musste, sah es – wohl zum allerersten Mal in meiner Mütterkarriere – danach aus, als hätte eines meiner Familienmitglieder endlich begriffen, dass auch jemand anders als ich denn Rollenwechsel beherrscht. Da hatte doch tatsächlich jemand für Nachschub gesorgt und zwar nicht nur auf dem Badewannenrand.

Fast wollte ich in Tränen der Dankbarkeit ausbrechen, aber ehe ich das tun konnte, musste ich etwas zur Hand haben, um mich zu schnäuzen, falls das Augenwasser allzu grosszügig fliessen würde. Also rollte ich ein Stück Papier ab. Oder ich versuchte es zumindest, doch leider ging das nicht, denn der Rollenwechsel meines Vorgängers war bloss ein netter Versuch gewesen, der sich als gescheitert erwies, wenn man am Papier ziehen wollte. Und so durfte ich trotz seiner Umsicht einmal mehr meines heiligen Amtes als einzige fähige WC-Rollen-Wechslerin im Hause Venditti walten und das Ding richtig in den Halter legen.

Ob meine Lieben denken, ich bräuchte meine Rolle als Rollen-Ersetzerin, um täglich daran erinnert zu werden, wie unersetzlich ich bin?

chügeli

So doof sind wir nun wirklich nicht

Eigentlich sollte es ja witzig sein, aber allmählich nerven mich diese blöden Beiträge auf Social Media, mit denen man sich darüber lustig macht, wie unbeholfen wir Mütter uns angeblich mit Handy, iPad und Laptop herumschlagen. Meistens sieht man da eine verstaubte Alternde, die verzweifelt auf einen Bildschirm starrt und doofe Fragen stellt, die dann von einem leicht genervten Halbwüchsigen in Karlssons Alter beantwortet werden.

Was mich daran so nervt?

Nun, erstens einmal, dass die Mütter der heutigen Sechzehn- bis Fünfundzwanzigjährigen in diesen Filmchen dargestellt werden, als wären sie Frauen, die knapp vor der Pensionierung stehen oder diese bereits hinter sich haben. Ja, wir sind nicht mehr taufrisch, aber muss man uns deswegen aussehen lassen, wie in der Realität die Urgrossmütter unserer Kinder aussehen?

Zweitens bewegen sich heutzutage wohl die meisten Mütter ziemlich gewandt in den Welten von Internet & Co. Zwar lassen wir  – aus gutem Grund – die Finger von snapchat und vielleicht tippen wir unsere Nachrichten nicht ganz so schnell ins Handy wie unsere Kinder. Doch im Grossen und Ganzen sind wir durchaus in der Lage, mit dem Geräten umzugehen. Wir verbringen den grössten Teil unserer Arbeitszeit am Bildschirm, erledigen unsere Zahlungen online, buchen die Familienferien im Netz, verabreden uns via WhatsApp mit Freundinnen, teilen unser halbes Leben auf allen möglichen Kanälen und manche von uns treiben sich stundenlang in online-Foren rum, um sich mit andern über ihre Sorgen auszutauschen. Die Mutter, die heute noch entsetzt fragt, ob sie mit dem Drücken der falschen Taste das Internet gelöscht habe, muss man mir erst noch zeigen. 

Drittens finde ich es eigentlich ganz beachtlich, was wir in den vergangenen 30 Jahren alles gelernt haben. Immerhin gehören wir noch zu denen, die im Informatikunterricht vor riesigen Monitoren sassen und verzweifelt versuchten, das Zeug zu programmieren, das der Lehrer, der von der Sache auch nicht viel mehr verstand als wir, uns langfädig erklärt hatte. Wenig später verdiente ich einen Sommer lang ziemlich viel Geld damit, Disketten mit Kundendaten ins Laufwerk zu schieben, darauf zu warten, bis auf dem Bildschirm der Asterisk erschien und dann „delete“ zu drücken. Irgendwie haben wir es von diesen rudimentären Anfängen ganz gut ins Heute geschafft, finde ich. 

Viertens geht es mir auf den Geist, wenn man sich über Menschen lustig macht, die mit der digitalen Entwicklung überfordert sind. Es mag nicht meine Generation sein, die hier an die Grenzen kommt, aber die Generationen davor haben meiner Meinung nach jedes Recht dazu, nicht alles zu verstehen, was sich da so rasend schnell entwickelt hat. 

Aus all diesen Gründen bringe ich nicht mal mehr ein müdes Lächeln zustande, wenn wieder eines dieser doofen Filmchen auf meiner Timeline erscheint. Himmel, ich mache mich ja auch nicht über die Jugend von heute lustig, weil sie keine Ahnung davon hat, wie man ein Stofftaschentuch umhäkelt.

Nicht dass ich mich noch daran erinnern würde, wie das geht, aber ich kann mir ja demnächst einmal ein Tutorial auf youtube anschauen…

blüemli

Wächst sich das denn nie aus?

Pokémon, immer nur Pokémon. Sage ich: „Schau mal, wie herzig dieser Hamster aussieht“, antwortet er: „Ja, der ist wirklich herzig, aber schau mal dieses Pokémon, das ist noch viel herziger.“ Erfährt er, dass nach den Sommerferien sein Taschengeld erhöht wird, rechnet er sogleich aus, wie viel schneller er dann seine Kartensammlung erweitern kann. Reden wir darüber, dass er sich in der Schule wirklich mehr Mühe geben sollte, erklärt er, sei doch schon schlau genug, er kenne fast alle Pokémon-Namen auswendig. Und wenn das Prinzchen dem Ball hinterher rennt, findet er, ein Pokéball wäre doch viel besser als ein Fussball. „Mein lieber Zoowärter, es gibt wirklich wichtigere Dinge in diesem Leben als diese doofen Pokémon. Können wir endlich wiedermal über etwas anderes reden?“, sage ich manchmal, wenn ich die Schnauze voll habe von diesen doofen Monstern, die meinem Kind das Taschengeld aus dem Portemonnaie ziehen. 

Manchmal hängt mir das Ganze so sehr zum Hals heraus, dass ich schreien könnte. Wie froh bin ich dann, wenn mich „Meiner“ dazu überredet, trotz Müdigkeit abends noch etwas trinken zu gehen.

Doch welche Gesprächsfetzen wehen da vom Nebentisch zu uns herüber?

„War es denn ein legendäres Pokémon oder nicht?“ „Nein, wenn es ein Legendäres gewesen wäre, dann hätte er es natürlich eingefangen, aber es war ein ganz Gewöhnliches.“

Und ich habe allen Ernstes gedacht, diese Seuche wachse sich irgend wann aus, aber leider muss ich erkennen, dass sie bei manchen Leuten anhält, bis der Kellner nicht mal mehr einen Ausweis sehen will, wenn sie Hochprozentiges bestellen. 

gurke

 

Tomatenpanik

Spätestens Ende Januar kommen die Entzugserscheinungen. Wenn ich nicht endlich etwas ansäen darf, werde ich verrückt. Also konsultiere ich den umfassenden Katalog des Saatguthändlers meines Vertrauens, natürlich stets mit dem Vorsatz, nur das Allernötigste zu bestellen. Der gute Vorsatz hält in der Regel genau so lange, bis ich bei den Tomatensamen angelangt bin und dann überkommt mich die Gier. 

Zwischen dem Tag, an dem der Pöstler das Saatgut liefert und dem Tag, an dem ich endlich ansäen kann, liegen qualvolle Wochen. Immer und immer wieder sortiere ich den Inhalt meiner Saatgutbox, immer und immer wieder seufze ich über den Winter, der kein Ende nehmen will. Dann endlich, Ende Februar, kann ich die Saatschalen hervorholen. Natürlich säe ich grosszügig an, denn man kann ja nie wissen, was den Keimlingen alles zustossen könnte.

Erst recht nicht, wenn sie einen Monat später im beheizten Frühbeet auf dem Balkon stehen. Was, wenn die Heizung nicht warm genug ist? Was, wenn doch ein kalter Luftzug in den Tunnell weht? Was, wenn tagsüber die Sonne zu warm scheint und das Kondenswasser auf die zarten Pflänzchen tropft. 

Beruhigen kann ich mich eigentlich erst im April wieder, wenn die Jungpflanzen ins Gewächshaus übersiedeln. Wobei ich natürlich auch dann noch genügend Anlass zur Sorge finde. Könnte ja sein, dass der Boden trotz achtzig Zentimeter tiefer Erdschicht, schützender Gewächshauswand und Aussentemperaturen von 10 Grad noch durchfriert, nicht wahr? 

Natürlich wachsen meine Tomatenpflänzchen dennoch fleissig weiter und wenn die Eisheiligen von dannen gezogen sind, ohne namhaften Schaden anzurichten, atme ich endlich auf. Zumindest solange ich noch nicht allzu viele Setzlinge verschenkt habe. Wenn sich die Reihen in den Hochbeeten allmählich zu lichten beginnen, werde ich wieder leicht panisch. Reichen 25 Stauden wirklich, um mich einen Sommer lang glücklich zu machen? Und die Setzlinge sind ja auch so furchtbar klein. Aus denen werden bestimmt nie anständige Pflanzen, deren Zweige sich unter der Last der Früchte biegen. Mehrmals täglich schleiche ich mich ins Gewächshaus, um zu sehen, ob sich meine Lieben auch wirklich gut entwickeln und obschon sie allmählich richtig gross werden, bringe ich es nicht mehr übers Herz, mich von weiteren Pflanzen zu trennen. Lieber ziehe ich neue Stecklinge aus den herausgebrochenen Zweigen, um sie an Freunde weiterzugeben. 

Und so kommt es, dass ich mich jedes Jahr im Juli auf allen Vieren unter den herabhängenden Zweigen ins Gewächshaus kämpfen muss, um nachzusehen, ob es meinen geliebten Tomaten gut geht und ob es vielleicht irgendwo in diesem Urwald schon etwas Reifes zu ernten gibt.